13. Februar 2026
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Ekkehard Knörer amDie deutsch-türkische BERLIN-ANKARA-HAMBURG-ISTANBUL-(Er)-Setzung in Ilker Çataks GELBE BRIEFE ist ein verblüffend überzeugender Move. Und eine gute Weile ging ich das well made Polit- und Problemstück im liberalen Theatermilieu durchaus noch mit. Es wird aber zusehends beflissen ausgezirkelt und brav ausbuchstabiert. Darsteller*innen super, große Freude Jelinek-Oma, aber wenn ich daran denke, dass der um einiges kühnere KEIN TIER. SO WILD im letzten Jahr im Wettbewerb keinen Platz fand, braucht sich das Wohlwollen am Ende doch etwas auf. (65cp)
13. Februar 2026 um 21:34 Uhr
Ekkehard Knörer amSpektakulär reizlos die anatolische Breitleinwandlandschaft. Still aber ruht der See, tief in die Vergangenheit reicht er. Es ist sehr schön, wie in HEAR THE YELLOW mit alter Katze (erst scharf, dann weg) und geknuddelten Büffeln viel Liebe zum Tier auf ein vertrocknendes Dorf trifft. Markant ist die Welt, in die die menopausale Heldin auf Flügeln von Gesang und Mietwagen zurückkehrt: Widerwillig kommt sie, und bleibt, bis einer stirbt. Das Verstockt-Elegische als Grundton hat einnehmende Wucht, der Krimi- bzw. Tragödienplot, der nach und nach doch herauswill, ist der Wiederkehr des Verdrängten vielleicht etwas zu viel. (74cp)
13. Februar 2026 um 21:21 Uhr
Marco Abel amIndem Ilker Çatak in GELBE BRIEFE – einem Ehe- und Familiendrama, das scheinbar «nur» von den Problemen eines liberalen intellektuellen und artistischen Milieus unter Erdoğans autoritärem Regime handelt – Ankara nach Berlin und Istanbul nach Hamburg «verlegt», unterminiert er mit klug eingesetzten Brecht’schen Mitteln den in Deutschland weiterhin weitverbreitenden exotisierenden wie auch moralisierenden Gestus, der das Schlechte und Böse immer im Anderen und anderswo lokalisiert und die eigene deutsche Subjektposition nur zu gern unhinterfragt als das aufgeklärte Gute, und deshalb de facto Überlegene, behauptet.
13. Februar 2026 um 21:05 Uhr
Marco Abel amKai Stänickes DER HEIMATLOSE greift (aus ökonomischen Gründen) in die von Trier’sche Trickkiste, um ein von spezifischer Zeit und Raum losgelöstes queeres Drama zu erzählen, in dem es weniger ums Coming Out als ums Coming-to-Terms (die private Akzeptanz, dass, was man „ist“, immer einem performativen, notwendigerweise kommunalen Prozess zugrunde liegt) geht. Die ahistorische Grundkonstellation nimmt dem Film allerdings analytische Schärfe, so dass er seine Provokation - Wahrheit und authentische Essenz einer Identität sind „nur“ Effekte eines Prozesses von Simulation - zugunsten einer universalisierenden Geste unterwandert.
13. Februar 2026 um 21:02 Uhr
Simon Rothöhler amYoung Americans anno 1994, Super-8-DIY-Analognostalgie. Das gefühlte Ende der Geschichte ist noch nah, Jersey Shore kein klassistisches Reality TV-Trashformat. Ein feministisch-ethnografisches Dokumentarfilmprojekt, das bis zur Geisterbahn bereitwilligst ausgebreitete Selbsterzählungen einsammelt; nun ein Zeitgeistspeicher voller Geschlechter- und Klassengeschichten – lohnt der Wiederentdeckung (sehr). (Ruth Leitman & Carol Weaks Cassidy: WILDWOOD, NY | Retro)
13. Februar 2026 um 14:07 Uhr
Simon Rothöhler amRecht eigenwilliger Supermarktsozialhorrorfilm, die Zombifizierung ergibt sich aus dem (familialen) Angestelltenverhältnis. Nicht besser ergeht es der importierten französischen Bistronomie (nach kurzer Konjunktur). Dass der doch erheblich gewaltförmige Ausbruch aus Apathie = Entfremdung dann im Missbrauch von Fritteusegerät kulminiert: hat der Spätkapitalismus nun davon. (Yusuke Iwasaki: ANYMART | Forum)
13. Februar 2026 um 13:04 Uhr
Ekkehard Knörer amIn Ilker Çataks GELBE BRIEFE figuriert in bewusster Setzung Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul. In Shahrbanoo Sadats Eröffnungsfilm NO GOOD MEN treten Ostberliner Hinterhöfe inkognito als Kabul auf. Vor Ort zu drehen, wurde mit Sadats Flucht 2021 unmöglich, Archivmaterial zeigt ein Land, das es nach dem Sieg der Taliban so nicht mehr gibt. Ohnehin ist das Tolle an Sadats Film, wie er die Wendung von der geplanten RomCom (die der Film weiter ist) zur nationalen Katastrophe als Einbruch eines anders Realen inkorporiert. Ohne die Prä-Taliban-Zeit mit ihrem erstickenden Patriarchat zu verklären. Kluge Wahl für den Beginn. (70cp)
13. Februar 2026 um 12:10 Uhr