6. April 2026
Notizen 2026
APRIL
6.4. Die Toten (Christian Kracht, Schweiz 2016)
Das Buch entzieht sich, so viel steht fest, gängigen Kategorien: dem Historienroman, als das es sich mit wahllosem Kolorit und Namedropping-Willkür gibt, durch bewusste Anachronismen, Verquirlung des Überlieferten mit abstruser Fiktion; der Persiflage dadurch, dass nicht klar wäre, was Kracht hier eigentlich persifliert; dem bloßen Zitateklamauk durch die Ansiedlung in einer finsteren Zeit (1932) und in existenzieller Situation (japanisch-deutsche Faschismus-Annäherung; Flucht von Eisner und Kracauer aus Deutschland) – dann aber stößt Chaplin mal eben so eine der beiden zentralen Figuren tödlich ins pazifische Meer, woraus dann, trotz kurzer Subjektive des Ermordeten, weiter nichts folgt; der literarischen Ernsthaftigkeit durch ein Sprache, der ich nicht ablesen kann, wie weit ihre Manieriertheit als nicht gekonnte gewollt ist; denn wäre sie gewollt, entzöge sie sich jeder Deutbarkeit, denn alles ist daran schief: gezierte Wörter werden erfunden, es gibt peinlich bildungsprunkende Malapropismen, eine betäubende Fülle von Adjektiven und von Bildern, die nichts und niemanden treffen. Und so stellt sich die Frage, ob hinter all diesem Entzug, hinter bedeutenden Namen, mit denen der Autor frivol nach Lust und Laune verfährt, hinter Gewalt, Blut, Sex, an denen er keineswegs spart, hinter einer Sprache, die außer geschmacklosem Zierrat nichts ist, hinter dem politischen Vordergrund in seinen überdeutlichen Zeichen, hinter der körperkarikierten Hauptfigur namens Nägeli und dem Film, den er in Japan dreht und in Zürich vorführen wird, etwas anderes steckt als eben nur: der Entzug, ein ständiges Sich-Entziehen der Signifikanten, die aber, wie man es dreht oder wendet, komplett hohl bleiben, weil sie auf nichts als Schall und Quatsch hinauswollen und vor allem auch: können. (40cp)
5.4. Die Zeitmaschine (Helgard Haug/Rimini Protokoll, Staatstheater Cottbus)
Das eigentlich Interessante an den dokumentartheatralen Rimini-Protokoll-Produktionen waren stets die Experten des Alltags: fremd auf der Bühne, auf der sie mit kleinen illustrativen/didaktischen Gimmicks das ihnen Vertrauteste einem Publikum präsentieren. Das Illustrative/Didaktische daran: meist eher naja. Helgard Haug hat sich von der Ursprungsformation, die seit längerem unter dem eingeführten Namen jede*r für sich inszenieren, am weitesten vom dokumentarischen Kern der Unternehmung entfernt. Mit Die Zeitmaschine macht sie sich jetzt an die Theaterversion eines Romans. Auf der Bühne: professionelle Schauspieler*innen, postdramatisch, Autobiografisches kurz eingesprengselt, als sie selbst, den Roman, H.G. Wells’ Die Zeitmaschine, in der Hand, aus dem sie lesen. Technisch up to date war Rimini Protoll auch schon immer, so werden jetzt, teils als quasi-szenische Fassung von Passagen aus dem Roman, Bildschirme an Stangen über die Bühne geschoben: darauf Kindergesichter der Elois. Die Morlocks sind dann später menschliche Wesen in zusammengeknuddelten Kostümen. Zu den Darsteller*innen/Leser*innen fügt sich, hinten links am Klavier, Barbara Morgenstern, die für die etwas zu kirchentagshafte Musik, auch des pastellfarbenen Chors, zuständig ist. Eine weitere Ebene kommt dazu, nochmal gespalten: Es sprechen auf den Stangenbildschirmen Expertinnen und Experten (von Florence Gaub bis Mojib Latif) über die Zeit, vor allem die Zukunft, über die sich auch die Darsteller*innen zwischendurch Gedanken machen. Und die Aufnahmen eigentlich Fotos, per KI noch einmal zum Bewegtbild verfremdet – ein Gimmick, KI als platte Metapher eines technisch Zukünftigen, mehr ist da nicht. So wird hier allerhand übereinandergeschichtet. Aber bloße Schichtung ist noch nicht Komplexität: Statt sich zu einem in- und gegeneinander gespannten ästhetischen Ganzen zu fügen, liegen am Ende die Bruchstücke, einander durch bloße Assoziation oder Illustrierung verbunden, reichlich zerstreut. (50cp)
4.4. Eyes to Fly With (Einzelausstellung Graciela Iturbide, c/o Berlin)
Graciela Iturbide blickt nie von außen, und sie macht sich mit dem, was sie fotografiert, nie ganz gemein. Sie kommt den Communities, die sie porträtiert, sehr nahe, besonders nahe in den Langzeitprojekten: der Serie Juchitán de las Mujeres über die Gemeinschaft/Gesellschaft der Zapotek*innen in Mexiko, der Blick fällt auf Frauen, die in dieser Gesellschaft mit großem Selbstbewusstsein, und mit Leguankopfschmuck, auftreten können. Die Bilder, die Personen, sind stets inszeniert, sich des Inszeniert-Seins bewusst, aber stets in einer Umgebung, die ihnen eine (auch sozial) natürliche ist, Studioaufnahmen finden sich nicht im Werk von Graciela Iturbide (das Studio wäre in seinen Künstlichkeitsarrangements in diesem Sinn, Innenraum hin, Innenraum her, ein Außen). Der Blick der Porträtierten, meist sitzen, stehen sie frontal zur Fotografin, die Art, wie sie ihre Körper präsentieren: Aus beiden, aus allem spricht der Respekt, der das Verhältnis der Porträtierten und der Porträtierenden prägt. Iturbide lässt sich, ohne sich gemein zu machen, auf das ein, was sie zeigt, eine Form von Einverständnis, die nicht dasselbe wie Affirmation ist, Teil des Prozesses einer ethnografischen Annäherung, die den Spannungsraum zwischen Streben nach Objekivität und going native auszuhalten versucht. Ziegenrituale, Sexarbeiterinnen, die Gang-Kultur der mexikanischstämmigen Cholos in Los Angeles; sogar die postume Annäherung an Frida Kahlo, die Fotos (die einzigen hier in Farbe) aus versiegelten Räumen, die Spuren der Künstlerin aufbewahrt haben (Korsett, Schmerzmittel, Prothesen), von Iturbide mit großem Respekt neu arrangiert. Noch auf Landschaften, Kakteen, Vögel am Himmel fällt dieser Blick, der bei allen Old-school-harten Schwarz-weiß-Kontrasten und Schattenrissen Mythisches aufruft, ohne vollends zu monumentalisieren. Iturbide stellt nicht Ikonisches hin, sondern begreift sich, was man beim Betrachten nachbegreift, zum Teil der Darstellungsapparatur, die nicht nur die Kamera und die aufgezeichneten Figuren und Gegenstände, sondern auch das Einbegriffensein der Fotografin umgreift. (80cp)
3.4. Aufzeichnungen eines Serienmörders (Kim Young-ha, Südkorea 2020)
Der Ich-Erzähler dieses Romans war Tierarzt, nun ist er verrentet. Und er wird, wovon er zunehmend unzuverlässig erzählt, dement. Was er auch war: ein Serienmörder, er hat, wenn man ihm glauben darf, seine Mutter und viele weitere Menschen getötet und sie im Bambushain vor seinem Haus vergraben. Er hat angefangen, Gedichte zu schreiben, er hantiert mit Haikus. Er lebt mit seiner Tochter zusammen, wie er erzählt, aber das stimmt, wie sich herausstellt, so nicht. Das Erzählen progrediert, von Erinnerungen unterbrochen, aber das Vergressen progrediert auch, Szenen, die klar sind oder scheinen, wechseln sich mit Ereignissen ab, mit denen etwas, man weiß nicht immer was, nicht stimmen kann. Ermittlungen finden statt. Eine einzelne Hand wird aus der Erde gebuddelt. Im Lover der Tochter, die nicht seine Tochters ist, und ihr Lover ist auch nicht ihr Lover, will er einen Serienmörder erkennen. Eine Erzählung, die - angesichts des Themas: frivol - mit der Unzuverlässigkeit ihres Erzählens spielt, hier und da dem Leser Vorsprünge lässt, dann wieder Zweifel streut durch den Filter eines Bewusstseins, das flackert. Der verdienten Strafe entgeht dieser Held, während ihn eine unverdiente ereilt. Schön unangenehme Lektüre, man wird mit einer üblen Figur in einen Käfig gesperrt, dessen Umwelt und Umfeld man durch die narrativen Gitterstäbe hindurch nur ahnt, nie vollends begreift. (70cp)
2.4. GR!NGE (Text, Regie: Luna Caric, Jonathan Dési, P14 Volksbühne, Premiere 1.4.)
Steht ein Haus in Buxteheide: Unten Bar, oben Rumhängecouch, dahinter Platz für Gemälde in Öl und davor Platz auf der Bühne (klein, Volksbühne 3. Stock), senkt sich ein Mikro herab, zum Battle-Rappen, Trappen, Spitten und Hausaufgabenabfragen (was sind die fünf Bestandteile von Rap, fünftens, kann das sein, Brotobox). Man sitzt und hängt sprachlich rum, shooting the shit, diesdasananas, auf den Sitzen fürs Publikum findet sich, schwarz auf rot, ein Jugendsprache-Glossar, das sich allerdings auch Insiderwitze erlaubt wie die Sache – sehr lustiges Tiefkühl-Video - mit dem Anti-Zartmann, aber das erklärt ich jetzt nicht. Zwei kommen am Ende groß raus oder jedenfalls nach LA, einer ist mit zurückgegeltem Haar glücklich verspießert, allen wollen oder fordern Respekt, viel Quatsch, ziemlich viel Cringe, aber lässig, oder viel Cringe und ziemlich viel Quatsch, aber lässig, edle Sneaker, freshe Pferde und Bienen, nicht so fresher Rekrut, schön schlechte Witze, eine echt unnormal große Vape, der Stein der Weisen (ein Haschklumpen oder mehr), am Ende enthüllt die Figur mit der Cro-Maske ihr Gesicht (nee, Quatsch, eben nicht).
Ich verliebe mich so leicht (Hervé Le Tellier, F 2022)
Ein Mann, er ist fünfzig, fliegt nach Schottland, um dort eine Frau, sie ist dreißig, zu treffen, mit der er in Frankreich was hatte. Im Gepäck: Ein Erzähler, der über diesen Mann alles weiß, er kennt das Begehren, die Sorgen wegen des nahenden Alters, er kommentiert das in launigen Kapitelüberschriften und hält auch sonst semiironisch Distanz. Die Frau, die der Mann trifft, will nicht (jetzt nicht, hier nicht), was der Mann will. (Sex.) In der Landschaft sind viele Schafe. Im Café bandelt der Mann kurz vor der Rückreise mit einer anderen an, Rezeptionistin im Hotel, ein Ferienjob, sie geht bald nach Paris, will Schauspielerin werden. (Feydeau, Beckett.) Dann Rückflug. Uninteressanter Mann, selbstgefälliger Erzähler, fluffiger Text. («Sehr französisch.») (43cp)
1.4. The Man Without a Face: The Unlikely Rise of Vladimir Putin (Masha Gessen, 2012/2019)
Das Buch erschien 2012. Vor der Krim-Annexion, vor der entschiedenen Wende zum Kulturkampf, zu dessen zentralen Elementen der Kampf gegen LGBTQ-Rechte gehört. Das stellt Gessen selbst in Nachwort und Postskript der Ausgabe von 2019 fest. Es ist eine Wende, die they als so neu beschreibt (nicht zuletzt mit der Entlassung des vergleichsweise subtilen Ideologen Surkow verbunden), wie mit der Figur, die in der Biografie porträtiert wird, vollkommen konsistent. Putin ist bei Gessen der KGB-Mann, der nicht den mindesten Sinn für das Staatswesen als demokratischeVeranstaltung hat, ein Bürokrat durch und durch, engstirnig, habgierig, rechthaberisch, intellektuell mehr als gegrenzt: eine Figur der Banalität des Monströsen. Dabei hält Gessen sich mit dem Deuten über weite Strecken zurück, diagnostiziert eine Gier vor allem danach, an sich zu reißen, was ihm nicht gehört. Schritt für Schritt geht they die Wegstrecke ab, von den Anfängen des Politikers im Umfeld des verlogenen Antidemokraten Sobchak, über den fatalen Irrtum Beresowskis, der den unscheinbaren Bürokraten als fügsamen Niemand verkennt; die Enteignungen der Oligarchen, die mutmaßlich von ihm angeordneten Morde, Anschläge, die Skrupellosigkeit und die Unfähigkeit, im Unglück (Kursk) den Staatsmann zu geben. Das Buch kulminiert in einer persönlichen Begegnung im Kreml, in der sich das ohne direkte Anschauung geformte Bild nur bestätigt: Gessen ist bis 2013 in Russland, schreibt für diverse Publikationen, zur Begegnung führt ironischerweise ihre Kündigung beim Brotjob, einem populärwissenschaftlichen Magazin, in dessen Bereich Putin mit seinen Auftritten mit Leoparden und Bären zu räubern begann. Angesichts der Proteste endet die Fassung von 2012 optimistisch. Nach deren Niederschlagung, der Krim-Annexion und der Wendung zum antiqueeren Kulturkampf gegen den Westen hat sich die 2019 aktualisierte Diagnose für die Zukunft Russlands tiefschwarz verdüstert. (73cp)
MÄRZ
31.3. Die Möglichkeit von Glück (Anne Rabe, D 2023)
Das Ich dieses Romans erklärt sich, was ja kein Problem wäre, aber auch uns, was auf die Dauer doch eines ist, die deutsch-deutsche Welt. Vieles wird dabei, literarisch nicht weiter aufregend, aus dem banalen Alltag erzählt, Waren und Marken, Musik und die nachvollziehbaren Wünsche, auch zur Flucht aus der mecklenburgischen Kleinstadt, die eine Heranwachsende durchaus generisch entwickelt. Ins Generische ist das Spezifische, die ostdeutsche Nachwendezeit, auf mal mehr, mal weniger überzeugende Weise gewirkt. Seine größten Dichtepunkte entwickelt der Roman in der Schilderung zwischenmenschlicher Grausamkeit: die Mutter als mit subtilen Schweigestrafen arbeitendes, man kann es nicht anders sagen: Monster; die Kinder in der Schule und ihre unreflektierte Verachtung all dessen, was sie als nicht ihnen Ähnliches lesen; die Nazis, die jüngeren und die älteren, in denen der tödliche Menschenhass sitzt. Von diesen beklemmenden Szenen strebt das Buch aber allzu häufig ins Weite und dehnt seinerseits ins pauschal Allgemeine dieses dafür doch allzu gewöhnliche Meinungen mit sich herumtragende Ich. Die als Generalbass im Hintergrund erzählte Geschichte des Großvaters soll viel Nazi- und DDR-Historie tragen, bleibt dafür aber doch ziemlich blass. Zudem traut die Erzählerin ihrem Erzählen oft genug nicht: Was vor Augen geführt und als vor Augen Geführtes oft genug ohnehin eher unterkomplex ist, wird gerne dann auch noch erklärt. Mit so vielem, das dieses Buch will, kann man sympathisieren. Mit dem Zugetextetwerden auf die Dauer aber doch eher nicht. (48cp)
30.3. Chronik des Regens (Michael Freerix, D 1991)
Der Regen: ein Blick in den Himmel, Blick auf den Boden. Dazwischen zappelt Mario Mentrup seine Sketche, Skizzen von Witzen, weggenuschelt, in den Stadtraum gelümmelt. Wechselnde Wegnuschler, Mitlümmler, Hinterderzeitunghervorblicker, zack, weg, nonchalant will das vor allem aufs Aufnichtshinauswollen hinaus, Sketch eines Lebens, das mit einer manischen Frühstücksaufräumaktion im Chamissokiez (glaube ich) beginnt und dann Straßen, Cafés, Straßencafés, Lübars, den Westhafen unsicher macht. Nichts daran ziseliert, die Sprache nicht, die Übergänge nicht, die Körper nicht, Slacker im Berlin (very much Westberlin) der deutsch-deutschen Übergangszeit. Aber politisch ist dieser Raum nur als privater, als arrested-development-Zeit, mit lustigem oder nicht so lustigem Quatsch, Knallköpfe zwischen den Lagern. Berliner Männer (fast nur), denen ihr wehrdienstfreies Westberlin wegbricht, aber sie laufen, zappeln, witzeln im ziemlich luftleeren Raum einfach noch weiter. Der Film tut das auch, aber er findet eine Form dafür, zwischen Telefonzellen und Cafés, schwarz-weiß für das Lebensgefühl, Männerbünde, Bauchvergleich, an der Ecke steht Harun Farocki und sucht nach dem Weg, im Café sitzt Christian Petzold und spricht über schuppiges Haar. Man blickt jetzt, da Michel Freerix gestorben, das alles also vollends vorbei ist, mit unsortierbaren Gefühlen auf diesen Berliner Film, der nie Berliner Schule gemacht hat, als einen Versuch, etwas festzuhalten, indem man ihm beim Gleiten, Ausgleiten, Entgleiten zusieht. (75cp)
29.3. Stella Maris (Cormac McCarthy, USA 2022)
«Stella Maris» ist eine psychiatrische Anstalt. Stella Maris ist Cormac McCarthys letzter Roman, sechs Wochen nach The Passenger erschienen, seinem Geschwister: Was die beiden verbindet, ist, dass sie von denselben zwei Geschwistern erzählen: Alicia und Bobby Western, den Kindern eines jener Männer, die die Atombombe schufen. Was sie nicht verbindet: die Form. Stella Maris ist ein Dialog, von Anfang bis Ende. Im Gespräch sind dabei Alicia Western und ein Psychiater der titelgebenden Anstalt. Alicia ist eine so umwerfend schöne wie umwerfend begabte Mathematikerin, oder war es. So geht es in den Dialogen viel um die Rätsel der Mathematik; oder das Rätsel der Mathematik, darum, ob sie etwa Gödels Platonismus des Mathematischen teilt. Man staunt, wie tief sich Cormac McCarthy in die Materie eingelesen hat. Man staunt, ich staune, wie sich dieses Wissen um Figuren und Probleme der Mathematik in ein komplett undidaktisches, faszinierendes, dialogisches Katz- und Maus-Spiel überträgt. Auch der Psychiater gewinnt so Kontur. Von den Halluzinationen, vom Kind, das Alicia immer wieder und lange erschien, das in The Passenger seine Auftritte hat, ist die Rede. Von der inzestuösen Liebe der Geschwister, Wälsungenblut. Und von Cantor, Poincaré, Grothendieck, Dirac, von der Atombombe, dem Universum, die ganz großen Fragen, aber sie treten auf mit im Hin und Her, mehr noch im Vor und Zurück, im Geben und Nehmen von Frage und Antwort eisgekühltem Humor. Ein schmaler Roman über die ganz großen Fragen, über alles, wenn man so will, aber dieses Alles ist sprachlich und gedanklich lasergenau fokussiert. Als finales Werk eines fast neunzigjährigen Autors, das erste, in dem er eine Frau ins Zentrum stellt: schon sehr wundersam. (85cp)
28.3. Amrum (Fatih Akin, D 2025)
Hier ist allerlei in Bewegung oder wird in Bewegung gesetzt: Zum einen und ersten die Erinnerung an sehr vergangene Zeiten, das Ende des Zweiten Weltkriegs auf Amrum, in einer Mischung aus dem Generischen (manche sind überzeugte Nazis, andere nicht) und dem Spezifischen (das Weizenbrötchen mit Butter und Honig, Moby Dick), die für das Erinnerung selbst das Generischste ist. Zum anderen aber und zweiten sind die Bilder und Töne aus einer ersten Hand, der von Hark Bohm, um dessen «eigenen» Kindheitsbilder und Kindheitstöne es geht, vertrauensvoll in eine zweite Hand, die seines Schülers und Freundes Fatih Akin, übergeben: «ein Hark Bohm Film von Fatih Akin» lautet die dafür gefundene Formel. Akin jedoch lässt die Erinnerung, die Bilder, die Töne ungern in Ruhe. So setzt er die Kamer etwa in stete Bewegung, der Figur hinterher, seitwärts, hinterher und voran. Und wo es um die Ruhe geht, die der See und des Lands und schon auch der platt sprechenden Menschen darin, da ist es mit der Ruhe niemals getan: Sie wird immerzu dazuinszeniert. Und so kommt in die Sache kein Leben, nur eine Belebtheit, die nichts in sich Ruhendes hat. Was aus Amrum einen eher beliebigen Fernsehfilm macht. Von der Frage, pace Hark Bohm, warum noch einmal ein Film über die Nazizeit aus der unbedarften, penetrant unpolitischen Sicht eines Kindes gemacht werden muss, hat man da noch gar nicht gesprochen. (40cp)
27.3. Griechischstunden (Han Kang, Südkorea 2011)
Eine doppelte (wenn es reicht) Scheidelinie geht durch dieses Buch, liegt wie das Schwert im Bett zwischen zwei Menschen, von dem der Prolog berichtet: Ein Mann, aus Deutschland zurück nach Korea gekommen, ist dabei, das Augenlicht zu verlieren. Eine Frau, die das Sorgerecht für ihren Sohn verloren hat, kommt in den Altgriechisch-Unterricht dieses Mannes. Ganz eigen ihr Verhältnis nicht nur zur griechischen, sondern auch zur Koreanischen. Sprach-Zeichen-Erweckung in ihrer Kindheit. Nun aber ist sie, qualvoll für sich und für alle, verstummt. Sie schreibt noch, aber sie spricht nicht. Sie ist nicht jung und nicht schön, ihre Augenlider flattern wie die Flügel eines Insekts. Sagt die Erzählerin, aber auch deren Stimme ist nicht stabil; sie wechselt von der ersten zur dritten Person und wieder zurück, vom Subjektiven zum etwas distanzierteren Blick; die Gegenwart ist, für ihn, für sie, in der dritten und ersten Person, vom Eindringen vergangener Dinge perforiert. Dann stürzt er, die Brille kaputt, er sieht beinahe nichts mehr. Sie bringt ihn nach Hause, stumm, schreibt ihm die Buchstaben in die Hand. Die Kapitel sind kurz, am Ende springt die Geschichte auf «Null». (68cp)
26.3. Meine Mutter, ein Krieg und ich (Tamara Trampe/Johann Feindt, D 2013)
Der Ort von Tamara Trampes Geburt: ein Feld, ein Schützengraben in der (sowjetischen) Ukraine. Das Jahr 1942, die Mutter als Krankenschwester im Krieg. Ein Offizier, ein Vorgesetzter, mit dem sie schlief, der Vater hat von der Tochter, deren Gesicht die Mutter noch Jahrzehnte später an ihn erinnert, niemals erfahren. Trampe gelangte mit der Mutter und dem neuen Mann, dem Vater ihres Bruders, einem deutschen Kommunisten, in die DDR, arbeitete als Dramaturgin bei der DEFA, unter vielen anderen mit Iris Gusner, hat dann mit Johann Feindt, ihrem Partner, nicht sehr viele Dokumentarfilme gedreht. Dieser kündigt im Titel an, was er sieht: Es geht um die Mutter, die Tochter, den Krieg. Trampe fährt in die Heimat der Mutter, Käffer in der Ukraine, es regnet, Hundegebell, Armut. Sehr alte Menschen, die sie da aufsucht und dazu bringt, in den Kammern der Erinnerung und der Kleidung mit den Orden zu kramen. Fotos werden aufgetischt. Der Tauchsieder will nicht recht. Der alte Mann hat keine Lust auf den Besuch für die Frau. Dazwischen: schwarz-weißes Filmmaterial, generische Kriegsszenen, nicht so klar, ob das sein muss. Untergemischt: Aufnahmen vom Gespräch der Tochter mit der alten Mutter, freundlich im Ton, fast verschmitzt, ein sehr vertrautes Verhältnis. In der dokumentarischen Besuchserzählgegenwart ist die Mutter schon tot, so ist der Film ein doppelter Verlebendigungsakt: Noch einmal Bilder der sehr lebendigen alten Frau. Und der späte Besuch in der alten Heimat, der manche Erinnerung zutage fördert, vieles bleibt verschüttet, die eher triste Gegenwart der Ukraine ist Beifang, Blick auf ein Land kurz vor dem Beginn des russischen Kriegs. (71cp)
25.3. The Legacy of Spies (John LeCarré, GB 2017)
John LeCarré öffnet die Akten und es erscheinen vertraute Figuren: Alec Leamas, 1962 in The Spy Who Came in From The Cold an der Mauer erschossen; Peter Guillam, die rechte Hand von George Smiley; zuletzt, zum großen Finale in gelben Cordhosen und rotem Pullover: Smiley himself. Die Gegenwart, in der es per Aktenlektüre zurück in die Vergangenheit geht, ist nicht näher bestimmt. Jedenfalls post 1994, denn die Blockkonfrontation ist überwunden, Guillam mokiert sich über den neuen, postmodernen MI6-Bau. Er selbst lebt längst auf einem Gut in Frankreich, der aktuelle Boss des MI6 ruft ihn zu sich: Der Sohn von Alex Leamas hält den britischen Geheimdienst für schuldig am Tod seines Vaters und hat ihn verklagt. Im Verhör und in der Lektüre der Protokolle von einst wird nun die Operation «Windfall» rekonstruiert, bei der schief ging, was nur schief gehen konnte. Diese große Vergangenheit – Englands, des MI6, Smileys und John LeCarrés – tritt hier auf als Schatten und Satyrpsiel ihrer selbst, aber vom Autor mit großer, gänzlich nostalgie-, aber nicht humorfreier Souveränität genau als dies: Schatten und Satyrspiel inszeniert. Und so konkurriert er auch nicht mit dem eigenen Werk, sondern historisiert mit schöner Lässigkeit das «heroische» Zeitalter des Spionageromans, dessen König er war – nicht ohne den Hinweis, dass die Vergangenheit nie abschließbar ist, weil ihre fatalen Fehler gegenwärtige Monster gebären. (72cp)
24.3. Ein Sommer in Niendorf (Heinz Strunk, D 2024)
Wieder einer dieser Männer, Roth heißt er hier, die schon entgleist sind und weiter entgleisen. Von der Frau geschieden, who got religion, Unterhalt zahlend, die eigene Tochter hassend und auch verachtend, deren Geldforderung taktisch geschickt wie kalt lächelnd abgeblockt wird. Dieser Mann, Roth, zieht für den Sommer nach Niendorf, in Sachen Familiengeschichte. Ein Buchprojekt, für das er Bänder abhört, Gespräche, bei denen ihn lähmende Langeweile befällt. Dann also Außenwelt, Niendorf. Hier ein Mann, wie ihn sich auch nur Strunk ausdenken kann, eine Strunkfigur also, ein Strunkklischee vielleicht, ein Mann namens Breda, der nicht nur entgleist ist, sondern, am Ende vollends, zerfällt. Strandkorbumdreher, Spirituosenverkäufer, Stammgast in Spelunken und Restaurants, die Namen wie «Brimborium» tragen und mit monströsen Portionen überzeugen. Breda, der Trunksucht ergeben, immer einen bescheuerten Spruch auf den Lippen, von einer Körperkaputtheit, bei deren Beschreibung der Blick aus Roths Augen keine Gefangenen macht, penetrant bis zum Letzten. Dazwischen aber mehr als die misanthropischen Strunk-Üblichkeiten sortiert: ein altes Ehepaar, einander noch immer in Liebe verbunden, viel zu freundlich zu Roth, der zwischendurch besoffen einen Mann zu Tode bringt (oder auch nicht, da gibt der Erzähler keinen finalen Bescheid), der sich an eine Barfrau ranmacht, da landet der Finger von deren Freund in seinem Arsch. Dann aber gar üppiges Happy End, wenn auch à la Strunk, erst eine Runterholung durch Simone, die Dritte im Bunde, von dem einen Schlaganfall später das Paar übrig bleibt. Roth muss sein Leben ändern. Und tut es. (77cp)
23.3. Un hiver russe (Patric Chiha, F/Österreich 2026)
Wehende Fahnen, Sieg rot auf Russisch vor grauem Grund. So steigt Chiha ein, auch später Zäsuren in Grau, eine Bahnfahrt, nicht näher verortet. Das bleibt das Prinzip: Verweigerung genauer Verortung. Gewiss: Die jungen Leute im Zentrum haben Russland nach der Vollinvasion hinter sich gelassen; die Männer eher, um sich dem Krieg zu entziehen. Politische Gründe: bleiben vage. Die Reflexion: von Selbstmitleid nicht weit entfernt. Chiha platziert seine attraktiven Talking Heads anfangs gerne vor monoton-(knall)-farbigem Grund, später im (Vor)Stadtraum und hört ihnen zu. Irritierend: russische Modelkörper in Hipsterklamotten mit Frisuren in wechselnden Farben. Wovon leben sie, wie vernetzen sie sich? Man erfährt wenig bis nichts. Die zunehmende Konzentration auf ein Paar, dem Chiha nach Istanbul (sie holte ihre bei der Flucht dort gebliebene Habe) und ans Schwarze Meer (Urlaub?) folgt, klärt weiter nichts. Ginge es um irgendwelche gestrandeten Möchtegernhipster, wäre der Film einfach hohl. Mit seiner Stilisierung wenig reflexionsfähiger Russen, ist er fast schon obszön. (25cp)
Marseille 1940 (Uwe Wittstock, D 2024)
Uwe Wittstock ist in den Köpfen der Flüchtenden gut unterwegs, weiß, was sie denken, und Tag für Tag: So oder so sind sie drauf. Erstbegegnung mit diesem seltsamen Genre: So also klingt das, schreibt man Geschichte romanhaft. Erzähler: nicht allwissend, sondern mitfiebernd im Moment, Spannung schaffend, als ahnte er selber nicht, wie es ausgeht. Die dramatis personae werden szenisch vor Augen gestellt: Anna Seghers oder Hanna Arendt oder Lion Feuchtwanger auf der Flucht. Die Geliebten Feuchtwangers nicht unerwähnt lassen. Die Werke Arendts oder auch des Retters Albert O. Hirschman nur im Abspann erwähnen. Im Zentrum: der Held, Varian Fry, seine Taten, seine Kämpfe, seine psychischen Tribulationen. Handwerklich ist das gut gemacht. Funktioniert, hier schreibt einer, der das Genre beherrscht. Der viel recherchiert hat. Ob es ein Genre ist, das je den Kitsch transzendiert? Ich weiß ja nicht. (54cp)
22.3. Baumgartner (Paul Auster, USA 2023)
Baumgartner wird vorgestellt als ein Mann, der fällt und sich die Finger verbrennt: in einer Spätzeit der Schwäche. Es ist der Tod der Frau seines Lebens, ein Tod vor der Zeit, der ihn geknickt hat, aber nicht vollends gebrochen. Vorsichtig knüpft er neue Band: an der Haustür, zu einer Filmwissenschaftlerin. Er ist ein Geisteswissenschaftler, der einst – hallo, Lektorat! – angeblich zwei Semester am Collège de France studiert hat. Merleau-Ponty, ein neues Buchprojekt, in dem es um Steuerung geht, metaphorisch oder vielleicht auch nicht, von Automobilen. Es wird generationelle Vorgeschichte in die Gegenwart eingenäht. Anna, die tote Frau, kommt als Dichterin und Berichterin, selbst postum noch zu Wort. Zu läuft das nie so ganz vom Fleck kommende Buch auf die Begegnung mit einer jungen Frau, die über die verstorbenen Anna promovieren will und sich als eine Art Reinkarnation erweist. Oder erwiese, denn die Ankunft dieser Frau im Roman: Sie bleibt aus. (61cp)
21.3. Teresas Körper (Magdalene Chmielewska, Österreich 2026)
Teresas Körper schmerzt. Sie sagt: Der Körper brennt, die Füße brennen. Sie geht nun auf die siebzig, sie lebt in Szczecin, zur Arbeit ging es oft nach Berlin, in ihrem schmerzenden Körper stecken die Knochenjobs ihres Lebens. Das Geld, das sie mit der Verpachtung eines Parkplatzes verdiente, verliert sie, die Videokamera blickt auf den Parkplatz, der ihr bald nicht mehr gehört. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, nennt sich DJ Marko, sagt noch einmal «kochanie», dann ward er nicht mehr gesehen. Auch das kleine Gartengrundstück musste sie verkaufen, der Tochter, die aus Wien anreist, erzählt sie das alles nicht. Die Tochter versucht zu helfen, sie massiert den Körper der Mutter, sie hilft ihr, als die Mutter auch noch die Wohnung verliert, beim Umzug zur anderen Tochter. Die Tochter ist Magdalena Chmielewska, Teresa ist ihre Mutter, die Schwester Ola wird von ihrer Schwester gespielt. Eine filmische Familienaufstellung, die das Reale weniger nachspielt als zu nicht einfach dokumentarischen Szenen verdichtet, in denen alle die sind, die sie sind. Es ist der eine Körper der Mutter, aber er ist in einen Raum überführt, der ein genuin filmischer ist. Das ohnehin und zum einen. Zum anderen spaltet der dokumentarische Kern zwei weitere, nicht einfach dokumentarische Räume ab: den märchenhaften des Spiels der beiden Schwestern als Kinder, nicht Erinnerung, sondern ein Bezug aufs Reale durch einen Filter der Imagination; und, zweitens, den viszeralen Raum einer ganz anderen Körpererfahrung, im Tanz, die erwachsenen Töchter tanzen, wild, sich verausgabend. Es sind Abspaltungen, die sich im diegetischen Raum nicht (oder fast nicht) berühren, aber die drei Räume oder Ebenen sind auch nicht einfach getrennt. Ein Film, den nicht sehr aufdringlich Klang-, Farb- und Motivketten durchziehen. Nicht einfach ein Spielfilm, nicht einfach eine Dokumentation, nicht einfach ein Hybrid aus beidem. Und das Verschwinden der Mutter, am Ende: nicht einfach ein Traum. (77cp)
Bürglkopf (Lisa Polster, Österreich 2025)
Die Landschaft ist malerisch, Berge rufen im Winter zur Skifahrt, im Sommer geben sich die bewaldeten Hänge als das Klischee schöner Alpennatur. In Fieberbrunn wohnen Touristen, nicht weit, aber eine halbe Stunde Fußweg entfernt, sind weiter oben am Hang, von nichts als Wiesen und Bäumen umgeben, Geflüchtete einquartiert. Seit 2017 ist das eine Institution, die sich «Rückkehrzentrum» nennt: Geflüchtete, deren Asylantrag abgelehnt ist, sollen hier schmoren, bis sie freiwillig in die Heimat zurückkehren, aus der sie einst flohen. Es gibt auch solche, deren Status noch unklar ist; seit es 2019 einen Hungerstreik gab, ist vieles an der Institution erst recht intransparent. Lisa Polster will diese Institution porträtieren. Es wird ihr der Zugang verweigert. Sie darf die Unterkunft nicht filmen, sich ihr nicht einmal nähern: in einem Radius, den die Behörden noch einmal erweitern. In nachgesprochenen Telefonaten mit Beamten ist diese Grenze des Dokumentierens erklärt. Blick auf die Unterkunft: nur aus der Ferne. Gespräche mit den Geflüchteten: nur außerhalb des Radius. Und so trifft sie sie: auf Wanderwegen, im Wald, auf der Wiese, bei der Arbeit, sie haben Hilfsjobs, für die sie einen Hungerlohn erhalten, reguläre Arbeit ist ihnen verboten. Ist bei Gesprächen dabei, die sie miteinander führen oder über das Handy mit der Frau oder Freundin. Man hört vor allem Arabisch, aber auch Türkisch und Dari. Kurze Einblicke in Lebensgeschichten: die teure Flucht, die Intransigenz nicht nur der Behörden, eine Rechtshilfe, die sich unwillig zeigt. Die Unterkunft: Sie werden versorgt, es gibt Spiel und Sport. Aber das Internet ist sehr schlecht. Es gibt Gespräche mit Bewohnern der Gegend, ein Landwirt, der sich als Mensch zeigt. Bewohner von Fieberbrunn, denen der Abstand sehr recht ist. Dazwischen regenbogenfarben angemalte Diverstitätsgondeln im Sommertrieben. Nüchtern, klar, geduldig, unverwandt setzt Lisa Polster ein Bild zusammen. Das Bild eines Staats, der sich keine Inhumanität nachsagen lassen will, dessen Gesetze mit kaltem Lächeln den Zugang zum Leben in dieser Gesellschaft verstellen. Gelegentlich eine telefonische Auskunft, die zynisch verrutscht. Im Fokus die Menschen in diesem von Behörden geschaffenen Limbo. Letzterer war schon bei Dante der Kreis der Hölle, in dem jene Heiden unerlöst leben, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, als ohne ihr Zutun Heiden zu sein. (78cp)
20.3. Ich denke oft an Hawaii (Elfi Mikesch, D 1978)
Carmen in der Kreuzberger Hochbahn: So erscheint sie im Film. Carmen lebt hier nicht mehr, die Familie - alleinerziehende Mutter plus Bruder - ist nach Gropiusstadt gezogen. Nichts ins Hochhaus, ein Mehrfamilienhaus in der Nähe. Eine Straße mit Reihenhäusern: Da zwitschern auf der Tonspur die Vögel, von Mikesch enorm hochgezogen, gewaltig. Gelegentlich dringt das Zwitschern in einen fremden Bildraum. Fremde Bildräume im Vertrauten, auch fremde, exotische Töne, Musik mit Steel-Guitar-Twang und postkartenschönes Hawaii, ein Traumraum als von Filmemacherin und Porträtierten gemeinsam erarbeitete Fantasie. Dazwischen, experimentell in Wiederholungen eingetunkt, gelb: der Putzeimer der Mutter, die ihr Geld mit Putzarbeit verdient. Die gelben Handschuhe. Schwarz-weiß, farbig, farbig, schwarz-weiß, instabil, offen fürs Fremde, das weniger eindringt denn als immer schon anwesend vorgestellt ist. Kussmund, lippenrot. Gedichte von Eluard und Prévert, dazu ist die Familie auf die Couch drapiert, kostümiert (die rezitierten «Geschäfté» des Sohns, ein Ohrwurm für sich). Carmen denkt oft an Hawaii, die Mutter träumt von verzaubertem Zierat, Elfi Mikesch denkt mit, fantasiert mit leistet erste und weitere Hilfe beim Traum. Dass sich im Traumraum nichts weiter erschließt als eben nur dies, dieser Raum, als escape room, der sein eigener (Nicht)Ausweg ist, ist der Pathologie der Verhältnisse geschuldet. Kein Grund, die Fantasiarbeit, die zu nichts führt, zu verweigern. Bis zum Happy End, das keines ist, aber frau darf doch noch träumen. (74cp)
19.3. Thomas Bernhard – Drei Tage (Ferry Radax, Österreich 1970)
Ferry Radax setzt Thomas Bernhard auf eine weiße Bank. Nein, niemand setzt Thomas Bernhard auf eine Bank. Er sitzt da, er hat sich selber gesetzt. Die Kamera fährt auf ihn zu. Die Bank steht im Grünen, unter Bäumen. Erst ist Bernhard zentriert, dann aber rückt ihn die Kadrierung an Ränder des Bildes, später ist das Bild schief, dazwischen sind auf einem Monitor Bernhard-Körperteile zu sehen. Die Kamera also dezentriert Bernhard, man sieht Ausflüge ins Meta, Aufnahmen vom Dreh selbst, der Tonmann, Kabel, ein riesiger Kran fährt heran, Männer in Uniform beaufsichtigen seine Nutzung. Der Ton aber dezentriert Bernhard nicht. Niemand kann Bernhard, der spricht, dezentrieren. Nichts und niemand kann der Wucht eines Bernhard-Monologs entgehen. Es geht um die Einsamkeit als Notwendigkeit. Das Spital, der Blick auf die Wand, der schreibende Großvater, man kennt das aus den später verfassten autobiografischen Texten. Hier wird es gesprochener Monolog. Die Finsternis. Schwarzbild, das Radax lang stehen lässt. Das Schreiben als Zerstören des Erzählens. Das Schreiben als die Lebensaufgabe, die er sich gibt, weil sie ihm, anders als zum Beispiel die Musik, schwer fällt. Die Großen, an denen er sich misst: die Russen, Musil, von den Franzosen nur Valéry. Er spricht. Er wird im Bild dezentriert. 1. Tag. 2. Tag. 3. Tag. Radax stellt ihn zwischendurch auch ins Schweigen. Der Kran fährt heran, Bilder von droben. Ein Mann zwischen Bäumen. Ein Mann auf einer Bank. Kein Schriftsteller, dagegen verwehrt er sich. Einer, der schreibt. Thomas Bernhard selber sagt Schluss. Still, leer, weiß steht die Bank. (73cp)
Industry (1. Staffel, 8 Episoden, Creators: Mickey Down, Konrad Kay. USA 2020)
Der Bildschirme sind im Großräum-Office von Pierpont viele. Irritierenderweise schlägt die Serie, von zwei Ex-Bankern geschrieben, aus dem Auf und Ab der Notierungen, den Komplexitäten der Spekulations- und Finanzierungspakete kaum Kapital. Statt narrativer Rücksicht auf die Darstellbarkeit von Puts und Shorts & Co geht es primär um die an die Finanzwelt gekoppelten psychischen und Körper-Systeme. Vulgo: «die Menschen», wobei die Serie eher die Anführungszeichen betont. Wie in The Pitt zieht das Drehbuch die internen Verhältnisse über Lehrlingsbeziehungen auf: Ein Schwung Nachwuchskräfte muss sich, auch in der Auseinandersetzung mit den ihnen Vorgesetzten (die allerdings seitlich sitzen) bewähren. Anders als in The Pitt ist der Blick auf diese Verhältnisse, die Finanz-, die Psycho- und die Körpersysteme ganz und gar zynisch. Die Körper: süchtig nach Sex und nach Drugs (wozu auch das Essen gehört), beides ohne den leisesten emanzipativen Effekt. Die Psychen: süchtig nach Erfolg und Karriere (Geld ist dabei nur insofern der Punkt, als es in Trophäen ummünzbar ist). Alle anderen Werte: kommen nicht in Betracht. Was individuell ist, oder gruppenindividuell, also «divers», dient einzig als Hebel und Mittel zum Zweck einer Sucht. Zu diesem eindimensionalen Drama läuft flächige Synthie-Musik. London glitzert als reine Staffage. Work work work übersetzt sich in Party, Desk, Sex, Gespräch und dann wieder von vorne. Jeder Identifikationsversuch gleitet ab: Dies sind für einmal wirklich Figuren ohne die mindeste Interiorität. Das einzig Spannende: Wird die Serie sich in den weiteren Staffeln (wie Succession) konsequent in den Abgrund des selbst geschaffenen Wiederholungszwangs bohren? (65cp)
18.3. The Guest (Emma Cline, USA 2023)
Alex’ Kontakt zur Welt ist gestört: Das Handy funktioniert immer nur zwischendurch für Sekunden. So flackert sie sich durch eine Gegenwart, ohne an etwas oder jemandem verlässlich haften zu bleiben. Der Ort ist Long Island, Alex ist 22, ein Call-Girl, der Kunsthändler Simon hat genug von ihr, in nur kurz aufpoppenden Nachrichten wird sie von einem Mann namens Don verfolgt. Sie hat kein Zuhause, kein Geld, die Perspektive ist in erlebter Rede radikal subjektiv auf sie fokussiert, aber mehr nach Art einer Sonde, die eine soziale Landschaft kartiert, fast ohne Vergangenheit, fast ohne Introspektion. Und so gerät Alex von einem Ort und von einem Mann an den anderen. Sie schmuggelt sich in Partys, sie schmuggelt sich in Leben und flutscht wieder weg, mit Sex oder ohne. Sprung in einen verwaisten Pool, Herumliegen am Strand, hektische Bearbeitung der Rötung am Auge: ein Oberflächenroman. Einen, der das Haus eines der rich and beautiful people hütet, bringt sie in die Bredouille mit einem Kratzer auf der Leinwand eines teuren Gemäldes: ein Oberflächenritzungsroman. Einem labilen 17-Jährigen und seinem Schwanz rückt sie auf die Pelle, als wisse sie und wisse nicht, was sie tut. Am Ende schließt sich ein Kreis, und nichts, gar nichts, wird damit gut. (74cp)
17.3. Kaltes Krematorium – Bericht aus dem Land namens Auschwitz (József Debreczeni, Ungarn 1950)
József Debreczeni ist der Künstlername von József Brunner: 1905 geboren, Journalist, Autor, ungarischer Herkunft, nach dem Ersten Weltkrieg nach Belgrad gezogen. Er ist Jude, 1944 wird er nach Auschwitz deportiert. Von dort kommt er in drei verschiedene Arbeitslager, im letzten davon, Dörnhau, überlebt er, dem Tode nahe gehungert und zum Skelett abgemagert, zuletzt noch an Typhus erkrankt, das kalte Krematorium (so der Titel), als das er das (Kranken)Lager beschreibt. Das Buch ist sein literarischer «Bericht aus dem Land namens Auschwitz» (so der Untertitel). 1950 im ungarischen Original erschienen, nicht groß beachtet, zu einer Übersetzung ins Englische kam es (trotz, wie man im Nachwort vom Neffen erfährt, vieler Bemühungen) jahrzehntelang nicht. Und so wurde dieser Augenzeugenbericht erst in den 2020er-Jahren wiederentdeckt und gefeiert. Brunner ist ein Zeuge besonderer Art: Er berichtet genau, schonungslos, pathosfrei bis sarkastisch von dem, was er sieht und dem, was ihm, an Leib und Seele angetan wird. Die Raffinesse des Bösen schon an der Rampe in Auschwitz: Kaum sind die Angekommenden in die Todgeweihten und die vorläufig Weiterlebenden geschieden, wird Letzteren eine bequeme Fahrt mit dem Zug statt eines Zehn-Kilometer-Marschs offeriert. So werden die «Willensschwachen» noch einmal aussortiert, der Zug fährt ebenfalls direkt in den sicheren Tod. Ein Häftling, der unter Lebensgefahr warnt, rettet Brunner das Leben. Der ist jung und vergleichsweise stark, er arbeitet in Stollen, und überlebt. Er arbeitet, seine kühne Bitte um Versetzung ist unwahrscheinlicherweise erfolgreich, dann über der Erde, und überlebt. Er wird deportiert, aber nicht nach Birkenau, wie er denkt, sondern ins Krankenlager von Dörnhau, das von den Sowjets befreit wird. (In der letzten Nacht sind die Nazi-Mörder geflohen, die Tür stand offen, aber keiner der Gefangenen hat es bemerkt.) Es wäre nicht ganz verkehrt zu sagen, dass es József Debreczeni ist, der das Überleben von József Brunner beschreibt: als Überlebender, der dem bloßen Überleben hinterher Sprache und Form zu geben versteht. Es ist nicht der Versuch einer subjektiven literarischen Vergegenwärtigung des Erlebens, nüchtern wird beschrieben, wie den auf das Existenzminimum reduzierten fast nicht mehr Lebenden die Flucht in eine eigentümliche Form der Bewusstlosigkeit rettet (sie ist nicht Leben, nicht Schlaf und nicht Tod). Der Erzähler ist von diesem Zustand Welten entfernt: zurück in einem überscharfen, sprachlich, gedanklich präzisen Bewusstsein, das das Erlebthaben in ein Bezeugen transformiert. Was er bezeugt: das Sterben, endloses, qualvolles, sinnloses Sterben, die Abgestumpftheit, mit der die anderen, die sich alle als Todgeweihte begreifen, den Tod registrieren; aber er bezeugt auch das Gewesensein von Leidensgenossen, ihre Wesensart, von der auch im Lager und bis zum Tod Charakteristisches bleibt. Debreczeni beschreibt die Lager, das ist der hervorstechendste, vielleicht am ehesten die lange Latenz des Berichts erklärende Zug, als brutalisierte Form einer nach Maßgaben reiner Willkür hierarchisierten und ökonomisierten Gesellschaft. Es wird mit allem Handel getrieben, von Zigaretten zum aus den Mündern gebrochenen Gold, die Ausbeutung, die Verwandlung der Dinge in Tauschwert, macht vor nichts Halt, schon gar nicht an der Grenze von Leben und Tod. Nackt sind die Hierarchien der Macht, in die auch die Häftlinge gefügt werden und sich fügen, das kleinste Stück Macht wird zum Vorteil gewendet, zum eigenen Nutzen, nicht wenige befriedigen, von keinem Gesetz und keinem Gewissen gehindert, ihre sadistischen Lüste auf Kosten jener, die im Vergleich die ganz und gar Machtlosen sind. Es gibt auch die anderen, die solidarisch ihr Leben riskieren, es gibt, Heros des letzten Kapitels, einen Arzt namens Farkas, der dem Sterben bis zum Schluss trotzt, aber einprägsamer sind jene, die nicht nur mittun, sondern im Mittun das Leiden der ihnen Ausgelieferten genießen. Debreczeni zeigt und bezeugt nicht nur die Verkommenheit der Täter, sondern auch die Leichtigkeit, mit der viele der Opfer, gibt man ihnen die Gelegenheit, dieser Verkommenheit nur zu gerne teilhaftig werden. (85cp)
16.3. Abschied (Sebastian Haffner, D 1932/2025)
Kommt ein Mann nach Paris, ein Ich-Erzähler namens Raimund Pretzel, das ist der Name des Autors. Vierzehn Tage bleibt er, dann zurück als Referendar ans Gericht in Berlin, steigt ab im billigen Hotel, in dem auch Teddy lebt, die Frau, die er liebt. Er kreist um sie, aber es kreisen weitere Männer, vor allem ein Franz, der in einer trunkenen Nacht seine Hose verliert. Ein Leben der Bohème, ein Lieben voller Impuls und Verzagtheit, ein Verkrachtsein und Wiederversöhnen, Besuch im Louvre, hinauf auf den Eiffeltrum, bittere Armut, die mit jedem Franc rechnen muss, und hochfliegender Übermut, was kostet die Welt, das alles mit ganz leichter Hand (und sehr vielen unds) hingemalt, auf den Abschied zu, den der Erzähler fürchtet, in eine Zeitkapsel einschatulliert, in der nur die Nahwelt der Freundschaft, der Liebe und der Liebeskonkurrenz existiert - geschrieben im Jahr 1932 und damals nicht veröffentlicht und nach Einspruch der Tochter auch postum lange nicht. Es ist auch wirklich erstaunlich, wie hier die Liebe und das Liebesobjekt absolut gesetzt werden, ohne dass die bedrohliche politische Welt, für die diese Liebe hier vollkommen blind macht, auch nur einmal ins On gerückt wird. (63cp)
15.3. Orbital (Samantha Harvey, GB 2023)
24 Stunden sind ein Tag, aber im All. Sechs Astronaut*innen sehr unterschiedlicher Herkunft, in einer Raumstation zusammengedrängt, sechs Bewusstseine, die aus der dünnen Haut, die sie umgibt, in die Vergangenheit können, ins Philosophische auch: das Unfassbare des Lebens auf dem Planeten, den sie umkreisen, und des Nichtlebens draußen im All, in das ihre Blicke andererseits gehen, mit den schwerelosen Händen zu greifen. Eine existenziell-phänomenologische Etüde, über Abläufe, Einrichtungen, Experimente, Wahrnehmungen in der erdnah schwebenden Raumstation mühelos informiert, die sich der Science-Fiction-Spekulation weitestgehend enthält. Einzig der Start einer anderen Mission an diesem einen Tag ist hier Zukunftsmusik: Ein anderes Team schießt an der Station vor Richtung Mond, um dort mal wieder Flaggen zu pflanzen. Trotz Blick ins All und auf die anderen Astronauten gelten die intensivsten Betrachtungen doch Mutter Erde: Namentlich genannt ziehen die Kontinente, Länder, Städte vorbei, vom Menschen zwar überall Spuren, aber buchstäblich kein Mensch wirklich zu sehen. Ein Roman, der fast keine Plotstruktur hat (neben der Mondmission ein paar Beziehungsdinge, Tod der Mutter einer Astronautin zum Beispiel), erzählt in narrativ freischwebender Form, selbst kreisend, nicht alle philosophischen Überlegungen greifen, die Figuren bleiben, ohne plot gravity, etwas amorph, aber ein konsequent durchgeführtes Erzählexperiment ist das schon. (68cp)
14.3. Die Taube auf dem Dach (Iris Gusner, DDR 1973)
Wie stellen Sie sich das Jahr 2000 vor? Schweigen. Im Vorspann fliegen Menschen und starten Raketen. Wasser, Landschaft, Kühe. Die Bauleiterin, schön, selbstbewusst, verloren, zwischen dem jungen Mann und dem alten. Beim Verhandeln bringt sie, wenn es sein muss, das nackte Knie mit ins Spiel. Dem Geliebten mit seinen Besitzansprüchen bläst sie auf Plattdeutsch den Mars. Herumsitzen in den Pausen, Lesen von Heiratsannoncen, im Zimmer des arabischen Kollegen über dem Bett ein Palästina-Poster an der Wand. Es wird, reichlich, getanzt, es wird, reichlich, getrunken. Die Haare sind lang, die Nächte sind kurz. Der junge Mann geht ans Mikro und sammelt Geld für Vietnam. Später lernt er die Arbeit im Kran. Später ist er betrunken und klettert lebensgefährlich nach oben. Szenen, die wenig verbindet, viel Musik, und die ist ausgesprochen verschieden, von Schlager bis Klassik, einer geht in den Plattenladen und hört das selbe Lied immer wieder, einer sitzt am Klavier, während im Vordergrund die Eifersucht das eine oder andere klärt. Großartiger Autofahrt-Dialog, bei dem sich die Allee auf der Frontscheibe spiegelt. Die Antwort als Echo der Frage. Ein Witz. Kein Witz. Wie stellen Sie sich das Jahr 2000 vor? Der Film hat es nur mit knapper Not zu dieser Schwelle geschafft. Sofort verboten, die DDR hat ihn aus den Annalen zu löschen versucht. Gefunden, wieder verloren, wieder gefunden, schwarz-weiße Kopie. Aber der Farbfilm, das Original, ist für immer vergessen, bei meiner Seel. (80cp)
13.3. The Pitt (1. Staffel, 15 Folgen, Creator: R. Scott Gemmill, USA 2025)
Wenn es gegen Ende der Staffel zum Musikfestival-Massaker kommt, ist alles nur noch Blut, Eile, Intubieren, bohrendes Improvisieren, kühne Rettung in letzter Minute. Und Tod. Das Personal rundum nunmehr bekannt, das Tempo noch einmal verschärft, in dem die Menschen als Menschen kommen und zu Körpern werden, die nichts mehr sagen, deren Lebensdaten gemessen werden für Diagnosen, Körpern, die aufgeschlitzt werden, mit fremdem Blut vollgepumpt, weiterlebend, sterbend und tot, so dass am Ende nichts als die Betrauerbarkeit bleibt. Und auch dafür ein Raum, eine Person, die sich kümmert. Das ist The Pitt, der Emergency Room. Die, die hier eintreten, nach oft langem Warten, haben keinen Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen, denn hier regiert ein Gott in Weiß, ein Anfechtungen ausgesetzter, also, wie Götter ja meist, höchst menschlicher Gott namens Dr. Robby. Um ihn die Schar dieser, die ewig schon da sind (beim Personal, aber, Myrna, auch bei der Kundschaft), und jener, die neu sind, erster Tag, gleich höchste Bewährung, Rücksicht auf Cliffhangerzwänge: Personen als Typen, die fünfzehn Folgen lang Zeit haben, sich zu Individuen zu differenzieren. Das mit viel Walking, Running, Talking wie beim seligen West Wing, mit dem die Serie das Milieu nicht teilt, aber doch die Beteiligung von John Wells und ansonsten, dass es um schnelle Entscheidungen geht, Erfahrungen und Wissen, die auf der Stelle umgesetzt werden, auf Leben und Tod. Und was The Pitt ebenfalls mit West Wing teilt: den Idealismus, den irdischer Wirklichkeit heute mehr denn je enthoben scheinenden Glauben daran, dass das Gute, wenn schon nicht siegt, doch sein Bestes versucht haben wird. Dass hier kein einziger wirklich fataler Fehler passiert, ist ein Surrealis im nicht unbedingt kunstwidrigen Sinn: Nur der immer noch reichlich blutige Traum von einer Welt, in der alle tun, was sie können. (76cp)
12.3. Ungleich vereint (Steffen Mau, D 2024)
Das Buch ist ein Anti-Oschmann, daraus macht Steffen Mau gar keinen Hehl (und Katja Hoyer wird auch namentlich kritisiert). Das mit der Erfindung des Ostens durch den Westen hat Oschmann sich ausgedacht. Dagegen argumentiert Mau – der, das gehört zu seinen überzeugendsten Zügen, immer auch Empiriker ist – mit Erhebungen. Es ist gerade der Osten (bei aller betonten Skepsis gegenüber dem Kollektivsingular), der sich abgrenzen will, der die Differenzen betont, der sich einen Westen erfindet. Der selbst ist am Osten - natürlich auch nicht unproblematisch - gar nicht sonderlich interessiert. Mit der Differenz an sich – so sehr sich an sie tatsächliche und eingebildete Ungleichheiten und Kränkungserfahrungen anlagern und zu Projektionen und Ressentiments verdichten –, mit der Differenz an sich wäre keine Partei zu machen. Mit den Projektionen und Ressentiments, die sich an andere Fragen, Themen, Personen anlagern lassen, sehr wohl: wie man den als Ossiverstehern sich aufspielenden Wessis wie Höcke oder – auch erwähnt – dem Ost-Ost-Ost-Deutschland-Schreier auf der Friedrichstraße sieht. Auch der kam, klar, aus dem Westen. Mau stellt Oschmann vom Kopf auf die Füße: Die Differenzen und Gaps (Einkommen, Vermögen) leugnet er nicht, im Gegenteil: Sie werden, aller Voraussicht nach, bleiben. (Sich «verdauern», wie es mehrfach heißt, auch in den Begriff der «Ossifikation» hat Mau sich verliebt. Wenn es der Wahrheitsfindung dient…) Mau schont nicht den Westen, die unverändert immobile, Ungleichheiten verdauernde Gesellschaft, aber der Ossi Mau schont, anders als Oschmann, auch nicht jene Vielen im Osten, die Ostalgie an die Stelle der DDR-Aufarbeitung setzen. Stark, wenn auch nicht umstürzend neu, ist das Buch in der Diagnose. Zum Ende hin wird einerseits ausgemalt, was passiert, wenn die liberalen Demokraten und die Linke keine Rezepte entwickeln: democratic backsliding vom Osten her, à la Polen und Ungarn. Maus Rezept: Wiederherstellung von Selbstwirksamkeit. Antidot, wiederum: empirisch unterfüttert, gegen Rückzug aus dem Engagement fürs Zivile und Parteiüberdruss: die Rückeingliederung ins soziale Engagement durch Bürgerräte. Die Skepsis ist im Buch antizipiert. Aber auch mit seiner Reaktion aufs Antizipat hat er recht: Wer bessere Ideen hat, soll sie bitteschön nennen. (75cp)
11.3. Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrundert (Grit Straßenberger, D 2025)
Eine, aber im besten Sinn, ganz konventionelle Biografie. Hannah Arendt von der Wiege bis zur Bahre, mit einem Epilog, der (die Autorin ist selbst Politikwissenschaftlerin) aus zehn Arendt-Thesen zur Frage der Demokratie besteht: Hier sieht Grit Straßenberger, sicher nicht zu Unrecht, die direktesten Anschlüsse an Gegenwartsfragen. Ansonsten, kunstgerecht, the life of the mind neben dem Leben, das Arendt von Königsberg über Freiburg und Marburg, nach Paris, über das Internierungslager in Gurs, nach New York, später dann sehr regelmäßig etwa ins Tessin führt. Die Männer, die sie liebte (vor allem Heidegger, Blücher; Günther Stern/Anders eher eine Liga darunter), Feinde (im Denken kaum, bei aller Antipathie für Leo Strauss oder Paul Tillich), Freundinnen, Freunde – viele, von Benjamin zu Mary McCarthy, Anne Weil zu Karl Jaspers (eigentümliche Sonderkategorie: Charlotte Beradt, die langjährige Geliebte Blüchers, eine offenbar wenig konfliktuöse ménage-à-trois)Geselligkeit als ein Zug, der sich vom Privaten ins Theoretische zieht. Wie auch das Prinzip, dass Freundschaften Streit aushalten können, ja müssen (hier hat ihr Eichmann-Buch Verheerungen angerichtet, meist vorübergehend, aber Gershom Sholem sprach nie wieder mit ihr), und zwar bei aller Scheidung der Sphären und grundsätzlichen Differenzen: Frei heraus Konflikte, wo sie sind, zu benennen und auszutragen, ist notwendig in der Republik, belebend im oikos. Es war einfach auch Arendts Persönlichkeitstyp. Straßenberger ist einerseits Fan, andererseits scheint ihr die ungeheure Popularität Arendts auf (fast) allen Seiten fast unheimlich – gerade angesichts der Sperrigkeit eines politischen Denkens, das die Rettung der Gegenwart so emphatisch immer auch (wenn nicht zuerst) bei den Griechen gesucht hat. Die Ignoranz in Rassenfragen, die völlige Unterbelichtung des Sozioökonomischen, die Weltfremdheit eines in bourgeoisen Zusammenhängen geführten, von einem offenbar kaum zu beinträchtigenden Selbstbewusstsein getragenen Lebens des Geistes: All das wird explizit (zum Beispiel im Titel) oder implizit deutlich. Also mitnichten eine Hagiografie, sondern eine von Sympathie getragene Summe, die Einordnung bietet, direkte wissenschaftliche Anschlüsse (vulgo: Sekundärliteratur) weitgehend außen vor lässt, sich an bündiger Einordnung, aber kaum an origineller Deutung versucht. Runde Sache, nur, Frage ans Lektorat, weiß ich nicht, warum manche Info buchstäblich fünf Mal genannt wird: Unaufmerksamkeit oder Rechnen mit sehr kurzen Aufmerksamkeitsspannen? (73cp)
10.3. Der Aufgang (Stefan Hertmans, Belgien 2022)
Im Jahr 1979 kauft der Schriftsteller Stefan Hertmans ein altes Haus in Gent, das er zwanzig Jahre später wieder verkauft. Genug Latenzzeit, sollte man meinen, aber auf die Idee, der Geschichte der Bewohner nachzuforschen, und aus dieser Recherche dann einen Roman zu machen, kommt er noch einmal zwanzig Jahre später. In dem Haus nämlich lebte einst ein Mann namens Willem Verhulst, mit dem Hertmans eines verbindet: Er hat bei dessen Sohn, dem Historiker Adriaan Verhulst studiert, der im Jahr 2000 ein Buch über seinen Vater veröffentlicht hat: Sohn eines flämischen Kollaborateurs. Diesem Mann, dem Vater, Flamen, Kollaborateur, kommt Hertmans, sein Forschen erzählend, auf die Spur. Er zitiert aus Quellen, und es gibt viele davon, die Kinder haben über ihr Leben geschrieben, es gibt Tagebücher, Notizen, Akten, Vermerke – aber sanft kippt er seine berichtende Erzählung immer wieder in die szenische Fiktion, vor allem die Fiktion einer unmöglichen Anwesenheit. Es geht um die Frauen, die Willem Verhulst liebt und betrügt. Elza Meissner, Jüdin, die früh stirbt und in deren Grab sich Verhulst nach seinem Tode hineinwünscht. (Der Wunsch wird erfüllt.) Mientje, die Mutter seiner Kinder, die die nationalsozialistischen Überzeugungen des Manns nicht teilt, aber meist toleriert; anders als die Frau, mit der Verhulst sie betrügt, Grit, noch zu ihrem Neunzigsten von den Nazis und Neonazis Belgiens (und auch aus Deutschland) gefeiert. Hertmans kommt aber auch Verhulst selbst nahe und näher: eine bei aller Feigheit und Verkommenheit eher banale Figur des Bösen. Hunderte Menschen hat er, der SS-Offizier, als von den Deutschen eingesetzter Rundfunkchef noch dazu bestens entlohnt, als Denunziant auf dem Gewissen, das er sich jedoch niemals macht. Noch im Gefängnis nur Selbstmitleid und Gejammer (und bizarre Träume, die er aufzeichnet und aus denen Hertmans einen besonders bizarren, eine Flug- und Sexfantasie ebenfalls abdruckt). Nicht nur hat er Geld mitgehen lassen, er bekommt sogar, als in Deutschlands Diensten stehender Kollaborateur, nach dem Krieg noch eine Entschädigung von den Deutschen. Hertmans schildert das alles, er blendet vor und zurück, das Scharnier ist der Hauskauf, Zimmer für Zimmer geht er mit dem Notar (der Verhulsts Anwalt war) durch die Räume, den Hof, alt und heruntergekommen, dann aber durch das Erzählen und Erinnern wiederbelebt. Er wahrt angeschichts des Scheusals, von dem er berichtet, die Contenance, legt eine Verbindungslinie nach der anderen, springt auch in die Gegenwart seines Schreibens, die späten 2010er Jahre, erkundet noch die Herkunft einer Hitlerbüste, eines weiteren Punctums dieser Geschichte, unter die einen Punkt zu setzen unmöglich bleibt. (74cp)
9.3. Weiß (Han Kang, Südkorea 2016)
Weiß ist die Farbe der Trauer in der koreanischen Kultur. Weiß ist das Tuch, in das die Mutter der Erzählerin die Tochter schlägt, die kurz nach der zu frühen Geburt im Haus der Mutter stirbt. Dieses Trauma zieht sich durch das Buch, das aus winzigen, oft nur wenige Zeilen umfassenden Kapiteln besteht. Unter drei Großüberschriften: Ich, Sie, Alles weiß. Was sich durchzieht: die Farbe weiß. Vom Taschentuch, das auf die Straße segelt, zum Reiskuchen, zu Schnee und Eis, die neu gestrichene Tür, das Totenhemd, im Röntgenbild das Gebein, Lilienmagniolien, ein weißer Hund. Oder etwas, das es wohl nur im Koreanischen gibt: ein weißes Lächeln, eines, das nur eine Andeutung ist und unlesbar bleibt. Die Erzählerin ist für eine begrenzte Zeit in einer Stadt, die einst von Hitler zerstört und dann so ähnlich wie möglich wiederaufgebaut worden ist (Warschau?). Vieles an den Beschreibungen bleibt vage, ob sie konkret oder abstrakt sind, das Punktum das immerselbe, die Farbe. Die Beobachungen sind mal banal, mal lyrisch, mal elegant schlicht, mal preziös. Eine Erzählung, die sich zwischen Narration und Lyrik bewegt. Ein Trauerbuch, frei von Pathos, aber auch von pointierten Momenten, auf eine einzige Tonart gestimmt. Manchmal denke ich «schön», öfter aber «so what». (60cp)
8.3. Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, DDR 1964)
Von der Anstrengung, modern zu sein: als Gesellschaft, als Text, als Film. Ambitionen der Form. Bildgestaltung in strengen Wiederholungskadragen: der Himmel (durchs Dachzimmerfenster), von schräg oben das Werkstor, der Weg zur Kirche hinein, das Bild durch das Ende eines Mäuerchens verlässlich geteilt, das Nachbild zum Voiceoverton mit Blick zur Brücke hoch oben. Oder einmal die Kreisfahrt um Männer am Tisch, prä-Ballhaus, chapeau. Tongestaltung als komponiertes Durcheinander von hohem Ton und Unterhaltungsmusik, oft abgewürgt fast wie bei Godard. Der Text (von Wolf), der das Medusenhaupt schroff neben Sinnsprüche zum Sinn des Lebens und Diskussionen zur Erfüllung oder Übererfüllung der Arbeitsnorm stellt. Zwischendrin kommen die Testfahrt der Bahn, von Werner Bergmann mit dunklem Qualm eindrucksvoll in die Landschaft gestellt, der blaue Himmel über dir und Juri Gagarin als Mann des Ostens irgendwo droben zusammen, gewollt und gekonnt. Später das sich teilende Paar im Westen vor riesiger weißer Wand mit Persil. Das Kranzler als heranragender Schriftzug. Oder die Überblendungsmontage von Gesichtern vor abstrakt blinkender Leuchtreklame, das Stilmittel und die Reklame fast schon Stummfilmmodernismus-Zitat. Am Anfang das Bild, das sich in Gegenwart und Vergangenheit teilt, als Versuch, ein filmästhetisches Äquivalent für die gesplitterten Zeitperspektiven von Christa Wolfs Erzählung zu finden. Ja: ein moderner Film, gerade auch darin, dass er die Anstrengung, die das kostet, deutlich ausstellt. Eine Kunst, die ihre Kunst verbirgt, ist das nicht. (75cp)
7.3. Magokoro (Mikio Narusa, J 1939)
Tomiko und Nobiko, zwei Mädchen in derselben Klasse, die beste Freundinnen sind. Die eine aus reichem Haus, der Tisch und die Stühle daran raffiniert mit hölzernen Streben; auf dem anderen Tisch ein elektrischer Ventilator, die Rücken der Bücher zeigen stolz deren Wert; der Vater arbeitet bei der Bank; die Tochter, Nobiko, ist abgerutscht in den Noten. Die andere lebt bei der alleinerziehenden Mutter, einer Änderungsschneiderin, und der Mutter, ein Frauenhaushalt; vor der Tür eine Pumpe, kein fließendes Wasser. Tomiko und Nobiko auf einer Bank, einander nah, dann sich entfernend, beide weinen, weil ihnen dämmert, dass zum Leben eine Herkunft gehört aus einer Zeit, in der man noch nicht existierte. Aus dieser Zeit, von der die beiden bis eben nichts ahnten, ragt nun etwas drohend ins junge Leben: Tomikos Mutter und Nabukos Vater hatten einst, erlauscht Nabuko bei einem nächtlichen Streit ihrer Eltern, Augen füreinander gehabt. Tomikos früh verschwundener Vater wird von ihrer Großmutter als Nichtsnutz und Trunkenbold beschimpft, das Bild, das die Mutter für die Tochter errichtet hat, stürzt vor ihr ein. Es ist heiß, es ist Sommer. Beim Baden am sehr flachen Fluss verletzt sich Nabuko am Fuß. Tomikos Mutter eilt herbei, trifft auf Nobikos Vater, nichts Großes passiert. Aber es ist ein Film, in dem manch Kleines geschieht, Stöße der Mädchen in Dinge, für die sie noch nicht ganz groß genug sind. Eine Dankes-Puppe wird zum hin- und hergeschickten Objekt, Verkörperung der Dinge, die sich immer nur halb aussprechen lassen. An den Beginn des Films und an sein Ende sind, als spürbar fremder Zusatz von außen, Kriegs-Bezüge gesetzt. Am Schluss muss Nobikos Vater in den Krieg, vielmehr: darf. Man gratuliert ihm und jubelt. Mit Propaganda hat der Rest des Films nichts zu tun. Da geht es um Erziehung des Herzens. (74cp)
6.3. Trophäe (Gaea Schoeters, Belgien 2020)
Hunter White, der Name ist Programm, im Roman selbst kommentiert: US-Amerikaner, steinreich, Händler mit Werten, mit einem Faible für unberührte Natur und/als Jagdgebiete. Und: Großwildjäger, was ihm noch fehlt zu den Big Five ist ein Nashorn. Der Betreiber der Lodge ist Vertrauter, fast Freund, einer, der mit zynischem Pragmatismus den Lizenzhandel zum Nutzen der Jäger, der Gejagten und seiner selbst zu nutzen versteht. Ja, fast eine Art ethisches Programm daraus macht, dem nur eines fehlt: eine Grenze, eine Kern, ein Prinzip, das sich diesem Pragmatismus entzieht. In dieses größere Bild ist das seinerseits eigengesetzliche Ethos der Jagd eingeschrieben, das sich auf den vermeintlich ehrlichen Kampf zwischen Jäger und Gejagtem kapriziert. Gaea Schoeters bleibt immer ganz nah an Denken, Blicken, Empfinden des jagenden Manns, verschließt ihre Narration fast luftdicht gegen die größere, äußere Welt. Und so gehen wir mit auf die Jagd. Und nach dem Scheitern der Jagd auf das Nashorn über eine andere Grenze, an einen Ort, an dem zwei Zivilisationen ihrerseits brutal miteinander verschränkt sind: Die über alle ethischen Grenzen gehende der weißen westlichen Jäger und die der Ethnie, die vor Ort lebt von Gnaden der Weißen, und ihrer Traditionen, in die sich das Regime des Handels mit Lizenzen zum Töten einbauen lässt. Schoeters schreckt vor keiner Konsequenz des Szenarios zurück, das sie entwirft. Reise ins Herz der Finsternis, ja, am Ende wird auch «das Grauen, das Grauen» zitiert. Der Abgrund, in den sie blickt, blickt blutrünstig, finster, funkelnd zurück. (80cp)
5.3. Ragbar (Bahram Beizaye, Iran 1972)
Herr Hekmati kommt an, mit Karre und Sack und Pack über Stock und Treppe und Stein ziemlich holter und polter - ein Beizayesches Tempoereignis abrupter Schnitte. Es gehen ein wertvolles Erinnerungsstück und ein Spiegel zu Bruch, zugleich Dank an den Mann, der die Wohnung besorgt hat. Leicht war das nicht, Herr Hekmati, von Parvid Fannizadeh mit Brille und Koteletten als schüchtern-ungelenker Typ method geacted, ist Lehrer, aber dass er Junggeselle ist, ist ein Problem. Prompt wird der Wohnungsbesorger bald darauf zum scharfen Konkurrenten um eine Frau. In der Schule Spott und wiederum abrupte Schnitte für Hekmati, die Kollegenschaft zerreißt sich das Maul, einer versucht den Mann mit seiner Tochter zu verkuppeln, Hekmati stiehlt sich auf Französisch davon. In der Schule gibt er sich hyperaktiv, bringt die zugerümpelte Halle in Schuss, bei der Theaterpremiere vor Ort wird er, zum Ärger von Kollegen und Konkurrenten, gefeiert, Schritt für Schritt geht er, von unten gefilmt, über die von ihm reparierten und angemalten Stühle nach vorne. Sein Herz gehört da längst Atafeh, der großen Schwester eines Schülers, die bei ihrer dementen Großmutter lebt. Der titelgebende Starkregen ist ein Regen des Glücks: Im heftigsten Unwetter sind Hekmati und Atafeh in den Straßen der Stadt unterwegs, im Hintergrund, wie geträumt, weiße Monumente, Musiker ziehen wie aus einem Märchen durchs Bild, auf dem Balkon erklärt Hekmati seine Liebe. Sie zögert. Später kommt es zu einer Art Duell der besoffenen Konkurrenten nachts auf der Straße, die Kamera taumelt selbst wie angetrunken, der Film hysterisiert sich – auch auf der musikalisch aufgebrachten Tonspur – immer wieder selbst, die Geschichte eines nicht sehr bedeutenden Mannes, der einzieht, sich verliebt, wieder auszieht und am Ende am Horizont, als wäre das alles doch von mythischer Größe gewesen, verschwindet. (77cp)
4.3. Die Scham (Annie Ernaux, F 1996)
Zwei Dinge sind es, in die Annie Ernaux’ Erinnerung Mitte der neunziger Jahre in das Jahr 1952 einhaken kann: ein Ereignis, ein Bild. Das Ereignis ist drastisch: Sie sieht, als wäre es gestern passiert, vor sich, wie ihr Vater ihre Mutter zu töten versucht. Das Bild ist generisch: Ernaux als Mädchen, ein Jahr nach der Erstkommunion. Im Aufschreiben des Erinnerns wird dies Bild, schreibt sie, nach und nach schärfer, sie kommt sich in der fernen Vergangenheit wieder in den Blick. Sie liest Zeitungen, Zeitschriften, die äußerlichen Markierungen der Zeit, die Namen, die Ereignisse der Politik, bleiben ihr fremd. Es ist die – hier wirklich mustergültig durchgeführte – Autosoziobiografie, mit der sie sich von dem damaligen Ich, das sie rekonstruiert, durch distanzierende Analyse scharf stellt. In dem Kosmos der Regeln, die der Glauben bestimmt, die das Ladenbetreiber-Milieu bestimmt, die das Umfeld, das mit klarer Achtung und Missachtung von eingekörperten Haltungen, Sprachformen das Feld der Handlungs- und Denkoptionen begrenzt, in diesem Kosmos sieht Ernaux sich, das damalige Ich, gänzlich befangen. Es ist ein Kosmos im klassischen Sinn: Etwas, das in sich konsistent und abgeschlossen erscheint, etwas allerdings, das zu dieser Zeit an diesem Ort in diesem Milieu sehr spezifisch kleinbürgerlich von der titelgebenden moralisch-existenziellen Regung bestimmt ist: der Scham. Diese schildert Ernaux in der Erinnerung an sich selbst als eine Bindung, die in ihrer unbedingten Blindheit die schiere Unfreiheit ist. Und die Befreiung scheint nur teilweise möglich: in der Literatur, in diesem Buch, das ihr aber als eines erscheint, über das sie in der Lebenswelt, die sie umgibt, nicht sprechen kann. (80cp)
3.3. Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht (Joseph Roth, 1936)
Von einem Mann wird erzählt, der Fotografien fälscht, und lange schon Fotografien gefälscht hat, dem dabei aber die Fähigkeit zur ethischen Unterscheidung zwischen gefälschten und nicht gefälschten Fotografien vollkommen abhanden gekommen ist: Die falschen sind ihm selbst voller Beweis. Dieser Mann ist die Figur in einer Geschichte, deren Erzähler von einem Mann erzählt, der aus seinem Leben berichtet. Es ist Paris, es ist das Jahr 1931, die Erzählszene (in der Erzählung) ist ein Lokal namens Tari-Bari (es gab noch ein anderes gleichen Namens, wird berichtet), in dem ein Russe namens Goluptschik einen Doppelmord beichtet, der vielleicht keiner ist, eigentlich aber seine Lebensgeschichte erzählt. Er ist, wie er glaubt, der natürliche Sohn des Fürsten Krapotkin, mit dessen anerkanntem Sohn er sich in eine rivalenhafte Doppelgängergeschichte verstrickt; dessen Namen er, als Spitzel im Paris des Vorkriegs, fälschlich trägt – wenn denn in dieser Erzählung die Unterscheidung zwischen fälschlichen und tatsächlichen Dingen überhaupt trägt. Es sind Frauen im Spiel, auch hier wird an entscheidender Stelle etwas gefälscht, Frauen, die allerhand verkomplizieren, nicht zuletzt die Rivalität, es ist aber vor allem ein Herr mit von der Partie, der alle ethischen Unterscheidbarkeiten von Haus aus durchkreuzt: der Hopfenkommissionär Jenö Lakatos, der, wenn auch geradezu tänzelnd, beim Gehen hinkt und nach Veilchen duftet. Er ist, daran lässt nicht nur Golubtschik, sondern auch der Erzähler, gar keinen Zweifel, ein Abgesandter des Teufels, wenn nicht dieser selbst. Kein Wunder, dass er auch eine letzte Grenze noch überschreitet: die zwischen Golubtschiks Bericht und der Rahmenerzählung. Da tänzelt er am Morgen nach der durchwachten Nacht ins Hotel, drei schweinslederne Koffer mit im Gepäck. (81cp)
2.3. The Silence (Don DeLillo, USA 2020)
Kein Roman, vielleicht eine Novelle – an der unerhörten Begebenheit fehlt es jedenfalls nicht –, dramennah auch, man könnte sagen: szenisch-installativ. Eröffnung im Flugzeug, in das eine Beunruhigung hineinfährt, als der Riss, der das Alltägliche ins Außeralltägliche kippt. Am anderen Ort, der zum Hauptschauplatz wird, sind ein Paar und ein Student vor dem Fernseher versammelt in Erwartung zum einen einer Football-Liveübertragung, zum anderen eines weiteren Paars, das man als Perspektivfiguren des Flugzeug-Schocks schon kennengelernt hat. (Auf der Toilette des Flughafens haben sie, ins Kreatürliche erschüttert, dann erst mal Sex.). Der Fernseher aber bleibt schwarz, auch die Handys funktionieren nicht mehr, das Paar nähert sich am Ende zu Fuß, Chaos auf den Straßen. Der Ort ist New York. Die Gesellschaft spricht und denkt, wie gesagt szenisch, es geht um die Relativitätstheorie, Träume (einer hat von einer Faraday’schen Galoppade geträumt und weiß wach auch nicht mehr, was das ist). Was ist das? Die Novelle eines Gesellschaftszerfalls vor den Augen des Lesers. Ein, wie es ausdrücklich heißt, «Weltuntergangsfilm». Kulturkritik des Digitalen, «zu schmaler Quellcode», von der das, mal überbanal, mal physisch-metaphysisch auch abgerückt wird. Zuletzt: Monologe zu Text vereinzelter Ichs. Zuallerletzt: einfach nur «Ende». (76cp)
1.3. Sputnik Sweetheart (Haruki Murakami, J 1999)
Ein Mann, der eine Frau begehrt, die ihn schätzt, aber eine andere liebt, die zum Begehren unfähig ist. K., Sumire, Miu, das ist das Dreieck, aus K.s auch mal ausdrücklich erigierter Perspektive erzählt, mit längeren Passagen, in denen ein zititertes, referiertes Ich übernimmt. Sumire ist eine junge Frau, die immerzu schreibt, aber nie einen Roman produziert und aus heiterem Himmel Miu verfällt, die einst eine Klavierspielerin war, nun aber in Sachen Wein unterwegs ist. Sie reisen nach Europa, wo dann auf einer griechischen Insel Sumire verschwindet. K. reist an, findet sie nicht, erfährt aber, wie es kam, dass Mius Haar von einem Moment auf den anderen sich schneeweiß verfärbte. Das meiste im Roman ist Murakami-typisch aus Diffusem und Überdeutlichem (und Unschuld und Hardcore) seltsam gemischt, diese Szene jedoch ist von unheimlicher Prägnanz: Wie Miu in der Nach auf einem Riesenrad festsitzt, von dort in ihre hell erleuchtete Wohnung blickt, wo sie mit ansehen muss, wie sie selbst als ein anderes Ich mit einem Mann Sex hat. Dass es um Spaltungen geht, wird auch explizit noch erklärt. Es sind aber die Bilder, nicht die Bedeutungen, die bleiben, wenn man eine Murakami-Geschichte, was schnell geht, nach der Lektüre wieder vergisst. (54cp)
FEBRUAR
28.2. Beaucoup parler (Pascale Bodet, F 2026)
Seit 2004 lebt Amr Hanafy in Paris. Er kommt aus Ägypten, er schlägt sich durch mit Gelegenheitsjobs, er kämpft um einen offiziellen Aufenthaltsstatus. An seiner Seite, gerne mit Pelzkappe auf dem Kopf: Pascale Bodet, Filmemacherin und Kritikerin, man kennt sich aus dem Viertel, sie begleitet ihn zum Anwalt, sie sitzt mit ihm in der Bäckerei von Karim, der ebenfalls arabischer Herkunft ist. Amr, sagt Karim, ist wie die Franzosen in Algerien: Ewigkeiten vor Ort, aber keiner hat die Sprache gelernt. Das ist das Problem mit Amr Hanafy: Sein Französisch ist schlecht. Auch Pascale Bodet (die kein Arabisch spricht) stößt da immerzu gegen die Wand. Ein Ringen um Verstehen, ein Suchen nach Worten, mal eher komisch, mal eher tragisch, vor allem alltäglich. Wege im Stadtraum, auch plötzlich mal Ziegen, im Hintergrund ein ICE, der vorbeirauscht. Über Hanafys Vorgeschichte ist nur hier und da was zu erfahren:Fotos von früher, er war ein Jahr lang im Knast, wurde danach rehabilitiert. Alles dreht sich im Kreis, Behördenbriefe, die auch Pascale kaum versteht, Amr, der nie Ruhe findet, dann doch: Sprachkurs, A1-Zertifikat, der Status, eine Art Happy End. Aber so erzählt der Film das eher nicht. Was er festhält, ist der Limbo-Zustand, ist die Opakheit des Anderen, sie hängt nicht nur an der Sprache, ist die Beziehung zwischen der Filmemacherin und dem Mann, den sie filmt, ist das Leben dieses fremden Freunds, über den man viel und wenig erfährt. (72cp)
27.2. Zauberberg 2 (Heinz Strunk, D 2024)
Hans Castorp heißt Jonas Heidbrink, nicht die Lungen sind kaputt, sondern die Gemüter, die Klinik liegt nicht in den Bergen, sondern an der Ostsee. Heinz Strunk hält den Ball flach, lässt seinem generalisierten Menschenhass Auslauf in der Beschreibung von Personen, Speisen, Therapie. Es beginnt dennoch mit einigem Schwung, Heidbrink, dem der frühe Erfolg die Stimmung verdüstert, hat, denkt der Arzt, einen Tumor an der Niere und ein Melanom auf dem Bauch. So dass von Anfang trotz Tempo wenig Fallhöhe bleibt, ohnehin beides falscher Alarm. Therapie mit Musik, Strunk leiert im Hörbuch The River is Flowing zu seiner eigenen Erheiterung vor sich hin. Ein bisschen Settembrini steckt im Pensionär Zeissner, der als freudlose Aphorismenmaschine nihilistische Weisheiten ausspuckt, die von Strunk stammen könnten, ohne Punkt und Komma. Aus einem Moment der Einsicht gegen Ende folgt weiter nichts. Heidbrink auf dem Hochsitz. In der Unterhose badend im Haff. In ein Tavor-Drama verstrickt. Ein letztes Besäufnis mit einem abgefrühstückten Mitpatienten, ein Hauch menschlicher Wärme, was prompt zum Schlaganfall führt. Zwei Patienten verschwinden, mit der Klinik geht es bergab. Heidbrink bleibt, driftet davon, dann ist seine Geschichte zu Ende, wie der Erzähler verkündet. Die Lust an der Chose, mehr Farce auf eigene Rechnung als Thomas-Mann-Parodie, hat Strunk, denkt man, schon deutlich vorher verlassen. Eine absurde Kurzgeschichte mit Bettritze, wie Kafka bei Wish bestellt (oder bei Studio Braun), wirkt wie Resteverwertung. Wurschtiger Strunk ist immer noch hier und da lustig. Aufs Ganze aber weniger Hochsitz als flacher Strand mit einer gelegentlichen Dünen dazwischen. (60cp)
26.2. Indignation (Philip Roth, USA 2008)
Bizarrer Roman. Der Held und, ja, Ich-Erzähler, Marcus Messner, ist von Anfang an tot, was man aber zwischendurch erst erfährt, wenn er über das Jenseits, die Zeit und die Erinnerung philosophiert. Alt wurde er nicht, im Koreakrieg starb er, es ist das Jahr 1951, aber der Roman dreht sich nicht um den Krieg, sondern um die Zeit Messners an einem (fiktiven) College in Winesburg (wie die fiktive Sherwood-Anderson-Stadt). Messner ist der Sohn eines später überschnappenden Koscher-Metzgers aus Newark, selbst auch geübt im tiefen Griff in die Eingeweide der Hühner, in dem von Baptisten gegründeten College sucht er die Freiheit. Was er bekommt: eine suizidale Freundin, die ihm (aber nicht nur ihm) gleich beim ersten Date einen bläst; Zimmermitbewohner, die ihn in den Wahnsinn treiben, anfangs einer mit Musik, später einer mit einer masturbativen Sperma-Attacke. Ohnehin wird viel ejakuliert, noch die übelkeitserregendste Übergriffigkeit wird vom Erzähler gegen den eigentlichen Gegenstand der Kritik positioniert: die dogmatisch religiösen Autoritäten, den wöchentlichen Zwangsbesuch im Gottesdienst, gegen die Messner im Gespräch mit dem Dean rebelliert. Erst mit einer Verbalejakulation cum Bertrand Russell, dann mit Kotzen im hohen Bogen auf den Schreibtisch des Dean dank Blinddarmattacke. Dreht einem den Magen um, dieses Buch, vollgestopftes Durcheinander, das es auf knappem Raum ist. (56cp)
25.2. She Stands in the Middle of the Battlefield (Regie, Text: Magda Szpecht, HAU 2 Berlin, 24.2.)
Nur zu wahr diese Geschichte: Eine ukrainische Theatermacherin, in Polen und Deutschland arriviert, kehrt in ihre Heimat zurück, meldet sich zur Armee, macht eine Grundausbildung, zieht in den Krieg. Ihre Berichte, der Schlacht, der Müdigkeit, der Erschöpfung abgerungen, als Nachricht an eine Freundin in Warschau geschrieben, sind die Grundlage dieses Abends, der darauf aber ein, zwei Ebenen schichtet. Auf der Bühne selbst eine Performerin, sie spricht Englisch, manchmal Polnisch, sie liest Nachrichten, von dem Kratzen und Schlagen auf einer Trommel zäsuriert. Aus zwei Musikboxen dazwischen Musik. Bühnennebel, durch das grünes Licht Flächen schneidet. Eine Spielzeugdrohne. Ein Keyboard, auf dem die Performerin spielt. Das immer zum Text, Englisch, Polnisch. Eine Leinwand hinter dem Bühnen-Spielraum, diesen zum Publikum hin beengend, darauf sieht man eine Schauspielerin wortlos vage militärische Übungen vollführen, in der Natur, Springen in Reifen, Robben, auch Autofahrten dazwischen: Semiabstrakte Bebilderungen dessen, was die Soldatin schildert. Die Grundausbildung, der Weg an die Front. Das Einfinden in eine Kommandostruktur, an der ihr alles widerstrebt. Als Feministin, die erleben muss, dass ukrainische Männer misogyne Arschlöscher sind, die sich eine Frau, die sie als Frau lesen müssen (also nicht als vermännlicht lesen können), nicht als gleichberechtigte Kämpferin vorstellen können, der Kommandant vornedran. Das kommt auf die Kälte, den Schmutz, die Lebensgefahr, den Feind (die Orks) noch obendrauf. Der Gedanke, das ethnografisch zu betrachten, hilft, ein wenig. Schwarzer Humor hilft, ein wenig. Ein Putin-Witz. Einen Soldaten, der verletzt wird, kann sie retten: Shevelev. Alles vermittelt sich, ohne der zusätzlichen Vermittlung durch die Performance-Ebenen wirklich zu bedürfen. Versuche der Immersion eher hilflos. Es ist, in einem fundamentalen Sinn, eine andere Welt. Umso bewegender in seiner Hilflosigkeit der Kurzschluss am Ende, es ist der Abend des vierten Jahrestags der Vollinvastion. Regisseurin Magda Szpecht tritt auf die Bühne und bittet um den Applaus des Publikums, den sie als Sprachnachricht per Signal direkt an die Front schickt. Die Färbung der Haken signalisiert: Er wurde zur Kenntnis genommen.
24.2. D’Est (Chantal Akerman, Belgien 1993)
Es beginnt mit ein paar Einstellungen in der Ex-DDR: ein Haus, ein Baum, eine Straße, 16mm und statisch. Dann aber geht es weiter nach Osten, wobei der Titel nicht die Richtung angibt, in die sich Chantal Akerman auf ihrer Reise in den frisch postsowjetischen Raum bewegt, sondern die Gegenrichtung benennt: die Bilder, die sie aus diesem Osten zurückbringt. Wie, wo, was, wer, wann genau, nichts ist markiert. Bald sind die Schriften kyrillisch, also muss es die Ukraine sein, oder Russland. Läden, Straßen, gesichtslose Bauten, Bahnhöfe und Menschen und Menschen und Menschen, von denen man explizit rein gar nichts erfährt. Kein Dialog ist ihnen gegönnt, nur der Blick, ein endloser Blick, ein unmenschlicher Blick, der der Blick der Kamera ist, die sich entweder gar nicht bewegt und dann vor allem häusliche Szenen kadriert (beim Essen, Mutter und Kind, ein Fernseher läuft, eine Frau schneidet Wurst und so weiter). Oder in sehr langsamen Fahrt voyeurstisch flaniert, durch die Straßen und vor allem, unvergesslich, an Menschen vorbei, Gesichtern und Körpern, die stehen und warten, worauf immer sie warten, an Haltestellen, vor windschiefen Kiosken, eine Tram fährt vorbei, nie kommt ein Bus, nie kommt ein Zug, die Kamera hält nicht an, entwickelt kein Interesse für sie, jedenfalls für die Individuen nicht, alte Gesichter, junge Gesichter, fast alle seltsam müde Gesichter, im Dunkeln auf der Straße im Schnee oder im Wartesaal des Bahnhofs, wenige lesen, alle in Mäntel gehüllt, niemand, das sieht man natürlich von heute aus erst, über einen Bildschirm gebeugt. Dieses Warten, hier und da weht ein Wort herüber, oder Musik, dieses Warten wirkt dumpf, es ist, weil Winter ist und weil doch meist Nacht, ein fast metaphysisches Warten, aus dem aber jede Hoffnung auf Ankunft getilgt scheint. Es sortiert sich das alles, unmarkiert zum Exzess, ein wenig, nach Drinnen und Draußen, nach Nacht und nach Tag, nach Land und nach Stadt, nach Sommer und Winter, wobei der Film das Draußen zum Drinnen zu machen scheint, den Tag noch zur Nacht und die Stadt zu einer Öde, deren Infrastrukturen, Autos, Busse, Bahnen, geisterhaft bleiben. Chantal Akerman ist in den Osten gefahren und schickt Bilder zurück, deren Verlorenheit unentscheidbar selbst in einem Zwischenraum zwischen der Art der Abbildung und dem Abgebildeten steckt. Der Osten: wirkt abgekämpft und verloren. Wartet, aber auf nichts. (76cp)
23.2. Das Lehrerzimmer (İlker Çatak, D 2023)
Am Ende, all passion spent: Leer liegen die Räume der Schule, die Gänge, das Lehrerzimmer. Der Übeltäter wird auf den Schultern der Polizei triumphal exorziert: das schönste Bild des Films, dessen Überspannungen bis dahin den Problemfilmrealismus kaum hinter sich ließen. Wie aufgezogen wird Carla, die Lehrerin, durch einen Parcours voller Hindernisse gejagt. Unbarmherzig treibt die Musik. Tight sind die Rhythmen des Schnitts, der keine Verschnaufpause lässt. Es ist Folterkino, es will niemandem Gutes, es hat nie anderes als die nächste Zwickmühle im Sinn. Menschen: aufeinandergejagt, nur daumenbreit mehr als Karikatur ihrer selbst. Zwischenmenschliches: immer aneinander vorbei. Der Plot: behauptet eine Zwangsläufigkeit, deren Anschein Zug um Zug herebiinszeniert werden muss. Clever kalkulierte Realismuseffekte (zwischendurch Polnisch, der lateinische Spruch an der Wand), aber es ist alles auf Funktionalitäten dressiert. Mit einem Wort: Ein Film, der seinerseits nichts als Unfreiheit produziert, diese aber frech für die Welt, die er darstellt, als ernstgemeinte Diagnose behauptet. (48cp)
22.2. Sommer 24 (Navid Kermani, D 2026)
Ausdrücklich will Navid Kermani einen Zeitroman schreiben, das macht der Titel schon klar. Die Zeit ist die Gegenwart, und die Gegenwart soll darin festgehalten werden, als das, was sich kontingent trifft. Und zwar in und an einem Ich, dem des Erzählers, der in vielen Hinsichten Navid Kermani gleicht: ein Autor, der in der Welt unterwegs ist, ein Deutscher, dessen Eltern aus dem Iran kamen, ein politischer Mensch, der sich nicht als links begreift, schon gar nicht als rechts, wenn auch in mancher Hinsicht konservativ, allerdings selbsterklärt Feminist. Sommer 24: Bidens Ende, Trumps drohende Wahl; die Kriege in Ukraine, Gaza, Sudan. Eine Reise nach Tigray. Eine Hochzeit in Griechenland. Der Erzähler reflektiert über das moralisch Gute und Böse. Der Autor hilft, was der Sache auf Dauer nicht gut tut, mit drei typisierend zugespitzten Figuren der Kontingenz nach. Der Freund Rudolf, Jude, gescheiterter Galerist, der einst links war, nun den Islam hasst, sich mit verachtenden Aussagen über künstliche Befruchtung à la Lewitscharoff unmöglich gemacht hat, inzwischen die AfD unterstützt und nach einem Sturz assistierten Suizid übt. Der Freund Olaf, linker Überzeugungstäter von jeher, nun geradezu obsessiv auf Gaza fixiert. . Und eine Frau namens Julia, die dem Erzähler einst abends in einer Kneipe von einer Vergewaltigung berichtete, woraus der Erzähler (ein bisschen à la Oh Boy) eine verfremdete Erzählung gemacht. Nun wirft sie ihm, aus der geschlossenen Abteilung heraus, vor, er habe sie damit noch einmal missbraucht. Hineingewirkt noch Antonin Artaud, via Roberto Ciullis Inszenierung von dessen Texten im Theater an der Ruhr - eine Inszenierung, bei der noch während der Proben Ciullis Frau, die Schauspielerin Simone Thoma, sehr plötzlich starb. Das ist aber schon 2023 passiert. Im Winter 24 verlässt ihn noch die Lebensgefährtin. Und was so schön lässig zeitnotathaft begann, fühlt sich am Ende, und zwar durch die fiktionale Verdichtung der realen Tendenzen, als essayistisch legitime, aber literarisch enttäuschend passend gemachte Zurichtung an. (65cp)
Alfred Hitchcock Presents: Sybilla (Ida Lupino, USA 1960)
Ein Haus. Türen. Flure. Gesichter. Eine Alfred-Hitchcock-Presents-Episode als Hammershøi-Krimi. Drehbuch Charlotte Armstrong (auchvon Chabrol geschätzt und verfilmt). Ein Mann, eine Frau. Das wenig bekannte Gesicht von Alexander Scourby. Und als die Sybilla Barbara Bel Geddes (Vertigo-Midge, später Miss Ellie in Dallas), die verdächtig viel Güte im Blick hat. Und in der Tat weckt dieser Blick, das Lächeln, das sich anknipsen lässt, im Mann, der auch der Erzähler ist, schlimmen Verdacht. Frisch verheiratet sind die beiden, nicht mehr jung, Zimmer für Zimmer, Tür für Tür führt er sie durch das Haus, er hat seine Routinen, in denen er nicht irritiert werden darf. Bald fühlt er sich gegängelt, von der Güte der Gattin diktatorisch bedrängt. Er sinnt auf Mord, vertraut das seinem Tagebuch an. Sie überlebt, weil sie das Schlafmittel zuvor ausgetauscht hat. Ein Krimiplot, den sie in größter scheinbarer Unschuld erzählt, wird ihm zur Drohung. Barbara Bel Geddes als sybillinische Kippfigur: bösartig, unschuldig, gütig, durchtrieben. Ida Lupinos hält den Blick auf Türen, Flure, Gesichter höllisch neutral. Sie teilt nicht die lebensgefährliche Paranoia des Mannes. Aber sie belässt den fundamentalen Zweifel, selber durchtrieben, im Bild. (74cp)
21.2. Die Schule der Nacht (Karl Ove Knausgård, Norwegen 2024)
Der vierte Roman unterhält (nicht thematisch, aber narrativ) nur lose Beziehungen zur (bisherigen) Morgenstern-Welt. Sprung zurück in der Zeit, London, achtziger Jahre, der Held, Kristian Hadeland ist Norweger, der aber alle Bezüge zu Heimat und Herkunft gewaltsam gekappt hat. Ein faustischer Künstlerroman, dessen Mephistopheles Hans heißt. Kommt also das Banale und Mystische wieder fast schon komisch zusammen. Aber das «fast» bleibt entscheidend: Die Kluft zwischen beidem, dem Ernst der großen Fragen und dem Ernst der kleinsten Dinge, die in der Komik verschwände, ist die entschiedene Voraussetzung der Knausgård-Ästhetik. (Kein Vorwurf, es ist durchaus bewundernswert, wie sich Knausgård die jederzeit möglichen Abkürzungen und Erleichterungen in Richtung Humor und Komik ständig verbaut. Darin liegt, wenn man entsprechend geneigt, ist, sicher eine Komik zweiter Ordnung, aber es ist mit der Verweigerung der willing suspension of comical understanding in diesem Fall kein Blumentopf zu gewinnen.) Dazu passt der durch und durch erbärmliche Held dieses Bandes, der Künstler als Narziss, der Ruhm sucht und findet, eine Mischung aus zynischer Hellsichtigkeit und kompletter Verblendung: Geschichte von Aufstieg und Fall, zum Schaudern genaue Subjektive in der Ich-Perspektive, Tod und Teufel, besonders viel Tod und besonders viel Teufel. Die Faust-Geschichte in der Christopher-Marlowe-Variante ist ausdrücklich Thema, für eine Inszenierung des Stücks soll Hadeland als Jung-Fotograf Aufnahmen für das Programmheft beisteuern. Weiteres ästhetisches Kernstück, als mise-en-abyme des Morgenstern-Projekts der Omnipräsenz des Todes im Leben: das Erscheinen (und Verschwinden) des Menschen im fotografischen Bild, die Daguerrotypie Rue du Temple. Der moralische Kern: die Tötung eines Obdachlosen, die bei Hadeland nicht die mindeste Regung des Gewissens erzeugt, nur als Stoff für eine fotografische Serie taugt. Wie das so Verdrängte (oder eher: Abgespaltene) in der quasi subjektfrei aus ihm heraussprechenden Wiederkehr für des Künstlers Fall sorgen wird, ist glänzend gemacht. Wie auch die Abschattung des vielfachen Off in der kaum erträglichen Subjekt-Penetranz dieses Erzählers: Man erhält nur gedämpfteste Ahnungen davon, was die unmittelbare Mitwelt von ihm hält. Anfangs hört der Lauscher an der Wand (und so auch der mitgefangene Leser) aus des Vaters Mund die bittere Wahrheit. Sonst aber hat man gut zu tun, sich der erzählperspektivisch aufgedrängten Identifikation mit diesem geheimnislos scheußlichen Helden, immerzu zu entziehen. Das Problem dabei: dass er doch Mensch ist, wenn auch als Mensch die moralisch abgründigste Antwort auf die Fragen, denen nicht nur bei Knausgård keiner, und also auch Kristian Hadeland nicht, entkommt. (80cp)
20.2. Ein Kind (Thomas Bernhard, Österreich 1982)
Zum Abschluss der autobiografischen Berichte geht es an den Anfang, also vor den Beginn der Serie, zurück: in die Kindheit, bis zur Geburt in den Niederlanden (die Mutter flieht vor der sozialen Verachtung) als uneheliches Kind. Der Ton ist ein anderer, als hätte Bernhard erinnernd vergessen, wer er als Schriftsteller ist. Maßvoll im Wiederholen, fern von der Suada. Erneut ist der Großvater die dominierende Figur, vom Enkel geliebt, durch dessen Liebe hindurch als selbstgerecht autoritärer Mann, der als Schriftsteller letztlich scheitert, erkennbar. Wobei er das Scheitern zur conditio humana erklärt, die einzige Freiheit die jederzeitige Option auf den Selbstmord. Das mit dem Scheitern hat der Enkel nicht anders gesehen, auch der Selbstmordgedanke als Begleiter ist ihm keineswegs fremd. Immerhin kann er auch vom einzigen Erfolg des Großvaters berichten: Ein Roman wird auf Vermittlung eines berühmten Schriftstellers veröffentlicht, er erhält einen Staatspreis. Bernhards Leben als Schüler, nach einem gloriosen ersten Jahr, ein fortgesetztes Desaster. Erfolge im Sport. Die Demütigung, ein Bettnässer zu sein, die Mutter - den Ochsenziemer ebenfalls immer zur Hand - hängt das befleckte Laken hinaus, damit jeder Bescheid weiß. Eine versehentliche Verschickung nach Thüringen (nach Saalfeld statt ins nahegelegene Saalfelden): ein Trauma, dem der Erwachsene noch einmal, in die DDR, nachreist. Erste Begegnungen, sehr knapp, mit dem Sexuellen. Ein abgeschossener Bomber, Leichen fallen vom Himmel. Ein Fünfmarkstück fällt in den Schnee und taucht erst, als der schmilzt, wieder auf. Ein Jugendfreund wird später verrückt. Überhaupt der Wahnsinn: Der Weg hinein ist nie weit. (70cp)
19.2. Die Kälte. Eine Isolation (Thomas Bernhard, Österreich 1981)
Nun geht es noch ein Stück tiefer in die Hölle hinab. Den Schaden, den die Lunge des gerade volljährigen Bernhard noch nicht hatte, bekommt sie im Sanatorium, im Gebirge, das jedoch gewiss kein Zauberberg ist. Hier liegen Männer mit Schatten auf ihren Lungen, oder Löchern darin, mit offener Tuberkulose, die ansteckend ist. Was die Ärzte, auf die der Erzähler einen offenkundig berechtigten Hassgesang anstimmt, nicht weiter kümmert. Die Männer pfeifen aus dem letzten Loche, sie spucken und sterben, zum Eingang hinein, zur Grube hinaus. Der lungenkranke Bernhard wird brachial durch die Bauchdecke mit Luft aufgepumpt. Nicht ohne Erfolg. Er liest außerdem die Dämonen - und dank einer dostojewskisch anmutenden Willenskraft, in die er sich spätestens im erzählerischen Nachvollzug hineinfantasiert, gelingt es ihm, so glaubt er, dieser Hölle doch zu entkommen, während draußen, in einer ganz anderen Welt, die Mutter, die ihm nach dem Großvater Nächste, am Gebärmutterkrebs elendig stirbt. Was allerdings in der Zeitung unter dem falsch verstandenen Namen «Pavian» angezeigt wird. Vom Vater, der, wie der Vater des Vaters mitleidlos mitteilt, auf und davon und dorten längst «hin» ist, wird Bericht erstattet, aber zurück ins Leben und hinaus in die Zukunft muss Bernhard, so sieht es Bernhard, auf eigene Faust. (72cp)
18.2. Meine Frau weint (Angela Schanelec, D 2026)
Sitzen, tragen, liegen. Allein, die Gruppenaufstellung mit schlafender Frau. Der Kranfahrer sitzt, dann explodiert ihm der Kopf. Körper, Wörter, Bewegung, das Off: die Grundelemente von Schanelecs Kino, die es kinematisch in ungewohnte Zusammenhänge (und Auseinanderlagen) bringt. Das Reden beim Gehen mit Fahrrad. Das Reden auf dem Fahrrad. Viel Reden, sehr oft entschieden ungewohnt modelliert, weil die Redenden keine Muttersprachler sind. Vielleicht nicht einmal ganz richtig zu sagen, sie hätten einen Akzent. Eher sprechen sie ein fremdes Deutsch. Sie deklamieren nicht, aber sie sprechen ihren Text, der als ihrer ein entschlossen angeeigneter ist. Sie sind in dieser Aneignung präsent in diesem Text, der manchmal weite Wege bis ins Geträumte und Fantastische geht, er ist ihrer, als fremder, es geht mindestens so sehr um das Modellieren des Texts durch den eigenen Körper, der eine fremde Zunge bekommt, im Gehen oder Fahren, das die Eigenheit nicht zur Ruhe kommen lässt. Diesmal wieder ein Film in der Stadt, Berlin, aber in der Stadt ist viel Park, wenn auch durchzogen von Straßen Wegen in Städten. Der Raum ist zoniert, die Bewegungen des Films stehen dazu allerdings quer. Nicht immer geht es voran. Auf den Wegen der Körper durch die Stadt, auf den Wegen der Wörter aus dem Körper ins Freie. Es ist in diesem fremden Gehen und Bewegen immer auch etwas blockiert, noch, ja gerade dem Dichter auf seiner Bank fließen die Worte nicht aus dem Mund. Sie warten, zögern, harren, dann fließen sie und sind, weil sie erst harrten, nun schön. Dialoge: Das ist nicht das richtige Wort. Es sind Klüfte, die im Text stehen und sie stehen auch in Bewegung im Raum. Weiß man, was die andere will. Weiß man selbst, was man will. Das Reden vom Tanzen mit dem anderen Mann. Die beiden Frauen, die sich darauf einigen können, dass Sex etwas ist, das ihnen Spaß macht. Und die Rede vom Handball, der die Körper anders ins Spiel bringt. Und dann die Musik. Die erst atonal aus einem Off kommt, von dem erst nicht einmal klar ist, ob es ein diegetisches ist, fast das Hereinbrechen selbst, das sich dann zu einer Kissinger Jugendblaskapelle im Berliner Tiergarten sortiert. Regen fällt, alles stiebt auseinander. Später die Körperaufstellung mit liegender Frau in der Wohnung, in den Raum modelliert. Dann ein Schnitt, eine Befreiung, die den Atem raubt: Lösen der Stellung, Verzückung der Körper im nicht erhabenen, aber in seiner Schon-auch-Albernheit erst richtig sublimen Tanz. Lover, Lover come back to me, das könnte, wenn die Kunst das denn vermöchte, Tote wieder zum Leben erwecken. (90cp)
17.2. Uncertain Glory (Raoul Walsh, USA 1944)
Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen. Und zwar der Guillotine, denkbar knapp, bevor das Fallschwert sich senkt. Zu verdanken hat er das britischen Bomben, denn wir sind mitten im Krieg, in Paris, in einem Frankreich, in dem nicht nur die Regierung mit den Nazis kollaboriert. Jean Picard ist ein Dieb, ein Mörder, ein kapitaler Verbrecher. Er ist aber auch Errol Flynn und darum extrem attraktiv und verdammt nonchalant. Nach der Flucht wird erst mal in nullkommanix die Geliebte des Mitbanditen verführt. Dann gerät Picard in die Fänge des sehr aufrechten, gegen die Nazis eingestellten Sureté-Polizisten, der ihn schon immer verfolgte. Das Drehbuch verkompliziert das Verhältnis der beiden zu einer Art Buddy Movie, mit Handschellen und sogar Ketten. Und es verkompliziert den Gentleman-Gauner moralisch: Da sein Leben ohnehin verwirkt ist, soll er sich als vermeintlicher Saboteur opfern, um hundert Unschuldige vor dem Tod zu bewahren. Angesichts der Umstände sind die Scherze, die der Film seinen Picard mit Paul Lukas als aufrechtem Polizisten treiben lässt, ziemlich erstaunlich. Eingelegt wird noch dazu ein recht Borzage-haftes Liebesidyll, das vor allem dazu da ist, ein weiteres (sehr attraktives: Jean Sullivan) Pfund auf die Waagschale für das Leben zu legen. Und doch trifft der erzsympathische Mörder die Entscheidung, die eine solche Erzählung unter Hollywoodbedingungen einzig möglich macht. Am Ende wird ein Tisch wird auf Erden gedeckt. Der Gast jedoch diniert inskünftig an höherer Stelle. (73cp)
16.2. Der Atem. Eine Entscheidung (Thomas Bernhard, 1978)
Der Krankheitsroman. Der Ich-Erzähler, dem es den Atem verschlägt, dem der Eiter aus dem Rippenfell ins Gurkenglas tropft. Auch ein Großvaterroman. Der Großvater, ein lebenslanger Leser und Schreiber, ist eine echte Bernhard-Figur. Aber Thomas Bernhard ist auch eine Großvaterfigur, er ist, wie man hier lesen kann, aus demselben Holz geschnitzt. Es passt nur zu gut, dass sie beide, sterbenskrank, im selben Krankenhaus liegen, der Enkel im Sterbezimmer, ein Saal mit 26 Betten, aus dem kaum einer lebend entrinnt, seriell wird Letzte Ölung erteilt, der entgeht keiner, und sei er schon tot. Der Großvater kommt wiederholt an sein Bett, aber dann ist er selbst es, der fast noch jung stirbt. Der Enkel liest davon in der Zeitung. Ins «Erholungsheim» in den Bergen, in dem er sich die Lungenkrankheit von den anderen Patienten erst holt, lässt er sich die Weltliteratur des Großvaters bringen. Kleiner Grenzverkehr mit Musik. Hinter dem Haus die als Erdhügel frisch aufgeworfenen Gräber. An eine Zukunft als Sänger zu denken, muss sich Bernhard angesichts der Krankheit verbieten. Die Mutter erkrankt. Die Verwandtschaft, die glaubt, es führe der Weg nun zu einer Ausbildung als Kaufmann, könnte schiefer nicht liegen. Auch wenn die Lage am Ende dieses Bands so und so fast ausweglos scheint. (78cp)
15.2. Maya (Raymond Bernard, F 1949)
Männer im Bauch eines Schiffes nehmen notgeil kaum ein Blatt vor den Mund. Raymond Bernard kippt sie in Gassen zu Prostituierten, die er aber, die Gassen wie die Prostituierten, im schönsten Poetischer-Realismus-Register verklärt. Die schönste der Prostituierten in der schönsten der Gassen: Bella (Viviane Romance), die allen Männern alles sein kann, auch einem vom Schiff namens Albatross eine verflossene Liebe namens Marie. Sehr dutch sind die Angles, zynisch die Frauen, philosophisches spricht ein indisch daherkommender, Turban tragender Mann: Er erklärt alles zu Maya, sprich Illusion, taucht auf und verschwindet, wie, ein Mord noch zwischendurch, dieser und jener und dieses und jenes verschwindet und auftaucht. Wilde Anschlüsse mit Reißschwenks zwischendurch, fabelhaft marschiert Bella fast am Ende in einer Überblendung über das Wasser dem Schiff mit dem Mann, der ihr Rettung versprach, hinterher. (65cp)
14.2. Der Keller. Eine Entziehung (Thomas Bernhard, 1976)
Nun der Bildungsroman. Als Bildungsverweigerungsroman. Oder: Der Erziehungs- als Entziehungsroman. Bernhard verlässt das Gymnasium, bricht es gegen den Willen des Großvaters (der wird als Nacht für Nacht an einem enormen Schreibprojekt sitzend beschrieben, das niemals zu etwas führt), bricht es gegen den Willen der Familie ab mit fünfzehn oder sechzehn, wendet seinen Schritt, buchstäblich, so beschreibt er es, anderswohin, hin zum Gegenteil des Gymnasiums. Die Frau im Arbeitsamt erklärt ihn und sein Ansinnen erst für verrückt, dann verschafft sie ihm ein Stelle, in einem Laden, einem Lebensmittelgeschäft, der ist im Keller, es ist der Laden des Kaufmanns Karl Podlaha, er liegt in der Scherzhausferfeldsiedlung, einem verrufenen Arbeiterviertel, das zum Bernhard-Mantra wird nach Bernhard-Mantra-Art, man wird diesen Namen, Scherzhauserfeldsiedlung, nie wieder vergessen. Heute sind die Häuser von damals abgerissen, vom Beginn des Abrisses während der Niederschrift des Berichts weiß der erzählende Bernhard schon im Text. Heute ist zwischen den Bauten der siebziger Jahre eine gesichtslose Straße 170 Meter lang, nach Bernhard benannt. Der erinnernde Bernhard beschreibt diese Abwendung von der Bildung als großes Glück. Er ist zum Verkaufen begabt. Er ist zum Umgang mit den Menschen der Scherzhauserfeldsiedlung begabt, obwohl, oder weil, er sich über sie und ihr Lebensunglück keine Illusionen macht. So wird ihm der Podlaha zur Lebensrettungsfigur. Die Arbeit im Laden zur Wende. Kommt dazu: der Gesangsunterricht. Noch schreibt er nicht. Der Schreibende tritt nur als der Erinnernde auf, der sich am Ende, bei einer Wiederbegegnung mit einem Mann aus dem Scherzhauserviertel, als einer vorstellen wird, aus dem ein Schriftsteller wurde. Das interessiert den Mann nicht. «Es ist egal», sagt der Mann. Offener könnte die Tür nicht sein, die er bei Bernhard da einrennt. So endet der Bildungsverweigerungsroman als Bernhardsche Mantra-Meditation über die Egalheit des Lebens, in dem es bis auf den Tod, der auch keine ist, keine Entwicklung mehr gibt, die nicht absehbar ist. Die Einsicht liegt am Grund der Egalheit. Und auch sie ist egal. (80cp)
13.2. Betty (Georges Simenon, Belgien 1974)
«Le trou» heißt der Laden, in dem dieser Roman seine Augen aufschlägt. Seine, das sind: Bettys. Eine junge Frau, in deren third-person-consciousness man hineingestrudelt wird, ein Arzt erzählt was von Würmern unter der Haut, sie trinkt und trinkt und erwacht, oder eher: findet sich wieder in einem fremden Bett, wo man sie auszieht, sie spürt noch, wie ihr eine Spritze gesetzt wird. Von hier geht es in Beziehungsgeschichten hinein. Die Frau, die sie in dieses Bett gebracht, das ein Bett in einem Hotel ist, in dem die andere Frau im Nebenzimmer, das mit dem Bettys eine gemeinsame Tür, lebt, diese Frau ist älter, um die fünfzig, ihr Name ist Laure, und wenn wir recht sehen, durch Bettys Augen, hat sie in diesem Nebenzimmer unter anderem Sex. Davon hatte Betty ebenfalls reichlich, und vom Alkohol auch, wie sich nach, die Erinnerung Szene um Szene hinab, vor unseren Augen lichtet und klärt. Es gab einen Mann aus bestem Haus, Guy, Sohn eines Generals, eine Liebes-Mesalliance. Es gab Kinder, Affären, Alkohol, Absturz. Es gibt zweite Chancen und die Entscheidung für einen anderen Mann. Das wird von Simenon rückwärts serviert, strikt, ganz à la Betty c’est moi an ihre Perspektive gebunden, Alkohol-Absencen mittendrin. Und einen anderen Mann, aus dem Loch, in das hinein das Ende mit den komplett auseinanderdriftenden Wegen von Betty und Laure als glückliches fast dann verschwindet. (74cp)
12.2. Bankett für Achilles (Roland Gräf, DDR 1977)
Karl Achilles radelt zur Arbeit, wie er es immer schon tat. Das will ihm der Chef am letzten Tag vor der Rente nicht durchgehen lassen. Der Mann ist stur, Erwin Geschonneck beherrscht die grimmige Miene, auch schon am Morgen, als ihn zwei Jungs mit der Kamera zuhause behelligen, wo er noch seinen Schlafanzu trägt. Der Arbeitsplatz, die Arbeit, qualmend, tropfend, stinkend (noch ganz am Ende schließt jemand entsetzt die Fenster im durchfahrenden Zug): das Chemiekombinat Bitterfeld, das die Menschen und die Umwelt zerstört. Achilles als Verkörperung der Aufbaugeneration, grimmig, unwillig, das Werk zu verlassen, nicht mehr ganz bei Kräften, ein rostiger, scharfkantiger Mann, der die Gutwilligen vor den Kopf stößt, den man beim Abschiedsbankett mit einem Stummfilm über Altern und Tod selbst vor den Kopf stößt. Grün ist er nicht, des Lebens keinesfalls güldener Baum. Stattdessen: Blumen auf einem Ödfeld vor den Werkstoren, angekränkelt, verdorrt. Die Gremien waren empört über diese bittere Lebensbilanz, Regisseur Roland Gräf hat später eine ganzes Buch über die Auseinandersetzungen und die letztlich doch erteilte Genehmigung verfasst. Bitterfelder Weg als Film, Szenen aus der Arbeitswelt, die, mit Suff und zwischenmenschlich viel Rüdem, erstaunlich ungeschönt sind. Ein penetrant heiteres musikalisches Motiv setzt sich auf vieles unpassend drauf; ein anderes klingt monoton elektrisch gezupt ziemlich bedrohlich. Beides bricht immer wieder schroff ab. Nichts ist hier glatt: nicht Geschonnecks Gesicht, nicht das Erzählen und am allerwenigsten die Industriegeschichte der Arbeiter- und Bauern-Republik. (74cp)
11.2. Die Ursache. Eine Andeutung (Thomas Bernhard, Österreich 1975)
Montaigne in Salzburg: Thomas Bernhards erster Erinnerungsband, die Geschichte seine Jugendvernichtung. Im Internat, in der Mittelschule, durch den Krieg, den großen, der in der Stadt so vieles zerstört, und den kleinen, täglichen, das Streben der Menschen, der Gesellschaft in Gemeinschaft, wie er zu wiederholen nicht müde wird, wie er des Wiederholens ja ohnehin nicht müde wird, naturgemäß, wie er sich, auch naturgemäß, gelegentlich in den vertrauten Bernhardschen Superlativschleifen verfängt, in die sich, hat man den Eindruck, fast unterschiedslos, Bauten und Menschen, Institutionen und Ideen, einspeisen lassen: am Ende sind sie alle zu Nihilismus zermahlen. Andeutungsweise, wie es immer wieder ausdrücklich heißt: All das kann nicht mehr als nur Andeutung bleiben, unerfassbar der Schrecken, der die Wirklichkeit war und noch in der Erinnerung ist. Aber dann, und staunenswert, stellt er Sachen vor Augen wie die Schuhkammer, in die er fürs Geigenspiel geht, um dort weniger dem Üben als seinem Selbstmordgedanken nachhängen zu dürfen. Und exquisit in seiner Unmenschlichkeit: der abgrundtief nationalsozialistische Schulleiter Grünkranz, wie er ihm die Stabtaschenlampe bei einem Fliegeralarm auf den Kopf schlägt, die Wege durch die Stadt, in den Stollen, die abgerissene kleine Hand einer Leiche, all die anderen Leichen, die Zerstörung der Schranne, die Körper und Teile, mit Leintüchern bedeckt. Der Krieg und sein Ende, hätte der Geist des Krieges denn jemals ein Ende, der Übergang in die Mittelschule, in der ein von der Kinderlähmung verkrüppelter Mitschüler und ein abgrundtief hässlicher Lehrer als Opfer der Vernichtung durch die anderen ausersehen sind. Im Hintergrund die Familie, in der nur der Großvater eine Haltefigur ist, im Hintergrund die Wege über die Grenze, zwanzig Jahre, schreibt dieses Ich, das anfangs immer wieder durch ein Er distanziert wird, zwanzig Jahre hat ergebraucht, sich aus dieser Ursache herauszuarbeiten, um der zu werden, der er dann ist: Einer, der schließlich die Kraft zum Zurückschauen, zur autobiografischen Selbstpräsentation vor sich und der Welt hat. (83cp)
10.2. Hamnet (Chloe Zhao, USA 2025)
Waldgeboren: Agnes, die Frau mit dem Falken, wie die Mutter als Hexe verschrien. Lichtflirrend des Waldes Krone. Tiefdunkel chthonisch dagegen das Loch. So schlicht sind die Kontraste, schlicht auch die Echos: Grenzverkehr zwischen Leben und Tod, ins Schwarze hinein, als Zwischenreich halbverschleierte Räume, «the rest is silence» zum ersten, aber noch nicht zum letzten, gerade der Subtext ist hier ziemlich geschwätzig. Shakespeare, der Autor und Dichter, ist lange nur von seiner privaten Seite zu sehen, als Liebender, Ehemann, Vater, hier und da ein paar Zeilen, Hexengebräu Kinderspiel, alles ändert, kurz vor dem Umzug ins größte Haus Stratfords der Tod. Auch der ist umraunt, Hamnet ist der Bruder, der den Tod der schwächlichen Schwester auf sich nimmt und an ihrer Stelle verglüht. So weit der ultralange Natureingang in den Film. Erst kommen Bilder eines finsteren London dazwischen. Will übt an der Themse Ufer vom Sohnestod lebensmüde seinen nachmals berühmtesten Monolog. Und Agnes eilt herbei, dem berühmtesten Stück mit Gewalt und unter Tränen, this is a weeping play, die biografistische Lektüre zu injizieren. Es bietet sich die komplexe Erinnerungs- und Rachegeschichte des Hamlet zu so etwas ja nun wirklich nicht an, aber das wird hier durch die Augen der Mutter identifikatorisch passend gemacht. Schön ist der Moment der Todkommunion, das Heben der Hände der Groundling-Menge; nicht so schön ist der Rest, der Abgang ins Dunkle, der ganze, leider nicht mal zum Camp taugende Kitsch, den die Tränen der Zuschauerschaft absegnen sollen. (48cp)
9.2. Warnung vor einer heiligen Nutte (Patrick Wengenroth nach RWF, Theaterdiscounter, 8.2.)
Rechts die Garderobe, hinten die Bar, links das Klavier. Hinter der Bar ein Poster mit Bullterriern bei einem Rennen. Vor dem Poster, hinter der Bar, ein Mann, der Rainer Werner Fassbinder ähnelt. Das ist Patrick Wengenroth, der Regisseur, der in einem Solo einmal Szenen aus dem Buch, die nicht gespielt werden, runterzitiert. Den Regisseur des Films, um dessen Dreh es geht, spielt er nicht. So wenig wie RWF diesen Jeff spielte, das tat damals, 1971, in Warnung vor einer heiligen Nutte, ein denkbar schlecht gelaunter Lou Castel. Hier, in der Re-Inszenierung des Films als Stück nach dem Text, quasi vom Blatt, spielt diesen Jeff Lucy Wirth, jedenfalls meistens. Es werden immer wieder Rollen gewechselt, und Kleider, daher die Garderobe. Lieder von Leonard Cohen, das wie im Film. Einmal chorisches Singen deutschen Liedguts, das wie bei Marthaler. Warum? Und überhaupt: Warum das hier heute jetzt spielen? Die Inszenierung gibt keine Antwort, und sie ist auch selbst keine. Wengenroth nimmt das als saftigen Stoff, mit dem sich der eine oder andere Jux machen lässt. So wird die zwischenmenschliche Brutalität komisch entschärft, beziehungsweise was die betrifft, die nicht lachen (ich), ins Tumbe gezogen. Der historische Hintergrund ist ohnehin nicht mehr als nur Kolorit, die atmosphärischen Brüche bleiben beliebig, die beste Darstellerin im Ensemble, Eva Löbau, hat viel zu wenig zu tun und wächst Rolle für Rolle und Perücke für Perücke nur ein wenig über die simple Karikatur hinaus, die sie sein soll. Bei Fassbinder kann man lernen, welchen Abgrund an Finsternis Figuren in einem kollektiven Selbstzerstörungskontext darstellen können, die bei Licht betrachtet nichts sind als Würstchen. Patrick Wengenroth lässt von Anfang bis Ende das Licht an. Voilà: eine Würstchenparade. (35cp)
Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus (Erika Thomalla, D 2025)
Spex, Tempo, jetzt, Vanity Fair: Eine passt nicht in die Reihe, und das ist die Spex. Man erfährt, dass es fast so weit kam, dass die Spex der Tempo nacheifern sollte. Tat sie nicht, Dietmar Dath kam, sah und fuhr das Projekt glorios an die Wand. Der Rest war Piranha. Bei Spex ging es primär um die Frage, wie man an, mit, durch Pop Gegenwart und Gesellschaft versteht, sekundär darum, wie diesem Ringen um das Verstehen ein Schreiben, das auf der Höhe des Gegenstands ist, korrespondiert. Das war manchmal glorios, manchmal verblasen. Die Autoren (und wenigen Autorinnen) in den Popjournalismus-Projekten hatten dagegen mit wenigen Ausnahmen keinen Begriff von Gesellschaft, und suchten ihn nicht. Die Großausnahme Rainald Goetz zieht sich allerdings durch. Die Fähigkeit, Verhältnisse an ihrer Oberfläche zu erkennen, setzt Tiefenanalysen voraus. Die meisten sparten sie sich. In Tom Kummer und Claas Relotius und vor allem im Weltgeist zu Porsche Ulf Poschardt kommt das alles wunderbar zu sich. Erika Thomalla stellt diese Geschichte technisch sehr gekonnt als Selbstaussagen-Collage zusammen. Kann man machen. Ist hier und da schon unterhaltsam.
8.2. Die Zwillinge (Regie: Joana Tischkau, Stück: Leroy Lamin Gibba, Studio R im Maxim Gorki Theater, 7.2.)
Zwei Brüder, Zwillinge gar, Schausteller, Karussellmenschen beide, von denen der eine den anderen, wie Kain den Abel, umgebracht hat. Schwarzer Vater, weiße Mutter, der eine weiß gelesen, der andere schwarz, so geht die Geschichte, mit der die schwarze Journalistin Melanie Opoku (Ruby Commey) Reporterpreise gewann. So aber, wie sie sie aufschrieb, stimmte sie nicht, relotiushaft. Nun aber wechselt sie, das Karussell dreht sich weiter, direkt in die Fiktion, dieselbe oder eine ganz ähnliche Geschichte noch einmal, jetzt in einer Drehbuch-zum-Spielfilm-Version. Und ständig Konflikt: Der schwule Junior Producer, ebenfalls schwarz, liest sich selbst quasi weiß und will von Rassismus nichts wissen. Der Autor Lamin Leroy Gibba (of Schwarze-Früchte-Fernseheserien-Fame) spielt ihn, wie auch, Doppelrolle, den Täter. Die Dialoge sind komisch, das Ganze ist Comedy-nah, Film- und Fernsehsatire, aber verlässlich von kleineren und größeren Abgründigkeiten unterminiert. Zwischendurch zu Stroboskoplicht gelungener softer Deutschrap, der die Sache vollends ins Musikalische holt. Eine weiße Regisseurin wird geholt und castet einen schwarzen jungen Mann aus dem Knast in der Rolle des Täters. Zwischendurch Jahrmarkt, es wird Zuckerwatte gerührt, auf metallenen Plattformagen sportlich durch die Gegend gerollt, Ballons lassen Haarstränge tentakelhaft schweben, später ein Ballonschlangenkopf. Das Yin-Yang-Karussell in der Bühnenmitte dreht sich und dreht sich, mal liegt, sitzt, rennt jemand mit, verzerrte Stimmen durch von der Decke baumelnde Mikros, weiße Menschen mit transparenten Masken, Haut auf der Haut, als Rassismusflüsterer-Chor. Die Ebenen liegen schräg zueinander, sicheren Tritt in der Frage, wie man mit den vielfach geschichteten Rassismus-Komplexen, dem Reden darüber, dem Agieren dagegen umgehen kann, gibt es nicht. Irgendwann in der zweiten Hälfte, als dann auch noch Kolonialismus, Bismarck, Namibia ins Spiel gebracht werden, ist alles aber eher verheddert als wirklich komplex. Bildet einerseits durchaus eine gesamtgesellschaftliche Rassismus-Verhedderung ab. Zieht einigen bitteren Honig, vielmehr Zuckerwatte daraus. Man kratzt sich aber zuletzt eher mittelerleuchtet am verknäulten Ballonschlangenkopf. (65cp)
7.2. Hideko no shasho-san (Mikio Naruse, Japan 1941)
Klein ist der Bus, selten geteert sind die Straßen, auf denen er rumpelt. Von hinten zieht die Konkurrenz vom schickeren Unternehmen an Sonoda, dem Fahrer, und Okoma, die die Tickets entwertet, vorbei. Sie verfällt nach einer Radiosendung, die sie gehört hat, auf die Idee, die Busfahrt durch Sightseeing-Empfehlungen attraktiver zu machen. Der Chef findet es gut, ein Schriftsteller, der im Spa weilt, schreibt gutmütig selbstverliebt einen sehr langen Text. Ein Gedicht, das sich auf die Gegend bezielt, spielt eine wichtige Rolle darin. Der freundliche Dichter, den mal auch mal beim Baden sieht, rät Okoma, im lokalen Akzent erstsilbenbetont vorzutragen. Eine Kleinigkeit, aber wichtig, denn dies ist ein kleiner (und mit weniger als einer Stunde sehr kurzer) Film, der darin sehr reich und sehr groß ist, dass er die Akzente und die Kleinigkeiten betont. Den Akzent. Die Asche neben dem Becher. Den Plopp-Sound der Limo-Flasche, den liebt der Chef, aber der erweist sich am Ende als gnadenloser Kapitalist. Aber auch Okoma genießt, und zwar die Limo auf Eis. Es ist immerzu furchtbar heiß: ohne Ende Fächergewedel. Natürlich schließt Naruse mit seinem Bus- und Bewegungsfilm an Hiroshi Shimizus fünf Jahre zuvor entstandenen großartigen Arigato-San an. Bei der Busfahrt ist Zeit für einen Kurzbesuch bei Okomas Mutter. Mal ist der Bus leer, mal packt ihn ein einzelner Gast viel zu voll, später singen Mädchen und zuletzt darf Okoma auch ihre Sightseeing-Vortrags-Kunst präsentieren. Das erste, aber bei weitem nicht das letzte Mal in einem Film von Naruse: Hideko Takamine, nach der der Film trotz des anderen Rollennamens benannt ist. Okoma und Sonoda sind so wunderbar freundlich und solidarisch wie der Autor, der gar nichts verlangt und wenig bekommt, aber den Dank und ein Winken der beiden zum Abschied. Umso brutaler der Dolchstoß zum Schluss, mit dramatischer Ironie vergiftet Naruse im Schlussbild für den Betrachter das Glück, das die Heldin und der Held im bereits verkauften Bus für den Moment noch genießen. (82cp)
6.2. Die Holländerinnen (Dorothee Elmiger, 2025)
Wenn sich Dorothee Elmiger auf die Spuren Joseph Conrads begibt, wird aus dem Horror, dem Horror ein Konjunktiv-Ding. Und aus True Crime, dem wahren Fall eines rätselhaften Tod und Verschwindens, eine Vorlesung, die nochmal um eine Stelle verschoben zitiert wird. Fast schon die Parodie von Literatur-Literatur, und es ist nicht gesagt, dass der Witz der Sache nicht auch in ihr selbst reflektiert ist, jedenfalls sehr komisch die Stelle, an der der Beginn der Dialektik der Aufklärung wörtlich zitiert, aber eben in den Konjunktiv übersetzt wird. Ein Roman über das Echte und das Gemachte, geboren aus dem Geiste der Schreibkrisenliteratur. Wen Elmiger sich hier vorknöpft: Kraftmeier-Künstler, Dunkelmänner, Eroberer zweiter Ordnung. Werner Herzog, ausdrücklich, Joseph Conrad, natürlich. In der Figur des Theatermachers: Milo Rau, Christoph Schlingensief, die sich nicht mit der Bühne begnügen, sondern Kunst und Leben als Übergriffigkeitsverhältnis zu performen versuch(t)en. Der Roman verhält sich dazu in vollendeter Ambivalenz. Die in den Konjunktiv gesetzte Erzählerin reenacted eine solche hoch problematische Reise ins Herz der Finsternis (das innere unbekannte Lateinamerika, in dem man am Ende immer sich selber begegnet), und eignet sich (wie die Autorin) diesen Zugriff auf die Wirklichkeit an, wenn auch durch die apotropäische Dauergeste des Konjunktivs vermeintlich geschützt. Und läuft so einerseits auf Bildbeschreibungen zu: die letzten Fotos vom Handy der Holländerinnen, eine Serie von Aufnahmen, die etwas anderes als evidence sind. Bilder der Nacht, des Dunkels, des Anderen der Repräsentation, das Andere der brute facts des true crime. Immer wieder diese Doppelbewegung: ins Dunkle wollen, von einem hoch ambivalenten Gegenwartsdunkelmann angeführt, dabei aber immer die Konjunktivlaterne angeknipst lassen. Nicht anders bei den Binnengeschichten, die in den konjunktivisch gerahmten rahmenden Trip eingelegt sind. Eine fiktive Schriftstellerin, die am Ende wiederum (in den Augen der Tochter) ambivalent dastehen muss. Eine weitere True-Crime-Gruselgeschichte, durchs reflektierende Erzählen wattiert. Mit dem Schluss wird alles an einen letzten Abgrund geführt. Aber es ist, weil es anders nicht sein kann, ein Abgrund der Reflexion, aus Papier. Too clever by half. (70cp)
5.2. Liebe im Büro (Eldar Rjasanow, Sowjetunion 1977)
Auf den Straßen Moskaus fängt ein Ich-Erzähler, der sich bald höflich zurückzieht, seine Protagonist*innen ein. Stellt sie vor, die Kamera, die lebendig ist und lebendig bleibt und den Innenraum fast so interessant staffeln kann wie das Leben auf der Straße da draußen, geleitet sie eine nach dem anderen in das Büro. Das Fußvolk sitzt im Großraum und drunten, zur Führungsebene geht es über die Treppe nach droben: Da sitzt, wenn nicht thront, obwohl sie nicht groß ist, Ljudmila Prokofnjewa Kalugina, die hartherzige Chefin, wie sie im Buch steht. Von den Untergebenen hinter ihrem Rücken mit bösen Namen bedacht, vom Körperpanzer-Kleid deformiert, Haar dunkelrot betoniert: Alissa Freindlich, zur Demontage dieses Klischees, als das sie sich in den Film wirft, allzu bereit. Der Demonteur ist, anders als man erst denkt, nicht der weltläufige Juri Grigorjewitsch Samochwalo, der als neuer Vizeboss aus Genf kommt und stangenweise Marlboro mitgebracht hat. Sondern: der schüchterne, ungelenke Anatoli Jefremowitsch Nowoseltsew, alles Schnauzer und Brille, alleinerziehender Vater zweier Söhne, perfekte Verkörperung eines Nicht-Alpha-Manns. Weiteres Personal: der Mann am Fuß der Treppe nach oben, strategisch günstig, um jungen Frauen auf die nackten Beine zu gucken, es ragt hier auch ständig eine nur bedingt bekleidete Statue in den Kamerablick. Um den Mann wird später wortreich getrauert, obwohl er nicht tot ist. Außerdem, als Haupt-Nebendrama: die aufdringliche, brutal abgewiesene Liebe einer Mitarbeiterin, die den neuen Vize-Chef noch aus der Studienzeit kennt. Die Annäherung zwischen Kalugina und Nowoseltzew läuft, wie alles hier, nicht subtil, auf einer Party (mit Metall-Mobile-Vordergrund) und dann im Büro, sucht sich das einen Komikbereich zwischen Screwball und Slapstick. Alles entwickelt sich, wie es muss, aber auf faszinierende Weise geht es, obwohl keineswegs platt, nicht in die Tiefe, sondern es werden die Klischees selbst, aber subtil, klischeehaft ummodelliert. Als Cringe-Boulevard mit Streit, Türenschlagen, Dialogwirrwarr. Und Liebe natürlich. Und regelmäßig vorbeispazierender Ohrwurmmusik. Und großzügigen Auszeiten, minutenlang, in denen die Kamera durch den Moskauer Alltag flaniert und dabei auf nichts hinauswill als das, was man als unbeobachteter Beobachter quasi-dokumentarisch in diesen Szenen sieht. Natürlich geht es im rasanten Screwball-Slapstick zum Komödien-Ende genau dahin wieder hinaus. (80cp)
Hunger (Knut Hamsun, Norwegen 1890)
Hier spricht ein durch und durch männlicher Erzähler als Ich, ein Möchtegern-Autor, der nur hier und da ein Feuilleton an Redakteure verkauft; der durch die Straßen zieht, ein Proto-Incel, der Frauen belästigt, sich aber auf seine Ehrlichkeit etwas zugute hält, die Schuld an Armut, Erfolglosigkeit, Hunger bei den anderen sucht. Schauplatz: Kristiania, spätes 19. Jahrhundert. Der Held ein Norwegian Psycho, der zuletzt zum Vergewaltiger wird. Man wird als Leser*in zur identifikationsaffinen Innenperspektive genötigt, Zug um Zug dem Wahnsinn nähergerückt, in einer Weltsicht, die fieberhaft dostojewskifiziert wirkt. Da ist eine Linie, die recht nahtlos zu Jim Thompsons The Killer Inside Me führt. Und die Frage, wie ausführlich und genau man in eine solche psychische Zwangsvorstellungswelt hineingefühlt werden will. (64cp)
4.2. The World to Come (Mona Fastvold, USA 2020)
Schafe, das Haus, der Mann, die Frau: Karg ist das Leben im Westen im Jahr 1856, an dessen erstem Januar die Erzählung beginnt. Hart für die Männer, die es verhärtet (wieder, wie in The Sleepwalker, ein in sich gekehrter toxischer Brüter: Christopher Abbott; seiner selbst ungewiss, als wäre ihm das Weibliche als solches ein Rätsel der Mann namens Dyer, eher entfärbt als einer, der färbt, eher fast tot als einer, der tötet: Casey Affleck). Und härter für die Frauen, die den verhärteten Männern in der Einsamkeit zwischen Haus, Schaf, der Apfelschälmaschine den Männern ausgeliefert sind. Und dann verliert Abigail (Katherine Waterston) ihre Tochter und fällt damit fast aus der Welt. Ihre Daten, ihre Notate strukturieren als Mitschrif den Film. Der auf einer Kurzgeschichte beruht, was man merkt, es fehlt der Welt, die er entwirft, nicht an Enge, aber an detaillierender Fülle. Als rettender Engel erscheint im kargen Leben Tallie, ganz Wärme und Lächeln und Geschenke. Aus Freundschaft wird Liebe im drinnen wie draußen natürlichen Licht. Der queere und weibliche Western (Drehbuch zwei Männer, der Autor der Kurzgeschichte John Shepard und Ron Hansen, Autor des Romans The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford) als Genre-Painting, etwas idyllisch Warmes im Innern des Harten und Kalten, das in ein idyllisch schönes Draußen gesetzt ist. (Rumänien spielt die Landschaften im Staate New York.) Atmosphärisch sehr intensiv, aber auch ein Film, der die Geschichte, die er erzählt, so notwendig es vielleicht ist, sie zu erzählen, nur gerade so, und fast am meisten noch im sehr schönen Titel, in etwas mehr als nur das, was sie ist, transzendiert. (69cp)
3.2. Das dritte Königreich (Karl Ove Knausgård, Norwegen 2023)
Zurück aus Russland und auch vom ausgeuferten Ideenroman, zurück auf dem Terrain zumeist vertrauter Figuren in ihren von Alltagsnöten geplagten Leben. Vielfach Umkehr- und Gegenperspektiven zum ersten Roman. Tove, die Künstlerin, bislang nur aus der Sicht ihres Mannes Arne gesehen, die nun aus ihrer Perspektive mit dem Wahnsinn ringt, dabei allerdings, wie es scheint, Zugang zur mystischen Ebene der Romanserie hat. Syvert, der mit der alten Vatergeschichte die nun im Altersheim lebende Mutter verstört. Der Stararchitekt, den seine Zeugenschaft beim Tod von Syverts Vater belastet. Geir, der Polizist, und das Video mit Teufelsanbetern im Wald. Das Black-Metal-Konzert, in das Line, von Waldemar eingeladen, gerät wie die Jungfrau zum Kind. Apropos: Erst Gaute, dann wieder seine Frau Kathrine, die Pfarrerin, vom Zweifel geplagt, von Gaute beargwöhnt und dann tatsächlich schwanger. Kurz sogar Ramsvick im Koma, dessen Vater Zementsäcke schleppt. Alles in wenige Tage vor und nach dem Aufgang des neuen Sterns am Himmel gepackt, an den sich alle sehr schnell gewöhnen. Und dann die Tatsache, dass in Norwegen tagelang keiner stirbt. Es wäre zu viel gesagt, dass Knausgård den Alltag und das Außeralltäglichste stärker integriert, eher Entfaltung beider Aspekte mit Betonung der Realien des Alltags. Erstaunlich, wie tief sich das, bei gleichbleibend ausdrücklich unpoetischer Sprache, in die Perspektiven der Figuren, die Beschränkungen ihres Blicks bis in den Wahnsinn und den Komazustand, hineinwuchten kann. Eine Welt, die organisch wuchert und wächst, (mehr als) ein Rätsel, aber keinen Spannungsplot hat, aufs Privateste fluchtet und auf das Numinose, dieser Widerspruch, der dem Ganzen die Grundstruktur gibt, aber nicht auf Abgründe zwischen dem einen und dem anderen zielt, sondern das wie selbstverständliche Nebeneinander von Leben und Tod, dem Kleinsten und dem Allergrößten mit Engelsgeduld seltsam und aufregend platt ausbuchstabiert. (76cp)
2.2. The Sleepwalker (Mona Fastvold, Norwegen/USA 2014)
Unaufgeregt modernistisch ist das Haus, in dem die Schlafwandlerin umgeht: Ziegel und Glas und gerundete Formen. Vor Jahren hat es gebrannt, Kaia, die eine Tochter des verstorbenen Besitzers, renoviert mit ihrem Lover, Andrew, das Innere, nicht zuletzt die Elektro-Installationen. Kaia hat eine Narbe an der Brust, und sie hat eine Schwester, Christine, die eines Nachts einfach auftaucht. Hinterher fährt Ira, ihr Lover, sie ist schwanger, die beiden sind gekommen, um erst mal zu bleiben und Kaia und Andrew an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Wo Christine, off her meds, selber ist. Mona Fastvolds und Brady Corbets Drehbuch hat einen Schuss Wahlverwandtschaften-Beziehungs-Verschiebungs-Drama und einen Schuss Horror und Thriller, auf dessen Gelände sich der Film aber nie wirklich begibt. Das Unbehagen kriecht ins Haus und verlässt es nicht wieder. Weniger unter als an der Oberfläche, ohne das Tageslicht je wirklich zu erblicken: Vorgeschichte, Trauma, Ungesagtes. Die Musik kollert dazu, als wüsste sie mehr, will aber auch nicht ganz mit der Sprache heraus. Sehr tight und nicht ganz dicht zugleich, dieser Film, der gut dräut, aber nicht ganz so gut klar macht, was er hinter seiner slicken Fassade eigentlich will. (63cp)
1.2. Dernier atout (Jacques Becker, F 1943)
Beckers erster eigener Film, drei Jahre zuvor hatte er bei L’or du Cristobal nach drei Wochen Dreh den Job einem anderen überlassen. lmit Pierre Renoir ist der Bruder seines Freunds und Mentors Jean Renoir mit an Bord. Der ältere Renoir spielt einen Gangster, von massigerer Präsenz als der Plot, der sich einerseits nach Genreart um einen Perlenketten-MacGuffin - und eine Frau namens Pearls - wendet und dreht. Andererseits geht es mehr um den Ton. Der Beginn zeigt zwei Polizeinachwuchskräfte im Schießwettbewerb: Clarence und Montès, der Plot ist auch ein Wettkampf der beiden um die Auszeichnung als Bester im Jahrgang. Die Genremomente (mit Waffen, rasenden Autos, Telefontricks) sind Elemente im Parcours dieses Spiels. Gedreht ist vieles in Nizza, das hier als Stadt in einem fiktiven südamerikanischen Staat figuriert. Während des Drehs hat Becker für den Widerstand konspiriert. Die Konkurrenten Clarence und Montès sind monströs elegant mit Zigaretten und Hüten und es spricht wenig dagegen, einen schwulen Subtext zu sehen. Zumal die Frau am Ende, das Zigarettenetui steckt sie ein, ins Dunkel verschwindet. (63cp)
Shadow of Shadows (Ted Allbeury, GB 1982)
Das Buch, 1982 erschienen, war damals schon ein (Jüngere-Geschichte-)Historienroman. Den Gegenwartsplot, der Ende der Sechziger spielt, holt die kursiv dazwischen geschaltete Vergangenheit mit der wahren Geschichte des Sowjetspions George Blake ein. Was die eine Geschichte mit der anderen verbindet, ist ein Mann namens Petrow, hoher Beamter des sowjetischen Geheimdiensts, nun Überläufer in London. Erst packte er aus, plötzlich beginnt er zu schweigen. Hier steckt ein Geheimnis, das ihm der britische Agent Jimmy Lawler entlocken muss. Allbeury organisiert das Wissen auf seinen beiden Zeit-Schauplätzen als unaufhaltsam vorrückende Front. Die Kalte-Krieg-Konfrontation nimmt er strukturell und nicht ideologisch. Der britische und der ex-sowjetische Agent sind sich nur allzu ähnlich. Das wird mehr als einmal gesagt. So sehr, dass der eine die Frau des anderen nimmt. Und nur dieser Ähnlichkeit wegen eine Wiederannäherung einfädeln kann. Die Spannung wird nirgends forciert, was hier tickt, ist ein Uhrwerk, das nicht Thrillerdrücke erzeugt, sondern das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen nüchtern sortiert. Wenn alles, was dunkel war, hell ist, hat die Geschichte eine Ende gefunden. Nach Art einer Komödie, die das Ganze auf einer tief im Backstage, im Shadow of Shadows, verborgenen ironischen Metaebene ist: mit einer doppelten Hochzeit. (71cp)
JANUAR
31.1. Irgendetwas ist passiert (Fabian Hinrichs, Anne Hinrichs, Volksbühne Berlin, 30.1.)
Keine WG, sondern Claudia und Paul, ein Paar, das sich 2011 kennengelernt hat, beide spielt spricht läuft Fabian Hinrichs, von rechts von links, erst in vorwurfsvollen, quälenden Dialogen vor der Brandwand, eng scheint der Horizont, enger, am engsten. Dann eine Tür. Dann die Bühne als Szene. Auf der Szene ein Haus, daneben eine Garage mit einer Wand mit Plakaten, daneben ein Haufen Schutt, außerdem ein Display, auf dem in einer Tour Werbefilme laufen, von Toyota bis irgendwas, slick, sinnlos, es höret nimmer auf. Das Haus, das Nina von Mechow gebaut hat, fährt hinauf und hinunter, irgendwann fliegt ihm das Dach weg. Es erinnert an andere Häuser, an ein anderes Haus, es datiert in eine Volksbühnen-Haus-Vergangenheit bis zu Bert Neumann zurück. Da werden Häuser gebaut, es höret nimmer auf. Aber vor allem kann man, wenn man es sieht, und Fabian Hinrichs darin, und dessen rasch vollzogene Wechsel von Paul zu Claudia und wieder zurück, nicht anders, als an Anna Viebrocks Haus und an Fabian Hinrichs’ letztes (Quasi-)Solo, René Polleschs letztes Stück ja nichts ist okay zu denken. Dass Irgendetwas ist passiert zu diesem Vergleich einlädt, ist noch wenig gesagt. Hier wie da wird das Kleine mit dem Großen, das Private mit dem Politischen, das Intime mit dem Kosmischen konfrontiert. Manchmal komisch, wenn es vom Nahost-Trip des Friedrich Merz, «der Wichser», zu Paar-Reise-Plänen springt. Oder wenn Paul sehr unvermittelt nach oben rennt, aufs Klos bzw. ins Bett, um ebendort, eben, zu wichsen. Einmal wird des Todes von René Pollesch gedacht, als Beleg für dessen, des Todes, Endgültigkeit. Verbatim, deutlich, direkt. Was der Redundanz-Ästhetik dieses Abends entspricht: Was man vorgeführt bekommt, wird nochmal erklärt. Wie unfassbar das ist, die Welt mit Krieg, Untergang und an allen Ecken und Enden Entsetzen. Und das eigene Leben mit Alltag, in den das hereinbricht, oder eher, in dem das halt täglich in den Nachrichten läuft. Paarkampf und Butscha, Gaza und das Ungenügen an der Arbeitsplatte in der eigenen Küche. Das hat dieser Abend zu sagen, in Hinrichs-Suada-Gestalt, das Haus fährt herauf, kein neuer Gedanke, das Haus fährt hinunter, es wird noch einmal gesagt. Es ist ja alles sehr wahr. Und es ist alles nur zu bekannt. Das Irre, das Rätselhafte, das Verlorene, das riskiert Hinkontrastierte des Pollesch-Abends: Fehlt. Bleibt aus. Wird vermisst. Nur noch Fabian Hinrichs, simpler gestrickt. Das hat, weil es doch wahr ist, dass heute erst recht nichts okay ist, in ihrer Schlichtheit gute Momente. Es ist aber auch traurig, weil es sich an etwas, das groß war, anzulehnen versucht. Ohne René ist erst recht nichts okay. Es fehlen die Moves, es fehlen die Worte, es fehlt dem Irren und Sehnen und der Verzweiflung der passende Ausdruck. Es bleibt Fabian Hinrichs in einem pedestrischen Stück. (50cp)
30.1. Der Bürgermeister von Furnes (Georges Simenon, Belgien 1938)
Ein Mann wie ein Kopfstein auf dem Platz vor seinem Haus, von dem der Hagel spritzt und Regentropfen wie Zelluloidbälle stieben. Ein Mann ohne Herz, durch eine Affäre zu Zigarrenmanufaktur und Vermögen gekommen. Ein Mann, der seine Frau seit Jahren betrügt, mit der Haushälterin, mit der einen Sohn hat, den anzuerkennen er sich aber weigert. Ein Mann, der seine psychisch kranke Tochter als madwoman in the attic gefangenhält, aber auch stoisch, mit Bissen, nicht Küssen bedacht, pflegt. Dieser Mann ist Joris Terlinck, Bürgermeister von Furnes, und er gibt einem Mitarbeiter, der eine Frau geschwängert hat, nicht einen Cent. Der tötet sich, schießt auf die Geliebte, die sich als die Tochter von Terlincks größtem Konkurrenten erweist. Sie wird von ihrem Vater verstoßen und findet Unterschlupf in Ostende, bei einer Prostituierten. Simenon erzählt, wie bei diesem kalten Mann im Moment seines größten Triumphs etwas ins Rutschen gerät. Im eigenen Haus: Die Ehefrau, als heulendes Elend gezeichnet, wird sterbenskrank. Und Terlinck fährt nach Ostende, oft erst, dann täglich, als hätte ihn das Schicksal der verstoßenen schwangeren Tochter des Konkurrenten erweicht. Terlinck ist nicht mehr der Mann, den man kennt, er ist nicht mehr der Mann, als der er sich selbst zu kennen geglaubt hat. Er verursacht einen Skandal, die Frau stirbt, die Stadt wendet sich von ihm ab. Ihm kommt es vor, als habe er über dem Verrutschen der Ordnung seines Lebens an Einsicht gewonnen. Die Dinge, im Mann, im Haus, in der Stadt, sind verrutscht und sortieren sich neu. Wird er sein Leben ändern? Die wiedergewonnene Stabilität gleicht am Ende der verlorenen alten. (76cp)
29.1. Yol (Serif Gören, Yilmaz Güney, Türkei 1980)
Eine Handvoll Männer wird aus dem Knast entlassen, auf eine Woche befristet, und Freiheit ist ohnehin nicht das, was sie erwartet. Eher Fortsetzung der Unterdrückung in einem anderen, offenen Knast, nicht nur durch Kräfte des Staats, sondern auch durch eine oppressiv patriarchale Gesellschaft: die Erwartung, einer möge einen Ehrenmord an seiner Frau begehen, die sich das Überleben als Prostituierte verdiente; Soldaten mit Waffen statt Unschuld der idyllischen Landschaft in Kurdistan; ein Mob, der zu lynchen bereit ist, wenn ein Mann mit der Mutter seiner Kinder Sex haben will. Letzteres auf der Toilette eines fahrenden Zugs. Überhaupt: Züge, Transport, Bewegung durch und über das Land als Leitmotive eines Films, der von einem Land, in dem alle feststecken, erzählt. Für einen endet schon mit der Kontrolle des Busses aus dem Knast dieser Weg. Yol zeigt ein Land, in dem noch die Bewegung im Tod enden kann, sei es an der syrischen Grenze, sei es im Schnee auf dem Weg über den Pass. Es geht in eine Stadt nach der anderen, Szenen des Alltags auf dem Bahnhof, auf den Straßen, in den Hütten und Häusern, Momente zwischenmenschlicher Konfrontation, das alles in markanten Bildern (Landschaft im Schnee, in dem sich die Menschen verlieren; die Gleise voraus, ins Unbekannte rasender Zug), die diesen Alltag ins Allegorische übersteigen. So sind auch die Männer weniger Individuen als Typen, deren Situation ins Existenzielle hineinragt. Ebenfalls an einen anderen Ort transportierend: die melancholische und dabei warme Musik von Zülfü Livaneli. Serif Gören hat Szene für Szene nach Direktiven des seinerseits im Gefängnis sitzenden Yilmaz Güney heimlich gedreht: Ihre beträchtlichen Intensitäten werden durch den oft unvermittelten Schnitt, den Güney dann beaufsichtigt hat, entlastet, manchmal konterkariert. (74cp)
28.1. Ucho (Karel Kachýna, CSSR 1969)
Ein Polithorrorfilm. Ludvík und Anna, Ehepaar mittleren Alters, kommen nach Hause von einer Soirée, öffentlich, nicht privat, wobei für den KP-Funktionär Ludvík jede Soirée politisch sein dürfte, aber es ist auch der zehnte Hochzeitstag der beiden. Sie kehren früh zurück, etwas stimmt nicht. Die Schlüssel sind verschwunden, dann sind die Türen einfach offen. Das Licht funktioniert nicht, die Telefonleitung schweigt. Sie geraten in Panik, sie streiten, sie trinken, Anna trinkt ohnehin viel, viel zu viel. Sie vermuten, dass jemand – die Partei, der Geheimdienst – Wanzen im Haus angebracht hat und suchen nach Räumen, in denen sich offen reden läst. Ludvík verbrennt Papiere im Klo, hinter einer verschlossenen Gittertür schläft der Sohn, unbeaufsichtigt, nichts ahnend, man sieht ihn ganz lange nicht. Als grelle Flashs zwischen dem Dunkel des Hauses Szenen von der Soirée, groteske Gesichter, bedrohliche Carnival-of-Souls-Atmosphären. Erst in einem Auto auf der Straße, dann an der Pforte, dann im Garten Gestalten in Trenchcoats, Figuren, die munkeln, im Dunkeln. Ludvík bereitet seine Abreise vor, in den Knast, da brechen die Gestalten, Parteileute, selber betrunken, über die beiden herein. Küchenauftrieb von einiger Unheimlichkeit. Dann sind sie weg, Ludvík und Anna streiten, als wären wir in einem Bergman-Film, Ludvík und Anna suchen und finden, ganz anderer Film, zahlreiche – ucho, das Ohr des Staats, der sie überwacht – und unterhalten sich, auf das Schlimmste gefasst, auf dem Balkon. Dann kommt der Anruf, ein Happy-End, das so böse ist, dass der aus dem Geist des Prager Frühlings konzipierte Film, der wirklich kein Blatt vor den Mund nimmt, zu Ostblockzeiten nie gezeigt werden durfte. Erst seit 1990 ist er in der Welt. Die Hauptdarsteller Jiřina Bohdalová und Radoslav Brzobohatý hatten 1970 selbst geheiratet, sich gestritten und wieder getrennt. Regisseur Karel Kachýna verlor seinen Filmhochschuljob und drehte erst mal nur noch harmlose Filme. (81cp)
27.1. Le navire night (Marguerite Duras, F 1979)
Alles getrennt, alles zusammen: die Stimmen, der Text, die Gesichter, die Räume, die Kamerafahrten und, honkytonk, die Musik. (Später noch ein weniger gefälliges Geigenmotiv.) Matthieu Carrière, Bulle Ogier, Dominique Sanda. Dazu der Rücken eines Manns am Klavier. Dazu die Hände von Marguerite Duras, die ihre Schauspielerinnen und dann auch den Schauspieler schminkt. Nur spielen sie nicht, sondern sitzen, bestenfalls spielen sie, dass sie sitzen. Oder stehen. Das rote Glitzerkleid wie eine abgezogene Tierhaut an der Wand. Dann am Körper von Dominique Sanda. Die Kamera bewegt sich durch das Haus, den Backstage-Onstage-Raum, man sieht die Lichter, sie sind die Beleuchtung, man sieht Tafeln, auf denen steht zugleich gesprochener Texte. Die drei jedoch, Carrière, Ogier, Sanda, sie sprechen nicht. Es sprechen nur Stimmen, aus dem Off, wo oder was auch immer das sein mag in diesem Film, der auf seine eigene Weise kein On hat. Im Off: die Stimmen, es sind die von Marguerite Duras und ihrem Assistenten Benoit Jacquot. Sie erzählen eine Geschichte, oder sie umkreisen eine Geschichte, deren Protagonist*innen namenlos bleiben, oder doch fast. Die Frau, das ist F. (wie: femme), dazu der Mann. Sie kommen nicht zueinander (aber sie kommen zusammen, viel jouissance in den explicit lyrics der Tonspur), von einer nirgends verzeichneten Telefonleitung ist die Rede, ein Zufall, das Schicksal, die Autorin bringt sie zusammen. Die Frau stirbt, ist am Sterben, redet vom Sterben, sie hat Leukämie, behauptet sie. Sagt die Stimme. Die Kamera ist zu Beginn nicht zuhause, sondern in Athen, of all places. Sie ist dann immer wieder im Haus, dem Drehort für die Geschichte, die andernorts (oder nirgendwo) ihre Statt hat, in einem (W)Ort namens Neuilly. Die Kamera (Pierre Lhomme) schwenkt über Unbelebtes, Statuen, Park (Bois), Wasser, Himmel, sie schwenkt und schwenkt, auch im Haus, mehr aber draußen, gelegentlich kommen der Text und die Bilder zusammen: Père-Lachais-Jouissance. Inschriften auf Gräbern, verrätselte Namen, die Suche nach Spuren, die ins Unmögliche (des Zusammenseins) führen, aber alles bleibt erstlich/letztlich frustrierend/lustvoll kryptisch. Am offenen Ende schließt sich ein Kreis/Nebengleis: Nun also Thessaloniki. (71cp)
Orgelmatinee, mit Karol Mossakowski (Orgel), Andreas Wittmann (Oboe) (Philharmonie Berlin, 25.1.)
Oboe und Orgel: das reine, menschliche, nie dumpfe, nie grelle, nie schrille edelste Instrument, das den anderen den Ton vorgibt, vom Spielenden teils selber geschnitzt, und das unreinste, mixturfähigste, donnernde, flüsternde, krawallige, brummende, atmende Instrument, eine Apparatur, die den Spielenden einspannt, und fast ein Orchester für sich. Fern sind sie sich, es gibt nicht so viele Kompositionen, die original für die beiden gedacht sind. Hier im Konzert gab es Solo für Orgel und Duo der Orgel mit der Oboe, das Monster-Ding an der Wand (wenn auch per Fernklaviatur auf der Bühne gespielt) der Anordnung nach der Chef im Ring. Auch weil der junge St. Sulpice-Organist Karol Mossakowski bei seinem Debüt in Berlin zeigen will, was die Orgel kann, wenn er will, Einstieg mit Bach: Präludium und Fuge, der Beginn schon recht prankig, im Fugenteil später finster, von Mossakowski fast aggro gespielt. Dann ein Duo-Krebs (der Barock-Komponist, nicht die musikalische Figur; Fantasie für Oboe und Orgel f-Moll Krebs-WV 604), das bleibt freundlich, wenn auch nicht ganz so gesittet wie das vorletzte Telemann-Stück, bei dem Orgel und Oboe einander nichts tun, Schritt für Schritt wie Pat und Patachon nebeneinander, die Orgel hält sich brav, wie es eigentlich nicht ihre Art ist, mit allen Klang- und Dynamiksperenzchen zurück. Ganz anders Widor. Ganz anders Hummel. Eher mit programmmusikalisch wirkendem Strudelnd im Unterirdischen wühlend zum Schluss noch Dupré (Variations sur un vieux Noel). Widor, Charles-Marie, Spätromantiker und von Haus aus Organist, wie Dupré Vorgänger Mossakowskis an der Orgel von St. Sulpice, berühmt und viel gespielt ist die enorm schwungvolle, fließende Toccta aus seiner 5. Orgelsinfonie, Mossakowsi spielt daraus den ersten Satz, ziemlich allegro vivace auch er, mit ineinanderfließenden Händen und Tönen, pizzicatozart und am Ende doch dröhnend, strahlend, wie zwischendurch schon, in die Tasten gehautes F-Dur. Im Zentrum des Konzerts aber, das längste (wenn auch mit 17 Minuten nicht lange) Stück, Biblische Szenen für Oboe und Orgel (1972) von Bertold Hummel. Das ist nun wirklich Programmmusik, es gibt sogar Zitate, alle aus der Genesis, die der Komponist der Musik vorangestellt wünschte. Wer es nicht weiß, hört das eher nicht (etwa dass im dritten Teil, oder Satz, die Sintflut hereinbricht). Was man hört, ist ein Gespräch zwischen Oboe und Orgel, ein Gespräch, aber ganz gewiss nicht Konversation: Die Orgel fällt der Oboe ins Wort, teils fast brutal, aber die Oboe gibt Widerworte, feintönige Entschlossenheit hält dem Aufbrausen stand, immer wieder fällt die Orgel dann wie überredet zustimmend ein. Zuletzt noch, nach mehr als warmem Applaus, eine Zugabe vom bayerischen Hofkomponisten J. G. Rheinberger: einfach nur auf Zusammenklang aus und sehr schön.
26.1. Karbid und Sauerampfer (Frank Beyer, DDR 1963)
Auf der einen Seite der Elbe: die Sowjets. Auf der anderen: die Amerikaner. Dazwischen auf Motorboot: Karbid-Kalle, Erwin Geschonneck als ein listiger Trickster, ein volkstümlicher Odysseus, nach rechts grüßend, nach links auch, gerade hat er dem Besitzer, einem Amerikaner, der so schlechte Zähne hat wie er Englisch spricht, das Boot, einen Revolver, die Mütze und einen Pack Zigaretten entwendet. Ein Odysseus als Karl im Glück im Unglück ist das. Festgesetzt wird er, entrinnt und wird wieder gefangen und kommt wieder frei, Schelm, der er ist. Der Grund seiner Reise: Karbid aus Wittenberge besorgen. Fürs Schweißen. Zum Wiederaufbau der Dresdener Zigarettenfabrik. (Ja, der spektakulär orientalisierende Yenidze-Bau ist gemeint!) Zigaretten hier, Zigaretten da, als Objekte der Sucht zugleich Währung. Sieben Fässer gilt es von hier nach da zu bewegen. Zu Lande, zu Wasser, aber nicht in der Luft. Bei einer Kutschfahrt begegnet Kalle schicksalhaft gleich einer Frau, zu der er zurückkehren will. Darum hat eine blonde dralle Kalypso bei ihm keine Chance. Mit einem Fass stimmt etwas nicht, mit dem einen oder anderen treibt er Handel, zwischendurch fliegt er fast in die Luft. Kalypso serviert ihm viel Fleisch, aber auch da ist sie an den Falschen geraten, weil Karl seit zwanzig Jahren Rohköstler ist. (Siehe Titel.) Alle Episoden sind – achtzehn Jahre später – letztlich auf Pointe gespielt, der Hunger, der Durst nach Zigaretten und Liebe und Sex, die große Politik und das Hehlen, Stehlen und Schieben. Und auch und sogar, eine Kutschfahrt plus Sarg mit Beerdigungsszene, der Tod. Kalle als Mannsbild im Grunde in Ordnung, auch dank Geschonnecks Timing, der Film, als Mann, ist in seinen Rollenbildern schon weniger koscher. Und drückt hier und da ein wenig sehr auf die Tube. Als Nachkriegs-Wiederaufbau-Versöhnung-mit-dem-Elend-Projekt. (69cp)
25.1. Der Prozess (G.W. Pabst, Österreich 1947)
Ernst Deutsch, der 1933 aus Deutschland geflohen war und in Hollywood als Ernest Dorian in Nebenrollen überlebt hatte, kehrt 1947 zurück, erst nach Wien, und spielt die Hauptrolle in einem Film mit Pabst, der für die Nazis gedreht hat. In Hollywood hatte man Deutsch meist als Offizier oder Nazi gecastet. Nun spielt er den Tempeldiener in einem historischen Fall antisemitischer Judenverfolgung. Für Pabst ist Der Prozess eine Art Wiedergutmachungswerk. Nun klagt er an, wenn auch doppelt verschoben: Ins 19. Jahrhundert. Nach Ungarn. Der Schauplatz: ein Dorf. Der Fall: Eine junge Frau ist verschwunden. Sofort geraten die Juden unter Verdacht, sie getötet, ja in einem Ritualmord geschächtet zu haben. Pabst tut inszenatorisch, was er nur kann. Er erinnert sich an expressionistische Zeiten und in die Richtung kann er sehr viel. Suggestiv schafft er mit Bewegungen, Close-Ups, Helldunkel, effektvoll für Auge und Ohr zusammengeballten judenfeindlichen Massenszenen bedrohliche Atmosphären, dazwischen wirft er unangestrengt Idyllisches hin. Das Böse als eitler Geck und antisemitischer Karrierist ist ein Ankläger namens Bary, in der Gestalt Josef Meinrads, eine Figur, an der nicht nur das Bärtchen, sondern geradezu alles allzu spitz zuläuft. Weitere Zentralfigur: der minderjährige Sohn des Tempeldieners, der sich vom Glauben der Väter lossagt und durch Folter und Manipulation vor Gericht zum Kronzeugen der Anklage wird. Aufrecht dagegen der Verteidiger der Juden Dr. Eötvös, gespielt von Ewald Balser, der doch eben noch einer von Dr. Goebbels’ Gottbegnadeten war. Ein Film, an dem alles zugleich offen daliegt und als Wiederkehr des Verdrängten unheimlich ist: Die Juden werden gerettet, die Täter und ihr mörderischer Fanatismus nachträglich angeklagt. In Venedig Medaille für Pabst, das Publikum jedoch sah lieber weg. (65cp)
Les proscrits (Honoré de Balzac, F 1831)
Das Jahr 1308, im Schatten von Notre-Dame de Paris. Balzac skizziert, prosaisch genug, erst mal ein Haus und seine Bewohner. Dann aber fliegt er in Richtung Mystik und Kosmos davon. Der Besitzer des Hauses ist ein Sergeant namens Tirechair, zu Deutsch Fleischreißer, der Namenswitz wird betont. Er und seine Frau werden installiert, um sie möglichst schnell zu vergessen, Kontrastfiguren, mehr nicht. Es geht um die zwei Mieter, die unheimlich sind. Einer ein Greis, an dem alles furchterregend ehrwürdig ist. Der andere ein junger Mann von umwerfernder Schönheit. Mit ihnen zieht die Erzählung auf und davon. Räumlich nicht weit in eine Kirche, in der ein Mystiker namens Docteur Sigier (den es gab). Der predigt und Balzac schnappt seinerseits mystisch über, Kette der Wesen vom Allerniedrigsten zum Allerhöchsten, wenn mittelalterlich, dann eher via Swedenborg inspiriert. Knalleffekt der kurzen Erzählung: Der Greis ist berühmt, aus seinem Werk wird zitiert, es ist Dante. Der im Jahr 1308 allerdings 43 Jahre alt war. Aber was kümmern einen mystisch inspirierten großen Geist historische Fakten. Sogar nach Florenz darf Dante bei Balzac zurück.
24.1. Dein unbekannter Bruder (Ulrich Weiß, DDR 1982; Youtube)
Grün gewellte Paranoia-Tapete, die Atmosphäre nicht fern von Yves Montand bei Melville im Delir, Arnold Clasen (Uwe Kockisch) tigert im Raum auf und ab. Aber hier kommen keine Echsen gekrochen, die Gefahr, die auf der Straße eine riesengroße Hakenkreuzfahne verkörpert, ist nicht alkoholinduziert, sie ist nur zu real. Clasen ist im kommunistischen Widerstand, er war im Gefängnis, Rückblenden zeigen ein brutales Verhör, und sucht nun zu den alten Genossen Kontakt. Wer ist Freund, wer Verräter? Da ist der Mann mit dem Affen im Käfig, der die Annäherung an das Regime sucht. Da ist die Geliebte aus besseren Kreisen, die ihn in den Festempfang mit der Rede einer Nazi-Größe einschmuggeln kann: Weiß hat hinter Clasens Schulter einen nackten Putten-Arsch ins Bild reinkadriert. Der Auftritt selbst: die Brutalität als Theater. Weiß denkt in Szenen, manchmal inszeniert er das Publikum mit. Nazis in der Fabrik, Männergesichter von roten Schweißermasken verdeckt, eine bedrohliche Horde. Dialog mit dem Freund und Verräter auf einem Boot zu Musik. Noch eine Fahrt, mit dem Zug, hinten, draußen, der Rauch zieht vorbei. Eine Hetzjagd, Hunde auf Rebhuhn, das gejagte Tier rennt, rennt, rennt, vergeblich, radikal der Kontrast zwischen der Statik der meisten Szenen und dazwischen Dynamik. Früh im Film eine Fahrt die Straße mit ihrem Alltagsleben entlang, die sich gegen Schluss wiederholt, aber sie endet abrupt: Clasen wird festgesetzt. Zug ins Groteske: Clasen arbeitet nun als Filmvorführer im Kino, man sieht kurz den Film, kurz sieht man auch historische Bilder von Hitler, aber vor allem sieht man eine gestrenge Nazifrau, die erst aufs Bedrohlichste als Filmvorführerverführerin agiert und dann mit einer grotesken Apparatur seine Kopfform vermisst: Alles top, arisch. Ein Mann verfolgt, isoliert. Das Misstrauen, das noch die wenigen Gelegenheiten, wo man sich als Gruppe trifft, infiltriert. Und Weiß zieht es auf der formalen Organisationsebene durch: Jede der Szenen steht hier für sich, wie verbindungslos die eine neben die nächste gewuchtet. Der Raum, die Konstellation der Figuren, ja, das tonlose Sprechen, manchmal, als hätte man Fassbinder mit der Berliner Schule gekreuzt: die Unmöglichkeit, sich näher zu kommen, sogar noch im Bett. Der Film wird eingeladen nach Cannes, aber Hermann Axen, Ex-Widerstandskämpfer, nun selbst Teil eines Unterdrücker-Regimes, dekretiert: «So waren wir nicht.» Dem Film wird die Reise nach Frankreich verwehrt. (82cp)
23.1. Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit (Karl Ove Knausgård, Norwegen 2022)
Im zweiten, mehr als tausend Seiten umfassenden Band seiner Morgenstern-Serie setzt Knausgård ganz anders an. Ein Sprung zurück in der Zeit, es ist das Jahr 1986, norwegische Provinz. Lange, sehr lange, unendlich lange wird man in die Perspektive eines einzelnen Ich-Erzählers gezwungen, bevor die Erzählung dann noch einmal ganz woanders hin springt. Syvert hat seinen Wehrdienst hinter sich, kehrt zur Mutter mit ihren zwei schlecht bezahlten Jobs, zum klugen, nerdigen, noch zur Schule gehenden Bruder zurück. Viel Raum, viel Zeit, viel Text für Knausgård, der Knausgård-Sachen macht. Mikrobeobachtung einer kleinen Welt durch den Filter einer in ihrer Durchschnittlichkeit herausragend uninteressanten Figur. Politisch rechtsliberal, beim Militär war er Koch, große Ambition irgendeine Art hat er nicht, viel everyday life, viel awkward Frauenbegehren, ein Ständer hier, eine Tölpelei da. Der Vater ist seit zehn Jahren tot, die Mutter wird krank, Syvert findet einen Ferienjob in einem Bestattungsunternehmen, alas, aber die Sache scheint ihm zu liegen. Mit dem Unglück von Tschernobyl schleicht sich ein erster Bezug zur sowjetischen Welt in das Buch. Dann findet Syvert zufällig Briefe im Nachlass des Vaters, auf Russisch. Er lässt sie sich übersetzen von einem Mann, der Russisch gelernt, um Dostojewski zu lesen. Zeichen, noch keine Wunder. Der Morgenstern tritt erst ganz zum Schluss wieder auf. Lange zuvor, fast hat man sich mit dem öden Leben des öden Syvert in der öden Provinz anzufreunden begonnen, doch noch ein Sprung. Neue Ich-Erzählerin: Alevtina, die erst Literaturwissenschaft studiert, dann Biologie, denn nicht die Zeichen sind es, die sie interessieren, sondern die Dinge. Sie forscht zu Wald und Myzel, sie hat einen Vater, der Violinist ist und intellektueller Autodidakt. Sie hat eine Freundin, die Forschungen betreibt zur Überwindung des Todes. Ab hier nun full scale Ideenroman. Man wird mit Lesefrucht überschüttet. Zu Evolution und Pilz, zum russischen Philosophen Nikolaj Fjodorow, der für die Überwindung des Todes durch Wiederauferstehung der Lebenden eintrat. Von hier zu Peter Thiel und Transhumanismus: Katzensprung. Einschub langes Traktat, russische Philosophie. Der Vater wird krank, Tolstoj stirbt, zwischendurch Pilz-Drogentrip, die Ereignisse und die Themen überschlagen sich. Dann zurück in den Plot. Alevtina ist die Tochter der Frau, die Syverts Vater geliebt hat, in Moskau, darum die russischen Briefe. Dreifacher Rittberger durch das Zeitkontinuum, ab mit Syvert nach Moskau, awkward Bruder-Schwester-Gespräch mit Meeresfrüchten, Touristen in Russland, Putin im Kreml, awkward Bruder-Schwester-Besäufnis. Nun kann der Morgenstern wieder erscheinen, hier, da, überall. Der kleine Astrophysiker-Bruder als Star. Und Merkwürdigkeiten aus dem Bestattungsunternehmen, das Syvert erfolgreich betreibt. Auf in Band drei. (74cp)
22.1. Silent Friend (Ildiko Enyédi, D/F2025)
In der Mitte der Dinge, yggdrasilisch, ein Baum: Gingko, weiblich, einsam im botanischen Garten. Um ihn versammelt die Zeiten und Menschen, Forschende alle, an der Frage, ob die Pflanze wohl denkt. Tony Leung ist aus Hongkong gekommen als einer, der bislang die Hirnströme misst, nun aber beginnt, dem Fühlen und Strömen des Baums auf die Schliche zu kommen. Mit Messapparaten, denn Wissenschaft haben sie alle im Sinn. Aus Frankreich zugeschaltet, wegen Pandemie sind auch die Menschen vereinzelt da drinnen wie der Gingko da draußen: Léa Seydoux, die Pflanzenexpertin. Aus der Vergangenheit zugeschaltet, vom Beginn des letzten Jahrhunderts, zum einen, schwarz-weiß: die erste Botanikstudentin der Universität, mit blossfeldtianisch-fotografischen Neigungen noch dazu, knorrig-charmant angeleitet von Martin Wuttke, der ebenso kommt und bald wieder geht wie manch andere kommen und gehen, aber Eindrücke bleiben. Und noch eine Vergangenheit, hippiesk post-68, im körnigen 16mm-Farbfilm, eine Liebesgeschichte, die nicht richtig erblüht, beziehungsweise anders erblüht als gedacht: Statt mit der jungen Frau, die zu allem bereit ist, kommt der junge Mann mit ihrer Geranie zusammen. Wenn man so will. Jedenfalls heißt sie ihn durch Öffnen der Gartentür freundlich willkommen. Das also das Arrangement, die Geschichten, die sich jede für sich eher ruhig ausfächern, als feste Form anzunehmen, sind lose motivisch verbunden, oder mit von sehr ruhiger Hand geführten Schnitten aufeinander gepfropft. Alles spielt of all places in Marburg, an einem exzentrischen Ort, der zum exzentrischen, charmant spinnerten Film am Ende gut passt. Vieles an ihm ist sanft pflanzenhaft schön, am meisten nicht mal Geranie und Baum, sondern Tony Leung, eine Art freundlicher Gingko als Mensch. Zweieinhalbstunden sich akkumulierendes Strömen und Fließen, das nichts herbeizwingen will, manchmal ein bisschen täppisch, zum Glück frei von heiligem Ernst, aber nicht von Humor. Wo der Fächerblattbaum so freundlich Goethe-Text singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Bäume haben keine Lieder. (72cp)
21.1. Moskau, meine Liebe (Alexandr Mitta, Kenji Yoshida, UdSSR/Japan 1974)
Eine sowjetisch-japanische, eine Mosfilm- und Toho-Koproduktion. Die Tokio und Moskau, die japanische und russische Darsteller verbindet und mit Alexandr Mitta einen sowjetischen Haupt- und mit Kenji Yoshida einen japanischen Nebenregisseur hat. Und wie der Titel schon sagt: In der Hauptstadt der Sowjetunion spielt die Musik. Als Ballett. Die junge Yuriko nämlich bekommt ein Stipendium für das Bolschoi-Theater in Moskau. Packt ihre Sachen, lässt den Mann, der sie liebt, in der Heimat zurück. Lernt Russisch, zum Glück, denn das Japanische wird von einer dieser typischen tonlosen russischen Synchronstimmen, die alles plattmachen, überdeckt. Zwar ist das hier so gemacht, dass der Dialog oft bewusst Lücken dafür lässt. Andererseits killt es verlässlich den hinreißendne Schwung, den der Film sonst meist hat. (Mehr in den sowjetischen als den eher aufs Hektische setzenden japanischen Passagen.) Mitta und die Kamera von Vladimir Nakhabtsev tanzen selber eine Art Ballett, nur viel freier als die Gizelle am Bolshoi, mit Handkamera und Bodennähe und ganz viel Bewegung, einmal werden Körper- und Stadtsilhouette zu einem absolut charmanten Tanz übereinander geblendet. Den Schmonzetten-Plot, der spät und plötzlich die Atombombe, Hiroshima, Leukämie in den Sinn bekommt, nimmt niemand über Gebühr Ernst, beziehungsweise einfach zum Anlass für musikalischen und szenischen Bildüberschwang, manchmal fast bollywoodesk. Dafür ein Judowurf hier, eine Theaterbaustelle am Badeort da. Wellen toben elementar, die Tänzerin stirbt und lässt ihre strahlend blonde russische Liebe, den Künstler Volodya, trauernd zurück. (72cp)
20.1. Flügel (Larissa Shepitko, UdSSR 1966)
Nadezhda Petrukhina begegnet im Museum ein Foto ihrer selbst aus früheren Tagen, als Fliegerheldin im vergangenen Krieg. Aber den ganzen Film hindurch bewegt sie sich durch ihr Leben, als wäre es ein Museum, in das sie selbst nicht wirklich gehört. Sie ist Lehrerin an einer Schule, kümmert sich um einen Jungen, der auf und davon ist, springt bei einem Theaterauftritt der Klasse als Babuschka ein und winkt und winkt aus der Puppe. Maya Bulgakova, die gerade 34 Jahre alt war, spielt diese Frau mittleren Alters, stets streng gekleidet in Bluse, Rock, Jacke, grau an den Schläfen, so, dass man sich über das Aufblitzen wilder Momente nicht wundert: beim Walzer mit einer anderen Frau nach einem Bier, in einer Kneipe, alleine, beide vom Schwung aus Bier, Nähe, Erkennen der einen in der andern erfasst. Danach drücken sich die Männer draußen an der Scheibe die Nase platt, ob der Ungehörigkeit, wenn nicht Unerhörtheit dieses Verhaltens verblüfft, einer ganz rechts lächelt wie zustimmend selig, als Signal vielleicht, dass es immer einen gibt, der auch eine Nadezhda versteht. Shepitko hat den Film aus hoch konzentrierten Szenen gebaut, in deren Zentrum Petrukhina steht und sitzt und blickt und wartet und spricht, nicht sehr warm, auch nicht kalt, der Welt, die sie umgibt, entfremdet, aber zuletzt doch eher sich selbst als der Welt. Szenen wie diese: Petrukhina kauft Trauben an einem Stand an der Straße, es gibt kein Papier zur Verpackung, sie trägt sie vor sich in der Grube ihrer Hände wie ein Präsent. Es beginnt zu regnen, die Leute rennen davon, nach rechts und nach links, das Trockene suchend. Die Kamera blickt die Tiefe einer langen, welligen, geraden Straße hinab und fährt und schwenkt dann nach oben, in den Himmel, in den Regen, dahin, wo die Vergangenheit liegt. In der Liebe zum Flieger Dimitry, noch ein Fliegerheld, aber einer, der tot ist, Überblendung von Tod und Freiheit im Fliegen, auf die der Titel verweist und immer wieder Szenen hoch in den Wolken: Auch am Ende geht es eben da hin, Nadezhda heißt Hoffnung, wer weiß. (82cp)
19.1. La rupture (Claude Chabrol, F 1970)
Die Figuren, die Konstellation, gewiss nicht zuletzt den Mann mit den Ballons: All das hat Chabrols Films aus Charlotte Armstrongs Roman The Balloon Man. Aber das Blitzen der Elektrik im Tram-Strom, die Tram selbst in den Straßen der Stadt, kontrapunktisch die Bank im weiten Park, die Schwenks, die Unheimliches suggerieren, die Nackte unter den Nackten unter dem Dach, die bis ins Komische eisklirrende Kälte der Reichen und Allzureichen, die Karten spielenden Damen als Parzen, Stéphane Audran, um die ein Netz gesponnen wird, aus dem sie sich windet, mehr ahnend als wissen, als schöne Seele im schönen Körper in schwierigen Lagen; den Ton, der spöttisch und bösartig ist, der an den Verbindungen seiner Geschichte zur Wirklichkeit mehr als nur zupft, bis sich am Ende die Ballons lösen und schweben: All das ist Chabrol, der seiner Heldin ein abgetakeltes Haus baut, der sie zum Flughafen schickt und wieder zurück. Und La rupture ist ein Film, der die Drogen genommen hat, von denen er spricht, ein Film, dem es niemals zu bunt wird, der selbst seiner chargierenden Kinnbart-Großschauspieler-Karikatur eine Restwürde gönnt, nur einem nicht: dem Mann, der das Geld und auch sonst alles hat, nur sein Kind nicht, die Liebe nicht und eben auch nicht einen Anflug von Ehre im Leib. (83cp)
18.1. The Man I Love (Raoul Walsh, USA 1947)
Prolog, eine Warnung. New York, Nacht: Zwei angetrunkene Herren vor der Tür eines Clubs, Mann auf einer Leiter, der an der Leuchtreklame hantiert, Kamerablick von schräg oben, da sei nun geschlossene Gesellschaft. Sagt der eine Herr zum andern: «I get it, private party for crazy people.» Dann sind wir drin. Mit Petey, Ida Lupino, Sängerin in nicht nur diesem Club. Der Film entwirft ein reiches Figurentableau, es ist die absolut umwerfende Lupino, die ihn trägt. Von der East Coast geht es an die West Coast, wo ihre Geschwister leben. Die Schwester mit einem vom Krieg traumatisierten Mann, der Film ist 1945 gedreht, ein zweiter Rahmen, crazy people anderer Art, es geht auch um die Heilung von PTSD. Dreh- und Angelpunkt der weiteren Handlung: ein Nachtclub, betrieben von einem glatten, brutalen Mann namens Nick Teresco (Robert Alda), der sich die Frauen nimmt, wie sie kommen. Bis ihm eine, Ida Lupino, nun widersteht. Sie singt, sie ist tough, sie trägt absolut atemberaubende Kleider, mal schlängelt sich was, mal glänzte es wie feucht, allen Kopfschmuck legt sie obstinat ab: Sie hat, wie kaum eine andere Hollywoodheldin in jenen Tagen, sowas von ihren eigenen Kopf. Da wäre jedoch noch das Herz. In ihr Leben tritt ein anderer Mann, San (Bruce Bennett), so wenig Sane wie die anderen hier, Musiker, den sie am Klavierspiel erkennt, trockener Trinker, der seiner nicht restlos verflossenen Liebe zu einer Anderen nachhängt. Das ist das Dreieck, Petey und Nick und San, das ist der Kern, der aber in komplexen psycho-energetischen Beziehungen zu diversene Nebenhandlungen steht. Walsh hält durchweg das Tempo, inszeniert das Melodram als Noir. Tränen, unverschleiert, in den Augen Lupinos beim grandiosen titelgebenden Song. Harte Kontraste, sogar in Dunkel und Nebel. Atemberaubende Szene: Mit einem Handkantenschlag auf einer Treppe entwaffnet Petey ihren von seinen Gefühlen überwältigten Bruder. Ein paar Ohrfeigen hinterher, er sieht wieder klar. Und Nicky Teresco, der sie mit Gewalt nehmen würde, ihr aber nur hinterherblicken kann: Triumphierend geht sie ab, und zwar, ins Dunkel, nach unten. Am Ende ein anderer Gang, letzte Worte, wirklich wahr, des Manns, den sie liebt, «here’s looking at you»: Sie geht davon, auf die Kamera zu, Tränen in den Augen, erst ein Lächeln, dann wieder starrer Blick in einem Gesicht, das ausdruckslos scheint, aber in Lupinos Ausdruckslosigkeit liegen in diesem Film Welten, wie auch immer ihr das gelingt. Zuletzt, ein bittersweet glückliches Ende. «I always fall on my feet», das hat sie ihrer Schwester zum Abschied gesagt. Der Gang hinaus aus dem Film also ein Fallen, das in der passionierten Annahme des Unglücks ganz und gar selbstbestimmt ist, und also ein Glück. Aus dem Bild ist der Mann, den sie nicht will, solange er sie nicht bedingungslos liebt. (85cp)
17.1. Komödianten (G.W. Pabst, D 1941)
Der Film erzählt die Geschichte der Friederike Karoline Neuber, Theater-Reformatorin, die im 18. Jahrhundert den Hanswurst von der Bühne vertreibt und den Weg bereitet für ein neues deutsches Theater der Ernsthaftigkeit, vulgo: Goethe und Schiller: So weit der literarhistorisch kanonische Plot. Hier nun aber, nach einem Roman von Olly Boeheim, vielfach verdreht. (Boeheim war die Schwägerin Heinrich Georges, Autorin, Schauspielerin mit einer kleinen Rolle als Arbeiterin in Metropolis. Viel mehr findet man nicht.) Den historischen Tatsachen wird eine Philine (Titelheldin des Romans) aufgepfropft, plus Liebesdrama mit Adel und Selbstmordversuch, das Lessing zu Emilia Galotti inspiriert haben soll. In Wahrheit hat die Neuber-Truppe dessen großartig bissiges Frühwerk Der junge Gelehrte uraufgeführt, aber das hätte sich mit dem Reichstragödinnenregister der schwer auszuhaltenden Käthe Dorsch (die die Neuberin spielt) sehr gebissen. Im Kern geht es um ästhetische Ideologie: Der vulgäre Hanswurst ist die Volkskunst, die allen Reinigungs- und Erhebungsversuchen widersteht, weil das Publikum das Jahrmarktshafte nun einmal liebt. Tatsächlich hat die historische Neuber den Hanswurst bei der buchstäblichen Vertreibung von der Bühne selber gespielt: Er steckt noch im Kampf gegen ihn immer drin. Recht eigentlich ist dieser ewige Streit wie für die von Haus aus populäre Kunst des Kinos gemacht, das mit dem Trivialen immer schon herzinnig ringt. Und Komödianten hat denn auch immer beides zu bieten: die schmachtende Liebestrivialität und den tremolierenden Drang in die Höhe, das liebe Geld und die böse Intrige, einen Ausflug an den Hof der Zarin, an dem sich Bacchanalisches zuträgt und eine Vorlesung des blutlosen Gottsched. Der Film hat dank Pabst die einzelnen Stimmungen schön: vom Schokoladen-Date im Kaffeehaus über Bühnen- und Backstage-Drama zum Neubertod in Nacht, Nebel, filmischer Artifizialität. Es ist nur zerstückt statt sinnvoll ineinandergewirkt. Hintendrauf wird das Ganze mit der Gründung des Nationaltheaters besiegelt. So viel Deutschtum muss sein, sonst aber hält sich das Nazitum in erfreulichen Grenzen. Nicht einmal die Neuberin als weibliche Figur, die (historisch verbürgt) enorme Entschlossenheit und Ageny hat, muss kleingemacht werden. (64cp)
16.1. Paracelsus (G.W. Pabst, D 1943)
Der Gaukler Fliegenbein, der Geldsack Pfefferkorn (nicht ausdrücklich als jüdisch markiert, aber der Name könnte gut ein Verweis sein auf den antijudäischen, zum Christentum konvertierten Juden gleichen Namens, der zur selben Zeit lebte), die auf Latein und Tradition beharrende schulmedizinische Zunft: dazwischen, dagegen Paracelsus als Mann des Volkes, der auf dem Deutschen beharrt, als Sturkopf, als Heiler und als das Elixir für das ewige Leben suchender Alchimist, der die besten Absichten hat. Paracelsus als Faust ohne Teufel und auch ohne Pakt, der Antisemit und Nazi und Großschauspieler Werner Krauß liefert, in sackartige Kleider gesteckt, zwischen Brüten, Poltern und Händeringen in jeder Szene seine eigene Breitleinwand mit. Die UFA leistet sich mitten im Krieg eine Kleinstadt und ihre Bewohner, mit Massenszenen und Kutschen und Pferden und Stars erster Güte, bei Fritz Rasps kaltblütig-reaktionärem Scholar gefriert einem wirklich das Blut. (Das ohnehin überflüssige junge Liebespaar als Romeo-und-Julia-Miniaturvariante bleibt dagegen furchtbar blass, Annelies Reinhold als fehlverliebte Pfefferkorn-Tochter ist der Mangel an Charisma selbst.) Und Pabst? Pabst gibt den geschlossenen Räumen gegen die Statik der dialogreich-bühnenartigen Szenen Dynamik, wo er nur kann. Wild: ein Flagellantenzug durch die Stadt. Wilder: ein Auflauf der Menschen, als Fliegenbein auf dem Hochseil balanciert und die Gulden unter das Volk wirft. Am Wildesten: ein zuckender, frenetischer Veitstanz, Pest, Tod und Trance; und gleich darauf schärft der Tod seine Sichel, bis ihm Paracelsus Einhalt gebietet. Ein echter Showstopper das. Danach fällt der Film ins gute Handwerk zurück und verweigert immerhin bis zuletzt jede Botschaft, die propagandistisch eindeutig wäre. (65cp)
15.1. Les aventures d’Arsène Lupin (Jacques Becker, F 1957)
Arsène Lupin - als fast schon älterer Herr: Robert Lamoureux mit 37 - ist einer, der behände über Mauern springt, sich Bärte anklebt, Eleganz und Chuzpe besitzt, als Meisterdieb die Herausforderung sucht und kaltblütig an der Stelle der von ihm gestohlenen Dinge (Geld, Schmuck, Gemälde) seine Visitenkarte hinterlegt. Mit persönlicher handschriftlicher Botschaft. Fabelhaft, wie Jacques Becker astrein ausgestattete Szene für Szene liebevoll, ja mehr als liebevoll die Hintergründe in Bewegung versetzt und dann hält: Es wird getanzt, gewerkelt, es fahren vor der Tür Kutschen und im Park sogar ein kleiner, von einer Ziege gezogener Kinderwagen vorbei. Erst das eine oder andere Diebes-pièce de resistance in den besseren und besten Kreisen von Paris. Die Episode, in der eine Maniküristin den Meisterdieb an den Händen erkennt, meistert Arsène Lupin souverän, wobei er noch die Polizei nasführen kann. Vollends grandios dann der Wechsel in das Märchenschloss von Kaiser Wilhelm II. (O.E. Hasse als Majestät mit robustem Witz, keine Ähnlichkeit mit der realen Figur). Die Baronin Mina von Kraft hat Arsène hierhin entführen lassen. Sie hätte ihn gewiss auch mit reiner Verführungskraft in ihre Finger bekommen, denn sie besitzt den alles schmelzenden Charme Lilo Pulvers. Aber die Entführung ist ohnehin nur Teil eines Spiels der Verführung mit Blicken, Fingern und Geist und, besonders hübsch, elektronischen Gadgets. Sie verführt ihn, der sie verführt, die ihn verführt, über die Grenze mit farbigen Schranken aufs Schloss und vom Schloss zurück nach Paris. Geistvolle Schwenks, fließende Schnitte, springlebendige Dialoge: Jacques Becker als Meisterregisseur und Drehbuch-Auteur. (80cp)
14.1. Sieg über die Sonne (Showcase Beat le Mot, Maya Dunjetz, Solistenensemble Kaleidoskop, Von Krahl Theater Tallinn, HAU 1, 13.1.)
Ferne Zeiten I: Das Jahr 1913, 3. Dezember, Lunapark-Theater in St. Petersburg, Uraufführung einer Oper, Titel: Sieg über die Sonne. Musik: der Maler und Komponist (in beidem nicht wirklich bedeutend) Michail Matjuschin. Konzept, Kunst: Kasimir Malewitsch, in dessen Bühnenbild ein schwarzes Quadrat eine Rolle gespielt haben soll. Das Libretto war mindestens teilweise in einer Kunstsprache verfasst. Avantgarde, Futurismus, Suprematismus, der Sieg der Zukunft über die übrige Zeit steht bevor. 5. Dezember, zweite und letzte Aufführung der Oper, sie war kein Erfolg, sie wurde nicht mal richtig Legende, Partitur und der Rest blieben nur in Teilen erhalten.
Ferne Zeiten II: Das Jahr 1980, Berlin. Eine kleine Gruppe rund um die Theaterfrau Nele Hertling stößt auf die Geschichte der Oper, macht sich auf in die Sowjetunion. Man trifft Kulturbürokraten, man trifft auf verschlossene, aber auch auf halb offene Türen, Teile der Partitur, Reste der Geschichte werden erschlossen, in der Berliner Akademie der Künste wird im Rahmen der Berliner Festwochen eine Ausstellung unter dem Titel Sieg der Sonne präsentiert. Bei der Eröffnung werden Teile der rekonstruierten Musik unter Leitung des jungen Noch-lange-nicht-Putinisten Waleri Gergijew aufgeführt.
Gegenwärtige Zeiten: Showcase Beat Le Mot, Urgestein-Männerensemble der Gießener Schule, haben das Ding noch einmal ausgegraben. Aber Nele Hertling they ain’t. Der Rekonstruktionsehrgeiz hält sich in Grenzen. Man nimmt die Oper und macht daraus etwas ausgesprochen Entspanntes. Sie tun sich zusammen. Mit Maya Dunietz, die Musik dafür schreibt, die seltsamen Wörter, Töne, Schreie zwischendurch stammen vielleicht aus dem Original, vielleicht nicht. Sie tun sich zusammen. Mit dem Streicherensemble Kaleidoskop, das meist streicht, manchmal zupft. Mit einer jungen wilden estnischen Truppe Performer, Name: Von Krahl Theater Tallinn. Und alle miteinander tun sie sich zusammen: Mit dem Publikum. Das nicht mitmachen muss, aber darf. Bewegliche Gatter, die vielleicht vom Original-Bühnenbild inspiriert sind, vielleicht nicht, versperren den Blick auf die Performer, die sich einen kleinen Schwarze-Quadrat-Würfel drängen. Dann wird der Blick frei, dann wird der Würfel aufgesprengt, die Performer sind nackt und betteln beim Publikum um Kleidung. Sie werden erstaunlich reichlich beschenkt: Mützen, Jacken, sogar Hosen. Und so ist eine Verbindung hergestellt, ist die Bühne mit Publikum erstinfiziert. Später reichlich Kommen und Gehen, die Zuschauer*innen werden auf die Bühne gebeten zum Mittun als Statisten. Sie bekommen Drinks und Sandwich gereicht. Ab und an spielt Musik. Es wird getanzt, entspannt, unprofessionell. Es wird auf dem Boden gelegen, entspannt, professionell. Musik hier und da, die ist gekonnt. Es passiert: nichts weiter, das aber in freundlichem Ton. Ein bisschen Party mit wenig Programm. Getanze, Gesitze. Veit Sprenger mit einer Kurz-vor-Schluss-Moderation, die mit der Ansage überrascht, dass das alles eine Oper gewesen sein soll. Unterspannteste Oper ever. Kein Drama. Keiner stirbt. Ferne Zeiten wenig präsent. Am Ende wird die geliehene Kleidung geglättet, bedampft, teils beduftet. Das Gesamtensemble wird wieder in Publikum und Performer geschieden. Die Zukunft hat keine Rolle gespielt. Eigentlich auch die Vergangenheit nicht. Reine, sämige, ganz unaufregende, kaum langweilige So-halt-Präsenz. Ein zwei Stunden währendes Gesamt-Nicht-Kunstwerk. Es ist wenig und zergeht in ein ziemliches Nichts. Petit rien. Sinn wurde nicht umzingelt und kam auch nicht raus. Aber wir können sagen: Wir waren dabei. Und wir bereuen es nicht. (70cp)
13.1. The Tall Men (Raoul Walsh, USA 1955)
Mobilisierungskino: Rinderherden als Kapital auf vier Beinen in ikonischer Landschaft füllen das Scopebild, oder füllen es, unfüllbar wie es ist, eben nicht. Hinaus läuft (oder rennt) es auf die rasende Jagd durch die Engstelle, hier wartet der Feind, die natives, denen, wenn ich mich nicht täusche, eine einzige Subjektive gegönnt ist: Einer, den man nicht kennengelernt hat, wird vom rasenden Rind niedergerannt. Der Plot hat zwei polar divergierende Vektoren, Träume genannt, von zwei Männern verkörpert. Clark Gable, der kleine Traum, die Farm in Texas, nach den Kämpfen ein Leben in Ruhe. Robert Ryan, der Staat, das Kapital und das Recht, dessen Traum von der Macht groß herauskommen wird. Und dazwischen die Frau, Jane Russell, die sich und den anderen die Schuhe bzw. Stiefel auszieht, mit der Badewanne in ihrem Planwagen fest assoziiert, in der sie, als Sexobjekt und Sexsubjekt, sitzt. Und singt. Und zwar den Song von den Tall Men und den Small Men, wobei die Sache mit den beiden Männern und den Träumen und den Vektoren so ausgehen muss, dass der große Mann mit dem kleinen Traum die Frau, die (sich) auszog, um groß rauszukommen, für sich und die Zukunft im Kleinen rumkriegen wird. Und so läuft es in der Weite des Scope mit seinen rasenden Rindern am Ende auf eine kleine Farm in, ausgerechnet, dem großen Texas hinaus. (73cp)
12.1. Daniel Kehlmann, Lichtspiel (D 2023)
Daniel Kehlmanns Romane sind ästhetisch konservativ, nicht reaktionär. Sein Ideal ist eine Art «well made novel», ist ein Erzählen, das die Kontrolle behält, das Konstruktionsplänen folgt und nach klassischen Mustern gebaut ist. Mit Lichtspiel kommt Kehlmann dem Ideal ziemlich nahe. Das Buch hat eine Botschaft, es entfaltet sie Szene für Szene, die vollkommen durchschaubar gebaut und auf eine Weise belesen sind, die die Belesenheit in jedem glänzenden Detail aufscheinen lassen, aber nicht in den den Vordergrund rücken. Lichtspiel hat eine die Erzählung umschließende Klammer, es setzt am Schluss noch eine Pointe, es erlaubt sich (hier lässt Kehlmanns Arbeit an der Kafka-Fernsehserie grüßen) in den grundsätzlich waltenden Realismus mit dem Hausmeister eine wie aus Kafkas Schloss herüberzitierte Figur von mustergültiger Abgründigkeit zu importieren. Und tatsächlich gelingt dieser Import so, dass er den leicht sepiagetönten Realismus des Erzählens nicht gefährdet. Wäre der Roman eine «kleine Form» (Jolles), sie wäre erfüllt. Als Literatur ist das am Ende aber durch und durch Kunsthandwerk. Für schiere Trivialität viel zu gekonnt, nur drängt das an keiner Stelle über sein Gekonntsein hinaus. Die Figuren sind psychologisch transparent und schlicht angelegt, vielfach als Karikaturen, was vor allem bei den veritablen Nazis wie Goebbels, Riefenstahl, Krauss ärgerlich wird. Aber auch die anderen wären in ihrer Kehlmann-Gestalt ohne weiteres jeweils in ein, zwei Sätzen charakterisierbar und werden in den einzelnen Szenen, in denen alles auf den Charakter hin funktional ist und bleibt, zur Anschaulichkeit amplifiziert. Nicht minder funktional und im Rahmen solcher Funktionalität ist das alles kunstvoll geplottet. Jedes Ding, jede Szene, jede Figur: an ihrem Platz. Die Zentralfigur des G.W. Pabst, aus diversen Erzählperspektiven umspielt, ist als das von den anderen Blicken umspielte Zentrum (mit klarem Motiv: die Verführbarkeit des Künstlers) facettenreicher als die anderen, aber mitnichten komplex. Sein Verhalten wird vorgestellt als ethisch problematisch, aber psychologisch verständlich, als Redlichkeitsmetronom ist zur Sicherheit seine Ehefrau Gertrude fest installiert. Dass Kehlmann sie so ausdrücklich als die geringere Künstlerin präsentiert und Pabsts Film nach ihrem Drehbuch Geheimnisvolle Tiefe mit Lust Unrecht tut, ist der (dann doch fast Glut-)Kern der Künstler-Ideologie des Romans, die er mit der erfundenen Tragödie des verlorenen Meisterwerks noch maximiert. (55cp)
11.1. Ein einfacher Unfall (Jafar Panahi, Iran/F/Luxemburg 2025)
Vogelzwitschern am Tage, Hundekläffen auch in der Nacht. Das Quietschen des Holzbeins, eingebildet oder real. Die Vögel nicht unschuldig, die Hunde nicht unrein, das Quietschen wird niemals enden. Der Hund, der vor das Auto läuft, setzt eine Ereigniskette in Gang, die Tragödie einer aufgeschobenen Rache, ein Gießkannenhamlet, in der Wüste ein Baum, den selbst die Beteiligten als Warten-auf-Godot-Requisit erkenne. Eine Tragödie, die zur Situationskomödie wird, zum Kammerspiel im Transporter mit einer Art Sarg. Eine ganze Menge Personen auf der Suche nach einer Auflösung für diesen Racheplot, die etwas wie Gerechtigkeit herstellt. Zwischendrin kommt ein Kind zur Welt und es wird Böses mit Gutem vergolten. Panahi bleibt, wider besseres Wissen vielleicht, so weit Humanist, auch im Glauben daran, dass das Böse die Guten zwar bricht, aber nicht so weit zerstört, dass sie dem gleichen, was sie bekämpfen. Ein einfacher Unfall ist Film als dem mörderischen Regime abgetrotzte Antizipation zukünftiger Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, mit dem Wissen um die Unmöglichkeit, so Gerechtigkeit herzustellen. Der Humor ist schwarz, weil er um diese Unmöglichkeit weiß. Aber er hilft, weil wenig anderes, und die persönliche Rachetat, die zerstört, was einen zerstört hat, sich befriedigend anfühlen mag, aber am Ende am wenigsten hilft. (73cp)
10.1. Michael Connelly, Echo Park (USA 2006)
Der Harry Bosch, den seine Eltern Hieronymus nannten, wird erst metaphorisch, dann buchstäblich in den Tunnel geschickt. Der Mord, um den es geht, liegt dreizehn Jahre zurück; zwischendurch hatte Bosch das LAPD verlassen, nun darf er in der Abteilung für erkaltete Fälle persönliche Traumaforschung betreiben. Der Mörder, mit dem er es zu tun bekommt, ist, wie er selbst, durch brutale Erziehungsanstalten gegangen. Der Ort der finalen Konfrontation: ein vom Täter gegrabener Tunnel, der Bosch an seine Zeiten als «tunnel rat» im Vietnam-Krieg erinnert. So, etwas schlicht, ist das Psycho-Profil des Protagonisten als own private echo park in die Tiefe gestaffelt, der auch sonst dem Klischee des harten Manns als fragiler Ermittler nicht wirklich entgeht. Um ihn herum plottet Connelly Sachen, deren Verschwörungstheorie-Charakter sowie Weithergeholtheit (mit Bezügen zum mittelalterlichen Reineke Fuchs; wenngleich nicht zu dem Goethes) er selbst benennt. Als ob es hülfe. Da ist am Ende hinter den mühsamen Psycho- und Plot-Konstruktionen doch arg wenig Welt. (47cp)
Perfume Genius, Glory (USA 2025)
Perfume Genius aka Mike Hadreas elaboriert seine Künstler-Persona zwischen Indie-Rock, Queerness, Avantgarde-Pop. Zuletzt ein Ausfallschritt ins schön Lose, mit Ugly Season, wo ein Track zwar Pop Song hieß, und es beinahe war, darauf dann ein modernistisches Scherzo am Klavier, viel Hingetupftes, Austrudelndes, Experimentiertes, insgesamt verlorener noch als ohnehin schon des Künstlers Falsett. Glory ist eine Rückkehr in formatiertere Sphären, super-solide und super-relaxt legt Drummer-Legende Jim Keltner (mit 84 noch immer ganz der Alte) Anker für die ihrerseits hinreichend schwebenden Songs. Es ist ja nicht so, dass es im Indie-Bereich an Falsettstimmen fehlt, mit denen sich die Dynamikwechsel ins Klischee treiben lassen. Die Stimme von Hadreas ist aber so fundamental instabil, dass sie recht verlässlich die Gerinnung zur klassischen Songform verhindert. Während das Cover des Albums den Sänger in einem crewdsonhaft bedeutungsschwer anmutenden Arrangement vor Fensterausblick auf einen Teppich ergießt, macht das Video zu No Front Teeth im Duett mit Aldous Harding aus derselben Ästhetik mit frenetischem Waffelbacken und bewaffnetem Unterwäsche-Zweikampf erfreulich viel Quatsch. (72cp)
9.1. Ali Smith, Gliff (Schottland 2024)
Gliff ist ein Endzeitroman, dessen brave new world (Huxleys Titel wird vielfach umspielt) nicht viel von der Welt unserer Gegenwart trennt. Seine Heldinnen, Helden, Held*innen sind Kinder. Briar, auch Bri, nichtbinär, das ältere von zwei Geschwistern, und Rose, die kleinere Schwester. Von der Mutter ist die Rede, aber sie ist von Anfang an weg. Auch Leif, der nicht der Vater ist, lässt die beiden mit einem begrenzten Vorrat an Lebensmitteln zurück. Was passiert ist: Das Haus, in dem sie leben, wurde mit einer fetten roten Linie umkreist. Sie fliehen, und wieder das drohende Rot, wie die Markierung eines Baums, der gefällt werden wird. Später wird ein Pferd, und, oh, die Pferde in diesem Roman, von einem Rotelinienmaler umzirkelt, rote Spritzer am Huf, ein Pferd, das Gliff genannt wird, wie einst Adam gibt Rose dem Tier hier den Namen, a rose is a rose is a rose and a horse is a horse is a gliff. Gliff ist ein schottisches Wort, dessen Bedeutungen Smith auf anderhalb Seiten vollständig, wenn nicht übervollständig notiert: eine Spur, ein Schreck, ein Moment, wenn nicht ein Wort, das für alle Worte stehen kann, die einem im Augenblick nicht präsent sind. Die Spur eines Worts, das sich zudem natürlich auf Glyph bezieht, die Spur des Zeichens als Schrift, nach Gliff wird, als companion piece, Glyph demnächst erschienen, «a standalone novel, it’s family to Gliff». Die Gliff-Familie, zerrissen, Mutter, Leif, Bri und Rose, später weiter zerrissen, Bri und Rose werden getrennt, ein sich wiederholender Traum erzählt mit Anklang an Kafkas Türhüter-Legende von dieser Trennung. Gliff ist ein Endzeitroman, in dem Bri später, an einem anderen Ort, in einer Bibliothek ein Buch findet, etwas mit Mensch und mit Holozän, der Autor ein Mann namens Fresh, oder so ähnlich. In Nebensätzen erwähnt werden der brutale Krieg einer Invasionsmacht, ein Nahost-Genozid, Gliff ist ein Gegenwartsroman, der sich unsere Realität als Endzeit vorstellt. Das Buch ist, mit spielerisch tödlichem Ernst, mit Sci-Fi-Gadgets möbliert, «devices» («vices») wie dem «educator» am Handgelenk, der dies oder das kontrolliert. Bri und Rose und viele andere sind zwei, die sich der Kontrolle entziehen, was wenig bis nichts mit Freiheit zu tun hat, sie sind Ausgestoßene, die die Kontrollmacht, die Ali Smith dunkel und dicht im Hintergrund lässt, «unverifiables» nennt. Nicht-verifiziert sind diese Menschen auf sich gestellt, ihr Hab wird vernichtet, ihr Gut plattgemacht, viele springen, wie es am Ende heißt, in den Tod, viele werden zu Arbeit gezwungen, dabei an Glieder verstümmelt, es gibt in der Zeit des Romans einen Sprung, aber vielleicht ergeht es der Zeit eher, wie es bei Ali Smith den Wörtern ergeht: Sie werden von einer starken polysemischen Drift erfasst, in der sich die Freiheit des Wortspiels und das Zwanghafte von Ähnlichkeiten, das von der Sprache, die, wie es scheint, immer schon ist, nahegelegt werden, unentrinnbar überkreuzen. Wenn Ali Smith Entrinnbarkeit denkt, dann immer schon so: nicht als Rückkehr an Orte, die als heil vorstellbar wären. Sondern nur als Entzug in Schutzräume, die die Sprache bereitstellt oder die man der Sprache entlockt, oder die das Erzählen erschafft, als so untilgbaren wie nicht auf Dauer zu stellenden Eigensinn, der als gliff, Spur, Moment, auf der Rückseite jeder verifyiability liegt. (85cp)
8.1. Lapidarium (Rainald Goetz, Inszenierung: Elsa Sophie-Jach, Residenz Theater München, 4.1.)
Fadenvorhang, Tuba, von den zwei Musikerinnen eher getupft als getrötet, auf der Bühne eine Bühnenkonstruktion, als Farbe dominiert, im Bühne-auf-der-Bühne-Aufbau wie bei den Hosen der Darsteller*innen das aktuelle Goetzsche Werkphasenblau. Bei der Lektüre des Texts im Stückeband, dem er den Titel gibt, war ich erstaunt gewesen, dass ich dieses auf für Goetz’ Verhältnisse sehr heterogene Feld von Themen, Figuren, Formen, die hier sehr komplex ineinander verschränkt sind und stark, wenn nicht vehement in Richtung Sterben und Tod fluchten, als Stück fürs Theater versteht. Es ist ein sehr starker Text, viel stärker als das Amerika-post-9/11-Drama Reich des Todes, viel stärker als das Familienhölle-Rechtsterrorismus-Drama Baracke, es ist eine Montage von Versatzstücken aus Goetz’ eigenem Leben, insofern sehr autobiografisch, zugleich ständig bemüht, das Selbst und sein Leben zwar nicht aus dem Zentrum zu rücken, schon gar nicht zu transzendieren, sondern das autobiografische Schreiben – in einer sehr speziellen Abart der Autofiktion – zu goetzifizeren. Zentrum ist München. Vors Private wird aus der Kulisse als Bühnenstück und Ablenkung ein Helmut-Dietl-Filmprojekt namens Lost geschoben, in dem Franz-Xaver Kroetz und Benjamin von Stuckrad-Barre und Herbert Achternbusch recht grotesk zappeln; via Stuckrad-Barre und dessen Roman Noch wach schiebt sich, als hätte er da gerade noch gefehlt, Matthias Döpfner ins Bild. Das ist die Boulevard-Ebene sozusagen. Daneben, darunter, viel zarter und existenzieller die Selbstmord-Dramen Wolfgang Herrndorf und Kurt Scheel, wobei letzterer via Michael Rutschky eben auch Rainald Goetz persönlich berührt. So rutscht dann, weil es die Rezension von Max Frischs letztem Roman war, den Goetz damals für den Merkur Kurzzeit-Redakteur Rutschky schrieb, Herr Geiser, der Protagonist von Der Mensch erscheint im Holozän, auch noch ins Stück und auf die Leseliste, die man auf der Website des Theaters und im Programmheft vorgesetzt bekommt. Das alles also, und einiges mehr, etwa eine wahrhaft erstaunliche, quasipoetische und quasipornografische Sexszene, ist hier in einen kategoriensprengenden Text sedimentiert. Mit Elsa Sophie-Jach hat auch das dritte und vom Personal her männlichste Spätstück eine Frau inszeniert. Der Herr Geiser, am ehsten erkennbar am Kleben von Zetteln aufs Bühnengestell, ist eine Frau; den Sexmonolog sprechperformt Pia Händler (ganz, ganz zaghafter, aber sehr verdienter Szenenapplaus; neben ihr ragt auch Steven Scharf deutlich heraus), ansonsten ist der Text auf drei Darstellerinnen und drei Darsteller verteilt, ohne dass er diesen aber sonderlich figurenkonsistent auf den Leib gedrückt wird. Gelegentlich wird das Sprechen auch chorisch. Der Text wird, wie die Figuren, auf die Bühne verteilt. Er bleibt als gesprochener so stark, wie er ist, er kommt auch auf der Bühne zur Geltung, aber nichts an der Inszenierung suggeriert, dass er genuin auf die Bühne gehört. Zu sehr spricht da aus jedem Wort, jeder Kadenz, jedem -Ismus und jeder -Fizierung, doch Goetz, nicht die Privatperson (natürlich), sondern die unverkennbare Textstimme eines Autors, der eben wie kein anderer, und sei es ins Poetische, sei es ins Theoretische getrieben, mit einer ausgesprochenen Schriftstimme spricht. Das macht auf dem Theater nicht unbedingt schlechte Figur, ist aber doch woanders zuhause.
7.1. Laurent Binet, Perspektiven (F 2023, Übersetzung: Kristian Wachinger)
Pontormo ist tot, brutal ermordet in der Kirche San Lorenzo in Florenz, in der er die letzten Jahre seines Lebens an der Vollendung seiner Fresken gearbeitet hat. Nun wird der Mörder gesucht und, leiser Spoiler, zuletzt an sehr prominenter Stelle gefunden. Munter mixt Laurent Binet auf den Spuren von Umberto Eco Fakt und Fiktion in seinem Whodunit, der als Briefroman (mit Herausgeberfiktion) daherkommt. Hin und her gehen die Briefe zwischen, unter anderen, Benvenuto Cellini, Giorgio Vasari (als Ermittlerfigur) und dem in Rom an der Sixtinischen Kapelle arbeitenden greisen Michelangelo Buonarotti, aber auch Catherine de Medici, der aus Florenz stammenden Königin Frankreichs, mit der Tochter des Herzogs Cosimo I. von Florenz, die sich der Verheiratung an einen mutmaßlich impotenten durch die Affäre mit einem Pagen des Herzogs entzieht. (Und im Kindbett dann stirbt.) Höfische Intrigen, Renaissance-Künstler-Klatsch, Binet hat sich tief eingelesen, füllt Leerflächen der historischen Überlieferung clever mit Figuren und Begebenheiten, die er sich ausgedacht hat – wie eben den Mord an Pontormo. Dazu ein wenig Perspektiv-Theorie, die kommt, damit es keiner übersieht, gleich in den Titel. Bezeichnend, denn so clever das alles ist, so ermüdend, weil nie raffiniert, ist es auch. (53cp)
Debit, Desaceleradas (USA 2025)
Verlangsamung der Verlangsamung. Delia Beatriz, Künstlerinnenname Debit, mexikanisch-amerikanische DJ, Produzentin, Komponistin, Soundforscherin (NYU), nimmt eine in den frühen Neunzigern entstandene eher obskure Abart des cumbia, einer primär kolumbianischen Tanz- und Tanzmusikform, die vom Dub beeinflusst ist, und sich cumbia rebajada nennt, remixter Cumbia also. Der Entstehungsmythos berichtet von einem überhitzten Plattenspieler-Motor, einem DJ (Sonido Dueñez), der in den sirupartigen Klängen das Neue erkannte. Diesem Sound rückt nun Debit mit viel Elektronik zu Leibe und verzerrt, verlangsamt, bearbeitet ihn, bis das Tanzelement ohne viel Winken sehr, sehr weit in den Hintergrund rückt. Was stattdessen erscheint, ist etwas, das nicht ganz, aber doch Drone, nicht ganz, aber doch Sphärisch-Hymnisch, nie ganz, aber doch auch mal Lärm ist, in jedem Fall gängigen Rhythmen wie einigängigen Melodien abhold bleibt, die Vorlage (zwei Tracks von Sonido Dueñez) entstellt, dekonstruiert, beim Wiederzusammenbau das Original entschieden auf Abstand hält. Die rekonstruierten und in KI-Maschinen gefütterten Maya-Töne auf dem Vorgängeralbum The Long Count (2022) klangen faszinierend-unheimlich, bei ihrer Kreuzung von tribalem Guarachero und Industrial Techno auf The System (2019) waren die Kreuzelemente in der Synthese viel klarer erkennbar. Die Cumbia-Rebajada-Desaceleradas jedoch bleiben fast durchweg abstrakt: Zerlegung als Methode, aus der sich aber kaum etwas refiguriert.
6.1. A Sure Thing (Rob Reiner, USA 1985)
RomCom als Komödienform, deren Ausgang von Anfang an fest steht: Das Paar wird sich gefunden haben am Schluss. A Sure Thing stellt das Prinzip auf die Spitze: Von der ersten Sekunde ist der Hindernisparcours, der folgen wird, für alle längst durchschauter Schein. Seltsam genug, dass dieser Parcours als Roadmovie konzipiert ist, von einem Ende Amerikas an das andere, East Coast to West Coast, auch sonst sind die Polaritäten ganz deutlich: das superblonde Sexobjekt, die brünette Streberin und John Cusack dazwischen, mehr Dackelblick als Mann, der auf seiner Reise lernen muss, was er von Anfang an weiß. Die Frau, die die seine sein wird, wird auf offener Straße entklemmt und reißt sich die Kleider vom Leib. Auch der für die Frau falsche Mann ist Klischee im Quadrat. Sehr schön zwischendrin Tim Robbins als Singel-Idiot. Und noch schöner: Viveca Lindfors als Professorin und, gäbe es das, Komödien-Chor dieses Plots, Inbegriff eines von Anfang an vorhandenen Wissens, das sich für die Beteiligten dann entfaltet und am Ende von ihr seinen Segen bekommt. (63cp)
5.1. Pluribus (Created by Vince Gilligan, 1. Staffel, USA 2025)
Die Körperfresser als Freundlichkeitsmonster: hilfsbereit bis zum Letzten. Die Zombies als reizendes Geistkollektiv, das hypersensibel auf Mikroaggression reagiert. Und überhaupt die Zombienatur auf den Kopf stellt: Tötungsverbot, Lug- und Trug-Unfähigkeit, missionarisch nur, wenn mit dem Anderen ihrer selbst konfrontiert, jenen, die der Manifestierung des Kommunismus entgingen. Voilà Carol Sturka (Rhea Seehorn), lesbische Autorin von Romantasy-Quatsch, allzeit bereit zu ganz schlechter Laune. Und boy bekommt sie zu schlechter Laune viel Grund: Partnerin tot, überwältigender Teil der Restmenscheit zuckend verschieden oder nach Entzuckung zum Kollektiv-Wir auferstanden. Und so hat Vince Gilligen eine Metapher, eine Figur und eine Welt. Wie er sie nach und nach ausmalt, mit Ideen und Informationen nach Serienart eher langsam herausrückt, seine Heldin als Individuum par excellence gegen das Wir stellt, das sich nicht zu Individuen, aber doch zu einem liebenswerten Einzelfall wie Zosia figuriert: Das ergibt einen einerseits simplen David-gegen-Goliath-Plot. Verkompliziert jedoch sind die Figur, die Welt und der Plot durch die Wir-Kollektiv-Metaphorik. Denn Stand jetzt (Ende der ersten Staffel) ist die Verführungskraft der freundlich geschlossenen Front groß, die Ambivalenz niedrig, obwohl sich dieses Andere sowohl kommunistisch als auch als Allegorie einer LLM lesen lässt, die zur Förderung der Konversation stets einen Fun Fact bereithält. Und zwar mit einer kindlichen Freude, die sich in Richtung Satire wie dann eben auch in Richtung Vermenschlichung lesen lässt – schließlich haben die Transformer-KIs genauso wie das auf Dauergemeinschaftsbewusstsein geschaltete Wir-Kollektiv das gesamte Wissen und Sprechen der Menschheit (und alles, was an Welt an diesem Wissen und Sprechen womöglich sogar als Denken daran hängen mag) zu einem neuen, im besten Freudschen Sinn unheimlichen neuen Gesamt in sich geschlungen, beide auf nicht ganz koschere Weise: Schließlich wurde keiner gefragt. Und so hält Pluribus sich eine ganze Staffel lang, mit durchaus eher öden, viel zu langen Folgen mit viel zu spitzen Stacheln dazwischen, in einer reizvollen Schwebe. Bei allem Gilligan-typischen Zug zur Groteske behalten die ethischen Fragen ihren pochenden Ernst. Auch die absurden Kameraeinstellungen sind wieder dabei, Blicke aus Kühlschrank und Blick mit den Augen der Wand, Höhepunkt: Blick des Teppichs nach oben auf den Staubsaugersaugschlitz. Der Wahrheitsfindung dient das nicht, nur der Schrägung des Schrägen, aber es wird durch einen nice touch hier, einen nice touch dort aufgewogen. Mein liebster: die Graffiti auf den zur Wiedereinräumung des Supermarkts herangerückten Lastern, schöne, sinnlos individualistische Spuren einer Menschheit, die es so nicht mehr gibt. (75cp)
Yasmine Hamdan, I Remember I Forget (2025)
Im Video zum Titelsong I Remember, I Forget, bei dem die libanesische Sängerin gemeinsam mit ihrem palästinensischen Mann Elia Suleiman Regie geführt hat, rennt Yasmine Hamdan als 80er-Jahre-Pixelfigur nach Art eines Side-Scrollers von links immer weiter nach rechts (also gegen die Laufrichtung der arabischen Schrift). Es ziehen wechselnde Hintergründe vorbei: Zu bluesigem Uptempo-Clapping sieht man zusammengeschossene Häuser, dann fröhliche Menschen am Strand, Soldaten, stacheldrahtbewehrten Blick auf das Meer, die Figur wird verfolgt von einem in Brand geratenen Erdball. Auf einem Grenzwall steht zu lesen: «Has Bombed Every University In», eine rote Hand ist zu sehen, Bilder von Opfern, «decolonize» sagt die Schrift an der Wand, nicht zu lesen gegeben, nicht ausgesprochen wird nur das Wort «Gaza». Auch nicht im Text, gesungen und als Schrift an der Wand, der doch deutlich ist, hier aus dem Arabischen übersetzt: «Killing, is normal / Lying, is normal / Incompetence, normal / Stealing, is normal / Manipulation, is normal / Intimidation, is normal». Kryptischer bleiben die Texte anderer Songs, die muskalisch stärker auf Verbindungen von Elektro-Synth-Trip-Hop und arabischen Traditionen setzen. Besonder schön Hon, auch das animierte Video dazu – von Khalil – ist verschlüsselt-rätselhaft toll.
4.1. Der Morgenstern (Karl Ove Knausgård, Norwegen 2020)
Mitten im Leben, in der Mitte des Lebens: Neun Menschen, der Sommer, der Alltag. Der Literaturprofessor im Ferienhaus mit den drei Kindern und der manischen Frau, die in eine psychotische Phase gerät; Katzen sterben, was ganz sicher nichts Gutes verheißt. Sein Freund Egil, der einen Dokumentarfilm über eine norwegische Sekte gemacht hat – und auf den überraschend dieser erste Band zuläuft. Der Journalist, den man ins Kulturressort degradiert hat, eine wie aus einem Heinz-Strunk-Roman entlaufene Figur, die es darauf anlegt, mit der Künstlerin zu schlafen, mit deren Werk – Bilder mit Wolken – er nichts anfangen kann. Die Krankenschwester, die eine Art Auferstehung eines hirntoten Mannes erlebt. Die Pfarrerin, die den Geschmack an ihrem Gatten verliert und eine Nacht im Hotel verbringt, in ihrer eigenen Stadt. Die Pflegerin, der ein Mann mit geistiger Behinderung entläuft, in den Wald, in die Nacht, nackt, existenziell nackt; der, als er zurückkehrt, plötzlich spricht und im Sprechen Dinge raunend verkündet. Knausgård bleibt in diesem Roman der Erzrealist, der die Banalität des Alltagsgeschehens fast mikroskopisch in Länge und Breite zu schildern versteht. Manchmal an den Rand der Selbstparodie, wenn eine Handlung wie das Schmieren des Brots in ihre kleinsten Bestandteile hoch aufgelöst wird. Das Irritierende, und Faszinierende ist, dass dieser Erzrealismus, das Erzählen aus der Mitte, in der Breite des Lebens, das Verästeln des Lebens in das Tagwerk hinein, hier konzeptuell sehr bewusst mit seinem Gegenteil konfrontiert wird: neben dem Banalsten ist nicht nur das Existenzielle, das beim Schwerblüter Knausgård immer eine tragende Rolle gespielt, sondern auch das Numinose in diesen Alltag gewirkt. Der Tod ist omnipräsent. Das ist er von selbst. Aber Knausgård fügt Zeichen und Wunder hinzu. Der nie dagewesene Morgenstern, der in der Nacht am Himmel erscheint und nicht wieder verschwindet. Krebse auf der Straße, in Massen. Seltsame Riesenvögel am Himmel. Knausgård spielt mit Horror-Motiven, aber die Frage ist, ob «Spielen» das richtige Wort ist. Mit leichter Hand, gar Raffinesse tut er das nicht. Massiv, grob sind die Striche, die er geradezu gewaltsam ins Bild setzt. Deren Wahrnehmung er, Schöpfer der menschlichen wie der außermenschlichen Dinge, durch das Bewusstsein der von ihm erfundenen Figuren filtert. Das Numinose und das Alltägliche als ineinander gesetzte Gegengewichte. Die Philoophie dazu liefert Knausgård, von Kierkegaard bis Heidegger und im großen Finale als Geschichte der Vorstellungen vom Totenreich nach und mit: als Geschichte der Anwesenheit des Todes im Leben, der Übergänge nicht nur vom Leben in den Tod, sondern auch der dazu gehörigen Grenz-, Wunder- und Übergängigkeitsfiguren. Das alte, fremde Ägypten und am Ende das kleine Mädchen, das tot ist, mit Händen zu greifen im Park. Es ist etwas dran, an der gravitätischen, manchmal plumpen Sturheit, mit der Knausgård sein Konzept erzählerisch umwälzt. Ein Erzählen, das den Rand nicht halten kann, nun aber endgültig auf die (gewaltsam hypostasierte) Überschreitung seiner selbst hinauszielt. Der letzte Satz des Romans, nach Hunderten Seiten, lautet: «Es hat begonnen.» Ging dann schnell weiter. Demnächst kommt Band fünf auf Deutsch, im Original ist schon der sechste erschienen.
Bass Victim, Forever (2025)
Er, Ike, aus USA, sie aus Polen (It’s Me, Maria, Maria in zwei Silben), haben sich am Goldsmiths College in London kennengelernt, erster Track gleich ein Hit, Air on a G String – playing Bach with an indie sleaze attitude. Er an der Elektronik, sie an der Stimme, beide schwer auf K, aber weiß Gott kreativer als Elon. Kirmestechnohymnisches, Stimme, die jubiliert, kindlich lamentierende Stimme, insgesamt nichts dahinter, Stimmung abrupt nach unten oder oben gerissen, ständiges inneres Rumhüpfen, aber das genügt voll und ganz. Auch guter Hang zum Literalsinn, Ike Piano ist ein Instrumentaltrack mit Ika am Elektropiano, der loopy letzte Song heißt Final Song. Aber: Forever.
3.1. Et Dieu Créa la Femme (Roger Vadim, F 1956)
Nackt hinter Tuch, Punctum wäre sehr harmlos gesagt: BB. Erst am Boden, Curd Jürgens hinter hängenden Laken. Später im Bett, ein buntes Segel halbtransparent, verhüllend. Kein Wunder, dass für den nolens volens aufgeschobenen Sex erst das Segel auf dem Boot im Meer, das sich Juliette (BB) geschnappt hat, abbrennen muss. Erst fuhr ja der Bus ohne Mann ohne sie ab. Dann fuhr sie im Boot ohne den von Anfang an begehrten Antoine. Der kommt sie retten, ergo Ehebruch kurz hinterm Strand. Gerettet, vor dem eigenen, nur aufzuschiebenden Begehren in die Ehe mit dem anderen, braveren, Anzüge tragenden Mann, der von Anfang an zum kleinen Bruder des anderen diminuiert ist: Jean Louis Trintignant. Er will Juliette, die als höchst selbstbewusstes Weiblich-Unbewusstes konstruiert ist und so nolens volens die Männer wahnsinnig macht, zur Frau. Ihre Ehre in die Ehre retten, sie von sich abhängig machen: Das wird, weil es als Männerfantasie muss, wenn auch nicht ohne Extrarunde gelingen: Jede Juliette-Emanzipationsfantasie führt in diesem Saint Tropez of the male mind nur ins offene Motor und da geht der Motor kaputt und gerät das Segel in Brand: No Way Out, letzter ekstatischer Tanz im freudianisch zu nehmenden Untergeschoss, Alternative Tod oder Gatte So sind sie alle in Männerfantasien verwickelt, Curd Jürgens als Möchtegern-Sugardaddy nicht zu vergessen, der den begehrenswerteren Bruder gekauft hat, der am Ende einen Schuss abbekommt, die Frau aber nicht – und nicht zuletzt natürlich Roger Vadim, Regisseur, der auf die Figur als BB-Ehemann blickt. Die in Männerfantasien Verwickeltste natürlich BB, schon ganz blond, schuldige Unschuld, dem Waisenhaus in eine Familie entronnen, aber auch dort vom Stiefvater im Rollstuhl durch das Fenster lüstern beguckt. Der Schluss, das war klar, ist infam: Juliette gezüchtigt, gebändigt, die Frau, die agency sucht, kann nur so etwas sein wie eine tollwütige Hündin. (60cp)
Michael Hurley, Broken Homes and Gardens (USA 2025)
Neue Songs, eine Handvoll, alte Songs von ihm selbst, ein paar Traditionals noch dazu: ohnehin die Musik, Blues, Folk, Country und alles dazwischen, der es völlig egal ist, ob irgendwas an ihr neu ist, wenn sie nicht die Idee von Neuheit überhaupt ganz negiert. Das letzte Album, das Michael Hurley, fast ein Leben lang unterwegs, aufgenommen hat, zu Lebzeiten, muss man sagen, denn vielleicht macht er ja im Jenseits einfach so weiter, mit einer Stimme, die immer noch rauer wird und sich zwischendurch ins Falsett schwingt und wieder zurück. Mit spärlichem Applaus endet der letzte Song des letzten Albums, In A Dress, mehr hat Hurley, wenn überhaupt, nie nötig gehabt. Die Stimme, die Gitarre, alles hardcore-entspannt, gelgentlich schauen befreundete Instrumente, Xylofon, Saxofon, oder auch ein kleiner Frauenchor vorbei, auf einen Song oder zwei. Apotheose des Ganzen: Der Cherry-Pie-Song, der nicht mehr zu tun hat als die Kirschkuchenpreisung in der schlichtesten und also vollkommenen Art: Cherry Pie, oh so good. Oh so good. (78cp)
2.1. Sorry, Baby (Eva Victor, USA 2025)
Einheit des Raums ja (sehr ländliches College, einsames Haus, kurze Wege, auch zum friendly fuckable Nachbarn Gavin), Einheit der Zeit: nein. Die Gegenwart, in die der Film springt, ist von etwas zunächst nicht näher bestimmten, vergangenen Dunkel geprägt. Nicht bestimmt, eher so: Etwas wirft Schatten, auf die Beziehungen (am Essenstisch), auf die Räume (das neue Büro), den Erfolg (Agnes bekommt ihre Vollzeit-Stelle). Dann springt die Sache zurück, zum Vorfall, der Agnes traumatisiert: Vergewaltigung durch den Dozenten, der ihre Doktorarbeit betreut, für «extraordinary» erklärt, der dann aus ihrem Leben verschwindet. Sie bekommt das Büro. Einheit der Handlung: gute Frage. Es geht auch um Frauenfreundschaft, Frauensolidarität (Lydie, PoC, die in New York mit der nonbinären Partner*in Fran ein Kind bekommt), Fraueneifersucht (die Konkurrentin verrutscht doch etwas sehr in Richtung Karikatur). Nichts davon ist völlig ohne Bezug zur Vergewaltigung, aber erst recht ist nichts davon ganz von diesem Bezug bestimmt. Entscheidend ohnehin, dass Eva Victor für das alles die Komödienform wählt. Und damit ständig auf einem Grat spaziert: dem des comic relief. Was einerseits für Spannungen sorgt, absurde Pointen wie den Wunsch, das Büro des Vergewaltigers in Gang zu setzen, aus dem Victor eine Gag-Sequenz, fast einen Sketch formt (mit Gavin und Lydie). Wo sich die Komik verselbständigt, droht Entschärfung. Aber Victor balanciert das ganz gut. Es hilft ihr die Hauptdarstellerin, die they selbst ist, mit ihrem gekonnten Timing des Verhuschten, Verzögerten, meistens tut sie gerade richtig zu wenig. Trotzdem ist Komik immer auch Deformation: die Pointe fordert auch da, wo sie nicht nur relief bringt, Tribut, weil sie zuspitzt, was, der Wahrheit näher, besser ins Leere liefe. Schon nicht erstaunlich, dass Sorry, Baby bei Sundance lief und von A 24 ins Kino gebracht wird. Trotzdem «extraordinary» für ein Debüt. (72cp)
Sarathy Korwar, There Is Beauty, There Already (2025, Youtube)
Eine Frage von Rhtyhmus und Fläche, rhythmisierte Flächen, das Tabla-Spiel von Sarathy Korwar (Inder, der in den USA studiert hat und nun in London lebt) als Basis, ein An- und Auf- und Abschwellen, Fließen, hier und da brandet auf und in Wellen oder Wogen etwas dazu, oder davon, nie von außen kommend, sondern Bewegung, die aus Eigenbewegung gemacht ist, wo immer sie hinkommt, ist die Schönheit wie gefunden schon da. Minimal music, tablaisiert, was eben noch gewesen sein wird, was sich in Veränderung begreift, zusammengehalten von Zäsuren, die, kaum bemerkt, sich vergessen. Ein Vierzigminutenvideo dazu, Freunde wurden gefragt (im Abspann: Vornamenliste), mit ihrem Handy alltäglichste Gänge als Plansequenz (meistens) aufzuzeichnen, Gänge durch die Stadt, oder am Land, auf Straßen, an deren Rändern, von einem Kontinent zum andern, die ganze Welt stellvertreten, pflanzenweich, häuserhart, es kommt, tröpfelnd oder flutend, der Alltag entgegen (Rechtsverkehr, Linksverkehr, Jogger, eine Rolltreppe in der Stadt, am Ende Ufer und Meer), Schriftzeichen, gespurte Wege und nicht so gespurte, das alles immer als mit dem Schritt mitwippendes Bild, Körperbilder zur Tabla-Körpermusik, auch das alles: durch Zäsuren zusammengehalten. Und Weg für Weg ist alles meistens ferne vertraut, konkret erkenne ich nichts, bis plötzlich, fast epiphanisch, mein Herz macht einen kleinen Satz, ein eigener Weg auftaucht: die Treppe zur Weddinger U-Bahn-Station Amrumer Straße hinab, den Bahnsteig entlang. Könnte sein, ich käme dem wippenden Aufzeichnungsblick hier persönlich entgegen. Sehe mich nicht, and is there beauty, there already?, aber erfahre, was für ein merkwürdiges Ding das Eigene ist.
1.1. Die jüngste Tochter (Fatima Daas, F 2020)
Am Ende, Küchentisch mit der Mutter, die Madelaines bäckt: die Schriftstellerwerdung des sich dahin erzählenden Ichs. Ob Proust hier angespielt ist oder nicht, um eine Suche nach der verlorenen Zeit geht es hier nicht. Litaneihaft, kurz, knapp, eine Satz-, Kurzkapitel-Kanonade, «Ich bin Fatima Daas», wieder und wieder, rhythmisiert zum Kreisverkehr, in den nur nach und nach Material eingeschwemmt wird. Die Nina-Figur taucht auf, taucht ab, man erfährt etwas, aber am Ende doch wenig. Fatima Daas, die Ich-Erzählerin, die den Namen der Autorin trägt, nur dass der pseudonym ist. Autofiktion, die sich schon im Autorinnennamen in etwas Fremdes verschiebt. Auch in der Form, die es sucht, liegt enorme Fluchtgeschwindigkeit gegen die sicher autobiografischen Fakten: das Asthma, der Konflikt der muslimischen Religion mit dem queeren Begehren, der autoritäre Vater, der schwule Freund, die arabischen Wörter (wie bei Keskinkilic bis hin zum Wortspiel um Kalb/Qalb, Hund und Herz), das Pendeln aus der Banlieue Clichy-sous-Bois ins Zentrum. Alles: grounded. Aber auch: hochfliegend die Ambition, das alles in Literatur zu verwandeln. Der Mutter erzählt, an deren Küchentisch es der Tochter mit ihrem verbotenen Begehren die Worte verschlägt. Literatur als selbst auferlegte, ins Schriftliche verschlagene, das Leben in einem fremden Eigenen aufhebende Rechenschaftspflicht. (72cp)
Sharp Pins: Radio DDR (USA 2025; Youtube)
Fröhlich-jangly Gitarren, nur andeutungsweise Schräges, Gesäge, Beatles-, wenn nicht Byrds-Harmonien, Kai Slater aus Hyde Park Chicago, fast kantenfrei-melancholischer Pop bis Power Pop und alles dazwischen, Kai Slater, 20, der noch keinen Alkohol kaufen darf, der auf Bändern aufnimmt, Melodien aus dem Ärmel schüttelt, das Unperfekte umarmt, DIY von vorne bis hinten, der ein Fanzine produziert, computerfern auf Papier, Hallogallo, frisch, nicht fromm, antikapitalistisch, frei, scharfe Pins, sanfte Songs, die Liebe, matters of the heart, Lorelei und so, unkaputtbar ewig jung. Macht vielleicht etwas zu gute Laune.