serien 2010

Guilty Pleasure Zu Gossip Girl

Von Lukas Foerster

© The CW

 

«Gossip Girl here. Your one and only source into the scandalous lives of Manhattan’s elite.» Mit diesem Voice-over beginnt jede Folge der Serie. Und bei allem Spaß, den sie mir zugegebenermaßen bereitet, ist absolut alles, was Gossip Girl – gesprochen von Kristen «Veronica Mars» Bell – uns zu erzählen hat, im Grunde nicht zu verteidigen. Die Figuren haben Nachnamen wie van der Woodsen, Waldorf oder Archibald, sie besuchen die Elite-High-School Constance, die eher Laufsteg als Bildungseinrichtung zu sein scheint, sie residieren in Luxushotels, fliegen zum Shoppen nach Paris und machen sich über den bettelarmen Humphrey-Clan lustig. Dass Gossip Girl diese Humphreys (Vater: ehemaliger Rockstar, neben dem freilich Bon Jovi als authentischer Rock’n Roll durchgeht; Sohn: Besserwisser und hauptberufliche Nervensäge mit «literarischen» Ambitionen; Tochter: wasserstoffblonde Opportunistin im Gothic Look) als gesellschaftliche Parias aufbaut, geht dann endgültig zu weit. Einer Serie, in der «Armut» gleichgesetzt ist mit «riesiges, bestens ausgestattetes Appartement in Brooklyn (= nicht in Manhattan) und Präsenz auf lediglich 60 % der angesagten Society-Events New Yorks», kann es nicht um eine Korrespondenz mit irgendeiner sozialen Wirklichkeit gehen. Und wenn die Serie einen Moment von Wahrheit enthält, dann sicherlich nicht in ihren fast immer inhärent reaktionären Versuchen, Kritik an den eigenen Lügen zu üben. Kritisiert werden stets die «rücksichtslosen» gesellschaftlichen Aufsteiger, nie die Gesellschaft, die deren Aufstieg ermöglicht. Eher bekommt die Serie etwas zu fassen, wenn sie sich ungehemmt affirmativ auf ein Imaginäres des Spätkapitalismus einlässt, den sie ansonsten eher in ihrer slicken Textur behauptet, als dass sie ihn tatsächlich abbilden oder gar analysieren würde. Sehr schön ist die reluctant romance zwischen dem ewigen Dandy Chuck Bass und der fleischgewordenen Klassenarroganz Blair Waldorf, das exaltierte Werden-sie-oder-werden-sie-nicht zweier hoffnungslos psychotischer Egomanen, denen die Geldaristokratie, die die Serie zelebriert, längst zur zweiten Natur geworden ist. Wenn das Klassenbewusstsein Blairs und die Milliardärsmelancholie Chucks in den neueren Folgen zugunsten handelsüblicher Soap-Opera-Routinen – wer hat noch nicht mit wem geschlafen und wie kann man das ändern? – in den Hintergrund treten (fast scheint es, als hätte Gossip Girl angesichts der Finanzkrise Angst vor der eigenen Relevanz bekommen), leidet der billige Charme der Serie dann doch gehörig. Denn was Dan Humphrey und seine reluctant romance Vanessa Abrams in ihrer banalen Studentenbude treiben, das interessiert nun wirklich niemanden, da kann Kristen Bell soviel raunen, wie sie will. Aber halt: Wem mache ich hier etwas vor? Als es der intriganten Schlange Jenny Humphrey am Ende der dritten Staffel um ein Haar gelungen wäre, Serena van der Woodsen ihren Nate Archibald auszuspannen, da habe ich doch wieder vor dem Fernseher geklebt.