Serien 2019

Dramen des Geschmacks Über Emily Nussbaums I Like to Watch

Von Johannes Franzen

Die besten Essays können unsere Meinung auch gegen unseren Willen ändern. Dafür brauchen sie keine zentnerschweren Materialsammlungen oder schweißtriefende Theorieanstrengungen; dafür brauchen sie nur eine Stimme. Die Lektüre eines solchen Textes fühlt sich nicht an, als würde man einer Sammlung von Argumenten folgen, sondern dem Drama eines persönlichen Geschmacks. Dieser Geschmack erscheint gleichzeitig individuell und universal, auf der Sachebene absolut einleuchtend, auf der emotionalen Ebene von großer Dringlichkeit. Das Zusammenspiel dieser Ebenen – die Sache und das Gefühl – charakterisiert den essayistischen Stil.

Die Fernsehkritikerin Emily Nussbaum beherrscht diese essayistische Dramatisierung des eigenen Geschmacks mit großer Virtuosität. Man liest ihre Kritiken aktueller TV-Serien mit dem Genuss, den man an einem Individualstil empfindet, unabhängig von ihrem Inhalt. Auch das macht die besten Essayist*innen aus, dass man sich auf die Lektüre ihres nächsten Textes freut, egal, worum es gehen wird. Nussbaum ist eine dieser Autorinnen. Als Programm ihres Schreibens kann man einen Satz aus einem Interview lesen: «Criticism is a form of theater».

Das kann zu heftiger Gegenwehr führen. Nicht alle Menschen reagieren positiv darauf, wenn die Kunst, die sie lieben, von einer charismatischen Stimme attackiert wird. Nussbaums Kritik der Serie True Detective ist dafür ein gutes Beispiel. In ihrer Essaysammlung I Like to Watch, die dieses Jahr bei Random House erschienen ist, schreibt sie aus der Retrospektive: «No piece has gotten me more aggressive hate mail.» Ein aufgebrachter Leser habe ihr einen handgeschriebenen Brief geschickt, der sie als «Prinzessin» adressierte, um ihr Ahnungslosigkeit zu unterstellen. Nussbaum gesteht halb amüsiert, dass sie den Text geschrieben habe, um sich dem Hype, der um True Detective enstanden war, entgegenzustellen: «To be fair, this essay is written with a certain obnoxious flair, because I was trying to puncture what felt like a gaseous balloon of overpraise, three-quarters of the way through the first season.»

Hier kommt die für Nussbaum charakteristische Freude daran zum Ausdruck, Fernsehserien, die sich zu ernst nehmen, die sich in den Stil der großen Männerfilme einkleiden oder auf dem Rücken verbrauchter Konventionen (Serienkiller, Crime, Drama) große Kunst simulieren, als Kitsch zu entlarven. Fernsehkitsch ist für Nussbaum aber eben nicht das Bunte, lustvoll Affirmative, sondern die pompösen Versuche, durch Nietzsche-zitate und Frauenleichen den Eindruck von dunkler Tiefe zu erschleichen.

Ihr Stil wechselt dabei zwischen sardonisch und lakonisch; oft bewegen sich die Essays von einem pointenreichen Beginn hin zu einem ernsthaft-nüchternen Urteil: Der Text über True Detective etwa beginnt mit der Beobachtung, dass die Opening Credits der scheinbaren narrativen Komplexität der Serie widersprechen, weil dort die genreüblichen kantigen Männergesichter und «close-ups of female asses, crouched over spiked high heels» dominieren. Diese Hintern sind, wie sich herausstellt, nicht dekorativ, sondern essentiell: «And the deeper we get into the season, the more I’m starting to suspect that those asses tell the real story.» Von hier aus geht es um Nussbaums Ermüdung mit dieser Art von maskulinistisch geprägten Narrativen und ihrem eigenen Unwillen, darauf im Stil des cool girl («a good sport when something smells like macho nonsense») zu reagieren. Der selbstreflexiven Passage folgt dann der klare feministische Ärger: «To state the obvious: While the male detectives of True Detective are avenging women and children, and bro-bonding over ‹crazy pussy›, every live woman they meet is paper-thin.»

Und auch das ist wichtiges Charakteristikum von Nussbaums essayistischem Stil: die notwendige Vermischung ästhetischer und politischer Urteile. True Detective versagt aus dieser Perspektive nicht nur handwerklich, sondern auch moralisch, weil die Serie einen großen Teil ihres Identifikationspotentials aus konventionellen Geschlechterstereotypen bezieht. Dieses moralisch-politische Versagen ist wiederum auch ein ästhetisches, weil es die Figuren leblos und unfreiwillig komisch erscheinen lässt.

Fernsehen ist für Nussbaum ein genuin politisches Medium, gerade, weil die Kommunikation mit den Zuschauer*innen eine so große Rolle spielt. Viel stärker noch als bei Literatur oder beim Film werden in der Diskussion über Serien Fragen von Zugehörigkeit, Habitusfragen und Fragen der persönlichen Moral verhandelt. Die Reaktion des Fans, der es auf sich nimmt, die Fernsehkritikerin des New Yorker als «Prinzessin» zu adressieren, bestätigt auf der Ebene der Rezeption das vernichtende feministische Urteil über die Serie. Und das ist bedeutsam, weil die Rezeption von Fernsehen in besonderer Weise einen gemeinschaftlichen und gemeinschaftsstiftenden Akt darstellt.

Nussbaums Sprecherinnenrolle ist die Rolle des professionellen Fans – ein Modus der Rezeption, der dem Medium Fernsehen angemessen erscheint. Als Fan und in der Sozialfigur des Fans gelingt es Nussbaum besonders effektiv, ihre kulturpolitischen und ästhetischen Obsessionen zu dramatisieren. So erzählt sie die Geschichte, wie sie zur Fernsehkritikerin wurde, als Erweckungserlebnis, das allerdings nicht durch eine der kanonischen Serien des sogenannten «Golden Age of Television» ausgelöst wurde, sondern durch Buffy the Vampire Slayer.

Die begeisterte Gefolgschaft für diese Serie entstand aus der Freude an einem Experimentalismus, der, wie es schien, genuin aus dem Medium Fernsehen hervorging. Dieses Spiel mit den Elementen einer eigenen Kunstform stand in einem gewissen Gegensatz zu den Sopranos, die mit großem Getöse das Medium Fernsehen «revolutionierten», es aus der Schmuddelecke holten und in eine ewige Schleife aus Vergleichen mit Filmen und Romanen eingliederten. Aus dieser Gegenüberstellung – Buffy vs. Sopranos– resultiert eine kulturpolitische Irritation, die das Denken Nussbaums über Fernsehserien stark geprägt hat. Über die Art, wie Buffy wahrgenommen wurde, heißt es: «It was a girl show. It was a teen show. It was geeky, jokey, romantic, juvenile, and formulaic. It was disposable—a Dixie Cup.» Dagegen waren die Sopranos«the canonical stuff, the keeper: It was masculine, literary, weighty, bleakly challenging, a rule-breaker. It was more like an original vinyl copy of Blood on the Tracks

Hinter der ausgestellten Ironie macht sich echter Ärger über diese Art der gegenderten Kulturpolitik bemerkbar. Nussbaum führt den Kulturkampf um die Anerkennung von Fernsehen auf einer Ebene, die sich nicht damit zufrieden geben möchte, dass man das Medium in einer bestimmten Manifestation einfach in etablierte Kunstformen eingliedert: ‹der neue Roman›, ‹wie ein Film› etc. So kann man ihre Essaysammlung auch als Gegenentwurf zu Büchern wie Alan Sepinwalls The Revolution Was Televised oder Brett Martins Difficult Men lesen, die die Revolution des Fernsehens in den letzten 20 Jahren als eine Art Reenactment des New Hollywood erzählen, in dem männliche Mavericks gegen ein festgefahrenes und kommerzialisiertes System große Kunst über Männer geschaffen haben. Es gibt in I like to Watch eine ganze Sektion, die mit «Girls Girls Girls» überschrieben ist, wo es um Lena Dunhams Girls, Amy Schumer oder The Unbreakable Kimmy Schmidt geht.

Nussbaums Essays sind allerdings kein Feldzug gegen die gewichtigen Dramen des «Golden Age». Es gibt lange und oft begeisterte Essays über die Sopranos, The Americans oder The Leftovers. Aber auch in der Analyse dieser Serien geht es immer darum zu zeigen, wo diese – scheinbar das Medium transzendierenden – Geschichten immer Genrekonventionen der Serie aufweisen, wo sie eben immer noch Fernsehen sind. Über House of Cards heißt es: «for all its elegant contours, the show is marbled with camp.» Der größte Fehler David Finchers sei es gewesen, diesen Camp nicht anzuerkennen. Deshalb sei auch Scandal ein besseres Kunstwerk als House of Cards: «Because Scandal is so playful, and is unafraid to be ridiculous, it has access to emotional colors that rarely show up in Fincher’s universe, the aesthetics of which insist we take it seriously.»

In der mangelnden Scheu vor dem Lächerlichen, vor dem Übertriebenen, vor dem Camp, sieht Nussbaum ein Alleinstellungsmerkmal der Kunstform Fernsehen. Eine Serie wie Scandal, die ihre Herkunft aus dem Reich der seriellen Unterhaltung nicht verleugnet, wird den Stärken des Mediums viel mehr gerecht, als eine scheinbar seriöse Serie wie House of Cards, die versucht, ein überlanger Film zu sein. In diesem Fall erscheint auch der externe Druck der Zuschauer, der Fans als etwas Gutes, als eine Quelle von Inspiration, die anderen Kunstformen fehlt.

Wie die Geschichte von House of Cards gezeigt hat, kann dieser externe Druck eine starke politische Komponente annehmen. Dass der Hauptdarsteller Kevin Spacey nach Vorwürfen von sexuellem Fehlverhalten aus dem Narrativ entfernt wurde, ist nur ein Beispiel dafür, wie stark das Medium Fernsehen zum Schauplatz der großen Kontroversen unserer Zeit über den Zusammenhang von Ästhetik und Moral geworden ist. Nussbaum kommt auf diese Fragen immer wieder zurück. In ihrer «bad fan theory» zeigt sie anhand der Figur des großmäuligen, rassistischen, aber irgendwie doch liebenswerten Familienvaters Archie Bunker aus All in the Family, wie Identifikation mit einer Figur, die nicht als Identifikationsfigur geplant war, die Zuschauer*innen in die moralischen Probleme einer Erzählung einbindet. In einem langen und persönlichen Essay «Confessions of the Human Shield» stellt sich Nussbaum angesichts der #metoo-Bewegung schließlich selbst dem Problem, wie sie als Fan (etwa von Woody Allen) Verantwortung in Bezug auf die Frage «What should we do with the art of terrible men?» übernehmen muss.

Emily Nussbaum: I Like to Watch: Arguing My Way Through the TV Revolution (Random House 2019)