notizen 2026

3. November 2026

Notizen November 2026

Von Ekkehard Knörer

3.11. Classe tous risques (Claude Sautet, F 1960)

Ein Gangster, seine Frau, die zwei kleinen Kinder, dazu der Ko-Ganove, begeben sich auf die Flucht. Abel Davos (Lino Ventura) ist in Frankreich zum Tode verurteilt und kehrt doch aus Italien zurück. Sie landen am Strand von Menton, die Frau und der Kompagnon werden erschossen. Abel gelangt nach Nizza. Die ehemaligen Auftraggeber und Freunde in Paris scheuen den Weg und schicken einen geheuerten Gangster, Erik (Jean-Paul Belmondo), mit einem Krankenwagen, der unterwegs eine Schauspielerin aufliest. So spielt das Schicksal, nach einem Roman von Jose Govianni, und es spielt keine heitere Geschichte. Die Kinder kommen unter, Abel sieht sich von allen guten und schlechten Geistern und Freunden verlassen, außer Erik, den er kaum kennt, unternimmt einen letzten Raub, nimmt Rache auf Wegen, die sich an ihrem Ende als Sackgasse erweisen. Zuletzt waltet immerhin insofern Gnade, als Sautet, dessen spätere Handschrift man hier nicht wiedererkennt, den Mann und sein Schicksal im Pariser Menschengewimmel dem gottgleichen Voiceover-Off überlässt. Seine Verhaftung, seine Hinrichtung, bleiben nicht ihm, aber doch dem Zuschauer erspart. (75cp)

 

2.11. Plein Soleil (René Clément, F 1960)

The Talented Mr. Ripley à la francaise, Purple Noon seltsamerweise der ins Englische rückübersetzte Titel. Der Originaltitel allerdings trifft, was René Clement aus Highsmiths bis ans Herz kalter Vorlage macht: Plein soleil, lichtüberströmt, plein air und plein mer inszeniert er das Neid- und Eifersuchtsdreieck, das den reichen Mann aus Amerika in den blutigen Tod führt. Minutenlang (gefühlt, aber nicht nur gefühlt) nur das Wehen des Windes, das Rauschen des Meeres beim Versuch, den Toten, im flüssigen Element für die Ewigkeit zu begraben; die Wiederkehr des Versenkten eröffnet in diesem an sich ganz und gar zynischen Film der Moral, die dem Roman so konsequent fehlt, doch noch ein Schlupfloch. Plein soleil und die wellenbekrönte Tafel des Meeres, in die sich nichts einschreiben soll – an Oberflächen ist Clément mehr als an Tiefen aller Art interessiert. Das beginnt mit der sich nach dem Sonnenbrand schälenden Haut des fast babyhaft glatten Oberkörpers des wie ein Zeuge seiner eigenen Starwerdung durch den Film schlendernden Alain Delon, dessen strahlende Schönheit in vollendete Opazität übergeht, auch und gerade in den Großaufnahmen der Augen, offen stehende Tore zu keiner erkennbaren Seele; fortgesetzt in der Ausstattungs- und Couture-Smoothness der vom Geld eingerichteten Räume, Körper und Zimmer, die durch den Kontrast des Alltagslebens auf den italienischen Straßen – Markt, Prozession, Verkehr – nur noch stärker betont wird. Es führt dazu, dass der Plot wie die Moral auf diesen Oberflächen zerfließt, alles Körper, Design, gleißende Sonne, der Mund von Marie Laforêt, die Augen von Alain Delon. (74cp)

 

1.11. The Man Who Reclaimed His Head (Edward Ludwig, USA 1934)

Wenn es einst gelänge, Atome mit vernichtender Wirkung gegeneinander zu schmettern, dann, sagt einer, gäbe es nie wieder Krieg. In der Rahmenhandlung aber fallen die Bomben, es ist der Winter des Jahrs 1915, durch Nacht, Wind und Schnee rennt Paul Verin, der Vater, in seinen Armen das Kind. Und in der Tasche (was man nicht sieht) den Kopf des Mannes, buchstäblich, der ihm, metaphorisch, den eigenen stahl. Verin (Claude Rains, der die Rolle im Theater schon spielte, dort aber körperlich deformiert, im Film aber nicht) ist ein idealistischer, pazifistischer Autor. Das Angebot des Politikers, als dessen Ghostwriter viel Geld zu verdienen, lehnt er zunächst ab. Verins Frau jedoch hat weniger den Armen-Idealismus der allzu stillen Tage in Clichy im Sinn als den gesellschaftlichen Erfolg in Paris. Und so verliert Verin, metaphorisch, den eigenen Kopf, wird, der Gattin zuliebe, zum pazifistischen Schreiber in des Politikers Diensten. Bis der sich in Hinterzimmern mit 15 Männern der Rüstungsindustrie trifft, erst die Aufrüstung, dann den Krieg unterstützt und sich auch noch an Verins Gattin heranmacht (bei einer Tristan-und-Isolde-Aufführung, no less). Verin streikt, wird à la David/Urija an die Front geschickt, rast, als er alles durchschaut, zurück nach Paris und «reclaimt» des anderen als seinen eigenen Kopf. 80 Minuten, Grauen der Liebe, Grauen des Kriegs, Pazifismuspropaganda der wüsteren Sorte. Claude Rains reißt es, manchmal etwas sehr vielleicht, raus; und Edward Ludwig hält die Zügel bei Wind und Wetter schön straff. (61cp)