dokumentarfilm

Schwerpunkt

Ist der Staat Israel, der 1948 seine Legitimation zu großen Teilen aus dem nationalsozialistischen Menschheits­verbrechen an den europäischen Juden bezog, zu einem Gemeinwesen geworden, das Kriegsverbrecher schützt und deckt? Diese bedrängende Frage bekommt in Avi Mograbis Dokumentarfilm Z32 eine visuelle Form, denn der ehemalige Elitesoldat, der sich dort zur Teilnahme an einer Kommandoaktion bekennt, bei der unschuldige palästinensische Polizisten aus Rache für einen Anschlag auf einen Checkpoint getötet wurden, will sein Gesicht nicht zeigen.

Die digitale Verfremdung, mit der Avi Mograbi seinen Zeugen schützt, mag wie eine Metapher auf das veränderte Bild erscheinen, das große Teile der Weltöffentlichkeit heute von Israel haben. Der Staat, der sich in mehreren Kriegen seiner arabischen Feinde erwehrt hat und mit seiner starken Armee ein fragiles strategisches Gleichgewicht in der Region aufrecht erhält, scheint nicht mehr viel mit dem Staat zu tun haben, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Impulse der zionistischen Bewegung aufgriff und ihnen territoriale Grenzen, aber keine Verfassung gab. Jedes Bild, das aus Israel kommt, steht inzwischen unter diesem Vorbehalt: Zeigt es eine moderne, pluralistische Gesellschaft, die ihr Recht auf Selbstverteidigung ausübt, oder zeigt es einen erstarrten, ethnozentrischen Staat, der aggressiv die Grenzen verteidigt, die sich den militärischen Erfolgen Israels verdanken?

Claude Lanzmanns Film über die israelische Armee Tsahal, der gerade auf DVD veröffentlicht wird, geht diesen Fragen bis an den Punkt nach, an dem die palästinensische Intifada ganz neue strategische Herausforderungen mit sich bringt, die das Konzept einer «reinen» Armee brüchig werden lassen.

Die israelische Fototheoretikerin Ariella Azoulay entwickelt aus der Tatsache, dass immer wieder Medienbilder eine wichtige Rolle in den Konflikten zwischen Israel und der palästinensischen Bevölkerung, zwischen Armee und Terroristen spielen, das Modell eines Gesellschaftsvertrags, der über das Recht am eigenen Bild (und dessen Abtretung) geschlossen wird. Ein Foto stiftet eine andere politische Logik, eine Logik der Egalität, die ohne Souverän auskommt.

Das Camera Distribution Project der israelischen Menschenrechtsorganisation Btselem weitet diesen Kontrakt aus: Kurze Filme werden hier nicht nur zum Anschauungsmaterial für die konkreten Auswirkungen des politischen Konflikts, sie dienen in einzelnen Fällen auch als Beweismaterial vor Gericht.

Wer vom Staat Israel spricht, kann nicht nur von der Armee sprechen, sondern muss auch eine Zivilgesellschaft in Rechnung stellen, die selbst ständig ihr Verhältnis zu der militärischen Ausübung der Staatsgewalt reflektiert und neu definieren muss.