Text und Leben

Text und Leben

Von Martin Heckmanns

T. lässt sich nicht unterkriegen. Nur weil sie keine feste Arbeit hat, wird sie nicht kooperieren entgegen ihrer Überzeugung. In Gesprächen bleibt sie widerspenstig, eigensinnig und anstrengend. Ihre Freunde erklären T.s Bockigkeit gelegentlich mit der schwierigen finanziellen Situation, in der sie steckt. Sie lässt sich nichts schenken und schenkt anderen nichts. Die Askese muss gerade in das kaum zu Leistende hineinführen, und das wäre heute der Verzicht auf die Vorteile der öffentlichen Meinung, auf die Montagen des Einverständnisses und die facilités des Schwachstrom-Lebensersatzes.

Die letzten sechs Jahre hatte T. Forschungsaufträge zum Thema Eigensinn und Individualität in der Moderne. Aufgrund der neuen Gesetzeslage kann ihre Stelle nicht verlängert werden, sie ist schon zu lange an der Uni, ohne sich habilitiert zu haben. Es ist fast ausgeschlossen, dass T. noch einmal an der Universität arbeiten wird. Sie ist zu alt, ihre Publikationsliste ist zu kurz und die Zeit der Arbeitslosigkeit schadet ihrem Lebenslauf. Mit ihrem Lebenspartner hat sie eine Ferienuniversität auf Rügen aufgebaut, in der sie Urlaubern Seminare anbietet über Philosophien des Eros, der Gelassenheit oder des guten Lebens. Sie selber bevorzugt die unbekannteren Inseln. Und man sieht vor sich, wie die Millionenmassen Konsumierender es sich in der mechanisch gewordenen Natur gemütlich machen, sich gegenseitig in ihrer bloßen Menschlichkeit anerkennen, die Gesellschaft als Parasitenkolonie.

Das Geld aus dem Sommer reicht für den Herbst, die Winter sind schwierig. Ihr Freund arbeitet als Koch, auch er hat Philosophie studiert. Auf ein gemeinsames Kind haben beide verzichtet zugunsten ihrer Karriere. T. schreibt an ihrer Habilitation auf eigene Faust, sie nutzt die Unibibliothek als Privatperson, die Lektüre Arnold Gehlens fällt ihr schwer. In der Mensa muss sie als Gast den vollen Preis bezahlen und beim Verzehr von Stammessen 2 (Frühlingsquark mit Kräuterkartoffeln) überfällt T. ein Gefühl von Heimweh. Wenn man sagt, der Dienst an den Institutionen sei die Entfremdung, so ist das richtig, aber diese Entfremdung ist die Freiheit, nämlich die Distanz zu sich selbst.

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Verliebt ineinander haben sich J. und S. auf einem Kongress in Paris. Im Rückblick beschreiben sie es verzaubert, die billige Unterbringung und die schlechtgekleideten Gesellschaftswissenschaftler erwähnen sie nur am Rande. Es war Frühling in Paris und Thema der Tagung waren Erinnerungsorte, lieux de mémoires. Ein Jahr später trat J. in einem französischen Weinhandel in Kreuzberg seine Stelle als Verkäufer an. S. hatte eine Fehlgeburt und meldete sich arbeitslos. Beide hatten ihr Studium mit einer Arbeit über einen Erinnerungsort abgeschlossen, J. über die deutsche Autobahn, S. über den Rhein. Es war ihnen, als trieben sie nachts durch eisige Kälte in einem Ballon, fortgerissen in endloser Fahrt, einem Abgrund von bodenloser Tiefe zu.

Die Zeiten der Stille wurden länger zwischen ihnen. J. fielen häufig nur Laute ein, die Beklemmung zu lösen, Comicsounds oder Tiergeräusche. S. glaubte an seinen guten Willen, sicher war sie sich nicht. Die Paartherapie mussten sie abbrechen, sie konnten sie nicht mehr bezahlen. Sie versuchten es mit Ratgeberbüchern und Rollenspielen. J. ging fremd, Erfolgserlebnisse in seiner Arbeit als Weinverkäufer gab es für ihn nicht. Als er S. im Bett mit ihrem Liebhaber entdeckte, beschlossen sie gemeinsam, dass sich etwas ändern müsse. Und vierzehn Tage lang forschten sie nach dem Frühstück regelmäßig in ihrem Bewusstsein in der Hoffnung, dort große Entdeckungen zu machen; sie machten jedoch keine, worüber sie sehr erstaunt waren.

Gemeinsam sind S. und J. nach Thailand geflogen, getrennt voneinander verbringen sie dort jeweils 2 Monate in einem Kloster. Das Geld haben sie sich von J.s Eltern geliehen, die ebenfalls zum Buddhismus neigen. S. hat vor der Reise ihre Platten und Bücher verkauft, um zurückzukehren in ein leeres Zimmer. Ihre Lieblingshelden in der Literatur: Bouvard und Pécuchet. Vater unser, der du bist im Himmel: was soll das eigentlich heißen?

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Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfindungen wohlgefällt. Nach drei Minuten Fußweg ist D. zu erschöpft weiterzugehen. Er setzt sich auf einen Streusalzcontainer am Rande des Bürgersteigs, holt sein Buch aus dem Rucksack und liest: Man könnte den Menschen mit einem wohlangelegten Lustgarten vergleichen. D. fühlt seine Beine leichter werden. Die kühle Luft tut ihm gut.

Vor drei Jahren hat D. sein Studium abgebrochen, zugunsten einer Anstellung als Redakteur bei einer Internetfirma, die Treueprämien für Online-Shopping auslobte. Am Anfang lief es gut, D. fiel es schwer, das Geld auszugeben, das er verdiente, er hatte keine teuren Hobbies. Er zog in eine Wohnung mit Fußbodenheizung und Dachterrasse, die Kommilitonen lud er zu Feiern nicht ein, aus Sorge vor ihrem Neid. Die neuen Kollegen waren langweilig, aber freundlich. D. wunderte sich manchmal, ein Leben zu führen. To make a living. Als die Putzfrau nicht mehr in die Firma kam, war das Ende abzusehen. Die Freigetränke wurden gestrichen, der Tischkicker im Gemeinschaftsraum wurde nicht mehr repariert, keiner kam mehr mit dem Kickboard, die Gehaltszahlungen blieben aus. D. ging als einer der Letzten. Er weiß immer noch nicht, als was er sich bewerben soll, seine Qualifikationen sind ihm unklar. Vom Arbeitsamt hat er ein Bewerbungstraining verordnet bekommen, bei der Einführung in die Nutzung des Internets hat er sich mit einem ehemaligen Fleischer angefreundet, der regel- mäßig Treueprämien erhalten hat von der inzwischen aufgelösten Firma. Wir sind in allem unvollkommen.

D. hat Multiple Sklerose. In Schüben verringert sich seine Muskelkraft. Die Mutter hat ihn gebeten, zurückzukommen aufs Land, woher er kommt. D. will solange in der Stadt bleiben, wie er es schafft. Er hat sein Studium wiederaufgenommen, seine Magisterarbeit schreibt er über die Poetik Robert Walsers. Zurückhaltendes Schreiben. In der Mittagsonne auf einem Streusalzcontainer sitzend liest D. einen alten Satz wieder neu: Wie schön ist es doch, ein zitterndes, empfindliches, wählerisches Herz zu haben. Das ist das Schönste am Menschen.