tiff 2011

19. September 2011

Toronto 2011 15 Filme

Von Bert Rebhandl

Cut (Amir Naderi)

Höchst merkwürdiges Martyrium für das «reine Kino»: Ein junger japanischer Cinephiler mit Ambitionen auf Filmregie hat bei seinen bisherigen, erfolglosen Projekten das Geld seines Bruders vergeudet, der dieses einer Gangsterorganisation schuldete und deswegen getötet wird. Nun lässt der Regisseur, um diese Schulden abzuarbeiten, sich täglich auf der Toilette, in der der Mord geschah, gegen Bezahlung verdreschen, bis er vor Blutergüssen, Hautrissen und Schwellungen kaum mehr stehen kann. Im Finale Grande montiert Naderi einen Kanon aus hundert Filmen gegen eine Übung in technischem Knock Out (receiving end). Das TIFF zeigte eine schäbige digitale Projektion einer eigenwilligen, irgendwo zwischen Bert Brecht und Shinya Tsukamoto zu verortenden Allegorie auf die Produktionsbedingungen unabhängigen Kinos.

 

L’Apollonide (Souvenirs de la maison close) (Bertrand Bonello)

Innenansichten aus einem «geschlossenen Haus» in Paris um die Jahrhundertwende. Noémie Lvovksy spielt die Puffmutter in dieser elegischen Erzählung über den Untergang einer gesellschaftlichen Institution, eines Freudenhauses, in dem Mädchen durch Schulden in Abhängigkeit gehalten werden, innerhalb dessen sie aber auch eine alltägliche Autonomie genießen. Bonello, vielleicht wichtigster Erotologe des französischen Kinos, romantisiert keineswegs, sondern findet in der zentralen «femme qui rit» (einer Frau, die immer «lacht», nachdem sie im Gesicht grausam verunstaltet wurde) eine starke (nebenbei: jüdische) Identifikations- bzw. Empathiefigur, und konzentiert sich auch darüber hinaus eher auf Gesichter als auf Körper, auf Rituale als auf Geschlechtsakte.

 

Into the Abyss (Werner Herzog)

Rekonstruktion eines texanischen Dreifachmords im Jahr 2001 mit dem expliziten Interesse eines Plädoyers gegen die Todesstrafe. Herzog interviewte den noch nicht einmal dreißigjährigen Michael Perry wenige Tage vor dessen Hinrichtung im Jahr 2010, dazu Angehörige der Mordopfer und den zweiten Täter Jason Burkett, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und inzwischen ein «inmate groupie» geheiratet hat. Besonders beeindruckend sind die Aufnahmen von Burketts Vater, der selbst «for life» im Gefängnis sitzt, und der seinem Sohn nichts anderes vermitteln konnte. Into the Abyss ist nicht an kriminalistischer, sondern an existenzieller Wahrheit interessiert. Aus dem Off erweist sich Herzog als ganz und gar freimütiger, sympathisierender, mitgenommener Fragesteller.

 

Sarah Palin – You Betcha! (Nick Broomfield)

An der Politikerin aus Alaska scheitert der britische Dokumentarist Broomfield nahezu vollständig. Er versucht hier das gleiche Kunststück, das er in Tracking Down Maggie mit der ehemaligen britischen Premierministerin veranstaltet hatte, findet aber kaum Risse in der hermetischen Welt von Sarah Palin. So bleibt ihm wenig mehr als die Nacherzählung bereits bekannter Fakten und Behauptungen, sowie ein wenig Lokalkolorit aus Alaska, wo die Anwohner feinsäuberlich in zwei Lager pro oder contra SP geschieden sind. Zumindest indirekt bekommt Broomfield allmählich doch in den Blick, welches Ausmaß an Paranoia mittlerweile im Inneren von Palins Camp herrschen muss, in das er sich gern Zutritt verschafft hätte, wozu sein langsam vergehender «boyish charme» aber dieses Mal nicht viel beitragen konnte.

 

Take Shelter (Jeff Nichols)

Michael Shannon spielt einen amerikanischen Mann in Ohio, der mit Frau und taubstummer Tochter ein «gutes Leben» (so der anfängliche Befund eines Kollegen) lebt. Allmählich gerät dieser Curtis durch Halluzinationen so unter Druck, dass er sich zu verschiedenen Handlungen gezwungen sieht: Er sucht einen Arzt auf (vernünftig), baut den Windbunker in seinem Garten aus und nimmt dafür einen Kredit auf (unklug), vernachlässigt seine Arbeit und verheimlicht die Probleme seiner Frau. Nichols (Shotgun Stories) findet für seine Geschichte drei Enden: das erste ist kathartisch und wirkt wie eine kalkulierte Konzession an die Konventionen des amerikanischen Kinos; das zweite korrigiert das erste und ist therapeutisch offen; das dritte ist stark, unpsychologisch und ruiniert den Film, der damit zu einem hochinteressanten Symptomfall für die Probleme amerikanischer Männlichkeitskonzeptionen und ihrer Erzählbarkeit wird.

 

Low Life (Nicolas Klotz und Elisabeth Perceval)

Junge Leute in Lyon treiben sich nachts herum, verabreden sich kurzfristig zu Protesten gegen die polizeiliche Räumung besetzter Häuser, sind generell auf eine vage Weise politisiert, leben dies aber vor allem als nokturne Boheme. Die Liebesgeschichte zwischen Carmen und Hussain, einem afghanischen Illegalen, wird schließlich zum zentralen Geschehnis: Der Film findet hier die Verbindung zwischen der studentischen Szene und dem exponierten Leben derer «ohne Papiere», und führt von hier aus auf ein Panorama umfassender Überwachung zu. Low Life war für mich einer der intensivsten Eindrücke dieses Festivals, ein Patchwork oder auch Strom aus Texten, Stimmungen, Musikfetzen, das zwischen den Kraftfeldern Rivette und Godard nach neuen Horizonten sucht.

 

A Century of Birthing (Lav Diaz)

Sieht aus wie ein Krisendokument: Lav Diaz erzählt vom Filmemachen, er erfindet dafür ein Alter Ego namens Direk Homer, der mit einem langen Film nicht zu Ende kommt, während ein anderer (oder doch derjenige?) Film bereits begonnen hat. Er erzählt von einer Nonne, die nach körperlicher Erfahrung sucht, und/oder von einer christlichen Sekte im Süden der Philippinen. Mehrere Erzählfäden hängen hier komplex und fragmentarisch zusammen, das gemeinsame Leitmotiv sind «Corporal Histories» (so einer der Arbeitstitel des Projekts, mit dem wir Direk Homer immer wieder an seinem Computer sitzen sehen), die «ultimativen Immersionserfahrungen», die der Schmerz mit sich bringt. In Toronto lief A Century of Birthing in einer sechsstündigen Vorführung ohne Pause, die letzte Stunde brachte eine so große Integration des Heterogenen, dass ich von dem «work in progress», von dem hinterher die Rede war, auf jeden Fall schon einmal diese Schicht aufgehoben haben möchte.

 

Ufo in Her Eyes (Guo Xiaolu)

Eine Dorfgeschichte als Satire auf die rasante chinesische Modernisierung wird in den Händen das Multitalents Guo Xiaolu (She, a Chinese) zu einem Spiel mit zahlreichen surreal anmutenden, im Detail aber sehr konkreten Einfällen: Kwon Yun sieht nach einem Liebesakt mit dem Dorfintellektuellen ein «Ufo» am Himmel, vielleicht ist es aber nur Nachlust und postkoitale Epiphanie. Dem steht allerdings entgegen, dass mit Udo Kier auch ein leibhaftiger Amerikaner auftaucht, der zu dem Ufo gehören soll. Es ist die ehrgeizige lokale Parteisektretärin, die dies alles zum Anlass nimmt, in der Provinz einen Boom zu entfachen (mit Themenpark und Fünfsternhotel). Die Einheimischen, die hier deutlich mit einem kleingewerblichen und auch «dreckigen» Bereich der Unabhängigkeit von der Parteiräson assoziiert werden, haben dabei das Nachsehen. Der Film beruht auf dem Buch Ein Ufo, dachte sie von Guo Xiaolu.

 

The Invader (Nicolas Provost)

Beginnt mit einem eigentlich zu spekulativen Bild (das man hier in Teilen sehen kann): Die Kamera geht von einer halbnahen weiblichen Scham (Kadrage wie bei Courbet) zurück in die Totale eines FKK-Strands, an dem sich die nackte Frau erhebt, um ans Wasser zu gehen, wo gerade ein paar afrikanische Flüchtlinge entkräftet aus den Wellen taumeln. Einer davon ist Amadou, der von dieser Erscheinung für das Drama disponiert wird, von dem der Film erzählt. Er taucht in Brüssel in die Welt illegaler Bauarbeiter unter, trifft dort auf eine blonde Geschäftsfrau und Galeristin namens Agnès, der er nachstellt, und die sich schließlich von seinem gewitzten und kühnen Auftreten (nach seinem Namen gefragt, antwortet er: Obama) verführen lässt. Nach dem Sex (drei Positionen in einem modernistischen Apartment) geht sie auf Distanz, und hier bekommt The Invader seine ambivalente Pointe: Provost geht es nämlich um den psychischen Zerfall des Helden, und damit um die Krise der Projektionen auf das Männlichkeitsbild afrikanischer naturhafter Stärke, das er selber davor aufgebaut hat.

 

Kiseki / I Wish (Hirokazu Koreeda)

Einer meiner Lieblingsregisseure mit einem Kinderfilm um zwei Brüder, deren Eltern sich getrennt haben, und die deswegen in zwei Städten leben. An einer Stelle, an der die Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen («bullet trains») einander passieren, gibt es die Möglichkeit, einen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. So meint dies einer der beiden Jungen zu wissen, der nun alles daran setzt, eine Expedition mit Kindern aus beiden Richtungen an diesen Punkt in der japanischen Landschaft auf den Weg zu bringen. Der vielseitige Koreeda setzt hier wieder bei der neoklassischen Form von Still Walking an und erzählt sehr überzeugend eine Geschichte, in der schon Kleinigkeiten zu Ereignissen werden können. Die beiden Hauptdarsteller, so entnehme ich einem Text von Mark Schilling, sind als Komikerpaar Maeda und Maeda in Japan schon eine Manzai-Größe.

 

Faust (Alexander Sokurow)

Diese russische Adaption des Fauststoffs «frei nach Goethe» beginnt mit einem malerisch animierten Establishing Shot, der aus den Wolken in ein altdeutsches Städtchen führt. Dort gilt die erste Großaufnahme einem Schniedelwutz. «Der Professor», wie Heinrich Faust hier durchwegs genannt wird, sucht in toten Körpern nach der Seele. Eher beiläufig gerät er an einen Wucherer namens Mauricius, der ihn zu all den Stationen führt, die aus dem ersten Teil von Goethes Drama bekannt sind. In einem Badehaus legt Mauricius sein Gewand ab, darunter sieht er aus wie eine Figur aus einem Video von Matthew Barney. «Zu deinem Körper hab’ ich ein paar Fragen», gibt der Professor sich auch hier als Anatom. Erst spät wird in diesem Faust der Pakt geschlossen, zwischen Heinrich und Gretchen gibt es einen langen, großartigen Moment entrückter Nähe in Großaufnahmen. Wie dieser vierte Teil mit dem Rest von Sokurows nunmehriger Tetralogie Moloch – Taurus – Sonne – Faust zusammenhängt, ist nicht leicht auszumachen (und werde ich mir noch einmal im Zusammenhang vornehmen), wie auch jede aktualisierende Deutung von Goethes Stück hier Pause hat. Gegen Ende hat der Bilderfinder Sokurow einige große Szenen – sein Faust endet im Hochgebirge, nach Arkadien eröffnet sich kein Blick.

 

La Cuchera (Jospeh Israel Laban)

Sehr gerades, sozialrealistisches Drama um eine philippinische Frau, die einen weitverzweigten Drogendeal nach China organisiert: Sie besorgt die Ware und die Kuriere («mules»), sie steht im Zentrum eines komplexen Netzes aus Vorteilsnahme und Ausbeutung, um dessen Erstreckung es hier geht. Laban beginnt in einer Slumbehausung auf einer Mülldeponie, und bekommt von hier aus zahlreiche Protagonisten in den Blick – eine fast schon zu kaltschnäuzige Modellerzählung darüber, wie der Körper zum «Loch» des nackten Lebens wird.

 

Dark Horse (Todd Solondz)

Für alle, die sich fragen, was wohl aus George Costanza geworden wäre, hätte er nicht durch Jerry Seinfeld eine Überlebensform gefunden (also auf jeden Fall für Leute wie mich), gibt es in dieser tollen Komödie eine Antwort: Der korpulente Abe (Jordan Gelber) lernt bei einer jüdischen Hochzeit die depressive Miranda kennen und beginnt, ihr auf täppische Weise den Hof zu machen. Für eine Weile sieht es so aus, als könnte against all odds etwas werden aus dieser Beziehung, als könnte Abe tatsächlich das «dark horse» sein, das spät auf Touren kommt, dann aber siegreich über die Ziellinie geht. Doch Solondz, der exakt auf die Grenze zwischen Ironie und Zynismus zielt, hat andere Pläne, und sein Protagonist hat andere Träume. Unnachahmlich wie immer baut Solondz seine kleine Einzelgänger-Festung in der «jewish comedy» weiter aus.

 

La folie Almayer (Chantal Akerman)

Die Verfilmung des frühen Romans von Joseph Conrad setzt ganz auf akusmatische und sensorische Taktilität des Dschungels, ohne sich um politische oder postkoloniale Aspekte wirklich zu kümmern: Der Handelsagent Almayer lebt mit seiner Tochter Nina (einer «métisse», Mestizin, halb europäisch, halb asiatisch, doch für die Zivilisation verloren, wie sich in der Schule erweist) auf einem Außenposten, an dem er allmählich aus der Welt fällt. Es ist nicht leicht auszumachen, worum es Chantal Akerman eigentlich geht, doch viele einzelne Szenen ihrer in Kambodscha gedrehten freien Roman-Adaption sind stark imaginiert. Die beste Idee ist wohl die, die Erzählerstimme einem chinesischen Beobachter zuzuordnen, wenngleich auch hier das interpretative Moment sehr offen ist.

 

People Mountain People Sea (Cai Shangjun)

Einen Mordfall in der chinesischen Provinz nimmt Cai Shangjun zum Ausgangspunkt einer düsteren Odyssee durch jene Bereiche des Landes, die von der Modernisierung noch kaum betroffen sind: Lao Tie, dessen Bruder wegen seines Motorrads erstochen wird, macht sich auf die Suche nach dem Täter, von dem die Polizei bald den Namen kennt, den sie aber nicht wirklich ernsthaft verfolgt. Er gelangt zuerst für eine Weile nach Chongqing, wo er in die Slums der Megalopole eintaucht, und schließlich in eine illegale Mine, wo die Erzählung ein Ende finden, an der sich seither das Publikum die Zähne ausbeißt. Cai Shangjun selbst musste bei dem Q&A in Toronto einen «zornigen Buddha» bemühen, um die komplizierten Konjekturen des Finales plausibler zu machen.