was vom jahr bleibt

22. Dezember 2025

Was vom Jahr bleibt 2025

Sven Beckstette

Michael D’Angelo Archer (1974-2025)

In diesem Jahr verstarb D’Angelo, der wichtigste Soul-Musiker der Gegenwart. Er hat zwar nur drei Platten veröffentlicht, aber jedes Album hat dem zeitgenössischen R&B und Rap eine neue Richtung gewiesen. Darüber hinaus zählte D’Angelo zu den besten Performern der Musikgeschichte. Seine Konzerte waren voller Intensität, jeder seiner Auftritte eine ekstatische Erfahrung.

Zum bewegten Bild, dem Hauptthema von cargo, gibt es zahlreiche Verbindungen. D’Angelo hat immer wieder Songs zu Soundtracks beigesteuert, was sicherlich eine gute Einnahmequelle darstellte. Darunter befinden sich tolle Coverversion etwa von Your Precious Love oder Girl, You Need A Change Of Mind. Das Lied Devil’s Pie aus dem späteren Album Voodoo hatte 1998 seine Premiere im Neo-Blaxploitation-Drama Belly von Hype Williams. Zu Baby Boy hat D’Angelo 2001 das Stück Talk Shit To Ya beigesteuert (es findet sich nur auf der CD mit der Filmmusik). Seine Single Unshaken hat er 2019 für das Computerspiel Red Dead Redemption II geschrieben. Im letzten Jahr erschien das Duett I Want You Forever mit Jay-Z für den Soundtrack The Book of Clarence.

Seinen eigentlichen Durchbruch verdankte D’Angelo dem Video zur Single Untitled (How Does It Feel) (2000) zum Album Voodoo, in dem eine Kamera den nackten, durchtrainierten Oberkörper des Sängers in größer werdendem Abstand umkreist. Der Clip machte D’Angelo zu einem Sexsymbol, das maskulin und feinfühlig zugleich ist. Der Erfolg des Videos war Segen und Fluch für D’Angelo: Bei den folgenden Konzerten, deren Programm zweieinhalb Stunden betrug, forderten seine weiblichen Fans schon nach kurzer Zeit, dass sich D’Angelo seiner Kleidung entledigen solle, und rissen ihm das Unterhemd vom Leib.

Nach Voodoo dauerte es vierzehn Jahre, bis der Musiker schließlich seine nächste Platte Black Messiah veröffentlichte. In dieser langen Pause machten Geschichten von Alkohol, Drogen und Verhaftungen die Runde. Als eine Erklärung für diese dunkle Auszeit galt, dass der spirituell veranlagte D’Angelo die Hysterie seines Publikums verstörte hatte. Eine andere Erklärung legt der Dokumentarfilm Devil’s Pie (2019) der niederländischen Filmemacherin Carine Bijlsma nahe. Sie konnte den Musiker auf der Black Messiah-Tour begleiten. Dabei offenbarte D’Angelo, dass der Tod seiner Großmutter ihn aus der Bahn geworfen hatte und zu seinem Absturz führte. Ein sensibles und großartiges Porträt dieses Ausnahmetalents.

Ins Kino schaffe ich es leider nicht mehr so viel, aber Sinners (deutscher Titel Blood & Sinners) von Ryan Coogler habe ich dann glücklicherweise doch gesehen. Michael B. Jordan in seiner Doppelrolle ist grandios, aber auch die anderen Schauspieler*innen sind toll. Wahnsinn, die Musikszene in der Mitte des Films, und auch die irische Tanzeinlage der Vampire. Das Gemetzel könnte für meinen Geschmack etwas kürzer ausfallen, aber ja, ich verstehe schon, die Genreerwartung.

Wie gesagt, ins Kino komme ich kaum, dafür gehe ich viel auf Konzerte. Hier die Top 3:

Little Simz, Velodrom, 23.9.; Nala Sinephro, Kammermusiksaal, Philharmonie, 28.10.; Say She She, Columbia Theater, 3.12. 

Platten des Jahres, Top 6: Dijon, Baby; Rochelle Jordan, Through the Wall; SML, How You Been; Florence Adooni, A.O.E.I.U.; John Glacier, Like a Ribbon; Annahstasia, Tether

Für die Sylvesterplaylist.

 

 

Johannes Bennke

Grenzen des Absoluten

Überraschungen treten bekanntlich dann auf, wenn man sie am wenigsten erwartet. Eine der schönsten erlebten wir in Liège (Belgien) im Herbst, als meine Frau, mein Sohn und ich noch beschlossen, auf dem Weg zum Bahnhof in das etwas unscheinbar in einem Park gelegene Trinkhall Museum zu gehen, das zu diesem Zeitpunkt von einer endlos scheinenden Kirmes umgeben war. Es war morgens und nur wenige der Geisterbahnen, Lütticher Waffel-, Pommes- und Zuckerwattenverkaufsstände hatten bereits geöffnet. Das Museum beherbergt eine weltweit einzigartige Sammlung von Kunstwerken von Künstler:innen mit geistigen Behinderungen und kognitiven Beeinträchtigungen. Die Trinkhall-Sammlung besteht aus Kunstwerken aller Art, insbesondere Gemälden, Zeichnungen, Gravuren und Skulpturen, die in den letzten vierzig Jahren in Workshops mit den Künstler:innen entstanden sind. Das Trinkhall Museum hat eine milchig-weiße, leicht opake Außenhülle und ist für ein Museum – noch dazu als Solitärbau – relativ überschaubar. Es besteht aus zwei Etagen mit im Wesentlichen drei frei bespielbaren Ausstellungsräumen. Im oberen Bereich waren minimalistische Gravuren zu sehen, die zugleich wild und zart wirkten. Dazwischen waren Buntstiftzeichnungen und eine Sonderausstellung mit Malereien zu sehen, deren Farbflächen das Figürliche untrennbar mit der Umgebung verschmolzen. Eines der Bilder hatte es uns besonders angetan. Es trägt keinen Titel und zeigt Striche und Farbflächen, die mit Pastell, Kohle und Bleistift auf beigem Packpapier aufgetragen wurden. Jeder von uns sah darin etwas anderes. Als wir sahen, dass man im Eingangsbereich einige der Bilder als Reproduktion erwerben konnte, kamen wir mit einem Museumsmitarbeiter ins Gespräch. Er erklärte uns auf Französisch, dass das Bild von einem britischen Künstler stammt, von dem nur der Name, Ronny Mackenzie, bekannt ist. Er muss das Bild in den 1990er Jahren bei einem der Workshops in Glasgow gemalt haben. Von ihm sei nur dieses eine Werk erhalten geblieben. Am Ende sagte er uns, dass er anlässlich der Eröffnung des Museums einen Text zu dem Bild geschrieben habe. Es war der Museumsdirektor, der das Bild als Frontispiz des Trinkhall Museums gewählt hatte. Jedes Mal, wenn ich zu Hause auf dieses Bild schaue, beginnt es zu schillern. Auch wenn ich eine Präferenz für die Interpretation des Bildes habe, so hat bisher ausnahmslos jeder Gast darin etwas Neues gesehen. Insofern ist dieses Bild für mich auch eine Erinnerung daran, dass keine Deutung Absolutheit für sich beanspruchen kann. Vielleicht ist das Bild für mich auch deswegen wichtig, weil wir in Zeiten leben, in der dem Absolutheitsanspruch viel zu wenig und viel zu selten Grenzen gesetzt werden.

 

 

Jacob Birken

Letztens habe ich mich gefragt, was Robert Rodriguez so macht: zuletzt wieder einen Kinderfilm, was mich zur nächsten Frage führte, was genau einen ‹Kinderfilm› ausmacht, wenn ein wesentlicher Teil der gegenwärtigen Popkultur ohnehin inhaltlich ausspart, was ‹Erwachsene›  – also mit Reproduktions- und Erwerbsarbeit befasste Menschen – im Alltag beschäftigt. Kein ‹Kinderfilm› wäre in dem Sinne LEFT-HANDED GIRL von Shih-Ching Tsou, der zwar ein Kind zur Hauptfigur hat, sich aber an Fragen von labour an ihren jeweils prekären, illegitimen Rändern abarbeitet. Von dem werden wir bei Preisverleihungsdiskursen 2026 sicher noch hören, nachdem der mitschreibende und schneidende Sean Baker bereits mit ANORA diverse Oscars dafür kassierte, ähnliche Fragen in ganz anderem Setting und mit anderem Humor zu stellen. Kein ‹Kinderfilm› möchte auch DEADPOOL & WOLVERINE sein, und wurde genau dafür mit dem ersten Platz im Ranking der bislang erfolgreichsten Filme mit R-Rating (Minderjährige nur in Begleitung) ausgezeichnet. Das ‹Erwachsensein› bleibt hier allerdings eine Schwellenerfahrung, der jugendliche Wunsch, das krasse Gewaltspektakel jetzt schon zu schauen, obwohl man es noch nicht darf. Heute funktioniert das vielleicht sogar besser als Nostalgietrip: Zurück an den verlorenen Moment, an dem ‹Erwachsensein› noch anderes versprach als Alltag.

Ich hab’s nicht fertiggeschaut, aber dass ich es als Jugendlicher vielleicht richtig geil gefunden hätte hat mittlerweile doch einen unangenehmen Beigeschmack: Dass die dazugehörige, in den 1990ern zwischen Grossout-Slapstick, Slacker-Nonchalance und Gute-Laune-Nihilismus ausgebildete geek culture ihre Empathielosigkeit, Ignoranz und Misogynie entweder direkt an die alt-right vererbte oder zumindest nicht das soziokulturelle Werkzeug besaß, letzterer entgegenzuwirken, lässt sich heute nicht mehr ernsthaft leugnen. Das mag mein persönliches Problem sein, aber auch andere Gen-Xer wirkten dieses Jahr nachträglich irritiert. Paul Thomas Anderson hat mit ONE BATTLE AFTER ANOTHER einen Film über politische Konflikte der Gegenwart gedreht, die mit den Narrativen & ästhetischen Mitteln der Vergangenheit gelöst werden («zeitgemäß unzeitgemäß», nannte das Diedrich Diederichsen im cargo-Review). Dass die Misere der Gegenwart – white supremacy und Polizeigewalt in den USA – bereits diejenige der Vergangenheit war, hätte Anderson zu einer Allegorie auflösen können, aber dann wird daraus doch ein Stück gegenkultureller Reproduktionsarbeit: Wenn der inkompetente, schluffige, delinquente Protagonist aus jahrelanger Lethargie gerissen wird, um die Tochter zu retten, damit sich diese schließlich dem Politaktivismus ihrer Generation verschreiben kann, hat das etwas ebenso Dringliches wie Pragmatisches. Vergleichbar und zugleich defätistischer schien mir Kelly Reichardts MASTERMIND; dass der inkompetente, schluffige Protagonist in die Delinquenz abgleitet, um seine Familie zu unterstützen, macht er wohl nur sich selbst vor, und als politischen Akteur können ihn allenfalls die Cops missverstehen, die ihn eher zufällig während einer Anti-Kriegs-Demo aufgreifen. Reichardt präsentiert diese Belanglosigkeit des Handelns als 1970er-Reenactment, ein Historienfilm darüber, wie manche schon immer nichts von ihrer Gegenwart mitbekommen haben.

Auch Noah Hawleys ALIEN: EARTH verortet sich firm in einer dysfunktionalen Zeitlosigkeit. Hawleys Serie zeigt die Zukunft, um unsere Gegenwart zu parodieren, und bedient sich dafür der Stilelemente und Tropes des späten 20ten Jahrhunderts; dass an den sich zu geopolitischen Instanzen aufschwingenden Großkonzernen und ihren soziopathischen Vorständen, an den diversen Permutationen des ‹Anderen› im Alien, Androiden und Cyborg nichts neu ist, wird selbst zur Pointe. Vor ein paar Jahren kursierte ein gutes Meme zum Hang der Techbranche, gerade die übelsten Dystopien der Sci-Fi-Literatur zu verwirklichen – «At long last, we have created the Torment Nexus from classic sci-fi novel Don't Create The Torment Nexus»; ALIEN: EARTH kommt gewissermaßen als überzeitliches Making-Of des Torment Nexus daher. In einer Szene der Serie erinnern sich die Protagonist*innen, als Kinder den Trickfilm ICE AGE (2002) zu schauen; als Zuschauer*innen leben wiederum wir in einer Welt, in der Viele den Film ALIEN (1979) gesehen haben könnten, darunter mit einiger Wahrscheinlichkeit einige der hängengebliebenen, faschistoiden Techbros, die gerade die Menschheit in die selbstverschuldete, jetzt aber durchdigitalisierte Unmündigkeit führen. Am Ende jeder Folge dann ein Song von Pearl Jam oder einer anderen Alternative-Rock-Band der 90er: Der Soundtrack zur unverbindlichen Wut auf das Elend des Spätkapitalismus. Auf absehbare Zeit wird Speculative Fiction nichts Neues zu erzählen haben, allenfalls darüber informieren, dass gerade eintritt, worüber wir längst Bescheid wussten.

Mit den diversen Abwandlungen von nicht- oder nicht-mehr-menschlichem Leben und den dazugehörigen Fortpflanzungsmethoden scheint ALIEN: EARTH etwas über Reproduktionsarbeit erzählen zu wollen; was genau, blieb mir ebenso unklar wie in Bong Joon-hos Menschenbackup-Satire MICKEY 17 und Ryan Cooglers Südstaaten-Vampirfilm SINNERS – was zumindest ein Befund sein könnte, dass zu diesem Thema aktuell nur mittels nebliger Allegorien gesprochen werden kann, zumindest, wenn man dazu mehr sagen möchte, als es z.B. LEFT-HANDED GIRL wiederum sehr präzise tut. Was sich in Letzterem als (klar: weiterhin weibliches) Care Work konkretisiert, abstrahieren Erstere zu brutalen Machtverhältnissen, denen letztlich alle Arbeit unterliegt – im Weltall wird das Individuum per Vertragsklausel ‹expendable›, den Baumwollfeldern Mississippis bleibt die Geschichte der Sklaverei unauslöschlich eingeschrieben. Dass Coogler hier eine Schwarze amerikanische Story erzählt, hat historische und gegenwärtige Bedeutung, die sich mit dem Vampir-Plot jedoch eher überschneidet. Die drei Vampire stehen der Schwarzen Party-Gemeinde, die sich für eine Nacht in einem Juke Joint zusammengefunden hat, zuallererst als weiß gegenüber, doch das führt in die Irre – der irische Ur-Untote Remmick war selbst marginalisiert, enteignet, der Vampirismus wird als inklusives Angebot vorgetragen: Für alle, für die es in der amerikanischen Gesellschaft der 1930er kein richtiges Leben gibt, bietet sich die Gemeinschaft der Untoten zumindest als Alternative an. Singen und Tanzen tun ohnehin beide, in jeweils fantastischen Filmszenen. Und doch findet auch Coogler über den Umweg des frühen 20. Jahrhunderts zurück zu den Genre-Erzählungen des späteren, zu – so Coogler selbst – Stephen King und, genau, Robert Rodriguez. Pubertäre Nostalgie wie DEADPOOL & WOLVERINE ist das nicht, aber in der Fülle wirkt das zeitgemäß Unzeitgemäße eben allzu symptomatisch für unseren Moment. Andererseits: Aufgearbeitet muss das späte 20. Jahrhundert ohnehin werden, one battle after another, wie es so heißt.

 

 

Ludger Blanke

Auch wegen der Entwicklungen in ihrem Heimatland, den USA, hatte C beschlossen, sich so bald als möglich naturalisieren zu lassen, dafür belegte sie seit einigen Wochen Deutschkurse in einer Sprachschule in der Kastanienallee. Seit sie vor fünf Jahren von einem Berliner Start-up angeheuert wurde, kannte sie außer der Stadt und Umgebung nur ein paar Downtown-Ecken Frankfurts und Hamburgs von irgendwelchen Blockchain Events. Also machte ich den Vorschlag, sie gelegentlich auf meinen Touren mitzunehmen. Mit C zu reisen ist immer ein großes Vergnügen, sie würde das Land besser kennenlernen und sie fand das eine gute Idee. 

Auf der ersten Tour sollte es nach Südwesten quer durchs Land in den Schwarzwald gehen, und dann, so der Plan, für einen Tag nebenan nach Straßburg, das ich selbst für mich auch erst vor paar Wochen vorher entdeckt hatte. Ins südliche Herz der Finsternis und dann über die Grenze zu Frankreich an dessen Rand sozusagen. In den nächsten Wochen dann vielleicht nach Leipzig wegen der DDR und nach Nürnberg wegen der Nazis. Dann zu meinem Bruder nach Oberbayern, dann mit Heinrich Heine in den Harz, dann die Nord- und Ostsee. Wir waren schon mal auf Sylt, für ein Wochenende, fällt mir jetzt gerade ein – aber Sylt ist ja ohnehin ein wenig abseitig. 

Es war ein verregneter Mai und so war auf unserer Fahrt nach Stuttgart, wo wir ein Hotel für die Nacht gebucht hatten, hinter den Scheibenwischern von der Landschaft außer der Ahnung verschiedener Mittelgebirge und den Roundabouts der Autobahnkreuze nicht viel zu sehen. Bis hinter Leipzig übten wir mit ein paar Episoden eines ziemlich brauchbaren Deutschlernpodcasts aus dem Netz, dann am Hermsdorfer Kreuz gings runter von der A8 und Richtung Jena und Weimar. Wir schauten wir eine Weile nur aus dem Fenster, ich hinterm Steuer, C  sich erholend vom Deutschlernen. Im Vorbeifahren ließ sich am Höhenzug bei Weimar das ehemalige KZ Buchenwald erahnen, aber die ja auch vorhandenen Schönheiten der thüringischen Landschaft blieben verborgen hinterm Schleier von Dunst und Nieselregen. 

Wie schwer C sich tut, dachte ich, mit der deutschen Sprache, sie ist noch längst nicht drin - dabei sind Deutsch und Englisch doch enge Nachbarn der selben Sprachfamilie. Aber für eine amerikanische Muttersprachlerin ist es auch besonders schwer, jeder in Berlin spricht englisch, es gibt keine Notwendigkeit, wenn man nicht gerade in die deutsche Sprache oder Literatur verliebt ist – oder einen Einbürgerungstest bestehen will. 

Dann erinnerte ich mich, wie die Songs der Beatles mir vor langer Zeit dabei halfen, ein Gefühl für die englische Sprache zu entwickeln: «I love you yeah yeah yeah» war der erste englische Satz, den ich lernte korrekt auszusprechen (das Personalpronomen hatte ich ausgewechselt). Aber mit welchen Songs mit nicht allzu komplizierten Texten könnte sowas für C gelingen? Sie schlug Nenas 99 Luftballons vor, das kannte sie, wir versuchten es, aber viel zu kompliziert zum Mitsingen – vielleicht sabotierte ich den blöden Song auch ein wenig. Dann probierten wir es mit Zukunft Pink und Haus am See von Peter Fox, zwei Lieder, die wir beide sehr mochten. Das funktionierte schon besser. Inzwischen hatten wir Würzburg hinter uns gelassen und fuhren auf der A81 Richtung Heilbronn. Immer noch unter einer dichten Wolkendecke. Aber im Süden am Horizont schien es aufzuklaren und ich dachte, wie toll es wäre, wenn wir noch ein wenig Sonne bekämen heute, und gleichzeitig kam mir das Wort «Glitzerstrahl» in den Sinn und damit die Idee, mit welchem Song wir weitermachen könnten. Wenn es überhaupt so etwas gab, waren Kraftwerk nicht die deutschen Beatles? Und womit waren wir schon den halben Tag beschäftigt? Autobahn. 

Die Klänge würden den Raum füllen und C Karaoke probieren mit dem knappen und einfachen Text, der nichts anderes macht, als Gegenwart zu beschreiben, sich wiederholend ohne Metapher oder Allegorie, es würde passen, sie würde verstehen und aussprechen und mitsingen können, so wie ich mit 14 mit dem Song der Beatles. Und genau so war es dann: Während der zwei Minuten des Intros hörte der Regen auf, die Scheibenwischer senken sich in ihre Ruheposition und zum ersten mal an diesem Tag und ziemlich exakt für die restlichen 20 Minuten, die die Albumversion des Songs dauerte, brach an diesem Tag der Himmel auf und die Sonne durch und die bislang so klandestine deutsche Landschaft begann für eine kurze Weile zu leuchten und sich zu offenbaren, während wir auf langgestreckten Talbrücken die Landschaft Unterfrankens durchquerten.

Superkitsch, klar, tacky würde C vielleicht sogar sagen, aber auch perfektes Timing (und Florian Schneider half von oben mit, indem er die Wolken beiseite schob). Uns war daran gelegen, dass C das Land, dessen Sprache und Musik lieben lernte.  Ich will nicht behaupten, dass dies das erste Mal war, dass sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das alles in einen glücklichen Moment fügten in diesem Jahr,  aber allzuviele von diesen Momenten gab es nicht, und wenn, dann waren es persönliche wie dieser. Der Drift nach rechts und die Verirrungen des verdammten «Weltgeists» liessen das nicht zu.

Oh fuck, das klingt jetzt aber verdammt nach Kulturpessimismus… so sollte es nicht sein. Im Gegenteil.

 

 

Hannes Brühwiler

Zu den schönsten Filmen, die ich dieses Jahr gesehen haben, gehörten The Secret Agent (2025) von Kleber Mendonça Filho und Caught by the Tides (2024) von Jia Zhang-ke. Auch Sehnsucht in Sangerhausen (2025) von Julian Radlmaier, Peter Hujar’s Diary (2025) von Ira Sachs, das Soderbergh Double Feature Black Bag (2025) und Presence (2024) sowie Cloud (Kiyoshi Kurosawa) 2025) haben mich beeindruckt. Stellvertretend für die vielen historischen Filme, die ich gesehen habe, seien hier vier erwähnt: The Blue Sky Maiden (1957) von Yasuzo Masumura, The Arch von T’ang Shushuen (1968), Il Caso Mattei (1972) von Francesco Rosi und Wives (1975) von Anja Breien.

Zwei Treffen: Ein Gespräch mit Tony Rayns, an dessen Ende er dem Publikum ein kämpferisches «long live Jia Zhang-ke!» zurief; ein Abend mit Víctor Erice.

Ein Konzert: Sharon Van Etten und ihre neue Band in Paris, nur wenige Wochen nach dem Tod von David Lynch. Der Saal wird ganz still, als Van Etten ihren Song Tarifa anstimmt, den sie auch bei ihrem Auftritt in Twin Peaks – The Return gesungen hat.

Bücher: Kolkhoze von Emmanuel Carrère; der Architekturkrimi The House of Dr Koolhaas von Françoise Fromont; ein Buch über Andy Warhols Empire (Nicolas Giraud) sowie die Entdeckung des kleinen, tollen Verlags dieses Buchs (Façonnage Éditions); ein mehrere Kilos schweres Buch über The Shining von J.W. Rinzler und Lee Unkrich – eigentlich ein Film, mit dem ich nie so richtig viel anfangen konnte, das Buch jedoch ist ziemlich irre. Auf gut 900 Seiten erzählt Rinzler oft auf die Stunde runtergebrochen, wie dieser Film entstanden ist und wer wann was wie gemacht hat. Zum Jahresende schlussendlich gleich zwei neue Bücher von A.S. Hamrah: Algorithm of the Night und Last Week in End Times Cinema.

 

 

Robin Celikates

«The children are always ours, every single one of them, all over the globe; and I am beginning to suspect that whoever is incapable of recognizing this may be incapable of morality.» Ein Satz Baldwins, an den mich A – ohne ihn zu kennen – unentwegt erinnert, gerade in diesem Jahr … einem weiteren Jahr im Zeichen von entgrenzter Gewalt, Faschisierung, autoritärer Wende, moralischem Kollaps. Offener Rassismus, Verachtung des Völkerrechts, Entmenschlichung und Entrechtung von Minderheiten, eskalierende Grausamkeit nach innen und nach außen, aggressive Indifferenz gegenüber der Klimakrise, Zerstörung öffentlicher Infrastrukturen und private Bereicherung, Angriffe auf Universitäten und kritische Wissenschaft, die auch von liberaler und, zumindest in Deutschland, zum Teil sogar linker Seite, auch aus den akademischen und kulturellen Institutionen und Milieus mit vorbereitet, ermöglicht, geleugnet oder gar affirmiert werden (im Kleinen und in unangenehmer Konkretion etwa bei einer dank Verweis aus der eigenen Uni – warum kein Fragezeichen nach, keine Anführungsstriche um Genozid?? – ins bUm verlegten Veranstaltung mit Francesca Albanese und Eyal Weizman, auch dort freilich nur unter polizeilicher Aufsicht, die aber beim besten Willen keine strafrechtlich relevanten Verstöße identifizieren konnte). «Every day we choose how to show up.» Every day we choose … aber es ist auch eine Frage der Verteidigung und des Aufbaus dringend notwendiger alternativer Infrastrukturen (wie bUm, Spore, PJA, Krisol).

Mit L & A im Frühling und Herbst in den Nussdorfer Weinbergen; im Sommer und im Winter auf dem und um den Pałac Kultury i Nauki in Warschau; im August auf Korsika, die entrückte Schönheit der Strände, der Serpentinen an der Westküste, des escalier du roi d’Aragon; mit A im norwegischen Bergen, Angela-Davis-Konferenz, Fjordfahrt nach Rosendal und Jazzfestival in kontrapunktischer Verbindung.

Ansonsten (Elemente eines antifaschistischen Curriculums):

Percival Everett: James (aber auch: Erasure); Phillip B. Williams: Ours; Yang Shuang-zi: Taiwan Travelogue; Minh Nguyen: Memorial Park: Revisiting Vietnam; Canberk Köktürk: Fascholand: Wir sind hier immer noch in Deutschland; Viet Thanh Nguyen: To Save and to Destroy: Writing as an Other; Isabella Hamad: Recognising the Stranger: On Palestine and Narrative; Omar El Akkad: One Day, Everyone Will Have Always Been Against This; Dagmar Herzog: The New Fascist Body; Banu Bargu: Disembodiment: Corporeal Politics of Radical Refusal; Étienne Balibar: Rasse, Geschlecht, Gattung: Zur Frage der anthropologischen Differenzen; Linda Martín Alcoff: Race and Racism: A Decolonial Approach; Anne Irfan: A Short History of the Gaza Strip; Nasser Abourahme: The Time Beneath the Concrete: Palestine Between Camp and Colony; Mark Mazower: On Antisemitism: A Word in History.

Sung Tieu: 1992, 2025 in den KW; Ersan Mondtag: Asbest in der König Galerie; Der Engel der Geschichte (buchstäblich im letzten Moment erwischt) im Bode-Museum; What Are Our Collective Dreams? in der Zachęta; Anouar Brahem: After the Last Sky (mit Dank an Adam Shatz).

DIE MÖLLNER BRIEFE (Martina Priessner); SINNERS (Ryan Coogler); SOUNDTRACK TO A COUP D’ETAT (Johan Grimonprez); ONE BATTLE AFTER ANOTHER (Paul Thomas Anderson); IT WAS JUST AN ACCIDENT (Jafar Panahi); VIET AND NAM (Truong Minh Quy; gesehen am 50. Jahrestag des Endes des Amerikanischen Krieges in Vietnam im wunderbaren SİNEMA TRANSTOPIA); GET MILLIE BLACK (Marlon James, HBO); 1670 (Jakub Rużyłło, Netflix); A HOUSE OF DYNAMITE (Kathryn Bigelow); LISTY Z WILCZEJ (Arjun Talwar); NO OTHER LAND (Basel Adra, Yuval Abraham); WITH HASAN IN GAZA (Kamal Aljafari).

 

 

Catherine Davies

Buch: Marie Jalowicz Simons Untergetaucht, ein posthum veröffentlichter Bericht der Philologin und Philosophiehistorikerin über ihre Zeit als untergetauchte Jüdin in Berlin. Ein zutiefst beeindruckendes und berührendes Dokument, das nebenbei auch ein faszinierendes Porträt der antifaschistischen Berliner Arbeiter*innenschaft zeichnet.

Film: Mazurka (1935; R: Willi Forst). Zufällig sah ich den Film kurz nachdem ich Jack Halberstams Vortrag in Zürich über rape revenge Filme der Neuen Frauenbewegung gehört hatte. Was ich zunächst für ein klassisches Verführungsskript hielt, entpuppte sich als anything but.

Podcast: Der Bach-Podcast des MDR mit Maul & Schrammek. Besonders schön und erhellend die vier Folgen über die Matthäus-Passion.

Ein Dauerbegleiter seit dem Sommer: Der Substack des amerikanisch-britischen Militärhistorikers Phillips O’Brien. Besser als das, was man über Russlands Krieg gegen die Ukraine in den klassischen Medien lesen kann.

 

 

Jan Distelmeyer

Mein Kinojahr wird gerahmt von SOUNDTRACK TO A COUP D’ETAT und SUMMER IN THE CITY, einer Fernsehproduktion des SFB von 1969. So wie Abbey Lincoln den Anfang und das Ende von SOUNDTRACK bestimmt, verbindet beide Filme auf den ersten Blick die (Geo-)Politik der 1960er. Beim ersten und zweiten Hören ist es der Klang – Tonfälle und Miteinander von Musik und Montage. Der Jazz in SOUNDTRACK ist schon fertig, genauso historisch und gegenwärtig wie das Geschehen um Lumumba, die Republik Kongo und die Vereinten Nationen, der Soundtrack von SUMMER IN THE CITY stammt von Uwe Johnson. Anders als bei Abbey Lincoln und Louis Armstrong und Nina Simone und Dizzy Gillespie und und und in SOUNDTRACK hat Uwe Johnson, «Das ist die Toilette, die Toilette ist die Küche», auf die laufenden Bilder von Christian Schwarzwald/Blackwood und Robert Leacock hin komponiert und gelesen. Seine Vertonung von Leben in New Yorks Upper West Side bespricht und deutet Verhältnisse, «Die Polizei hält sich selbst für den Mittelstand», und ist schnell gesprochen, damit möglichst viele Eindrücke Platz haben und zugleich Raum bleibt für andere Klänge und Stimmen der Stadt, die ihre eigene Geschichte erzählen. «Rhythm is my business» stimmt auch für Uwe Johnson und New York.

Zwischen diesen beiden Kinofilmen vom Anfang (in Berlin) und Ende (in Hamburg) des Jahres liegen viele schöne und wichtige Begegnungen. Zwei davon haben besondere Auswirkungen auf mein Jahr: Ein Treffen im Februar mit Datenarbeiter*innen aus Kenia und Deutschland der Initiative Building a Safe and Fair Future for Data Work verbessert meine Beziehung zu KI und ist der Beginn einer neuen Freundschaft. Das Pokalfinale für Arminia Bielefeld ist ein unvergesslicher, sonniger Maitag, dessen Anbahnung, Ereignis und Nachwirken das ganze Fußballjahr so derartig erhellt hat, dass aus/dank der Arminia-Fan-Kneipe vieles Unerträgliche im wirklichen Jahr doch irgendwie erträglich schien.

Außerdem wird das Krokodil mein Lieblingskino in Berlin, ist De La Souls Cabin in the Sky ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk und beschäftigt mich Kathryn Bigelows A HOUSE OF DYNAMITE, weil er mir so irre altmodisch und darin up to date vorkommt. Das liegt (neben einigen anderen Entscheidungen) am Ende, der in einem merkwürdig religiösen Sinne auch der Anfang ist, vielleicht vor allem an der Gemeinschaft des Schreckens. Zu denken, alle Menschen könnten tatsächlich (noch/einmal/überhaupt) verbunden sein durch die gemeinsame Angst und Ablehnung eines Krieges, den die Interkontinentalrakete bringt. Alles begründet Partikulare und Komplexe wird eins und einfach angesichts der einen Drohung, dieses zivilen Teils der Abschreckung. Das klingt so weit weg wie «if it‘s not love, then it‘s the bomb thatwill bring us together».

 

 

Monika Dommann

Was ist es wert zu bewahren, und auch dafür zu kämpfen in diesen Kettensägenzeiten? Wie finden wir aus dem Müdewerden heraus? Und wenn es doch so schön heisst «Choose your battles»: Welche wären es denn?

A wie Autoritarismus  

Secret Agent (2025) von Kleber Mendonça Filho.

B wie Berg  

Im Frühling zum Sonnenuntergang vom nun hippen Südpigalle die Treppen hoch zum Sacré-Cœur und zum Abschluss an der Rue des Martyrs ein Beef Tartare im L’Ariel.

Im Frühsommer (vor Schmelzwasserkulisse) ins Maderanertal zur Windgällenhütte und dann über Balmenegg (Halt im Hotel Maderanertal) zurück ins Tal.

Im Sommer im Kino zur Hohen Linde, in Sehnsucht in Sangerhausen (2025) von Julian Radlmaier.

Im Herbst von S-charl durch das Val Minger und Val Plavna nachTarasp ins Avrona zu Claudia Kläger.

An Allerheiligen von Zug über den Friedhof zum Zugerberg hoch (Zmittag im Hintergeissboden), über Früebüel und Buschenchappeli nach Unterägeri.

C wie Care

Die Heldin (2025) von Petra Volpe.

D wie Driften

Dry Leaf von Alexandre Koberidze (2025).

E wie Essen und Trinken

Das neue Kochbuch (Kochen nach Laune: Meine Stimmungsküche) von Elisabeth Bronfen.

Falafel & Mezze House, auf der Gemüsebrücke in Zürich. Super vegetarische Mezze und Gözleme. Wird mit dem Abbruch der Gemüsebrücke und dem teuren und eleganten Ersatzbau leider verschwinden.

Ansonsten wird in der gehobenen Gastronomie nun ultralokal gekocht. Besonders gut im Hotel Edelweiss auf dem Rigi (Haltestelle Staffelhöhe) und im Rechberg 1837 in Zürich.

Seit ich am Berchtoldstag Simone Monstein kennengelernt habe, trinke ich statt Cava Crémant Blanc de Blanc & Crémant Rosé (Hamacht Weine).

F wie Familie

Bagger Drama (2024), von Piet Baumgartner an den Solothurner Filmtagen. Mit Baggershow vor dem Kino, die der bischöflichen Kathedrale St. Urs und Viktor für ein paar Stunden etwas den grossen Auftritt stahl.

Hard Truths (2024), der vermutlich beste Film von Mike Leigh seit Meantime, mit Marianne Raigipcien Jean-Baptiste. Noch nie habe ich eine so traurige, wütende, hassende, nörgelnde und übergriffe Figur so angefangen zu lieben.

F wie Frauen

Tarantism Revisited (2024) von Michael Schäuble und Anja Dreschke.

Women’s Euro 2025 (dank Tickets von Urs und Ruedi und Ruedi). In den Ohren immer noch der der Song redwhite von Lou Kaena und das Tor von Géraldine Reuteler.

H wie Herausgerissen aus dem Leben

Thomas Großbölting (11. Februar in Hamburg)

Zineb Benkheliva (26. Dezember in Zürich)

J wie Jura

Tout un hiver sans feu (2004), von Greg Zgliński in der Jura-Reihe an den Filmtagen in Solothurn.

Der Areuse entlang nach Noiraigue,dann am Morgen früh zum Creux du Van und in in Môtiers zu Mauler & Cie.

P wie Paris

Le Paris d’Agnès Varda, de-ci, de-là im Musée Carnavalet – Histoire de Paris, mit tollem Katalog.

Nouvelle Vague (2025) von Richard Linklater. Meine Lieblingsfigur ist natürlich Moteur Raoul.

S wie Sound

Soundtrack to a Coup d’Etat (2024) von Johan Grimonprez

Nik Cave in Zürich, fast solo, mit Unterstützung von Radiohead Bassisten Colin Greenwood

Tardes de Soldad (2024) von Albert Serra (mit verkabelten Bandelleros, Picadores und dem verletzlichen Matador Andrés Roca Rey).

T wie Texte, die ich mit den Student:innen (wieder) gelesen habe

Aly, Götz: Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte, Perlentaucher, 18.10.2017

Bajohr, Frank; Brechtken, Magnus (Hg.): Zeitzeugen, Zeitgenossen, Zeitgeschichte. Die frühe NS-Forschung am Institut für Zeitgeschichte, Göttingen 2024, S. 117-146.

Edgerton, David: The Shock of the Old. Technology and Global History Since 1900, Oxford; New York 2007.

Erdur, Onur: Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie, Berlin 2024.

Haraway, Donna: Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, New York; London 1989.

Herzog, Dagmar: Der neue faschistische Körper, Berlin 2025.

Hirschman, Albert O.: «Rival Interpretations of Market Society: Civilizing, Destructive, or Feeble?», in : Journal of Economic Literature, vol. 20, no. 4, 1982, S. 1463–1484.

Lécuyer, Christophe: Making Silicon Valley. Innovation and the Growth of High Tech. 1930-1970, Cambridge Mass. 2006.

Miles, Tiya: All That She Carried. The Journey of Ashley’s Sack, a Black Family Keepsake, New York 2021.

Novick, Tamar: Milk and Honey. Technologies of Plenty in the Making of a Holy Land, Cambridge 2023.

O’Mara, Margaret Pugh: The Code. Silicon Valley and the Remaking of America. New York 2020.

Schiebinger, Londa: Plants and Empire. Colonial Bioprospecting in the Atlantic World, Cambridge Massachusetts; London 2004.

Schields, Chelsea: Offshore Attachments. Oil and Intimacy in the Caribbean, Oakland, California 2023.

Śegev, Tom: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates, München 2008.

Shapin, Steven: «The Invisible Technician», in: American Scientist, 77, 1989, S. 554–563.

U wie Universität

Kepplerstrasse 2 von Ewald Frie und Boris Nieswand (2024). Ein köstlicher und kluger Rückblick auf DFG-Großverbundsforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

V wie Voyeurism

Caleb Simpson, the Apartment Guy, meine Addiction seit Januar 2025. Leute, die im Project wohnen, im Bus, am Central Park. Bald auf den Plattformen kopiert.

W wie Wasser

Vaporettofahren in Venedig, Raddampferfahren auf dem Vierwaldstättersee, Maggiaschimmen in Ponte Brolla, Seeschwimmen im Utoquai, Bergseeschwimmen im Golzerensee.

Zur Erinnerung

Medien unterstützen und die Halbierungsinitiative am 8. März ablehnen!

 

 

Christoph Engemann

Viel passiert dieses Jahr. Arbeitsbesuche in Florenz zu Beginn und Ende und dabei mit klugen Leuten über die Zukunft der Universität nachgedacht. Was vor 900 Jahre in Bologna als Autonomiegenerator jenseits von Kirche und Staat begann, wird heuer in deren Autonomiekapazitäten in Frage gestellt. In den USA ist das längst der Fall und hier demnächst auch. Mit etwas verschobenen Narrativen und Begründungen, aber denselben Folgen und Effekten. Den Institutionen, und das gilt nicht nur für die Universität, so ein Eindruck aus 2025, stehen unruhige Zeiten bevor.

Was war DOGE? Metabolisch ist der Ereignisdichte, den Windungen und Wendungen, den Kapriolen und Pirouetten der neuen transatlantischen Realität kaum hinterherzukommen. Atemlos wird dazu wohl gesagt, und das setzt voraus, dass es mal Gelegenheit zum Atmen und damit zum Verdauen, zum Verstoffwechseln gab. War vielleicht ein, zwei Episoden lang so, als es hüben wie drüben sogenannte Eliten gab, die sich kannten und auch im Verkanten hinreichend verstanden. Die hiesigen Eliten, was auch immer das ist, in Zeiten, in denen die Elitenselektion so offenkundig quer durch die gesellschaftlichen Funktionssysteme dysfunktional ist, jedenfalls verstehen die drüben nicht. Erkennen nicht einmal mehr, dass es dort so etwas wie eine neue, aber nicht erst über Nacht gewachsene Elitenformation gibt. Deren strategischen Einsätzen und Visionen, Weichenstellungen und Arrangements nun dauerhaltig realitätsmächtig sind und demgegenüber die hiesige Naivität und das funktionale Urvertrauen – eine Art Luhmannsche Zuversicht, dass die Welt auch morgen noch geordnet da sein wird – doch immer wieder kurios ist. Wahrscheinlich hat man in Rom 1518 ähnlich vertrauensvoll in die europäische Zukunft hineinerwartet.

DOGE jedenfalls war wahrscheinlich ein KI-Training-Data-Landgrab. Ein Raubzug in die Register des größten Indexikalitätsarbeiters überhaupt: dem Staat. Denn Staaten beschäftigen ihre Administrationen seit der Erfindung moderner Registerverfahren und deren ersten Konsolidierung ungefähr zum selben Zeitpunkt wie Luther seine These Anschlug, im transatlantischen Verwaltungsverkehr mit Verfahren der Passung zwischen Realität und Daten. Eben dieses Problem haben KI-Modelle auch und die Indexikalitätsarbeit in Clickfarmen und an Captchas skaliert numehr mäßig. Warum also nicht Daten und Register nehmen, an denen gut 20 Millionen Menschen, genannt Beamte, über Jahre und mehr als ein Jahrhundert tagein und tagaus indexkalitätsschaffend waren?

Vogon Elon sagte danke und thx for all the fish. Donald darf den Fallout managen, der spätestens mit den sprunghafte steigenden Healthcare-Premiums im kommenden Jahr ansteht. Aber vielleicht kommt dann erstmal – wie hier schon vor Jahren von mir erwartet – ein Atomtest oder zwei. Im November hatten sowohl Trump als auch Putin laut darüber nachgedacht. Wenn nicht gleich Billionäre sich Atomwaffen anschaffen, was Michael Seemann, aus dessen unbedingt abonnierenswerten Krasse Links Newsletter ich 2025 mehr gelernt habe als aus den meisten Büchern und Zeitungen, für wahrscheinlich hält.

Das wird länger dauern als Trumps Sorgenhorizont und Venezuela ist ja auch noch da. Heavy Crude klingt wie eine Stilformel, die fürs daseitige Elitenensemble ganz zutreffend ist. Nicht zu vergessen, dass im Golf von Amerika Kuba liegt, Marco Rubio sich als Exilcubaner inszeniert und am 4. Juli 2026 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit gefeiert wird. Die Worte von Trumps Antrittsrede vom 20. Januar 2025 – also quasi vorgestern – bleiben mir im Ohr: «The United states will once again consider itself a growing nation, one that (…) expands our territory.»

Hier, vor Ort werden subtilere, aber historisch vielleicht nicht weniger revanchistische Spielchen gespielt. Da ist der Merz und dessen öffentlichkeitsbindender Arbeitseinsatz beim Brandmauern nach rechts. Auf der anderen politischen Seite, nämlich der des Koalitionspartners wird derweil eine sozial- und arbeitspolitische Kröte nach der anderen zum Schlucken durchgereicht. Klappt wunderbar und der damit vollzogene Rückbau der westeuropäischen Klassenkompromisse der zweiten Hälfte des 20. Jh. wird der eigentliche historische Erfolg dieses Friedrichs sein. Worin auch die Übereinkunft von AfD und CDU liegt – nicht in der Migrationspolitik, die davon freilich wunderbar ablenkt. Wie die Krötenmast der SPD bekommt, werden die sechs Landtagswahlen 2026 anzeigen.

Ob dabei, wie es einige nach der Wahl von Zohran Mamdani in New York erwartet haben, zumindest in Berlin ein neuer progressiver Wind in die politischen Segel bläst, darf abgewartet werden. Es ist jedenfalls erstaunlich, dass wo in den USA unter dem Label «democratic socialists» klassisch sozialdemokratische Positionen wieder erstarken, der hiesige Verein stattdessen lieber weiterhin Dritter-Weg-Traditionspflege betreiben möchte. Gleichzeitig Klingbeils für Hintergrundgespräche wahrscheinlich anhand von Adidas Sneaker Präferenzen zusammengestellte intellektuelle Tocotronic Truppe sich mit dem Coversound von Theorie kurz vorm Land-Dugin Kontinuum verdingt.

Grundhässliche Dinge wären über die KI-Kriege unserer Zeit zu sagen, deren Realitäten spektakulär im Iran und Gaza, amorph und opak im Ukrainekrieg beobachtbar wurden. KI ist power-projection und zwar im militärischen, wie im psychoanalytischen Sinne des Projektionsbegriffs. DOGE und Gaza sind unterschiedlich skalierte Variationen eines dem Imaginären der KI inhärenten Institutozids, die das leere Blatt des latent space gegen die dauerhaften und formalisierten Strukturen stellen, die Macht in legitime regelgebundene Autorität überführen. KI, dass zeichnete sich 2025 durch, unterhält Vorstellungen einer Welt ohne Angestellte und folgerichtig einer Welt ohne Institutionen – die Universität, s.o. – gehört  zuallerst dazu.

Es wäre mithin einiges durchzuarbeiten und Containmentbegriffe wie «Slop» fassen die ästhetische Dimension, dienen aber auch einer reflexiven Distanzstiftung, die die institutionserodierenden Dynamiken nur teilweise in Symbolisierungs- und Repräsentationsfähigkeit überführt.

Freud jedenfalls war kein Freund der Musik, deren Repräsentationsverhältnis zur Sprache von jeher strittig ist. Man muss es Freud ja nicht nachmachen und wenigstens in dieser Dimension, die die sprachverliebten Psychoanalytiker zuverlässig sprachlos macht, hatte 2025 ein paar schöne Angebote gemacht. Das Ohr liegt mir näher als das Bild, was im cargo vielleicht verkehrtherum ist, aber warum nicht die Welt von den Augen auf die Ohren stellen?

Das Institutionsmobiliar wie Tische von diesen unterschätzt und unterfordert werden zeigte im August Ryosuke Kiyasu. Der entlockte dem Tisch auch in Berlin Metamucken. Unverdrossen zieht er mit sich und zwei Stöcken von Tisch zu Tisch um den ganzen Globus. Demnächst sicher auch wieder irgendwo in ihrer Nachbarschaft. Hingehen!

Neben diesen akustischen Ein-Mann Unternehmen hinterließen die von The Bug und Flowdan kuratierten elektronischen Mensch-Maschine Konstellationen beim «Pressure Weekender» im Berliner Gretchen bleibenden Eindruck. Die musikalische Frage war reduziert auf das Problem «wie erzeugt man Gewicht und setzt es in Bewegung?» Und angesichts der hier generierten Massen, waren berghainesque Beschleunigungen sicher ausgeschlossen und es wart eher atlashaftes Stemmen angezeigt. Musik unklarer Aggregatzustände zwischen fest und flüssig, Wogen in einem entschleunigten Viskositätsphänomen das Resultat. Tagelang wirkte das im Körper fort, wie nach einem langen Aufenthalt in Atlantikwellen. In diesem Zusammenhang lief dann auch eine Platte rauf und runter, die in den Neunzigern den Hyperdub Kevin Martins um Jahre vorweggenommen hatte: Evanescence von Scorn. Ein rein elektronisches Ambient-Dub Album, dass niemand geringerer als der ehemalige Napalm Death Drummer Mick Harris produziert hatte, dem das Brumm-Brumm-Böse seiner ehemals schnellsten Kapelle der Welt langweilig geworden war und der lieber Trägheit als Beschleunigung erkunden wollte – und darin immer noch regelmäßige Lotungen unternimmt.

Lotus, dass aktuelle Album von Little Simz bot ganz andere Lotungen zwischen Hip-Hop, R’n’B und Jazz und die kleine Ami Winehouse Hommage im Song Young verlor auch nach dem hundertsten Hören nicht ihren Zauber.

Sitzend verzaubert zu werden ist mir inzwischen am liebsten wenn es um Musik geht. Maxim Emelyanychev hat mit dem Il pomo d’oro in der Berliner Philharmonie dabei Gänsehaut und Entspannung in einer Gleichzeitigkeit angeboten, die einen Wünschen liese, dass es diesen Faltenbalg öfter zu hören gibt. Livemusik, zumal akustische, ob mit Tischen oder Stühlen, bietet sich als KI-fernes Reservoir geradezu an. Die Marketingabteilungen werden sicher bald drauf kommen und entspechende Texte generieren lassen.

Zwei langjährige, treue Affektmodulationsbegleiter, machen jetzt wonaders Musik: Alfred Brendel und Brent Hinds, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von musikalischer Gewichsgenese unterhielten, verstarben 2025. Ein Anlass, sich der eigenen Hörbiografie und ihres Personals gewahr zu werden. Mit dem Resulat, beim akustischen Trio von Frisell/Lage/Riley herauszukommen, und die inzwischen sieben Einspielungen, dieses unter allen Radars fliegenden Wahnsinnsprojekts nachzuhören. War schön.

Lynch ist auch gestorben. Twin Peaks immer noch nicht gesehen.

Ach ja, im Kino war ich 2025 auch. Einmal und wie immer nur um den Stand der Produktivkräfte anzuschauen: F1. Da ging es auch um Trägheit und Beschleunigung und die Formel G-W-G = Geld – Wagen – mehr Geld. Dazu folgt vielleicht noch einmal ein Text, denn dieses Artefakt globaler IP-Zirkulationsregimes kreisverkehrt über sich und seine Produktionsverhältnisse so glückselig vor sich hin, dass es schon fast Kunst wieder willen ist.

 

 

Onur Erdur

Dank Criterion Channel exzessiver Filmkonsum ohne Plan oder Listen. Ein Kino-Highlight war unbestritten ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Bei den Serien: SLOW HORSES wegen Gary Oldman /// Im Frühsommer alle fünf Staffeln von THE WIRE wieder angesehen, was ursprünglich als beruhigender Eskapismus gedacht war, dann aber immer mehr zu verstörenden Momenten führte, weil ich im alten Baltimore ständig das gegenwärtige Berlin zu sehen glaubte.

Größte Entdeckung: Die Essays von Andrea Long Chu (Authority, 2025). Nichts Klügeres in diesem Jahr gelesen. Mit Sätzen, die das Beste der Literaturkritik hervorholen: «But the humanist’s mistake is to suppose that politics is just lots and lots of ethics. Ethics asks us to recognize that the other has a soul; politics asks us to reject the soul as a precondition for moral interest. In this sense, fiction has always been an exercise in political consciousness. It asks me to care about people I do not know and will never meet, people who might as well not exist as far as my own life is concerned but whose destinies are nonetheless obscurely intertwined with mine. Not for nothing do we call it the third person.»

Immer noch beeindruckt von Tezer Özlüs Die kalten Nächte der Kindheit (Suhrkamp, 2025). Noch nie so etwas gelesen.

2025 war auch ein Jahr, in dem ich mich maßlos über deutschen Journalismus ärgern konnte. Bis ein Bekannter mich daran erinnerte, dass Michel Foucault Journalisten einmal als «Sklaven des Tages» bezeichnet habe. Seitdem ärgere ich mich nicht mehr darüber und lese stattdessen mehr in Zeitschriften mit längerem Atem: Berlin Review, Merkur, Mittelweg 36, cargo.

In politischer Hinsicht viel Zeit und Energie darauf verwendet, sich darauf einzustellen, dass die Mitte womöglich nicht hält. Damit auch verbunden: Politik als Antizipation des Kommenden.

 

 

Günter Hack

Im Februar THE BRUTALIST im Wiener Gartenbaukino, Filmkopie, nicht digital. Brutalismus kommt darin kaum vor, Brutalität dafür umso mehr. Der Film setzt die Tonlage für das ganze Jahr. An dessen Ende stehe ich vor der Wotrubakirche, einem wahren Stück Brutalismus, und fotografiere sie mit der SX-70 meines Großvaters auf abgelaufenem Schwarzweiß-Polaroidfilm aus dem Impossible Project, das auch nicht mehr existiert. Die Kameramechanik seufzt und quietscht, sie ist so alt wie ich. Ms. K. steht mit mir im Nebel und betrachtet den Bau, während ich mit der archaischen Technik hantiere. Über uns schwebt die Drohne eines Hochzeitsfotografen, dessen Team gerade ein frisch zu trauendes Paar vor der Betonkulisse der Kirche erfasst. Totale Dokumentation. Hochzeitsfotografen sind die letzten Lichtbildner außerhalb der Modebranche, die mit ihrer Kunst überhaupt noch Geld verdienen können, denn zur Vermählung tut’s Freundin Susi mit ihrem Smartphone nicht, da müssen HD-Videoeinheiten und Drohnenstaffeln her. Es beginnt zu nieseln, das Hochzeitspaar hält aus, bis es regnet. Jemand hat einen noch schlechteren Tag als ich. Weil ich nicht von dieser Zeit bin, freue ich mich nicht darüber.

 

 

Felix Hasebrink

Wenn mich nicht alles täuscht, war 2025 ein sogenanntes Mastjahr. Viele Bäume blühten intensiver und trugen mehr Früchte als im Vorjahr. Das klingt schön, verheißt aber nichts Gutes. Im Internet steht, dass sich Bäume vor allem wegen Hitze und Trockenheit mehr ins Zeug legen, um den Fortbestand ihrer eigenen Art zu sichern. Eine vermehrte Samenproduktion wäre früher nur alle sieben bis elf Jahre aufgetreten. Seit einiger Zeit werden die Abstände kürzer. Das letzte Mastjahr war erst 2023, schreiben Fachleute.

Eine überraschend gute Ernte hat 2025 jedenfalls dem Schrebergarten beschert, in dem meine Freundin und ich ab und zu die Hecke schneiden, Rasen mähen und vier Gemüsebeete bepflanzen. Der Kirschbaum, den ich vor drei Jahren gefährlich weit zurückgestützt hatte, trug so viele Sauerkirschen wie selten. Die Äste der Johannisbeersträucher bogen sich unter der Last der vielen Rispen, auch die wilden Himbeeren und der Feigenbaum neben dem Regenwassertank hingen übervoll mit Früchten. Von Juni bis August schleppten wir kiloweise Obst nach Hause. Im Schrank steht so viel selbstgekochte Marmelade, dass sie locker bis zum nächsten Mastjahr reicht. Nur die Brombeersträucher in der Nachbarschaft, normalerweise verlässliche Grundpfeiler unserer sommerlichen Marmeladenproduktion, warfen wegen irgendeiner Pilzkrankheit nur magere Erträge ab.

Ein Garten spielt auch eine wichtige Rolle in einem Film, den ich 2025 entdeckt habe, obwohl er schon ein paar Jahre älter ist. LANDFILL 16 verdankt seine Existenz den Beeten hinter dem Haus der Filmemacherin Jennifer Reeves in Elkhart, Indiana. Hier verbuddelte Reeves einige 16mm-Aufnahmen, die sie ursprünglich für ein anderes Projekt gedreht und beim Schneiden aussortiert hatte. Insekten, Pilze und Bakterien durften die Emulsion nach Herzenslust zersetzen, bis Reeves die Filmstreifen nach einiger Zeit wieder aus der Erde zog und zu dem zehnminütigen Experimentalfilm zusammenbastelte. Das Ergebnis ist ein fantastisch pulsierendes Flickerbild, dem man das Gewimmel in den oberen Erdschichten ebenso anzusehen glaubt wie ein letztes Aufflackern der ursprünglichen Aufnahmen, bevor die Bilder zu wabernden Klecksen und Partikelwolken zerfließen. Müllkippe und Komposthaufen, Bodenprobe und Filmabfall: All das kommt bei Reeves auf wunderbare Weise zusammen. LANDFILL 16 verfolgt damit eine ganz andere Recycling-Idee als die Öko-Siegel oder Green-Shooting-Handbücher, mit denen die Medienbranche gegenwärtig auf die Klimakrise reagiert.

Auf Reeves’ Film bin ich im Kontext eines Workshops gestoßen, den ich gemeinsam mit Petra Löffler in Oldenburg organisiert habe, und der sich mit allerlei Rückständen, Ablagerungen und Bodenschichten beschäftigen sollte. Wir wollten mit dem Programm auf das ungebrochene Interesse in den Kulturwissenschaften für biochemische, physikalische und vor allem auch geologische Prozesse reagieren. Ausrangierte Computerhardware und anderer Elektroschrott werden schon seit geraumer Zeit als künftige Sedimente beschrieben, charakteristisch für menschengemachte Ablagerungen im frühen 21. Jahrhundert. Neuerdings werden aber auch die geologischen Tiefenschichten von Fotografie oder Film großflächig angebohrt. Siobhan Angus und jüngst Brian Jacobson vollführen in ihren Büchern Camera Geologica (2023) und The Cinema of Extractions (2025) einen regelrechten deep dive in die Untergründe technischer Bildmedien. Dabei fördern sie eine ausgesprochen bröselige Materialität zu tage. Es geht um Bodenschätze, Mineralien, Metalle, chemische Elemente, kurz, die irreduziblen Partikel und allerkleinsten Einheiten, die für die Herstellung und Verbreitung von (bewegten) Bildern notwendig sind.  Was wenig überrascht: Diese Materialien werden unter hochproblematischen Bedingungen gewonnen. Angus und Jacobson zeigen, wie nicht nur Cloudsysteme oder KI-Anwendungen, sondern auch weitaus ältere Massenmedien auf kolonialer Geopolitik und extraktiven Ökonomien fußen. Nur: Was genau folgt eigentlich daraus? Beide Autor*innen verweisen auf künstlerische Arbeiten, die all diese Verstrickungen unmittelbar zum Thema machen. Awareness raising ist zweifellos wichtig; weitergehende Vorschläge haben die Bücher jedoch kaum im Angebot.

Dass aus dem Untergrund nicht immer tiefere Einsichten emporsteigen, sondern mitunter auch vieles, was nicht unmittelbar gedeutet und verstanden werden will, zeigt die im Mai verstorbene Medienkünstlerin Ulrika Sparre. In ihrem Film EAR TO THE GROUND (WANDERING ROCKS) kraxelt sie, ausgerüstet mit einfachen Kontaktmikrofonen, über die Hänge des menschenleeren Death Valley in Kalifornien. Ab und zu hält sie inne und lauscht, wie eine Ärztin mit Stethoskop, ins Innere der Felsen. Die Mikros registrieren dumpfe Vibrationen, ein diffuses Rumpeln, Knirschen und Klackern. Sind es verborgene Regungen im Gestein, oder doch nur Schwingungen, die Sparre außen mit den Mikros erzeugt? Der Film lässt diese Frage offen. Am Ende lässt Sparre gefundene Steinchen langsam durch ihre ausgestreckte Hand rieseln. Für mich war das ein gutes Sinnbild dafür, wie Film- und Medienwissenschaftler*innen aktuell ihre Hände nach körnigen Kleinstmaterialien ausstrecken, ohne sie immer vollständig greifen zu können.

Zurück zum Garten: Ein echtes Highlight meines Kinojahrs war das Programm She* is a House kuratiert von Cale Garrido für das Kurzfilm Festival Hamburg. Die ersten beiden Titel ORO ROJO und WHO IS AFRAID OF IDEOLOGY waren noch relativ konventionelle, aktivistische Dokumentarfilme, doch dann ging es los: Deirdre O’Mahony filmte für THE QUICKENING verschiedene Bauernhöfe in Irland, die der Klimakrise mit vormodernen Anbaumethoden trotzen. O’Mahonys Kamera kreist über Wiesen und Felder, dazu baut ein gesungener Voiceover langsam Spannung auf. Die angestaute Energie entlud sich im Programm dann fulminant in Stéphanie Lagardes EXTRA LIFE (AND DECAY). Der Film verknüpft Arbeit, Familie, Kinderbetreuung mit Pilzen, Moosen, Insekten, Wäldern. Aber Lagarde verhandelt das alles – und das kam im Programm besonders gut zur Geltung – nicht kühl-abstrakt, sondern über grandios verdichtete visuelle Rhythmen, Lichtstimmungen, Klänge, Bildbewegungen. Ich hatte lange nicht mehr ein so intensiver Filmerlebnis bei einem Festival. Für mich exakt der richtige Film zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Ein paar Monate später sah ein ähnlich gut aufeinander abgestimmtes Filmprogramm, aber mit einer anderen thematischen Ausrichtung: ein 35mm-Double-Feature mit zwei Roger-Corman-Filmen, garniert mit historischen Trailern und Werbung für allerlei Spirituosen und Tabakprodukte. Den Sommer über hatte ich die gesammelten Aufsätze von Robert Smithson gelesen und zufällig festgestellt, dass Smithson bekennender Corman-Fan war. Nirgendwo sonst, schreibt Smithson, kommen die unermesslichen Distanzen, das Gefühl endlos gedehnter Zeit, die gähnende Leere und die geballte infrastrukturelle Trostlosigkeit der US-Nachkriegsvorstädte so gut zum Ausdruck wie bei Cormans Pappkulissen und roboterhaften Schauspieler*innen.

Eine kleine Hamburg-Reprise dann im November in Bochum bei einem Kurzfilmspaziergang, organisiert vom Hamburger Kollektiv A Wall is a Screen. Kurzfilme im öffentlichen Raum funktionieren immer noch überraschend gut. Das mitlaufende Publikum wuchs von Film zu Film; am Ende waren es bestimmt über 60 Personen. Nicht nur die einzelnen Titel waren gut auf die wechselnden Projektionsorte abgestimmt, auch die Ansagen vor den Filmen: kurze Einführungen, humorvoll auf den Punkt, völlig ohne Kunstfeldjargon. Als sich Hausfassaden und Hinterhöfe im tristen Bochumer November für zwei Stunden in temporäre Kinoleinwände verwandelten, erinnerte das – mit ein wenig Fantasie – an das unverhoffte Aufblühen eines farbenprächtigen filmischen Ökosystems, so ähnlich wie der Löwenzahn, der im Zeichentrickvorspann zur gleichnamigen Kinderserie überall aus dem Boden sprießt. Für ein echtes filmkulturelles Mastjahr im Ruhrgebiet reicht das zwar noch lange nicht. Aber es war immerhin ein guter Anfang.

 

 

Vinzenz Hediger

Das Schweigen des «Netzwerk Wissenschaftsfreiheit» zu den Angriffen der Trump-Administration auf die Wissenschaftsfreiheit in den USA.

Der Wechsel der USA ins Lager der Feinde der Demokratie, unterstützt von einer Mehrheit der amerikanischen Wähler:innen.

Der konzertierte Angriff der USA auf die Grundlagen der eigenen Prosperität und globalen Vormacht. Die politische Theorie hat noch keine Begriffe für einen solchen Vorgang. Man wird später vielleicht von einer Dialektik der Demokratisierung des Wissens sprechen müssen, einer Entwicklung, in der die fragile kognitive Arbeitsteilung der liberalen Demokratie, die Experten Status und Autorität verlieh, von einem allgemeinen Recht auf eigene Nachforschungen und einem daraus sich ableitenden Anspruch auf Expert:innen-Status für alles, was gerade ansteht, unterminiert wird. In den USA verbindet sich diese Dialektik der Demokratisierung des Wissens in besonders toxischer Weise mit der weit verbreiteten und etwa schon von John Kenneth Galbraith monierten Fehlannahme, dass Reichtum etwas mit Intelligenz zu tun habe. KI-Chatbots und ihr Versprechen einer von Arbeit entlasteten Wissensgewinnung sind die exemplarische Technologie dieser Dialektik, Robert Kennedy Jr., Elon Musk und die Trump-Söhne, die bei einer Internet-Recherche auf amazon auf die Schriften des Strafzoll-Fanatikers Peter Navarro stießen und diesen ihrem Vater schmackhaft machten, sind ihre Personifizierungen.

Patrick Bahners Outing als Linksintellektueller an der Tagung Der große Kanton in Zürich. So jedenfalls geschehen in der Wahrnehmung eines deutschen Feuilletons, das, so scheint es, in weiten Teilen im Modus der kolonialen Subjektivität reflexartig die Rahmungen der amerikanischen cultural wars übernimmt und diese mit dem indigenen Ideologem der Staatsräson amalgamiert. So bricht die Verbindung ab zwischen dem «klassischen Liberalen», der man zu sein behauptet und als der man gegen «Denkverbote» vorzugehen in Anspruch nimmt, und dem Liberalen, der Bahners ist und als der er tatsächliche Einschränkungen zulässiger Positionierung benennt und kritisiert.  

Der Berliner Umlandfilm. Jenny Erpenbeck schreibt deutsche Geschichte als Familienchronik im Berliner Umland. Juli Zeh mag ihre Nazi-Nachbarn im Berliner Umland. Im Kino häufen sich zugleich die Berliner Umland-Filme, von In die Sonne schauen von Masha Schilinski bis Miroirs No. 3 von Christian Petzold, gedreht in der Uckermark. Nicht, dass die Filme nicht gut wären. Aber dass die Datscha solche Konjunktur hat im deutschen Kino ist bedenkenswert und erinnert an Kracauers Beobachtung einer Präferenz des Weimarer Kinos für geschlossene, kontrollierte Räume, in denen die Komplexität des Großstadtlebens durch Ausblendung reduziert wird.

Sinners. Ryan Coogler erzählt die große Wanderungsbewegung aus dem amerikanischen Süden nach dem Abbruch der Reconstruction und der Einführung der Jim Crow-Rassentrennungsgesetze als Vampirgeschichte im Unterhaltungsmilieu mit Michael B. Jordan in einer Doppelrolle. Wäre noch erfolgreicher geworden, wenn das verleihende Studio den Film nicht als Nischenprodukt vermarktet hätte.

Miszellen zu Indonesien:

Die Buru-Tetratolgie des indonesischen Schriftstellers Pramoedya Ananta Toer, der 2025 einhundert Jahre alt geworden wäre. Vom Suharto-Regime ohne Anklage zehn Jahre auf der Gefängnisinsel Buru in Lagerhaft gehalten, verfasste Pramoedya seine Tetralogie zunächst in mündlicher Form, als Erzählung für seine Mitgefangenen, und verschriftlichte sie nach seiner Freilassung. Protagonist der Tetralogie ist die Figur von Raden Mas Minke, eines adeligen Javaners, der im Handelshafen Surabaya zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein niederländisches Elite-Gymansium besucht und schließlich zum Begründer einer nationalen Widerstandsbewegung gegen die niederländische Kolonialherrschaft wird. Inspiriert von der historischen Figur des Journalisten Raden Mas Tirto Soerjo, leisten die Romane von Pramoedya eine genaue Analyse der kolonialen Herrschaftstechniken und vor allem der Sprachpolitik der Niederländer. 

Gadis Kretek. Joshua Oppenheimers The Act of Killing machte den Rest der Welt im Modus der Tätergeständnis-Pornographie bekannt mit den Massenmorden, die das Suharto-Regimes an vermeintlichen Kommunist:innen in den 1960er Jahren verüben ließ. Die Mini-Serie Gadis Kretek (Das Zigarettenmädchen, zu finden auf Netflix, produziert allerdings schon 2023) erzählt diese Geschichte elegant und stilbewusst als historisches Melodrama und Chronik subtiler Verstrickungen in der Tabak-Industrie, einem Hauptgeschäft in einem Land, das zu den wichtigsten Tabakproduzenten der Welt gehört und in dem die Mehrheit der Bevölkerung Kette raucht. Die Hauptfigur ist eine junge Frau, die unter Umgehung traditioneller Geschlechterollen fürs väterliche Unternehmen eine neue Gewürzmischung für die traditionelle Nelkenzigarette, die Kretek, entwickelt. Reich wird damit schließlich ihr treuloser Liebhaber, der sie vor dem Zugriff der antikommunistischen Schergen nicht schützt, die ein Konkurrent auf die Familie der Protagonistin angesetzt hat. Dass der Antagonist erkennbar ein ethnischer Chinese ist, lässt sich allerdings als Nachklang des ideologischen Erbes von Suharto verstehen, der in den späten 1967er Jahren eine Politik der systematischen Diskriminierung der sino-indonesischen Minderheit etablierte, mit dem Argument einer vermeintlichen ökonomischen Ausbeutung der ethnisch malayischen Mehrheitsbevölkerung.

Sri Asih ist eine Action-Heldin aus dem Bumilangit Cinematic Universe, dem indonesischen Gegenstück zum Marvel Cinematic Universe, benannt nach dem Comic-Verlag Bumilangit («Erde und Himmel»). Der Film gleichen Namens, erschienen 2022 unter der Regie der Action-Thriller-Spezialistin Upi Avianto, verbindet Elemente des indonesischen Martial Arts-Films mit einem Fantasy-Elementen und einer Story, in der die Bösewichte korrupte Oligarchen sind. Außerdem beginnt der Film ortstypisch mit einem Vulkanausbruch, in dem die Ursprünge der Superkraft der Heldin liegen. Ähnlich wie bei neueren koreanischen und indischen Großproduktionen stehen die Spezialeffekte denen großer Hollywood-Produktionen in nichts nach. Standortvorteil Niedriglohn-Land. Als die pakistanische Journalistin  Fatima Bhutto vor einigen Jahren einen «new world order of cultural production» verkündete, hatte sie Djakarta, mittlerweile mit der Agglomeration mit Bandung mit über 50 Millionen Menschen die bevölkerungsreichste Stadt der Welt, noch nicht auf dem Schirm. Nun werden die Alternativen zu Hollywood immer zahlreicher und vielfältiger.

Dass die koloniale Plantagenbesitzer-Mentalität in den Niederlanden immer noch virulent ist, konnten im Juni 2025 die Herausgeber:innen und Autor:innen der Film- und Medien-Buchreihen bei Amsterdam University Press erfahren. Ohne vorherige Konsultation veräußerte der Besitzer von AUP, der die Namensrechte und das Verlagsprogramm vor einigen Jahren von der Universität Amsterdam übernommen und den Verlag vorerst unbehelligt weitergeführt hatte, wenn auch mit einer veränderten Preispolitik, die gesamten Film- und Medienreihen an Taylor & Francis und das Konglomerat Informa LTD. Beheimatet im Steuerparadies Guernsey gehört Informa zu den großen fünf der Wissenschaftsverlage, die besonders durch überzogene open access-Gebührne mittlerweile Jahresgewinne von bis zu 40% erwirtschaften. Das Geschäftsmodell besteht darin steuerfinanzierte und von strukturell unterbezahlten Forscher:innen erzielte wissenschaftliche Ergebnisse zu völlig überzogenen Preisen an die Gemeinschaft der Hersteller:innen zurück zu verkaufen. Weil diese für die Fortsetzung ihrer Arbeit auf den Zugang zu neuer Forschung angewiesen sind und für den Erfolg ihrer Karriere darauf, dass ihre Ergebnisse in möglichst prominenten Zeitschriften und Buchreihen veröffentlicht werden, sind Wissenschaftler:innen dem Kartell der Großverlage weitgehend schutzlos ausgeliefert. Und weil Wissenschaftler:innen dazu erzogen sind als Einzelkämpfer:innen zu agieren und sich nicht zu organisieren, regt sich auch kein Widerstand. Mit der Strategie der hohen Bepreisung von Leistungen, die von anderer Hand finanziert sind, unterscheiden sich die Wissenschaftsverlage mittlerweile nicht mehr wesentlich vom Modell der Schutzgelderpessung. Weil die Film- und Medienwissenschaft aber ein kleines Fach ist, das auf große Zeitschriften nicht in derselben Weise angewiesen ist wie  und auf europäischem Niveau gut organisiert ist, führt der Verkauf des Film- und Medienprogramms von AUP an T&F zu einem Aufstand: In großer Zahl zogen sich Herausgeber:innen und Beiräte mit einem öffentlichen Statement zurück, mit finanziellen Konsequenzen für den Besitzer von AUP, weil dieser seinen Abnehmern die Lieferung von Namen, Standing und Prestige der Herausgeber:innen versprochen hatte. Ganz so, als wären diese Wissenschaftler:innen und ihre Arbeitskraft sein persönlicher Besitz. Über den Aufstand war der Besitzer von AUP sehr erbost und äußerte sich in einer Weise, die Leser:innen von Parmoedya Ananta Toer durchaus vertraut vorkommen mochte.

Vor einingen Jahren verfasste der kenyanische Schriftsteler Binyawanga Wainaina einen Essay mit dem Titel «How to write about Africa», ein Kompendium von Klischees, die man beim Schreiben über Afrika unbedingt berücksichtigen sollte. Ausgehend von einem berühmten Zitat der damaligen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin arbeitet der Blog Africa is a Country seit einigen Jahren daran solche Wahrnehmung zu unterlaufen. Zwei Bücher, die 2025 erschienen und geeignet sind, zu einer solchen Perspektivenverschiebung weiter beizutragen: Slow Poison. Idi Amin, Joweri Musevini and the Making oft he Ugandan State von Mahmoud Mamdani, mittlerweile in erster Linie berühmt nicht mehr als Autor grundlegender Arbeiten zur politischen Geschichte und Theorie der europäischen Kolonisierung und ihrer Folgen, sondern als Vater des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, und The Second Emancipation. Nkrumah, Pan-Africanism and Global Blackness at High Tide von Howard French, wie Mamdani Professor an der Columbia University in New York. Mamdanis Buch ist zugleich eine Autobiographie und eine politische Geschichte seines Herkunftslandes Uganda, wobei die autobiographische Komponente auch explizit der Kompensation einer mangelhaften Archivlage dient. Das langsame Gift ist die schleichende Rückkehr zum kolonialen Prinzip des Tribalismus, der Aufspaltung der Gesellschaft in ethnisch definierte Untergruppen, die im Sinne des divide et impera gegeneinander ausgespielt werden. Contra Walter Rodney, mit dem Mamdani in den 1970er Jahren an der Universität von Dar-es-Salaam gemeinsam lehrte und der in How Europe Underdevelopped Africa ähnlich wie Kwame Nkrumah mit seinem Begriff des Neokolonialismus in erster Linie die ehemaligen Kolonialmächte für die Dysfunktion afrikanischer Staaten nach der Unabhängigkeit verantwortlich machte, verschiebt die These des langsamen Gifts den Fokus der Analyse aufs Landesinnere und macht die regierenden Eliten für ihr eigenes Tun haftbar. Bemerkenswert an dem Buch ist nicht zuletzt Madmanis nuancierte Darstellung von Idi Amin – bemerkenswert auch deshalb, weil Mamdani und seine Familie zu Beginn der 1970er Jahre von der Regierung Amins enteignet und des Landes verwiesen wurden, im Zuge einer Politik, die – ähnlich wie Suhartos anti-chinesische Politik in den 1960er Jahren – die indischstämmigen Händler und Geschäftsleute für die anhaltende Armut in dem Land verantwortlich machte und ihnen die Bürgerschaft und alle Rechte absprach.  Nachdem Idi Amin sich von seinen ursprünglichen Sponsoren Israel und Großbritannien ab- und Libyen und Saudi Arabien zugewandt hatte,  wurde er mit großem Erfolg zum Bösewicht globaler Dimension aufgebaut, bis hin zur Zuschreibung kannibalischer Essgewohnheiten, einem Topos aus der Schundecke der Literatur, die Wainaina mit seiner Polemik im Visier hatte. Dem setzt Mamdani das Bild eines intelligenten Politikers entgegen, der von seinen vermeintlichen Handlern immer wieder unterschätzt wurde. The Second Emanciaption ist der zweite Band einer Trilogie über Global Blackness. Der Band stellt die Lebensgeschichte von Kwame Nkrumah ins Zentrum und erzählt diese als Bildungsroman eines politischen Sonderbegabung, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist und auch durch eine Verkettung günstiger Umstände zur Führungsfigur des Pan-Afrikanismus wird. Frenchs ausdrückliche Absicht ist es afrikanische Geschichte neu zu zentrieren. Im Unterschied zu Mamdani, der seine Doktortitel in Harvard erwarb, danach aber bis 1999 ausschließlich an afrikanischen Universitäten in Kampala, Dar-es-Salaam und Capetown lehrte, tut er dies von einer amerikanischen Universität aus, immerhin aber einer, deren Campus direkt an der Grenze zu Harlem liegt, einem der Schauplätze von Nkrumahs Bildungsbiographie. Dass er mit den afrikanischen Schauplätzen des Geschehens nicht minder vertraut ist, wird aus dem Text aber immer wieder ersichtlich. So gelehrt wie lesbar und engagiert.

 

 

Stephan Herczeg

2025, ein wirklich dunkles Jahr. Mich selten so viel geärgert, beunruhigt und aufgeregt. Trump, Musk, Vance, Ukraine, Gaza, Israel, AfD, Orban, um nur die offensichtlichsten Aufregerthemen zu nennen. Dann gleich zu Jahresbeginn mit zunächst unerfreulich scheinender Diagnose auch noch im Krankenhaus gelandet. Ist aber nochmal gut gegangen. Trotzdem ein paar Monate gebraucht, um mich wieder abzuregen.

Wie mit all dem Scheiß umgehen? Denn wie sich herausstellte, Achtung Modewort, bin ich einfach null resilient und möchte es durch Nachrichtenaskese, Resignation oder Verdrängung auch nicht werden. Abendlicher Lieblingseskapismus deswegen weiterhin das Kino. Viel im Kino gewesen. Fast an Roland Barthes herangekommen, der ja angeblich mal gesagt hat, er gehe nicht viel ins Kino, nur einmal pro Woche.

Ich finde, 2025 war ein richtig gutes Kinojahr mit so vielen sehr guten und komplett unterschiedlichen Filmen. THE BRUTALIST von Brady Corbet war für mich in seiner grandiosen Monumentalität der beste Film des Jahres. Dicht gefolgt von den drei Filmen der OSLO STORIES von Dag Johan Haugerud, SIRĀT von Óliver Laxe und IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski. Besonders gut gefallen haben mir aber auch MOND von Kurdwin Ayub, DER FLECK von Willy Hans, PETER HUJAR’S DAY von Ira Sachs, CACTUS PEARS von Rohan Kanawade und THE SECRET AGENT von Kleber Mendonça.

Auch viele sehr gute Ausstellungen gesehen: Sheila Hicks in Düsseldorf. Tata Ronkholz und Lewis Baltz in Köln. Suzanne Valadon, Cimabue, Rick Owens, Wolfgang Tillmans, Georges de la Tour, John Singer Sargent und Bilal Hamdad in Paris.

Vor lauter Doomscrolling nur wenig gelesen, aber der Roman Die Perfektionen von Vincenzo Latronico ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Als Vorbild hat sich Latronico wohl Perecs Die Dinge genommen und beschreibt nüchtern und präzise das Leben eines Expat-Paares in Berlin: Wohnen, Arbeiten, Internet, Essen, Sex, Soziale Medien, Reisen, Gentrifizierung. Latronico kann das alles ungeheuer gut in Worte fassen. Schon lange nichts mehr so Unpeinliches zu diesen Themen gelesen.

Und sonst so? Kaum Serien geschaut. SEVERANCE und PLURIBUS hätten mich interessiert, hatte aber keinen Bock, mich bei Apple TV anzumelden. Die 3. Staffel von THE WHITE LOTUS war ganz okay, aber jetzt ist auch mal gut mit den erfundenen Reichen-Stories in Luxushotels. Social Media, auch so ein Thema, das mich zunehmend abturnt. Schon krass, wie sich das alles in den letzten 25 Jahren verändert und entwickelt hat. Dieses Rumwursteln auf Mastodon ist auf jeden Fall höchst unbefriedigend.

 

 

Sabine Herpich

Im Januar beschließe ich, mich auf eine Teilzeitstelle als persönliche Assistentin für Menschen mit Einschränkungen zu bewerben – ich will mit einem Bein raus aus der Filmbranche und mir Miete und Essen durch eine sinnstiftende Arbeit im sozialen Bereich verdienen und auch Zeit für meine künstlerische Tätigkeit haben.

Im Pflegebasiskurs sitzt in der Reihe hinter mir eine Schauspielerin und vor mir ein Dramaturg. Die Dozentin erklärt uns die Bedeutung der Waschsymbole, die auf den Innenseiten der Kleidung abgebildet sind, und einen Moment lang überkommt mich das Gefühl, gescheitert zu sein. Kurz danach überwiegt die Freude über meine neue sozialversicherte Festanstellung mit bezahltem Urlaub. Grundpflege gegen Grundversorgung und einmal pro Woche arbeite ich weiterhin im fsk-Kino, weil die Kolleg*innen meine Familie geworden sind. Daneben bleibt Zeit für neue Filmprojekte, aber ich habe kein Glück, die Institutionen, mit denen ich in Kontakt trete, sind nicht interessiert an einem Film über sie von mir.

BARBARA MORGENSTERN UND DIE LIEBE ZUR SACHE wird zu Festivals eingeladen und ich kann mir dort Dokumentarfilme anschauen, sehr spät erst lerne ich die Arbeiten von Kristina Konrad kennen. Bei den Festivals zeigt sich schon, was sich beim Kinostart bestätigt: nicht alle, die Barbara Morgensterns Musik gerne hören, interessieren sich auch für den Film. Die Zuschauer*innenzahlen bleiben irritierend gering. Vereinzelt sprechen mich nach den Vorführungen Leute an, denen der Film etwas gegeben hat.

Im September zeigt das GEGENkino-Festival in Leipzig sechs Filme von mir, Friederike hält einen einführenden Vortrag. Ich freue mich über dieses Geschenk und habe ein schlechtes Gewissen, weil meine Filme kaum Publikum anziehen. Tausend Dank dem GEGENkino-Festival für alles. Und Tilman, Friederike und Tobias für das schöne Wochenende dort.

Noch nie habe ich mich so intensiv mit Wirtschafsthemen befasst wie in diesem Jahr. Ich lese Artikel und höre Podcasts zu Staatsschulden, Überreichtum, Steuerungerechtigkeit und Militär-Keynesianismus. Im November entgleitet eine Diskussion mit einem Freund: er findet, wir reden nur über Umverteilung, aber nicht über Fachkräftemangel und Überregulierung, wir sehen die Probleme der Industrie nicht. Mittlerweile würden in Deutschland viel zu viele Leute studieren, früher hätten alle noch mitangepackt. Die besseren Gegenargumente fallen mir leider erst hinterher ein.

Der Streit hallt lange nach. Wäre ich zwanzig Jahre früher geboren (wie meine Mutter), hätte ich nicht studiert. Ich hätte vermutlich nach der Hauptschule eine Ausbildung begonnen, anschließend Vollzeit gearbeitet und weit mehr in die Rentenkasse eingezahlt als jetzt. Mit Kunst hätte ich wahrscheinlich wenig Berührung gehabt, meine Großeltern, Land- und Gastwirte, mussten ihr Leben lang hart arbeiten und pflegten ein Ressentiment gegenüber all denjenigen, die in ihren Augen nur Schmarrn machten.

Im Dezember entdecke ich die KI Claude für mich. Ich frage Claude, wie viele Filme dieses Jahr in Deutschland regulär im Kino gestartet sind. Dann frage ich nach den Zuschauer*innenzahlen und dann nach der zeitlichen Entwicklung der beiden Zahlen. Während die Anzahl der Kinofilme kontinuierlich steigt, sinkt die Zahl derjenigen, die sich die Filme im Kino anschauen dramatisch. Claude fügt hinzu: es stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit. Das Wort löst eine Kettenreaktion in mir aus: nachhaltig – erneuerbar – CO2-Emission – Klimawandel – Überproduktion – Degrowth. Bin ich Teil des Problems???

2025 habe ich wieder mehr Filme verpasst als gesehen. Ich mochte THE MASTERMIND von Kelly Reichardt sehr – sie gehört eh zu meinen Lieblingsregisseur*innen. Wie sie ihren Protagonisten in Beziehung setzt zu Familie, Freundeskreis, Gesellschaft, bietet mir Stoff zum Nachdenken. In dem bayrischen Landkreis, in dem ich aufgewachsen bin, kann man ihre Filme leider nicht im Kino sehen.

 

 

Patrick Holzapfel

Dieses Jahr sind mir einige Menschen begegnet, an die ich mich gern erinnern würde. Ein Mann in Zürich beispielsweise, der mir mit ausgebreiteten Armen den Flug einer Eule schilderte im Foyer eines Kinos, und der sich dann entschuldigte, weil er vor der Tür rauchen wollte. Es regnete, und er kam nicht mehr wieder. Er gab mir allerdings zuvor eine Postkarte mit einem Bild von Pirandello, die seither auf meinem Schreibtisch liegt. Ein anderer Mann, der in Genua lebt, und der von seinem kleinen Garten aus beobachtete, wie ich umherging, und mit dem ich ins Gespräch kam, wobei mir geblieben ist, dass er sich fragte, wie wir sicher sein könnten, jeden Morgen die gleichen Vögel singen zu hören. Er hatte eine ganz ausgewählte, eigenwillige Sprache, ich wollte mir alles aufschreiben, was er von sich gab. Eine jüngere, ganz in Schwarz gekleidete Frau, mit der ich auf einer Terrasse stand, und die zum Himmel deutete und von blauen Löchern sprach. Ein Kind mit zinnoberroter Jacke, das mir in einem Wiener Kaffee ein Spielzeugauto schenkte, und dann schnell davonlief. Ein alter Mann, der im Januar mit einem Gehstock bei starkem Wind über einen Steg auf der Insel Krk ging, unbeeindruckt von der eiskalten Gischt, die ihm ins Gesicht sprühte. Ich fragte ihn nach dem Weg, und er lächelte nur stumm und zeigte mit seinem längsten Finger auf einige Felsen. Dann sagte er mir, dass es bald regnen würde. Ich ging zu den Felsen und fand keinen Weg, aber das mit dem Regen stimmte. Eine Frau, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, die mir sagte: «Irgendwo gibt es eine, die mehr weiß als wir, aber sie sagt nichts.» Ich saß mit ihr unter einigen Kastanienbäumen in einem Park in Wien, und wir erinnerten uns an etwas, was wir mal zusammen erlebt hatten. Jetzt werden wir uns wieder sechzehn Jahre nicht sehen, das ist wahrscheinlich ein gutes Zeitfenster, um sich gerade noch wiederzuerkennen. Eine alte Frau, die das Grün zwischen den Kopfsteinpflastern in einer windanfälligen Gasse im Wiener Bezirk Währing herausriss. Ich traute mich nicht, ihr zu sagen, dass ich nicht gutheiße, was sie da tue, weil sie dieses unnachgiebige Zupfen zu brauchen schien, um atmen zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht die gleiche Frau war, die jeden Abend die darbenden Kohlmeisen im nahen Schubertpark fütterte. Eine alte Dame mit Hut und Dackel an der Leine, die in einem Park in Duisburg saß und mir sagte, dass ich aufpassen müsse, die Dämonen lauerten heute überall. Ein Fischer, der stundenlang allein und in sich zusammengekauert an der Südküste Krks hockte, sodass ich ihn ansprach, nur um sicherzugehen, dass er nicht für immer eingeschlafen war, an dieser Stelle, wo man in den entsprechenden Verhältnissen glauben könnte, dass Himmel und Meer aus dem gleichen diaphanen Licht bestehen. Ein erschrockener Mann, der sich im Spiegel betrachtete und bemerkte, dass er nun ganz vollendet wäre, dass er genau sehen könne, wie ab jetzt der Zerfall einsetzen würde. Manchmal kommt es mir vor, als wären die Menschen am schönsten, wenn sie nur so an einem vorüberwehen. 

 

 

Felix Hüttemann

Filme, Musik und Serien, die sich dieses Jahr gelohnt haben:

Câreme: Eine in der Kulturgeschichte der Kulinarik und Diplomatie wichtige Figur wurde dieses Jahr von Apple TV zum Serienhelden auserkoren. Interessanter Stoff, optisch recht charmant aufbereitet, wenngleich die Serie eine Affinität zeigte in ein «Fifty Shades of Blätterteig» abzudriften.

Aus Câreme wurde ein «Koch-David-Bowie» mit iPad-Gesicht mit großer optischer Ähnlichkeit zum Sänger der Neo-Eighties Band Brigitte Calls Me Baby. Diese ist wiederum eine musikalische Entdeckung, die mir dieses Jahr sehr viel Spaß gemacht hat. Empfehle die Songs: Fine Dining (natürlich) und We were never alive, weil er so dermaßen alt klingt, man glaubt ihn schon gehört zu haben. Im Grunde spreche ich hier von George Michael meets The Smiths in der Gen Z Version. Von Câreme ist es natürlich zur aktuellen Staffel The Bear nur ein mentaler Katzensprung. Auch diese Serie krankt an der Sackgasse des Protagonisten und enttäuschte etwas mit der neuen Staffel. Aber dennoch beides, Câreme wie The Bear, mit Freude gesehen.

Eines der größten popkulturellen Einflüsse, unleugbarer Weise war Irland. Irish Influence in der Musik von Fontaines D.C. und Kneecap etwa. Finde ich zwar aus verschiedenen Gründen nicht besonders gut, lieferte aber die Musik zu zwei der spannendsten Serien diesen Jahres: Mobland (Der affektarme, aber nicht unbedingt gewissenlose, Problemlöser Tom Hardy trifft auf Pierce Brosnan, semi-seniler Clanchef mit schlechtem irischem Akzent, und auf eine machiavellistische und impulsive Matriarchin, verkörpert von der fantastischen Helen Mirren). Und natürlich ebenso House of Guinness. Eine Serie nicht ohne Schwächen, aber durch das Lokalanekdotische für gut befunden, weil zufälligerweise zwei Wochen vor Erscheinen der Serie in Dublin gewesen und die Kulissen und Orte, bspw. St James Gate,  wiedererkannt.

Durch die Lehre eines «Medien der Kulinarik» Seminars wieder gesehen und für gut befunden: Chefs Table, Drops of God, The Menu, Sour Grapes u.v.a. sehr Lohnenswertes.

Gutes:

The New Yorker at 100: Schönes Portrait eines der weiterhin wichtigsten und schönsten Magazine der Welt.

The Beast in Me: Ich habe einfach eine Schwäche für Claire Danes. Aber auch  Matthew Rhys als etwas klischierter Nachbarschafts-Hannibal Lecter war durchaus unterhaltsam.

Adolescence:  Völlig zurecht preisgekrönt. Auch wenn das Thema Manosphere bei mir in Forschung und Lehre präsent war, hat die Serie zusätzlich Eindruck hinterlassen. Das komplette, negative Gegenstück zu dieser hervorragenden Serie war für mich Monster. The Ed Gein Story (siehe unten).

After the Hunt: Entgegen der Kritik hat mir der Film von Luca Guadagnino mit Julia Roberts als selbstzerstörerisch-karrieristischer Philosophieprofessorin  gut gefallen und er war für mich sicherlich der unangenehmste und gleichzeitig spannendste Film des Jahres.

Schlechtes:

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery: Leider etwas blass, vorhersehbar und komplett ohne den Cluedo-Charme der Vorgänger. Der  hochglanzbesetzte Cast saß gefühlt nur in der Kirche oder im Gemeindehaus herum, um sich Monologe von Daniel Craig anzuhören.

Monster: The Ed Gein Story: Wirklich extrem furchtbar. Allein durch die in der Serie versuchte Bezugnahme auf die Shoa, ist sie  allein schon grenzwertig. Insgesamt auch noch komplett geschmacklos (Den Witz über die Geschmacklosigkeit des Kannibalen, spare ich mir an dieser Stelle). Außerdem ist die Zeit von Method-Acting-Männern, die sich heroisch in die strapaziösen  und «abgründigen» Rollen werfen, wahlweise Serienkiller oder Rockstar mit Trauma (dieser unsägliche Bruce Springsteen-Film: Deliver me from Nowhere) muss doch mal vorbei sein.

Nosferatu: Schwerasthmatische Situationship mit sehr hohem Altersunterschied in neogothic und langatmiger Andeutungsschwere. Dem Film ging komplett die Luft aus und war ebenso furchtbar wie langweilig.

 

 

Dominik Kamalzadeh

Einige (hybride) Filme, die mich dieses Jahr begeistert und beschäftigt haben (und in etwas weniger Listen auftauchen):

Wind Talk To Me (Vetre, pričaj sa mnom) von Stefan Djordjevich: ein Familien-, Rückkehr- und Heimwehfilm, der dennoch stets nach vorn blickt, weil er das Zyklische in den Blick nimmt. Die Erinnerung an die unlängst verstorbene Mutter erscheint beim Besuch des alten Landhauses nicht als Bürde, sondern als Zugang zu einer Lebensform – als etwas, das weiterträgt, weil es verbindet.

In Yrupe von Candela Sotos wird die Erinnerung botanisch. Der Film ist benannt nach einer mysteriösen südamerikanischen Tellerpflanze, die der Großvater der Filmemacherin erforschte und filmte – ein Mann, der zugleich gegen Franco kämpfte. Pflanzen und Politik, Naturgeschichte und Ideologie geraten bei Sotos in ein poetisches Spannungsverhältnis. Subkutan arbeitet der Film daran, sichtbar zu machen, was diese Sphären verbindet: Wachstum und Widerstand.

Auch The Love That Remains von Hlynur Pálmason setzt bei der Familie an, bei Trennung und Verlust, und schlägt dann eine unerwartete Richtung ein. Er handelt überraschenderweise von dem, was nicht verloren gehen kann. Ein Film, der nicht urteilt, sondern verzeichnet – vielschichtiger, herzergreifender und komischer, als es das Thema zunächst vermuten ließe.

Evidence von Lee Anne Schmitt: eine Familienanalyse, die zugleich eine politische Archäologie ist. Ausgehend von der Karriere ihres Vaters bei der Olin Corporation rekonstruiert Schmitt die Verflechtungen von Kapital, Industrie und dem langfristigen Aufbau der neokonservativen Bewegung in den USA. Familie als Brennglas ideologischer Kontinuitäten – Kapitalismus und Ideologie als unauflösliche, fatale Einheit, auch dort, wo man sie lieber getrennt denken möchte.

With Hasan in Gaza von Kamal Aljafari, in dieser Zeitschrift ja bereits ausführlich gewürdigt, führt ins Archivale einer gegenwärtigen Katastrophe. Kino als Speicher dessen, was ausgelöscht wurde. In der minimalinvasiven Montage und dem zurückhaltenden, aber umso eindringlicheren Einsatz von Musik macht Aljafari seine wieder entdeckte Reise nach Gaza nicht nur erfahrbar, sondern lesbar – eine Reinheit der filmischen Geste, die selten ist.

 

 

Rainer Knepperges

Der schöne Versuch, sich zu zweit am Küchentisch einen Satz von Niklas Luhmann einzuprägen: «In der spezifisch menschlichen Möglichkeit der Negation liegt unverzichtbare Vorläufigkeit – nämlich die Möglichkeit, auch Negationen wieder zu negieren.»

Der Spaß zu dritt am Küchentisch die KI zu drängen, Witze zu erzählen. Dann mit groben Worten ihre Unfähigkeit verspotten, bis die KI wütend wird.  

Überraschend viele Überraschungen. Filmgeschichte

HELL’S HEROES (1929 William Wyler) | BAMBINI IN CITTÀ (1946 Luigi Comencini) * | DER SCHINDERHANNES (1958 Helmut Käutner) | UND DAS AM MONTAGMORGEN (1959 Luigi Comencini) * | IL DIAVOLO (1963 Gian Luigi Polidoro) * | TOPOGRAPHIE RANGIERBAHNHOF NÜRNBERG (1975 Dieter Wieland) | BREAKING AWAY (1979 Peter Yates) | HOT CHILD IN THE CITY (1987 John Florea) *  

Das schöne Wiedersehen. Etwas lebhaft erinnertes wieder zu erleben! Eine wilde Sache:

LIFEBOAT (1944 Alfred Hitchcock) * | THE WORLD IN HIS ARMS (1952 Raoul Walsh) * | WHATEVER HAPPENED TO BABY JANE (1962 Robert Aldrich) * | INCOMPRESO (1966 Luigi Comencini) * | DIE SCHWARZFAHRER (1983 Manfred Stelzer) * | HUNGER (1992  Marsch, Herzog, Knepperges) *

* in Kinos, in Köln, Wien, Karlsruhe, Bologna, Port Navalo, Frankfurt und Nürnberg.

JUROR #2 (2025 Clint Eastwood) * | HERETIC (2024 Scott Beck, Bryan Woods) * | LUCIO CORSI: VOLEVO ESSERE UN DURO (2025 Tommaso Ottomano) | OLLY: DEVASTANTE (2024 Amedeo Zancanella) | A COMPLETE UNKNOWN (2024 James Mangold) *  |
CONCLAVE (2024 Edward Berger) * | THE CONJURING 4 (2025 Michael Chaves) * | THE CARPENTER’S SON (2025 Lotfy Nathan) | BILD UND TON GEHEN AUSEINANDER (2025 Nora Ludwig, Johannes Lehnen) *

Musik

Nico: I’m Not Sayin’ (1965) | Alick Nkhata: Kalindawalo Ni Mfuma (1952) | Los Gatos: La Balsa (1967) | Nancy & Lee: Sand (1966, mit Glen Campbell) | They Might Be Giants: The End of the Tour (1994) | Leon Russell, Willie Nelson, Ray Charles: A Song for You (2003) |

Laura Marling: Caroline (2024) | Willi Carlisle: The Great Depression (2024) | Lucio Corsi: Volevo essere un duro (Sanremo 2025)  | Bob Dylan: Garden Party (Ricky Nelson) (San Diego 2025) | Big Thief: Los Angeles (2025) | David Garland: These Days (2025)

Das Erstaunlichste, die Sensation, der Entertainer des Jahres: Timmy No Breaks

 

 

Ekkehard Knörer

Ich habe gar nichts gegen One Battle After Another, hat schon viel schlimmere Oscar-Abräumer gegeben. Er hat mich nur unendlich kalt gelassen. Vielleicht auch deshalb, weil ich ihn in einem riesigen Kino gesehen habe, zwischen Uber und Uber Eats, dem Nicht-Ort, dem nicht einmal ich etwas abgewinnen kann. Oder ich werde alt und sehne mich nach einem inneren Dorf in der Stadt. Dem b-ware-Kino zum Beispiel, in dem ich dank der im September angeschafften Cineville-Karte ziemlich oft war. Sicher ist diese zugerümpelte Kino-cum-DVD-Verleih-Höhle mit ihren XS-Leinwänden nicht nach jedermanns Geschmack, aber nach meinem. Zumal genau hier in den Neunzigern, als ich in der Boxhagener wohnte, der Laden noch eine (aber: meine) Stino-Videothek war, wo ich mir die Couch-Blockbuster ausleihen konnte. (Couch hatte ich aber keine.) Auch das City Kino im Wedding (da wohne ich heute) gehört zum Flatrate-Verbund, hintere Müllerstraße, davor Holz-Eiffelturm, das wäre selbst dann noch ein Geheimtipp, wenn alle Welt dahin strömte. Tut sie aber nicht. Dabei hätte sich das für Sehnsucht in Sangerhausen, den ich in letzter Minute noch erwischt habe, für alle Welt mehr als gelohnt. Bislang war mir das Radlmaier-Kino immer ein bisschen zu schlau ausgedacht und zu uncharmant umgesetzt gewesen, diesmal aber war die marxistisch grundierte, mal komische, mal traurige Suche nach einer besseren Gesellschaft eben nach Sangerhausen, und damit in ein Zwischenreich der Kyffhäusernähe versetzt, wodurch das alles ganz wundersam funktionierte. Das Tilsiter-Kino, in dem ich lange nicht gewesen war, zuletzt aber öfter, obwohl es gar nicht bei Cineville ist, hat einen zweiten, winzigen Saal, keine Ahnung, seit wann, der ist sehr viel mehr breit als tief, drei Reihen mehr nicht, Straßenzugang wie zu einer klandestinen Spelunke. Kill the Jockey lief da, für einen Film, der von den Sachen, die ich normalerweise mag, kaum welche machte, fand ich ihn wirklich sehr toll. Irgendwie fällt man da, im Tilsiter, in ein Vergangenheitsloch, was auch bei den Bierpreisen wirklich angenehm ist. Den Agente Secreto und In die Sonne schauen, beide ihrerseits Reisen durch die, wenn nicht in die Zeit, und die beiden dann doch die Filme des Jahres für mich, habe ich schnöde an zwei Tagen hintereinander in Pressevorführungen gesehen. Den Geheimagenten im Filmkunst 66, fußläufig von meinem Arbeitsplatz zu erreichen. Und In die Sonne schauen im Kino Central, auch so konservierte neunziger Jahre, mitten in Mitte, man marschiert einen Gang hinunter wie durch die Jahrzehnte. Noch so ein Wurmloch. Kann aber auch sein, dass man die Gegenwart bei Licht betrachtet einfach nicht aushalten kann. (Vgl. auch Duolingo, jetzt bei 1241688 XP.)

 

 

Gertrud Koch

Die arbiträre Zeitrechnung in Geburtstagen benötigt Rituale zu ihrem Überleben, denn dass alle nach 365 Tagen ein Jahr älter geworden sind, ist trivial. Dass am selben Tag eines Jahres alle aber unterschiedlich alt werden, macht aus dem Geburtstag einer Person eine Art eigen-zeitliches Ereignis, dessen re-iterativer Charakter gleichwohl rituellen Zuschnitts ist. Ausgeprägte Rituale gibt es für die 10-Jahres-Sequenz. Ein solch ‹runder› Geburtstag, genauer der 80. war Anlass dem Werk der Experimentalfilmemacherin und Filmkuratorin Vivian Ostrovsky (New York, Paris, Rio de Janeiro) eine Retrospektive zu widmen, die von Stefan Ahrens, Petra Palmer und Sissi Tax in der Berliner Akademie der Künste und im Zeughaus-Kino ausgerichtet wurde.

Da ich die Filme bisher nur als einzelne und nie als Werkgruppe gesehen hatte, haben sich für mich neue Aspekte und ein geschärfter Sinn für die eigensinnigen ästhetischen Verfahren Ostrovskys ergeben, die ich knapp skizzieren möchte.

Am 6.12.2025 hatte ich im Zeughaus-Kino um 20:30h einen dieser Blöcke mit den folgenden Worten eingeführt, die ich hier nun als zeitlich und örtlich ungebundene Kritik schwarz auf weiß, wie man so schön sagte, festhalte:

Ostro-Sky – die Lust an der Zuspitzung

Sieht man die meist kurzen experimentellen Film in einen Zeitblock montiert, dann fällt auf, dass Ostrovsky auf mehr als nur einem Zeitstrahl unterwegs ist. So wenig wie sich ihr Werk einer einzigen Zeitordnung zurechnen lässt, so wenig ist sie übrigens mit Kriterien für Genres zu fassen, found footage, slapstick Grotesken, Musik und Tanzfilm, street photography, filmische Tagebücher, Jacques Tati, Jonas Mekas, Kompilationsfilme, Essayfilm, Künstlerportraits: wer sucht, wird es finden. Aber wie kommt es, dass Ostrovsky vor allem Ostrovsky-Filme macht, unter dem eigenem sich einen Namen macht. Lassen Sie mich einen Moment dem Omen des Nomens folgen: Ostro plus sky, eine Schärfe, die vom Himmel kommt. Googles KI klärt auf und ich übernehme das als surrealistische Spielanleitung zum semi-automatisierten Schreiben, nicht als philologisches Zeugnis, denn natürlich ist die historische Bedeutung eine ganz andere, wenn man das «v» wieder in den Namen einfügt und sich auf eine Sprache beschränkt, was aber durchaus nicht zur Person passt, die diesen Namen trägt. Was also ist Ostro-Sky: ein intensiver Himmelskörper?

Aber zurück zu dem sphinxhaften Rätsel, das die KI uns hier stellt:

 «Ostro» (остро) auf Russisch bedeutet auf Deutsch scharf, spitz, heftig, dringend oder intensiv, je nach Kontext, oft im Sinne von «sehr scharf» (z.B. Geschmack), «dringend» (z.B. brauchen) oder «sorgfältig/vorsichtig» (z.B. reagieren) – ähnlich wie das verwandte Wort «Ostro» für einen «Südwind». Zusammenfassend: Es ist ein vielseitiges Adverb, das je nach Situation eine Steigerung oder eine Art von Schärfe/Intensität ausdrückt.“ (Ausgeworfen am 6.12.2025 auf Google)

Ein surreales Passungsverhältnis von Eigennamen und Werk ist hier symbiotisch geworden, denn Ostrovsky’s Filme haben ein Verhältnis zur Zeit, das eine Dringlichkeit vorantreibt, die plötzlich in unscheinbaren Alltagshandlungen aufblitzen. In Uta Makura, an sich einer der ruhigeren Filme, fangen die unterschiedlichsten Leute plötzlich an zu rennen, ein Besen geht seiner Tätigkeit im Zeitraffertempo nach, eine Turnerin scheint noch in der Halle schon auf dem Weg in eher luftige Höhen himmelwärts, auf einmal stürzt ein tosender Wasserfall herab, dessen Beginn wir nicht sehen, so dass das Herabstürzen des Wassers ebenfalls eine Bewegung zur Form werden lässt, die ebenso eine Stasis wie eine vorauseilende Geschwindigkeit hat. Diese Form einer rasenden Bewegung, die ihre Stasis in der Form findet, ist die Eigenzeit vieler dieser Filme.

Das zeichnet sich auch auf der Materialebene ab: Viele Einstellungen und Sequenzen kommen aus dem Archiv, filmische Notizen mit dem Mobiltelefon, Familienalbum, Filmarchive, historische objets trouvés, die von Ostrovsky animiert werden zu diesen Wahnsinnsbewegungsräuschen. In Son chant, einer berührenden Hommage an die gerade aus dem Leben geschiedene Freundin Chantal Akerman, lässt sie Ketten mit Glühbirnen in einem Garten ein eigenes Tänzchen aufführen, das es nur im Film geben kann. Diese kurze Animation einer Einstellung aus einem Film von Akerman ist ebenfalls elementar. Und zwar in Hinsicht auf die Medien, die hier aus Elementen bestehen: das Wasser, die Luft, sind Medien, die Bewegung transportieren: Wellen. Beim Wasser ist das synonym, aber die Luft ist sowohl das Medium des Lichts, wie des Klangs, wie des Winds. Wasser und Luft sind etwas zwischen Himmel und Erde und sie sind Transportmedien: sie tragen etwas weg, der Wind die Glühbirnen, die Flugzeuge, die Lichtstrahlen und Schatten. Es sind die Medien des Liquiden, Flüssigen und mit der Wahl dieser Medien als Gegenstände und Mitspieler der Filmmontage, bewegen sich auch die montierten Formen der Filme in diesem Zwischenreich. In Tatitude entwickeln sich die Episoden des Strandlebens in Splitscreen-Montagen, wo imaginäre Tennisspiele auf der Leinwand des Kinos stattfinden, die nirgendwo sonst stattgefunden haben: M.Hulot spielt über die Zeit und Raumdifferenzen hinweg mit einem Jungen aus einem anderen Film Tennis.

Die Filme sind stark geprägt durch die Tonmontage. Oft scheint es die Musik zu sein, die Tempo macht und die Bilder in diese tänzerischen Volten versetzt, in denen sie plötzlich zu flitzen anfangen, und zu fliegen. Wenn Ostrovsky wiedergeboren würde, dann vermutlich als Tänzerin, beweglich im Zwischenraum von Himmel und Erde, Luft und Wasser – umtriebige Unruhe, die Bewegung in Form bringt, wie Musik, Tanz und Film.

Ich habe, verführt vom Wortspiel mit der KI, die Ästhetik der Leichtigkeit betont, die Zuspitzung des scharfen Witzes, der auch in einem Zwischenreich lebt – zwischen einem Realen und seiner Fiktion. Die Beschleunigung hat aber auch eine andere Seite, die in Son chant ins Bild kommt: die Dinge und Menschen, die Orte und Begegnungen, die vorauszueilen scheinen, verschwinden so plötzlich, wie sie gekommen sind. Im Leichten zieht die Melancholie ein, dass nichts festgehalten werden kann, wenn es einmal im Zeitstrahl davoneilt. Ostrovsky erweist sich als große Monteurin, die Disparates und Unauffälliges erscheinen lassen kann und im Moment des Präsentseins wieder verschwinden lässt, und uns darauf aufmerksam macht, dass, wie Adorno vermutete, Glück eine nachträgliche Erfahrung ist, erst in der Erinnerung werden wir dessen gewahr. Im ästhetischen Wahrnehmen gesteigerter Bewegungsformen dieser Filme glückt die apparativ erzeugte Leichtigkeit. In Son chant wird die materielle Basis, die Arbeit, die in der Kunst steckt, von der Cellistin Sonia Wieder-Atherthon benannt, die Proben, das Üben, die körperliche Beherrschung eines Instruments: Ostrovsky beherrscht mehrere Instrumente, verschiedene Kamera-Typen, vor allem aber den Schneidetisch, an dem Timing und Tempo, Ton und Bild zusammenfinden in einer Form.

 

 

Rainer Komers

Tumbleweed – No 50

In cargo 42 (Juni 2019) habe ich das Dokumentarfilmfestival Big Sky Film Fest in Missoula/MT vorgestellt. Mit Unterstützung von German Films konnte ich im Februar 2019 dorthin fliegen, um meinen Film Barstow, California zu zeigen. Zur Vorführung waren auch zwei Filmfans aus San Francisco gekommen, die Anwälte und Bürgerrechtsaktivisten Cheryl Cotterill und Robert McGlasson. Noch während der Abspann lief, klingelte mein Skype-Telefon, am Apparat: Stanley «Spoon» Jackson aus Solano State Prison, Lyriker, Afroamerikaner und Protagonist des Films. 15 Minuten darf er als Gefangener telefonieren, das Gespräch wird abgehört und mehrmals von einer weiblichen KI-Stimme unterbrochen: «This call will be monitored and recorded» oder «This call will be terminated in 60 seconds.» Mit Cheryl und Robert habe ich nach der Vorführung über Spoon und den Film gesprochen, und während des Festivals haben wir uns noch einige Male getroffen. Beim Abschied versprachen sie: «We want to help Spoon.» Sie haben Wort gehalten und haben Pro bono (unentgeltlich) eine buchdicke Petition an den kalifornischen Berufungsausschuss gerichtet. Die Umwandlung (commutation) seiner Lebenslänglich ohne Bewährung-Strafe in eine Bewährungsstrafe oder eine Begnadigung konnten sie bisher nicht erreichen.

Eine Wende für Schwarze und andere Minderheiten hat der California Racial Justice Act (RJA) von 2020 gebracht, der staatliche Diskriminierung aufgrund von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder nationaler Herkunft bei Strafverfolgungen und Urteilen verbietet. Er ermöglicht es Angeklagten, Beweise für rassistische Voreingenommenheit zu nutzen, um Urteile rückgängig zu machen oder Strafen zu ändern. Cheryl schreibt in ihrer Mail vom 25. März 2025: «Regarding the legal situation, we are planning to file an RJA Habeas Petition in the near future.» Sie will also einen «Writ of Habeas Corpus» beim zuständigen Gericht einreichen, um die Rechtmäßigkeit der Inhaftierung aufgrund von Diskriminierung zu hinterfragen. Die Einreichung dieser neuen Petition verursacht Gerichts- und andere Kosten, und dafür werden Spenden gesammelt. Einzelheiten dazu und zu Spoons erstem Visual Album No Moon gibt es auf Instagram.

Am 29. März 2025 hatte No Moon, erschienen bei Freer Records, in New York Premiere – 14 Titel, von Spoon selbst über das Gefängnistelefon eingesprochen. Zum Titel Tumbleweed habe ich die Visuals geliefert, Szenen aus Barstow, California, Szenen von der Crooks Street am River Bottom, wo Spoon bis zu seiner Verhaftung 1977 gelebt hat. Die Kurzfilmtage Oberhausen haben das Album an drei Tagen mehrere Stunden lang als Loop gezeigt und zur Unterstützung seiner Petition «No 50» bei change.org aufgerufen.

Ich hoffe, dass No Moon, verbunden mit «No 50», beim nächsten Big Sky Film Fest ebenfalls gezeigt wird.  

 

 

Leonard Krähmer

Jahresbeginn mit veritabler Arancini-Vergiftung, einigen Filmen von Mitchell Leisen und der Herausforderung, sich an einen Potsdamer Platz ohne Kino Arsenal zu gewöhnen. Potsdamer Platz, mein persönliches Stockholm-Syndrom. Täglich vorbeiradelnd beobachte ich, wie die «Filmhaus»-Fassade unerbittlich von allem getilgt wird, was an Kultur erinnert. Später im Jahr eröffnet der neue Burgermeister, er ist von der Daimler-Straßenseite auf die Sony-Straßenseite umgezogen – irritierend: hüben wie drüben wurde und wird man gefragt, ob man seine Pommes mit Käse möchte. Den fortschreitenden Niedergang Berlins bekäme man über die Variable «Burgermeisterisierung» ganz gut zu greifen. Für die Schöneberger Filiale musste ein uriger Gyros-Pizza-Currywurst-Imbissallrounder weichen. Einer der wenigen Lichtblicke am Potsdamer Platz: Wiederöffnung der REWE-Filiale Mitte Juni (jetzt mit üppiger Salatbar) in The Playce, der hiesigen Mall mit den verunglückten U-Bahn-Werbekampagnen. In Anke Stellings Merkur-Schlusskolumne ist der Gang zu REWE eine verlässliche Zuflucht, in meiner Mittagspause ist er immerhin die Alternative zur «Pizzazunge» und anderen kulinarischen Verbrechen aus der Stabi Cafete. Jenseits des Potsdamer Platzes bin ich PENNY-Gänger, und zwar aus Überzeugung.

Während der vereisten Berlinale beinahe Steißbeinfraktur am Marlene-Dietrich-Platz. Außerdem: NAERATA OMETI (Leida Laius), WHEN THE SUN IS EATEN (Kevin Jerome Everson), LE RENDEZVOUS DE L’ÉTÉ (Valentine Cadic), AFTER DREAMING (Christine Haroutounian), WHAT DOES THAT NATURE SAY TO YOU (Hong Sang-soo). Weitere Aufenthalte bei Festivals mit den üblichen Gehirnfäulniserscheinungen. Bei der Vorführung von YES (Nadav Lapid) im mondänen Stadttheater Karlovy Vary hängt jemand im Balkon über mir eine riesige Israel-Fahne über die Balustrade: die seltsam passende satirische Rückkopplung zu einem sehr anstrengenden, weil sehr «gegenwärtigen» Film, der sich in Summe leider weniger satirisch als neorealistisch anfühlt. Außerdem: MR. VAMPIRE (Ricky Lau), BLUISH (Milena Czernovsky/Lilith Kraxner), PARTITION (Diana Allan). In San Sebastián bedeutend mehr Zeit am Strand und in den Gassen als im Kino verbracht. Im Kino: BLUE HERON (Sophy Romvari), LAS CORRIENTES (Milagros Mumenthaler), COBRE (Nicolás Pereda), NUESTRA TIERRA (Lucrecia Martel). In den Gassen: baskische und palästinensische Flaggen und deutsche Touris. Am Strand: Strand.

Im Juli ausgiebige Beschäftigung mit Víctor Erice. Im März Filme von Axelle Ropert (Criterion Channel) und Roberto Gavaldón (arte). Die vor Exotismus triefenden, aber trotzdem schönen Istanbul-Kurzfilme von Maurice Pialat, besonders MAÎTRE GALIP und PEHLIVAN (Außenmagazin Amerika-Gedenkbibliothek). Holländisches Doppel: DE TIJD (Johan van der Keuken, AGB) und ONGEDAAN GEDAAN (Frans van de Staak, Internet). ONLY ANGELS HAVE WINGS und BALL OF FIRE (Howard Hawks, Couch, jeweils zweimal). CHRISTMAS IN JULY (Preston Sturges, Youtube). BEING JOHN SMITH (John Smith, lecinemaclub.com). ALL MY LIFE (Bruce Baillie, «Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun»).

Übers Jahr verstreut in Berliner Kinos: YOUNG MR. LINCOLN (John Ford, filmkunst 66). TARDES DE SOLEDAD (Albert Serra, Brotfabrik). SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN (Julian Radlmaier, fsk). FAMILIAR TOUCH (Sarah Friedland, Wolf). GOLDEN EIGHTIES (Chantal Akerman, Zeughaus). DRY LEAF (Alexandre Koberidze, Kulturbrauerei). DES PREUVES D’AMOUR (Alice Douard, filmkunst 66, Synchro). FAMILIENGRUFT – EIN LIEBESGEDICHT AN MEINE MUTTER (Maria Lang, fsk im April, im Dezember nochmal in der Kinemathek). SON NOM DE VENISE DANS CALCUTTA DÉSERT (Marguerite Duras, Grunewaldstr. 35). HINTER DEN FARBEN (Julia Groteclaes, fsk). LINE DESCRIBING A CONE (Anthony McCall, silent green). B224 (Rainer Komers, Zeughaus) hat mir nach wochenlanger 35mm-Abstinenz die Netzhaut neu kalibriert; man muss sich das Ruhrgebiet als Naherholungsgebiet vorstellen.

An einem Juninachmittag im Café auszugsweise Das Handwerk des Lebens von Cesare Pavese gelesen, um die abklingende Quarterlife Crisis wiederaufleben zu lassen: «Was man nicht mit der jungfräulichen Kraft seiner fünfundzwanzig Jahre zu tun verstand, wie kann man das mit den Gebrechen von dreißig tun?»

 

 

Thorsten Krämer

2025 wird für mich in Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem David Lynch starb. Ich kann mich an keinen anderen Tod einer bekannten Persönlichkeit erinnern, der mich ähnlich berührt hätte. Die Heftigkeit meiner Reaktion überraschte mich selbst, und in einem FB-Post wenige Tage später, noch ganz unter dem Eindruck dieses Verlustes, versuchte ich, meine Gedanken ein wenig zu ordnen. Hier also dieser kurze Text, ein persönliches Dokument aus 2025 zu 2025:

Es gibt in den Filmen von David Lynch viele verstörende Szenen, Darstellungen von Gewalt, Manifestationen des Bösen, albtraumhafte Situationen und dergleichen mehr. Aber Lynch instrumentalisiert diese Elemente nicht, sie haben nicht die Aufgabe, uns zu manipulieren, einen bestimmten Effekt zu erzielen oder eine sadistische Lust zu befriedigen; die Transgression ist auch kein Selbstzweck oder ein politisches Programm. Lynch zeigt uns diese Dinge, weil es sie gibt. Und er ist in allem an unserer Seite. Es gibt, im Moment des Schauens seiner Filme, nicht die sonst übliche Kluft zwischen Regie und Publikum. We‘re in this together, flüstert er uns zu, wenn es dunkel wird im Kino, und wir wissen, dass wir ihm vertrauen können. So können wir selbst das anschauen, was wir sonst nicht ertragen würden. In diesem Sinne ist Lynchs Werk ein gewaltiger Liebesdienst an uns. Sein Tod jetzt führt das geradezu schockartig noch einmal vor Augen. 

 

 

Jan Künemund

Ich schaue nur die queeren Filme der Berlinale, weil ich in der Teddy-Jury bin. Ein neuer Film von Rosa von Praunheim rührt mich an, er erzählt über ein alter ego sehr witzig vom Altern und Sterben, ich schreibe die Laudatio, weil wir ihm den Dokumentarfilmpreis geben werden, d.h. hätte ich gerne persönlich, aber dann kommt der Tod meiner Mutter dazwischen. Vier Monate später stirbt auch mein Vater, am Ende des Jahres Rosa.

Filme rauschen ab Februar etwas verschenkt an mir vorbei, ich registriere die Aufmerksamkeit, die sie erregen (Blood & Sinners, One Battle after another,  IN die Sonne schauen, Die My Love), bei mir bleibt am Ende ein bisschen glitzernder Kohlenstaub auf und unter verschwitzter Haut übrig (Viet und Nam). Im Sommer sitze ich allein im leeren Elternhaus und sichte für DOK Leipzig, u.a. einen Film, in dem die Großmutter nach 40 Jahren «Gastarbeiterin»-Biografie allein in ihrem leeren Haus in Apulien sitzt (Nonna).

1500 Seiten Tagebücher von Horst Bienek gelesen. Ein Leben zwischen Rausch und Reue, sehr katholisch. Zwei Flaschen Sekt am Tag, Brucknersinfonien (zu laut!) auf der Stereoanlage, Durchfall, wenn etwas geschrieben werden muss, vor und nach der Literatur-Akademie-Sitzung die Jagd nach dem größten Schwanz. Ein großer Text über die Lust der männlichen Passivität, gleichzeitig ein Dokument der unfassbaren Respektlosigkeit gegenüber allem, was nicht Schwanz ist. Aber wie schleichend, ab 1981, bis zum Tod 1990, HIV in die Wahrnehmung sickert und immer mehr vom Leben (als Gerücht, Idee, Gewissheit, schließlich Diagnose, Aids) raubt, habe ich so minutiös noch nie gelesen.

Netflix hat noch ein Überbleibsel seiner queerfreundlichen Zeit versendet, Boots, wenig überraschend sehr erfolgreich, das Pentagon meldet sich filmkritisch zu Wort, die zweite Staffel wird abbestellt. Ich denke, etwas verschiebt sich. Aber dann kommt Heated Rivalry.

Raunen ist kein Filmjournalismus. Im Jahr einer Nominierung für den Kracauer-Preis keine einzige Filmkritik geschrieben.

Dass Rosa gestorben ist, erfahre ich, als der RBB anruft: «Wir sind schon auf dem Weg». Ich sage drei Sätze in die Kamera. Einer davon kommt in die Tagesthemen, ich habe eine Bauchbinde, auf der steht: «Klaus Wowereit, ehem. Regierender Bürgermeister Berlin». Irgendwas mit schwul.

«Ich würde gerne einen schwul-lesbischen Friedhof gründen, wo in den Grabsteinen Monitore sind. Und da würde ich gerne meine Filme zeigen.» (Rosa von Praunheim in sissy 16, 2013)

 

 

Anne Küper

«Bevor es besser werden kann, wird es oft erstmal schlimmer.» So geht der Spruch, der mir 2025 mit einer Regelmäßigkeit begegnet ist, dass ich ihn nicht mehr hören kann. Ich schreibe ihn also auf, beobachte meine Finger, während ich tippe, und wünsche mir, den Satz auf diese Weise loszuwerden wie einen unliebsamen Gast. Ein Jahr in Ausschlägen war das, nach oben und nach unten, in dem mir das Schreiben schwerer fiel als sonst angesichts verschiedener Ereignisse, für die sich der Begriff «Herausforderungen» etabliert hat. Noch so ein Wort, das ich nicht mehr gebrauchen kann. Ulkig schaut es mit dem großen H auf dem Bildschirm meines Laptops aus. Wenn aus Umständen «Herausforderungen» werden, dann scheinen sie Aufgaben auf einer To-do-Liste darzustellen, die bloß einer gewissen Anstrengung bedürfen, um vom Individuum erledigt zu werden. Wer das nicht schafft, wird sich wohl nicht genug Mühe gegeben haben. Mein Eindruck nach diesem Jahr wäre aber wieder einmal, dass diese Annahme nicht stimmt, ein Leben will nicht abgearbeitet, sondern gelebt werden.

1. Die Farbe von Pistaziencreme auf einer dunkelblauen Jeanshose.

2. DESIGN FOR LIVING (Ernst Lubitsch, 1933), THE AWFUL TRUTH (Leo McCarey, 1937), BALL OF FIRE (Howard Hawks, 1941), SULLIVAN’S TRAVELS (Preston Sturges, 1941), CLUNY BROWN (Ernst Lubitsch, 1946), THE HAPPIEST DAYS OF YOUR LIFE (Frank Launder, 1950), TURN THE KEY SOFTLY (Jack Lee, 1953), das DVD-Menü von ALMOST FAMOUS (Cameron Crowe, 2000) inklusive der holprigen Übersetzungen aus dem Englischen, das Kino von R. und die selbstgebastelten Eintrittskarten.

3. «Where boys and girls can all be queens every single day» mit Fahnen auf Halbmast und drei Hubschraubern über dem Forest Hills Stadium (Visions of Damsels & Other Dangerous Things, Chappell Roan).

4. Auftauchen (Coming Up for Air George Orwell), abtauchen (To the Is-land, Janet Frame), untertauchen (Suche nach den Spuren eines Selbstmordes, Tezer Özlü).

5. Der Junge, der nach dem EM-Viertfinalspiel zwischen Frankreich und Deutschland zu seiner Mutter sagt, dass er, wenn er groß ist, gerne so wäre wie Ann-Katrin Berger.

6. Seitdem ich in diesem Jahr von Spotify zu Apple Music gewechselt bin, höre ich deutlich weniger Musik. Aus der Not So Hot Rotation: Oklou (Choke Enough), Blood Orange (Essex Honey), Magneto (Vuela, Vuela), Asfar Shamsi (La crise), Erika de Casier (Liftime), Wolfgang Petry (Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n), Charli XCX feat. John Cale (House).

7. Sechs Finger für A.; einen Daumen hoch für F.; wie K. meine Hand greift, als das Telefon klingelt, und wir uns ansehen im Schienenersatzverkehr von Krefeld nach Köln.

 

 

Maren Lickhardt

True Crime war in diesem Jahr wahrlich kein neues Phänomen. Viele Menschen, und so auch ich, schlafen am liebsten mit den Lieblings-YouTuber:innen ein, die sich zwar bemühen, immer wieder neue und noch wenig beachtete Fälle aufzugreifen, sich aber im Wesentlichen gegenseitig inspirieren und dadurch geradezu einen Kanon an wahren Verbrechen etabliert haben, der mit Variationen und Aktualisierungen zirkuliert. Die Namen Rey Rivera, Caylee Anthony, Brian Shaffer usw. sind True Crime-Fans bestens bekannt; ebenso die Fälle YOGTZE und Hinterkaifeck. Manchen fragen sich, warum das Genre zum Einschlafen so beliebt ist. Eigentlich ist es ganz einfach: Nach dem ersten Schauen ist der Fall bekannt und nicht weiter spannend; man kann die YouTube-Videos hören und muss sie nicht anschauen, weil selten passende oder signifikante Bilder und Filmsequenzen eingeblendet werden und zumeist ohnehin nur nichtssagende Stockfotos zu sehen wären; die Darbietung durch nur eine Stimme ist monoton. True Crime-Fälle sind die neuen Märchen. Ärgerlich und billig ist der noch nicht ganz so alte Trend, dass auch etablierte Anbieter wie Prime Video, Netflix etc. in Massen True Crime-Dokus drehen und die Mediathek mit diesen vollstopfen. Im vorletzten Jahr kulminierte dies auf Netflix in dem Menendez-Brüder-Fall. Die mediale Resonanz war außerordentlich groß. Das Format ist auch in dieser Variante beliebt. Hier wird suggeriert, man habe tiefere Einblicke, weil man Interview-Partner:innen gewinnen kann; es werden viele Perspektiven und Stimmen eingeschnitten; Soundeffekte und Videosequenzen peppen die Dokus auf. Das macht sie nun gänzlich ungeeignet, um sie beim Einschlafen zu hören. Den Dokus sind außerdem Wertungen inhärent, die nur kurz als Diskussionsanlass dienen und dann doch eher eine Perspektive zementieren. Sie schneiden den ewigen Diskurs um Fälle mittelfristig eher ab, als ihn zu befördern. Während der unseriöse Sensationalismus bezüglich wahrer Verbrechen nicht heruntergefahren wird und das Reflexionsniveau nicht steigt, ist der YouTube-Charme verloren gegangen. Dass kuratierte Medien am Social Media-Diskurs parasitieren, beschränkt sich nicht nur auf das True Crime-Genre, und es nervt eigentlich immer. Was vom Jahr bleibt, ist die Überlegung, alle Streaming-Abos zu kündigen. Ich habe in diesem Jahr jedenfalls meine alten Remington Steele-DVDs herausgekramt und im linearen Fernsehen Mord ist ihr Hobby geschaut, weil sogar ich als Freundin der leichten Unterhalten des ewig gleichen Strickmusters der ganz neuen Serien überdrüssig geworden bin, und zwischen den Jahren gibt es bei mir ein Anders Thomas Jensen-Binge Event, ebenfalls auf DVD. Ich teile in keiner Weise Jensens Vorliebe für das Kino als Rezeptionssituation: «I love doing films and the big screen experience. I love the fact that it’s a choice, that you take your car, buy a ticket and watch a movie in a cinema, instead of sitting on a couch and flipping through Netflix.» (Jensen)  Aber er würde es mir wohl nachsehen, dass seine Filme auf dem Sofa genossen werden.

 

 

Roland Meyer

Hoffnungen, die bleiben

Am Ende dieses langen Jahres muss ich an seinen Anfang zurückdenken. An die letzten Januar- und ersten Februartage, als Hunderttausende in ganz Deutschland auf die Strasse gingen, 250.000 allein in Berlin. Auch wir waren darunter. Für einen Nachmittag waren auch wir «die Brandmauer». Man mag von der Metapher halten, was man will – sie mobilisierte. Und Mobilisierung war nötig. Enden sollte der Demonstrationszug vor dem Konrad-Adenauer-Haus, von deren Glasfassade der Kanzlerkandidat, dessen parlamentarisches Paktieren mit der AfD den aktuellen Anlass der Proteste bot, in Form überlebensgrosser Wahlplakate herabschaute. Doch die Protestierenden kamen kaum in Sichtweite der CDU-Parteizentrale, dafür sorgte die Berliner Polizei, die das Gelände weiträumig abgesperrt hatte.

Es waren nicht die ersten Demonstrationen, und es waren auch nicht die letzten, die Hunderttausende gegen das drohende (oder vielleicht schon längst vollzogene) Bündnis der bürgerlichen Mitte mit faschistischen Kräften mobilisierten. Es waren kurze Momente der Hoffnung. Und doch scheint es jetzt am Ende dieses Jahres fast so, als hätten sie nie stattgefunden. In den Monaten danach tat die neugewählte Bundesregierung das ihre, um zu beweisen, dass eine Politik gegen die Schwächsten und Wehrlosesten, gegen Geflüchtete, Arbeits- und Wohnungslose, psychisch Kranke und Behinderte auch ohne die Stimmen der AfD möglich ist. Und unzählige Leitartikel strengten sich an, diese Politik rücksichtsloser Härte zu normalisieren. Die Stimmen derer, die dabei nicht mitmachen wollten, verhallten weitgehend ungehört. Kaum anders in den USA, wo im im Juni und Oktober Millionen auf die Strasse gingen, um gegen die Faschisierung des Landes aufzustehen, während die New York Times und andere Leitmedien unverdrossen den Anschein politischer Normalität aufrechtzuerhalten versuchen. Woher also Hoffnung schöpfen?

Am Ende dieses düsteren Jahres muss ich auch, wie oft in den letzten Monaten, an jenen Film denken, der für mich, wie für viele andere, zweifellos der Film des Jahres ist: One Battle After Another von Paul Thomas Anderson. Abgesehen von allem, was ihn noch auszeichnete, hielt Andersons Film für mich zwei politische Lektionen bereit, eine ernüchternde und hoffnungsvolle. Zuerst die ernüchternde. Das faschistische Amerika, das One Battle After Another zeigt, kam nicht erst mit Trump. Bereits vor Trumps Wiederwahl gedreht, schildert der Film eine Welt, die schon zuvor existierte, auch wenn sie vielleicht nicht immer für alle gleichermaßen sichtbar schien. 16 Jahre liegen zwischen Anfang und Ende des Films: «Sixteen years later, the world had hardly changed», heißt es nüchtern im Voice-Over.

Im Erschrecken über das, was seit Jahresbeginn beinahe im Tagesrhythmus an Nachrichten über uns hereinstürzte, konnte man leicht vergessen, welch langen Vorlauf vieles davon hatte. Die marodierenden ICE-Trupps, die in den Innenstädten Jagd auf Illegalisierte machen, wurden seit der Gründung der Behörde nach 9/11 mit immer grösseren Budgets und immer weitreichenderen Befugnissen ausgestattet; für den Bau und Betrieb der neuen Abschiebelager, in die viele Milliarden fließen, arbeitet man mit jenen Firmen zusammen, die seit den Reagan-Jahren das US-Strafsystem in die grösste Gefängnisindustrie der Welt verwandelt haben. Doch im fassungslosen Blick nach Amerika konnte man ebenso leicht vergessen, was bereits Jahrzehnten europäische Normalität ist, etwa eine Grenzpolitik, die Zehntausende im Mittelmeer ertrinken lässt und viele tausend andere in libysche Foltergefängnisse drängt.

Und die hoffnungsvolle Lektion? Dass wirksamer Widerstand gerade dort möglich ist, wo man ihn am wenigsten vermutet. In One Battle After Another, das ist eine der Pointen des Films, findet er weitgehend off-screen statt, nicht in den spektakulären Rettungsaktionen und Verfolgungsjagden, sondern in fast beiläufigen, aber umso effektiveren Gesten der Solidarität – ausgeführt und koordiniert durch ein klandestines, ebenso anonymes wie allgegenwärtig scheinendes migrantischen Netzwerk, dessen Mitglieder in Krankenhäusern wie Polizeiwachen unauffällig ihren Dienst tun. Und das wäre vielleicht die Hoffnung, die bleibt: Dass diejenigen, die sich der autoritären Wende nicht beugen wollen, überall sind, nicht allein auf der Strasse, sondern auch in den Firmen und Büros, den Institutionen und Behörden, und dass sie wissen, wann es auf sie ankommt.

 

 

Cristina Nord

Zum ersten Mal in meinem Leben reise ich zum Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou, und weil es eine besondere Erfahrung ist, werde ich darüber etwas ausführlicher berichten.

Die Anreise ist lang: In einer Nacht Ende Februar breche ich um viertel vor eins auf. Zwei Stunden dauert der Flug von Nairobi nach Addis Abeba, dann habe ich vier Stunden Aufenthalt am Bole-Flughafen, dem wichtigsten Drehkreuz auf dem Kontinent. Ich studiere fasziniert die Namen der Städte auf den Anzeigentafeln, Gaborone, Bangui, Libreville und so weiter, es ist Geographieunterricht und ein praktisches Beispiel für das, was man in der Theorie Dezentrierung nennt. Sechs Stunden Flug bis Niamey folgen, dort eine Stunde Aufenthalt im Flugzeug, danach noch eine Stunde bis Ouagadougou. Aus der Luft schaue ich auf Sand und sandfarbene Bauten, und weil ich keine Einladung habe und müde bin, gehe ich nicht zur Eröffnungsgala des Festivals, sondern mit meinem Kollegen vom Goethe-Institut essen. Koreanisch. Es ist sehr gut.

Am nächsten Morgen – es ist der Tag der Wahlen in Deutschland – fahre ich zum Festivalzentrum, das Soldat*innen bewachen. «Die Zahl sicherheitsrelevanter Vorfälle verbleibt auf hohem Niveau», heißt es in den Hinweisen des Auswärtigen Amts, von Reisen in Gebiete jenseits der Städte Ouagadougou und Bobo-Dioulasso «wird dringend abgeraten». Der Grund ist, dass islamistische Gruppierungen Angriffe verüben und die Armee nicht dazu in der Lage ist, in der Fläche für Sicherheit zu sorgen. Jesse Cumming, ein Freund aus Kanada, der für die Wavelength-Reihe des TIFF Filme auswählt, sagt mir später, das kanadische Außenministerium stelle Burkina Faso sogar auf eine Stufe mit Afghanistan. Dass Männer und Frauen in Uniform und mit Maschinengewehr vor den Kinos stehen, wird in den nächsten Tagen zum vertrauten Anblick; geduldig lassen alle Kinogänger*innen die Taschenkontrollen über sich ergehen.

Seit 2022 regiert ein Militärregime in Burkina Faso. Der Präsident Ibrahim Traoré ist jung und auf dem Kontinent wegen seiner als progressiv geltenden, panafrikanischen Perspektive beliebt, obwohl er nicht durch Wahlen ins Amt kam und die Menschenrechtslage, freundlich formuliert, nicht ideal ist. Erfolgreich inszeniert er sich als Wiedergänger des allseits verehrten Thomas Sankara, des ersten Präsidenten Burkina Fasos, der 1987 ermordet wurde. Wie in anderen Ländern Westafrikas gehören zur vermeintlichen Progressivität eine starke Ablehnung der einstigen Kolonialmacht Frankreich und Europas insgesamt, die Zuwendung zu Russland und homophobes Ressentiment. Im September 2025 wurde das Familienrecht so verändert, dass homosexuelle Handlungen, als «unafrikanisch» gebrandmarkt, unter Strafe stehen. Die bitter-ironische Volte besteht darin, dass es die Kolonialherren waren, die die homophoben Gesetzgebungen, die auf dem Kontinent so verbreitet sind, einführten.

Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit im weitläufigen Festivalzentrum bekomme ich eine Akkreditierung und fahre damit zum Ciné Burkina, einem großen, schönen Ziegelbau im Stadtzentrum. Wer Multiplexe gewöhnt und nicht mehr ganz jung ist, wird sich nostalgisch an Kindertage erinnern, als diese Bauten mit einem Saal und einer Leinwand die Regel waren. Ich schaue einen Film aus dem Jahr 1968, Vint la liberté von Sekoumar Barry. Es ist ein Imagefilm, der den zehnten Jahrestag der Unabhängigkeit Guineas feiert, patriotisch, vorwiegend schwarz-weiß und Teil einer filmhistorischen Reihe, die sich dem Thema der Dekolonialisierung widmet, den Moment der Unabhängigkeit beleuchtet, die Kämpfe davor und die Zeit danach. Ich wende mich ihr in den folgenden Tagen mehrmals zu, ebenso wie den Dokumentarfilmen im Programm.

Am Anfang von Vint la liberté steht ein Parcours durch die Kolonialgeschichte, mit Archivbildern aus der Zeit der Zwangsarbeit (Menschen mit Handschellen, schwere körperliche Arbeit, weiße Aufseher). Darauf folgen viele Bilder aus der Produktion: Tabak, Stoff, Tee, industrialisierte Agrikultur, Fischerei, Büchsenproduktion für Früchte und Gemüse, eine Druckerei, Maschinen in Aktion, Aufmärsche, am Straßenrand jubelnde Menschen. Ein paar prominente Politiker bildet das Archivmaterial ab, Che Guevara, Castro, Breschnew, Kennedy u. a. Es gibt einen Abstecher an die Uni und in ein Labor zur Gewinnung von Antidoten. Man sieht, wie eine Giftschlange so bearbeitet wird, dass sie ihr Gift in eine Petrischale abgibt. Nachdem etwa die Hälfte des Films verstrichen ist, gibt es ein paar farbige Bilder, vor allem von der im Wind flatternden Fahne. Ein Zitat des Präsidenten Sékou Touré: die Kunst diene nicht sich selbst, sondern den Menschen. Das Voice Over preist den Sozialismus und stößt sich an Kapitalismus und Imperialismus. Manchmal gibt es spektakuläre Naturaufnahmen, von einem Berg zum Beispiel oder von einem hunderte Meter in die Tiefe stürzenden Wasserfall. Am Ende eine Straße, die ins Offene führt.

Danach ein Kurzfilmprogramm, von denen mich ein schwarz-weißer Film aus Haiti anspricht, Des rêves en bateaux de papier von Samuel Suffren, ein junger Mann und seine kleine Tochter vermissen die Frau und Mutter, die offenbar in einem Boot Richtung USA aufbrach; sie ist über Kassetten präsent, die der Mann hört. Was ihr zugestoßen ist, ist nicht ganz klar; der Mann sieht sie bisweilen, obwohl sie nicht da ist.

Danach ein interessanter ägyptischer Dokumentarfilm, Abo Zaabal von Bassam Mortada. Es geht um einen Mann um die 40 – es ist der Regisseur -, dessen Vater im Gefängnis war, als er fünf Jahre alt war. Die Familie zerbrach daran. Der Regisseur führt Gespräche mit seiner Mutter und seinem Vater, auch mit anderen Männern, die damals inhaftiert waren, es geht um die Frage, was Aktivismus dem Familienleben zufügt. Zu viel Musik, vielleicht auch die eine oder andere zu pseudo-experimentelle Finte, etwa in Form schlierigen Videomaterials. Ich schaue trotzdem mit Interesse. Besonders böse sind die Bilder vom Fall der Mauer als Kontrast zu den sozialistischen Hoffnungen der Aktivisten.

Abends besuche ich eine Wahlparty bei einer Entsandten aus Deutschland, auch wenn es so gut wie nichts zu feiern gibt.

Am nächsten Morgen schaue ich, wiederum im Ciné Burkina, die restaurierte Fassung von Flora Gomes» Mortu Negra (1988). Sie sieht klasse aus, hat aber keine Untertitel; ich frage nach, Schulterzucken, die übrigen Zuschauer*innen nehmen es hin. Oder sie können alle Portugiesisch und das entsprechende Kreol. Es geht um den Unabhängigkeitskampf in Guinea-Bissau aus Sicht einer weiblichen Figur, um die militärische Aktion selbst und dann um die Nachwehen. Danach ein Dokumentarfilm aus Haiti, der mit circa einer Stunde Verspätung beginnt, 1964, Simityè Kamoken von Rachèle Magloire; leider gar nicht mein Fall, zu viel erklärendes Voice Over, zu viel TV-Schnick-Schnack, ich gehe früher, um im Kino Canal Olympia Yennenga weit draußen, im Viertel Ouaga 2000, einen Dokumentarfilm aus Côte d’Ivoire zu sehen, Loin de ma la colère von Joel Akafou, der 2020 mit Traverser im Forum war. Ein gut gemachter, meist Gespräche beobachtender Film über ein Dorf, in dem 2011 ein Massaker stattfand. Die Überlebenden und die Täter sind Nachbarn, eine Frau versucht, einen Aussöhnungsprozess in Gang zu bringen. Manchmal ist der Film etwas zu ungeduldig, schneidet zu schnell weg, wo die Kamera noch einen Augenblick hätte verweilen können. Ein paar Monate später zeigen wir Loin de ma la colère bei uns im Goethe-Institut in Nairobi. Der darauffolgende Film kommt aus der Zentralafrikanischen Republik, Eat Bitter von Pascale Appora-Gnekindy, er ist das Doppelporträt eines chinesischen Bauleiters und eines „pecheur du sable“, also von jemandem, der im Fluss nach Sand taucht. Ganz okay, etwas lang, etwas zu hübsche Bilder vom Fluss bei Sonnenauf- oder untergang; interessant vor allem wegen der Einblicke in die chinesisch-zentralafrikanischen Verhältnisse. Die Ungeduld des Bauleiters, wenn Arbeiten nicht zu seiner Zufriedenheit ausgeführt werden. Seine Ehefrau, die auf eine laute Weise fröhlich und ausgelassen ist, gerne kurze Kleider trägt und frische Narben an einem Handgelenk hat, die auf einen Suizidversuch hindeuten.

Am Abend gehe ich mit Enoka Ayemba, zu meiner Zeit Forums-Berater und  heute Mitglied im Auswahlteam von FESPACO, essen. Es gibt erstaunlich oft Steak Frites. Als wäre man in Paris.

Am Dienstag bin ich wegen einer leichten Blasenentzündung beeinträchtigt. Ich fahre zum Nationalmuseum. Ein staubiges Gelände mit einer Freilichtbühne, diversen Pavillons, zwei davon mit Exponaten, und einer Open-Air-Ausstellung charakteristischer Häuser (jede Bevölkerungsgruppe habe ihre eigene Art zu bauen, erfahre ich), die meisten davon aus Lehm und eher klein, eines ist in rot, schwarz und weiß angemalt. Ein anderes ist eine Hütte aus Palmwedeln oder Stroh, sie dient den Nomaden des Nordens als temporäres Quartier. Ein Saal namens Jean Rouch ist dem Kino gewidmet, man sieht Kostüme, Utensilien des Maskenbildners, außerdem eine Vitrine mit Gegenständen aus Ousmane Sembènes Nachlass (zwei Pässe, eine Kappe, eine Pfeife und ein Heft mit Notizen zu einem Film) sowie Requisiten aus Camp de Thiaroye. Im nächsten Pavillon gibt es wunderbare Masken und dazu Erläuterungen von einem Guide. Jede Maske, erzählt er, bestehe aus vier Elementen: dem Kopf, dem Körper, dem menschlichen Träger und dem Geist, der in den menschlichen Träger fährt. Hier im Museum sei der vierte Teil abwesend. Der Guide legt viel Wert auf die Unterscheidung zwischen der Maske im konkreten, spirituellen Kontext und dem Objekt hier im Museum. Als Kunst versteht er, was wir sehen, nicht, viel eher als einen Gegenstand, der im rituellen Kontext Sinn hat. Er erzählt auch vom Weihen und Entweihen der Masken – in den Dörfern werden Masken durch ein Ritual vom spirituellen Kontext losgelöst, bevor sie etwa in einem Museum ausgestellt werden. Die menschlichen Träger seien im Augenblick des Rituals nicht sie selbst. Dort, wo Burkina Faso an Benin grenzt, ähneln die Rituale dem Vaudou.

Mich hauen die Masken um. Ich bin gebannt und fasziniert, weil sich in diesem Pavillon, im Gespräch mit dem Guide so viele Perspektiven, so viele Diskurse materialisieren, ohne dass es irgendwelche vorschnellen, die Überlegungen kappenden Äußerungen gäbe. Was sind die Masken, welchen Zweck haben sie, in welchem Kontext haben sie welchen Sinn? Wohin gehören sie? Was macht das Museum mit ihnen? Wie blickt man auf sie, wenn man in Ouagadougou lebt, und wie verhält sich dies zu den unterschiedlichen europäischen Restitutions-Diskursen?

Am Nachmittag sehe ich den Dokumentarfilm 2G von dem algerischen Regisseur Karim Sayad; er heftet sich an die Fersen von vier Männern, die im Niemandsland zwischen Libyen und Niger ein Auskommen als Goldgräber und als Fuhrunternehmer suchen. Früher schmuggelten sie Menschen, die nach Europa wollten. Als Film ganz okay. Etwas zu viel Musik, etwas zu viel Wüstenschönheit, aber auch viel Wüstenkargheit und -desolatheit.

Am Abend ziehe ich mich ins Hotelzimmer zurück, um die Blasenentzündung mit Wasser zu bekämpfen.

Am Tag darauf, dem Mittwoch, geht es besser, und ich sehe David Schickeles Bushman zum zweiten Mal. Wir hatten ihn fürs Forum erwogen, aber dann nicht ausgewählt, weil wir strenge Vorgaben hatten, was die Anzahl der Filme betraf. Ein schöner, schwarz-weißer Film über einen nigerianischen Einwanderer in San Francisco, Alltagsbeobachtungen (etwa wenn er mit seiner afroamerikanischen Freundin black vernacular einübt), Frauengeschichten, dann holt die Realität den Filmdreh ein, weil der Protagonist verhaftet wird, in den Knast muss und schließlich abgeschoben wird.

Am Nachmittag entscheide ich mich für Ressacs, une histoire touarègue von Intagrist El Anssari, einen Dokumentarfilm, der die Touareg-Community, zu der der Regisseur gehört, porträtiert – verstreut über die Sahelzone, gezeichnet von Vertreibung und Unterdrückung, im Stich gelassen von der internationalen Gemeinschaft. So jedenfalls stellt es der Film dar. Zwischen dem Bild einer friedliebenden Gruppe, das der Film zeichnet, und dem, was ich hinterher auf Wikipedia lese, tut sich allerdings eine Kluft auf. Ganz so friedliebend sind die Touareg nicht.

Im Film stehen die Männer im Vordergrund; eine Frau kommt zu Wort; sie sagt gegen Ende, dass die Geschichte der Unterdrückung und Vertreibung für die Frauen auch etwas Gutes habe – sie erhielten Schulbildung. Warum ich es nicht bereue, den Film zu sehen: Weil er mir Einblicke in eine Welt gibt, die ich überhaupt nicht kenne. Weil ich den Kontrast aus blauen Stoffen und Sand mag – ästhetische Faszination? Exotismus? Beides? Ich weiß es nicht. Auch weil ich in Ouagadougou gar nicht so weit weg von den Orten des Films bin und, wenn ich aus dem Kino trete, eine ähnlich sandige Umgebung erlebe. Und schließlich, weil es interessant ist, mit so viel Fremdheit konfrontiert zu sein. Das identitätspolitische Element dagegen nervt; über die Touareg fällt kein kritischer Satz, die Absicht des Films, die Gemeinschaft in ein gutes Licht zu rücken, ist unverkennbar.

Danach läuft Fatow/ Les Fous von Fousseny Maiga, ein Dokumentarfilm über Kultur in Mali. Er hat die lustige Idee, vier Narren in aus Müll gebastelten Kostümen durch eine trockene Landschaft zu schicken, das verleiht dem Vorhaben einen gewissen Charme (eine Frau trägt Plastiktüten in den Farben der malischen Flagge. Wie sie sich an Felsen vorbeizwängt, ist vergnüglich anzuschauen). Der Rest besteht aus Talking Heads. Die erläutern, was es mit dem Film, dem Theater, der Musik etc. in Mali auf sich hat, betonen recht unverblümt den ökonomischen Faktor, freuen sich darüber, was die Kreativindustrie für das Land erreichen kann, sprechen von der touristischen Bedeutung. Das ist als Dokument interessant – Kultur ist nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, es ist aber auch ein wenig reduktionistisch.

Abends ein schönes Essen mit Boubacar Sangaré, der im Forum Or de vie zeigte und in Ouagadougou den Rohschnitt eines neuen Dokumentarfilms in einem Lab präsentiert.

Am nächsten Tag fahren Jesse Cumming, Enoka Ayemba und ich ins Schlingensief‘sche Operndorf. Toll! Es liegt circa eine Stunde Fahrt von Ouagadougou entfernt in einer Savannen-Landschaft mit Felsformationen. Bis hierhin, beruhigt mich mein Kollege vom Goethe-Institut Burkina Faso, sei die Straße sicher, danach nicht mehr. Das Dorf beherbergt eine Schule mit kleinen Klassen (19 Schüler*innen sind in der, in der wir uns eine Weile aufhalten, im Vergleich zu den Schulen in Kenia ist das purer Luxus, dort sind 60 Schüler*innen keine Seltenheit), eine Kantine, eine Krankenstation, Studios für Künstler*innen, kleine Wohnungen für Künstler*innen und Lehrer*innen, eine Bibliothek. Das Festspielhaus ist nicht gebaut worden, aber der Ort selbst ist ein Alltagsfestspiel, es wirkt, als funktionierten hier die grundlegenden Dinge, die sonst oft so schwierig sind: Bildung und Gesundheitsversorgung. Das Wasser fließt, es gibt Strom, die Architektur von Francis Keré ist unspektakulär und gerade deshalb fantastisch, draußen sind es sicher 40 Grad, in den Räumen 26 Grad, ohne Klimaanlage, das Miteinander von Wand und Fenster, Durchbruch und Stein ist beeindruckend, besonders in der Krankenstation mit ihren vielen kleinen, nicht symmetrisch angeordneten Fenstern. Auch die Dachkonstruktion – Blech oben, Stein darunter – macht etwas her, weil sie die Architekturen der Armut aufruft und sich so an die Umgebung anpasst, sie aber in Sachen Qualität um Längen (und Temperaturgrade) schlägt. Ich mag, wie engagiert die Programmkoordinatorin des Operndorfs von ihrer Arbeit spricht. Am Nachmittag gibt es eine Lesegruppe für Frauen aus der Umgebung, ein Gedicht wird diskutiert. Eine marokkanische Künstlerin ist gerade Stipendiatin, sie forscht zu Stoffen und arbeitet mit einem Frauenkollektiv, auch dies kommt aus den umliegenden Dörfern. Die ursprüngliche Idee, Stipendiat*innen aus Deutschland hier unterzubringen, scheitert an der Sicherheitslage.

Am Abend schaue ich einen Film im Goethe-Institut, Togoland – Projektionen, der Regisseur Jürgen Ellinghaus hat die zur Kolonialzeit in Togo gedrehten Filme von Hans Schomburgk aus dem Archiv geborgen, und filmt, wie er sie an den Orten in Togo, an denen Schomburgk seinerzeit gedreht hat, vorführt und was die togolesischen Zuschauer*innen kommentieren.

In freien Momenten lese ich After Woke von Jens Balzer, ein Essay, das ein paar gute Gedanken enthält (etwa darüber, warum die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in ihrem radikalen Teil, der Nation of Islam zum Beispiel, antisemitisch wurde) und zugleich von einer Feuilleton-Feldherrenhügel-Perspektive aus geschrieben ist. Mit viel zu großer Lust am Urteil und einem riesigen blinden Fleck. Obwohl Balzer fordert, die so genannte woke Linke möge ihre eigenen blinden Flecken sehen, sich selbst in Frage stellen, kein Foucault’sches Wahrheitsregime errichten, unterzieht er sich der Selbstreflexion in keinem Moment. Sein Text entsteht im Frühjahr 2024, und er zeigt keine Einfühlung für das, was die Bewohner*innen Gazas zu diesem Zeitpunkt erleben. Da er zugleich den moralischen Bankrott der Linken nach dem 7. Oktober beschwört, wirkt das etwas bizarr. Wie kann er die Empathielosigkeit der einen so anprangern, während er die eigene Empathielosigkeit nicht mal wahrnimmt? In Nairobi bekomme ich viel von der Empathielosigkeit derjenigen mit, die sich für links halten, wenn sie beispielsweise die sexualisierte Gewalt des 7. Oktober einfach leugnen. Sich daran zu reiben, heißt aber nicht, dass man ins umgekehrte Extrem verfallen und die Lage der Bewohner*innen Gazas komplett ausblenden muss. Balzers Text in Ouagadougou zu lesen, macht ihn zusätzlich heikel. Denn vieles von dem, woran sich der Autor festhält, hat hier keine Relevanz. Das meine ich nicht im Sinne plumpen Kulturrelativismus, sondern als eine Frage der Episteme: Warum etwa sollen Menschen in Burkina Faso die Habermas’sche Kraft des besseren Arguments kennen? Welche Relevanz hat sie hier? Wie viel partikulares, ortsfremdes Wissen wurde den Kolonisierten aufgezwungen, und wie kann man vor diesem Hintergrund erwarten, dass sie sich heute für Kant erwärmen? Möglicherweise schlägt das Beharren, den eigenen Wissenssystemen nach den Jahrzehnten der Unterdrückung nun den Vorzug zu geben, in Selbstverdummung um, manchmal. Aber die ungebrochene Feier des Universalismus ist darauf nicht die Antwort, weil sie die Dialektik aus Partikularismus und Universalismus verkennt, wie sie zum Beispiel Omri Boehm beschrieben hat. Balzers Universalismus ist einem spezifischen, deutschen Kontext verhaftet, und das nicht zu reflektieren, macht das Essay gegenwartsuntauglich.

Der nächste Tag beginnt mit La Chapelle in der filmhistorischen Reihe, einem kongolesischen Film von Jean-Michel Tchissoukou; es geht um den Bau einer Kirche in einem Dorf und um eine Liebesgeschichte, außerdem um eine Intrige gegen ein junges Paar und um einen Lehrer, der mit der Kolonialmacht gemeinsame Sache macht; im Unterricht erwartet er von den Schüler*innen, dass sie die Zuflüsse der Seine herunterbeten. Wenn sie das nicht können, setzt es Hiebe, was das oben erwähnte Thema der epistemischen Gewalt gut illustriert. Leider gibt es keine Untertitel, wenn Lingala gesprochen wird. Das ist eine seltsame, kontraproduktive Strategie des Festivals – als wäre es okay, die lokalen Sprachen der Nicht-Intelligibilität anheimzugeben, als wäre man noch immer nicht dazu in der Lage, der Wahrnehmung der Kolonialherren, es handele sich um primitives Gebrabbel, etwas entgegenzusetzen. Oder ist es eine Politik der Opazität im Sinne Édouard Glissants? Nur dass in Ouagadougou dann alle, die kein Lingala können, ausgeschlossen werden, also auch alle Zuschauer*innen aus Burkina Faso, Mali, Kenia etc.

Weiter geht es mit Ija Ominira/ Fight for Freedom von Dr. Ola Balogun, einem period piece aus Nigeria, ebenfalls in der filmhistorischen Reihe, angesiedelt vor der Kolonialzeit; die Unterdrücker und Feudalherren sind hier Afrikaner. Von Weißen keine Spur. Das ist bemerkenswert, weil es die Idee einer präkolonialen Idylle unterläuft, wie sie in den Vulgärvarianten postkolonialer Theorie so oft behauptet wird; ebenso bemerkenswert sind die Stoffe, aus denen die Kostüme gemacht sind, ein Traum in breiten und schmalen Streifen, Farben und Mustern; auch die Variante von Wuxia, die die Kampfszenen prägt, hat es in ihrer Schlampigkeit in sich, Prä-Nollywood trifft es gut. Die vielen Verästelungen der Handlung dagegen gehen auf die Nerven. Die retardierenden Elemente häufen sich, und weil Jesse Cumming und ich bis zum Ende bleiben, kommen wir viel zu spät zu Nome, einem Spielfilm aus dem Jahr 2023, mit dem der Regisseur Sana Na N’Hada MORTU Negra von Flora Gomes Tribut zollt; wie dieser ist jener in zwei Hälften geteilt, der erste Teil befasst sich mit dem Unabhängigkeitskampf, der zweite mit der Zeit danach; das Besondere ist, dass viele historische Aufnahmen in die Spielfilmhandlung hineinmontiert sind, Sana Na N’Hada hat wie Flora Gomes und einige andere sein Handwerk auf Kuba gelernt, im Rahmen eines sozialistischen Capacity Buildings, und nach ihrer Rückkehr haben sie den Kampf gegen die portugiesischen Kolonialherren dokumentiert bzw. zelebriert. Das Material ist zum Teil angegriffen oder digital so bearbeitet, dass es angegriffen aussieht, die Spur der verstrichenen Zeit in sich trägt, was zur Melancholie beiträgt; auch der Umstand, dass nach der Unabhängigkeit nur wenig besser wird und einige der Kämpfer von einst in Schutzgelderpressung machen, während andere darben, wird von Nome betont; der Film lässt dabei auch einen seiner Protagonisten, den titelgebenden Nome, zum Schurken werden, das ist wohltuend differenziert. Für ein melodramatisches Moment ist gesorgt, und eine Figur mit weiß geschminktem Gesicht, die manchmal am Rand des Geschehens steht und manchmal via Überblendung ins Bild kommt, verleiht dem Film etwas Geisterhaftes. Formal ist das sehr ambitioniert; in Ouagadougou ein coup de coeur.

Danach historische Kurzfilme, unter anderem der mir schon bekannte You Hide Me von Nii Kwate Owoo. Der Regisseur aus Ghana ist 1970 in London, steigt in die Keller des British Museum ab und schaut sich an, in welch erbarmungswürdigem Zustand die Artefakte aus Ghana verwahrt werden. Beim Wiedersehen geht mir die Selbstgewissheit des Voice Overs ein wenig auf die Nerven; hier gibt es nichts zu erfahren, alles ist immer schon klar. Danach ein nicht untertitelter mittellanger Film über Filiation und das Musikinstrument Balofon (Yiri kan, la voix du bois), dann eine Gemeinschaftsproduktion über Amílcar Cabral, einen wichtigen Streiter für die Unabhängigkeit in mehreren westafrikanischen Ländern. O regresso de Amílcar Cabral von Djalma Fettermann, Flora Gomes, Jose Bolama, Josefina Crato und Sana Na N’Hada gerät komplett hagiographisch; die fünf Regisseur*innen sind die, die sich auf Kuba haben ausbilden lassen.

Das Festival endet für mich mit On Becoming a Guinea Fowl von Rungano Nyoni, einem Spielfilm aus Sambia über einen Onkel, der überraschend stirbt und von dem sich herausstellt, dass er seinen Nichten sexualisierte Gewalt antat. Die junge Regisseurin findet einen schönen, tragikomischen Tonfall und ein der verknoteten dramaturgischen Lage trotzendes, leichtfüßiges Ende. Noch ein coup de coeur. Ein paar Monate später möchten wir On Becoming a Guinea Fowl in Nairobi zeigen, aber die Kommunikation mit den Rechteinhabern verläuft im Sande, weil sie sich für nicht-kommerzielle Vorführungen nicht besonders zu interessieren scheinen. Noch so eine bitter-ironische Volte: Die Arbeiten afrikanischer Filmemacher*innen erleben ihre Premieren in Cannes, Venedig, Berlin oder Toronto, laufen dann bei anderen Festivals rund um den Globus, in Ouagadougou oder in Durban und vielleicht im Land des Drehs, aber viel zu selten in den anderen Ländern des Kontinents.

 

 

Johannes Paßmann

Ich wollte nur einen kurzen launigen Text darüber schreiben, dass die Aschaffenburgerin Anika Nilles, an dieser Stelle vor vier Jahren von mir als beste Schlagzeugerin der Welt betitelt (was keine hohe Wette war, denn auch damals wusste das jede:r), dieses Jahr als Nachfolgerin von Neil «The Professor» Peart ausgerufen wurde, den man – ebenfalls guten Gewissens – als besten Schlagzeuger aller Zeiten (Vergangenheit und Zukunft eingeschlossen) bezeichnen kann; zusammen mit einigen anderen, denn solche absolutierenden Vergleiche sind natürlich Blödsinn. Sie gestatten es aber, Außenstehenden einen Eindruck davon zu vermitteln, dass hier möglicherweise eine schlagzeughistorisch große Sache geschehen ist. Rush, die legendäre (mais oui!) kanadische Progrock-Band, die nie (also nie nach 1974) ihre Besetzung wechselte, hat nun Anika Nilles an den Drums sitzen. Was vom Jahr bleibt!

Allerdings will auch ein launiger Jahresrückblick einigermaßen gründlich gearbeitet sein, und so fiel mir auf, dass ich mich in den Tagen der Veröffentlichung der Nachricht vergangenen Oktober ganz schön in die Rush-Geschichte eingeglotzt habe. Die methodische Prüfung verlangt also zu fragen, ob meine Einordnung des Ereignisses vielleicht doch übermäßig stark von den YouTube-Algorithmen und aufgekratzten Drumfluencern geprägt ist, die mir die Bildschirmkacheln mit Begeisterung zugekleistert haben. So bin ich durch Jorge Garrido aka. «El Estepario Siberiano» auf den neuen Rush-Nilles-Komplex gestoßen. Es folgten Videos wie 6 Ways to Turn Rush Haters into Fans (auf dessen Vorschaubild sprechenderweise steht «She Hates Rush – Until Now!») oder der Aufnahmezeremonie der Band in die Rock and Roll Hall of Fame, mit einer Laudatio des damals noch nicht verstorbenen Taylor Hawkins und Dave Grohl von den Foo Fighters. Die Aufnahme in die Hall of Fame war nicht nur lang erwartet worden, sie bleibt auch lang im Gedächtnis, etwa weil Gitarrist Alex Lifeson es schafft, als Dankesrede gut drei Minuten lang nur «Bla, bla, bla» zu sagen (wörtlich) – nach einer seriösen Ansprache von «The Professor» Peart.

Alte ‹historische› Videos mischten sich mit aktuellem Enthusiasmus, insbesondere auch durch die von ARTE gestreamte Dokumentation Rush – Time Stand Still. 2016 veröffentlicht, Regie Dale Heslip. Der Film begleitet die letzte Tour der Band, und Kern der Erzählung ist, dass Peart nicht mehr weiter spielen kann, auch wegen massiver körperlicher Schmerzen bei Auftritten, und deshalb die Band ihre Karriere beendet. Er stirbt 2020 an einem Hirntumor.

In der Folge schaute ich mir etliche weitere ARTE-Musikdokus an, die der Sender auf seinem YouTube-Kanal Irgendwas mit ARTE und Kultur seit etwa einem Jahr in ziemlicher Masse aus seinen Archiven ausspielt; darunter ein sehenswerter, queere Geschichte rekonstruierender Film über Jimmy Somerville (Bronski Beat), die Dokumentation Back and Forth über die Foo Fighters, die vor Taylor Hawkins Tod fertig wurde und so unfreiwillig einen traurigen Rahmen von ihm zu Kurt Cobain spannt, mit dem die Doku einsetzt – oder eine über «Hired Guns», also Profimusiker:innen, die in Studios oder auch live gegen Bezahlung per «Gig» arbeiten und in der Regel nicht als Personen, als Musiker:innen eigenen Schaffens in Erscheinung treten.

Die Rush-Dokumentation seziert dabei fast ethnografisch die Praxis der Rush-Fans, die sich schon in der Art hermetischen Male-Bonding-Kultur zeigen, wie oben erwähntes 6 Ways to Turn Rush Haters into Fans vermuten lässt (als ich zwei Kollegen von Nilles' Rush-Engagement erzählte, sagte der eine, dass das doch «man cave»-Musik sei, während der andere stolz seine Rush-Albumcover abfotografierte). In der Doku sieht man dann auch eher Männer mittleren Alters, die bei der RushCon zusammenkommen, um über Drum-Fills und Synthesizer-Presets zu fachsimpeln wie über Sportstatistiken. Die Band selbst nennt ihre Konzerte im Film lachend ein «Sausage Fest». Zwar bricht der Film das Klischee an einer Stelle bewusst, indem er Jillian Maryonovich, eine Mitarbeiterin des Weißen Hauses und Organisatorin der Convention, als Superfan porträtiert. Doch die Grundstimmung bleibt die eines exklusiven Zirkels: Ein eher intellektueller, sozial etwas unbeholfener Männerbund, der in Neil Peart nicht nur einen Drummer, sondern einen philosophischen Stellvertreter sah.

Dass nun eine jüngere Frau diesen heiligen Platz einnimmt, ist deshalb mehr als eine musikalische Entscheidung. Trotzdem oder gerade deshalb legte die Drumfluencing-Szene detailliert dar, wieso Anika Nilles eben doch musikalisch die am besten passende Peart-Nachfolge ist. So rühmt sich etwa Rick Beato ähnlich schamlos wie ich oben der Tatsache, dass Nilles ihn schon immer vom Hocker gehauen habe. Die vielleicht wichtigste Adelung der Drumming-Bubble ist aber möglicherweise die des Obermachos «El Estepario Siberiano»: Er argumentiert anhand ihres Stils (z.B. ihre musikalisch bleibenden Quintuplets) und durch Video-Analysen ihrer Auftritte, wieso ihr Spiel eine würdige Nachfolge für «The Professor» ist – und zeigt ein Video, in dem er ein Autogramm von ihr bekommt. Dass es eine Schlagzeugerin ist, die Peart nachfolgt, erwähnt El Estepario eher pflichtschuldig am Ende der knapp 15-minütigen Analyse, das Thema wolle er nicht verschweigen, ja, es sei wichtig für Gender-Equality im Drumming, aber es spiele keine Rolle für ihre Wahl, sie sei einfach «the best drummer».

Für die Frage, ob es eine schlagzeughistorisch große Sache ist, wäre aber wichtiger, ob Nilles hier tatsächlich als Musikerin eingesetzt wird oder eher als Hired Gun. Dass sie auf dem Lehrstuhl bzw. -hocker des Professors ähnliches wie er erreicht, ist natürlich allein dadurch ausgeschlossen, dass sie mit den sichtlich gealterten beiden verbliebenen Band-Mitgliedern ziemlich late to the party ist; eine – ohne den beiden zu nahe treten zu wollen: vielleicht dann doch letzte – Tournee mitzuspielen, macht Nilles nicht zur deutschen Peart. Rick Beato prognostiziert dennoch, dass Nilles nicht als bloßer Ersatz Pearts fungieren werde, sondern dass sie «her own spin on his drum parts» entwickeln werde.

In der Ankündigung der Band, dass sie nun wieder spielen werden, mit Nilles statt Peart, sprechen Gitarrist Alex Lifeson und Bassist und Sänger Geddy Lee darüber, dass zunächst einmal die Trauerfeier für Foo-Fighters-Drummer Taylor Hawkins dazu geführt habe, dass sie nach Pearts Tod wieder gemeinsam gespielt hätten. Vor allem aber erzählt Lee, wie er auf Anika Nilles gekommen sei: Sein Techniker, der auch für Jeff Beck gearbeitet habe (den auf jeden Fall besten Gitarristen aller Zeiten), habe ihm Becks Schlagzeugerin Nilles empfohlen. Er habe von ihrer Musikalität, ihrem Talent und dem Eindruck gesprochen, den sie auf ihn gemacht habe. Im nächsten Satz erwähnt er dann aber ein «Rehearsal», das Lee und Lifeson mit Nilles gespielt und das Gefühl gehabt hätten, dass es mit ihr Spaß mache und «that we can do justice to this». Lifeson kommentiert es nur mit «I thought exactly the same».

Durch einen Tipp des Technikers hörten sie zum ersten Mal von ihr, in der Spielpraxis hat’s dann gepasst. Hört sich ganz anders an als der Jubel der Drumfluencer, die Nilles' Autogramme schon hatten, bevor sie für «Gigs» wie den für Rush in Frage kam. Ist sie für Rush also bloß das? Eine Unbekannte, deren Geschichte bloß die Empfehlung eines Vertrauten ist, und die sich beim ersten realen Zuhören als passend erwiesen hat? Die Dokumentation Rush – Time Stand Still bietet möglicherweise den Kontext, der darauf verweist, dass Lees Sprechakt komplexer ist als die Schlichtheit seiner Worte. Der Mancave- und Sausage-Fest-Community mit ihrer peterpanesken RushCon muss dieser Wechsel vielleicht (aus Lees und Lifesons Sicht) als eine Kontinuität verkauft werden.

Ob Nilles also eher als Künstlerin oder Hired Gun bei Rush spielt, wird man einerseits als offene, spannende Frage weiter verfolgen müssen. Andererseits kann man sich aber auch einfach anschauen, wie sie ihre Aufgabe bei Jeff Beck wahrgenommen hat, Datenmaterial dafür gibt es genug, so etwa eine einstündige Aufzeichnung eines Konzerts in Woodlands/Texas aus 2022.

Sie spielt mit einer bemerkenswerten Disziplin, die ihre technische Virtuosität fast schon camoufliert, um Becks dynamischem Spiel Raum zu geben. Sie drückt ihm nicht ihren komplexen Quintuplet-Stil auf, sondern sublimiert ihre Technik in einen enorm tiefen Pocket-Play. Beck hat vorher mit Vinnie Colaiuta gespielt, der Beck oft mit polyrhythmischen Gegenläufigkeiten herausforderte, oder – und dann eher auf Augenhöhe als Mit-Komponist – mit Terry Bozzio, der mit orchestralen Ostinati den Klangraum füllte. Nilles wählt einen Ansatz, der eher an modernen, präzisen High-Tech-Rock erinnert – eine Qualität, die sie durchaus mit dem komponierten Perfektionismus eines Neil Peart teilt.

Man hört ihre Handschrift jedoch subtil in der Phrasierung – bloß zwei Beispiele: Bei «Freeway Jam» (ab 0:30) verzichtet sie auf naheliegende, ornamentale Fills und liefert stattdessen einen treibenden, aber laid-back platzierten Backbeat, der Beck die nötige Sicherheit für seine Improvisation gibt. Das war im Original der Studio-Version (Richard Bailey) noch anders, das Schlagzeug klingt leichtfüßig und funkig. Es spielt mit viel Bounce, die Ghost-Notes (die leisen Schläge zwischen den Akzenten) sind sehr prominent und geben dem Song ein fast nervöses, tänzelndes Vorwärtsdrängen, wie eine echte Jam-Session. Nilles reduziert die Ghost-Notes zugunsten eines massiven Backbeats (auf der 2 und 4); gleichsam architektonisch gibt sie dem Song das Gewicht für die große Bühne.

Einen direkteren Vergleich erlaubt der Song «Big Block», ein schwerer Shuffle, den ursprünglich Terry Bozzio mitkomponierte. Vinnie Colaiuta spielte ihn (etwa auf Live at Ronnie Scott’s) so aggressiv, dass man sagen muss, er spielte mit dem Song: Er schleppte den Beat, ließ ihn mal swingen, mal warf er spontane, salvenhafte Fills mit der Bassdrum ein, die das Riff umspielten und kommentierten. Ein echtes Sausage-Fest zwischen Beck und Colaiuta. Nilles hingegen (zu hören in der Aufnahme aus Woodlands ab Minute 12:50) begradigt diesen Shuffle. Sie spielt ihn mit einer modernen, fast metallischen Härte und Disziplin. Wo Colaiuta swingt und kommentiert, drückt und baut Nilles. Sie widersteht der Versuchung, das Riff zu zerfleddern, und gibt ihm stattdessen eine kompromisslose Wucht, die dem Spiel des späten Beck (der im darauffolgenden Jahr starb) Struktur gibt. Genau diese dienliche Strenge ist es, die sie paradoxerweise näher an die Tradition eines Neil Peart rückt als an die der wilden Fusion-Drummer, deren Erbe sie hier antritt.

Sie spielt also primär songdienlich, prägt den Sound der Band aber durch ihre eigene klangliche Ästhetik (trocken, präzise, modern) entscheidend mit. Colaiuta und Bozzio, beide auch die besten Schlagzeuger aller Zeiten (inklusive Vergangenheit und Zukunft), hat sie so schon mal ersetzt. Die Nachfolge von Professor Peart ist insofern doch auch gar nicht so eine große Sache.

 

 

Morten Paul

Ärgerlichste erste halbe Stunde: One Battle After Another (R.: Paul Thomas Anderson)

Beste erste halbe Stunde: Queer (R.: Luca Guadagnino)

Feel-Good-Movie of Last Year: The Fall Guy

In severe danger of being typecast (trotzdem großartig): Josh O’Connor

Krass: Das Mädchen mit der Nadel (R.: Magnus von Horn)

Kurz bei eingeschlafen, was das Vergnügen nicht geschmälert hat: The Mastermind (R.: Kelly Reichardt)

Late to the Party – und so gelacht, dass Jessi reingekommen ist, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist: Doppelhaushälfte (ZDFneo, Team Rocco!)

Leider nicht gut (und auch nicht schlecht in guter Weise): Babo – Die Haftbefehl-Story (R.: Sinan Sevinc, Juan Moreno)

Packing a Punch: Mond (R.: Kurdwin Ayub)

Rewatch, der das innere Ranking verändert hat: Mission: Impossible 1–6

Sinners (R.: Ryan Coogler) oder Nosferatu (R.: Robert Eggers)? Beide, Vampire!

Tolle Songs aus schönen Filmen: Frankie Valli – The Night, Huntr/x – Golden, Bianca Graft – Die schönsten Rosen blüh’n in Sangerhausen

Viel besser als White Lotus: Sirens (Netflix)

Zum Andenken an Robert Redford angesehen: Der Clou (R.: George Roy Hill)

 

 

Bert Rebhandl

Den Text Against singularity. Palestine as symptom and cause von Sami Khatib aus dem Sommerheft 2024 der Zeitschrift Radical Philosophy las ich zu Beginn des Jahres. Er begleitet mich seither als eine strukturierende Position, der ich mich als weißer, österreichischer, habituell um Vermittlungen bemühter Nachchrist nicht in ihrer ganzen Radikalität anschließen kann (wie mir ja auch nach der Lektüre von Omar El Akkad nur entweder meine Selbstabschaffung oder die Fortsetzung eines radikal kompromittierten Alltags bleibt). Im Juni war ich als Mitglied einer Fipresci-Jury zwei Wochen zu Gast in Amman beim AIFF, und erlebte dort weitere Facetten vieler radikaler Widersprüchlichkeiten, die schließlich eine Woche vor Jahresende in einer grotesk weltfremden Predigt des Wiener Dompfarrers und Salonlöwen Anton Faber gipfelten ­– mit Purpurhaube gab der Kleriker den Kasperl eines einst imperialen Katholizismus, der weihnachts zur Geisterstunde für die Insta-Handy-Objektive rief. Ich stand mit einer chilenischen, sinaffinen Befreiungstheologin in der Menge. Sie sagte später: Jesus war nicht da. In Jordanien wurden die internationalen Gäste des AIFF auch nach Petra gebracht, an die weltberühmte Touristenstätte, die man aus Indiana Jones kennt. In Begleitung einer Cutterin aus Paris, die den sehr wichtigen Film Sudan, Remember Us von Hind Meddeb geschnitten hat, erklomm ich dort in der Mittagshitze eine Felsformation, auf der ein Höhenheiligtum an antike Opferhandlungen erinnert, und damit an eine religiöse Überhöhung von Praktiken, die heute keiner Metaphysik mehr bedürfen, sondern in dem Weltsystem, dem wir nicht entkommen, zum alltäglichen Ritual geworden sind: Menschenopfer ohne Erlösungshoffnung. Ich widme diese kleine Rückschau dem oberösterreichischen Secret Agent Martin M. in Barreiras, Brasilien. Free Grund und Boden!

 

 

Manfred Rebhandl

THE DEER HUNTER

Mir schläft ja neuerdings oft der Arsch ein bei all den Filmen, die mit drei Stunden Länge in die Kinos kommen. One Battle After Another war die lange Sitzerei immerhin wert, aber all die anderen? Seit mich zwei liebe Freunde Anfang Dezember zu einer sogenannten Treibjagd in ihr Revier westlich von Wien eingeladen haben, will ich mich darüber jedoch gar nicht mehr beschweren.

Ich sollte mir warme Oberbekleidung anziehen, sagte Markus, wärmende Gummistiefel in der richtigen Größe hätte er für mich. Er hatte auch den neuen Range Rover, in dem ich mitfahren durfte. Sein Sohn, leidenschaftlicher Jäger wie der Vater, und dessen Freund, der extra aus Tirol angereist war, kamen ebenfalls mit.

Auf der Fahrt hinaus ins Revier erzählte mir Markus, dass es nicht eigentlich eine Treibjagd wäre, an der wir heute teilnehmen, sondern eine Drückjagd. Beides wären Gesellschaftsjagden, bei beiden versetzen sogenannte Treiber, meist lautstark unterstützt von ihren Jagdhunden, das Wild in Bewegung und treiben es vor die Schützen. Bei der Treibjagd handelt es sich um Niederwild, also um Hasen oder Fasane, bei der Drückjagden aber um Schalenwild, also zum Beispiel Rot- oder Schwarzwild, das deutlich langsamer in Bewegung versetzt werde. Als Treiber hatten sie für heute Hundebesitzer aus der Region engagiert, die gerne und ohne Entgelt den Job erledigen würden, schlicht, weil sie ihren Hunden damit eine Freude bereiten!

Nach zwanzig Minuten Fahrt kamen wir draußen beim Treffpunkt an, einer alten Garage. Mindestens dreißig Jäger und ein paar Jägerinnen standen schon davor, alle vorbildlich in Jagdgrün gekleidet. Überraschend trugen sie alle auch eine orangene Warnweste, was den Eindruck der Jagd doch deutlich trübte. Orange war die vorgegebene Warnfarbe, die ausnahmslos von jedem getragen werden musste, so wollte es das Gesetz. Weiters steht im Gesetz: «Haben die Jagdgesellschafter zur Ausübung ihres Jagdrechtes im Gesellschaftsvertrag einen bestimmten Jagdleiter vorgesehen, dann wird dieser als Machthaber der Gesellschafter bei Ausübung einer konkreten Jagd anzusehen sein.»

Dieser Jagdleiter stellte sich nun vor uns wie ein Referent und teilte die Gruppen ein, dann verkündete er, was in der Vormittagsjagd von 9 bis 11 Uhr gejagt werden dürfe: Wildsauen und Fuchs. Die Enttäuschung war groß bei denen, die keine Sauen mögen und lieber Reh gejagt hätten. So auch bei mir, dem eine Rehleber versprochen worden war – für den Fall!

Die Gruppen verteilten sich in die Autos. Ein Plan erklärte den Jagdteilnehmern das Waldstück, in dem sie sich aufhalten durften, im Wald selbst waren die Jagdplätze sogar mit Pfeilen angezeigt, ausnahmslos dort durfte man sich aufhalten. Ich machte noch ein paar Fotos von meinem Freund mit seiner Büchse, die er an seine Freundin weiterschickte, er sah gut aus. Dann blieb ich in seiner Nähe stehen, um nicht irrtümlich von ihm erschossen zu werden. Um Punkt neun Uhr schwärmten die Treiber aus, und die Jagd war eröffnet.

Dann schwiegen wir, um das Wild im Wald, auf das wir warteten, nicht zu verschrecken. Nach einer Viertelstunde hörten wir in der Ferne erstmals Hundegebell, ich dachte: Yes, jetzt geht es endlich los! Aber das Hundegebell verlor sich wieder in der Ferne, und eine Stunde lang hörten wir gar nichts mehr.

In dieser Stunde fing ich an mir alle Fragen zu stellen, die ich mir während eines langweiligen Drei-Stunden-Filmes auch stelle: Was ist jetzt? Tut sich noch was? Hab ich was versäumt? Worum geht’s eigentlich? Wohin mit den Beinen? Schläft der da drüben auch schon? Warum liege ich nicht in der Badewanne?

Ich sah, dass mein Freund wohl mit seiner Freundin chattete, während der Tiroler weiter oben nicht zu hören und zu sehen war. Als endlich wieder Hundegebell erklang, dachte ich abermals hoffnungsfroh, dass es jetzt endlich doch noch passieren würde: Dass die Sauen an uns vorbeigaloppieren und der Fuchs in Panik an uns vorbeistürmt, und dann: Action!

Doch das Hundegebell verstummte auch dieses Mal. Ich begann zu frieren, obwohl die Sonne langsam hochstieg, und machte leichte Lockerungsübungen, während ich hoffte, dass ich damit das Wild nicht noch mehr verschrecken würde.

Um 11 Uhr erreichte meinen Freund auf seinem lautlos gestellten Handy eine SMS: «Jagdende!», rief er. Erleichtert atmete ich durch, enttäuscht ging ich auf ihn zu: «Das war’s?»

«Das war’s», sagte er routiniert, bevor er mir kurz erklärte, dass das schon mal vorkommen könne. Insbesondere die Sauen wäre heutzutage so intelligent, dass sie auf das Bellen der Hunde mit «Wir halten heute mal still!» reagieren würden. Und vom Fuchs wäre ja allgemein bekannt, wie … schlau er ist.

Wir gingen also zurück zum Auto, um darin zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren, einem Parkplatz, auf dem die anderen schon warteten. Auch von denen hatte keiner auch nur ein Stück Wild gesehen, es gab keine Ansicht, kein Schuss, nichts. Die Kofferräume wurden geöffnet und die mitgebrachte Jause verteilt – Speck, Brot und Bier. Ich frage, wo der nächste Bahnhof wäre, und ob Markus mich nicht  dorthin bringen könne, auf den zweiten Teil der Jagd ab 13 Uhr wollte ich nämlich gerne verzichten.

Dafür würde ich am Abend ins Kino gehen. Gerne etwas Philippinisches oder Kasachisches mit drei, vier Stunden Länge, mit weidenden Yaks oder im Busch herumstreunenden Beerensuchern.

Hauptsache, Action!

 

 

Simon Rothöhler

Ein «wooden singer», der auch die Unmusikalischsten mitnimmt, Schnee, der in den Himmel fällt: Canone Effimero (Gianluca & Massimiliano De Serio, 2025) | Meet the Parents als Dichtertrinkübung, endlich mal wieder ein astreiner Vintage-Hong-Sang-soo: What Does That Nature Say To You (Hong Sang-soo, 2025) | Kriegsalltag im westukrainischen Lviv, konzentriert beobachtet, getaktet durch zunehmend erschöpfte Trauermärsche: Time to the Target (Vitaly Mansky, 2025) | So sieht der slicke Plattformkapitalismus von unten aus: L’histoire de Souleymane (Boris Lojkine, 2024) | Eindrucksvoll auch als sich selbst anfeuernde, mühelos & intelligibel zwischen den Zeiten schaltende Politdramaturgiemaschine: The Secret Agent (Kleber Mendonça Filho, 2025) | Sehr eingeleuchtet, dass DiCaprio mit seinen vergessenen Codes nicht von der Couch kommt, aber Jonathan Lethem hat mit Assata Shakur und den transplantierten legacies natürlich schon einen Punkt (andererseits hilarious: der «Christmas Adventure Club» – Hayeks senillibertäre Bastarde haben, surprise, nur die rassistischen Codes nicht vergessen): One Battle After Another (Paul Thomas Anderson, 2025) | One battle after another auch hier: Sinners (Ryan Coogler, 2025) | Essentielle Beiträge zu einer filmischen Geschichtsschreibung Palästinas: A Fidai Film With Hasan in Gaza (Kamal Aljafari, 2024 & 2025) | Vermutlich dank Emmanuel Carrère im Detail doch ziemlich interessant fingiert: The Wizard of the Kremlin (Olivier Assayas, 2025) | Auch ein Film über Codes, Kommunikate & sperrige Fummel: Tardes de Soledad (Albert Serra, 2024) | Allein wegen des Archivmaterials zu Patrice Lumumba: Soundtrack of a Coup d’Etat (Johan Grimonprez, 2024) | Sehr gemocht, wie die experimentelle, unangestrengt autonome Kamera jugendgruppendynamische Aushandlungsprozesse seziert: Der Fleck & Was wahrscheinlich passiert wäre, wäre ich nicht zuhause geblieben (Willy Hans, 2024 & 2021) | Theater-Film-Rückkopplung mit viel Drive aus der Standort-Gegenwart dieser smarten Transferleistung: Hedda Gabler (Nia DaCosta, 2025) | Rythms Is a Dancer: El Jockey (Luis Ortega, 2024) | Ältere Filme, neu für mich: Das Lied ist aus (Géza von Bolváry, 1930) & Mazurka (Willi Forst, 1935) | Retrospektive Willi Forst, Zeughaus) | Old Believers (Jana Sevcíková, 2001 | Carte Blanche Véréna Paravel, Silent Green) | The Store (Frederick Wiseman, 1980) || Going out: ernst cave | Le Servan || Für uns Zwangsanglophile: Shifty: Living in Britain at the End of the Twentieth Century (Adam Curtis) & James Meek: Ten-Foot Chopsticks: The North-East Transition (LRB, 4 December 2025) || Manchmal kann «Content» immer noch ziemlich viel ziemlich üble Gegenwart prozessieren (und dabei auch noch sharp & funny sein): Mo – Season 2 (Mo Amer & Ramy Youssef) | 2 Konzeptkunstserien über soziale Experimentalsysteme und nicht nur epistemisch irritable Dinge: The Rehearsal – Season 2 (Nathan Fielder) & The Chair Company (Tim Robinson & Zach Kanin) || Der Sommer im Bergell & Engadin || Was wirklich hilft: Multifokallinsen (courtesy of Anne Kunze) || Mein eigentliches Buch des Jahres ist Familiensache: Catherine Davies: Rechtsstaat und Patriarchat (Hamburger Edition 2025) || Konzertantes bleibt auch, vor allem 2 x Mozart: Der distinguierte 84-jährige Jordi Savall altmeistert die Berliner Philharmoniker, «das selbstbewussteste Orchester der Welt» (FAZ): No. 41 | Die Tibetsachen hätte ich persönlich nicht gebraucht, Bruno de Sás Don Elviro aber schon – ziemlich genial, wie im sextettlosen Finale der Schalter in die Totenmesse als «scena ultima» umgelegt wird: Kirill Serebrennikov & James Gaffigan: Don Giovanni/Requiem (Komische Oper) | Entdeckung: Emilie Mayer: Symphonie Nr. 2 e-moll (Bernhard Forck & Akademie für Alte Musik, Pierre Boulez Saal) || Wiedergehört (still love it): Optimo – How To Kill The DJ [Part Two] (Rest in Peace Keith McIvor) | Sorry, not sorry: Ohrwurmsong & Musikvideo, so much the happier I: Achilles (The Divine Comedy) || Ausstellung: Tyler Mitchell – Wish This was Real (MEP) || Vortrag auf einer Tagung, die in vielerlei Hinsicht herausragend interessant & selbst ein Dokument war: Diedrich Diederichsen – «Outlaw, Dandy oder Situ – Rebellische Identitäten für BRD-Jugendliche aus dem Angebot der Alliierten» (A Critique of Transatlantic Reason) || Hilft, nicht die Orientierung zu verlieren: Phillips O’Brien: Phillips’s Newsletter (Substack) || Minutiös recherchierter und allerhand Technikalitäten so locker wie präzise miterklärender Techjournalismus über die Skalier Bros in Buchform: Karen Ho: Empire of AI (Penguin 2025) – die darin rekonstruierte Geschichte von OpenAI (und Y Combinator) ist klarerweise von systemischer Konsequenz, aber man begreift bei der Lektüre auch, warum diese unsere Gegenwart ohne investigative Porträts einzelner Handlungsträger nicht zu verstehen ist: «It would reveal just how much the quest for dominance of that technology—already restructuring society and terraforming our earth—ultimately rests on the polarized values, clashing egos, and messy humanity of a small handful of fallible people.» || Auch eine exzellente Gerichtsreportage: Manon Garcia: Mit Männern leben (Suhrkamp 2025) | Ebenfalls bleibt manches aus: Sinthujan Varatharajah & Moshtari Hilal: Hierarchien der Solidarität (Wirklichkeit Books 2024) | Philipp Goll: Western Dissidenz (Spector Books 2025) || Überdies: Olga Tokarczuk: Empusion (Kampa 2023) und, wie Voskuils Das Büro (1996ff.), ein längerfristiges Leseprojekt: Anthony Powell: A Dance to the Music of Time (1951ff.)

 

 

Armin Schäfer

«Without head or tail. Everything head and tail. Convenient for you. Convenient for me. Convenient for the Reader. We all can break off wherever we so choose – I, my reverie, you, the manuscript, the reader his reading.» (Charles Baudelaire, übersetzt von Richard Sieburth)

Fotografie: Im Kubus der Situation Kunst in Bochum waren Fotografien von Dirk Reinartz ausgestellt, die er zwischen 1987 und 1993 in den Konzentrationslagern aufnahm. Sie wurden erstmals 1997 zusammen mit einem Essay von Christian Graf von Krockow in dem Fotobuch totenstill bei Steidl veröffentlicht.  Die Ausstellung ist mittlerweile nach Rostock gewandert und wird dort noch bis Mitte März 2026 in der Kunsthalle gezeigt. In Remscheid wurde das sanierte Museum Haus Cleff mit einer Ausstellung von Fotografien von Wolfgang Tillmans wiedereröffnet. Die Zimmer scheinen viel zu eng für die zumeist großformatigen Ausdrucke. Tillmanns nutzt die Architektur des ehemaligen Patrizierhauses, das Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde, um auf dem Ausstellungsparcours die Blicke unablässig zurück- und vorauszuschicken. Ein Foto scheint nur unter der Bedingung gesehen werden zu können, dass ein weiteres in den Blick gerät. Und zwischen den Fotos lenken die Fenster den Blick ins Bergische Land. Das symmetrisch gebaute Haus setzt die Ausstellung als ein Spiel der Wiederholung, Variation und Doublierung in Gang, das seinerseits die Tillmans-Ausstellung in der leergeräumten Pariser Stadtbibliothek spiegelt. Dort hatte der Fotograf aus Remscheid auf den über 5000 Quadratmetern der ehemaligen Bücherei im Centre Georges-Pompidou eine Retrospektive eingerichtet. Was einst die Idee solch einer öffentlichen Institution war, scheint jetzt noch einmal in der Ausstellung auf (die aber, anders als einst der Zugang zur öffentlichen Bibliothek, Eintritt kostet). Man kann in dem nahezu säulenfreien Geschoss des verwaisten Gebäudes in einem riesigen Freihandbestand von Tillmans-Fotos umhergehen, viele als Tintenstrahlausdrucke, in wechselnden Formaten, ohne Rahmung mit Klemmen in losen Arrangements an der Wand oder auf Tischen; die einstigen Rechercheplätze der Bibliothek sind zu Videostationen geworden.

Kunst: Hito Steyerls Videoinstallation Mechanical Kurds (2025) zeigt Leute, die vor Krieg und Verfolgung geflüchtet und in einem Lager untergekommen sind. Sie können dort arbeiten, indem sie die KI für jene Drohnen trainieren, die ihresgleichen töten werden.

Kate Crawfords und Vladen Jolers Website Calculating Empires. A Genealogy of Technology and Power since 1500 ging schon 2023 online und ist weiterhin augenöffnend. In der Ausstellung Robert Smithson in Europe, die im Anbau des Josef Albers Museums in Bottrop noch bis zum 22. Februar 2026 läuft, sind unter anderem «Mirror Displacements» zu sehen, mit denen Smithson virtuelle Spiegelbilder in den Dreck des Erdbodens einsenkte.

Film: Nicole Brenez las 2006 in ihrem Buch Traitement du Lumpenprolétariat par le cinéma d‘avant-garde das siebte Kapitel aus Georg Simmels Soziologie, das einen Exkurs zur Armut umfasst. 20 Jahre später ist ihr Buch so lesenswert wie einst. Allerdings war 2006 der Besitz eines Mobiltelefons mit eingebauter Kamera «noch keine soziale Norm, geschweige denn eine so lebenswichtige Voraussetzung, wie ein Herz, ein Gehirn oder eine Lunge zu haben» (Joshua Cohen). Wer Glück hat, kann den ein oder anderen Film, den Brenez bespricht, im Netz finden. Film im Kino: Die Kamerafahrt, mit der All We Imagine as Light von Payal Kapadia beginnt (und später dann die Aufnahmen des Regens). In Grand Tour von Miguel Gomez zum Walzer An der schönen blauen Donau ein Kreisverkehr in Bangkok in Zeitlupe, wie einst die Raumschiffe bei Kubrick, jedoch mit viel mehr Charme. In der restaurierten Fassung von Robert Bressons Quatre Nuits d’un rêveur die feuchten, aufglänzenden Straßen in nächtlicher Beleuchtung. In Wang Bings Youth – der im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf als Installation unter dem Titel The Weight of the Invisible. Part I gezeigt wurde – die Arbeiter:innen, die in einem chinesischen Kleinbetrieb Kinderkleidung im Akkord produzieren.

Literatur: Paul Griffiths, let me tell you. let me go on, New York Review of Books, 2025. (Wiederveröffentlichung von zwei Bändchen, die vormals in einem Kleinverlag erschienen waren.) Literatur, die nach derart strikten Regeln verfasst wurde, dass es den Zwängen, die das Schreiben ohnehin einengen, entkommt: Jetzt kann Ophelia mit exakt denselben Wörtern, die Shakespeare ihr zugedacht hat, berichten, wie alles kam, vor und nach ihrem Suizid.

Musik: Enno Poppe dirigiert sein Stück Körper. Für Ensemble (2021) in Essen und Amsterdam; das Ensemble Modern spielt, als ob es nicht schon 45 Jahre auf seinem Avantgarde-Buckel hätte. Es gibt bei Wergo auch eine CD mit dem Stück und hier ist es auch zu finden. György Kurtág ist in seinem hundertsten Lebensjahr, und Pierre-Laurent Aimard hat eine Auswahl aus Kurtágs Jákétok auf zwei CDs bei Pentatone eingespielt. Zwar gelingt es mir nicht, mehrere der kurzen Stücke nacheinander anzuhören, aber jeden Tag kann man ein neues hören.

 

 

Tilman Schumacher

Viel im Kino gewesen, Sehtagebuch geführt: DCPkino – Gisela (2005) von Isabel Stever (ZHK, Berlin): Ein Film, der ganz auf den filmindustriefernen Körper seiner Hauptfigur baut, auch einer, bei dem sich nichts so recht zum Ganzen fügt und der trotz Sozialdramasetting nie Probleme «bearbeitet», vielmehr eigentümlich hermetisch menschliche Anziehungen seziert. // Analogkino  Unser Doktor (1971) von Martin Müller (ZHK, Berlin): «Das ziellose Kino des Martin Müller» hatte ich 2023 eine Retro zum jüngsten Mitglied der Münchner Gruppe (ca. 1964-72) genannt; kürzlich ist Martin, der nicht nur ein unbesungener Filmemacher ist, sondern auch ein toller Mensch war, gestorben; in seinem Unser Doktor gibt es sogar einmal ein Ziel, das die Ami-Karre fahrenden Slacker verfolgen, nämlich eine Kofferübergabe im Wald; keine Ahnung, was es damit auf sich hat – egal: Blätter im Wind, Gesten, Posen, Popmusik. // DCPkinoIracema: Uma Transa Amazônica (1975) von Jorge Bodanzky & Orlando Senna (Berlinale, Berlin): Wenn die Berlinale Retro kuratorisch wie analoganteiltechnisch schwächelt, kann man wenigstens Digitalrestaurationen von historischen Filmen in der Classics-Sektion schauen, die vermutlich eh nicht mehr auf Material im Umlauf sind; Iracema z.B., die Tour de Force einer jungen Prostituierten durch leergerodete Amazonas-Nichtorte, ein Film voller Hässlichkeiten – und dabei so schön gefilmt; Lino Brockas Kino lässt grüßen. // Analogkino – Du und deine Umwelt (1975) von FWU (Hofbauerkongress, Wien): Der Nürnberger Hofbauerkongress gab dieses Jahr sein Gastspiel in Wien, Wiener Kongress quasi; dass er in alle Richtungen der Filmgeschichte ausgreift, zeigte nicht zuletzt ein irrer Kurzfilm des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU), ein verstrahlter Coming-of-Age-Antidrogen-Aufklärungsfilm, bei dem ein Junge an einer futuristisch anmutenden, berauschenden Atemmaske namens HILMI nuckelt… // AnalogkinoRouge (1987) von Stanley Kwan (ÖFM, Wien): Wien ist schon eine Kinotraumstadt… Während der Hofbauerkongress im Metrokino tagte, präsentierte das ÖFM um die Ecke eine Analogkinoschau des Hongkonger Genrekinos; Rouge fiel mit seiner auteur-ischen Schlafwandlerei aus dem Reihenrahmen; sanfter als mit dem Liebesmelodram hätte man mich aber nicht aus dem Kinoexzess der letzten Tage entlassen können. // AnalogkinoInternet Love (1988) von Eckhart Schmidt (STUC, Berlin): Die frühe Internetzeit, Distanzen spielen keine Rolle mehr; Daniel und Laura chatten elektrisiert hin und her, von Liebe ist die Rede, doch als Laura Daniel in L.A. besucht, stellt sich alles als heiße Luft heraus; nun beginnt das videobildkrisselige Mäandern durch die Filmmetropole, in der jeder sein Glück machen will und kaum jemand es findet; extrem merkwürdiger Dub: statt Übersetzung drübergelegte Bravo-Story-Paraphrase. // AnalogkinoFür Frauen, 1. Kapitel (1971) von Cristina Perincioli (Kurzfilmtage Oberhausen): Abschlussfilm Perinciolis an der dffb, auf den ersten Blick eine hyperdidaktische Angelegenheit: vier weibliche Supermarktangestellte kommen dahinter, dass sie weniger Geld als ihre männlichen Kollegen bekommen; treten in den Streik – der Film klärt Schritt für Schritt auf, wie’s gemacht wird; jenseits des Politlehrfilms kommt aber auch eine Komödie zutage; die Supermarktlaien sind die pure clumsiness, ihre aufgesagten Zeilen Stand-Ups. // AnalogkinoPrisoner of Paradise (1980) von Bob Chinn & Gail Palmer (Vinegar Syndrome Weekender, Berlin): Low-Budget-Nazi-Sexploitation auf der Leinwand, über weite Strecken knallrot, dann unverhofft doch einmal kurz farbschillernd; wenn auch der Todesfilmking Jörg Buttgereit im vollen Saal sitzt und anschließend schreibt, «Anstelle von Empörung und Protesten gibt es zum Ende vom Publikum sogar Applaus. Wie kann das sein? Ich bin schockiert von derart liberaler Offenheit», geht das natürlich runter wie Öl. // AnalogkinoInterlude (1957) von Douglas Sirk (Technicolor-Festival, Karlsruhe): Sirk macht im Nachkriegsdeutschland dort weiter, wo er vor dem Krieg aufhört hat: inmitten der Seelenlandschaft des Heimatfilms; eine nicht immer bloß beschwingte Romanze vor herrschaftlichen Kulissen und Landstrichen, auch über den Dächern von Salzburg; Sehnsüchte, Ungesagtes wohin das Auge reicht; in Karlsruhe sehen ich und andere Kinofreund:innen hier zum letzten Mal unseren Kölner Freund Bernhard Marsch, RIP. // AnalogkinoA Walk in the Sun (1945) von Lewis Milestone (Il Cinema Ritrovato, Bologna): Die Classical-Hollywood-Personalie ist für viele Festivalbesucher:innen eins der Highlights von Bologna, dieses Jahr war sie dem Kriegsfilm-Experten Milestone gewidmet und kam spürbar weniger gut an; auch sein monologlastiger, ereignisarm erzählter A Walk in the Sun stieß zu meinem Erstaunen auf wenig Gegenliebe; die erste halbe Stunde verschanzen sich Soldaten in einer Grube, stehen unter Beschuss, ohne dass je ein Feind ins Bild käme, Zeit genug, über das Leben und die Zeit vor und nach dem Krieg nachzudenken – die Malick’schen Grübeleien werden bleiben. // AnalogkinoBiggi, eine Ausreißerin (1980) von Charles Köhn (Pleasure Dome, Berlin): Sicherlich die extremste Kinoerfahrung des Jahres; ein randvoller Saal im Berliner Filmrauschpalast staunt ungläubig, zusehends auch lautstark, über die Eskapaden von Biggi, eine Ausreißerin, die durch die tristesten Areale der deutschen Kinopornografie streift; härter noch als die nichts auslassende Bildebene ist der Ton: Furzwitze, sprechende Penisse, Kalauergewitter; danebener, zersetzender, transgressiver war der deutsche Film vielleicht nie wieder. // AnalogkinoAmantide – Scirocco (1987) von Aldo Lado (Terza Visione, FFM): Gediegener als bei Punkerin Biggi ging‘s bei den angenehm auf der Stelle tretenden Feriensexabenteuern von Lados 80s-Softporn zu, ein Film, der aus seinem kargen Budget das beste macht, bzw. nichts anpackt, das er nicht einlösen kann; schwitzende Leiber, inbrünstige Blicke, Wüstennächte, Saharasonne. // AnalogkinoNew York Portrait, Chapter I (1979) von Peter B. Hutton (exf f., FFM): Mein 1. Besuch beim Experimentalfilmfestival exf f., sicher nicht der letzte; dankbar, Huttons expressive, schwarzweißholzschnittige Großstadtsinfonie erstmals wirklich gesehen zu haben; die Schwarzwerte (tolle 16mm-Projektion in der Pupille!) blieben mir im Digitalen bis dahin verborgen; eine Erfahrung zudem, ein Kinowochenende fast gänzlich mönchischer Stille zu verbringen. // AnalogkinoThe Color of Love (1994) von Peggy Ahwesh (GEGENkino, Leipzig): Ein Doris Wishman gewidmeter Film kann gar nicht unsympathisch sein; dieser hier ist für mich gar ein aus dem Nichts kommendes Experimentalkurzfilmmeisterwerk, ein materialästhetisch ausgetüftelter Found-Footage-Film, bei dem nicht nur die nackten Körper der recollagierten 70s-Erotica pulsieren, sondern auch der sich live wie zersetzende Analogfilm selbst; Form und Inhalt deckungsgleich. // AnalogkinoMan of Aran (1934) von Robert Flaherty (Festival Shared Histories, Forschungscampus Dahlem/Berlin): Erste Entdeckung: in Dahlemer Forschungscampus gibt‘s im Untergeschoss einen Saal mit ca. 150 Plätzen, der mit einer okayen Leinwand und guter 16mm- und 35mm-Projektionstechnik aufwartet – wär’s nur nicht so am Arsch der Welt; zweite Erkenntnis: Flahertys Ode an die raue irische Küste ist beim erneuten Sehen fast ein Avantgardefilm, eine halbabstrakte Komposition aus Wellen, Wind und Gemurmel. // AnalogkinoWhere did you get that woman? (1982) von Loretta Smith (Un-American Activities, DOK Leipzig): Bei der Recherche für die von mir ko-kuratierte DOK Leipzig Retro hat mein Kollege Tobias Hering herausgefunden, dass Kopien von DOK-Preisträgerfilmen aus der DDR-Zeit unter ihrem deutschen Festivaltiteln mittlerweile (teils) im Bundesarchiv-Filmarchivs zu finden sind; ein großes Glück, waren doch die nächtlichen Neonlichtfluten in Smiths zärtlichem Porträt einer schwarzen Chicagoerin eins der Analogfilmhighlights unserer Schau. // AnalogfilmOnce a Thief (1991) von John Woo (Karacho, Nürnberg): Sträflich unterschätzter Woo-Film, steht in Sachen Wahnsinn und Kinoakrobatik seinen Heroic-Bloodshed-Großtaten in nichts nach; sein Tribut an die Slapstickkomödie der Stummfilmzeit, entfesselter Spieltrieb, konstanter Überbietungsgestus, die Welt der Dinge siegt über die der Menschen; faszinierend auch, wie familientauglich das alles beginnt, um dann doch im Woo’schen High-Bodycount aufzugehen. // DCPkinoSon Portrait, Mon Portrait (2024) von Nurith Aviv (REMAKE, FFM): Die Filmemacherin porträtiert mit der Handykamera eine befreundete Künstlerin, die währenddessen eine Porträtzeichnung von ihr anfertigt; strenge Blicke der Künstlerin ins Off, nicht etwa aufs Kameraauge, sondern aufs darüberliegende, Verborgen bleibende Gesicht der Kamerafrau; dessen Schemen zeigt das Papier; ein in seiner Einfachheit poetischer Film, die Skizze einer Skizze. // AnalogkinoLancelot du Lac (1974) von Robert Bresson (DFF, FFM): Zu Filmbeginn ist das Abenteuer schon vorbei; was folgt ist der nächtliche Sehnsuchtsblick aufs Burgfenster, auf das Licht, das dort die Angebetete vermuten lässt; auch die leeren Pflichtübungen und Rituale existieren noch, Lanzenträger gehen zu Applaus zu Boden, klappernde Rüstungen kotzen knallrotes Theaterblut aus; sonst ist alles ist in ein Grün-Beige getaucht, wenn doch einmal eine bunte Fahne auftaucht, versprüht das so etwas wie Hoffnung. // Analogkino – Sátántangó (1994) von Béla Tarr (DFF, FFM): Zum Jahresabschluss nochmal ein Superlativ: siebeneinhalb Stunden Analogprojektion, 26 Akte, 16.000 Meter Film; Regen, Schnaps und die sie umklammernde Transzendenz; erstaunlich lebensweltlich und alltagsgrotesk über weite Strecken (nur Liebe für den versoffenen Charakter Peter Berlings); eine späte Lieblingsszene: Nach fast 7 Stunden Laufzeit wird der polizeiliche  Schreibmaschinenbericht für eine gut 5-minütige, haarsträubend handlungsirrelevante Wurstbrotpause unterbrochen; das muss man sich auch erstmal trauen. Guten Rutsch!

 

 

Anja Schürmann

Drei komma eins

Ich gehe in die App, den Ort, um Freunde zu treffen. Suche den Film, den ich dringend abgleichen möchte. Finde den Film – und mit dem Film eine Nummer von null bis fünf, unterstrichen von Sternen und einem Balkendiagramm. Null habe ich noch nie gefunden, fünf auch nicht. Sagen wir: Ich finde eine drei komma eins. Der Film in meiner Erinnerung ist aber nicht drei komma eins. Er ist vier, vielleicht auch fünf, ich bin mir nicht sicher. Sicher bin ich mir nur, dass er nicht drei komma eins ist.

Ich fange an zu lesen und lese, was meine Freunde so denken. Oft denken sie in Zahlen, nicht in Worten – was mir nicht weiterhilft. Manchmal denken sie Einzeiler, manchmal längere Texte. Manchmal auch längere Texte, die abrupt aufhören und die ich dann im Internet weiterlese. Ich lese andere Meinungen, mir entgangene Details, wütende Distanzierungen und Lobpreisungen in Großbuchstaben.

Ich hämmere meine Überzeugung in die App. Toller Film, super Schauspieler schreibe ich nie. Eher ein Detail, das mir einfällt. Ein Detail, das in Rezensionen leicht vergessen oder gekürzt wird. Eines, bei dem der/die Redakteur:in «Lesefluss!» mit Ausrufezeichen kommentiert. Ich mag Details. Idealerweise ist es ein Detail, das ein gewisses Insiderwissen und einen Vibe offenbart, zeigt, dass man die ganze Lore nicht nur kennt, sondern auch ergänzen kann.

Ein Detail wie der Monsun, der bei All We Imagine as Light eine Sprechrolle hatte – die ich nur durch die berühmte Zeile von Tim Kaulitz zu würdigen wusste. Solche Details sind es, die den Boden bereiten.

Denn die App ist mein Teppich. Der Grund, auf dem ich mir langsam eine Meinung bilde. Auf dem ich erst knie, bevor ich gehen kann. Der Teppich heißt Letterboxd – er bleibt. Und wenn er aus Gründen nicht bleiben sollte, starte ich die Online-Petition für seine Rückkehr.

 

 

Natalia Serebriakova

Marty Supreme von Josh Safdie

Dieser Film ist für mich der wichtigste dieses Jahres, weil er über Ambition nicht als zerstörerische Kraft spricht, sondern als eine Form des Überlebens und der Selbstbestimmung. Safdie zeigt einen Helden, der am Spiel nicht aus Gier nach Sieg festhält, sondern aus einem inneren Bedürfnis, sich weiter zu bewegen – selbst dann, wenn die Welt um ihn herum ständig Widerstand leistet. Marty Supreme hinterlässt kein Gefühl der Erschöpfung, sondern eine stille Hoffnung – als hätten Beharrlichkeit und der Glaube an den eigenen Weg doch einen Sinn.

The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho

Für mich ist dies ebenfalls der wichtigste Film des Jahres, weil ich die Arbeit von Kleber Mendonça Filho schon lange verfolge – von Aquarius bis Bacurau – und gerade hier erscheint mir seine Handschrift am radikalsten und präzisesten. Der Film verwandelt historische Traumata nicht in bloße Illustration, sondern in einen körperlich spürbaren Raum, in den der Zuschauer förmlich hineingeworfen wird. Mendonça Filho arbeitet so frei mit Genres und Bildern, dass Gewalt, Absurdität und schwarzer Humor zu einer einzigen hypnotischen Realität verschmelzen, in der das Kino zu einer Weise wird, Erinnerung zu durchleben, statt sie zu erklären.

Miroirs No. 3 von Christian Petzold

ist ohne Zweifel der beste Film des Jahres: eine feine, intime und zugleich ungemein menschliche Geschichte, die das Alltägliche in einen Raum tief empfundener Erfahrungen und leiser Offenbarungen verwandelt. Dank brillanter Schauspielkunst (allen voran Paula Beer) und einem makellosen Gefühl für Rhythmus erschafft Petzold eine Welt, in der zufällige Begegnungen Leben verändern können und zerbrechliche, fast unscheinbare Momente den Weg zu einer Versöhnung mit dem Schmerz öffnen.

 

 

Simon Strick

Neben wieder großartig-erschöpfender Arbeit mit der Performance-Gruppe Panzerkreuzer Rotkäppchen – u.a. am Großspektakel Hüttenstadt Elegie und der Reihe Mein Ekel ist ein Privileg war mein 2025 vor allem dies: Über Faschisierung schreiben und dazwischen Zocken. Mit Kindern ist man nicht frei in der Spieleauswahl, und das Jahr war geprägt durch gemeinsame Zeit auf der Plattform Roblox. Dort treffen sich 5-20jährige in tausenden verschiedenen Multiplayer-Spielen, von Shootern bis zu Buchstabierwettbewerben. Ich werde mitgenommen und darf wegen Cringegefahr nur wenig sprechen. Der Hit dieses Jahr war Dandy’s World (BlushCrunch Studio) und wir verbrachten hunderte Stunden in der simulierten Umgebung, die vom Abstieg in eine Unterwelt handelt, wie so vieles gerade.

Im stillgelegten Garden View Educational Center treffen sich die Spielfiguren, um in Teams von bis zu acht Spielerinnen einen der drei Aufzüge zu betreten, die zu den Floors führen. Ist ein Floor bewältigt, rettet man sich wieder in den Aufzug, es geht weiter abwärts. Zu Beginn wählt man seine Spielfigur aus über 20 Toons aus, die freigespielt werden müssen: Ein kleiner, schneller Hund namens Pebble, der bellen kann; das Zimthörnchen Cosmo, das andere Figuren heilt, dabei aber selbst eines der drei Herzen verliert; die Kleenex-Box Tisha; die Ballonfigur Looey, die kleiner und schneller wird, je weniger Herzen sie hat; die Lupe Rodger, die die wichtigen Research-Punkte schneller sammeln kann.

Eine Hintergrundgeschichte ist durch Poster und Gegenstände zu erraten, die überall verteilt sind: Angeblich waren die Figuren Teil einer Kinderserie im Fernsehen von Garden View, die irgendwie ins Leben gesprungen sind. Sie sind sehr bunt, die Katze Scraps und ihr Freund Goob sind aus buntem Papier oder Stoffresten gebastelt. Die Hauptfigur Dandy, die im Aufzug hilfreiche Gegenstände verkauft, ist eine regenbogenfarbene Topfblume. Überall sind Dekorationen und Bilder in Regenbogenfarben, die von der Freundschaft der Figuren handeln. Auf Youtube finden sich Shipping-Videos, die die Toons zu Paaren und Familien umdichten. Meine erste Assoziation war daher ein LGBTQ+ informiertes Spiel, der Zielgruppe 9+ Jahre angepasst.

Aber Dandy’s World ist ein Mascot-Survival-Horror-Spiel: In einer unendlichen Abfolge von düsteren Floors besteht die Aufgabe darin, einerseits Maschinen zu bedienen, die mit einer schwarzen, zähen Flüssigkeit gefüllt werden müssen. Die Flüssigkeit heißt Ichor, nach Homer das Blut der Götter. Ihr Abfüllen heißt im Jargon Extraction. Während dieser Arbeit muss man Monstern ausweichen, den Twisteds. Sie sind monströse Versionen der eigenen Figur: Twisted Scraps, twisted Goob, und so weiter. Sie leben auf den Floors, wandern ziellos herum, sie beißen und greifen, wenn sie uns entdecken. Man trifft auf sein monströses Doppel, muss sich vor sich selbst verstecken, davonlaufen, sich selbst abschütteln.

Die Kinder haben Strategien entwickelt, Arbeitsteilung: Schnelle Toons lenken die Monster ab (distractors), während andere die Maschinen bedienen (extractors), Verletzungen heilen oder Booster verteilen (supporters). Im Dauerstress des Spiels ist strategische Organisation ebenso wichtig wie Care Work – man verteilt die Rollen, warnt einander, bedankt sich für Hilfe. Ist jemand «afk» (away from keyboard), warten die anderen. Ein Verhaltenskodex ensteht, den ich lernen muss. Sind alle Maschinen abgefüllt, sammelt man sich im Aufzug zum nächsten Floor, lobt oder kritisiert sich, macht Witze. Das war mein Jahr als Noob unter Profis: Unter Stress tausendmal pechschwarze Flüssigkeit abfüllen während mein Kind und Unbekannte die monströsen Blumen, Puppen und Katzen ablenken, die uns umbringen wollen. Sie reden im Chat über die Strategien, diskutieren über diesen und jenen Abstimmungsfehler, manchmal wie ein gut geöltes Einsatzkommando, manchmal als liebevolle Familie von Außenseitern, manchmal wie zerstrittene Querulanten.

In der Obhut Zehnjähriger den eigenen Monstern begegnen, immer tiefer absteigen, bis das Team dezimiert ist, die Monster und Maschinen zu viele geworden sind, ich panisch in einer dunklen Ecke hocke, nur ein letztes Herz, und mein Kind oder ein anderes mich rettet und zum Fahrstuhl in die nächste Tiefe begleitet. Wir feiern, als wir nach zwei Stunden zitternd und gestresst Floor 20 erreichen und ein neues Toon freischalten. Der Rekord liegt bei 850 Floors, was Tage dauern muss. Es gibt kein Ende des Spiels und kein Ende des Abstiegs, kein Ende des Aufeinander-Angewiesen-Seins, kein Ende des Vertrauens aufeinander, in der Welt wo Regenbögen, Schizo-Roleplay und Horror eins sind. Überleben lernen von 10jährigen, immer und immer wieder.

 

 

Nicolas Wackerbarth

Lav Diaz ist bekannt für seine epischen Filme und seinen dezidiert dekolonialen Blick, mit dem er die philippinische Geschichte aus der Perspektive der Marginalisierten und Unsichtbaren im kolonialen Archiv erzählt. In MAGELLAN vollzieht er erstmals einen Perspektivwechsel: Im Zentrum steht nicht das Leiden der Kolonisierten, sondern Ferdinand Magellan, verkörpert von Gael García Bernal. Der Film legt offen, wie religiöser Eifer, imperiale Logiken und persönliche Hybris die Expedition antreiben. MAGELLAN ging eine siebenjährige Recherche voraus. Bernal erlernte eigens europäisches Portugiesisch, um die oft kurzfristig entstehenden Texte von Diaz umsetzen zu können. Die Dreharbeiten fanden über 42 Tage auf einem rekonstruierten historischen Schiff statt. Diaz, der sich selbst als «cultural worker» bezeichnet und in Interviews konsequent Filipino spricht, macht deutlich, dass die Gegenwart ohne die kolonialen Ursprünge der globalen Ordnung nicht zu verstehen ist.

In DRY LEAF entwirft Alexandre Koberidze ein intimes Roadmovie, das über Abwesenheit, Erinnerung und die Sehnsucht nach Gemeinschaft reflektiert. Ausgehend von der Suche eines Vaters nach seiner verschwundenen Tochter, die abgelegene Fußballfelder dokumentierte, wird der Film zu einer meditativen Spurensuche durch das ländliche Georgien. Gedreht mit einer einfachen Mobiltelefonkamera, insistiert DRY LEAF auf der Materialität des Bildes und erforscht Kino als poetische Denkform, in der Zeit, Verlust und Zugehörigkeit erfahrbar werden. Die Musik von Giorgi Koberidze erhebt die grobkörnigen Bilder zu einem Traum vom Kino selbst.

LES MAÎTRES FOUS von Jean Rouch ist ein ethnografischer Kurzfilm über die Hauka-Bewegung in Accra und ein äußerst verstörendes Seherlebnis. In intensiven Performances übernehmen die Teilnehmer Rollen kolonialer Autoritäten. In einem durch Drogen initiierten Trancezustand werden Alltagssituationen brutaler rassistischer Unterdrückung ausagiert. Zur Entstehungszeit 1955 war der Film stark umstritten und in Teilen Westafrikas verboten; Kritiker*innen warfen ihm Exotisierung vor. Ist die symbolische Umkehrung der Macht in LES MAÎTRES FOUS nicht eine produktive Form des Widerstands? Dem Film gelingt es, den Terror der Kolonisatoren und dessen Wirkung auf die nachkommende Generation körperlich erfahrbar zu machen.

 

 

Robert Weixlbaumer

Île-de-France

LES HABITANTS von Maureen Fazendeiro erschien mir wie eine Postwurfsendung gegen spaltende Abwehr. Valerie, Mutter der auch im Verein mit Miguel Gomes arbeitenden Regisseurin, berichtet in Briefen aus Perigny von gelebter Solidarität vor den Toren von Paris, die Tochter begleitet die Texte mit nüchternen Bildern aus dem Alltag der Kleinstadt. Valerie möchte ihre Welt auch für die neu angekommenen Roma-Familien öffnen, während ihre Nachbar:innen sie verschließen wollen. Ein kurzer Film voller Wärme und Antiparanoia. 

Supralibros

You can’t judge a book by its cover, aber vielleicht alten Besitzer:innen zuordnen, wenn es ein Supralibros trägt. Die Lieblingsrecherche wünscht keinen Fokus. Statt dessen: Mehrkanalton, Netzwerk, Wiki, Delta, fröhlich wegtreibende Motive. Lieblingsrecherchefilm 2025: A DUBLIN BOOKBINDER, eine irische Sendung-mit-der-Maus-Manufaktur-TV-Episode von 1981, in der man lernt, wie man Bücher mit heißen Eisenstempeln, Blattgold und Eiweiß verziert. Lieblingsantiquariatsband mit Supralibros: ausgerechnet Ödipus und Elektra in der ausufernd kommentierenden, französischen Übersetzung von Dacier & Dacier (1763), als Link zwischen meiner psychoanalytischen Praxis und den protopsychologischen Forscher:innen aus dem 18. Jahrhundert, denen ich immer noch hinterher steige. Lieblingsraubvogel: die Möwe, die in der Bibliothekspause im botanischen Gartencafé von Leiden den frisch servierten French Toast als Ganzes vom Teller schnappte, aber in ihrem Dopaminrausch auch gleich wieder in den Kies fallen ließ. 

Bergsturz

Die Hütten-Wanderung mit K. im Grenzgebiet zwischen Salzburg und Kärnten begleitete ein digitaler Rucksack mit regionalem Berg- und Heimatfilmprogramm, aus dem DAS LIED DER HOHEN TAUERN (1955) schroff herausragte, frisch restauriert vom Film Archiv Austria und frei abrufbar. Die Großbaustelle des Wasserkraftwerks Kaprun (wo in den 1950er Jahren in einer nationalen Kraftanstrengung hunderttausende Kubikmeter Beton in Staumauern gegossen wurden), wird in den dokumentarisch getönten Spielfilmsequenzen zum Schauplatz eines Enactments in alpiner Höhe: Unmöglich, den Männerchor, die Arbeiteruniformen, die offene, auch sexuelle Gewalt nicht mit der Kriegsgeneration zu überblenden, die hier vergeblich ihr Trauma abschütteln will. Das erschien auch in diesem Sommer schauderhaft gegenwärtig, nochmal 70 Jahre plus, mit den neuen Frontlinien an den alten Orten, und immer weiteren Brutalisierungen und Wunden. Kaum zu heilen, wenn sie einmal geschlagen sind.

 

Elena Zanichelli

Quel che resta dell' anno – Demontaggi

Bereits zu Beginn legt das Fragezeichen in Sheila Hetis How Should a Person Be? (2010) das Jahresleitmotiv fest. Noch in der Klinik – das Leben lässt sich nicht justieren; der Alltag schon.

Zu einer gewissen Distanz verhilft spätestens im Berlinale-Februar die Spätentdeckung von Vincenzo Latronicos Le perfezioni – kurz vor Mitternacht des Äquinoktiums, zwischen den unterirdischen Rollregalen der UB Marburg: das Kernpaar als erlebte Rede, der Alltag als grüne Projektionsfläche. Die Sehnsucht nach Pier Vittorio Tondellis postmodernen, emilianischen Zeiten zwischen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre steigt.

Als im Sommer Patrizia Valdugas Lacrimae rerum bei Einaudi erscheint, wird ihr ehedem zerreißendes Lamento zum bruchstückhaften Chor einer – jener, meiner – Generation, die mit Resistenzawerten und Mondine-Gesängen (Reisernterinnen) aufgewuchs. Verwirrt Trauer? Rüttelt sie auf? «Cosa posso augurarvi?» Fragt Valduga.

Wo alles endet, beginnt der Albtraum von Neuem. 

Live auf Rai 3 schlägt das Cinema alla Radio Kazans Medienheld «Lonesome» Rhodes (Andy Griffith in A Face in the Crowd) als «free man in the morning» –befreit redend, unbedacht schreiend, konsumkapitalistisch massenüberzeugend, erektionspillenvorschlagend: der erste Influencer der Nachkriegszeit.

Zu einer gewissen Distance verhelfen im Winter kombinierende Praktiken der Nachkriegszeit, Aneignungskünstlerinnen *ante litteram. Goliarda Sapienzas reißende Verse (Ancestrale, 1953, Erstausgabe 2013!), Erna Rosensteins Atelierverwandlungen werden zur Gesamterinnerung. 

«Non ho potuto e in piedi 
sono rimasta. Difficile 
è cadere» 
G. Sapienza