gespräch/print

Mircea Cartarescu «Die Welt ist die wirkliche Poesie»

Von Bert Rebhandl

Nicht nur der Fall der Berliner Mauer jährt sich heuer zum zwanzigsten Mal, auch die Revolution in Rumänien rückt zum Jubiläum wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Schriftsteller Mircea Cartarescu (53) war Zeit- und Augenzeuge der dramatischen Ereignisse, die mit Flucht und Hinrichtung des Ehepaars Ceausescu am 22. Dezember 1989 einen Höhepunkt erreichte. Mit seiner Romantrilogie Orbitor (deutscher Titel: «Die Wissenden») strebt er nicht weniger als eine Totalgeschichte dieser Epoche an. Im Gespräch mit Bert Rebhandl gibt er Auskunft über seine Poetik, seine Erfahrungen mit der Diktatur und der Freiheit, und das Nachleben des Geheimdienstes Securitate.

Herr Cartarescu, wir haben zwei Stunden Zeit, anschließend müssen Sie in ein Fernsehstudio, weil Sie zu einer aktuellen Sendung eingeladen sind. Worum wird es gehen?

Es handelt sich um eine Talkshow mit dem Titel «100 Prozent garantiert». Der Moderator heißt Cartalin Stepanescu, er ist sehr intelligent und zu Recht beliebt. In dieser Sendung bringt er immer zwei Typen Menschen zusammen – interessante, unbekannte Menschen, zum Beispiel Erfinder, die auf dem Land leben. Es sind in der Regel Originale, sogar «Verrückte», so hat jemand etwa aus einer ausgeweideten Straßenbahn ein Baumhaus gebaut. Die andere Kategorie sind etablierte Intellektuelle, die dazu Stellung nehmen. Das ist eine gute, angesehene Fernsehshow, und dieses Mal werde ich eben dabei sein.

Sie sprechen also nicht über die neuesten Probleme der rumänischen Demokratie, über Korruption oder Parteienschacher, sondern über alltägliche Dinge.

Nein, dieses Mal nicht. Ich äußere mich oft journalistisch, ich schreibe wöchentlich in der Zeitung Daily Event einen Kommentar, da geht es immer um Politik. Aber ich bringe Politik und Literatur nicht durcheinander, das sind in meinem Kopf ganz verschiedene Dinge.

Ich habe begonnen, Ihre Bücher zu lesen, nachdem ich durch eine Reihe von bedeutenden rumänischen Filmen von Regisseuren wie Cristi Puiu oder Corneliu Porumboiu stärker auf dieses Land aufmerksam geworden bin. Besonders beeindruckt bin ich von Ihrem Projekt «Orbitor», dessen erster Band in deutscher Sprache unter dem Titel «Die Wissenden» veröffentlicht wurde. Können Sie mir zumindest, während ich auf die Übersetzung der beiden Folgebände warten muss, einen Eindruck von der Anlage des Gesamtwerks geben?

In Orbitor gibt es eine Verlauf von Metaphysik und Eschatologie zu Geschichte und Skatologie, vom Höchsten zum Niedrigsten. Das ist ein Fortschritt, der über den Eintritt, über die Verwicklung in die Geschichte verläuft. Es geht um die höchsten Teile der Seele und erstreckt sich bis in den dritten Teil, in dem alles Geschichte ist – die rumänische Revolution von 1989 wird aus kosmischer Perspektive erreicht. Es ist eine Umkehr des Schemas der Göttlichen Komödie. Der dritte Band erzählt auf eine Swiftsche, satirische Weise von Geschichte.

Was bedeutet das Wort «Orbitor»?

Orbitor ist im Rumänischen ein besonderes Wort. Ich muss gestehen: Der ganze Roman hat mit diesem Wort begonnen, nur damit, und mit der Idee, mehr als tausend Seiten zu schreiben. Ich nahm dann eine Schuhschachtel, und habe Orbitor darauf geschrieben. Es ist aber nie etwas hineingekommen, sie ist immer noch leer. Ich habe also vollständig ohne Dokumente geschrieben, nur aus der Inspiration heraus, ich habe nie gewusst, was ich am nächsten Tag schreiben würde. Das Wort Orbitor ist rund, es hat etwas von Selbsthypnose, wenn man es betrachtet. Es bezeichnet ein starkes, überirdisches, blendendes Licht, wie das Licht der Wahrheit oder einer Offenbarung. In vielen Übersetzungen hat man es einfach belassen. Es ist ins Deutsche nicht übersetzt worden, weil Canettis Romantitel Die Blendung dagegensprach. Das klang zu ähnlich. Mein Übersetzer und mein Verleger haben dann den Titel «Die Wissenden» gewählt. Ich war einverstanden. Als ich zu schreiben begann, dachte ich an einen sehr langen Roman, der mich zehn Jahre beschäftigen sollte. Tatsächlich habe ich über vierzehn Jahre daran gearbeitet, alles von Hand, ohne dass ich jemals etwas durchstreichen hätte müssen. Es ist eine Art Gedicht, aber es ist nicht zusammenhanglos. Es ist eine Landkarte meines Gehirns, meiner Traumata, meiner Beschäftigungen. Vieles ist onirisch, vieles habe ich tatsächlich geträumt. Ich bin wirklich sehr, sehr glücklich, dass ich dieses Buch abschließen konnte. Denn in der rumänischen Kultur gibt es diesen Fluch unvollendeter Werke. Viele Künstler haben große Werke begonnen und sie nie abgeschlossen. Deswegen bin ich erleichtert, dass es mir gelungen ist.

«Die Wissenden» vereint tatsächlich eine enorme Menge Wissen aus allen Bereichen von der Neurowissenschaft bis zu Volkserzählungen. Wie hängt das alles zusammen?

Ich begann mit 17 ein persönliches Journal zu führen, seit über 35 Jahren schreibe ich also jeden Tag etwas auf, und das ist mein wichtigstes Werk. Meine Bücher sind Verzweigungen dieser Arbeit. Ich wurde mir meiner Sehnsucht zu schreiben bewusst, als ich ungefähr 20 Jahre alt war. Das war Mitte der 70er Jahre. Ich hatte einen Vorteil gegenüber anderen rumänischen Schriftstellern, die nur Literatur lasen. Ich habe nämlich auch immer schon viel wissenschaftliche Literatur gelesen, und zwar quer durch alle Domänen des menschlichen Wissens: von der Quantenphysik bis zur Biologie. Mein Hobby ist die Neurophysiologie des Gehirns, und dann auch noch Insekten. Bis heute sammle ich Enzyklopädien über Insekten und versuche alles zu diesem Thema zu lesen. Wissenschaft ist für mich aber eine Poesie, wie Philosophie oder Theologie auch. Eine Naturpoesie. Ich habe also geübt, Poesie überall zu finden, auch dort, wo die Leute nicht danach suchen. Die wirkliche Poesie ist die Welt selbst, nicht die Bücher darüber. Während des Studiums der rumänischen Literatur begann ich auch selbst zu schreiben. Es gab damals zwei literarische Zirkel, die entscheidend für mich waren – einer beschäftigte sich mit Dichtkunst, der andere mit Prosaformen. Ich ging zu beiden und wurde in beiden bald eine wichtige Figur. Ich habe nie aufgehört, Poesie zu schreiben – ich verstehe mich als Dichter, ganz gleich, was ich schreibe. Meine ersten Veröffentlichungen waren alles Gedichtsammlungen, das letzte dieser Bücher war ein Versepos mit dem Titel Levantul mit 7 000 Versen. Es spielt im frühen 19. Jahrhundert, es gibt darin viel Parodie, Pastiche, es ist ein postmodernes Werk über einen Revolutionär, einen Che Guevara seiner Zeit, der den griechischen Archipel bis nach Kreta und in den Libanon befährt und gegen Piraten kämpft. Levantul hat viele Ebenen: reines Abenteuer, Gottsucherei, philosophische Erkundung, und all das im alten Stil der «naiven» romantischen Dichter: Bettina von Arnim, Chamisso, E.T.A. Hoffmann standen Paten, bis herauf zu den Dichtern der Moderne. Es ist mein bestes Buch, aber es wird natürlich niemals übersetzt werden. Es müsste zuerst ins Rumänische übersetzt werden. (lacht) Es ist mein Meisterwerk.

Verstehe ich das richtig, dass «Levantul» auch so etwas wie eine Dekonstruktion der kommunistischen Nationalmythologie ist?

Ja, allerdings eine wirkungslose. Das Buch wurde vor der rumänischen Revolution fertig, es ist ein subversives Buch, und ich hatte keine Hoffnung, es zu veröffentlichen. Ich schrieb es, um es meinen Freunden vorzulesen. Ich war damals kein Dissident, ich war nicht radikalisiert, mit dem Buch habe ich unseren Zirkel unterhalten.

In «Die Wissenden», vor allem aber auch in dem Erzählband «Nostalgia», entwerfen sie fast so etwas wie ein Paradies der Kindheit, ein wie auch immer imaginäres, ursprüngliches Leben, in dem es eine strukturierende Abwesenheit zu geben scheint: das Rumänien der Diktatur Ceausescu, der totalitäre Staat.

Wenn wir zurückschauen, dann war der ganze kommunistische Block eine absurde Gesellschaft. Das galt für Rumänien wie für die DDR oder die Sowjetunion. Aber wir waren damals ein Teil davon, wir hatten keine Hoffnung, das zu beenden oder gar ins Ausland zu reisen, um eine andere Realität kennenzulernen. Das war unsere Realität, sie war ohne Alternative. Unsere Eltern waren sehr bescheidene Leute ohne ausgeprägtes politisches Bewusstsein, sie wussten nichts über die Geschichte des Landes, sie reflektierten nicht über Werte. Wir mochten das alles nicht, aber wir schotteten uns dagegen ab. Wir haben in den schrecklichen Zeiten Ceaus,escus irgendwie untergründig gelebt, in Büchern, in Zirkeln. Morgens stellten wir uns um Waren an, am Nachmittag kamen wir irgendwo zusammen, fünf, sechs, zehn gute Freunde, und es war etwas anderes. Wir vergaßen alles und redeten über Literatur. Das war unser Leben, unser Traum. Wir wollten schreiben, wir wollten gute Literatur schaffen. Wir hatten kein politisches Bewusstsein, wir verhielten uns ironisch oder sarkastisch gegenüber der Wirklichkeit. Für uns war das System unsterblich, denn der sowjetische Riese war zu nahe, um auch nur daran denken zu können, dass man sich aus seinem Einflussbereich befreien hätte können. 1989 hat uns überrascht.

Zugleich hatten Sie anscheinend in der Jugend keinen Mangel an kulturellen Gütern: Bücher, Schallplatten, alles war irgendwie da.

Ich weiß nicht genau, wie es anderswo war, aber der rumänische Kommunismus hatte drei Phasen. In den 50er Jahren herrschte ein strikter Stalinismus, von 1960 bis 1975 gab es dann eine Öffnung. Damals war das Bildungssystem sehr gut, es gab Übersetzungen in exzellenter Qualität aus nahezu der gesamten Weltiteratur, aber auch Literaturtheorie und Theorie ingesamt. Fast alles Wichtige aus dem Westen wurde übersetzt. In den 70er Jahren kamen die ersten Übersetzungen amerikanischer Dichtung: Texte der Beatniks und der New York School. Diese Anthologien haben uns ungemein beeinflusst. Meine Generation war nicht ausgeschlossen aus dem westlichen Diskurs, wir schwammen darin, wir hatten die ganze Musik der Zeit, natürlich nicht in den originalen Pressungen und Covers, sondern Ausgaben aus Indien oder sonstwoher, und wenn jemand sie sich nicht leisten konnte, dann borgte man sie ihm eben. In den 70er Jahren waren die Leute in Bukarest Hippies oder Beatniks. Es gab berühmte Bands wie Phoenix oder Red and Black, die in Stadien spielten. Es gab ein blühendes kulturelles Leben. Die dritte Periode begann 1975, als Ceaus,escu verrückt wurde und meinte, er müsste in fünf Jahren alle Staatsschulden zurückzahlen und gleichzeitig seine megalomanen Projekte begann – die letzten sechs, sieben Jahre vor 1989 waren wirklich dunkel, das war wie in den 50er Jahren. Die 70er Jahre aber waren sehr erfreulich, und das war die Zeit, in der wir studierten. Geistig waren wir nicht arm.

Es gibt neben den naturwissenschaftlichen Motiven noch eine weitere Ebene in Ihrem Werk, die zudem einen spezifisch rumänischen Zusammenhang hat: Ich meine die Elemente des Mythologischen, bei denen ich häufig an die Arbeiten des Religionswissenschaftlers Mircea Eliade denken musste. Er ging in den Westen und wurde in Chicago ein weltberühmter Gelehrter. Wie standen Sie damals und heute zu ihm?

Natürlich habe ich Eliades Arbeiten zur Religion gelesen, das tun alle bei uns. Natürlich war er ein Einfluss. Aber er ist auch ein sehr interessanter fiktionaler Autor, und zwar in rumänischer Sprache. Er ist ein Autor des Phantastischen, und das ist wirklich wichtig geworden für mich. Es gibt noch eine Vorgängerfigur: Mihail Eminescu, der als Begründer der rumänischen Nationalliteratur gesehen werden kann. Er war ein romantischer Autor, der viel mit Novalis Vergleichbares hat, aber deutlich später gelebt hat. Es gibt also eine Tradition des Phantastischen in der rumänischen Literatur. Ich las auch alles andere, was ich dazu fand. E.T.A. Hoffmann war sehr wichtig für mich, und dann die südamerikanischen Autoren: Julio Cortázar vor allem und Gabriel García Márquez. Wir haben in den 70er Jahren von diesem kulturellen Umfeld profitiert. Als wir selbst hervorzutreten begannen, taten wir das als Dichter. Wir schrieben in einem harten amerikanischen Stil, nicht mehr in der modernistischern Tradition unserer Vorgänger. Wir waren Postmoderne, wir wandten diesen literarischen Trend wie ein definierendes Zeichen gegen unsere Vorgänger. Die meisten von uns schrieben sehr unmittelbare, harte Poesie. Ich hörte dann irgendwann mit Dichtkunst auf und schrieb Prosa. Das erste Buch war Nostalghia. Ich dachte ursprünglich nicht an ein Buch, sondern schrieb jede Geschichte individuell nur für unsere Freunde. Wir waren damals nicht am Veröffentlichen interessiert, wir lasen uns die Sachen vor. Als die letzte Geschichte fertig war, kam mir der Gedanke, dass ich das als Buch herausbringen könnte. Es wurde 1989 zwei Monate vor der Revolution veröffentlicht. Seine Wirkung war also beschränkt, denn die Leute hatten damals andere Sachen im Sinn. Dann wollte ich ein großes Buch schreiben, ein Flaggschiff für meine Flotte …

Wie «Rayuela» von Cortázar?

Genau. Und das wurde Orbitor. Jede einzelne Seite wurde im Ausland geschrieben. Ich begann 1994 in Amsterdam, setzte dann 2000/01 in Berlin fort, danach in Budapest, und der dritte Teil wurde vollständig in einem Jahr in Schloss Solitude in Stuttgart geschrieben.

Wir sind nun an einem Punkt, wo wir beginnen müssen, über die Ereignisse von 1989 und 1990 zu sprechen – auch Ihr Werk steuert in gewisser Weise darauf zu.

Die rumänische Revolution ist das wichtigste historische Ereignis meines Lebens (das zweite ist 9/11, aber das habe ich nicht persönlich erlebt, ich war nicht in New York zu der Zeit). Die meisten von uns wurden über die politischen Kräften getäuscht, die in den Ereignissen versteckt waren. Wir hielten das für eine genuine Revolution. Die Leute revoltierten gegen eine Diktatur, die sie nicht mehr aushielten. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens, als Ceausescu mit seiner Frau im Hubschrauber flüchtete. Ich war unter der Million Menschen, die damals am 22. Dezember 1989 vor dem Zentralkomitee standen. Davor gab es nur zwei Stunden Fernsehen täglich, und es gab immer nur das Präsidentenpaar bei seinen offiziellen Auftritten zu sehen. Während der Revolution sendete das Fernsehen ununterbrochen, und wir saßen die ganze Zeit davor. Wir schliefen nicht, wir aßen nicht, wir wollten nichts versäumen. Es fiel uns nicht gleich auf, dass sie uns anlogen, das sie uns manipulierten. Irgendwann gab es Stimmen, vor allem aus dem Ausland, die das ganze in Zweifel zogen. Das brachte uns zuerst einmal auf, es ging nur Schritt für Schritt, dasss wir durchschauten, dass die ganze Revolution eine Inszenierung geworden war und dass die Kommunisten und die Securitate immer noch an der Macht waren. Wir besetzten dann den Universitätsplatz und blieben dort drei Monate, um gegen Ion Iliescu, den ersten nachkommunistischen Machthaber, und seine Entourage zu demonstrieren. Sie haben immer noch die ganze Macht, es sind nur inzwischen andere Namen, die im Vordergrund stehen. Das ist übrigens weitgehend das Muster in allen Ostblockländern. Wir haben jetzt einen stinkenden Kapitalismus, damals hatten wir einen stinkenden Kommunismus. Es ist wie in Südamerika. Vierhundert Familien haben alles, der Rest hat nichts.

Wie sieht die Sache heute, aus der Perspektive von 2009, aus?

Wir haben alle das Gefühl, dass die Revolution gescheitert ist. Sie begann schlecht, und es wurde nie besser. Hätten wir einen Václav Havel gehabt statt eines Ion Iliescu, hätte es anders kommen können. Heute läuft alles auf eine Auflösung ethischer Werte, der Aufrichtigkeit und der Legalität hinaus. Es herrscht Korruption, wir haben eine Herrschaft der Illegalität. Das politische Leben ist augenscheinlich nicht gesund, und ich sehe in naher Zukunft keine Verbesserung. Vor drei Jahren hatte ich ein wenig Hoffnung, ich glaubte für eine Weile an eine Partei und an bestimmte Persönlichkeiten. Ich unterstützte damals die Allianz zwischen den Liberalen und den Demokraten, die Demokratische Konvention, aber sie stritten lieber untereinander und brachten es zu nichts. Ich vertraute auch dem Präsidenten Traian Ba˘sescu, er ist ein sehr bestimmter Mann, und ich traute ihm zu, den Kurs der rumänischen Politik zu ändern. Aber es geschah nichts – entweder er konnte nicht oder er wollte nicht.

In den Filmen aus dem postkommunistischen Rumänien geht es häufig auch darum, dass die Securitate, der kommunistische Geheimdienst, nie richtig abgewickelt wurde. Ich denke an La chêne von Lucian Pintilie oder einige Szenen aus 12:08 Östlich von Bukarest von Corneliu Porumboiu.

Die Securitate war ein komplexer Organismus. Nur ein Teil war unterdrückerisch, nur ein Teil beschäftige sich mit Dissidenten und legte Akten über die Leute an. Viele Mitglieder der Securitate waren geschäftlich tätig, die ganze Wirtschaft war in deren Händen, vor allem der Außenhandel der Staatsfirmen. Überall, wo es Geld gab, waren Leute von der Securitate. Es handelte sich also nicht einfach um eine Gruppe, die überwachte und Dissidenten verhaftete. Die meisten waren Buchhalter des Staates, zudem gab es eine Armee von Informanten. Ich weiß, dass in der DDR einer von fünf oder sieben Menschen Informant war, in Rumänien hatte ungefähr jeder zehnte einen Pakt mit der Securitate geschlossen. Jetzt gibt es Institutionen zur Dekonspiration, aber diese Institutionen funktionieren nicht, sie stehen unter politischem Einfluss und werden manipuliert, bzw. sie manipulieren selbst das politische Leben. Sie erpressen Menschen und beenden deren politische Laufbahn, wenn es opportun scheint. Enge Vertraute von Ceausescu wiegen sich in Sicherheit, sie besitzen Milliarden, sie sitzen im Parlament, niemand hat sich jemals mit ihnen beschäftigt. Dagegen sind respektable Leute aus dem Bereich der Kultur belastet worden. Diese Institutionen erfüllen nicht ihre Aufgabe, sondern sie hintergehen die Menschen. In Deutschland kamen die Akten nach der Wiedervereinigung der Staatssicherheit in den Besitz des Staates und sie wurden zugänglich gemacht, in Rumänien bleibt das meiste ein Mysterium. Die Situation ist chaotisch, und ein Skandal.

Ich habe mich einmal für einen ungewöhnlichen Fall interessiert: Der Religionswissenschaftler Ion Culianu wurde in Chicago auf einer Toilette auf dem Campus der Universität erschossen. Man vermutet dunkle Hintergründe in Rumänien.

Ich kenne den Fall sehr gut. Culianu war ein Schüler von Eliade, ein brillanter junger Wissenschaftler. Er begann in den 90er Jahren in Chicago als sein Nachfolger Anthropologie zu unterrichten. Ich war in den Staaten, als er erschossen wurde. Wir hatten gerade telefoniert, ich wollte ihn interviewen und rief ihn aus New Orleans an, und als ich kurz darauf mit dem Zug nach Chicago fahren wollte, erfuhr ich, dass er erschossen worden war. Wenig später bekam ich mit der Post zwei seiner Bücher, er hatte sie eigens für mich signiert. Da war er schon tot. Niemand weiß bis heute, wer den Mord begangen hat, und wer ihn bestellt hat, denn es war ganz eindeutig die Tat eines professionellen Killers. Es ist am wahrscheinlichsten, dass diese Hinrichtung in Rumänien bestellt wurde, aus den höheren Kreisen der Politik oder aus der früheren Securitate. Aber das Motiv bleibt trotzdem rätselhaft, denn er war bei weitem nicht der einzige, der sich kritisch über den Verlauf der Revolution geäußert hatte. Aber ausgerechnet ihn traf es, einen Mann in Chicago.

Der allerdings gerade im Begriff war, die rechte Vergangenheit von Mircea Eliade zu durchleuchten.

Es gibt tatsächlich eine Kontinuität des rechten Extremismus in Rumänien. In den dreißiger Jahren hatten wir die Eiserne Garde, eine faschistische Bewegung unter der Führung von Corneliu Codreanu, die mit Gewaltakten die rumänische Politik zu bestimmen versuchten und 1937 bei einer demokratischen Wahl sogar drittstärkste Kraft wurde. Aber selbst während des Krieges, als Rumänien ohnehin eine Regierung hatte, die mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete, war die Garde noch ein Hort des Extremismus. Als die Kommunisten dann 1945 bis 1948 die Macht übernahmen, brauchten sie Personal, denn sie hatten vor der russischen Besatzung gerade einmal 1000 Leute. Sie nahmen also viele Leute aus den Reihen der Eisernen Garde auf und gaben ihnen eine neue Aufgabe. In den 60er und 70er Jahren entwickelte sich die Securitate zu einer Vereinigung, die sich immer stärker nach dem Vorbild rechter Verschwörungen verstand. Das hat bis heute bedeutende Nachwirkungen, es gibt Bestseller in Rumänien, in denen die Securitate in einer mystischen Weise als Geheimbund erscheint, als eine Art Illuminati. In einem dieser Bücher heißt es, dass es Höhlen in den Karpaten mit weltweit einmaligen Kristallen gibt, die Rumänien zum energetischen Zentrum der Welt machen. Da mischt sich New Age mit nationalistischem Gedankengut.

Nun gibt es krude Mystik und Parawissenschaft auch in Ihren Büchern, man könnte oberflächlich eine Gefahr der Nähe zu solchen Motiven sehen. Worin liegt der Unterschied? Dass sich daraus bei Ihnen nie ein großer Plot ergibt, dass also nichts aufgeht?

Orbitor ist ein totaler Roman, es kann also auch – ästhetisch gesehen – ein totalitäres Buch sein, denn es ordnet alles einem poetischen Prinzip unter. Das ist der Grund dafür, dass ich kein System habe. Philosophie oder Theologie interessieren mich nicht unter systematischen Gesichtspunkten, mich interessieren die Schweißtropfen der Dinge. Meine Beschäftigung mit Mystik ist punktuell. Orbitor hat eine diffuse Konstruktion, das Projekt ist keine Kathedrale, sondern eine Wolke, oder eine Kathedrale aus Wolken, oder ein Regenbogen in den Wolken, aus denen die Kathedrale gebaut ist.

Sie wenden sich auch gegen einen wichtigen Bestandteil der rumänischen Nationalmythologie – sie unterwandern buchstäblich die Vorstellung von ethnischer Homogenität, indem sie in Orbitor die Auswanderung Ihrer Vorfahren aus Bulgarien beschreiben, sie überqueren im Winter die Donau und lassen sich in der Tiefebene nieder.

Diese Episode ist eine rekonstruierte über meine Vorfahren, ich kenne nur die Namen meiner Großeltern. Aber meine Mutter hat mir oft erzählt, dass das Dorf, aus dem sie kommt, im heutigen Bulgarien liegt. Es gab eine Überquerung der Donau, um in der Gegend von Bukarest als Bauern zu leben. Da ich nicht weiß, wie sich das genau zugetragen hat, habe ich es erfunden: einen Exodus. Rumänien ist in der Tat multikulturell und multiethnisch, aber die Rumänen wollen das nicht anerkennen, sie sind an ethnischer Reinheit interessieren und eigentlich sehr xenophob. Sie haben zum Beispiel ein großes Problem mit den Zigeunern, die bis zu zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen sollen – ich glaube, es liegt eher im Bereich von fünf Prozent, rund eine Million. Sie leben hier seit 500 Jahren. Die Rumänen hatten auch Probleme mit den Juden, vor allem im 19. und dann natürlich im 20. Jahrhundert. Nach dem Beitritt zur EUund zur NATOsollte zumindest ein Teil der Bevölkerung ein wenig offener geworden sein.

Gibt es so etwas wie eine neue demokratische Generation in Rumänien, die erfindungsreich ist? Denn die EU ist ja nicht demokratisch.

Die Sache ist sehr kompliziert. Vieles überlagert sich. Wir waren Menschen des Buches, die jungen Leute sind Menschen des Internets. Damit hat sich das ganze kulturelle Paradigma verändert. Meine Studenten lesen ganz offensichtlich immer weniger, sie verbringen viel Zeit in sozialen Netzwerken oder mit Spielen am Computer. Wenn sie eine akademische Arbeit abgeben müssen, kopieren sie gern einmal etwas zusammen. Sie sind nicht literat wie wir, sondern «wired». Das ist ein Wandel der Psychologie und der Mentalität. Wenn man sie fragt, ob sie sich als demokratischer verstehen als die Generation davor, würden sie wohl gar nicht antworten. Demokratie ist für sie wie Luft, so wie für uns die Realität unter Ceaus,escu wie Luft war, wir haben sie geatmet und gar nicht bewusst wahrgenommen. Viele von ihnen sind Chauvinisten wie ihre Eltern, es gibt aber auch sehr klare Persönlichkeiten. Die Revolution von 1989 oder das Leben im Kommunismus interessiert sie nicht sonderlich, viele waren damals ja noch gar nicht geboren. Das ist so wie mit dem Vietnamkrieg in den USA, der auch vor allem für eine Generation von Bedeutung war.

Nach zwanzig Jahren Erfahrung mit dem Kapitalismus könnte es allerdings zumindest so etwas wie eine neue Systemkritik geben.

Nicht im Sinne einer breiten Bewegung. Aber viele junge Intellektuelle verstehen sich als links, und bekämpfen das System, das nun eben der Kapitalismus ist. Sie nennen sich sogar Maoisten oder «richtige» Kommunisten, was ein wenig zynisch erscheinen mag in einem Land, das so sehr unter dem Kommunismus gelitten hat. Aber die meisten sind sehr nett, sie sind auf ihre Weise originell, indem sie eine linke Ideologie vertreten. Aber das sind Randpositionen, denn die meisten Menschen wollen die Früchte des Kapitalismus genießen.

In der Sowjetunion gab es in den letzten Jahren eine Renaissance von Stalin als nationaler Führerfigur – auf Ceaus,escu trifft so etwas aber wohl nicht zu?

Viele Leute sagen, es wäre unter Ceausescu besser gewesen, aber so richtig ernst meint das niemand. Wir haben in Rumänien einen wilden Kapitalismus, der zu starker Verarmung führt. Viele Menschen sind bitter enttäuscht und beginnen, falsche Erinnerungen zu haben. Niemand möchte aber das Rad zurückdrehen und noch einmal Ceausescu folgen. Die Menschen haben ihn wirklich gehasst. In Russland wurde Stalin tatsächlich, wenn auch vielleicht masochistisch, geliebt.

Es gibt diesen Vorfall im Leben des Schriftstellers Michail Bulgakow, den eines Tages aus heiterem Himmel Stalin persönlich angerufen hat, der ihn fragte, warum er unbedingt das Land verlassen möchte. Haben Sie Ceausescu überhaupt einmal persönlich getroffen oder gesprochen?

Es gab damals einen Schriftstellerverband, dessen Vorsitzende haben sich gelegentlich mit Ceaus,escu getroffen. Ich war aber sehr jung, meine Generation wurde von den Funktionären nur toleriert, wir waren nicht einmal Mitglieder des Verbands und hatten mit der Macht ganz und gar nichts zu tun. Ceaus,escu war unendlich weit von uns entfernt.

Das Gespräch führte Bert Rebhandl

 

Bücher von Mircea Cartarescu: Die Wissenden. Aus dem Rumänischen von Gerhard Csejka (Zsolnay 2007) | Nostalgia. Aus dem Rumänischen von Gerhard Csejka (Suhrkamp 2009) | Warum wir die Frauen lieben. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. (Suhrkamp 2008)