Editorial

Gibt es eine Krise des Kinos?

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«Gibt es eine Krise des Kinos?», werden wir manchmal gefragt. Unsere Antwort darauf ist eine doppelte – es gibt keine Krise der ästhetischen Produktivität des Kinos, ganz im Gegenteil, aber es gibt eine Krise der Öffentlichkeit des Kinos. Wichtige Filme und Werke finden häufig nur noch ein versprengtes Publikum, interessante Karrieren verlieren sich im Ungewissen, und Ästhetik und Politik, die auf dem Feld der Kunst ganz selbstverständlich aufeinander bezogen werden, fallen im Kino-Diskurs meistens auseinander.

Wir haben CARGO auch deswegen ausdrücklich als Printprojekt und nicht nur als Webseite ins Leben gerufen, weil wir mit jedem Heft eine spezifische Konzentration und Öffentlichkeit schaffen wollen, die ausgewählte Objekte und Zusammenhänge aus der offenen Kontinuität des Netzes heraushebt. Gerade weil Filme (Filmreste, Filmpartikel) heute zerstreut und zugleich omnipräsent sind (dazu mehr von Ute Holl: Vom Kino-Eye zur You-Tube, S. 72), gilt es, auf den ersten Blick Unverbundenes in geteilte Kontexte zu stellen. Dann taucht die «aufsammelnde» Politik von Agnès Varda in einem weit aufgefächerten Dossier zu China wieder auf, für das sie uns exklusiv fotografische Arbeiten aus den 50er Jahren zur Verfügung gestellt hat (S. 46). Ein Regisseur wie David Gordon Green, mit dem wir ein großes Gespräch geführt haben, interessiert uns wegen seiner einzigartigen Bewegung durch das amerikanische Kino – zwischen Terrence Malick und Judd Apatow (S. 24). Dass die Schriftstellerin Elfriede Jelinek in Lars von Triers Antichrist eine Herausforderung erkennen könnte, war eine Hoffnung und Intuition, die mit einem großartigen originären Text belohnt wurde.

Sie werden einige kleine Neuerungen in diesem Heft finden: eine Kolumne zu Sound, geschrieben von Dirk Schaefer (S. 79), außerdem eine Rubrik, die wir «Episode» genannt haben (S. 8). Stefanie Diekmann vertritt in dieser Ausgabe Christian Petzold als Autorin der Comic-Kolumne. Kino ist heute überall, oft aber auch: zuwenig öffentlich, zu sehr aufgegangen im medialen Gesamtverhältnis, zu unsichtbar. Deshalb gibt es CARGO: Wir helfen beim Finden.

Ekkehard Knörer

Bert Rebhandl

Simon Rothöhler

 

Brutality Factory - Wang Bing

Unser 18-seitiges China-Dossier eröffnen wir mit einem Werkporträt von Wang Bing, einem der radikalsten Dokumentarfilmemacher der Gegenwart. Seinen 14-minütigen Beitrag für den Episodenfilm The State of the World (2007) können Sie sich hier ansehen:   ein skizzenhaftes Dokudrama, das den historischen Terror der Kulturrevolution in die Gegenwart halluziniert