Depressionsfilme

10. April 2009

Systemwahn

Von Simon Rothöhler

Folge 4: «American Madness» (Frank Capra) USA 1932

«... putting money to work for the country»

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Capras folksy populism ereilt hier einen Banker, der sich mit der Unbeirrtheit des gesunden Menschenverstands auf Alexander Hamilton beruft (A Report On The Subject Of Manufactures, 1792). Die Utopie: Kapitalismus, Massenproduktion, modernes Kreditwesen mit eingebauter Gemeinwohlverpflichtung. Der Film untersucht die fiktive Union National Bank als Wachstumsmotor in der Vertrauenskrise (der dramaturgische Motor ist allerdings eine Ehefrau, die sich vernachlässigt fühlt und ihren Marktwert prüft). Tom Dickson (Walter Huston) heißt der Chef dieser Institution, die trotz Depression eine liberale Kreditvergabe praktiziert, wie realgeschichtlich nur die Bank of America. Dickson verleiht hemdsärmelig und prüft vor allem den Charakter des Nehmers. Väterlich bewahrt er die Kunden vor Konsumkrediten, die ihre Zahlungsfähigkeit überfordern würden; weit reicht sein Verantwortungsgefühl für die eigene Volkswirtschaft. Mögen die anderen auf eine systemfeindliche Politik des frozen credit setzen, Dickson leiht bis der Arzt kommt. «American Madness» kann in diesem Film mindestens dreierlei meinen: den irrationalen Run auf die Bank, als das (unbegründete) Gerücht die Runde macht, sie stehe kurz vor dem Kollaps (die Logik der self-fulfilling prophecy); die elitäre Gier der Vorstandsmitglieder, die Dickson in eine Fusion zwingen möchten; die amourösen Zweideutigkeiten, die die Union National überhaupt erst in Schieflage bringen. Sehr viel häufiger und inniger als für den äußeren Fortgang der Handlung erforderlich, filmt der FDR-Gegner Capra die schwere Tresortüre der Bank, hinter der ganz materiell die Scheine lagern, die endlich wieder zirkulieren sollen: Sesam, öffne Dich.

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American Madness (Frank Capra), USA 1932, mit Walter Huston, Pat O-Brien, Kay Johnson. Columbia Pictures, 71 Minuten.