Filmkritik

30. April 2019

Absondernde Beschauung Die Zeitschrift «Filmkritik» vor 50 Jahren (7): 04 1969

Von Bert Rebhandl

Heiner Braun aus Heidelberg hat sich im Alter von 43 Jahren in München das Leben genommen. Enno Patalas schreibt über ihn: "Er gehörte nach dem Krieg zu denen, die die Filmclubs zeitweilig zu Stätten aktiver Auseinandersetzung mit dem Film machten." Die Würdigung ist insgesamt kurz und lässt viel Raum für spekulative Konjekturen: Braun war 19, als der Krieg zu Ende ging. Patalas nennt weiters: "Er war Bankierssohn, geboren in Bochum, aufgewachsen in Dresden." Allein schon diese paar Angaben setzen den abschließenden Satz in ein bestimmtes Licht: „Seine Haut war zu dünn, um der herrschenden Gewalt zu widerstehen.“ Der Singular ist hier vielleicht eine Engführung - oder eine Plattitüde.

Die Filmkritik verfolgt weiterhin aufmerksam die Lagerbildung im unabhängigen Film: Die Kontroverse zwischen Malformalisten und Ideenfilmern geht weiter. Die „kreativen Avantgardisten“ (Zeitschrift: supervisuell) finden Kelek von Nekes „große Scheiße“ („unausstehlicher Dokumentarismus“, „schleimscheißrige Erotik“).

Klaus Bädekerl in einem Text über deutsche Filme unter dem Titel Alles kennen - nichts erkennen (es geht noch einmal um Eine Ehe von Strobel und Tichawsky) bemerkt einen schwindenden Theorievorsprung in der Filmkritik: "Inzwischen argumentieren auch Kleingartenvereine mit soziologischem Vokabular"

Siegfried Schober (man könnte salopp sagen: der Mann, der sich von Rossellini zu Tränen bewegen ließ) im Gespräch mit Rudolf Thome und Max Zihlmann über Detektive:

"RT Sie fragen, wie ich das ideale Publikum definieren würde. Das ideale Publikum, das sind alle Leute. Woran dachten Sie denn?

SSch Ich weiß selber nicht recht. Ich dachte vielleicht an Leute, die eine Platte der Stones hören, dann einen Kaffee trinken oder ein Bier, mit einem Mädchen etwas Hübsches machen, dann müssen sie halt mal raus aus ihren vier Wänden, irgendwann, und dann geht man eben in Rio Bravo oder jetzt in die Detektive. Nachher passiert dann wieder dasselbe, Rolling Stones und so, und wenn der Film schön war, ist das Leben nachher vielleicht ein bißchen anders. Natürlich kann man auch bei solchen Leuten herbe Enttäuschungen erleben, aber die haben dann halt schon die Stones nicht richtig gehört, finde ich.

(...)

SSch Sie akzeptieren, daß die Mädchen einfach mächtiger sind, im Film zumindest. Würden Sie sagen, daß das auch in der Realität so ist, hat das einen Bezug zur Realität, diese, sagen wir ruhig, physische und psychologische Überlegenheit der Frauen?

RT Die Frauen bestimmen alles, was man tut."

Im Heft 12 1968 hat die Filmkritik ein Repertoire der wichtigsten Regisseure mit allen in Deutschland kommerziell verliehenen Filmen veröffentlicht, das nun ergänzt wird (ich greife einige Titel heraus, weiterhin beschränkt sich die Auswahl fast vollständig auf die "erste" Welt):

de Broca, Philippe: Abenteuer in Rio

Logan, Joshua: Picknick

Ulmer, Edgar G.: Planet der toten Seelen (War of the Satellites)

Nachzutragen: Welles, Orson: Citizen Kane

Enno Patalas über Skammen (Schande) von Ingmar Bergman:

"Nicht den ,Krieg an sich' zeigt Bergman, sondern sein Kinobild eines ,begrenzten Konflikts' mit bürgerkriegsähnlichen Zügen. (...) Entscheidend ist: der aktive Blick auf das Andere, der nicht das Bekannte nur projiziert auf das Unbekannte. Nur so funktioniert auch der Umgang mit diesem Film."

Harald Greve über The Nude Restaurant von Andy Warhol:

„Nudistenschwatz für fortgeschrittene Kunstmasochisten“ – das ist so übel nicht, liest man es im Sinne Novalis‘: „Selbstentäußerung ist die Quelle aller Erniedrigung, so wie im Gegenteil der Grund aller echten Erhebung. Der erste Schritt wird Blick nach innen, absondernde Beschauung unseres Selbst. Wer hier stehen bleibt, gerät nur halb. Der zweite Blick muß wirksamer Blick nach Außen, selbsttätige, gehaltene Beobachtung der Außenwelt sein.“

Robert Warshow wird mit vier Texten vorgestellt

"Ich bin während des größten Teils meines Lebens regelmäßig – und zeitweise aus einem beinahe unwiderstehlichen Drang – ins Kino gegangen. Der Versuch, zu schätzen, wieviele Filme ich gesehen habe und wieviele Stunden diese Filme verschlungen haben, würde mich verlegen machen. Gleichzeitig habe ich den Produkten der ,höheren' Kunstgattungen genug Interesse entgegengebracht, um sehr genau zu wissen, daß der Impuls, aus dem ich in einen Film mit Humphrey Bogart gehe, wenig gemein hat mit dem Impuls, aus dem ich die Romane von Henry James oder die Lyrik von T.S. Eliot lese. Zwar bezweifle ich nicht, daß zwischen den beiden Impulsen ein Zusammenhang besteht, aber dieser Zusammenhang wird nicht adäquat in der Feststellung zum Ausdruck gebracht, daß beide, der Bogart-Film und das Eliot-Gedicht, Formen der Kunst sind. Die Definition dieses Zusammenhangs scheint mir eine der Aufgaben der Filmkritik zu sein, und sie muß zuallererst eine persönliche Definition sein."

PS In einem Leserbrief von Peter Nau taucht zum ersten Mal der Name Robert Kramer auf.