filmkritik

29. Februar 2020

Hinter der Barriere Die Zeitschrift FILMKRITIK vor 50 Jahren (17): Heft 02 1970

Von Bert Rebhandl

Im Tagebuch wird ein (wie wir inzwischen wissen: bedeutendes) Ereignis vermeldet: «Die Freude der Deutschen Kinemathek Berlin haben trotz finanzieller Schwierigkeiten am 1. Januar das Kino Bayreuther Lichtspiele (Welser-/Fuggerstraße, Nähe Wittenbergplatz) übernommen und führen es unter dem Namen Arsenal weiter.»

Joachim von Mengershausen berichtet aus Stuttgart vom workshop film 70, wo man das «andere Kino» zeigt. Dazu zählen auch Filme des Wiener Aktionisten Otto Muehl Libi 68, Apollo 11 und Scheißkerl – «porno-, vagina-, piss-, brech- und scheißaktionen», begleitet von Brahmsmusik. «Von diesen letzten drei Filmen ging alle Diskussion aus, zu ihnen kehrte alle Diskussion schnell zurück. Denn andere der vorgeführten Filme wie Square Dance und Reproductions von W & B Hein, Happy end von Kurt Kren oder Das abenteuerliche, aber glückliche Leben des William Parmagino von Klaus Wyborny sind zwar von ähnlicher Radikalität wie die Muehls und wirkten auf viele der Zuschauer geradezu malträtierend (Wybornys Film mußte sogar abgebrochen werden). Doch ihre Radikalität, ihre kulturzerstörerische Absicht waren, da sich diese vor allem in der ungewohnten Verwendung des Filmmaterials, überhaupt des technischen Mediums Film zeigte, später von den aufgebrachten Diskutanten leichter zu entschärfen – mit Begriffen wie «Dilettantismus» ¬– als die nicht einfach wegzuredenden Schockbilder und Szenen des Otto Muehl, die, wie einer der Redner treffend bemerkte, sich „weit hinter der Barriere“ befinden, die das der Kunst zugewiesene Terrain abgrenzt.»

In Oberhausen hat Jörg Peter Feurich eine Seminar über «Kultur- und Dokumentarfilm im Dritten Reich»: In «Leni Riefenstahls Triumph des Willens (1935) gerät das Verhältnis von Vorwurf (dem Reichsparteitag) und Vermittlung, von Authentizität der Sache und des Films außer Kontrolle», es bedarf der «Anstrengung eines ästhetischen Urteils, das den abnormen Schönheiten ihrer totalen Dramaturgie bis in ihren Kern nachspürt: einer Unfreiheit der Sinne, in der die Obsession einer monumentalen Ordnung (...) sich als Stilisierungen einer latent unterdrückten Erotik erweisen.»

Gerhard Theuring probiert mit seinem Text I want to show you different emotions etwas. «Es macht immer weniger Spaß, ins Kino zu gehen.» Godard enthält alles, Vlado Kristls Italienisches Capriccio ist ein utopischer Film. «Vlado Kristl filmt so, als wäre er noch nie im Kino gewesen. ... Das Kino beginnt nach dem Ende der Vorstellung. Ich gehe immer weniger gern ins Kino.»

Truffaut schreibt über seinen Film Das Geheimnis der falschen Braut: «In der Sirène bewunderte ich vor allem die Aufteilung der Ereignisse ...den Weg des Gefühls mit einem physischen Weg synchronisieren ... Belmondo ist der vielseitigste Schauspieler Europas, er ist drei Personen: die von Sganarelle abstammende, die von den Helden der amerikanischen Gangsterfilme inspirierte, und Sohn des Gabin aus La bete humaine ... Yves Saint-Laurent hat wirklich verstanden, was Kostüme im Film sein müssen; er hat sie für die Bewegung erdacht und zugleich stilisiert. Der kleine Mantel am Ende, vor dem ich vorher große Angst hatte, ist durch ihn eine Person des Films geworden.»

Schreiben: etwas mit Wörtern zuknöpfen, damit der Leser es wieder aufknöpfe. (Enno Patalas über Das Geheimnis der falschen Braut)

Ernst Lubitsch: «Was reinen Stil angeht, so glaube ich nichts Besseres gemacht zu haben als Trouble in Paradise und nichts gleich Gutes. ... (To Be Or Not to Be hat) bewiesen, daß dieser sogenannte Untergrundgeist im deutschen Volk nie existierte.»