Editorial

Fehlmarker

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

man soll bekanntlich nicht direkt in die Sonne schauen, das verdirbt die Augen. Selbst in fotografischen Bildern hinterlässt eine so starke Lichtquelle ihre Spuren: in Form sogenannter «Lens Flares». Dahinter verbirgt sich ein optischer Effekt, der allerdings längst zu einem Zeichen sui generis geworden ist – unter anderem für eine Materialität, die im digitalen Zeitalter vielfach durch (Post)Produktionseffekte suggeriert werden muss. Florian Krautkrämer geht in seinem Essay der überraschend langen Filmgeschichte der Lens Flares nach und entdeckt im Ausgang von einem häufig kaum beachteten Phänomen eine faszinierende Geschichte intentionaler Bildstörung.

Wie weit die Konventionalisierungsgeschichte ästhetischer «Fehlmarker» Unterrichtsstoff an Filmhochschulen ist, wissen wir nicht – aber Jonathan Rosenbaum legt in seinem Bericht über die Lehrerfahrung an Béla Tarrs film.factory in Sarajewo zumindest sein inklusives Verständnis von Independentfilm offen. Einem Großwerk der Geschichte filmischer Unabhängigkeitserklärungen ist ein weiterer ausführlicher Text dieser Ausgabe gewidmet: Anlässlich einer lange erwarteten DVD-Publikation hat sich Armin Schäfer noch einmal mit Jacques Rivettes Out 1 beschäftigt und Jean-Pierre Léaud darf auf unserem Cover verdientermaßen durchatmen.

Das Gespräch für diese Ausgabe haben wir mit dem Regisseur João Viana geführt. In seinem in Guinea-Bissau gedrehten Film A Batalha de Tabatô ist es ebenfalls ein optischer Effekt, der ein kritisches Moment als «Störung» in die Schwarzweißästhetik einbrechen lässt.

Obwohl wir bewusst keine «Themenhefte» machen: Weitere Texte dieser Ausgabe sind in der Leseerfahrung idealerweise durch ein Verweissystem miteinander verbunden: von Viana führt ein Weg zu dem Künstler Duncan Campbell, der sich in seiner aktuellen Arbeit mit afrikanischen Statuen beschäftigt; die Kategorie «race» steht im Zentrum einer Buch- (The Cinema and Its Shadows) und zweier Filmbesprechungen (The Butler, The Central Park Five); eine Verbindung kann gesehen werden zwischen Rivette und zwei französischen Auteurs wie Alain Guiraudie und Arnaud des Pallières, deren komplexe Gesamtwerke trotz ihrer aktuellen Festivalkonjunktur noch zu entdecken sind; drei Texte versuchen sich einen Reim auf das deutsche Gegenwartskino zu machen (Punktsieger: Helge Schneider); auf Hollywoods hegemoniale Franchiselogik antwortet Paul Schrader mit einem Gegenfilm und Orson Welles kommentiert die verbreitete Untergangsstimmung aus dem historischen Off eines Mittagstischs im einst angesagten Ma Maison, an dem er das Tonband von Henry Jaglom vollsprach, ohne sein Mahl zu unterbrechen oder Elizabeth Taylor zu empfangen.

Wir wünschen eine interessante Lektüre

Ekkehard Knörer & Bert Rebhandl & Simon Rothöhler