spielfilm

23. September 2011

Die Kunst, ein unfaires Spiel zu gewinnen Zu Moneyball von Bennett Miller

Von Simon Rothöhler

© Columbia Pictures

 

«Fußball ist keine Mathematik», hat Karl-Heinz – «Killer-Kalle» – Rummenigge einmal gesagt, um den Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld abzusägen. Mit solchen fachfremd-unamerikanischen Assoziationen saß ich vorhin in dem ziemlich schönen Baseball-Film Moneyball, den Aaron Sorkin (gemeinsam mit Steven Zaillian) nach dem berühmten Buch des Finanzjournalisten Michael Lewis geschrieben hat. Dass ich wenig Ahnung von dieser Sportart habe, wusste ich vorher schon und auch, dass das nachrangig sein würde – zumal bei einem Film, der Diskussionen zwischen Talent Scouts fast wie ein Courtroom Drama inszeniert. Der sportkulturübergreifende Kern der Geschichte wird jedem Fußballfan, der letztes Jahr etwa die Arbeit von Thomas Tuchel verfolgt hat, ziemlich bundesligareif vorkommen. Ein Kader aus unterschätzten (oder immer falsch eingesetzten) Spielern ergibt in dieser Erzählung ein Team against all odds, das die Geldtabelle invertiert, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Innovation ist hier Produkt der Fähigkeit, einen Perspektivwechsel auf tradierte Urteilsstrukturen konsequent in die Praxis zu übersetzen. Gelingende Modernisierung ist Effekt einer besseren Idee, die sich jemand so zu eigen macht, dass sie auch in einem enorm rückständigen kulturellen Umfeld Wirklichkeit werden kann. Sorkin wäre nicht der intelligenteste amerikanische Mainstream-Autor, wenn er das romantische Moment dieser wahren Geschichte (es geht um den Siegeszug der vergleichsweise mittellosen Oakland Athletics in der Saison 2002) nicht mit dieser tollen Überdeutlichkeit präparieren würde: die unwiderstehliche Realitätsmächtigkeit (für Habermasianer: der zwanglose Zwang) einer überlegenen (Spiel-)Idee  (apropos Mächtigkeit: Jonah Hill wiegt den wie immer etwas tumben Brad Pitt locker auf). Wenn in Moneyball ein Vertreter der alten Garde einen Spieler mit der Begründung aburteilt, er tauge nichts, weil er eine häßliche Freundin und deshalb offenkundig wenig Selbstbewusstssein habe, muss wohl jeder PayTV-Abonnement wider Willen an die dicke Hose denken, die Sky-Experte Stefan Effenberg jeden Samstag in die Kamera hält.

Moneyball (Bennett Miller) USA 2011 (startet am 8. Dezember 2011 auch in Deutschland)