Depressionsfilme

25. März 2009

Friede den Luftschlössern

Von Nikolaus Perneczky

Folge 3: «Man's Castle» (Frank Borzage) USA 1933

«It’s funny how when people got nothing they act like human beings.»
Bill

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Frank Borzages Man's Castle ist ein Liebesfilm klassischer Provenienz, der von der Schwierigkeit handelt, einen sehr ruppigen Spencer Tracy zu domestizieren. In der letzten Einstellung wird er, an Loretta Youngs Brust geschmiegt, endlich nach Hause gefunden haben. So weit, so bewährt. Ungewöhnlich aber ist der Hintergrund, vor dem sich des Widerspenstigen Zähmung diesmal vollzieht – eine jener nach dem gleichnamigen 31. US-Präsidenten «Hooverville» getauften Barackenstädte zur Zeit der Great Depression.

Bill (Tracy) und Trina (Young) lernen sich auf einer New Yorker Parkbank kennen. Er trägt die Insignien und Charaktermaske eines reichen Schnösels, sie das ikonisierte Antlitz einer Hungernden. Erst später stellt sich heraus, dass er genauso arm dran ist wie sie, sein Aufzug nur eine Verkleidung. Trina hat kein Dach über dem Kopf, und so verbringt Bill sie in eine Hüttensiedlung im Central Park. Weil er seine ganze Würde aus der romantischen Vorstellung von der Freiheit des Besitzlosen bezieht, schläft er selbst lieber unter freiem Himmel. Auch später werden es vor allem die entwürdigenden Verhältnisse sein, weshalb Bill in Fluchtfantasien schwelgt, anstatt sich zu Trina zu bekennen.

Es ist interessant zu beobachten, wie Borzage, indem er den Dingen einen überhöhenden Glanz verleiht, sich scheinbar auf Bills Seite schlägt. Was dieser erst am Schluss begreift, wir aber schon die längste Zeit in Trinas aureolenumranktem Antlitz lesen, ist, dass auch sie einer anderen, besseren Welt angehört. Deshalb also ist Borzage als «romantic transcendentalist»  in den Autorenpantheon eingegangen. Wenn Bill, wie oben angedeutet, endlich nach Hause findet, so ist auch dieses Zuhause mehr Möglichkeit als wirklicher Ort: Ein Güterwagon auf dem Weg nach Utopia.  

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, Man's Castle sei überinstrumentiertes Capra-corn. Dafür ist nicht nur Tracys Prä-Hays-Antiheld viel zu ungeschlacht, sondern auch und vor allem das Happy End zu ambivalent. Das Glück von Bill und Trina findet seine verkehrte Entsprechung im Unglück der alkoholkranken Flossie (Marjorie Rambeau) und des intriganten Bragg (Arthur Hohl). Die beiden sind zwar auf der Erzählebene kein Paar, treten aber in Borzages Inszenierung immer wieder als solches in Erscheinung. Als Bragg droht, Bill bei der Polizei anzuschwärzen, will Flossie ihn erschießen. Bevor sie abdrückt, erklärt sie sich in einem Satz, der als schwarzes Gegenstück zu Bills Eingangszitat verstanden werden will: «If somebody was to search the whole country, the whole world, they couldn’t find two more useless, more no-good people than you and me.» Peng!

Man's Castle (Frank Borzage) USA 1933, mit Spencer Tracy, Loretta Young, Columbia Pictures, 66 Minuten