Crush

Crush: Emanuelle Devos

Von Peter Praschl

 Wie Emanuelle Devos ist, sollte man vielleicht gar nicht wissen wollen. Sie könnte ganz anders sein als die Frauen, die sie gespielt hat. Oder genau so. Beides wäre schlimm. Die Frauen jedenfalls, die Emanuelle Devos gespielt hat, hält man kaum aus. Dabei weiß man gar nicht genau, wie sie es anstellen, einem so sehr auf die Nerven zu gehen, dass man ihnen alle paar Minuten in den Arm fallen will. In Rois et Reine von Arnaud Desplechin, einem der großartigsten Filme mit ihr, schafft sie es, dass ihr Vater (den sie zum Geburtstag besucht, um den sie sich kümmert, den sie ins Krankenhaus bringt, an dessen Totenbett sie sitzt, den sie liebt wie nur eine gute Tochter) sie noch nach seinem Tod verabscheut, verstößt, verflucht. Man kann es gut verstehen. Es ist ihr Sosein, das man nicht erträgt, ihre mit Nettigkeit und Spießigkeit und gestärkten weißen Blusen und Perlenkette bewaffnete Normalität. So fühlt man sich immer teilentmündigt von ihr. Als hätte man immer noch eine Mutter, die mit dem Staubsauger ins Zimmer kommt, in dem man gerade chillt. Was soll das, denkt man, mach dich locker und lass mich endlich in Ruhe. Schafft sie aber nicht, sie ist so. Deswegen bleibt einem nichts anderes übrig, als entweder zu ihrem Pudel zu werden (und nur noch heimlich zu kiffen), wie es ihr zukünftiger Ehemann in Rois et reine tut. Oder wahnsinnig wie ihr ehemaliger Ehemann, von Matthieu Amalric gespielt. Weil sie einen so mürbe macht mit ihrem verdammten So-muss-das-Leben-sein-Leben, in dem sie die Königin und alle anderen nur ihre Teilzeitkönige sind.
Doch bald rührt einen das auch. Schließlich will sie im Unterschied zu all den anderen etwas auf die Reihe bekommen. Ein Kind versorgen, eine Ehe schließen, sich um ihren Vater kümmern. Da ist eine Sturheit drin, die in Filmen kaum vorkommt. Die Bockigkeit der Normalität, die viel extremistischer ist als die Extremisten, mit denen man es im Kino meistens zu tun bekommt. Will nichts zu Klump hauen, nicht durchdrehen, nicht abhauen, nicht ausbrechen, nicht depressiv werden. Sondern das Leben, wie es ist, auf die Reihe kriegen, auch wenn es schon das Mittelschichtleben ist, das nicht mehr auf Reihe gebracht werden müsste. Dafür findet man sie lange doof. Bis man sich schämt, weil man sie doof findet.
Wie gesagt: ist nur eine Frau, die von ihr gespielt wird, nicht sie selbst. Man schafft es aber nicht, das bloß nur gespielt zu halten. Die ist so, auch in anderen Filmen. Hat diesen Körper, der ein wenig kantig ist, dieses Gesicht, das nicht hübsch genug ist, um sie mit ihrer Art durchkommen zu lassen, diese Stimme, die oft ein wenig überdreht ist. In praktisch jedem ihrer Filme ist sie so, auch in ihren schlechten. Vielleicht könnte man sie ganz nett nennen, so etwas in der Art. Die Frau, die man kennt, die BWL studiert hat und die man sich auch nackt nur adrett vorstellen kann, und dann wieder doch, dass in ihr der Wahnsinn rumort, weil sie beim Adrettsein so angestrengt wirkt. Geht nicht, stapft. Redet nicht, drängelt. Aufgescheucht, man weiß nicht genau, wovon. Und dann fallen einem die Frauen ein, die man meistens sonst in Filmen sieht, und man merkt, dass man die nur deswegen lieber haben könnte, weil sie sich bequemer ansehen ließen und weil sie nicht so anstrengend wären und weil sie einem auf glamourösere Weise unangenehm wären und ihre Kämpfe edler und ihre Neurosen aparter wirken. Als dieser Devos-Kampf immer, der einem zu nahe kommt. Was daran liegt, dass es immer ein Nahkampf ist, so eine den Kopf leicht zwischen die Schultern gezogene Mikro-Alltags-Bockigkeit. Das ungefähr ist Emanuelle Devos, jedenfalls die Emanuelle Devos, die ich in Filmen gesehen habe, und in manchen von ihnen ist sie so schmerzhaft gut, dass man unbedingt wissen will, wer sie ist. Und gleich hinterher will man es unbedingt nicht wissen. Denn es könnte sein, dass sie den Frauen gleicht, die sie spielt. Und dann hätte man bloß noch die Wahl, zu ihrem ­Pudel zu  werden.
Oder wahnsinnig.