Provinzkinos unserer Jugendzeit

Provinzkinos unserer Jugendzeit Monopol (Solingen)

Von Christian Petzold

In seinem Städteporträt Bécon-les-Bruyères beschreibt Emmanuel Bove einen Pariser Vorort, der eigentlich gar kein Ort ist. Eine Bahnstation, eine Ansammlung von Häusern und Straßen. Man machte sich lustig über diesen Nicht-Ort, eine Art französisches Hintertupfingen. Ein Ort ohne Zentrum, ohne Mitte. Irgendwann sind fahrende Leute gekommen, ein Zirkus. Der schaute sich diesen Nicht-Ort an und entschied sich für einen Platz, um dort das Zelt aufzuschlagen. Von diesem Moment an hatten die Einwohner von Bécon-les-Bruyères ihr Zentrum. Ihre Mitte.

Solingen ist eine Ansammlung von Dörfern mit wunderbaren Namen. Aufderhöhe. Kannenhof. Caspersbroich. Hier kamen kein Zirkus und keine fahrenden Leute, um zu bestimmen, wo hier das Zentrum, die Mitte ist. Hier bestimmte eine wahnsinnig gewordene Stadtplanung eine Mitte. Es wurde ein Theater gebaut, ohne festes Ensemble, in dem Gruselkomiker wie Fips Asmussen auftraten. Ein Rathaus. Schnellstraßen. Eine Fußgängerzone. Und irgendwann dann auch eine Einkaufspassage, die Turmpassage. Eine Art Unterführung mit Geschäften.

Um ins Kino zu gehen fuhren wir nie nach Solingen, immer nach Düsseldorf, Köln oder Wuppertal. Die Kinos dort hatten große Portale, fantastische Schaukästen und richtige Kinonamen: Savoy, Luxor, Filmpalast.

Ende der 70er Jahre war meine Mutter noch im Bertelsmann Lesering, und zum Hauptvorschlagsband gab es auch eine verbilligte Kinokarte für ein Kino in der Umgebung. Dort las ich zum ersten Male vom Kino Monopol in der Turmpassage Solingen. Was merkwürdig war, da wir durch die Passage schon oft gegangen waren, ohne je ein Kino bemerkt zu haben. Wir fuhren mit der stark verbilligten Karte (2 Mark auf allen Plätzen) dorthin, suchten das Kino, mussten vorbei an den traurigen Geschäften, deren Pächter im Monatsrhythmus wechselten. Dann das Kino. Ein Foyer wie Deichmann, ein paar Plakate. Die Idee war wohl den Bali Kinos, also den Bahnhof-Lichtspielen, geschuldet. Man dachte sich, den vom Einkauf Erschöpften oder den Ungeduldigen, die auf den Bus, der sie irgendwann zurück in ihre Dörfer bringt, mit dem Kino einen Ort zu geben.

Das Kino war traurig und leer.

Im Foyer lag eine Broschüre, ein Programmheft: Filmstudio der Stadt Solingen. Einmal in der Woche wurde hier im Monopol Programm gemacht. Die Kuratoren hießen Neithart Kunath und Axel Wupper. Sie machten Reihen zu Hawks, Melville, Murnau. Enthusiasten, die sich nicht von den paar Besuchern, die sie da wöchentlich hatten, in ihrer Begeisterung stören ließen. Wir Schüler waren neu und jung, und das gab ihnen sichtbar Hoffnung, denn die Stammgäste waren schon älter und schienen wirklich erschöpft. Wir lasen viel, kannten Filmtitel fast ausschließlich aus Büchern – manchmal machten wir ihnen eine Freude, indem wir einen Filmwunsch äußerten, von dem wir wussten, dass er die beiden zum Strahlen bringen würde: Tabu, Stromboli, Partie de campagne.

Wir lernten hier das Sehen, das Kino. Später in der Cinemathek in Köln oder in der Blackbox in Düsseldorf.

Der erste Film, den ich aber hier sah, in der Turmpassage in Solingen, war Blow Up. David Hemmings geht eine Straße entlang, die typischen englischen Reihenhäuser. Da ist eine Lücke, ein schmiedeeiserner Zaun, ein unscheinbares Tor. Er geht hindurch, ein weiter Park öffnet sich und das Kino beginnt.
Dieses unscheinbare Tor und dieses zu übersehene Kino in der Passage. Beides gehörte zusammen.

Vielleicht mag ich daher die Filme, die nicht mit einem Portal beginnen. Filme, die einen Spalt, eine Tür, offenstehen lassen, durch die man hineinschlüpfen kann.