Literatur

29. Oktober 2019

Subgenre Aufräumroman Zu Lee Childs Blue Moon (Reacher #24)

Von Ekkehard Knörer

Blue Moon, Reacher #24, ist ein Western, Subgenre: Aufräumroman. So sehr, wie Dashiell Hammetts Red Harvest ein Western war und wie Kurosawas Yojimbo, Walter Hills Last Man Standing oder auch - in his own wicked ways - Ross Thomas' The Fools in Town Are On Our Side Western waren.  Der Ort: Kein Poisonville (Hammett), kein Swankerton (Thomas), sondern eine namenlose Stadt, einen Inch auf der Karte vom Rest der Welt separiert. Mit Frontier und anderen Western-Mythen hat das Buch nichts zu tun, raumlos und zeitlos der Schauplatz, Gegenwart wird nur auf der Sachebene eingespielt mit einem ukrainischen Gangster, der vom Zentrum der Stadt aus das Gift russischer Fake News ins Netz und in die Gesellschaft injiziert. Reacher jedoch, der Mann als stoischer Aufräumer im Augias-Stall ist ein Held, wie man ihn auch in Westernstädte einreiten sieht. 

Um die Stadt geht es diesmal, das Buch ist kaum Krimi (im Rätselsinn), kaum Thriller (im Sinn von tickenden Uhren, obwohl es schon tickt, aber es ist ein Ticken auf der reinen Strukturebene; an Nägeln gekaut werden muss dagegen beinahe nicht). Das Buch ist am ehesten die Chronik, und eben mehr Chronik als Krimi, Thriller, Erzählung im Sinn der akkuraten Aufzeichnung anfallender Daten, Handlungsdaten in diesem Fall, die Chronik eines fast mathematisch ausgezirkeltes Aufräumkommandos. Reacher knew Cities heißt es wieder und wieder, der Kenner kennt diese Sätze von Child, das also ist diesmal der Satz. Und Child kennt die Geschichte des Genres, kennt Hammett und Thomas, er weiß, wie man so etwas baut.

So wenig messy wie in Blue Moon war Lee Child selten (und damit liegt das Buch am ganz anderen Ende des Subgenre-Spektrums als das von Ross Thomas). Auf den ersten Blick absurd, da sich die Leichen stapeln und türmen, und zwar ganz buchstäblich. Zwei Gangs haben die Stadt unter sich aufgeteilt, in Ostteil und Westteil, auch das ganz buchstäblich. In diese kriminelle Ordnung fährt Reacher hinein, messerscharf jedoch, auf «ja» oder «nein», Töten und Nicht-Töten, ist die Richtschnur seines Tuns reduziert. Fast immer lautet das Urteil auf «Nein». Dieser Reacher ist beinahe kein Mensch mehr, der Held als Heldenmaschine, die kalkuliert, die Stadt fast mit Terminator- oder Robocop-Augen sieht und als reines Raster begreift.

Lee Child und Jack Reacher ziehen das konsequent durch. Das Ingenium liegt wie stets im Detail. So souverän wie hier hat Child aber noch selten seine Figuren auf dem Brett arrangiert und bewegt. Ein sehr kühler Erzählergott zieht hier die Fäden. Selbst die love story und der motivierende Krebs-Subplot sind - ich meine das als Kompliment - brutal kalkuliert und mit age- und genderparitätisch verteilten tough cookies besetzt. Mit den besten Dialogen bisher, auch dieser oft etwas schmerzliche Schwachpunkt ist nun ausgemerzt. Lee Child schreibt schon immer Nouveau-Roman-Pageturner, Avantgardeliteratur im Genregewand. So reinraum-perfekt wie diesmal aber noch selten.