Provinzkinos unserer Jugendzeit

Provinzkinos unserer Jugendzeit Capitol (Preetz)

Von Berit Glanz

Ich komme aus einer Kleinstadt, die neben einer größeren Stadt liegt und in meiner Kindheit einiges bot, womit sich junge Familien das Wochenende vertreiben: Seen, ein Schwimmbad, Wälder, Felder, Minigolf, eine Eisdiele und ein eigenes kleines Kino. Im Capitol in Preetz, das ich als Kind seit den späten 80ern regelmäßig besucht habe, bin ich erstmalig Filmen in Leinwandgröße begegnet, von der viereckigen Enge unseres kleinen Röhrenfernsehers befreit. Die Sitzreihen voll mit Familien, die das nachmittägliche Kinderprogramm für einen Ausflug nutzten und die mit uns gemeinsam eine freudig aufgeregte Atmosphäre produzierten, die das ganze Kino erfüllte. Gezeigt wurden zahlreiche Kinderfilme, viel Disney, vom Dschungelbuch über Arielle bis zu Aristocats; außerdem Familienklassiker der späten 80er und frühen 90er Jahre wie Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft oder Sister Act. Jean-Jacques Annauds Abenteuerfilm Der Bär erinnere ich – wie zahlreiche andere Filme auch – in wesentlichen Teilen nur als Tonspur, weil ich schon früh im Film meinen Platz zu Füßen meiner Eltern eingenommen hatte, das Gesicht in das Polster der Vorderbank gedrückt. Der Fußraum im Capitol war großzügig, denn das Kino hatte als Verzehrkino zu jedem Platz gehörige Tischchen mit kleinen Lampen und einer Klingel, mit der man die Servierkraft zu sich rufen konnte. Mit einer Taschenlampe und Notizblock wurde die Bestellung aus der Speisekarte aufgeschrieben und kurze Zeit später kamen die gewünschten Getränke in langen Gläsern mit Strohhalm, dazu Käsebrote, Chips oder Gummibärchen. Popcorn, Nachos und Einwegbecher gab es in diesem Kino noch nicht, ein großes Cineplex mit all diesen Dingen eröffnete in der großen Nachbarstadt erst einige Jahre später. Ich bestellte mir jedes Mal eine kleine Tüte Weingummis und eine Zitronenlimonade, die ich meist schon ausgetrunken hatte, bevor der Film begann. Der Sound war nicht sehr eindrucksvoll, aber in Kombination mit der Dunkelheit und der riesigen Leinwand, die mir Jahre später sehr viel kleiner erschien, war die Überwältigung komplett. Vielleicht war es irgendwann auch ein geliebtes Ritual, dass ich früher oder später vom Sitz herabrutschte. Wenn die Meerhexe Ursula in Arielle erschien oder die Schlange Ka im Dschungelbuch, bewegte ich mich direkt hinter die Schutzmauer der Sitzbank, zwischen den Beinen meiner Eltern und schaute nur noch sporadisch aus halbzugekniffenen Augen auf das Filmgeschehen. Manchmal flüsterten meine Eltern beruhigende Floskeln, sagten, dass Kinderfilme immer gut ausgingen, dass die Schlange nun fort sei oder das Filmblut nur aus Ketchup oder Erdbeermarmelade bestehe, doch das half nicht. Ich öffnete die Augen trotzdem nur langsam, kletterte zögerlich wieder auf die Sitzbank hinauf. Der Eintritt in die Filmwelt war so komplett, dass es mir nicht half, auf filmische Kniffs und erzählerische Tricks hingewiesen zu werden. Was schert ein Kind das Konzept des Happy Ends, wenn ein heimatloser Kater ohne Freunde im Rinnstein sitzt. Erst wenn das Licht in den Glühbirnen an den Kinoseitenwänden langsam aufblendete, der Vorhang sich wieder schloss, endete für mich das Eintauchen in die Fiktion auf der Leinwand. Retrospektiv vermisse ich manchmal diese Momente im Preetzer Capitol, als eine Distanz zur erzählten Welt im Film noch kaum vorhanden war, mich nur die Hosenbeine meiner Eltern in der Realität verankerten.