Editorial

Only a bit different

Liebe Leserin, lieber Leser,

Unter den Vorzeichen einer feinvernetzten Sozialmediensphäre gilt es manchen als Anachronismus, irgendwo hinzufahren, um jemanden oder etwas «vor Ort» zutreffen. Zum Beispiel einen Film, der in fast allen Fällen heutzutage auch per mehr oder weniger legalen Download auf den heimischen respektive portablen Screen einbestellt werden kann: Are you my 3 o’clock?

Der niederländische Internettheoretiker Geert Lovink denkt in diesem Heft über Bewegtbildphänomene im Zeitalter virtueller Sozialnetzwerke nach, während MatthiasDell tatsächlich bis nach San Francisco gereist ist, um durch die Stadt gehend nach Rückkoppelungseffekten zwischen Film und Wirklichkeit zu suchen, die sich eben nur einstellen, wenn man on location unterwegs ist undSteve – Bullitt – McQueen zum mentalen Bildgepäck gehört.

Unter anderem nach Glasgow oder Venedig musste reisen, wer Christian Marclays grandiose Filminstallation The Clock sehen wollte: welcher Chronos waltet in der Filmgeschichte und wie verhalten sich hier Zeitablauf und Erzählzeit zueinander? Im Raum des Films lesen wir Geschichte(n) – das gilt auch in diesem Heft, das mit Uwe Schrader, Haile Gerima, Bahram Beizai drei bislang (und teilweise immer noch) schwer erreichbare Werke im CARGO-Atlas verortet: die alte BRD im Spiegel ihrer Trinkhallen, Vergangenheit und Gegenwartder postkolonialen Kondition Afrikas, iranisches Körperballettkino. Daneben ist auch noch Raum für Monte Hellman, Lars von Trier, eine Medientheorie der Rechtsprechung, ein Handbuch zur politischen Ikonographie, sowie averse Reflexionen auf etwas, das nicht reflektiert (Mattlack).

Hinter all dem lauert aber ein ganz anderer Abgrund, ausgesprochen in einem Wortwechsel in Leo McCareys Screwballkomödie The Awful Truth, den Gertrud Koch in ihrer Besprechung von Kiarostamis Certified Copy zitiert: «… you’re wrong about things being different because they’re not the same … So, as long as I’m different, don’t you think things could be the same again? Only a bit different?»

Ekkehard Knörer     Bert Rebhandl     Simon Rothöhler