notizen 2026

8. September 2026

Notizen September 2026

Von Ekkehard Knörer

8.9. Anton und Alma (Dana Vowinckel, D 2026)

Das Buch ist vieles auf einmal: ein Liebesroman (und Trauerroman), ein New-York-Roman, ein Uniroman, ein Juden-in-Deutschland-Roman, ein Roman, der Forschung über die Chasaren, ein im 8. und 9. Jahrhundert (vielleicht, vielleicht nur in Teilen, vielleicht komplett) zum Judentum konvertiertes Volk, ein Zeitroman, der von Covid über den 7. Oktober und die Folgen geradezu staubsaugerhaft alles in sich aufnimmt, was auf dem Weg und am Wegesrand liegt. Dazu noch, oder oben drauf, eine Theorie des (historischen) Erzählens mit viel Hayden-White-Referat. Die literarischen Bordmittel, mit denen Dana Vowinckel zu diesem ambitionierten Unternehmen aufbricht, sind dabei trotz aller Beflissenheit eher schlicht. Eine nahe an die dabei sehr durchsichtigen Figuren geschmiegte erlebte Rede, abwechselnd Alma und Anton fokalisiert, in Gedanken und Worten. Durchgespielt werden recht banale Liebesdiskurse, die späteren Auseinandersetzungen zu Israel/Gaza durchlaufen den Normbereich der vertrauten Privat- und Öffentlichkeitsdiskussionen. Zentral und in vielen Facetten entfaltet, wenngleich stets im selben Milddle-of-the-Road-Darstellungs-Realismus, wird das Verhältnis von Juden und Deutschen, als dessen Romanifizierung sich das ganze Buch durchaus liest. Ein Topical, das sich (minus der ganze, erfreulich explizit omnipräsente Sex) umstandslos als Serie gut machen würde und ließe. Also wenig dagegen zu sagen, nur Literatur im engeren Sinn halt auch wieder nicht. (62cp)

 

7.9. Ich, Gustave Courbet (Folkwang Museum Essen)

Courbet kommt aus der Provinz nach Paris, studiert nicht an der Akademie, seine Familie hat Geld und er hat, sehr sogar: sich. Am Anfang des Werks viele Selbstporträts, die leichte Pfeife im Mund (die bleibt), Cello spielend (konnte er nicht), das Ich im Stil alter Meister (also nicht im Stil Courbets, aber einen Stil im engen Sinn hat er ohnehin nicht), das Ich, und das schlägt dem Fass doch ein bisschen den Boden aus, als Pfeife (fehlt nicht mehr viel zu Magritte). Gegen die Glätte, die die Akademie lehrt und der Salon belohnt, spachtelt er roh, bringt aus der Heimat Bäume mit, Felsen, Quellen, Natur: als dreidimensionale Texten, Licht, Schatten, Klecks neben Klecks, rote Kleckse im Grünen, das sind zwei Apfelbäume, die dritte Dimension ist die Farbe (bald kommt Cézanne). Er geht zur Jagd, als Bürger mit Geld, weiß sich und die Bilder von der Jagd zu verkaufen, sein Origine du monde (ebenso wie ein nackt verschlungenes lesbisches Paar) sind gut bezahlte Auftragsarbeiten, er wird vom Salon bestaunt, auf Distanz gehalten, 1855 ist das Jahr, in dem sich ihm alles zu Courbet und nichts als Courbet aufbläht: Er baut seinen eigenen Pavillon gleich neben der Exposition Universelle auf, hängt da: sich neben sich, schreibt groß «Realismus» darüber (Kampfbegriff, Texturideal, Werbeeffekt), stellt ins Zentrum ein riesiges Bild, das den Künstler in seinem Atelier zeigt, nennt das, Dialektiker, der er ist, eine «allégorie relle», zentral Las Meninas-haft natürlich Courbet, an einer Landschaft zugange, von einer Muse, mehr Inkarnat-nackt als verhüllt, angespornt, unten turnt, als Verweis auf solche Schinken in früheren Zeiten, ein Hund. Aber keine Infanten und Könige mehr. Rechts Baudelaire, links die Freunde, Mäzene, im weiten Hintergrundhimmel der Atelierwand dunkel verschwommen, Ahnung für Ahnung, sich verlierend, nicht sehr konkret, aber mehr als präsent das eigene Werk. Werner Hofmann hat ein ganzes Büchlein darüber geschrieben, das die Widersprüche betont und den Zuschlag Courbets zum aktivistischen Lager ebenso verweigert wie den zur allzu tiefen Bedeutung. Aber revolutionär ist er schon, das viel zu große Porträt seiner selbst und der Freunde am Abend ein Affront. Und später geht Courbet sehr wohl auf die Barrikaden, Teil der Kommune, wird verhaftet, eingesperrt, ins Exil vertrieben. Da malt er noch ausgesprochen eindrucksvoll mit weiß harsch gespachtelte Gletscher, sehnt sich zurück nach Paris und in die France-Comté-Heimat, stirbt aber zu jung für ein wirkliches Spätwerk, von dem sich angesichts seines ausgeprägten Eigensinns nicht sagen lässt, wo es ihn hätte hinführen können.

 

6.9. Die Morgenlandfahrt (Hermann Hesse, D 1932)

H.H., der sich als Violinspieler vortstellt, erstattet Bericht. Von einer Morgenlandfahrt nach dem Krieg. Vom Schriftsteller zum Musiker, vom Monte-Verità-Bund zu dem der Morgenlandfahrer ist alles verschoben, verschlüsselt, verrätselt, wobei jede Bewegung, auch Erzählbewegung der Weltflucht dem Erzähler unter dem Erinnern zerfällt, bis hinein in die Schlucht von Morbio Inferiore, ein Name, der später im Archiv als schreckliches Urteil wiederauftauchen wird. Die Reise kommt in seinem Bericht nie recht in Gang, das Exotische findet sich in Namen wie Bremgarten profaniert, mit von der Partie sind der Maler Klingsor, eine fiktionale Hesse-Figur, aber auch Paul Klee, «So blau wie Schnee / So Paul wie Klee», so steht es im Archiv des Bundes, in dem der Erzähler später, nach einem Prozess, Halt zu finden versucht. Diesen Halt aber gibt es nicht, die Figur des Dieners Leo, in der Erinnerung bei der Reise einfach verschwunden, kehrt singend wieder, transfiguriert sich in den Führer des Bundes, der er immer schon war. Ein Freund, Journalist, erzählt vom Krieg und der Unmgöichkeit, ihn zu schildern. Ein Prozess wird gemacht, Szenen wie bei Kafka, nur durch das heraufbeschwörerich Wolkige von Hesses Sprache filtriert. Am Ende dieser Geschichte, die in sich selbst immerzu einstürzt, fließt etwas wie hinter Glas vom Dichter zum Diener, eine Entwirklichung und Schwächung der einzigen Instanz, die wir haben. H.H. sucht einen Ort, da will er «liegen und schlafen». (64cp) [Bibliothek Suhrkamp 1]

 

5.9. Dark Matter, 1. Staffel (Creator: Blake Crouch, USA 2024, 9 Folgen)

Gleich zu Beginn wird Schrödingers Katze/Nichtkatze in ihre Kiste gesetzt: Superimposition, liebe Kinder. Dann geht es aus der Theorie in die Praxis. Neun Folgen hindurch werden quantentheoretische Erzählmöglichkeiten in Sachen Multiversum, Entanglement entfaltet, ein langer Gang der sich hinter unendlichen Türen sich verzweigender Pfade. Dem Komplexen der Theorieapparatur steht das Schlichte des Plotantriebs gegenüber: Rückkehr zur Kernfamilie. Mutter, Vater, Sohn, versammelt um eine gemeinsames Trauma. Davon spaltet die Serie Genretropen erzählförmig ab. Die Tragödie der falschen Wahl, ein Ehrgeiz mit buchstäblich unabsehbahren Folgen. Spontanutopien und Kurzapokalypsen hinter Türen, die manches über das Unbewusste verraten. Eine Therapeutin wird installiert (an mehr als einer Stelle), die aber immer nur ausbuchstabiert, was auf der Plotebene umstandslos erzählförmig wird. Ein Puzzle aus Theoremen und Action, das immer an der richtigen Stelle nachplausibilisiert. Kein Schuss zu viel, keiner zu wenig. Das Kernsentiment des Familienrückkehrbegehrens hält die Sache am Laufen, ohne dass sie ideologisch zu sehr aushärten müsste. Das Ende: Happy, aber wer weiß. (78cp)

 

4.9. Nelken in Aspik (Günter Reisch, DDR 1976)

Schon beim Vorspann, mitten in die Stadt hinein plakatiert, geht es ab. Reinhard Lakomy singt lakomyisch dazu, auch darüber, dass sich doch keiner die Namen der Mitwirkenden merken kann. Dann über den Wartburg, auf den man so lange wartet, dass sich der Sohn freuen kann. Was ist denn das? Eklatanter Fall von Selbstironie! Klamotte. Hemmungslose Albernheit, Persiflage, Spott und kaum sozialistische Bedeutung. Geschichte eines Simplizissimus namens Schmidt (Armin Mueller-Stahl) mit blondem Bürzel am Kopf, Zeichner, später Mitarbeiter des ZKW (Zentralkombinats Werbung), als Quasselstrippe geboren, durch Ausfall zweier Zähne zum Schweiger mutiert. Genievermutung durch Schweigen, der Weg führt nach San Francisco, wo er versehentlich Hunderttausende Sandmann- und Pittiplatsch-Puppen verkauft, dann weiße Woche der Werbung, Aufstieg und Fall, zuletzt, noch kurz Fünfjahrespläne veralbert, führt eine Spur ins Theater. Dazwischen: Lakomy, der klampft, «Werbung in jeder Färbung», Liebeswerbung mit Speer, verrückte Autoverfolgsungsjagd im DDR-Straßenverkehrt, Männer stehen Kopf im Paternoster, dritte Zähne, die nachwachsen können, bescheuerter Wortzwitz, klamottiger Bildwitz. Man hat sich auf exzentrische Sowjetkomödien bezogen, aber Klamotte ist Klamotte, bleibt Klamotte, da sind weder Charlys Tante noch Didi Hallervorden sehr fern. Auch wer mit dieser Sorte Humor wenig anfangen kann (ich!), kommt aus dem Staunen kaum raus, welche Durchgeknalltheiten die Obergenossen dem DEFA-Kollegen Günter Reisch durchgehen ließen. Das Problem war dann nur: Biermann-Jahr, Solidarisierung nicht nur durch Hauptdarsteller Mueller-Stahl. Das ging nun nicht, so musste der Film rasch von den Leinwänden weichen. (68cp)

 

3.9. The Warden (Anthony Trollope, GB 1855)

Spät im Roman kommt Septimus Harding, da ist er gerade noch der «Warden» des Titels, in die große Stadt London und hat viel Zeit totzuschlagen. Er setzt sich in die riesige Westminster Abbey, aber die Gottesdienste, denkt er, bekommen sie zuhause im kleinen Barchester besser hin als in der Ecke der Abbey, in der sich zwölf Leute verlieren. Abends schläft er im Kaffeehaus noch ein, kommt trotzdem rechtzeitig zu seinem Termin mit dem Anwalt: spät abends um zehn. Da sind wir schon im dénouement. So bescheiden wie glücklich war das Barchester-Leben des Warden, eine Tochter hat er schon unter die Haube gebracht, die andere liebt schon den Reformer John Bold (Namen sprechen gerne bei Trollope, teils auch sehr laut). Der startet nun allerdings eine Initiative, die den freundlich-bescheidenen Harding um einen wichtigen Teil seines Einkommens zu bringen droht. An einem Erberlass aus dem 15. Jahrhundert ist wohl tatsächlich was faul, aber alle, bald auch Bold, sehen nach und nach ein, dass es sinnvoll wäre, hier einmal fünf gerade sein zu lassen. Zu spät: Septimus Harding schaltet auf stur. Eingelegt in die meist milde satirische ländliche Lauge ist recht scharfer Einspruch eines von Zeit zu Zeit recht aufdringlich sich einmischenden Erzähler gegen die Zeitung, die Jupiter heißt (gemeint ist: die Times), und drei obereitle, höchst unangenehme Diatribenverfasser namens Tom Towers (heimlicher Autor der Zeitung), Dr Pessimist Anticant (nichts auf der Welt ist ihm recht) und Mr Popular Sentiment (letzterer: Charles Dickens, vermutlich). Alles geht mittelgut aus, Septimus Harding ist nicht länger Warden und bescheidet sich, weil er nicht anders gekonnt hat, als genau das zu wollen, mit sehr wenig Geld. (67cp)

 

2.9. Air (Christian Kracht, D 2025)

Mit penibelsten Weltbeschreibungen geht das los, von Teppich bis (einäugige) Katze, der später noch der Schmodder in der Augenhöhle liebevoll abgeputzt wird. Bald darauf zieht ein Auftrag den hyperästhetischen Innenarchitekten Paul, er ist (das darf man in diesem Fall nun wirklich sagen) der Held des Romans, nach Norwegen. In der Flughafenbuchhandlung Bücher von Knausgård, den hörte man bis dahin schon trapsen. Paul bekommt einen Auftrag für einen Weißraum von einer hippen Designzeitschrift namens «Küki», deren Herausgeber namens Cohen längst schon woanders hin will. Paul betritt das real existierende Cloud-Datacenter «Green Mountain» bei Stavanger und ward in dieser Welt nicht mehr gesehen. Ohnehin stürzt, hier trapst nun, scheint’s, Knausgårds Morgenstern-Serie herein, ein Komet auf die Erde, vielleicht jedenfalls, und erst Paul (als Hirsch), dann später noch Cohen landen in einer keltisch angehauchten, jenseitigen Fantasy-Welt. Und was macht Kracht? Er malt diese Welt einfach aus, mit Anspielungen gewiss, aber vor allem mit viel Genuss an den anti- bzw. freundlich gesagt amodernen Zügen des Ganzen. Eismenschen, finstere Herzöge, als Staunzauber eine Keramikpistole aus dem 3-D-Drucker mittenmang. Die Sache ist nicht ohne Ernst, denn es wird auch gestorben. Was das nun ist, KI-Land, Yeats-Fantasie, Lindgren-Reenactment, wie es sich zur Welt, in der Kracht, du und ich leben, verhält, was die mehrfach erwähnte Verflachung oder Stauchung dieses Fantasy-Jenseits bedeutet: Bleibt absichtlich unklar. Die Naivität: kühl kalkuliert. Immerhin hält sich die ja immer ziemlich ungekonnte Pseudo-Thomas-Mannhaftigkeit von Krachts gipsernem Stil hier ziemlich in Grenzen. (62cp)

 

1.9. Vaterland (Paweł Pawlikowski, Polen/D/I/F 2026)

Nachkrieg, schwarz-weiß, Innen- wie Außenwelt studiohaft, das Auge fürs Detail omnipräsent. Der Doppelsinn des Titels, nicht die Komposition, sondern das Komponiertsein jedes einzelnen Bilds, dass es perfekt ins Academy-Format passt. Hüller als Darstellerin wie stets die Kontrolle, nein das Kontrolliertsein persönlich, noch die Ohrfeige für Gründgens sitzt auf den Millimeter genau. (Ebenso wie der verbale Schlag Thomas Manns ins Gesicht der Wagner-Enkel. Vielleicht etwas zu simpel, wie Pawlikowski sich, ihm und uns diese Befriedigung gönnt.) Sehr säuberlich ist das alles verpackt: die Verheerungen des gespaltenen Deutschland als Medium für das Verlorensein des Schriftstellers Mann, der nach Goethe schnappt wie nach Luft; das Verheertsein des Schriftstellers Mann, dessen eigener Kontrollwahn dem Sohn die Luft abgeschnürt hat; der verlogene Westen, der stalinistische Osten in der Konkurrenz um eine Figur, mit der sich ein Staat machen lässt, der mit nichts aufräumen muss; die monumentalen Grabfiguren dazwischen als von den Schlacken der Zeit wie befreite Eleganzunterbrechung; und zuletzt die Rettung zu Bach, in die Kirche, in die Orgelmusik. Ein Film, der, bei aller Meisterschaft doch eher hohl, so sehr Evokation wie Zurichtung ist. (57cp)