provinzkinos unserer jugendzeit
Neue Ära (Teheran)
Neue Ära – so hieß das Kino im Herzen Teherans, nicht weit von der Universität, an der ich mir schon als Schulmädchen erträumt hatte, Theater zu studieren. Die Straßen um die Universität waren damals für mich Orte der Sehnsucht. In den Fassaden und Mauern, im flackernden Licht und Staub, sah ich die Spuren von Intellektuellen, Schriftstellerinnen, Dichtern, Musikern, Revolutionären. Und genau dort stand das Kino Neue Ära.
In jenen Jahren war das Kino ein öffentlicher Salon, ein geheimes Archiv, eine Brücke zu anderen Welten. Die Säle waren voll, nicht nur wegen der Filme, sondern wegen der Menschen, die in der Dunkelheit etwas suchten, das im Tageslicht nicht zu finden war. Neue Ära gehörte zu den letzten Kinos, deren Architektur noch den Glanz einer vergangenen Zeit atmete: schwere Vorhänge, gedämpftes Licht, der Geruch von Staub, Zelluloid und Parfüm. Meine Jugend, von dreizehn bis achtzehn, spielte sich in diesem Dämmerlicht ab. Als ich dann Theater zu studieren begann, schien die Magie schon nach einem Monat gebrochen – wie der Verlust eines Geliebten, ersetzt durch enttäuschende, bleierne Unterrichtsstunden. Doch das Kino blieb in mir, lebendig und warm. Ich ging oft mit meinen Eltern hin, auch wenn sie gerade stritten, und sah Filme, deren Titel mir fremd waren. So saß ich eines Tages vor Iwans Kindheit von Andrei Tarkovsky. Ich trat hinaus, erschüttert, voller Fragen. Als Kind des Iran-Irak-Krieges konnte ich nicht begreifen, warum Gewalt geschieht, warum Liebe und Schmerz sich so nah berühren. In der schönsten Szene – eine Frau springt über ein Grab, ein Mann fängt sie in der Luft und küsst sie – war der Kuss herausgeschnitten. Jahre später sah ich den Film ungekürzt, doch schon damals wusste ich, dass mir etwas entzogen worden war. Ich sah es in den Augen der Schauspielerin nach dem Schnitt, im Schweigen der Kamera.
Mit den Jahren wurden die Filme dunkler. Ich erinnere mich an Dastforoush von Mohsen Makhmalbaf – drei Episoden, eine davon über ein Paar, das sein nächstes Kind, ob gesund oder behindert, weggeben will. Für mich blieb es der grausamste Horrorfilm meines Lebens, wegen der Kälte, die sich in jede Bewegung schlich. Und dann Hajji Washington (1983) von Ali Hatami, jahrelang verboten und erst acht Jahre später im Neue Ära gezeigt. Die Geschichte des ersten iranischen Botschafters in Washington zur Zeit der Qadscharen, eine Mischung aus Erinnerung, Fiktion und Heimweh. Hajji, der statt nach Mekka in eine ferne, uninteressierte Stadt geschickt wird, lebt dort in einer Einsamkeit, die sich in Musik verwandelt. Ich war sechzehn und weinte, um ihn, um seinen Schöpfer und um mich selbst, gefangen im ersten, brutalsten Liebeskummer meines Lebens.
Heute steht das Neue Ära noch, leer, wartend auf seine Verwandlung in ein Einkaufszentrum. Wie viele Orte dieser Stadt ist es dem lautlosen Verschwinden geweiht – jener langsamen Auslöschung, bei der erst die Funktion, dann der Name, zuletzt das Gedächtnis schwindet. Für mich aber trägt es einen letzten, hellen Moment: den Tag, an dem mein erster Film als Schauspielerin dort lief. Ich war zwanzig, Theaterstudentin, hatte meinen ersten Gedichtband veröffentlicht, und in Deep Breath las ich eines meiner Gedichte. Vor dem Kino hingen Plakate – und darunter, auf einem Blatt, mein Text, doch unter dem Namen des Regisseurs. Ich ging hinein, verlangte den Leiter zu sprechen, erzählte ihm von meiner Kindheit in diesem Saal, zeigte das Gedicht, das längst im Druck war. Er entschuldigte sich, versprach Korrektur.
Und so wusste ich, dass ich das Kino meiner Kindheit für mich als reine, ungetrübte Erinnerung bewahren konnte: als einen Raum, der in mir weiterlebt, auch wenn sein Gebäude eines Tages verschwunden sein wird.