Kino

20. Januar 2009

Eine Tat von einiger Größe

Von Bert Rebhandl

Operation Walküre und der 20. Juli 1944

Wer widerwillig in den Film "Valkyrie" von Tom Cruise, Bryan Singer, Christopher McQuarrie und Nathan Alexander geht, wird wahrscheinlich bis zum Abspann warten müssen, um ein wenig Bestätigung für das Vorurteil zu bekommen. Die seltsame Vertonung von Goethes Wanderers Nachtlied ("Über allen Gipfeln ist Ruh") ist aber eigentlich der einzige Fauxpas in einem Film, der einige Überraschungen zu bieten hat.

Die vor allem in der FAZ vom vergangenen Samstag in einem großen Gespräch der beiden Drehbuchautoren McQuarrie und Alexander mit dem Stauffenberg-Biographen Peter Hoffmann gestellte Frage nach der "Authentizität" oder Wahrhaftigkeit des allseits als spannend gelobten Films ist dabei von nachrangigem Interesse. Wichtig ist, was "Valkyrie" mit seiner gestalterischen Freiheit anfängt, also mit der Organisation des Stoffs, und mit dem, was innerhalb der rekonstruierenden Darstellung tatsächlich Fiktion ist. Da erweist sich nämlich die eigentliche Intelligenz des Unternehmens. Es betont in einer Weise, die so von einem Thriller nicht zu erwarten war, den Staatsstreich gegenüber dem Attentat. Das Unternehmen Walküre, also die Machtübernahme in Deutschland durch die Verschwörer des 20. Juli 1944, ist das eigentliche Thema. Der Titel wagnert nicht einfach bedeutungsschwanger, sondern will beim Wort genommen werden.

"Valkyrie" geht so weit wie nur irgend zulässig bei dem Versuch, ein Gelingen des Staatsstreichs unabhängig von der Tatsache, ob Hitler in der Wolfsschanze getötet wurde oder nicht, zu denken. Das Zögern des General Olbricht, der auf ebendiese Nachricht wartet, ist für das Scheitern des Staatsstreichs entscheidend, und gründet dabei genau auf dem Missverständnis, das der Film auszuräumen versucht: Es hätte in jedem Fall gelingen können. Dieser Glaube fehlt Olbricht. Nicht er ist allerdings die Figur, auf die schließlich die Thriller-Konstruktion zuläuft. Es ist ein anonymer Mann in der Telegraphenstelle, ein Angestellter auf der technischen Ebene, ein Mann, von dem wir kein Motiv erfahren, keine Auskunft bekommen über seine Haltung zu Hitler. Dieser Mann steht in der dramaturgisch entscheidenden Situation des Films vor einem "entweder/oder", er hält zwei Kabel in der Hand und kann nur einen Kommunikationsstrang freischalten. Er entscheidet sich gegen den Staatsstreich, ohne das volle Ausmaß seiner Tat richtig zu begreifen. Er entscheidet sich für das, was schon da ist, für den Status Quo, für Hitler und gegen das Ungewisse.

"Valkyrie" deutet mit dieser Szene an, dass die Verschwörung auch im fünften Kriegs- und im zwölften Verbrechensjahr noch nicht ausreichend ins Volk eingewurzelt war, um diesen einfachen Mann, auf den es ankam, zu dem kleinen Akt des Risikos zu bewegen, von dem die Sache abhing. Dieser Moment ist die perfekte Fingierung einer politischen These: dass die Sache am 20. Juli 1944 nicht nur von den bekannten Unwägbarkeiten abhing, von denen der Thriller lebt, sondern auch von einem deutschen Volk, das noch nicht so weit war.

So ist es nur konsequent, dass der Held Stauffenberg in "Valkyrie" vollständig von der Gedankenwelt und Motivation der historischen Figur abgeschitten wird. Es geht hier eben nicht um "das Reich", sondern bewusst profan um "Frieden und Wohlstand" und um die Treue zum Soldateneid. Diese Reduktion auf leere charismatische Rechtschaffenheit ist nicht ohne Ironie, wenn man sich daran erinnert, wie sehr zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck diese Verkörperung des deutschen Offiziers durch den amerikanischen Superstar zu einer Erfüllung der deutschen Geschichte hochstilisiert hat. Von dem "heiligen (oder geheimen) Deutschland", für das Stauffenberg starb, weiß der Film kaum etwas. Das erklärt dann vielleicht auch das versprengte Goethe-Gedicht im Abspann.