spielfilm

9. Januar 2009

Holz Schnee Dunkelheit Stifterdinge Was ist eigentlich mit Philippe Grandrieux' neuem Film Un Lac?

Von Ekkehard Knörer

© Philippe Grandrieux

Seltsam wenig habe ich bisher über Philippe Grandrieux' neuen Film Un Lac gehört. Der lief in Venedig in der Nebenreihe Orizzonti und wurde immerhin mit einer "besonderen Erwähnung" ausgezeichnet, einem der üblichen Ratlosigkeitspreise, die Filme dann bekommen, wenn sie auf faszinierende, aber irgendwie nicht ganz geheure Weise sui generis sind. Aber Kritiken, ausführlichere Reaktionen: Fehlanzeige, meines Wissens. Dabei gibt es doch viele, die Grandrieux für einen der ganz großen Gegenwartsregisseure halten, die französische Filmwissenschaftlerin Nicole Brenez nur zum Beispiel – ein Interview, das sie mit Grandrieux für das Filmmagazin Rouge geführt hat, 2003, ist hier nachzulesen.

(Eine Anekdote, ohne genaue Gewähr, weil ich mich nicht mehr sehr genau erinnere: Zum 60. Geburtstag Harun Farockis in Berlin vor ein paar Jahren hatte jemand einen Film von Grandrieux – war es Sombre? ja, es war Sombre – ausgewählt. Viele sind, dem Anlass der Vorführung zum Trotz, geflohen und kamen nicht wieder. Alle, viele jedenfalls waren sauer, Farocki angeblich auch. Bei new filmkritik habe ich mal aufgeschrieben, warum ich bei aller Faszination große Probleme habe mit Grandrieux. Johannes Beringer hat dann weiter gedacht und Kluges aufgeschrieben, auch bei new filmkritik.)

Über den neuen Film Un lac hatte ich nur irgendwann noch gehört, er habe etwas mit Stifter zu tun oder jedenfalls sei Philippe Grandrieux ein großer Stifter-Fan und wenn man auf seiner Website die Synopsis zum Film nachliest, dann stimmen die Rahmenbedingungen jedenfalls, wenngleich es keinen direkten Stifterbezug gibt. Aber die Familie, der Schnee, das Haus, die Isolation. Das sind Stifters Dinge.

SYNOPSIS

The story takes place in a country about which we know nothing: a country of snow and dense forests, somewhere in the North.

A family lives in an isolated house near a lake.
Alexi, the brother, is a young man with a pure heart. A woodcutter.
An ecstatic, prey to epileptic fits, he is entirely opened to the nature that surrounds him.

Alexi is terribly close to his younger sister, Hege. Their blind mother, their father, and their
little brother are the silent witnesses to their overwhelming love.

A stranger arrives, a young man barely older than Alexi…

Ein paar Kurzkritiken gibt es übrigens doch. In der von David Cox beim Film Comment heißt es: «This fable-like tale of a woodchopper, his beautiful sister, their blind mother, and a young interloper takes place largely in either swirling snow or complete blackout, with only Grandrieux’s painstakingly constructed soundscape—creaking trees, chopping wood, cracking ice—to guide us.» Und Jonathan Romney schreibt im Programmheft fürs Londoner Filmfest: «Grandrieux doesn't make events easy for us to follow, often shooting in near-darkness, with sparse dialogue sometimes pitched barely above a whisper. But narrative apart, the film is distinctive for the unique, self-enclosed world that Grandrieux creates with a palette reduced almost to monochrome: a world of stillness and near-silence, of forbidding yet alluring landscapes whose affinities are as much with the Romantic paintings of Caspar David Friedrich, as with the cinematic ilk of Alexandr Sokurov, Bela Tarr and Fred Kelemen.» Vielleicht war was in den Cahiers, das weiß ich nicht. 

Auf der verdammt unhandlich navigierbaren Homepage von Grandrieux gibt es auch einen kurzen Auszug aus dem Drehbuch, aus dem ich hier wiederum einen Auszug zitiere:

SCREENPLAY (extract)

The next day.
Alexis is alone with the horse in the forest.
He chops away with his axe, attacking the base of a tree.
He knows his job.
His face is without shadows. Of pure heart.
The camera is near him.

Heute habe ich, was eigentlich nichts zur Sache tut, auch einen gesehen, der immer mit seiner Axt hieb, aber nicht auf den Stamm eines Baums, sondern auf schon gefälltes Holz. Das war in Götz Spielmanns sehr schönem Film Revanche, aber der Unterschied zwischen einem, der den Baum an der Wurzel fällt und einem, der das Holz, das schon nicht mehr lebt, kleinhackt, ist der Unterschied zwischen dem Kino des Spielmann (und auch der Berliner Schule, hier darf man kurz einmal verallgemeinern, und dem Kino, das Philippe Grandrieux will, dem Kino, das Nicole Brenez dann auch bei Abel Ferrara erkennt. Das war eine Abschweifung.)

Ebenfalls auf der Homepage ein Auszug aus dem Film selbst, sehr kurz nur, und den hat jemand auch bei Dailymotion reingestellt, auf Wunsch von Grandrieux oder auch nicht, mit seinem Wissen oder auch nicht. In Frankreich startet Un Lac am 18. März in den Kinos. Was immer «den Kinos» in diesem Fall heißt.