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Berichte aus Japan Igort

Von Ekkehard Knörer

© Reprodukt

 

Der Comickünstler Igort war noch nicht fertig mit Japan. Seinem großartigen Memoir Berichte aus Japan schickt er jetzt einen zweiten Band gleichen Titels, nun mit dem Untertitel Ein Zeichner auf Wanderschaft, nach. (Beide Bände zeitnah in Übersetzung bei Reprodukt erschienen.) Beides sind Zeugnisse einer langen Faszinationsgeschichte, der zweite Band greift Motive des ersten wieder auf, ohne die Kenntnis des Vorgängers vorauszusetzen: Ein Europäer von einer Insel, Igor Tuveri, auf Sardinien geboren, verliert sich an eine ganz andere Kultur. Besucht in den 90er Jahren Japan ein erstes Mal, dann immer wieder, entdeckt die Manga-Kultur, ist hingerissen von den alten Meistern (Hokusai ohnehin, aber auch den im Westen weniger berühmten), kommt in Kontakt mit Kodansha, dem Verlagshaus, das Manga in geradezu industrieller Fertigung herstellt, um einem unersättlichen Markt zu geben, was er verlangt.

Igort wird selbst ein Mangaka, schildert das unglaubliche Pensum, das ihm von seinem Lektor abverlangt wird, hat aber Erfolg, bekommt viel Fanpost für seine Serie Yuri, ist bestürzt und begeistert, als er Isao Takahatas Die letzten Glühwürmchen sieht. Er besucht das Studio Ghibli und verbringt einen Nachmittag mit Hayao Miyazaki, den er bewundert. Daneben gibt es Exkursionen in die Geistesgeschichte, die Haikus von Basho spielen eine Rolle – und Basho, der Wanderdichter aus dem 17. Jahrhundert, wird zum Vorbild im zweiten Band, in dem Igort vor allem an Orten der japanischen Vergangenheit unterwegs ist, ein Land mit der Seele und dem Pinsel suchend, das fast nicht mehr existiert.

«Notebooks» heißen die Bände im Englischen, das trifft es tatsächlich besser als die deutschen «Berichte». (Ähnliches gilt für die zuvor erschienenen, sehr viel politischeren Titel Bericht aus Russland – da geht es um den Mord an Anna Politkowkskaja – und Bericht aus der Ukraine, eine Recherche zum Holodomor-Genozid.) Es handelt sich, der Form und der Erzählung nach, jeweils um ein sehr schönes, als solches auch nicht über die Maßen komponiert wirkendes Durcheinander. Linierte Seiten wechseln mit Bild-Doppelseiten ganz ohne Text, das Seitenraster ist abwechslungsreich. Igort ist als Comickünstler sehr versatil – und das Notebook der perfekte Container für seine Bilder, denen nur eine einzige Gefahr droht: eine zu große Lässigkeit, Wunderschönheit, Aquarell-Eleganz. Text und Bild sind lose verbunden, Sprechblasen gibt es so gut wie nie, Erklärung über und unter den Bildern, die aber werden in Ruhe gelassen. Manchmal ist das too much, zu viel Einhandklatschen und Haiku, Tuschekopie und Samuraienthusiasmus, kurzum: Japanizität.

Aber auch die Kontraste sind schroff: Neben der Splashpage mit See und Wald und traditionellem Haus eine Doppelseite Fotografie, die die grelle Gegenwart zeigt mit Spielzeugroboterschrott, Kawaii-Püppchen in Schaufenstern, Preisschild hängt dran. Ein ganzes Kapitel widmet Igort den Hikikomori, den vom Leben überforderten Jugendlichen, die sich in ihre Zimmer und Computerspiele zurückziehen und sie nicht mehr verlassen. Auch um Love Plus geht es, die Liebe per App zu virtuellen Frauen (eigentlich zur immerselben), die keine Scherereien machen. Eindrücklich der Abschnitt über Hiroshima, dessen Besuch die Erinnerung an den Atombombenabwurf wachruft – hier stehen aus repräsentationsethischen Gründen zwei schwarzweiße historische Fotos im Zentrum.

Melancholisch und nah am Tod ist der Band immer wieder. Etwa bei einem Besuch auf dem Okunoin, dem größten Friedhof, kleine Aquarellsinfonie in lichtgepunktetem Stein-Pflanzen-Dunkel. Und im «Nachwort» erzählt Igort von seiner langjährigen Freundschaft mit dem großen japanischen Manga-Künstler Jiro Taniguchi, von einem letzten Besuch, bei dem Taniguchi wegen Krankheit endlich aus der Arbeitsfron befreit war. Ein Foto der beiden, es ist das letzte. Taniguchi starb 2017, ein Aquarellbild noch und eine doppelseitige paradiesische Seerosenfantasie. Darin ein nackter Mann, dreimal, auf dem Rücken, riesige Tintenfässer auf dem Bauch. Man sieht Sprechblasen, aber keine Worte darin. Taniguchi, dem verstorbenen Freund, widmet Igort den Band. 

 

Igort: Berichte aus Japan: Eine Reise ins Reich der Zeichen (Reprodukt 2016) und Berichte aus Japan: Ein Zeichner auf Wanderschaft (Reprodukt 2018)