31. August 2026
5 x John Farrow
The Big Clock
© Paramount PicturesFive Came Back (1939)
Neun steigen ein, fünf kommen zurück. Nach Panama geht die Reise. Bis zur Zwischenlandung in Guatemala (erkennbar am Schild mitten im Bild: Guatemala) hat man das Personal schon kennengelernt. Der alte Forscher, der grausame Sachen von Eingeborenen erzählt (man sieht schon was kommen), seine gleich alte Frau (natürlich von einer 24 Jahre jüngeren Schauspielerin gespielt), die gut kocht. Der Mann, der zur heimlichen Hochzeit mit seiner Sekretärin durchbrennt. Ein Junge, der den Vater verliert, eine junge Frau, die dessen Stelle dann übernimmt. Ein zum Tode Verurteilter mit Realismus im ziemlich goldenen Herzen. Dazu zwei Piloten. Unwetter, Flugzeug kaputt, Notlandung auf einer Insel, kein Paradies, aber alle sehr lost, eine Übung in Pulp-Existenzialismus, die die Schraube der zwischenmenschlichen Konflikte unter wachsendem Außendruck zudreht. Am Ende ist alles austriagiert, die Guten, zwei final girls darunter, ins Flugzeug, die Bösen nach Dezimationsfilmart, nun ja, dezimiert. Erstaunlich finster, wie sich drei zurückgebliebene Gute, während sich die Eingeborenen, man sieht nur die Beine, durchs Unterholz nähern, von eigener Hand ins Jenseits verfügen. Hoffnungsschwenk nach ganz oben: Flugzeug entschwebt, fünf fliegen zurück. (62cp)
The Big Clock (1948)
Hier ist die Welt der Zeitschriften ein hohes, volles, architektonisch fast brutalistisches Haus mit Innenwänden aus Marmor oder Porenbeton, vor denen man Zweier- und Dreiergruppen schön freistellen kann. Durch ein Fenster, als wäre es Luft, schleicht sich die Kamera ins Dunkle hinein. Sieben Stockwerke fährt der große Aufzug nach oben, jedes Stockwerk eine Zeitschrift für sich, von Homeways über Styleways und Futureways und Artways, man erkennt das Prinzip, bis Crimeways on top. Chefredakteur der True-Crime-Zeitschrift ist George Stroud (Ray Milland), der mit der Methode der Sammlung von irrelevant clues schon die schwierigsten Fälle geknackt hat. Nun aber hat ihn Jonathan Latimer (der Kriminalroman- als Drehbuchautor) tief in die Scheiße getunkt. Schuldig genug hat er sich, während die Ehefrau auf die Abreise zum Honeymoon wartet (fünf Jahre wartet sie schon), mit einer Blondine heftig betrunken, ein komisch ausgespieltes Delir mit Uhren (grün), einem Gemälde (mit Händen), Drinks (grün), an dessen Ende Stroud, die Blondine ist tot, als Mordverdächtiger dasteht. Der wahre Täter, kein Spoiler, ist der Verleger, dem das Haus und die Magazine gehören, der auch mit der Blondine was hatte, von Charles Laughton als Mann gespielt, der seinen bizarr gestutzten Walrossbart selbst nicht fassen kann und deswegen anfangs immerzu anfassen muss. Und the big clock? Veritable Weltzeituhr, so innenraumstylish wie alles im Haus, das Farror dem Noir hier nach vertrauten Mustern sehr eigen gebaut hat, mit vielen verdammt komischen Noten. (78cp)
Night Has a Thousand Eyes (1948)
Edward G. Robinson sieht den Tod und weiß nicht, wie ihm geschieht. Er ist, im Flashback (die Sache ist auf vage Weise noir), als handelsüblicher Magier mit Glaskugel unterwegs, da ereilt ihn – aus der Vorlage von Cornell Woolrich herüber – der Blick, der ihn zum Seher macht. Der Konflikt ist, wie aus der Mythologie bekannt, tragisch: Er weiß, aber es sind ihm die Hände gebunden. Nicht nur den Flugzeugabsturz des Freundes von früher weiß er voraus, auch den Tod von dessen Tochter prophezeit er in allen Details, mit zertretener Blume, zerbrochener Vase und einem ausgebrochenen Löwen, versteht sich. Wie sich der Eintritt der Vision des zweiten Gesichts noch abwenden lässt, daraus bezieht der schlanke Film seine Spannung. Zwischendurch steigt Robinson in das Angels Flight Funikular in LA, blickt durchweg zerfurcht, von der Last des Wissens, das ihn als Fluch trifft, noch kompakter gedrückt, als er ohnehin ist. Am Ende dreht eine Hand an der Uhr, fällt ein Schuss, wird eine postume Botschaft verlesen: Alles kommt an seinen Platz, die Weissagung erfüllt sich, aber um ein paar entscheidende Details und Zentimeter verschoben. (73 cp)
Alias Nick Beal (1949)
Der Teufel ist verteufelt elegant (und reimt sich auf: Ray Milland). Nebligerweise kommt er gern um die Ecke, vielmehr ist er mit Bohrerscher Plötzlichkeit per Schwenk oder Schnitt unversehens immer wieder im Bild: als Verkörperung, könnte man sagen, des Schreckens dieser filmischen Mittel. Schau an, was das plötzliche On wieder aus dem Off angeschleppt hat. Und so ist Lucifer, dem eine Ähnlichkeit mit diversen jahrhundertealten Porträts nachgesagt wird, plötzlich im Leben des wackeren Untersuchungsrichters mit Politikambition namens Foster. Wobei, Ambition: Schon sein Antritt zur Governor-Wahl ist, von Kollegen zwar nahegelegt, vom Teufel alias Nick Beal (alias Verführung zu schmutzigen Mitteln) imputiert. Die Gegenspielerin Beals sitzt am häuslichen Tisch, seine Ehefrau Martha. Er nuschelt aber so, man versteht immer Mother, prompt spielt ihm der Teufel eine junge Blondine unter die Augen. (Dabei ist schon die Martha-Darstellerin Geraldine Wall fünfzehn Jahre jünger als Thomas Mitchell.) Alias Nick Beal ist ein waschechtes Morality Play, aber trotz oder auch per Nebel fugenlos in die amerikanische Gegenwart integriert. Die Moral ist konventionell, die Eleganz nicht nur Millands, sondern auch der in immer tiefere Verstrickungen hinabschnurrenden Erzählung hat es in sich. John Farrow pointiert durch sehr gekonnte Mise-en-Scène, die im Zusammenspiel mit einer surrealen Wand-Deko-Malerei im Pracht-Apartment der Verführungs-Blondine einen Höhepunkt findet. (72cp)
His Kind of Woman (1951)
Anflug durch die Wolken, dann eine Plansequenz, die mit dem Schauplatz bekannt macht. Und what a Plansequenz! Und what a Schauplatz! Mexikanisches Luxusressort, in dem Robert Mitchum und Jane Russell und Vincent Price zum dolce far niente abgesetzt werden. Dolce die Blicke, dolce die Hände, schärfer als dolce das Begehren der Blicke, der Hände, nach Jane Russells frommen Brüsten. Auf grandiose Weise rumort, aber kaum mehr als niente, ein Plot, der erst im zweiten Teil so richtig sein Coming Out hat. Dafür muss dann leider Jane Russell buchstäblich into the closet, in den Schrank gesperrt werden, weil Howard Hughes, Produzent und Verstümmler des Films, sich ein riesiges Spielzeugboot hat bauen lassen. Im ersten Teil aber, für den zum größten Teil John Farrow verantwortlich zeichnet, wird das FAR NIENTE ganz groß geschrieben, im Sitzen, Stehen, Gehen und, oh ja, Liegen, wenn Mitchums Hände (und seine und unsere Augen) den Rücken Jane Russells im dolce Badeanzug einölen dürfen. E wird getrunken, gespielt, gesungen, alles wird in wunderbar ereignisloser Noir-Amosphäre mariniert, wie später die Ente im Sherry, die Vincent Price für ein Dinner in Händen hält, das anders ausgeht, als von allen erhofft. Price agiert atmosphärisch als comic relief, spielt einen Hollywoodstar, dem mal lustige Zinger, dann zunehmend absurde Shakespeare-Zeilen zwischen die Zähne geraten, während er an der Aufgabe wächst, die ihm das rasch zum Action-Trash abdriftende Drehbuch dank Howard Hughes (schon wieder: buchstäblich!) vor die Flinte gesetzt hat. Zweiter Teil wirklich sehr holterdipolter far troppo, aber hat, trotz Brüsten im Schrank, trotz Price als eingebildetem Hamlet, trotz einem Nazi-Bond-Schurken mit sadistischer Spritze, dann doch durchaus auch was – zum Beispiel einen Robert Mitchum, der ihn fast komplett mit nacktem Oberkörper bestreitet. Am Ende weniger als die Summe seiner Teile, aber die Teile sind immerhin dolce, feurig, komisch und scharf. Und das Schlussbild macht nicht nur das Bügelbrett heiß! (73cp)
His Kind of Woman
© RKO