Filmkritik

31. Juli 2019

Der innere Raum Die Zeitschrift Filmkritik vor 50 Jahren (10): Heft 7 1969

Von Bert Rebhandl

Allmählich komme ich dem Geist der Zeit, mit dem es die Autoren der Filmkritik (plus, und am wenigsten, Frieda Grafe als Autorin) zu tun hatten, ein wenig auf die Spur. Ein politisierter Rationalitätsdruck ist immer noch gegenwärtig, dazu der Druck aus Frankreich, wo es Generalstände gibt, und wo 1968 Cannes abgebrochen wurde. Dazu aber geistern Figuren wie Uwe Nettelbeck (in der Parallelzeitschrift film) oder Wim Wenders (zwischen den selbstreflexiven Debatten der Filmkritik selbst) herum, und brechen Manches auf.

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Jörg Peter Feurich gibt in einem Programmtext Filmkritik und Klassenkampf? (das Fragezeichen ist komisch, man würde es eher bei einem «oder» erwarten) eine Definition: «in den Bewußtseinsinvestitionen der Konsumenten die rebellischen Momente» freilegen, das könnte Filmkritik sein.

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Wenders macht konkret etwas Vergleichbares, denkt aber alles Mögliche mit (Mediengeschichte, Bewusstseinsmedien): «Die Filme von Apollo 10 vom Mond waren fantastisch schön. Die Filme von Apollo 11 werden noch schöner sein. Vielleicht wird man sich die Filme von Apollo 12 in Super acht oder auf Magnetbändern kaufen können. Vorerst gibt es nur die Soft Machine und die Led Zeppelin und die Blue Cheer New! Improved. Und Joints. Und Trips.»

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Die Redaktionsgruppe diskutiert darüber, warum man wieder aus Cannes berichtet hat – mit schlechtem Gewissen: «Und das ganz besonders Deprimierende in diesem Jahr war die Kollaboration fast aller Leute, die im vergangenen Jahr so glücklich waren über die Contestation – uns eingeschlossen: wir selbst haben mitgemacht, indem wir wieder hingefahren sind und uns anschickten, darüber zu berichten.» Kollaboration, «Hurenfunktion als Schreiber für Zeitungen» (Frieda Grafe), die Rhetorik der Selbstkritik ist hart.

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Volker Schlöndorff hat Michael Kohlhaas mit amerikanischem Investititonsgeld in Europa gedreht (von Columbia), und wird dafür von dem Soziologen Dieter Prokop zu einem Beispiel gemacht. Es ist der am wenigsten gebrochene Text im Heft, denn er ist nackte Soziologie, er rechnet die Bewusstseinsinvestitionen der Zuschauer strikt von den Kapitalinvestitionen der Konzerne herunter: «Indem die Ästhetik sich an der Oberfläche, am wilden Geraufe schadlos hält, lässt sie zugleich die Kriterien aus, die eine rationale Diskussion des historischen Standorts des Michael Kohlhaas erst ermöglichen würden. Nichts kennzeichnet die Standpunktlosigkeit der Ästhetik mehr als das ziellose Hin und Herschwenken der Kamera in den dramatischen Höhepunkten. Gierig eilt die Kamera, insofern das Kinoauge Dziga Wertows ad absurdum führend, überall hin, wo es zu sehen gibt, was Warencharakter hat, eilfertig erfasst sie, was – im Rahmen der internationalen Herrschaftsbeziehungen – internationalen Tauschwert besitzt beziehungsweise besitzen darf: Familienbindung, blutig Sterbende, Sadomasochismen in Schlacht und Liebe, Folter, Kinderglück, Staatsmänner – und das gegenüber politischen Inhalten, gegenüber rechts und links indifferente Motiv malträtierter Pferde.»

Heute sind die Konstellationen wieder vergleichbar: Netflix geht mit viel Geld in den deutschen Markt (auf dem auch reichlich Fördergeld vorhanden ist), aber würde man Dogs of Berlin auch so einfach auf internationale Tauschwerte abtasten können? Konkreten internationalen Tauschwert haben in Berlin Häuser und die Grundstücke, auf denen sie stehen. Das Image der abenteuerlichen Stadt wird nicht in Fernsehserien überleben.

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Klaus Bädekerl schreibt anlässlich von Haben und Nichthaben von Hawks, «dass Film, wie jede andere Kunstform auch, nichts mit Realität zu tun hat und nicht an ihr gemessen werden kann, sondern nur mit Bewusstsein, das richtig oder falsch ist». Wenn Bädekerl kategorisch nur richtiges oder falsches Bewusstsein zulässt und keine Übergänge, dann hallt da wahrscheinlich noch die aphoristische Adorno-Strenge nach, aber vielleicht auch ein Bedürfnis, durch Gedankenarbeit in das richtige Bewusstsein wie auf eine sichere Seite zu gelangen. Wenn Schober bei Rossellini weint, dann ist eine Distanzierung misslungen. Dass es auch eine Distanzierung von sich selbst ist, ist allerdings durchwegs zumindest als Ahnung da.

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Der Intellektuelle der Stunde im Juliheft 1969 ist Ronald D. Laing.

Er taucht zweimal auf. Einmal bei Bädekerl, der über Haben und Nichthaben von Hawks schreibt. Laing: «Ein Mensch kann sich selbst von sich selbst entfremden, wenn er sich und andere mystifiziert. Er kann sich auch sein Tun stehlen lassen von anderen.» Dagegen sieht Bädekerl die Figur von Harry Morgen (Bogart): «unzerstört von gesellschaftlichen Einflüssen» hat er eine «Fähigkeit unbeschädigt handeln zu können». Richtiges Bewusstsein: «minding my own business»?

Bei Wim Wenders, der One Plus One von Godard bespricht, taucht Laing mit einer Passage über die «Versenkung in einen inneren Raum» auf; den «inneren Raum und die innere Zeit des Bewusstseins» zu erforschen, das ist eigentlich dringlich. Gibt es in diesem inneren Raum ein falsches Bewusstsein?

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«Anders als beim Franziskus Pasolinis (Totò) ist die Bewegungssprache der rossellinischen Mönche nicht die abstrakte des Tanzes als einer kryptischen, in der Utopie beheimateten Pantomime, sondern die ungeschützte des praktischen Handelns; auf sie fällt unmittelbar zurück, was der naiven Aktion in den Bedingungen der Welt an Widersprüchen widerfährt», schreibt Jörg Peter Feurich.

Der Text von Siegfried Schober über Rossellini rumort durch das ganze Jahr der Filmkritik. Nun lassen sie eine Autorität indirekt antworten: Rivettes großer Brief über Rossellini aus dem Jahr 1955 geht auf den Schlüsselfilm ein, auf Viaggio in Italia, bei dem sich damals endgültig die Lager trennten (beziehungsweise es blieb nur ein kleines Lager über, das Rossellini weiterhin unterstützte). Rivettes Begründungen sind allerdings eher sophistisch: «Rossellini ist der modernste von uns allen; noch ist der Katholizismus das Modernste.»