berlinale 2026

13. Februar 2026

Short Message Service

Von Marco Abel, Andreas Busche, Monika Dommann, Onur Erdur, Felix Hasebrink, Ekkehard Knörer, Leonard Krähmer, Jan Künemund, Anne Küper, Elena Meilicke, Hannah Pilarczyk, Simon Rothöhler, Sarah Sander und Tilman Schumacher

FRAUEN IN BERLIN: Ein Film, den es beinahe nicht mehr gegeben hätte. Wäre nicht die zur Vernichtung freigegebene einzige Kopie aus der Filmhochschule Konrad Wolf entwendet, auf ein Bettlacken projiziert und dabei auf VHS abgefilmt worden. Der Dokfilm gibt in sanft verschränkten Porträts Ostberliner Frauen eine Stimme, die sonst ungehört geblieben wären. Sie erzählen von Sorgen & Wünschen, den Härten der Männergesellschaft & vielem mehr. Man sieht sie liebevoll im Kreise ihrer Kinder. Das Werk der indische Austauschstudentin Chetna Vora ist auch in der restaurierten Fassung kein eye candy, egal. Eine Entdeckung. (Forum Special)

Tilman Schumacher am
22. Februar 2026 um 10:56 Uhr

Ein Dutzend Freund:innen von Nurith Aviv sprechen in den eigenen vier Wänden und in alphabetischer Abfolge über ihre Vornamen (PRÉNOMS). Darüber, wie der Name den Alltag prägt, warum sie ihn haben ändern lassen, was er mit europäischer Migrations- & Integrationsgeschichte, auch mit der Shoah zu tun hat. Formal ist das auffällig schlicht: Aviv überreicht Blumen, dann geht’s zu statischen Halbtotalen mit Monologen über. Mögen manche für zu wenig erachten, mir hat’s in der Direkt- und Schlichtheit gefallen. Warmes, schnörkelloses Dokumentarfilmkino, das den Figuren gerne beim Sprechen zusieht, wozu ein ganzer Körper gehört. (Forum)

Tilman Schumacher am
22. Februar 2026 um 10:50 Uhr

Zum Glück hat IF PIGEONS TURNED TO GOLD (Forum) den Caligari- und Dokumentarfilmpreis gewonnen – so habe ich den Film, der eigentlich mein Berlinaleauftakt sein sollte, doch noch gesehen. Und dann hat mich der Film mit seiner crazy Kombination aus poppig-selbstreflexiven Grafiken, derangierten KI-Animationen und einer brutal ehrlichen Langzeitbeobachtung des alkoholkranken Bruders gleichermaßen überrascht wie gekriegt. Eine unwahrscheinliche Leistung von Pepa Lubojacki uns so nah an das Leben ihres Bruders auf der Straße heranzuführen, dass wir ihm theoretisch/filmisch einmal auf Augenhöhe begegnen können.

Sarah Sander am
22. Februar 2026 um 10:49 Uhr

EIGHT BRIDGES: Benning ging 2x auf Roadtrip durch die USA, um seine Kamera für je 10 Minuten auf 8 Brücken zu richten, mit denen er entweder eine persönliche Geschichte verband oder die ihm als Schauplatz von und Metapher für kritischen Phasen der US-Geschichte bedeutsam erschienen. Schön, wie unterschiedlich lang man die genormten Sequenzen, fast immer schräg gestellte und stets statisch ausgerichtete Totalen, empfindet. In den Bildkader einfahrende Schiffe und hineinschlendernde Passant:innen als Ereignisse. Leider denke ich mir bei jedem neuen Benning-Film, wie viel interessanter es wäre, das alles analog zu sehen. (Forum)

Tilman Schumacher am
21. Februar 2026 um 20:17 Uhr

THE TESTAMENT OF ANN LEE erinnert in mehrerlei Hinsicht an THE BRUTALIST: eine straff an seiner Hauptfigur entlang erzählte Geschichte, die aber nicht weniger als ein europäisch-anglosächsisches Jahrhundert spiegeln will, ein Film, der seine behutsame Erzählweise immer wieder mit großen Bildern durchbricht & dabei mit 70mm die Epen der 50/60er sympathisch aus der Zeit gefallen aufleben lässt. (Projektion im Zoopalast flackerfrei, aber etwas dunkel). Bisschen hastig wirkt das trotz der 140 Minuten; spektakulär die Neuinterpretation religiöser Songs sowie das konstante Klirren von Daniel Blumberg – btw Komponist vom BRUTALIST.

Tilman Schumacher am
21. Februar 2026 um 09:28 Uhr

Einziger echter Fehlgriff im Wettbewerb, so weit ich ihn sah: die (dort gefeierte) Sundance-Übernahme JOSEPHINE von Beth de Araújo. Eine Achtjährige wird Zeugin einer Vergewaltigung, ein Film über die Folgen, Araújo verarbeitet ein eigenes Erlebnis. Tolle Hauptdarstellerin, ja. Aber alles komplett überinstrumentiert, musikalisch, inszenatorisch; rumpelt, raunt, dröhnt, will (elevated) Horrorfilm sein, Justizkritik werden. Ständige ästhetische Selbstaffektion plus Literalsinnfixierung als Traumadiskurs: Puh. (38cp)

Ekkehard Knörer am
21. Februar 2026 um 07:50 Uhr

Bei ORANZHEVYE ZHILETY immer versucht, das an Helke Sander adressierte Material mit den wirklich irren BBC-Archivbeständen zu vergleichen, die Adam Curtis in RUSSIA 1985-1999: TRAUMZONE ausbreitet. Man müsste mal prüfen, ob es sein kann, dass dort über 420 Minuten keine orangene Weste zu sehen ist. (Lost in the 90s, indeed)

Simon Rothöhler am
20. Februar 2026 um 10:54 Uhr

Ein leiser, 16mm-Film übers konzentrierte Lesen von Literatur und wie es – gerade durch das gemeinsame Sprechen übers Gelesene (hier: Anna Maria Orteses Prosa) –, den Blick der Lesenden sowohl über den Bücherrand als auch die Biotop-Komfortzone der Leser (hier: die des Chamissokiez’) hinaus zaghaft erweitern kann. Ähnlich wie bei Schanelec-Filmen muss man allerdings gewillt sein, sich AUSLANDSREISE zu unterwerfen und in seinen Bann ziehen zu lassen, sonst kann er einem als unangenehm hermetisch erscheinen. Der bei weitem bessere der zwei Millennials-Portrait-Filme, die ich in den letzten 10 Tagen gesehen habe.

Marco Abel am
20. Februar 2026 um 10:09 Uhr

Mythische Landschaft, in die Mahamat-Saleh Haroun eine quasi-mythische Geschichte hineinmalt: von Kellou, von einem nächtlichen Ritual, vom Tod einer Frau, die wie Kellou eine bedrängte Außenseiterin in der Dorfgemeinschaft ist. Der Film stellt sich auf die Seite der Frau, der Visionen, der – das Wort gälte es für das Konzept von SOUMSOUM (Wettbewerb) zu erfinden – himmelhohen Weitstirnigkeit. Auf breiter Leinwand hinreißend schön, nicht verrätselt, oder: in seinen Rätseln von souveräner klassizistischer Klarheit, sandfarben elementar. Aber auch sehr eingeschlossen in seine autorenfilmerische Elementarität. (73cp)

Ekkehard Knörer am
20. Februar 2026 um 10:06 Uhr

Arbeitsaustausch eines Filmemachers mit einem Fotografen. Letzterer verliert langsam seine Sehkraft, was für beide völlig unterschiedliche Formen der Herausforderung darstellt. Der Fotograf komponiert aus Gesten, Energiezentren, Lichtreflexen Ausschnitte aus einer visuell verschwindenden Welt. Der Filmemacher besorgt sich abgelaufenes Analogmaterial, das seine Arbeit mühsamer macht. 1/2

Jan Künemund am
20. Februar 2026 um 08:14 Uhr

Im gegenseitigen Hinweis auf Hindernisse entwickelt sich eine fast zärtliche Beziehung der beiden, die auch Momente der Frustration und der Hilflosigkeit aushält. Die blind spots des Sehenden werden immer sichtbarer, der Fotograf hat das letzte Bild. Schöne Überraschung im Panorama: LA FACE CACHEE DE LA TERRE. 2/2

Jan Künemund am
20. Februar 2026 um 08:13 Uhr

«Gib Angela Schanelec noch eine Chance!», schrieb mir vor Jahren ein Freund als Widmung auf eine DVD – hab’s getan und nicht bereut, dafür jetzt einen Ohrwurm im Kopf: «Lover, lover, lover…» Musikberatung bei MEINE FRAU WEINT ist von Martin Hossbach, der da so eine Art Monopol innezuhaben scheint und auf dessen Konto auch das insistierende, mich erst irritierende, dann doch becircende «Ciao Amore Mio» aus ETWAS GANZ BESONDERES geht: «Ciao, amore mio, das war echt damals da ganz gut mit Dir im Kino…»

Elena Meilicke am
19. Februar 2026 um 18:30 Uhr

Habe mich sehr gut amüsiert bei THE MOMENT (Panorama), der meines Erachtens durchaus auch als Reflexion auf gegenwärtige Celebrity-Produktionsweisen durchgeht. Staying true vs. selling out wird um eine zeitgemäße dritte Option erweitert, die zwischen zynischer Resignation und ultralässiger Camp-Geste liegt und deren Ambiguität musikalisch treffend von (Uralt-)Britpoppern The Verve untermalt wird (Coldplay hatten schon vorher ihr Fett weggekriegt). Amy und Diana erinnern daran, dass sich mit toten Stars u.U. mehr Geld als mit lebenden verdienen lässt – da entscheidet sich Charlie xcx doch lieber für’s staying alive.

Elena Meilicke am
19. Februar 2026 um 18:28 Uhr

Da war er, der Festivalexzess. Knapp 9h Archivmaterial, dazwischen eigene Bilder, Töne & Talking Heads. BLACK LIONS – ROMAN WOLVES ist eine jeden Rahmen sprengende Analyse des ital. Faschismus & seines kolonialen Expansionsdrangs in Äthiopien, von den Ideologien Mussolinis, über den Überfall aufs Land, dessen massenmörderische Besetzung bis hin zur Befreiung durch den zähen Guerillakampf der Äthiopier:innen selbst. Gegen Ende hin wird der Film, der wohl noch auf seinen Finalschnitt wartet, recht wunderlich, aber ansonsten eine beeindruckende Tour de Force. Die War Drums aller 10 Sek. werden bleiben. Dumm Dumm Dumm. (Forum)

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 17:10 Uhr

Hong besinnt sich nach einer Phase gradliniger, tiefemotionaler Filme zurück auf seine mehr strukturell kopflastigen Anfänge, erstmals seit 2022 wieder in s/w. 2 Frauen, 2 Räume, 2 deutsche Biere. Junge Journalistinnen führen Interviews mit einer berühmten Schauspielerin, die ihr Comeback gibt. In ihrem Schauspielkurs greift diese die Alltagserfahrung auf, macht daraus Kinodialog. Dort, wo es lebensweise wird, gerät der Text auffällig ins Stocken. «Es gibt zu viele Interpretationen auf der Welt». Kommt mir hier & andernorts zu schlecht weg – wie damals Introduction, sein anderer «Berlin»-Film, wenn man so will. #teamminorhong

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 17:09 Uhr

Ted Fendt kehrt mit AUSLANDSREISE ein Stück weit zu seinen beiden ersten 60-Minütern zurück. Wieder junge Menschen im Lesekreis, wieder ein Slacker im Coachnachtlimbo. Jedoch nicht amerikanische Straßenzüge, sondern die von Berlin, Bergmannkiez. In Sommerlicht getauchte Hinterhöfe und Parks, der Klang der Stimme beim Vorlesen, die wuchtigen Sätze Anna Maria Orteses, Texttafeln à la Rohmer. Die Figuren scheinen viel Zeit zu haben, sie liegen und sitzen herum, planen manches & verwerfen anderes. Fendts Kino zeigt, was das Kino i.d.R. ausspart. Es entsteht mittlerweile von dem, was am Ende des Monats noch übrig ist. Beeindruckend.

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 17:07 Uhr

Ich habe ein Faible für das Rohe, manchmal auch etwas Rumpelige des frühen Tonfilms, die Laute und Worte kommen direkt, ihnen fehlt oftmals gerne die Einbettung in ihre Umgebung, sie schneiden voll hinein. Stille noch als Stilmittel. Die Geschichte von CRYSTAL PALACE, eine Allegorie auf die Stellung des Künstlers im Staat, ist einigermaßen wirr, eklektisch, statuarisch; bleiben mir die schönen glitzernden Nahaufnahmeschwenks über Kunstobjekte, die seidenen Raumteiler in den Studiosets, ein Schauspiel, das wahrscheinlich vom Konstruktivismus herkommt; ukrainisches Kino im Fahrwasser von René Clair & Boris Barnet – nur schwerfälliger.

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 15:36 Uhr

SZENARIO nähert sich der Bundeswehr da, wo sie selbst Inszenierungen auf die Beine stellt, quasi theatrale Truppe ist, inkl. Kunstblut, Kulissendörfern und, der Titel sagt’s, Szenarien. Proben für den Ernstfall und die Zeitenwende, im Gefechtsübungszentrum Heer in Sachsen-Anhalt. Erfindungsreich ist auch das zur Aufführung gebrachte Sprechen: Handy = Bildschirmwischgerät (oder so ähnlich).

Elena Meilicke am
19. Februar 2026 um 15:34 Uhr

LONDON: Autofahrt Salzburg - Wien. Erst wöchentlich, dann alle paar Tage. Ein Mann besucht einen Freund, der im Koma liegt, früher verband sie enge Freundschaft. Erzählungen am Bett, ohne Erwiderung. Sehr schön, wie sich die Psychologie dahinter langsam in die Geschichte einschreibt - im Dialog mit Mitfahrgelegenheiten nämlich. 1/2

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 15:32 Uhr

Highlight: Ted Fendt als Reichsautobahnexperte, der einen Zwischenstop an einer Autobahnbrücke aus dem NS bekommt. Der Blick auf den majestätischen Berg da vorne, den gibt es, weil die Nazis wollten, dass wir ihn sehen, heißt es ein andermal. Viel dokumentarischer Kern, muss die Doks von Brameshuber auschecken. (Panorama) 2/2

Tilman Schumacher am
19. Februar 2026 um 15:31 Uhr

THE LONELIEST MAN IN TOWN (Wettbewerb) hat viel Dokumentarisches in der Form. Und unendlich viel Wien, wenn auch in der Memphis/Tennessee-Variante. Der Mann, der der Blues eher ist, als dass er ihn hat, ist Al Cook, ist Alois Koch, ist der, den er spielt (Untertitel seiner Autobiografie: Blues als Rebellion gegen den Zeitgeist). Was immer hier erfunden ist, ist doch schrecklich echt. Der Film von Covi/Frimmel hat, eine Art Anti-Seidl, eine gute Haltung zu dieser Figur: große Nähe, ohne direkte Identifikation. Blickt liebend, gern auf die Hände. Und im Jenseits dieser Geschichte finden sogar Elvis und die Beatles zusammen. (74cp)

Ekkehard Knörer am
19. Februar 2026 um 15:31 Uhr

Auf sehenswerte Weise vergurkt: A NEW DAWN (Wettbewerb), Regiepremiere des Anime-Künstlers Yoshitoshi Shinomiya. Visuell zaubert sich das durch allerlei grafische Register, von denen diese je für sich selbst ebenso wie die Wechsel, von Aquarell bis Stop Motion, durchaus beeindruckend sind. Nur leider hat Shinomiya fürs Drehbuch so manches, was für sich Sinn machen könnte, in den Mixer gesteckt und den Hoppelpoppel am Ende verfilmt. So dass das schöne Bildfeuerwerk leider immerzu implodiert. (60cp)

Ekkehard Knörer am
19. Februar 2026 um 11:31 Uhr

Ganz auf die traumatisierte subjektive Wahrnehmung seiner stumm bleibenden Heldin ist Mahnaz Mohammadis ROYA (Panorama) eingestellt. Vom Evin-Knast (in dem die Regisseurin selbst eingesperrt war) hinaus in eine nicht nur sensorisch bedrängende Welt. Die Schwester ist tot, das Regime will ein Geständnis erpressen, die Wahrnehmung ist und bleibt aus den Fugen. Die Grenzen zwischen Fantasiertem und Realem sind oft nicht klar auszumachen. Das ästhetisch Hochprozessierte dieser Trauma-Darstellung schien mir am Ende aber doch zu kalkuliert. (68cp)

Ekkehard Knörer am
19. Februar 2026 um 07:40 Uhr

Wenn plötzlich der joviale Ober-ich-bin-doch-gar-nicht-rechts-Nazi zum «Zombie Rock» rumhampelt, erreicht Yulia Lokshinas Doku IM UMKREIS DER PARADISES einen Höhepunkt. Ihre Kamera braucht nicht viel mehr zu tun, als eine Gruppe von deutschen und österreichischen Querdenkern und Impfgegnern zu beobachten, die dem staatlichen Regulierungsfaschismus gen paraguayischer Urwald entfliehen, um dort in Form einer eingezäunten und bewachten Siedlung ihr reinrassiges Paradies als spirituelle Nachfahren von Nietzsches Schwager zu konstituieren. Denn sie stellen die unerträgliche Biederkeit ihres Seins ganz von selbst bloß.

Marco Abel am
18. Februar 2026 um 21:12 Uhr

Der resident Hong-Philologe im Hause Cargo würde auch auf Minor Hong plädieren, schon gar im Vergleich zum Vorjahresmeisterstück. Auf den ersten Blick ist THE DAY SHE RETURNS selbst ein Return, nämlich zu den Vexierspielen des früheren Hong, wenn auch in radikal minimalistischer Form. Nur dass sich aus den Variationen, die sich aus 3 plus 1 mal demselben/ähnlichen, realen/reenacteden Interview ergeben, hier nicht sehr viel Reiz ziehen lässt. Bleibt viel Charme und schon auch Witz. Minor Hong ist natürlich immer noch viel mehr als nur halb sehenswert. (68cp)

Ekkehard Knörer am
18. Februar 2026 um 21:07 Uhr

Eva Trobischs ETWAS GANZ BESONDERES (Wettbewerb) ist eine Schlachteplatte (Ost) mit allem, also viel zu viel drin, dran und drauf. Hätte eine interessante Fernsehserie ergeben, aber hier sind eine Menge guter Leute nach Greiz bestellt und werden nie wirklich von der Problem- und Familien-Geschichte abgeholt, in der sie herumstehen und herumzappeln müssen. (52cp)

Ekkehard Knörer am
18. Februar 2026 um 21:02 Uhr

Große Empfehlung übrigens (läuft morgen noch einmal) für EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN (Forum). Ganz ohne Zeitzeugen-Talking-Heads, dafür klug montierte O-Töne und Archivaufnahmen (u.a. von Berlin, Bachmann-Preis, Biolek). 1/2

Elena Meilicke am
18. Februar 2026 um 18:37 Uhr

Zu Beginn, über einem Schwarzbild, das Stottern von Schleef, ein Sprachfehler, vor dessen Hintergrund die rhythmisierte Sprechkunst seiner riesigen Theaterchöre sich noch einmal anders erschließt. Ansonsten: Abtauchen in die Abgründe der Geschichte und die Kontinuität des Krieges. Deutschland, sagt Schleef, ist Weimar und Buchenwald und dazwischen Nietzsches Sterbehaus.  2/2

Elena Meilicke am
18. Februar 2026 um 18:37 Uhr

So ist es gewesen, sagt einer der äthiopischen Widerstandkämpfer in Haile Gerimas BLACK LIONS – ROMAN WOVES etwa in Minute 510, oder so. Dreissig Jahre hat Gerima an diesem Film gearbeitet. Das ist epische Geschichtsschreibung, die zu den Erinnerungen, Liedern, Memorabilien zurückkehrt. 1/2

Monika Dommann am
18. Februar 2026 um 18:34 Uhr

Auch agitatorische Geschichtsschreibung. Und ein radikales Gegen-den-Strich-Bürsten der Filmarchive. Die Italiener sind nicht bloss mit modernstem Kriegsgeräte über Äthiopien hergefallen, sondern auch mit Kameras. Für mich persönlich der Kern dieser Berlinale. Wer 10 Stunden im Kino sitzen kann, physisch und psychisch, sollte den Film wirklich anschauen. 2/2

Monika Dommann am
18. Februar 2026 um 18:34 Uhr

Es tat gut, MY BROTHER’S WEDDING von Charles Burnett in neuer Restaurierung wieder anzuschauen. Anti-Stereotypenkino vom Feinsten. Mit liebevoll entwickelten und cool gespielten Figuren. Und vor allem auch eine Erinnerung daran, wie wichtig die öffentlich-rechtlichen Sender für Filmproduktionen sind, weit über Deutschland hinaus. Der Film wurde von ZDF koproduziert.

Monika Dommann am
18. Februar 2026 um 18:33 Uhr

IF PIGEONS TURNED TO GOLD: Am Anfang habe ich – heftige Popästhetik – gefremdelt, dann hat mich die Direktheit des Films bekommen. In ihrem Debüt rollt Pepa Lubojacki ihre alkoholgetränkte Familiengeschichte auf. Ihr Vater starb dran, ihr Bruder ist obdachlos dem Suff verfallen, weitere Verwandte ebenso. Mit der Handykamera besucht sie diese; ein endloser Reigen aus Zuneigung & Abweisung; dazwischengeschaltet Familienfotos, vermeintlich ganz Essayfilm-ABC, dann doch anders, sich viel angreifbar machender in Szene gesetzt: Mittels AI fängt das Kleinkind-Ich von Pepa an zu sprechen, bewegt den Mund, projiziert Gedanken aus dem Jetzt.

Tilman Schumacher am
18. Februar 2026 um 08:38 Uhr

Minor Hong Sang-soo, würde ich sagen, immer noch ganz nett, so Richtung halbsehenswert, zumindest für die komplettistischen Philologen-Follower des Meisters, aber doch auch etwas betrübliche Egalness, in dieser demonstrativ selbstkopistischen Einfachmalruntergedrehtheit. (Hong Sang-soo: THE DAYS SHE RETURNS | Panorama)

Simon Rothöhler am
18. Februar 2026 um 08:37 Uhr

Assaf Machnes’ WHERE TO? ist für meinen Geschmack ein wenig zu süßlich sentimental, nicht zuletzt am Ende, in dem er in einer Art von sekulärer Declaration of Faith seinem seiner sich selbst verlorengegangenen palästinensischen Uber-Fahrer eine etwas zu vorhersehbare Chance für einen Neuanfang mit Frau und entfremdester ältester Tochter schenkt. Bittersweet der Moment, als sein Blick durch die Windschutzscheibe seines vierrädrigen Kokons hoch zum Balkon führt, von wo seine alte Liebe aus Israel auf seinen Wagen herunterblickt und es kurz so scheint, als würden sich ihre Blicke treffen—aber es nicht tun.

Marco Abel am
18. Februar 2026 um 08:01 Uhr

Noch unter Eindruck des gerade gesehenen und gehörtem stehend, las ich Hannah Pilarcyks SMS zu MEINE FRAU WEINT und dachte nur: «What Hannah wrote»! Gefühlt der dialoglastigste Schanelec-Film to date, das neueste Riff ihrer radikalen kinematischen Erkundung des Gaps zwischen seeing und saying und der Frage, wie man andere Menschen und sich selbst trotz (oder gerade wegen?) diesem die Kommunikation konstituierenden Aspekt, über den die meisten Filme einfach hinwegtäuschen, irgendwie verstehen kann. Durch das wunderbare gemeinsame Tanzen zu Cohens LOVER LOVER LOVER, z. B. – ein Moment für die filmhistorische Ewigkeit

Marco Abel am
18. Februar 2026 um 07:58 Uhr

Mit meiner verklärten Erinnerung an das grobkörnige Schwarzweiß und den elegischen Rhythmus von KILLER OF SHEEP (Forum 2007) war ich von der knalligen Farbigkeit und der schwankenden Geschwindigkeit von MY BROTHER’S WEDDING (Forum Special) erst einmal überrascht. Aber dann hat mich die Leichtigkeit des eingefangenen Alltags schnell überzeugt: All diese coolen Mädchen und cuten Jungs, die da durch die Nachbarschaft rennen, v.a. aber die flirtenden Eltern beim Abendbrot und der sich um die Alten kümmernde Pierce machen den Film zu einem wunderschönen counter piece zu KILLER OF SHEEP (1977). 1/2

Sarah Sander am
18. Februar 2026 um 00:05 Uhr

MY BROTHER’S WEDDING (1983) zeigt nicht nur die Ärgernisse und Alltäglichkeiten South Central L.A.s, sondern auch die Widersprüche und die Ironie der Community, wie Charles Burnett im Gespräch nach dem Film erklärt. Den sympathischen Nichtsnutz Pierce führt er als sein Alter Ego ein. 2/2

Sarah Sander am
18. Februar 2026 um 00:04 Uhr

(Lost in the 90s): So sehr ich auch zunächst über die Studioinszenierung schmunzeln musste, so schnell haben mich die BOYZ N THE HOOD (Retrospektive) doch für sich eingenommen: Die wiederholten Gespräche über Sex n AIDS and rubbers, über Gentrifizierung und die politisch provozierte Prekarität der Black Community in South Central L.A., v.a. aber die filmische Parteinahme für das Selbstverständnis der gilz in the hood und das wachsende Bewusstsein der boyz davon sind ein echt lohnender Blick zurück nach vorn.

Sarah Sander am
18. Februar 2026 um 00:03 Uhr

Angela Schanelec MEINE FRAU WEINT (Wettbewerb): Habe wieder meine 5 stages of Schanelec reception durchlaufen. 1. Oh, die reden wieder so. 2. Neuer Kameramann? 3. Egal. Sieht alles ziemlich toll aus. 4. Aber diese APC/Kinderkleidungsmode muss auch nicht jedes Mal sein. 5. Weiß nicht, wie lange ich es aushalte, dass die wieder so reden. Und dann. Dieser Song. Dieser Leonard Cohen Song, der singt, was vorher nicht gesagt werden konnte. Eure Kritikerin weinte.

Hannah Pilarczyk am
17. Februar 2026 um 22:00 Uhr

Aus atonaler Anmutung, dissonanten Instrumentalstimmen, wird unvermittelt ins Privatgespräch einmarschierende Blasvolksmusik. Okay. Dann Sommergewitter, der Kapellenleiter unter Regenschirm in schöner gelber Farbe gestellt, schließlich rettender Teilrückzug der Musikanten unter Tiergartenaltbaumbestand. Doch, tolle Miniatur. Auch sehr präzise gebaut: Fensterscheibenschmutz legt sich als finales Filterbild über Leonard Cohen-Patina. Aber das sozial entleerte Konzeptsprechen der auftretenden Kranführer, Kindergärtnerinnen, Bauarbeiter: wird hier wirklich sehr sehr hardcore serviert. (Schanelec: MEINE FRAU WEINT)

Simon Rothöhler am
17. Februar 2026 um 22:00 Uhr

MEINE FRAU WEINT: Schanelecs bester Film seit den Großtaten der 90er. Wunderschön eng kadrierte, naturlichtintensive Bilder, eine Story, die sich um lange, teils erstaunlich inbrünstige Dialogszenen – und wieder um Tanz – gruppieren. Vollendeter Anaturalismus: Aus dem Alltag Objekte entnehmen, sie anders besetzen, gruppieren, formen. Kranfahrer reden wie Philosophen, mehrere reden mit Akzent – nicht handlungsmotiviert, sondern weil’s das Aufsagen noch einen Reiz mehr verleiht. Dazwischen und dahindurch immer wieder großes Gefühl. Endlich auch wieder ein Stadtfilm, wenn auch einer, der in raumzeitloser Gegenwart schwebt. (Wettbewerb)

Tilman Schumacher am
17. Februar 2026 um 22:00 Uhr

MEIN LANGSAMES LEBEN in der Fassung Deutsch als Fremdsprache. Die Handballnationalmannschaft-Spielerfrau hat recht: das schönste an dieser rüpelhaftesten aller Ballsportarten ist tatsächlich, und das sage ich als ehemals Praktizierender, die Erschöpfung, wenn es vorbei ist. Was gegen Ende am Strand mit dem Ball veranstaltet wird, hat mit Handball wenig zu tun, sieht aber ehrlich so aus, als würde es Spaß machen. Wie überhaupt Vieles an MEINE FRAU WEINT Spaß macht, ohne dass vor Lachen gleich der Kopf platzt.

Leonard Krähmer am
17. Februar 2026 um 22:00 Uhr

Mit dieser Präzision, diesem Charme, diesem Verständnis für seine Figuren und die Situationen, die sie jeweils durchlaufen, kann so ein Film eigentlich nur gedreht werden, wenn wer sehr genau weiß, wovon er da erzählt. Mag abgedroschen klingen, ist mir aber gerade egal. Ziemlich getroffen worden von QUEEN AT SEA (Wettbewerb), mit dem Lance Hammer derart lässig ins Kino zurückkehrt, als sei er nie weg gewesen. Emojikritik: 🛏️🎼🤳🇬🇧🚿

Anne Küper am
17. Februar 2026 um 17:11 Uhr

Die Geschichte von A PRAYER FOR THE DYING (Perspectives) ist nicht, wie ein Dorf in Wisconsin 1870 einem Diphterie- und PTSD-Ausbruch entkommen kann, sondern wie Regisseurin und Autorin Dara Van Dusen dem Elevated Horror Bro Club A24 entkommen konnte. Ich mochte sehr vieles an ihren epidemisch-apokalyptischen Fragmenten, den fiebrigen Schnitt zum Beispiel oder die zuckende Kamera, die mit ihren abrupten Richtungswechseln mitunter selbst die vierte Wand zu durchbrechen schien.

Hannah Pilarczyk am
17. Februar 2026 um 16:40 Uhr

Nicht nur Soldaten, auch TV-Kameras können die Seiten wechseln. VIDEOGRAMME EINER REVOLUTION (Retrospektive) arbeitet nur mit Found Footage, ein bisschen Text und Kommentarstimme mustergültig heraus, welche Rolle das Staatsfernsehen bei der rumänischen Revolution im Dezember 1989 gespielt hat. Vor dem Screening erzählt Harun Farockis Mitstreiter Andrei Ujica eine Anekdote über das geografisch und intellektuell geteilte Echo auf ihre Arbeit. In Paris trommelten Baudrillard und Virilio gleich ein ganzes Kolloquium zusammen, in Berlin waren am Premierentag dagegen nur zwei Personen im Kino. Unbedingte Empfehlung!

Felix Hasebrink am
17. Februar 2026 um 13:43 Uhr

VIDEOGRAMME EINER REVOLUTION (1992) von Harun Farocki und Andrei Ujica. Eine detaillierte Chronologie der rumänischen Revolution im Dezember 1989 in Bukarest, von der letzten Rede Ceausescus am 21.12. bis zu seiner Hinrichtung am 26.12. Fühlt sich anfangs wegen der Erklärungen und Kommentare wie ein Seminar zur Medientheorie an, löst sich dann aber gut in der Dramaturgie des found-footage-Materials auf. Teilweise haarsträubende Szenen. Zwei Merkposten: 1. The revolution has been televised. 2. Die Logik von Platzprotesten verstehen. (Retrospektive)

Onur Erdur am
17. Februar 2026 um 11:30 Uhr

Schon blöd, wenn man eine Firma für Spracherkennungssoftware hat, aber die Tür-Sprechanlage den eigenen Vornamen nicht versteht. Geert und sein Kompagnon Luc haben aber noch ganz andere Probleme: gefälschte Gewinnzahlen und zu hoch bewertete Aktien, und nun ist der ganze Schwindel aufgeflogen. Die Geschichte basiert auf einem realen belgischen Firmenskandal, der mehr mit der Dotcom- als mit der drohenden KI-Blase zu tun hat. Sieht zu Beginn arg nach ARD-Fernsehfilm aus; erst spät, in der Nacht vor der Verhaftung, findet DUST (Wettbewerb) ein paar gute Bilder. Lucs Kuh-Epiphanie im Morgengrauen hat mir gut gefallen.

Felix Hasebrink am
17. Februar 2026 um 11:30 Uhr

Erfolgreicher als DER HEIMATLOSE bedient sich ROSE des Conceits, Licht auf gegenwärtige politische Fragen zu werfen, indem diese in einer fast schon legendenhaft anmutenden Vergangenheit dramatisiert werden. Ohne dass er Crossdressing ALS Crossdressing, oder queer Desire ALS queer Desire, verhandelt, schafft Schleinzer es, nicht zuletzt dank Sandra Hüllers wie gewohnt brillantem Schauspiel und schöner Schwarzweißbilder einer ländlichen protestantischen Gegend im 17. Jahrhundert uns zur Reflexion über die Gegenwart einzuladen – und zwar gerade, weil ROSE die Vergangenheit NICHT ahistorisch unserer Gegenwart ähnlich erscheinen lässt.

Marco Abel am
17. Februar 2026 um 09:35 Uhr

Drückende Hitze über einem Luxus-Golfplatz in Manila. Isabel ist ein neues «Tee Girl». Sie muss stinkreichen Golfern die Bälle vor den Schläger legen. Klassenunterschiede lassen sich hier am Thermometer ablesen. Nur wer wohlhabend ist, hat es kühl. FILIPIÑANA (Perspectives) interessiert sich dafür aber auch formal; selten sah Hitze im Kino so gut aus. Nach Isabels Mittagspause legt leider auch der Film eine dramaturgische Siesta ein. Erst am Ende kommen die vielen Mikrogeschichtchen eines Golftags überraschend bündig zusammen.

Felix Hasebrink am
17. Februar 2026 um 08:57 Uhr

JUSTA von Teresa Villaverde: Hat mich während schlimmster Müdigkeit – auch 7:30 im Ticketlimbo ist noch eine Gängelung! – erwischt, zog entsprechend halbbewusst an mir vorüber. Glaube aber, dass mich die Emotionalität, die der Film bei aller statuarischen Strenge transportieren will, auch fit nicht bekommen hätte: Ein Melodram um Trauer und Schuld – es geht um das Nachleben der verheerenden portugiesischen Waldbrände von 2017 –, das sich formal immer wieder unproduktiv, ja merkwürdig dagegen wehrt, Melodram zu sein. Die gewohnte Kamerabrillanz von Acacio de Almeida liegt auf den Laiengesichtern auf, es bleibt nichts haften. (WdK)

Tilman Schumacher am
17. Februar 2026 um 08:43 Uhr

In der zugeschneiten Einöde von DEAD MOUNTAINEER’S HOTEL (1979) ist ein Mord geschehen. Ein abgeklärter Sowjetkommissar nimmt die Ermittlungen auf. Der Tatort Hotel entpuppt sich als verstrahlte Kommune, von Däniken wird diskutiert, Aliens reiten delirant auf Doppeldeckermotorrädern gen Horizont. Überall gibt es noch eine weitere Ebene, Albträume, Wendungen. Ein bisschen wie ein estnischer Jess-Franco-Film. Bunte Lichter und dahinplätschernde Atmo statt Kohärenz. Auch etwas von Brynychs SCUM-Reißer Die Weibchen (1970) schwingt mit, Wahnsinn in Form gegossen. Unterhaltsamer Sprachklang und hypnotischer Synthiescore auch. (Retro)

Tilman Schumacher am
17. Februar 2026 um 08:42 Uhr

Forest Forensics: Im Hochwald wurde ein junger Mann erschossen. Tatortbegehung, Befragungen, stapelweise Karten und Geländezeichnungen, ermüdende Zoom-Calls während der Hauptverhandlung, im Hintergrund die Kolonialgeschichte Argentiniens. FOREST UP IN THE MOUNTAIN (forum) reiht diese Elemente zunächst etwas klobig aneinander, findet in Mirta Ñancunao aber schließlich eine tolle Erzählerin – und mit Video-Aufnahmen einer Mapuche-Punkband ein echtes kleines Archiv-Juwel.

Felix Hasebrink am
17. Februar 2026 um 00:42 Uhr

P.S.: Dass das Festival mittels Tags kennzeichnen möchte, welche Filme die Zuschauenden erwarten, ist das eine; dass sie im Falle von DAO «Familie ist kompliziert» und «Furchtlose Frauen» lauten, ist das andere.

Anne Küper am
16. Februar 2026 um 21:42 Uhr

Nicht eine Geschwindigkeit, sondern verschiedene Rhythmen hat dieser Film, der sich für Beziehungen interessiert und gleichsam selbst, ganz performativ, Verbindung schafft. Eine Hochzeit in Frankreich, ein Todesfall in Guinea-Bissau, eine «real fake family» kommt bei Gomis zwischen zwei Punkten mit allerhand Schichten von Geschichten zusammen, in denen die Rollen gemeinsam gefunden werden wollen. Das Dokumentarische wird in DAO (Wettbewerb) zur Fangfrage, alles nur auf Zeit, wer geht, wer bleibt, wer oder was kehrt zurück in 185 Minuten und den Bildern von Céline Bozon? Emojikritik: 🛣️⚽️🌞🎥🌀

Anne Küper am
16. Februar 2026 um 21:41 Uhr

Die Unbeschwertheit eines unendlichen Sommers am Strand von WILDWOOD, NJ (Retrospektive). Zu sehen ist viel Teenager-Talk übers Flanieren und Flirten auf der Promenade. Ruth Leitman und Carol Weaks Cassidy haben fast ausschließlich junge Frauen interviewt und sie lang und breit erzählen lassen, was sie über sich selbst und die Welt zu sagen haben. Das ist ihnen umwerfend gut gelungen. Die Doku ist aus guten Gründen in die Reihe «lost in the 90s» aufgenommen worden. 1/2

Onur Erdur am
16. Februar 2026 um 19:01 Uhr

Das damals mutmaßliche Lebensgefühl everything is gonna work out lässt sich mithilfe dieser Szenen im Super-8-Format und des großartigen Soundtracks jedenfalls relativ einfach re-inszenieren. Achtung: Nostalgie-Gefahr. 2/2

Onur Erdur am
16. Februar 2026 um 19:01 Uhr

Mein coup de coeur des Festivals bisher: FORET IVRE von Manon Coubia (Perspektive). Ein, ja, Berghüttenfilm. Drei Frauen, die dort oben, recht fern zivilisatorischer Infrastruktur, als Wirtinnen die Einsamkeit suchen. Eine jung, eine in der Mitte des Lebens, eine auf der Schwelle zum Alter. Eine schläft mit einem Vogelmann, die andere bleibt auch für den Film auf Distanz, die dritte lackiert einem jungen Mann seine Nägel. Vogelgeräusche, Wetter, Wind, es weht Leute herein und wieder hinaus. Erzählfäden reißen ohne Geräusch. Am Ende verwackelter Auftritt eines seltenen Tiers. Urst schön das alles, wenn man mich fragt. (80cp)

Ekkehard Knörer am
16. Februar 2026 um 16:43 Uhr

EVERYTHING ELSE IS NOISE (Forum) von Nicolás Pereda ist ein angenehm leichter Film, der mit leiser Ironie den Zwischentönen und Dissonanzen nachgeht, die die Neue Musikszene Mexikos ausmachen. Mir hat sehr gefallen, wie der Film konsequent bei den drei Frauen bleibt, die durch ihr unprätentiöses Selbstbewusstsein ein feines Netz aus Anekdoten und Analysen aufspannen, an dem die Fragen und Interpretationen der Interviewer einfach abperlen. So entwickelt der Film eine intime Komplizenschaft mit seinen Protagonistinnen, die uns in ihr Lachen über die Selbstverliebtheit und Ignoranz des Erfolgs einbeziehen.

Sarah Sander am
16. Februar 2026 um 15:35 Uhr

Nurith Aviv, die seit den 60ern als Kamerafrau gearbeitet hat, für Agnès Varda, Ruth Beckermann und viele andere, lässt in PRÉNOMS (Forum) gut 20 Freund*innen über ihre Vornamen sprechen: von A wie Agnès bis Z wie Zeynep. Dazwischen iranische, tadschikische, polnische, chinesische, algerische Namen, die Geschichten über Herkunft, Identität, Exil und Migration erzählen. Schön ist der Film auch da, wo es klein und konkret wird: Klang, Bedeutung, Schriftbild - und was jede/r einzelne für sich damit macht.

Elena Meilicke am
16. Februar 2026 um 12:46 Uhr

Der Wirtschaftsthriller, der DUST von Anke Blondé (Wettbewerb) zu Beginn scheint, wird es dann doch eher nicht. Ein belgisches Spracherkennungssoftware-Startup ist rasend erfolgreich, nur leider sind die Bilanzen gefälscht. Von dieser Plot-Totalen setzt sich der Film dann auf eine viel schmalere Spur. Es geht um die zwei sehr mittelprächtigen Männer, Geert und Luc, die die Firma in der Öffentlichkeit präsentierten und nun unter den Betrügern die Gelackmeierten sind. Nicht ohne dunklen Witz, nicht ohne Stil, nicht ohne Liebe zu den mediokren Figuren ist DUST vor allem nicht ohne. Aber dann doch mit zu wenig mit. (63cp)

Ekkehard Knörer am
16. Februar 2026 um 11:43 Uhr

WILDWOOD, NJ (Retrospektive): Gorgeous, das ganze, in so many ways: Voller Lebenslust und Energie, die Beauties auf dem Boardwalk, die über Jungs, Entjungferung, Abtreibungen und Faustkämpfe Auskunft geben, aber auch (bescheidene) Zukunftsträume; der Film hört ihnen zu, nie von oben herab. Zwillinge sind ein wiederkehrendes Motiv (echte oder Best Friends Forever, die fast wie solche aussehen), das erinnert ein bisschen an Diane Arbus – wie auch der unverstellte und doch irgendwie zärtliche Blick auf Beauty Styles, die manchmal ins Groteske zu verrutschen drohen.

Elena Meilicke am
16. Februar 2026 um 11:42 Uhr

ROSE (Wettbewerb) gefiel mir (sehr), knapp und lakonisch erzählt, drei Einstellungen genügen für den 30jährigen Krieg. Am Ende gönnt der Film seiner Heldin (Hüller), die als «Mannsbild», ausgestattet mit «Horn» und «Dorn», die Gesetze Gottes und der Menschen gebrochen hat, immerhin ein Stück innerer Freiheit.

Elena Meilicke am
16. Februar 2026 um 11:41 Uhr

Leider ziemlich abgedroschen: AT THE SEA (Wettbewerb) zeigt Amy Adams als alkoholkranke Tänzerin/Mutter in gepflegtem Cape-Cod-Ambiente, mit regelmäßigen Flashbacks in eine traumatische Kindheit. Mit ihren eigenen hat sie’s auch nicht leicht: Als Mutter und Tochter ihrer komplizierten Beziehung schließlich tänzerisch Ausdruck verleihen, hatte ich mich innerlich längst vom Film verabschiedet.

Elena Meilicke am
16. Februar 2026 um 11:40 Uhr

Faraz Shariats STAATSSCHUTZ ist ein packender Thriller, der in bester Alan-Pakula-Manier als hochfokussiertes Paranoia-Drama basierend auf einem schlüssigen Drehbuch und mithilfe eines exzellenten, diversen Casts inszeniert ist. Das Zoo-Palast-Premierenpublikum fieberte gebannt mit einer jungen queeren, postmigrantischen und Knight-Rider-Muscle-Karre fahrenden Staatsanwältin mit Knarre, die nicht nur der angeblich «objektivsten Behörde der Welt» – die deutsche Staatsanwaltschaft – die Stirn bietet, sondern auch das Zeug dazu hat, den vielen faschistoiden Dirty Harry-Kinofiguren ALS Kinofigur von links Paroli zu bieten. Ein Highlight

Marco Abel am
16. Februar 2026 um 11:14 Uhr

WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT (Forum): Der Film beginnt mit einer Achterbahnfahrt auf Mini-DV, die uns instantan in eine vergangene Gegenwart versetzt, bevor er langsam die Umstände des versuchten Femizids aufdeckt, den die Filmemacherin vor 14 Jahren überlebt hat. Mit viel Ruhe und formaler Finesse geht Daniela Magnani Hüller ihren Erinnerungen an die Tat nach und befragt Menschen aus den Institutionen, die mit ihrem Fall zusammenhingen (ihre Schule, die Polizei, das Gericht). So entfaltet sich ein Film, der mir unter die Haut geht, indem er zeigt, wie lang sich die Tat angekündigt hat – und wie lang sie fortwirkt.

Sarah Sander am
16. Februar 2026 um 11:07 Uhr

Being true oder being a sell-out, die alte Grundspannung des Pop, schon in der einen oder anderen Musik-Mockumentary durchexerziert. Positiv bei Charli xcx: Der Konflikt wird über Geschlechterverhältnisse erzählt: wessen Ideen setzen sich durch, wer wird ausgebootet? Der hemdsärmelige Manager ist mal nicht der Böse. Und am Ende keine plumpe Affirmation von irgendetwas «Authentischem», das sich gegen das Coldplay-Konzept von Show-Regisseur Johannes (Leuchtarmbändchen!) behaupten könnte. (THE MOMENT, panorama)

Felix Hasebrink am
16. Februar 2026 um 11:07 Uhr

Regisseur Abdallah Alkhatib, palästinensischer Syrer, der Soziologie in Damaskus studiert hat, dankt der Lehrerin seines Integrationskurses, die anwesend ist. Er macht sich lustig über Wim Wenders. Die Kuffiyadichte im Publikum ist hoch. Der Film hält einerseits, was sein Titel, CHRONICLES OF THE SIEGE, verspricht: Er spielt in einer attackierten, immer weiter zerstörten Region. Es ist nicht ausdrücklich Gaza. Menschen irren herum, sterben, vier Stories, aber alles andere als eintönig finster. Zwischen blow up und blow job ist irre viel los. Am Ende quasi The Pitt auf Kriegs-Steroid. Und die Zeit? Die ist aus den Fugen. (73cp)

Ekkehard Knörer am
16. Februar 2026 um 10:07 Uhr

Man kann viel Gutes über ROSE (Wettbewerb) sagen: das reizvolle Voiceover zwischen Chronik und herber Poesie; Sandra Hüller, die ihre Hosenrolle als Freiheitsmodell mit kluger Zurückhaltung anlegt; die Schwarz-Weiß-Kompositionen mit rennenden Schafen und ohne; die tonlosen Stimmen fern aller Kraftkerlklischees. Und doch: Der Film ist so kühl konstruiert, dass zwar Schnee und Wind durch die Ritzen dringen, aber der kühne Eigensinn seiner Titelfigur bleibt bloßer Text auf fast zu edlem Papier. (63cp)

Ekkehard Knörer am
16. Februar 2026 um 09:45 Uhr

Endlich ein deutscher Film, in dem Menschen «richtig» arbeiten – und zwar nicht «irgendwas mit Medien». Hauptsächlich mit Laien», die ihren Lebensunterhalt mit Reinigungsjobs betreiben, macht ICH VERSTEHE IHREN UNMUT den Druck, den Arbeiter in extremen Ausbeutungsverhältnissen aushalten müssen, in einer Kombination aus dokumentarischem Gestus und fiktionaler Zuspitzung spürbar. Wie Heike von den ersten Sekunden an ihre Mitarbeiter anbellt, während sie als Objektleiterin auch mit zweifelhaften Mitteln versucht, ihre Kolleg:innen – aber auch sich selbst – mit ihrer «Hart aber Herzlich» Haltung über Wasser zu halten, ist beeindruckend.

Marco Abel am
16. Februar 2026 um 09:32 Uhr

Von schräg hinten über sich auf andere schauen lassen, die mit Verwunderung immer wieder konstatieren, dass die Filmemacherin so «gefasst» gewirkt hätte angesichts dessen, was ihr passiert sei. Gefasst ist auch dieser beeindruckende Film, bis kurz vor Schluss, er erkundet, erfragt, rekonstruiert einen von vielen Fällen von gegen Frauen gerichteter Gewalt, und verhindert dabei, dass im Gesicht, am Körper nach Spuren gesucht wird. 1/2

Jan Künemund am
16. Februar 2026 um 08:38 Uhr

Auch die Heilung wird filmisch rekonstruiert, Kontrastmittel Brasilien, in Songs und der Lichtempfindlichkeit von Super-8-Film, flimmernde Texturen, die sich aus der Betroffenheit lösen. Dann gibt es wieder einen Kontrollversuch des Täters, und wieder wird filmisch darauf reagiert. Gefasst ist das dann nicht mehr. Getaggt mit «Furchtlose Frauen» in der Berlinale-Kommunikation, was nicht falsch ist, aber trotzdem nicht geht: WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT. 2/2

Jan Künemund am
16. Februar 2026 um 08:38 Uhr

Väter und Söhne, Mütter und Töchter, coming of age und coming to an end, zwischen Verlusten und Gewinnen spannt sich WE ARE ALL STRANGERS (Wettbewerb) in all seiner Melancholie auf. Dass Henrike Naumann gestorben ist, erfahre ich, als ich während des Abspanns auf mein Handy schaue. Cat Stevens singt, ein Herz bricht: «I know / I have to go».

Anne Küper am
15. Februar 2026 um 23:43 Uhr

Ein Film über Covid-19? Nein, Dara van Dusen macht aus einem Diphterie-Ausbruch doch lieber einen Hiob-Western. Schade eigentlich. Johnny Flynn als leidgeprüfter Dorf-Sheriff rackert sich ab, kann aber die zähe, lavarote Endzeit-Sauce nicht aufhalten. Civil-War-PTSD, eine Sekte, dahinsiechende Kranke, dann auch noch ein Waldbrand, das ist einfach alles viel zu viel. Die nervig-manieristische Kamera, die quälend langsam auf exakt das schwenkt, was man sowieso schon im Off vermutet hat, tut ihr Übriges. (A PRAYER FOR THE DYING, Perspectives)

Felix Hasebrink am
15. Februar 2026 um 23:41 Uhr

In Volker Koepps CHRONOS an Kracauers Geschichtsbuch gedacht (und dann nachgeschlagen), an die «Antinomie im Innersten der Zeit», der «unentwirrbaren Dialektik […], die zwischen dem Fließen der Zeit und den zeitlichen Abfolgen herrscht». Eindrucksvoll: die klugen, widerständigen Frauen aus der Ukraine, Belarus, Moldau. Und auch: Koepps Emphatie und Zugewandtheit. Harte Landung aus dem doch immer leicht elegisch grundierten Archiv in der Gegenwart russisch-imperialer Aggression. (Forum)

Simon Rothöhler am
15. Februar 2026 um 20:36 Uhr

Ich war bei PARTY GIRL (Retrospektive) ja sehr skeptisch: Parker Posey als Fashion-Girl in einer Art New Yorker Screwball Comedy von 1995 mit allerlei quatschigen Dialogen in Undergroundclubs, der Public Library und am Falafel-Stand – ist das nicht etwas zu gewollt für eine 90er-Retrospektive? Und dann wurde es ein sehr lustiger Filmabend. Was hat das Publikum gelacht! An diesem Film von Daisy von Scherler Mayer und Harry Birckmayer ist eigentlich gar nichts «lost in the 90s». Das Einzige, was vielleicht in der Zwischenzeit verloren gegangen ist, ist der Humor, der in diesem Film zelebriert wird. Unbedingt ansehen!

Onur Erdur am
15. Februar 2026 um 17:28 Uhr

Am Ende redet man immer über sich selbst, denkt Ruth Beckermann. Wo sie recht hat, hat sie recht. Wo sie nicht recht hat, lässt sie sich wenigstens den Unterschied von Rassismus und Vorurteilen erklären. Das salbungsvolle Voiceover funktioniert nach dem Schema: «XY» sagen, um im nächsten Satz «Apropos XY» sagen zu können. Situiertes (Halb-)Wissen, viel WAX & wenig GOLD (Special).

Leonard Krähmer am
15. Februar 2026 um 17:26 Uhr

Filme & Serien über gelangweilte Rich Kids gab’s in letzter Zeit wirklich schon recht häufig. Nun also das Ganze nochmal in Spanien. Callum Turners Christian-Kracht-Figur interessiert sich – mit Ausnahme von Designer-Mode und seiner eigenen Stimme – für absolut gar nichts, darf das aber im Voice-over sehr oft sagen. Ein Glück, dass sein Ferien-Flirt George schon zu Beginn des Films abreist, sonst würden sie glatt einen Podcast zusammen machen. Trigger-Warnung: Zahnpasta (ROSEBUD PRUNING, Wettbewerb)

Felix Hasebrink am
15. Februar 2026 um 16:14 Uhr

UN HIJO PROPIO (Berlinale Special Presentation) erzählt von Alejandra, die eine Schwangerschaft vortäuscht und es zustande bringt, monatelang ihre gesamte mexikanische Familie damit zu belügen. Eigentlich war ich gespannt zu sehen, wie diese reale Geschichte von der Regisseurin Malte Alberdi dokumentarisch eingefangen wird. Dann die maßlose Enttäuschung: Die ersten 60 Minuten erlebt man kitschig nachgespielte Szenen im Stil einer Netflix-Telenovela (es ist tatsächlich eine Netflix-Produktion). Grausam. Dass am Ende noch versucht wird, irgendwie die «dokumentarische Form» zu wahren, rettet die Sache nicht mehr.

Onur Erdur am
15. Februar 2026 um 16:04 Uhr

Habe die 00er & 10er Jahre Deutschlands nur aus der (physischen u. emotionalen) Distanz erlebt, war deshalb gespannt auf Anna Rollers Verfilmung von ALLEGRO PASTELL. Weil Generationenportrait und so. Vielleicht fand ich ihn deshalb so schlecht, weil ich keinen Bezug zu deutschen Millennials habe. So that’s on me. Aber der Film hat null Rhythmus und erinnert mich unangenehm an die vielen Berlin-Filmen der 90er & 00erjahre, in denen brave Filmästhetik und steifes Acting cooles Hipstertum zu bebildern versuchen, aber doch nur eine hilflose deutsche Idee von einem besseren Leben im verkrampften Falschem bezeugen. 1/2

Marco Abel am
15. Februar 2026 um 14:34 Uhr

PS: Und m. E. sollte man es deutschen Filmen verbieten, lahme, sich immer unangenehm ähnelnde Tanzszenen in irgendwelchen Berliner Technoclubs zu inszenieren, die das «pralle Leben» spürbar machen sollen. Da sie aber jeden dokumentarischen Impetus vermissen lassen, können sie gar nicht anders als extrem lame zu wirken.

Marco Abel am
15. Februar 2026 um 14:32 Uhr

Viel mit Wald auf dieser Berlinale, so auch EL JARDÍN QUE SOÑAMOS (Panorama): Extraktivismus-Drama über Holzraubbau in Mexiko; man braucht eine gute Viertelstunde, um zu kapieren, was überhaupt los ist. Das ist aber nicht unbedingt schlecht. Später dafür recht dick aufgetragen: mütterliche Verzweiflung, Tiersymbolik, Tod und Auferstehung. Wie Regisseur Joaquín del Paso das Fällen eines uralten Baumes als One Take filmt, ist aber schon sehr gut. Anmerkung aus dem Abspann: ja, für den Film durfte offiziell gerodet werden.

Felix Hasebrink am
15. Februar 2026 um 14:10 Uhr

Der Titel FOREST UP IN THE MOUNTAIN (Forum) verspricht nicht zu viel: Bäume galore. Als Tatortbegehung, dräuend verlangsamt schwankend im Wind. Idyllisch mit Sonne. Es gibt Karten, und noch mehr Karten, endlose Bilder eines Zoom-Prozesses, bei dem der Ton lange nicht funktioniert. Eigentlich geht es um einen Mord an einem Angehörigen der Mapuche, aber der Film brezelt sich darum herum so sinnlos künstlerisch auf, dass es, als endlich eine Aktivistin – auch Punk-Fan – mal ein paar Sachen erklärt, schon fast zu spät ist. Hier kommen «dokumentarisch» und «Form» wirklich ganz ungut zusammen (bzw. viel eher nicht).

Ekkehard Knörer am
15. Februar 2026 um 09:36 Uhr

Nous sommes les fruits de la forêt von Rithy Panh (Forum) Ein weiterer Film über ein verschwindendes Volk? Ja. Aber auch eine Anklage. Wir können bequem im Kino zuschauen, wie Panh seinem Protagnisten Pa Kreb im Hochland Kambodschas beim Bewirtschaften der Wälder folgt, der der Landnahme von Konzernen ausgeliefert ist, genauso wie seine Ernte den Marktmechanismen. Was ist der Markt, fragt Pa Kreb im Off? Das sollten wir uns auch fragen. Und vor allem wozu?

Monika Dommann am
15. Februar 2026 um 08:24 Uhr

Frauen in Berlin von Chetna Vora. (Forum Special). Sichere Dein Archiv selbst, muss die Devise jede:r Historiker:in sein, die mit delikaten Quellen arbeitet. Vora liess den Rohschnitt des Abschlussfilmes durch eine VHS-Kamera abfilmen (Missbrauch von Volksbühnengerät), um ihn in Sicherheit zu bringen. Zu sehen ist nun eine digital restaurierte Fassung dieser Perle des dokumentarischen Films. 1/2

Monika Dommann am
15. Februar 2026 um 08:23 Uhr

Da reden Frauen ohne jeglichen Psychologisierungsgestus über Heiraten, Kinderaufziehen, Arbeiten und vor allem: Scheiden. Bewundernswert, wie Vora, die mit einem Studentinnenstipendium aus Gujarat in die DDR gekommen war, die Berlinerinnen zum Reden brachte. Grosse Empfehlung! 2/2

Monika Dommann am
15. Februar 2026 um 08:23 Uhr

Eigentlich war Rithy Panh erinnerungspolitisch schon mal ganz woanders (nicht nur in S-21). Nun werden also Archivbilder unreferenziert via Splitscreens eingestreut, wird Gewaltvergangenheit eher anekdotisch illustriert, wird überhaupt munter drauflos gefilmt als hätte es nie eine kritische Reflexion ethnografischer Filmpraxis gegeben. Dazu ein Soundtrack aus der Dose und konfektionierte Drohnenflugbilder, die es in der Form auch nicht gebraucht hätte. Der Verlust indigener Welterzeugung lässt sich so kaum erfassen, beschreiben, vermitteln. (Rithy Panh: NOUS SOMMES LES FRUITS DE LA FÔRET | Forum)

Simon Rothöhler am
15. Februar 2026 um 08:00 Uhr

EFFONDREMENT (forum): Anat Even bewegt sich mit ihrem iPhone an der Grenze des Gazastreifens entlang. Im Vordergrund pflügt ein Traktor, auf die Städte am Horizont fallen Bomben. Distanz ermöglicht Relationierung: unermessliche Zerstörung auf der einen, aber eben auch der verwüstete Kibbuz auf der anderen Seite des Zauns. Dort hängt neben Einschusslöchern noch ein altes Poster, das zu Demos gegen koloniale Besatzung aufruft. Im Voice-Over ringen Anat und ihr Freund Ariel im fernen Paris um Worte und Bilder inmitten des Entsetzlichen. Formal konsequent, auch wegen des klugen Tonschnitts.

Felix Hasebrink am
15. Februar 2026 um 00:05 Uhr

Ach, da wohnen sie also! Yulia Lokshina hat Impfgegner, Verschwörungsheinis, Pseudo-Doktoren und andere rechte System-Rebellen im paraguayanischen Caazapá aufgespürt. Das illustre Kuriositätenkabinett bekommt für die eigenen Spinnereien ziemlich viel Raum. Das Filmteam traut sich dagegen nicht so recht hinter der Kamera hervor. Viel Material, viele Andeutungen, dafür (zu) viele offene Fragen. (IM UMKREIS DES PARADIESES, Panorama)

Felix Hasebrink am
14. Februar 2026 um 17:34 Uhr

Allegro was? In welcher Welt soll die hier nun filmisch adaptiert erzählte denn bitte (noch) von Interesse sein? (frage für einen Freund, der anhängige Litwissbubbledebatten immer nur rudimentär mitbekommt). Und nein, danke für den Tip in Sachen Kontextualisierung & Historisierung, auch das jüngste Großwerk von Kollege Martus (dort alles allegro paletti: cute & nice & großes Erstaunen über den möglicherweise doch falsch versöhnten Anti-Goetz – 528ff.) hilft hier auch nicht so wirklich weiter (aber vielleicht, it’s not you, it’s me, ist die Vorlage da vergleichsweise erträglicher). (Anna Roller: ALLEGRO PASTELL | Panorama)

Simon Rothöhler am
14. Februar 2026 um 17:32 Uhr

Am Hanseatenweg wird dem Analogen gefrönt: DOGGERLAND (Forum). Protagonist Alf, Spitzname Affe(?), ist ein diabolisch guter Diabolo-Spieler, lebt bei Muttern und slackt sich durch Norrköping. Der Ton macht bei der einzigen 35mm-Projektion außerhalb der Retroreihen für die ersten zwanzig Minuten leider Probleme, wobei sich das abgedämpft Verhuschte erstaunlich gut mit den Independent-Tendenzen verträgt. 1/2

Leonard Krähmer am
14. Februar 2026 um 16:12 Uhr

Immerhin der Bass brummt, die Vibrationen sind gut und auch der Vibe ist nicht schlecht. Zum Glück ist der Ton bald auch in den Höhen zurück, den Soundtrack gibts auf Kassette, das Knäckebrot knuspert angenehm, sogar in schwarz-weiß. (schöne Spitze gegen Wenders im Q&A) 2/2

Leonard Krähmer am
14. Februar 2026 um 16:10 Uhr

Joy Castro nach der Premiere von Juan Pablo Sallatos HANGAR ROJO, auf dem Weg zum verfrühten Valentinstagdinner: «That’s cinema to me.» Ich: «Word!». Verstehe überhaupt nicht, wie dieser Film über den Pinochet-Militärputsch – ein auf realen Begebenheiten basierender kompakter, schnörkellos erzählter, dem Filmtitel zum Trotz in wunderbarem Schwarzweiß gedrehter und vielleicht nur einen Tick zu spät endender Thriller, in dem Diego Pequeños Kamera immer sehr nahe an Captain Jorge Silvas Wahrnehmung der zunehmend komplexeren Situation dranbleibt – es nicht in den Wettbewerb geschafft hat. Für ein «politisches» Festival fast ein Skandal.

Marco Abel am
14. Februar 2026 um 15:42 Uhr

Rosenkriege sind das nicht, die ganze aufgestaute Libido bleibt ja in einer Familie (und kommt aus der Tube). Gestutzt wird dennoch, zu Pferd, per Wolfsrudel oder auch mal durch Jürgen-Klopp-Veneers. Nice Körper in nicen Fummeln in noch niceren Immobilien, rich fucks bis in die Credit-Sequenz hinein. Jede Einstellung gekonnt, jeder Sound wummst, very enjoyable. Beginnt mit Fashionreferenzbingo und lädt auch sonst dazu ein: Als wären sich SUCCESSION und TEOREMA auf einem poshen Heliport begegnet, dann aber doch lieber, weil zero fucks given, per Anhalter weitergefahren. (Karim Aïnouz: ROSEBUSH PRUNING | Wettbewerb)

Simon Rothöhler am
14. Februar 2026 um 15:02 Uhr

Rosebush Pruning: The Demented Tenenbaums – oversexed and underfucked. Harter White Lotus-Vibe vor der spanischen Küste, feingetuned auf die sensorischen Primärreize. Vier wohlstandsverwahrloste Trustfundkids im Designfummel langweilen sich, zu unserem Vergnügen, in einer mediterranen Prachtvilla zu Tode. Pamela Anderson darf noch einmal in einer pubertätsverkrusteten Baywatch-Zeitlupe in den Pool tauchen. Und wer den Namen der belgischen Designerin Demeulemeester nicht kennt, muss Papa (Tracy Letts als blinder Familienpatriarch, der den male gaze expressis verbis performen lässt) vor dem Einschlafen zur Strafe «die Zähne» bürsten.

Andreas Busche am
14. Februar 2026 um 14:53 Uhr

Ein Paar bezieht eine Bruchbude in Waldnähe. Da können die Renovierungsarbeiten noch so umfangreich sein, das Haus mit all seinen Geschichten will einfach nicht zum Glücksfall für die heteronormative Kleinfamilie werden. Zu Beginn starke DIE MY LOVE-Vibes, im Gegensatz zu Lynne Ramsay macht Hanna Bergholm in NIGHTBORN (Wettbewerb) aber tatsächlich das Kind zum Problem: 1/2

Anne Küper am
14. Februar 2026 um 14:22 Uhr

Nachtaktiv und lichtempfindlich ist das behaarte Baby von Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint), das lieber Kuhblut statt Muttermilch schlürft. Alberner finnischer Folklore-Body-Horror, in der Nebenrolle überzeugt ein Saugroboter. Emojikritik: 🏡🥄🕳️ 🍃👋 2/2

Anne Küper am
14. Februar 2026 um 14:22 Uhr

Vieles an MOUSE (Panorama) ist charmant, unter anderem das Arkansas-Setting; der schmissigste Kalauer des Films ist aber, im Gewand des Highschool-One-Liners, geografisch woanders situiert: «Denial isn’t just a river in Egypt!»

Leonard Krähmer am
14. Februar 2026 um 10:23 Uhr

Ghost in the Cell (Forum) Ich hatte grosse Freude an diesem Splatter-Bettmümpfeli. Das Gefängnis bietet wie schon oft in der Filmgeschichte ein perfektes Setting für einen Genremix, der mit Sozialkritik angereichert ist. Martial Arts geht in Choreos über. Angst in Hoffnung. Korrupte, hassende Männer landen als Kunstwerk an der Decke. Ich habe nun die Anwar-Factory auf dem Schirm!

Monika Dommann am
14. Februar 2026 um 08:59 Uhr

The End of an Error: Alexander Skarsgård hätte gerne eine jugendfreie Show mit Feuerzeugscherzprops für die ganze Familie (& für Amazon), hat die Rechnung aber ohne die unglücklich gelaufene Sache mit den giftgrünen (eigentlich puke-green) Kreditkarten gemacht. Sehr müde & sehr genervt von alledem & dem eigenen (teils in die eigene Starbio rückprojizierten) Konzept-Sell-out: Charli xcx, die doch nur ein ganz normales facial ohne holistische Heilversprechen wollte (und sich stattdessen mockumentarischen Rat von Kylie Jenner und einen Film aus dem Hause A24 eingehandelt hat). (Aidan Zamiri: THE MOMENT | Panorama)

Simon Rothöhler am
14. Februar 2026 um 08:15 Uhr

Interessant, wie Anders Danielsen Lie als Bill Evans seine Rollen in Joachim-Trier-Filmen weiterspielt, einen Menschen im Prozess des selbstersehnten Verschwindens, der dabei zum schwarzen Loch für sein Umfeld wird. Ein schöner kleiner Film ohne große Gesten, fast ambitionslos im Storytelling und Reenactment, über Trauer und Fremdheit, auch ein bisschen indie-altmodisch. In der Familie von Bill Evans wird Cold Turkey serviert, und alle sind trauriger als der Junkie. Ich hatte wirklich gar nichts erwartet und wurde schön kalt erwischt. EVERYBODY DIGS BILL EVANS.

Jan Künemund am
14. Februar 2026 um 07:45 Uhr

Erster Film nach verkorkster DB-Anreise: GHOST IN THE CELL (forum). Joko Anwar kalauert sich durch einen indonesischen Knast. Deftige Kost, ähnlich subtil angerichtet wie die Lunch-Pampe an der Essensausgabe. Knüppelnde Wärter, Männer in Stockbetten, Rundgang auf dem Hof, Gesichter gegen Gitterstäbe, und ja, natürlich muss dem schwächlichen Neuen die Seife in der Dusche runterfallen. Bei Anwar sind das alles Gags, anfangs sogar ganz witzig, aber irgendwann sind die Pointen auserzählt, und die Szene läuft trotzdem noch fünf Minuten weiter 1/2

Felix Hasebrink am
14. Februar 2026 um 01:08 Uhr

Zum Glück gibt’s den Geist aus dem Filmtitel, der sich aus THE SILENCE OF THE LAMBS abgeschaut hat, wie man tote Körper zerlegt und ansprechend im Raum dekoriert. Bester Moment in all dem Tohuwa-Buhu: die hektisch rekadrierende Kamera im Gemeinschaftsbad. 2/2

Felix Hasebrink am
14. Februar 2026 um 01:08 Uhr

Die deutsch-türkische BERLIN-ANKARA-HAMBURG-ISTANBUL-(Er)-Setzung in Ilker Çataks GELBE BRIEFE ist ein verblüffend überzeugender Move. Und eine gute Weile ging ich das well made Polit- und Problemstück im liberalen Theatermilieu durchaus noch mit. Es wird aber zusehends beflissen ausgezirkelt und brav ausbuchstabiert. Darsteller*innen super, große Freude Jelinek-Oma, aber wenn ich daran denke, dass der um einiges kühnere KEIN TIER. SO WILD im letzten Jahr im Wettbewerb keinen Platz fand, braucht sich das Wohlwollen am Ende doch etwas auf. (65cp)

Ekkehard Knörer am
13. Februar 2026 um 21:34 Uhr

Spektakulär reizlos die anatolische Breitleinwandlandschaft. Still aber ruht der See, tief in die Vergangenheit reicht er. Es ist sehr schön, wie in HEAR THE YELLOW mit alter Katze (erst scharf, dann weg) und geknuddelten Büffeln viel Liebe zum Tier auf ein vertrocknendes Dorf trifft. Markant ist die Welt, in die die menopausale Heldin auf Flügeln von Gesang und Mietwagen zurückkehrt: Widerwillig kommt sie, und bleibt, bis einer stirbt. Das Verstockt-Elegische als Grundton hat einnehmende Wucht, der Krimi- bzw. Tragödienplot, der nach und nach doch herauswill, ist der Wiederkehr des Verdrängten vielleicht etwas zu viel. (74cp)

Ekkehard Knörer am
13. Februar 2026 um 21:21 Uhr

Indem Ilker Çatak in GELBE BRIEFE – einem Ehe- und Familiendrama, das scheinbar «nur» von den Problemen eines liberalen intellektuellen und artistischen Milieus unter Erdoğans autoritärem Regime handelt – Ankara nach Berlin und Istanbul nach Hamburg «verlegt», unterminiert er mit klug eingesetzten Brecht’schen Mitteln den in Deutschland weiterhin weitverbreitenden exotisierenden wie auch moralisierenden Gestus, der das Schlechte und Böse immer im Anderen und anderswo lokalisiert und die eigene deutsche Subjektposition nur zu gern unhinterfragt als das aufgeklärte Gute, und deshalb de facto Überlegene, behauptet.

Marco Abel am
13. Februar 2026 um 21:05 Uhr

Kai Stänickes DER HEIMATLOSE greift (aus ökonomischen Gründen) in die von Trier’sche Trickkiste, um ein von spezifischer Zeit und Raum losgelöstes queeres Drama zu erzählen, in dem es weniger ums Coming Out als ums Coming-to-Terms (die private Akzeptanz, dass, was man «ist», immer einem performativen, notwendigerweise kommunalen Prozess zugrunde liegt) geht. Die ahistorische Grundkonstellation nimmt dem Film allerdings analytische Schärfe, so dass er seine Provokation - Wahrheit und authentische Essenz einer Identität sind «nur» Effekte eines Prozesses von Simulation - zugunsten einer universalisierenden Geste unterwandert.

Marco Abel am
13. Februar 2026 um 21:02 Uhr

Young Americans anno 1994, Super-8-DIY-Analognostalgie. Das gefühlte Ende der Geschichte ist noch nah, Jersey Shore kein klassistisches Reality TV-Trashformat. Ein feministisch-ethnografisches Dokumentarfilmprojekt, das bis zur Geisterbahn bereitwilligst ausgebreitete Selbsterzählungen einsammelt; nun ein Zeitgeistspeicher voller Geschlechter- und Klassengeschichten – lohnt der Wiederentdeckung (sehr). (Ruth Leitman & Carol Weaks Cassidy: WILDWOOD, NY | Retro)

Simon Rothöhler am
13. Februar 2026 um 14:07 Uhr

Recht eigenwilliger Supermarktsozialhorrorfilm, die Zombifizierung ergibt sich aus dem (familialen) Angestelltenverhältnis. Nicht besser ergeht es der importierten französischen Bistronomie (nach kurzer Konjunktur). Dass der doch erheblich gewaltförmige Ausbruch aus Apathie = Entfremdung dann im Missbrauch von Fritteusegerät kulminiert: hat der Spätkapitalismus nun davon. (Yusuke Iwasaki: ANYMART | Forum)

Simon Rothöhler am
13. Februar 2026 um 13:04 Uhr

In Ilker Çataks GELBE BRIEFE figuriert in bewusster Setzung Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul. In Shahrbanoo Sadats Eröffnungsfilm NO GOOD MEN treten Ostberliner Hinterhöfe inkognito als Kabul auf. Vor Ort zu drehen, wurde mit Sadats Flucht 2021 unmöglich, Archivmaterial zeigt ein Land, das es nach dem Sieg der Taliban so nicht mehr gibt. Ohnehin ist das Tolle an Sadats Film, wie er die Wendung von der geplanten RomCom (die der Film weiter ist) zur nationalen Katastrophe als Einbruch eines anders Realen inkorporiert. Ohne die Prä-Taliban-Zeit mit ihrem erstickenden Patriarchat zu verklären. Kluge Wahl für den Beginn. (70cp)

Ekkehard Knörer am
13. Februar 2026 um 12:10 Uhr