Kino

14. September 2009

Mit gefangenem Auge

Von Bert Rebhandl

Der Libanonfeldzug von 1982 aus der Perspektive einer einzelnen Panzerbesatzung: Samuel Moaz öffnet in «Lebanon» den konkreten Innenraum einer Waffengattung auf den umstrittenen Raum des Staates Israel.

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«Der Mensch ist aus Stahl, ein Panzer ist nur aus Eisen»: Dieses Schild im Innenraum des Panzers, auf den sich Samuel Moaz in seinem bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Film Lebanon beschränkt, verweist gleich zu Beginn auf den widersprüchlichen Charakter dieser Waffengattung. Yigal, Assi, Hertzel, Shmulik, so heissen die jungen Maenner, die in dem Panzer «Rhino» (ich folge den englischen Untertiteln der Festivalkopie) zum Dienst im Feldzug im Libanon 1982 einberufen worden sind. Sie sind keineswegs aus Stahl, auch nicht in dem übertragenen Sinn, in dem das Schild die Schwächen des Panzers (eingeschränktes Blickfeld, störungsanfällige Kommunikation) der Mannschaft zur Kompensation auferlegt. Sie sind einfach Mitglieder der Tsahal, der israelischen Streitkraefte, mit denen sie über Funk in Verbindung stehen und von denen sie, wie sich bald herausstellt, auf Gedeih und Verderb abhängig sind.

Der Panzer operiert mit einer kleinen Infanteriegruppe in einer nicht näher spezifizierten Zone. Ziel ist ein Ort namens Saint Tropez, an dem es ein Hotel geben soll. Auf dem Weg dorthin soll ein Dorf, das die Luftwaffe schon ausgelöscht hat, gesäubert werden. Die Sprache des kommandierenden Offiziers Jamil, der sich gelegentlich durch die Luke in den engen Panzerraum schwingt, ist kompromisslos und nur dort euphemistisch, wo die internationale Rechtslage dies erfordert: die verbotenen Phosphorbomben heissen offiziell «flammender Rauch». Über das strategische Szenario des Libanonfeldzugs von 1982 verrät Samuel Moaz kaum etwas, die Soldaten haben selbst Mühe, die vielen Fraktionen auseinanderzuhalten (verbündete Falangisten, feindliche Syrer, «Terroristen»). Der Panzer ist die Einheit dieses Films, das immer wiederkehrende Geräusch, wenn sich das Objektiv, durch das die Außenwelt sichtbar wird, neu ausrichtet, bildet den mechanischen Rhythmus. Jamil und seine Männer, die draussen kämpfen, durchqueren immer wieder dieses Bild im Bild, wie auch die Opfer und Gegner – ein aufgeschlitztes Maultier, auf dessen weit aufgerissenes Auge Moaz ganz nahe heranzoomen lässt, eine Frau, deren Kleid in Flammen aufgeht und die auf offener, verwüsteter Strasse nackt nach Deckung sucht, eine Panzerrakete, die in einem zentralen Moment direkt auf «Rhino» zusteuert.

Dass das Sichtfeld des Panzers dem des menschlichen Auges so deutlich unterlegen ist, ist die zentrale Idee der Inszenierung des Films – es macht Angst, wenn man weniger sieht, als man mit freiem Auge (der Ausdruck bekommt in Lebanon eine enorme Dringlichkeit) sehen könnte. Die strategische Blindheit des Panzers für den größeren Zusammenhang des Kriegs ist in dem Film von Samuel Moaz bei aller konkreten Anschaulichkeit selbst ein Bild. Es zeigt die israelischen Streitkräfte jenseits der Einheit stiftenden Idee, auf der sie beruhen – der Panzer, das wissen wir aus Claude Lanzmanns Tsahal (siehe CARGO 2/2009), steht für die ganze wehrhafte Nation, für Autarkie, für Flexibilität, für die notwendige Aggressivität der Vorwärtsverteidigung.

Nichts davon ist in Lebanon zu sehen. Hier ist der Panzer ein Gerät, das sich in einer unübersichtlichen Kriegslage hoffnungslos verfährt, gesteuert von einer Besatzung, die widersprüchliche Befehle bekommt, wenn der Funkkontakt nicht überhaupt abreißt. Die Orientierungslosigkeit wird durch zahlreiche zeichenhaft überhöhte Szenen noch gesteigert. Wie auch in Waltz with Bashir, in dem es ebenfalls um den Libanonfeldzug von 1982 als entscheidendes Datum in der jüngeren Geschichte des Staates Israel geht, hat der Krieg eine psychedelische Qualität, alle seine Rationalisierungen bleiben im Off des Films. In nicht wenigen Momenten seiner Inszenierung scheint Samuel Moaz mit der graphischen Qualität des Animationsfilms mithalten zu wollen – was bei Ari Folman die satten Farben und starken Linien der gezeichneten Welt ausmachen, schafft Moaz durch das Fadenkreuz, das alle Blicke nach draußen aus dem Panzer formatiert. Lebanon geht von dem Realismus eines klassischen Squad Movies aus (eine Einheit auf ihrem Weg durch den Krieg), überführt diesen aber auf eine prinzipielle Ebene, auf der das «heart of darkness» im Inneren des Panzers Rhino das Herz der Nation selbst ist.

Lebanon (Israel/Deutschland 2009, Regie: Samuel Moaz)

Gesehen auf dem TIFF 2009 (Toronto International Film Festival)