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Zombies im Land der Wiedergeburt Für seine letzten Filme kam Fritz Lang nach Deutschland zurück – und ging sogleich nach Indien

Von Christian Petzold

© Polyband/WVG

 

«Noch spannender. Noch gewaltiger. Noch grandioser» – so steht es in riesigen Lettern am Ende von Der Tiger von Eschnapur, um Werbung für den zweiten Teil Das indische Grabmal zu machen. Auf den Fernsehkopien war das nie zu sehen, diese DVD Edition hat die Originalnegative abgetastet, in Langs bevorzugtem Format 1:1,33. Man kann endlich die Farben sehen, das Leuchten, das großartige Day for Night des Kameramanns Richard Angst, der auch Die weisse Hölle vom Piz Palü fotografiert hat.

Ich hatte ihn mal besucht, mit einer Freundin. Mitte der 80er war das, in Wilmersdorf. Wir wollten einen Kurzfilm drehen, die Idee war entstanden in den Seminaren des Theaterwissenschaftlichen Instituts. Wir waren ein wenig satt, vom deutschen Film, von den Literaturverfilmungen, dem Themenkino, dem besonders wertvollen. Ein Spiel, am Abend: sich erinnern, an Sequenzen und Bilder und Sätze, aus Filmen. Augenblicke, Partikel. Dabei immer diese Bilder: das Blut, das aus dem durchstoßenen Korb läuft, die Leprakranken, die auf uns zutorkeln – die ersten Zombiebewegungen, die Romero Pate gestanden haben, die zuckenden Beine des sterbenden Wächters. Gesendet im deutschen Fernsehen, meist zu Weihnachten oder während des Sommerprogramms. Im Institut gab es einen Dozenten, der hatte einen Film gemacht über Richard Angst. Wir dachten, ihn zu fragen, die Kamera zu machen bei unserem Film, der sich sehnte nach Kinos, die Bali heißen oder Lux oder Smoky, mit Schaukästen und Plakaten von Filmen, die De Sade heißen und in denen Sonja Ziemann, eine Fernsehansagerin, eine halbnackte Marquise spielt. Auch diesen Film hat Richard Angst fotografiert.

Bei unserem Besuch schimpfte er über das Fernsehen und erzählte von den Arbeiten, die er liebte. Immer ging es weit weg oder hoch hinaus, in die Berge, nach Indien, in Grüfte. Er liebte Außenaufnahmen und fantastische Studiointerieurs.

Er hielt ein Streichholz 30 Zentimeter über den Boden. Kann man den Widerschein der Flamme nicht mehr erkennen, kann man drehen, dann ist das Licht da. Er schaute mich an, den Cineasten, wartete, dass ich was von Belichtungsmessern erwähne, das tat ich dann. «Ein Belichtungsmesser bei minus 30 Grad? Oder bei 92% Luftfeuchtigkeit? Ich bitte Sie. Aber Sie haben ja noch nicht gedreht …» Er hatte sich gefreut, Besuch zu bekommen. Hatte natürlich sofort gewusst, dass diese Nerds hier keinen Film zustande bringen würden.

Noch spannender, noch gewaltiger … Das ist vielleicht weniger Werbung für den nächsten Teil, ist eher Wunsch und Konzept des Produzenten. Muss doch wieder gehen, 14 Jahre nach dem Faschismus, man holt die Leute zurück aus dem Exil, macht da weiter, wo man gewesen war, bevor die Nazis alles zerstört und verbogen und korrumpiert hatten.

Riesig sind die Lettern, so, als hätte Atze Brauner selbst Zweifel an dieser Idee bekommen, von der er infiziert war und bis heute geblieben ist: das große Kino wiederzufinden. Am Anfang seiner Infektion ein Zweiteiler. Noch einmal hat er es versucht. Mit Siodmak, Kampf um Rom, auch Richard Angst als Kameramann.

Heute, über 50 Jahre später, wirkt diese Infektion aus der Adenauerzeit fort. Sie ist beim Fernsehen untergekommen, amphibisch. Jetzt gibt es keine Exilanten mehr, an denen noch Legende ist, die es auszubeuten gilt. Auch keine Stars mehr. Jetzt sind es Erinnerungsruinen: Dresden, die Hindenburg, Bunker.

Man sollte irgendwann eine Retrospektive machen: Die Filme der Zurückgekehrten. Und die von denen, die nicht zurückkehren wollten. Und die von denen, die geblieben sind.

Will Tremper erzählte uns einmal die Geschichte eines Freundes, der Verkehrspolizist in der Friedrichstraße war, den Verkehr regelte, direkt vor einem großen Filmverleih. Ich glaube, dass es die Nero-Film war. Und der Polizist liebte das Kino und wartete auf den Verleiher Seymour Nebenzal, der jeden Morgen, nachdem er im Büro die erste Arbeit erledigt hatte, vor seinen Verleih trat, um eine Zigarre zu rauchen, die Stadt zu betrachten, den Verkehr und den Polizisten, der jeden Tag seinen Posten verließ, um Herrn Nebenzal Feuer zu geben, weil er das Kino liebte.

Eines Tages war Herr Seymour Nebenzal gezeichnet – hatte Wunden, im Gesicht, auf den Armen. Während einer Premiere in der Neuen Welt am Hermannplatz hatten SA-Schläger die Veranstaltung gestürmt und ihn, den jüdischen Verleiher, verprügelt. An diesem Morgen fragte Herr Nebenzal den Polizisten, was er verdiene. Er verdoppelte sein Gehalt und stellte ihn als Bodyguard ein. Der Polizist kündigte auf der Stelle, ließ Uniform und Verkehr zurück. Wollte das Filmlager sehen, war enttäuscht, dass es leer war. «So muss das Lager eines Verleihers aussehen», sagte Nebenzal.

Kurze Zeit später mussten sie fliehen, nach USA, Hollywood. Sie gründeten dort einen neuen Verleih, der Polizist lernte das Verleihhandwerk.

Im Gegensatz zu Seymour kehrte der Polizist zurück, nach Berlin, Ende der 40er.

Er wurde reich hier. Er machte kein Kino mehr. Ein Autohandel, mitten auf dem Kudamm, ein imposanter Bau. Will Tremper drehte dort einige Passagen aus Playgirl. Ein Film, der sich selbst eine Nouvelle Vague in Deutschland erfindet. Der in der Gegenwart ist, Luft und Licht und Körper und Musik entdeckt. Paul Hubschmid, der Abenteurer und Ingenieur aus dem Tiger/Grabmal, ist auch dabei. Er lässt sich von Eva Renzi und überhaupt diesem neuen Kino verwirren.

Am Anfang von Der Tiger von Eschnapur sitzt er an einem Nicht-Ort. Vor der Stadtmauer, neben dem Stadttor, nicht ganz draußen und nicht ganz drinnen. Es fließt an ihm vorbei, der Handel, die Menschen. Vor ihm Kinder, die ihn betrachten, der irgendwie falsch ist, an diesem Ort, nichts anzufangen weiß mit sich. Die Kinder lachen. Hubschmid ist ein Ingenieur, der auf dem Weg nach Eschnapur ist, um dort im Auftrag des Maharadschas zusammen mit seinem Bruder die Moderne zu bauen: Krankenhäuser und Schulen. Doch arbeiten sehen wir ihn nicht. Die Architekturmodelle betrachtet er wie Spielzeug. Er ist auf Abenteuer aus. Darum geht es in den Filmen. Vordergründig um Liebe und Abenteuer. Eigentlich um Architektur. Die Filme sind voller Durchgänge, labyrinthischer Kellergewölbe, geheimer, unterirdischer Tempel. Das Neue, Sachliche, Klare soll gebaut werden. Das Alte, Mythische, Geheime arbeitet darunter. Das ist großartig inszeniert. Die Inszenierung schaut Hubschmid zu, der sich darin verliert. Ein alter, steifer Abenteurer. Nichts von Belmondo, wenige Jahre später, in Abenteuer in Rio. Auch der läuft und hetzt und flieht durch Architektur. Aber in seinem Körper sind die Straßen von Paris, die Gegenwart des neuen französischen Kinos.

In Playgirl ist Hubschmid dann selbst Architekt. Er steht im Rohbau des Axel Springer Hochhauses. Er schaut hinüber, in den Osten. Hier lernt er Eva Renzi kennen. Eine Liebesgeschichte. Im Kino. Im Leben. Im neuen deutschen Film tauchen sie beide nicht mehr auf.

Fritz Lang’s Indian Epic: Der Tiger von Eschnapur | Das indische Grabmal, Masters of Cinema 2011, 2 DVDs, UK (RC 2)