spielfilm

Nachsommer Im Leningrad Underground der frühen 1980er Jahre – Spät-Sov-Retro-Kino von Kiril Serebrennikov: Leto

Von Barbara Wurm

© Weltkino Filmverleih GmbH

«Ich weiß, dass mein Baum keine Woche überleben wird. Ich weiß, dass mein Baum in dieser Stadt verdammt ist. Aber ich verbringe meine Zeit in seiner Nähe. Wenn ich alles satthabe, scheint er wie mein Haus, mein Freund. Ich habe einen Baum gepflanzt, einen Baum gepflanzt, einen Baum gepflanzt … ». Ein junger, wunderhübscher Mann singt diese Zeilen, nimmt die Bühne ein, spielt Gitarre dazu, besinnlich, feminin und asiatisch geprägt seine Pop-Erscheinung. Die Kamera zieht behutsam und fühlbar leicht über die im wohlorganisierten Rock-Club brav aufgereihten Zuschauer*innen, die andächtig Klängen und Worten folgen, in denen so so so wahnsinnig viel Bedeutung liegt, liegen musste, – damals –, dass es heute – besonders in unseren Breitengraden – keine Vorstellung mehr davon geben kann. Eine Ahnung bloß, und selbst die vermutlich nur für jene, denen das Stillstandgefühl hinter dem Eisernen Vorhang bekannt war. Mein Freund der Baum!? Und das in Cannes? In der von ihrem Ende noch undenkbar weit entfernten Sowjetunion waren Wortkombinationen wie diese, zu hören in der Ausklangszene von Leto, minimale Hoffnungsträger von maximaler Tragweite. Und galten als ultracool obendrein.

Leto heißt «Sommer» und ist ein punkrockig newwaviger Musik-Liebes-Film über das Leningrad der frühen 1980er Jahre in schick bis nostalgischem Schwarz-Weiß, der uns Tränen aber vorenthält (was stimmig ist, denn das Selbstmitleid der Vorperestrojka-Generation hielt sich absolut in Grenzen). Mit handelnden Personen, die es wirklich gab, allen voran zwei Counterculture-Größen jener Epoche, Michail «Mike» Naumenko (1955–1991), sowjetischer Blues-Rock-Musikant der ersten Stunde und als Leadsinger der Gruppe Zoopark in die Annalen eingegangen, sowie Viktor Coj («Tsoy») (1962–1990), Frontmann der Gruppe Kino – Kultfigur der (alternativen) UdSSR, Legende mit Abgang via Autounfall und entsprechend kollektivem Massen-Begräbnis-Event, der mit der Grablegung des Staates höchstselbst zusammenfiel. Wieviele Menschen sich wegen des Untergangs des Sov-Imperiums das Leben nahmen, ist unbekannt – im Fall von Tsoy waren es angeblich 65, die ohne ihr Idol nicht mehr weiterleben wollten. Bis heute wird der so schwarze wie sanfte Martial-Arts-Fan, dessen eigene Vorbilder Vladimir Vysockij und Bruce Lee hießen, drüben geworshipped wie hüben Jim Morrison. Der ärmliche Heizraum, in dem er damals proben musste (sehnsuchtsvoll «Kamchatka» getauft), wurde zum Museum, er selbst kam auf eine Briefmarke. Die turbokapitalistisch-globalen Nullerjahre sorgten für eine Art Gedenkpause, doch seit einigen Jahren lässt sich eine neuerliche Welle der Rückbesinnung auf die eigenen Alternativkultur-Traditionen beobachten und dabei erleben nicht nur die großen Star-Bands wie Akvarium, DDT oder eben Kino ein Revival, auch das, was noch länger echt Underground geblieben war (wie etwa die Post-Punk-Gruppe AukcYon).

Leto bildet somit auch das vorläufige Ende eines veritablen Spät-Sov-Retro-Kinos, das 2008 mit Valerij Todorovskijs Stiljagi, Karen Šachnazarovs Das verschwundene Imperium und nicht zuletzt Sergej Solov’evs Fortsetzung seines eigenen Perestrojka-Kultfilms Assa (aus dem Jahr 1987 und mit dem echten Viktor Tsoy), 2-Assa-2, eingesetzt und im Musical Chapiteau-Show (Sergej Loban, 2011) seinen Höhepunkt erreicht hatte, wo – während des geschilderten Bohème-Sommers am Schwarzen Meer – auch Tsoy auftaucht, allerdings nicht der reale, sondern ein genialer Doppelgänger.

© Weltkino Filmverleih GmbH

In Leto wiederum spielen Schauspieler die echten Rock-Legenden. Teo Ju ist Viktor (Tsoy), Roman Bilyk ist Mike (Naumenko) – die Songs sind getreu, die Biografien teilweise ersonnen, das (allerdings nie als dramatischer Wendepunkt ausgeschlachtete) Liebesdreieck rund um Natascha wohl eher ausgedacht; die Nachnamen der Stars werden nicht genannt, allenfalls kommen (in der für die Underground-Szene gespreizt wirkenden Höflichkeitsform) die Vatersnamen hinzu, was im Fall von Viktor Robertovic zusätzlich deshalb witzig ist, weil Papa Robert eben Koreaner war. Zu den der Realienkunde des ‹Sovetskij rok› entnommenen Figuren gehört auch der im Film nur am Rande des Geschehens auftauchende, im wirklichen Leben aber bis heute aktive Akvarium-Frontmann Boris Grebenšcikov, dessen Kürzel BG um einen sakralen Vokal zu BOG («Gott») erweitert werden kann und erweitert wird – auch: im Fanleben wie im Film. Prompt meldete sich der echte BG anlässlich des Filmstarts in Russland als Kritiker zu Wort und bezichtigte den Film, der ganz bewusst ein fiktionalisiertes Vexierspiel treibt (in das BG wohl nicht ungefragt geraten wollte), der «Lüge». Dass das Scharmützel nicht weiter aufgebauscht wurde – dessen Kern sich interessanterweise um den Vorwurf drehte, dass der einst so authentische Leningrader Underground von der so unauthentischen Moskauer Neo-Bohème appropriiert werde –, liegt vor allem am aktuellen Heldenstatus von Leto-Regisseur Kirill Serebrennikov, der demjenigen von Tsoy mittlerweile ebenbürtig scheint.

Als Ungreifbaren hätte man ihn bisher beschreiben müssen. Mimikry und Mimese, Verwandlung und Verstellung liebt er wie kein anderer, Verschiebungen um Alters- und Geschlechterachsennormen miteingerechnet. Im Quasi-Erstling Ragin (2004), inspiriert von Cechovs berühmter Krankenhaus-Geschichte Palata No. 6, anverwandelt sich der Wiener Arzt Ragin, wenn man so will, durch zu viel Empathie selbst in einen Psychiatrie-Patienten; im großartigen Durchbruchsfilm, der schwarzen Komödie Playing the Victim (2006), geht es um einen professionellen Mordopfer-Darsteller in kriminalistischen Rekonstruktionen und seine durch zu viele Biografien ausgelöste Krise; in Yuri’s Day (2008) verliert sich Opernsängerin Lyuba, die zunächst nach Deutschland emigrieren will, anlässlich des Verschwindens von Sohn und Stimme in einem rätselhaft betörenden russischen Städtchen und wird zur Putzfrau Lyusa – eine neue Person mit neuen Qualitäten; in Betrayal (2012) ist es die Anonymität, die zwei Lovern bei exzessivem Liebes- und Verführungsspiel die Chance gibt, ihre Gefühlspalette zu erproben, was aber nicht klappt, weil über allem der Betrug hängt; der Schüler in The Student (2016) schließlich, basierend auf Marius von Mayenburgs Märtyrer, mutiert zum religiösen Eiferer – und mit ihm die Umwelt in einen von Paranoia und Fake-Truth angetriebenen Kampfplatz.

Danach kam die erste Zensur-Episode im Œuvre Serebrennikovs, dem man sein allzu selbstsicheres Handeln wie Outing übel nahm, in Zeiten des nun realen LGBT-Bashings auf dem Staatsgebiet der Russischen Föderation: Dass nämlich auch der sehr russische Komponist Tschaikowski schwul war, diese in den Augen der staatlichen Kulturinstanzen als Schmähbotschaft betrachtete Revision einer Künstlerbiografie, wollte man den Pussy-Riot-Verteidiger Serebrennikov, der sich anschickte, neben Andrej Zvjagincev und Sergej Loznitsa zum wichtigsten Aushängeschild des ‹russischen Kinos› zu werden (wie das Label immer noch heißt), nicht auch noch zu einer filmischen Botschaft machen lassen. Parallel dazu sagte die Bolschoi-Leitung auch seine Inszenierung des Bio-Balletts Nurejev ab – ob verkappte oder längst geoutete Homosexualität, was nicht angeht, geht nicht an.

Zur Ironie des Schicksals (wie der Kultfilm eines anderen russischen Regisseurs mit Neigung zu Verwechslungsspielen heißt) gehört nun also die unfreiwillige Verwandlung des vielleicht vogelfreiesten in einen inaktiven Künstler: Ausgerechnet der Ungreifbare, für den neue Rollen die Erweiterung des persönlich Möglichen bedeuten und der sich die Freiheit nahm, sowohl in Berlin als auch in Moskau als freier Mensch zu leben – hier hat er eine Wohnung und reüssierte von Schaubühne bis Komische Oper, dort war er künstlerischer Leiter des Gogol-Centers, eines Theaters, das er in den letzten Jahren sukzessive in eine äußerst populäre, gesellschaftspolitisch relevante Kulturstätte verwandelt hat – ausgerechnet er wurde letztes Jahr während des Drehs von Leto festgenommen: Fußfessel, Arbeitsverbot und Kontaktsperre legen Kirill Serebrennikov, den umtriebigsten und rührigsten unter Russlands Regisseuren, diesen Engagierten in Sachen freie Kunst und Kultur, dieses leuchtende Vorbild vor allem für die jüngere Generation der Kreativen, seither lahm.

Veruntreuung von Geldern für das Gogol-Center lautet die Anklage, aber weil im Lande der Vorverurteilungen und Politprozesse seit Politkovskaja und Nemcov, seit Pussy Riot und Oleg Sencov niemand so recht glauben mag an diese Art Schuld, wird gemutmaßt, dass Serebrennikov sich entweder zu weit aus dem Fenster gelehnt hat mit seiner ‹Kremlkritik› oder aber der Protektionsmantel löchrig wurde, weil ‹seiner Schutzmacht› im vor Putin absolvierten Machtgeplänkel ein Denkzettel verpasst werden sollte. Wie auch immer. Nicht den politisch-kritischsten, nicht den intellektuell-schärfsten, nicht den Ukrainer Sencov hat es diesmal getroffen, sondern einen schlicht freien Künstler, eigentlich einen der Ihren, der sich jetzt langsam daran gewöhnen muss, doch zu den Anderen zu gehören (und dabei hoffentlich eine andere Schicksalswende als der dem Hungertod nahe Oleg Sencov erleben wird).

Leto wurde so über Nacht zur allumfassenden Metapher eines Territoriums der Freiheit, der Liebe zu ihr, des melancholischen Abschieds von ihr, ihrer versuchten Verteidigung. Mike Naumenko importierte – gegen den Willen der Behörden und gegen den Strom – von The Beatles und Pink Floyd über Bob Dylan und Lou Reed bis hin zu Blondie und Iggy Pop sämtliche Größen des West-Rocks-und-Punks nach Russland (wovon der Film spielerisch erzählt). Viktor Tsoy, der kultig nicht nur über (zwecklos aber dennoch) gepflanzte Bäume sinnierte, sondern im Perestrojka-Jahr 1986 auch laut «Ich will Veränderungen» rief (Chocu peremen), um dann im letzten Lebensjahr doch «Bald endet der Sommer» zu singen (Skoro koncitsja leto) – eine Zeile, die sich im Russischen auf «Hoffnungen gibt es keine mehr» reimt – war noch keine 20 beim Durchbruch und 28, als er starb. Der knapp 50-jährige Serebrennikov nimmt sich die Zwanzigjährigen von damals zum Vorbild, die der bleiernen Zeit trotzten, indem sie sich treu blieben, kleinbürgerliche Eifersüchteleien (siehe Natascha) ad acta legten und naheliegende Konkurrenzen auf dem Weg vom Wohnzimmer-Geheimtipp zur Rock-Club-Legende im Sand begruben. Solidarität und echte Freundschaften – das scheint eine zentrale Botschaft des Films zu sein – braucht es in Zeiten enggemachter Regime-Schließmuskel.

Ähnlich wie zuvor Aleksej German jr. mit Dovlatov – der nicht zufällig auch eine ‹revisionierte› Sov-Künstlerbiografie ist, des zugrundezensierten Schriftstellers Sergej Dovlatov nämlich – versucht auch Leto die minutiöse Rekonstruktion jener spannungsreichen Jahre vor der Perestrojka, die adaptierte Wiederherstellung einer Atmosphäre, die in ihrem an der Oberfläche kaum sichtbaren Oszillieren zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit schwer an heute erinnert. Unter Rückgriff auf diverse überlieferte Fakten spielt dabei aber vor allem die Vermischung mit aus heutiger Perspektive notwendigen Fiktionen und Projektionen eine zentrale Rolle. Die, die ‹damals› gelebt haben, erkennen deshalb mitunter falsche Töne. Doch nicht für sie sind Filme wie Dovlatov oder Leto gemacht, sondern für die heutige und die zukünftige Generation. Serebrennikovs Version vom Damals ist sehr viel weniger trist als die Germans; sie ist zwar melancholisch, aber auch mit einer gehörigen Portion lustvoller Anarchie versehen – etwa, wenn die musical-artig eingestreuten Songs wie jener in der ‹Elektricka› durch von Hand gemachte Scratches in non-konformistische Clips verwandelt werden, die an die Ästhetik des Parallelen Kinos der 80er Jahre erinnern (genauso wie an Solov’evs erwähnten Kultfilm Assa, wo nicht zuletzt – wie in der Elektricka in Leto – Underground-Akteur Aleksandr Baširov einen legendären Auftritt hat).

Leto, der «Sommer», endet nicht mit dem Ende des Sommers, sondern mit einem in die unwirtliche Umwelt gepflanzten Baum, der zum Freund wird. Und er ist, wie im Abspann steht, «jenen gewidmet, die wir lieben». Das ist ein sehr offenes Liebesangebot und in seiner fast schüchternen Adressierung auch Zeichen einer coolen Bescheidenheit. Statt sich selbst zu ikonisieren, geht einer hier auf Partnersuche. Und setzt ein Zeichen gegen die Selbstaufgabe.

Leto (Kirill Serebrennikov) RU/F 2018 (on demand)