Provinzkinos unserer Jugendzeit

Provinzkinos unserer Jugendzeit Haus für Kultur (Višegrad)

Von Saša Stanišic

Unser Kino in Višegrad war zu Jugoslawien-Zeiten Teil des «Hauses für Kultur», eines multifunktionalen Kulturbaus aus dem architektonisch bestürzenden ersten Jahrfünft der Fünfziger. Sonst fanden dort Ausstellungen statt, hatte die Bibliothek ihre Räume und du konntest dich mit deinem sozialistischen Buchclub treffen, um – unter dem Vorwand, noch mal einen genaueren Blick auf die frühen Sachen von Marx werfen zu wollen – mit Freunden bis in die Puppen Kette zu rauchen und dir süßen mazedonischen Rotwein tanzend über die Bluse zu kippen.

Das Foyer, kahles Marmorimitat. In der Wand hinter einem Minimalfenster dämmerte ein Minimalkabuff als einzige Kasse vor sich hin. Beim Bezahlen drang durch den Bezahlspalt nikotingetrübt Musik aus einem Transistorradio. Ich erinnere mich an Hasib, Hasib hat die Karten verkauft, kleine Rechtecke von einer Papierrolle, Hasib, gibt es dich heute noch?

In den Saal gelangte man durch einen breiten Flur mit Filmplakaten gegen die Tristesse. Du konntest nichts kaufen, kein Popcorn, keine Limo, und es ist ja auch irgendwie vielleicht schön, eine popcorngeruchlose Kinoerfahrung.

Meine aufwühlendste Erfahrung in diesem Kino war mein erster Horrorfilm, den ich viel zu jung gesehen habe. Vielleicht interessant: Bis ich diesen Text schrieb, hatte ich geglaubt, es sei dies eine Verfilmung von Dracula gewesen. Jetzt sehe ich, dass Mitte der Achtziger aber keine neue Verfilmung entstanden war. Ich habe den Film auch komplett vergessen, da sind keine Bilder, also auch kein konkret an eine Szene oder Figur gebundenes Empfinden. Ich weiß bloß, dass mein Abgang aus dem Saal vor Filmende stattfand und voller Tränen war.

Ja, dieser Saal. Es war der einzige, wir hatten nur ihn, und da war nicht nur die Leinwand, sondern auch die Theater- und Konzertbühne. 1989 gewann ich auf deren Holzbrettern (dunkles Holz) mit meinem Freund, Feda Fazlic, einen Gesangswettbewerb. Wir sangen «Šanzelize» (Champs-Élysées), ein Lied der jugoslawischen Pop-Band Poslednja igra leptira (Das letzte Spiel des Schmetterlings). Auf der Facebook-Seite vom «Haus der Kultur» zeigt der letzte Eintrag im Oktober 2011 den Saal ebenfalls drapiert mit Kinderkonzerten.

Sessel mit rotem Samt. Ich weiß nicht, ob hier Blut vergossen wurde. Den Vorführer nannten alle Bobo. Er war ein runder Mann, freundlich, Kürbiskerne. Den letzten Film habe ich 1992 gesehen, im Winter vor dem Krieg. Wir waren Kinder. Wir haben einen Kinderfilm gesehen, bestimmt. Wenn ich gewusst hätte, im Sessel mit rotem Samt, dass es mein letzter sein würde an diesem Ort, in dieser Stadt, ich hätte mir gemerkt, welcher es war.

Es werden keine Filme mehr im «Haus der Kultur» gezeigt. Emir Kusturica, Regisseur und Nationalist, hat ein eigenes, modernes Kino in seinem disneylandischen Kunststädtchen bauen lassen. Da gehe ich aus Prinzip nicht hin.