dokumentarfilm

Zurück in die Zukunft Zu Ruth Beckermanns Film über einen Politiker, der sich an nichts erinnern wollte: Waldheims Walzer

Von Christa Blümlinger

© Ruth Beckermann

1968 fand in Österreich zwar keine Revolution statt, allerdings klagte damals ein engagierter Student und späterer Minister die antisemitischen Entgleisungen eines amtierenden Universitätsprofessors erstmals öffentlich an. Doch nicht 1968, sondern erst 1986 kam es zu einer entscheidenden, freilich nur vorläufigen Mentalitätswende in diesem Land. Kein Linker, kein Antifaschist, sondern Kurt Waldheim, der in jenem Jahr zum Bundespräsidenten gewählt wurde, provozierte durch sein aktives Vergessen ungewollt eine nie dagewesene Welle der Aufklärung.

Ruth Beckermann widmet sich jüngst in ihrem vielbeachteten essayistischen Kompilationsfilm Waldheims Walzer (2018) der Dynamik und der komplexen Zeitlichkeit einer kollektiven Erinnerungsarbeit, die auch auf den Bühnen internationaler Medien vorangetrieben und kommentiert worden war. Die Weltöffentlichkeit hatte sich vor dem Hintergrund dieser österreichischen Präsidentschaftswahl retrospektiv mit dem Umstand auseinanderzusetzen, dass man sich Anfang der 1970er Jahre, zum Zeitpunkt von Waldheims Wahl zum UNO-Generalsekretär, noch kaum für die Lücken und Ungereimtheiten in dessen offizieller Vita interessiert hatte.

Macht Kurt Waldheim nun Filmgeschichte, so ist er als Figur bereits zu Lebzeiten in die Literaturgeschichte eingegangen. Ohne den Namen zu nennen, geht W. G. Sebalds Roman Die Ringe des Saturn (1995) auf die Schilderung genau jener grausamen NS-Massaker am Balkan ein, von denen das ehemalige Mitglied der Heeresgruppe E weder vor Ort noch danach etwas gewusst haben wollte. Im Roman wird dieses finstere, von Waldheim immer wieder aufs neue verdrängte Kapitel mit der 

Beschreibung der letzten Mission des zum höchsten Vertreter der Vereinten Nationen avancierten Mannes assoziiert, nämlich an Bord der Raumsonde Voyager im Namen der Menschheit eine friedliche Grußbotschaft an Außerirdische zu schicken. In Beckermanns Film taucht diese Anekdote ebenfalls auf, begleitet von heute grotesk anmutendem Wochenschaumaterial, das seinerzeit zur mythologischen Konstruktion einer vereinten Menschheit beitragen sollte.

Waldheims Walzer rekonstruiert ein aus gegenwärtiger Sicht durchaus aktuelles, doch der jüngeren Generation weithin unbekanntes Kapitel der Geschichte politischer und medialer Strategien der Verleugnung. Die «Affäre Waldheim» ereignete sich in einer Zeit vor Internet und Mobiltelefon, einer Zeit, in der öffentliche Debatten innerhalb traditioneller Medien wie Fernsehen und Tageszeitungen geführt wurden und der Begriff «alternativ» noch mit der Medienarbeit der Linken besetzt war – eine Zeit vor Trump, Kurz und Strache.

Der Film setzt mit von Hand geführten, privat anmutenden Videoaufnahmen in Schwarzweiß ein. Man sieht Demonstranten in der Wiener Innenstadt, wie sie ein Transparent enthüllen, auf dem zu lesen steht: «Antisemitismus darf sich nicht lohnen: Nein zu Waldheim». Die Filmemacherin hatte im Mai 1986 spontan selbst gedreht, sich als politische Aktivistin zur Dokumentation der Abschlusskundgebung des österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim entschlossen. Waldheims Walzer macht jedoch gleich zu Beginn klar, dass an diesem Tag nicht nur Beckermann, sondern Journalisten aus aller Welt den umstrittenen Kandidaten beobachteten. Auch das französische Fernsehen war damals dabei und interessierte sich wie die kleine Videokamera der Aktivistin für die expressive Körpersprache eines Kandidaten, der den Geschichtsmythos seines Landes, 1938 erstes Opfer der NS-Aggression gewesen zu sein, hartnäckig auch zur Umdeutung seiner eigenen Vita bemüht hatte. Mehr und mehr war Waldheims Wahlkampfleitung dazu übergegangen, kritische Stimmen aus dem Ausland, insbesondere den USA, abzuwehren und den ehemaligen UN-Generalsekretär als Opfer einer Verleumdungskampagne darzustellen, vor der er sein eigenes Land zu beschützen hätte: «mit den Gesten eines Predigers ruft er zur Eintracht auf», so lautete die Lesart von Waldheims ambivalenter Abschlusskundgebung aus französischer Perspektive.

Beckermanns gekonnte Montage verweist in thematischen Seitensprüngen auf die Gleichzeitigkeit verschiedener Formen, in Österreich und anderswo die NS-Vergangenheit zu bewältigen. Die Haupterzählung des Films zeichnet chronologisch die Dynamik eines Wahlkampfs nach, in dem nach und nach und immer deutlicher Register einer antisemitisch ausgerichteten Sprache gezogen wurden. Waldheims Lüge bezüglich seiner Mitgliedschaft im SA-Reiterbund und beim NS-Studentenbund, die Versuche, seine Dienstzeit als Wehrmachtsoffizier am Balkan zu verschleiern, die Gedächtnislücke, was die schweren Verbrechen der Heeresgruppe betraf, der er unter General Löhr angehört hatte, all das hatte nicht nur Antifaschisten einer jüngeren Generation auf den Plan geholt.

Man sieht in Beckermanns Videomaterial den augenscheinlichen Höhepunkt der bewegenden Rede einer über 80-jährigen Wienerin, die noch vor Waldheims Wahlsieg empört in die um sie versammelte Menge ruft, was zwei Jahre später durch eine internationale Historikerkommission bestätigt werden sollte: «Ich werde niemals schweigen. Und auch nicht schweigen gegen jenen, der der Erste Mann in diesem Lande sein will. […] Er wusste ganz genau, was mit den Partisanen […] geschieht, aber er kann sich vierzig Jahre später an überhaupt nichts erinnern!» Der Film erzählt nicht, wer hier spricht, es zählt das Kollektiv, das die Zeitzeugin mobilisiert. Geschichtsbewusste erkennen hier die einstige Widerstandskämpferin und KZ-Überlebende Rosa Jochmann; der Name ist auch dem Nachspann zu entnehmen. Jochmanns aufbegehrende, theatral wirkende Gestik entspringt einer Zeit vor dem Fernsehen: Die bedeutende sozialistische Politikerin war schon im «Roten» Wien der zwanziger Jahre aktiv gewesen und hatte in den 1930er Jahren weder den Kampf gegen den Austrofaschismus gefürchtet noch den lebensgefährlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ihr Engagement steht für ein anderes Österreich. Das amerikanische Pendant zu Jochmann stammt aus den Archiven des US-Fernsehens. Es wird von Tom Lantos verkörpert, einem jüdischen Überlebenden der NS-Verfolgung, der als Abgeordneter während eines vom US-Kongress veranstalteten Hearings sehr direkt auf die wenig glaubwürdigen Versuche von Waldheims Sohn Gerhard reagiert, der Weltöffentlichkeit stellvertretend das fortgesetzte väterliche Leugnen zu erklären.

Waldheims Walzer schließt mit Probeaufnahmen, in denen die Vorbereitungen zur ersten Fernsehrede des angehenden Bundespräsidenten zu sehen sind. Der frisch Gewählte räuspert sich, richtet sich die Hosenträger und faltet seine Hände, um zu einer staatstragenden Haltung zu finden. Die letzten Zwischentitel des Films erzählen lakonisch die paradoxen Konsequenzen dieses Wahlsiegs. Man setzte sich zum ersten Mal seit Kriegsende offiziell mit der Mitverantwortung österreichischer Bürger an Gewalt- und Vernichtungsaktionen des Dritten Reiches auseinander. Waldheim jedoch bleibt trotz der weitgehenden internationalen Isolation bis 1992 als Bundespräsident im Amt.

Die Lüge des Kandidaten war symptomatisch für eine Generation ehemaliger Soldaten, die stets von sich behauptete, während des Zweiten Weltkriegs bloß ihre Pflicht getan zu haben. «Wir waren anständig!» lautet einer der Sätze, mit denen Waldheim sich bis zum Ende seines Wahlkampfs beschwörend an seine Landsleute richtete. Das Adjektiv «anständig» taucht in Waldheims Walzer immer wieder auf, als rhetorisches Mittel und Argument gegen öffentlich präsentierte Dokumente, die Waldheims Aussagen zunehmend in Zweifel stellten.

Der Film führt Verdrängungsmuster und Mechanismen der Fremdenfeindlichkeit vor, die noch von Waldheims Sohn bereitwillig übernommen wurden. Statt die wechselnden Erklärungen zu Waldheims bislang verschwiegener Kriegsvergangenheit zu erklären, geht es darum, den Kandidaten zum «Sündenbock» und Opfer haltloser Angriffe zu stilisieren. Angesichts der Beschuldigungen durch amerikanische Vertreter des World Jewish Congress bezeichnet der damalige ÖVP-Generalsekretär ganz in der Tradition national gesinnter Burschenschaften diese gar als «ehrlose Gesellen». Was die Filmemacherin in dem Zusammenhang aus ihren eigenen Archiven zutage fördert, wird nun als die zielgenau provozierte Reaktion auf die Rhetorik der Wahlkämpfer deutlich: Auf der Straße nimmt das derart angestachelte Volk nun kein Blatt mehr vor den Mund. Es dreht Waldheims Problem einfach um, indem es behauptet: «Die Juden lügen!».

Der Film macht das Ungleichzeitige der Aufklärung sichtbar. Er zeigt, in welchem Maße in einem kleinen, prosperierenden, doch auf sich selbst zurückgezogenen europäischen Land antiquierte Vorstellungen und rassistische Ressentiments abrufbar bleiben. In der Montage des in internationalen Fernseharchiven recherchierten Materials wird nicht nur die Dynamik eines Wahlkampfs, sondern auch die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Strategien klar, in Europa und in Amerika die NS-Vergangenheit zu bewältigen. Lanzmanns Shoah stammt von 1985. Um eine Geste der Versöhnung zu setzen, besucht im selben Jahr Ronald Reagan an der Seite von Helmut Kohl einen deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg, auf dem sich SS-Gräber befinden. Im Film verbindet sich die Affäre Waldheim im weiteren mit einer Reihe von Ereignissen, die damals Anlass zu politischen Auseinandersetzungen in Österreich waren, insbesondere etwa, was die wiederholte Ehrung von NS-Kriegsverbrechern durch Staat und Kirche betrifft.

Waldheims Walzer verdichtet wesentliche Momente einer öffentlichen Debatte, deren Chronologie immer wieder von kurzen Abschweifungen unterbrochen und vergleichend ergänzt wird. Das Archivmaterial wird in seiner medienspezifischen Formatierung ausgestellt und in seiner Erscheinung nur geringfügig verändert. In der Tradition von Chris Marker zählt hier die Intelligenz der Montage. Ruth Beckermanns Interventionen sind genau abgewogen. Aus dem Off spricht sie wenige Sätze, die ihr persönliches politisches Engagement erläutern, angesichts der immer grotesker werdenden Pirouetten des sich im Lichte der Enthüllungen seiner Vergangenheit geschickt windenden Kandidaten. Waldheim scheint nach dem Motto zu reagieren: nichts zugeben, weiter tanzen. Die Filmemacherin selbst mag man da und dort bei einer Demonstration in Wien oder im Rahmen einer politischen Aktion im Studio des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erkennen, doch geht es hier nicht um persönliche Reminiszenzen. Beckermanns Präsenz ist primär diskursiv angelegt; ihre Erinnerung entspricht einer Protesthaltung, die sich damals kollektiv formierte.

Kritische Fragen entstehen aus der Konfrontation verschiedener Elemente, nicht durch einen auf Interpretation ausgerichteten Kommentar. Einblendungen chronologischer Angaben rhythmisieren den Countdown bis zum Wahltag. Einzelne Fundstücke aus der New Yorker Zeit, wie die Präsentation des ehelichen Domizils durch die Gattin des damaligen UNO-Generalsekretärs, erlauben Einblicke in schon damals belanglose Aktualitäten. In solchen Momenten zeigen sich in Waldheims Walzer besonders klar die jahrzehntelang eingeübten «Umgehungsmanöver» (Siegfried Kracauer), mit denen Waldheim am Mythos des Vaters arbeitete, «dem die Welt vertraut». Die Bauweise dieses Films zielt also letztlich weniger auf die lückenlose Konstruktion der Chronologie eines Wahlkampfs ab, als darauf, die medialen Mechanismen der Zirkulation politischer Sprache sichtbar zu machen. Nicht mit den Mitteln des mockumentary, sondern im analytischen Modus legt Waldheims Walzer die spezifische Form eines historischen Wahlkampfs als Produkt einer in verschiedenen Medienkanälen immer neu gewichteten Aufmerksamkeitsökonomie offen. Dem Betrachter erschließt sich somit nicht nur ein Bild vom Ereignis selbst, sondern auch von den Bedingungen, die es ermöglichen, eine symptomatische Lüge öffentlich in Frage zu stellen.

© Ruth Beckermann