spielfilm

28. November 2009

Hundejahre Eine Familie als Gefangene in einer perversen Zeichenordnung

Von Bert Rebhandl

© Boo Productions

 

Eine Familie sitzt zu Tisch. Der Vater, die Mutter, zwei Töchter, ein Sohn. Die Kinder sind beinahe erwachsen, die Mutter sagt nicht viel, der Vater ist eindeutig der Herr im Haus. «Kannst du mir einmal das Telefon reichen?» Selbstverständlich. Die Mutter reicht den Salzstreuer weiter. In der Welt dieser Familie haben die Begriffe oft andere Bedeutungen als in der Welt des Publikums. Das ist, nicht nur in der Szene beim Essen, die erste Voraussetzung, die der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos in Kynodontas (Dogtooth) deutlich macht. Die fünf Menschen, die hinter einem hohen Zaun in einem geräumigen Haus mit großem Garten zusammenleben, teilen mit der Außenwelt nur bestimmte Dinge. Sehr bald wird klar, dass die drei Kinder eine Sondersozialisation durchlebt haben müssen, denn sie legen alle Zeichen der Weltfremdheit an den Tag, stattdessen sind sie in einer Privatmythologie befangen, in die sie wohl der Vater gezwungen hat. (Die Mutter legt Anzeichen einer Depression an den Tag.)

Der Eckzahn (Hundezahn) ist in dieser Privatmythologie von entscheidender Bedeutung, denn erst wenn dieser ausfällt, dürfen die Kinder nach draußen, und auch dann nur in dem Mercedes, in dem der Vater täglich zur Arbeit in einer großen Fabrik fährt (die ihm vielleicht sogar gehört), und von wo er manchmal eine Pförtnerin mitbringt, die sich für die Autofahrt die Augen verbinden muss und dann dem Sohn sexuell zu Diensten ist, später sich von einem der Mädchen das Geschlecht (sch)lecken lässt. Diese Christina bringt auch Videokassetten ins Haus, und damit neue Eindrücke, und neue Fragen: Was ist eine Pussy? Eine Pussy ist ein Lichtschalter, antwortet die Mutter. So funktioniert Gegenaufklärung.

Kynodontas bezieht seine Spannung aus der erzählerischen Offenheit. Es wird nie auch nur in Ansätzen klar, wie der Vater auf dieses Familienexperiment verfiel, warum er seine Kinder wie in einem Käfig hält, wovor er sie schützen oder zurückhalten möchte. Er wirkt ein wenig wie ein Wiedergänger der Hauptfigur aus Marco Ferreris Dillinger è morto, dort bleibt der von Michel Piccoli gespielte Mann einen ganzen langen Abend mehr oder weniger mit sich und seinen seltsamen Spielchen allein. Kynodontas wirkt nun wie eine Erweiterung ins Soziale der planvollen Regression bei Ferreri.

Den Film beherrscht ein Moment der Dressur, das durch eine spezifische «Tierwerdung» verstärkt wird: Die Kinder müssen lernen, wie Hunde zu sein, weil die Katze vorgeblich den (von Beginn an abwesenden) Bruder zerfleischt hat. In einer großartigen Szene versucht sich eine der Schwestern, die gerade einen Rocky-Film mit Sylvester Stallone gesehen hat, vor dem Spiegel als Rocky Balboa. Die Deformationen ihrer Gesichtszüge sind umso grotesker, als sie absichtlich und ohne Einwirkung der Fäuste eines Gegners zustande kommen, und das ist dann auch das Zentrum des Schreckens in Kynodontas: es gibt kein Gegenüber. Wir blicken in eine geschlossene Situation, die allmählich aufbricht, aus der Yorgos Lanthimos aber den einen Ausweg nicht anbietet, der allein für Beruhigung sorgen könnte: den einer Erklärung. Kynodontas bleibt bis in die perfekt gesetzte letzte Szene ein hermetisches Universum, aus dem nur ein Name hinausführt, den sich eines der beiden Mädchen irgendwann gibt: Es heißt nun «Bruce». Nach wem? Diese Selbsttaufe ist der erste Schritt in eine Korrespondenz zwischen Begriffen und Dingen, Namen und Menschen, die nach Kynodontas plötzlich unerwartet attraktiv ist und gar keiner Dekonstruktion zu bedürfen scheint. Ist das vielleicht der eigentliche Horror dieses Films?

 

Kynodonthas (Dogtooth), Griechenland 2009, Regie: Yorgos Lanthimos

Heute, Samstag 28. November bei Around the World in 14 Films im Babylon Mitte, Berlin, vorgestellt von Stefan Krohmer