serien 2010

Grilled Cheesus Zu Glee

Von Bert Rebhandl

© Fox

 

Man könnte das für pädagogische Anbiederung halten, was der Lehrer Will Schuester an der William McKinley High School in Lima, Ohio, immer wieder zur Hausaufgabe gibt: Die Schülerinnen und Schüler sollen sich mit Madonna oder Lady Gaga beschäftigen und daraus eine Idee entwickeln, ein Moment des Selbstausdrucks in einem der wichtigsten Idiome der populären Kultur. Die Sache hat aber nicht so sehr einen Hintersinn, als einen institutionellen Rahmen: Der Glee-Club ist jene organisierte Freizeitaktivität an einer High School, in der die jungen Leute sich im Singen und Tanzen üben, in Choreografien, aus denen immer wieder einzelne Performer heraustreten können, um sich die Seele (und die pubertären Nöte) aus dem Leib zu singen. Längst haben Fernsehformate wie American Idol das zu einem Breitensport gemacht, was lange Zeit vor dem Spiegel im Jugendzimmer ausdrücklich zur Zone der Intimität gehörte – sich in die Pose eines Superstars zu werfen. Inzwischen ist diese ursprünglich peinlicheÜbung rehabilitiert, ja, sie ist geradezu zur eigentlichen Antriebskraft in einem Business geworden, das nun alle alten Hits aus dem Formatradio noch einmal inkulturieren kann.

Die Fernsehserie Glee, die seit eineinhalb Jahren auf Fox in den USA und demnächst auch im deutschen Privatfernsehen läuft, wäre ohne American Idol wohl nicht zustande gekommen. So aber gelang es, im Windschatten eines Primetime-Blockbusters eine ebenso kluge wie subversive Sendung zu positionieren, die für das amerikanische «Heartland» einen Mainstream der Minderheiten ausbuchstabiert. Der Sender, auf dem Glenn Beck seine Tiraden hält und Homer Simpson dessen Publikum zur Cartoon-Kenntlichkeit entstellt, ist nun auch der Sender, auf dem Chris Colfer in der Rolle von Kurt Hummel mit brechender Stimme die Leiden eines jungen Schwulen nachfühlbar macht und auf dem die Cheerleader-Ikone Quinn Fabray (Dianna Agron) unter der adretten Uniform ein Baby austrägt – sie hat nämlich gegen das Keuschheitsgebot verstoßen, das sie offiziell noch eine ganze Weile länger vertritt. Das sind nur zwei von insgesamt 13 Figuren, die im Glee-Club von McKinley High unter der Leitung von Will Schuester immer wieder neue Songs einstudieren: eine Gruppe, die noch einmal die Idee vom «melting pot of nations» revitalisiert (und dabei sexuell auf das zeitgemäße Maß an Differenzen bringt und Behinderungen akzeptabel macht), nun aber im Zeichen von Remake/Remodel und Coverversion. Das Rollenspiel wird in Glee gerade dadurch zum politischen Akt, dass es im entscheidenden Alter geschieht: Die High School dient im Idealfall der Findung von Identität, zugleich ist aber das amerikanische Schulsystem mit seinen eingefahrenen sozialen Ritualen der freien Wahl in diesem Findungsverfahren abträglich. Athletische Jungen spielen in der Regel Football, werden Jocks und tauchen dann unter bestimmten Umständen dort auf, wo die Brüder Winklevoss in The SocialNetworkschon die Alphaposition besetzt halten. In Glee ist der designierte Jock Finn Hudson ein sensibler Junge mit alleinerziehender Mutter, und dass er sich dem Glee-Club anschließt, ist Auslöser all der anderen unkonventionellen Neubesetzungen klassischer amerikanischer Identitätsmuster. Dies alles muss dann noch gegen die rivalisierende Lehrerin und Ausbilderin der Cheerleaders, Sue Sylvester, durchgesetzt werden, die in ihren Adidas-Trainingsanzügen und mit ihrem stramm zynischen, rechtsrepublikanischen Weltbild (sie hat sogar eine Fernsehkolumne «That’s How Sue Sees It», zu ihrer Darstellerin Jane Lynch) die reaktionäre Nemesis des bunten Treibens im Glee-Club ist. Die identitäre Politik von Glee wird mit dieser Figur auch auf das ideologische Schisma in den USA hin abbildbar, das sich in großartigen Nebenhandlungen bis in die Elternhäuser einzelner Schüler fortsetzt, und in Ansätzen eben immer schon überwunden wird. Glee ist also so integrativ, wie Mainstream es nun einmal sein muss, und dabei so feindifferenziert, wie es sich in Folgen von jeweils 45 Minuten machen lässt – die zweite Staffel läuft in den USA schon, in Folge 3 wird Finn das Gesicht von Jesus in einem Grilled Cheese-Sandwich sehen: Grilled Cheesus. That’s How Glee Sees It.