spielfilm

Schau mich mal an Über Alle anderen von Maren Ade

Von Michael Baute und Martin Heckmanns

Alle anderen (2009)

© Komplizen Film

 

Der Titel dieses Textes sollte Blut enthalten. Oder er sollte ein Zitat sein. Weil Zitate und Liebe sich streiten und viele Sätze in diesem Film zitierfähig und toll sind. Immer sage ich toll, sagt Gitti, die Protagonistin des Films und ärgert sich über ihren beschränkten Wortschatz. «Leg dich auf mich drauf! Mach dich ganz schwer!», sagt ihr Beziehungs­partner Chris. Das sollte der Titel dieses Textes sein.

Zwischendurch versteht man das Sprechen Gittis und Chris’ kaum. Weil manchmal die Tonspur den Wind von Sardinien hervorhebt. Weil die Figuren sich ihr Sprechen nicht zumuten wollen. Weil das Sprechen und das Blicken sich aneinander reiben. Weil es die beiden in andere Zustände versetzt.

Der Titel sollte lauten wie die erste Frage im Song des Abspanns: How can I tell you that I love you. Die Frage wird anscheinend komplizierter zu beantworten, je mehr über Liebe schon gesprochen worden ist, wenn die beiden nicht auf das Niveau eines anderen Songs im Film zurückfallen wollen. Herbert Grönemeyer: Ich hab dich lieb.

Also irgendwie dazwischen? Im staubig-pastellenem Sardinien, beim Gebirgswandern in kargen Stein­formationen, im gestreift tapezierten ­Schlafzimmer der Eltern, in der imaginierten Disco mit grauweißem Teppichboden. Doch auch dort lauern die Allgemeinplätze des Liebe-Sprechens. ­Willie Nelson und Julio Iglesias: To all the girls I loved before.

Der Film handelt von den Schwierigkeiten, einen Titel zu finden für das, was die beiden miteinander zu tun haben. Ah, das Love-Ding. Was machen wir, wenn wir Liebe machen? Sie (Birgit Minichmayr) will Sätze hören und Gesten fühlen und er (Lars ­Eidinger) macht immer nur Entwürfe. Sie ist Pressesprecherin, er ist Architekt und Freiberufler und spricht von rebellischer Architektur. Titel (noch zu bestimmen) wäre auch ein möglicher Titel, wenn er nicht schon vergeben wäre.

Im Unterscheiden zwischen ihrem – vermeintlich indikativischen – und seinem – vermeintlich konjunktivischen – Sprechen geht der Film aber nicht auf. Permanent nämlich verschiebt sich auch etwas an den beiden; schiebt sich zwischen sie, vor sie, drohend über sie. Es spielt sich ab zwischen dem Ent- und dem Verwerfen von glaubhaften und vertrauten Liebesszenarien. Dazwischen immer wieder die Einwürfe: Das habe ich ernst gemeint! Das war jetzt nicht gespielt! Auch die Frage nach geschütztem oder ungeschütztem Geschlechtsverkehr taucht auf.

Schon zu Beginn des Films wird die Unsicherheit darüber, was und wie gespielt wird, in den Film eingesenkt: Wenn Gitti die kleine Patentochter nötigt, die eigenen Gefühle drastischer zu formulieren, liegt darin eine therapeutische Hoffnung. Diese Hoffnung löst sich im weiteren Verlauf des Films nicht ein. Von Chris will Gitti ein Bekenntnis und als er es äußert, ist es zu spät. Dem Mädchen befiehlt Gitti zu sagen: Ich hasse Dich. Dann soll es sie erschießen. Und am Ende ist Gitti tot. Aber nur im Spiel. Es hört nicht auf.

Man sehnt sich danach, dass der Film dieser Unaufhörlichkeit Einhalt gebietet. Man sehnt sich nach einem Titel. «Alle anderen» ist ein Titel, der das Paar fasst nur in der Distanz zum Rest der Welt. Das Paar selbst dagegen bleibt unbeschrieben und hat sich anzupassen in seiner Randständigkeit und wenn sie etwas finden, das wie eine Überschrift klingt, fragen sie sich, ob es nicht auch anders sein könnte. In der ersten Hälfte des Films erfindet sich das Paar eine Figur namens Schnappi. Schnappi soll Geheim-Objekt der Beziehung werden, wundervolles Zwischending, Phallussymbol, flottierender Signifikant, dessen Babysprache Beziehungsklischees überwindet. Auch mit Voodoo wird es belegt. Hier erinnert der Film an das abwesende Kind in Who’s afraid of Virginia Woolf. In der zweiten Hälfte des Films ist Schnappi vergessen und die Sprache wird bitterer.

Auch die Spiegelung der Paare ist eine klassische Boulevard-Konstellation. Auch sie wird hier nur an-, aber nicht ausgespielt. Das erfolgreiche Paar wird mit einem Messer vertrieben, bevor es zu ernsthaften Verwicklungen kommen kann. Geblutet wird, als Chris gegen eine Glastür geht, die er nicht erkennt. Die Szenen sind kaum etabliert, schon werden sie entstellt von einem ironischen Reflex: Soll ich jetzt sagen, dass ich immer für dich da sein werde? Alle anderen ist entdramatisiert bis in die Natur hinein: ein karges oder vermülltes Italien, aus dessen Fernseher überdrehte Emotionen tönen. Postheroisches Gefühlsmanagement. Chris fragt Gitti, ob er männlich wirke, und sie weiß nicht, was er damit meinen könne.

Wider alle tendenzielle Drastik, die sich beim Hin-und-Her ergibt, eine haltbare Einfärbung und Betitelung der Beziehung zu finden, stellt der Film eine durchgehende Befangenheit zwischen ihnen auf: in den Entwürfen der beiden, im tollen Spiel der Schauspieler, schließlich im Erzählen selbst ist immer auch ein Moment von Reserve. Sie versuchen sich in Spielweisen. Anfangs kindlich kleinklein, dann freier, wilder und oft improvisiert, später zunehmend statisch, gefangen. Das Todesspiel am Ende ist ein letzter ermüdeter Versuch, Ernst zu machen. Nach gut zwei Stunden ständiger Beobachtung heißt es von Gitti: Schau mich mal an! Das sollte der Titel sein.