Kino

6. Oktober 2010

Great Expectations Zu «The Social Network»

Von Ludger Blanke

 

Hin und wieder kommt man aus einem Film heraus, den alle Welt bejubelt, und man selbst kann so gar nichts damit anfangen.
Kann es sein, fragt man sich dann, dass da etwas zu entdecken ist, das ich nicht sehen kann?
Man wird auf sich selbst zurückgeworfen und muss den Widerspruch zur Welt aufklären.

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Mir ist dies in diesem Jahr zwei mal passiert, bei Inception und nun bei THE SOCIAL NETWORK.
Bei INCEPTION, für mich klar ein Film der CARGO-Kategorie «Dante/Hölle», ist der Fall relativ einfach, da hat sich die Welt offensichtlich in eine Idee von einem Film verliebt, der INCEPTION nicht war. Da ein Film aber auch immer ein wenig ein Rorschach-Test ist, geht das schon in Ordnung und Freundschaften müssen deshalb nicht gekündigt werden.

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Bei THE SOCIAL NETWORK liegt der Fall aber anders, der Film hat ja eindeutig Qualitäten: ein paar Dialoge von Aaron Sorkin, bei denen einem sogar die Subtexte um die Ohren fliegen, Jesse Eisenberg und Justin Timberlake,  die Winkelvoss Zwillinge, Chargen wie aus einem Helmut-Dietl-Film, schon die Namen! Und dann ein schön gefilmter Ruderwettkampf auf der Themse (mit Tilt-Shift-Optik, die alles so aussehen lässt wie eine Miniatur mit Playmobil-Figuren) und  ein paar hübsche Dinge mehr. Wir befinden uns schliesslich in einem Film von David Fincher.

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Als ich meiner 8-jährigen Tochter versuche zu beschreiben, um was es in THE SOCIAL NETWORK geht, erzählt sie mir wie sie einmal vor ein paar Jahren auf der Wiese vor ihrer Kita im Gras eine Haarspange mit einem wunderschönen Schmetterling gefunden habe. Sie habe die Spange entdeckt, ihre Freundin habe diese aber aufgehoben und nachher sei es zum Streit darüber gekommen, wer die Spange eigentlich gefunden habe und behalten dürfe. Sie hätten sich nach einiger Zeit darauf geeinigt, sich die Spange zu teilen. Jeder dürfe die Spange für eine Woche benutzen. Die Freundin hätte die Spange erstmal mit nach Hause genommen. Danach hätte sie die Spange nie wieder gesehen.
Wäre es nachher in der Kita zu einem Hearing gekommen, hätte auch ein Film wie THE SOCIAL NETWORK aus diesem Fall werden können.

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Vielleicht wäre dort aber auch die tatsächliche Besitzerin der Haarspange aufgetaucht.

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Im Forum der Internet Movie Database behauptete jemand vor ein paar Wochen, der Film habe keine Zielgruppe, jemand anders antwortet ihm: David Fincher Fans, 500 Millionen Facebook Mitglieder, Justin Timberlake Fans, Fans von Jesse Eisenberg, Leute die College-Movies mögen und Leute die Biopics mögen.

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Mich hätte allein der Drehbuchautor Aaron Sorkin interessiert. Aber wieso hätte?

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Im New Yorker behauptet Sorkin: «I’ve heard of Facebook, in the same way I’ve heard of a carburetor (Vergaser), but if I opened the hood of my car I wouldn’t know how to find it.»

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Der Titel «The Social Network» ist also eine Anmassung. «The Accidental Billionaires», der Titel der Buchvorlage von Ben Mezrich trifft schon besser.

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Aber: ein «accidential billionaire» ist auch jemand, der den Jackpot im Lotto knackt. Auch da gibt es dann soziale Verwerfungen.

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Vielleicht ist es so: Geschichten von reichen Kindern interessieren einfach nicht. Auch nicht, wenn sie sich darüber streiten, ob eine mögliche Abfindung für den Nichterhalt der gefundenen Haarspange 32 oder 68 Millionen beträgt.

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Bleibt eine Frage: Sind die Adiletten Zuckerbergs vom Bademantel Julian Schnabels inspiriert oder sind sie der Ausdruck des Privaten, das den öffentlichen Raum usurpiert?
Aber dann wäre THE SOCIAL NETWORK ja vielleicht doch ein Film über Facebook geworden.