spielfilm

23. Januar 2011

Dance Craze Zu Black Swan von Darren Aronofsky

Von Simon Rothöhler

© Fox Searchlight Pictures

 

Allein die Szene, in der Barbara Hershey Natalie Portman Torte vom Finger lecken lässt. Die erste Hitchcockmutter, die eine Tochter hat und sie bis in die Masturbationsgymnastik hinein verfolgt. In festgeschriebene Bahnen soll die Spieluhr die Träume lenken. Eine ewige Melodie der Kulturindustrie: touched for the very first time. Exzellent inszenierter body horror ist die äußerliche Antriebsfeder dieses Films: der Körper als Schauplatz einer Selbstdisziplinierung, die sich am Fingernagelbett sehr unschön entlädt. Showgirls meets Repulsion; wer mag landet bei E.T.A Hoffmann. Das Unheimlichwerden eines Körpers, der täglich neu aufgezogen werden muss. Biegsam soll er sein, flexibel, maximal beherrschbar und doch genuin in seiner vorformatierten Artikulation von Hingabe. Da muss dann mal wieder das Unbewusste ran, der Black Swan ist ein schwarzer Kontinent. Wenn Portmans Unterschenkel im psychotischen Schub Olympia-mäßig wegknicken, ist das im Kino ein heftiger Wahrnehmungsschock, weil alles, was die Kamera hier sonst mit den Körpern macht, auf maximales Fließen ausgerichtet ist. «Make it visceral» sagt der dezidiert eindimensionale Vincent Cassel, eine weitere Spielleiterfigur in der Dramaturgiemechanik dieses Films. Mila Kunis hat Oberarme wie eine Profitennisspielerin und löst einen doch erstaunlichen digitalen Orgasmus aus; sie gibt dem Link zu Verhoevens ähnlich knallharter Las Vegas-Welt eine proletarische Physiognomie. Auch über das Casting von Barbara Hershey, Winona Ryder bis hin zur ausgezehrten Portman wird hier vorgeführt, wie das Kino im Namen einer Idee von Kunst Körper verbraucht. Das ist Kitsch, das ist Kunstgewerbe, das ist die unbarmherzige Nummernrevue-Logik des Starsystems. Dagegen hilft nur Zynismus oder schiere madness (nach Black Swan fünf Stunden lang hören, empfiehlt Diedrich Diederichsen)

Black Swan (Darren Aronofsky) USA 2010