medienwissenschaft

6. Juni 2010

Eine geteilte Katastrophe Zu einer Diskussionsveranstaltung auf dem Documentary Forum

Von Robin Celikates

Was sehen wir, wenn wir Fotografien von (palästinensischen) Flüchtlingen sehen? Diese Frage stand im Zentrum einer Diskussionsveranstaltung, die unter dem Titel «The Catastrophe»  auf dem letztwöchigen Berlin Documentary Forum stattfand. Aufgeworfen wurde sie von der israelischen Fotografietheoretikerin Ariella Azoulay, deren Arbeiten zur Politik des fotografischen Bildes aufs Engste mit ihrem politischen Projekt der Archivierung «unsichtbarer» Fotografien verbunden sind, zuletzt dokumentiert in den Katalogbüchern Atto di Stato (Mondadori 2008) und Constituent Violence 1947-1950 (Resling 2009) (siehe auch den Beitrag zu Azoulay in cargo 2).

In ihrem Vortrag «The Production of the Palestinian Refugees and the Jewish Body Politic» ging es im Anschluss an zum größten Teil in Constituent Violence 1947-1950 dokumentierte Fotografien darum, dass wir lernen müssen, anders zu sehen, um das Feld des Sichtbaren zu erweitern. Dass wir tatsächlich meinen, Flüchtlinge zu sehen, ist Azoulay zufolge nämlich allein der Gewöhnung an derartige Bilder geschuldet, auf denen Personen mit den gängigen visuellen Merkmalen von Flüchtlingen (Menschen mit viel Gepäck am Rand der Straße etwa) zu sehen sind. Diese Gewöhnung macht uns jedoch blind für die politischen und juridischen Kontexte, in denen Flüchtlinge allererst produziert, zu Flüchtlingen gemacht werden – und doch können wir, wenn wir die Bilder aufmerksam betrachten, auch die Spuren dieser Produktion erkennen, die Azoulay zufolge im Fall der palästinensischen Flüchtlinge mit der konstituierenden Gewalt der israelischen Staatsgründung untrennbar verschränkt ist. Da diese Gewalt dem Staat nicht nur zugrunde liege, sondern von ihm auch permanent verdeckt werde, müsse sie erst wieder sichtbar gemacht werden, etwa in denjenigen Fotografien, die scheinbar nur zeigen, was ist, und nicht, wie es dazu kam.

Um zu erkennen, wie es dazu kam, müssen wir die Automatismen suspendieren, die uns das Foto als Repräsentation einer schon etablierten und verstandenen Wirklichkeit erscheinen lassen, und es stattdessen als Ereignis verstehen, als Prozess, an dem neben dem Fotografen und den Fotografierten auch der Betrachter beteiligt ist und der auch letzterem eine bestimmte Verantwortung auferlegt, die Azoulay in ihrer Konzeption eines «Gesellschaftsvertrags der Fotografie» ausbuchstabiert hat.

Anhand der von ihr gezeigten Fotos palästinensischer Flüchtlinge ging es Azoulay darum zu demonstrieren, dass wir, wenn wir «einfach nur Flüchtlinge sehen», die konstituierende Gewalt, deren Opfer die abgebildeten Menschen waren, auf der Wahrnehmungsebene wiederholen und damit verdecken, dass Menschen immer erst zu Flüchtlingen gemacht werden müssen – ein Prozess, der sich ebenfalls als Spur in diesen Fotografien nachweisen oder herauslesen lässt. Mitunter droht Azoulays Ethik des Sehens das einzelne Bild zwar zu überfrachten, da auch sie natürlich nicht umhin kommt, in die Bilder bestimmte Informationen hineinzulesen, um etwas aus ihnen herauslesen zu können; als Mittel der Entnaturalisierung hat sie aber eine genuin kritische Pointe.

So berichtet Azoulay von sich selbst, dass sie erst genau sehen lernen musste, was man auf den Fotos palästinensischer Flüchtlinge wirklich sieht, um zu begreifen, dass die Palästinenser nicht als Flüchtlinge geboren wurden und dass Flüchtlingslager nicht Teil der condition humaine sind. Indem die (historische und anhaltende) Produktion von Flüchtlingen aus den Selbstrepräsentationen des israelischen Regimes und seiner Bürger ausgeschlossen wird, verlernen die Betrachter, genau dies zu sehen.

Dabei zeigen die einzelnen Bilder, etwa von der Vertreibung der Palästinenser aus dem Dorf al-Tantura, gerade auch das, was sie nicht zeigen: die fehlenden Männer, die bereits gefangen genommen oder deportiert wurden. Gerade ihre Abwesenheit ist als Spur jener politischen Prozesse zu lesen, um deren Sichtbarmachung und Sichtbarwerdung es Azoulay geht. Dieser Sichtbarmachung stehen aber nicht nur visuelle Hindernisse – etwa die Politik der offiziellen Archive und unsere Sehgewohnheiten – entgegen, sondern auch semantische Blockaden, vor allem die zahlreichen Versuche der Umdeutung von Vertreibung und Deportation in humanitäre Evakuierung, freiwillige Flucht oder Repatriierung. An beidem – den realhistorischen Vorgängen und ihrer Neubeschreibung – war nicht zuletzt auch das Internationale Rote Kreuz beteiligt, das es Azoulay heute untersagt, Fotos aus seinen Archivbeständen im Zusammenhang mit Texten zu zeigen, in denen von Vertreibung die Rede ist. In ihrer Präsentation zeigte Azoulay die Bilder dann doch; in ihren Ausstellungen sind nur Nachzeichnungen zu sehen.

Auch der zweite Redner, der auf Fotografiegeschichte spezialisierte Nahosthistoriker Issam Nassar plädierte dafür, die Strategien des visuellen und textuellen Verschwindenlassens vertriebener Palästinenser durch genaue Fotolektüre sichtbar zu machen, driftete aber immer wieder in die weniger interessanten Gefilde der allgemeinen Kulturtheorie ab.

Dass Fotografien nicht nur als Illustrationen bereits etablierter historischer Sichtweisen, sondern als genuine Erkenntnisquellen dienen können, zeigte er am Beispiel von Fotografien, die im Auftrag der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) in den palästinensischen Flüchtlingslagern aufgenommen wurden. Auch sie gehen in vielen Fällen mit einer Art Naturalisierung einher, erzählen sie doch eine Geschichte, in der die Vertreibung nicht vorkommt, das Flüchtlingslager als natürlicher Lebensraum erscheint und tatsächlich auch im Modus der Naturfotografie dokumentiert wird (vgl. dazu auch den von Nassar mitherausgegebenen Band I Would Have Smiled: Photographing the Palestinian Refugee Experience).

Ganz ähnlich wie Azoulay scheint auch Nassar der Ansicht zu sein, dass gegen diese epistemisch ebenso wie politisch fatale Naturalisierung nur eine Ethik des genauen Sehens hilft, also die Anstrengung, die Fotos so unvoreingenommen wie möglich zu lesen, als wüssten wir nichts über sie. Erst dann können sie zu einer historischen Quelle und als solche entziffert werden; erst dann können wir in der Fotografie zu sehen lernen, was die Ereignisse für die Menschen bedeutet haben müssen.

Auch wenn man gerne mehr zum Zusammenhang der Ethik des Sehens mit der Politik der Bilder sowie zur Gefahr einer historischen Überfrachtung einzelner Fotografien und ihrem epistemologischen Status erfahren hätte, der Dialog von Azoulay und Nassam hat doch vor Augen geführt, wie es gelingen könnte, diese Fotos als Teil der gemeinsamen israelisch-palästinensischen Geschichte zu verstehen, zu begreifen, dass sie keiner der beiden Seiten gehören und dass sie deshalb weder nur die nakba, also die Katastrophe aus Sicht der Palästinenser, noch die israelische Staatsgründung und ihre Nebenfolgen zeigen, sondern eine geteilte Katastrophe. Die Bilder selbst, so stellte Azoulay abschließend auch mit Blick auf die Ereignisse der letzten Woche fest, unterminieren jeden Versuch, das fotografische Feld zu manipulieren und zu kontrollieren. Insofern ist ein Foto immer mehr, als was wir auf den ersten Blick zu sehen meinen.

Wer nicht dabei war, kann die Veranstaltung hier noch einmal ansehen.