Theater

3. Februar 2020

Unverraten Svenja Liesau als Hamlet

Von Ekkehard Knörer

© Ute Langkafel MAIFOTO

Wo fängt man an mit einem dermaßen reichen Abend. Vielleicht mit der Wand, schon wieder eine Leinwand, als vierte Wand bühnenabschließend mit ein wenig Proszenium vor den Zuschauerreihen. Wie in Ultraworld, aber das hier ist eine ganz andere Welt. Auf die Leinwand wird erst der Titel projiziert, und dann sind wir im Film. Der Film wird hinter der Wand als Theater gespielt und auf die Leinwand live übertragen. Das Bühnenbild von Julia Oschatz ist als Set in diverse Räume/Kabinen verteilt, die keinen inneren Bühnenraumzusammenhang, sondern nur im Angesicht des Schnitts von einer Szene zur andern, von einem Kamerabild zum nächsten ihren Sinn haben. Die Kulissen, Aufzug und Couch und Flur, selbst die Bilder und Tassen und der Computerbildschirm (alles aus Pappe) fluchten zum Schein zentralperspektivisch. Dabei ist alles verzerrt, erinnert filmisch an Caligari und theatral an Müller und Vinge. 

In diesen Räumen wird Hamlet gespielt. Aber wie. Mit Microports, schon mal wichtig. Die Kostüme sind uneinheitlich, nicht-naturalistisch. Die meisten haben eher so was wie Teppich mit Troddeln auf dem Kopf. Lächerlich, aber weniger, als man beim ersten Anblick vielleicht denkt. Sie spielen den Hamlet in der (allerdings dann auch immer wieder sehr frei behandelten) Gosch/Schanelec-Übersetzung recht straight, wenn auch mit Unterbrechungen. Als da wären: eine Struktur, die zum Hamlet-Spiel quer liegt wie eine Gräte im Hals, aber irgendwie lässt es sich doch bestens schlucken. Horatio ist Filmregisseur von der NYU. Er sagt plötzlich Cut. Er ist nicht der einzige, der Cut sagt. Es wird ein Abend mit Cuts. Kurz vor der Pause - das Ganze geht drei extrem kurze Stunden - gerät Horatio/der Regisseur, die Szene spielt nachts, draußen vor einem Zeitungskiosk, schwer in die Identitätskrise, seine Rolle betreffend. Hamlet hat gerade in Plastiktüten den zersägten Polonius in mehreren Teilen in der Grünfläche vor dem Gorki begraben und quatscht ihn da raus.

Livemusik. Es gibt Livemusik, von Jens Dohle, Klavier, Schlagzeug, Trara. Es gibt Genrewechsel, die sagt Hamlet an. Hamlet ist Svenja Liesau. Und Svenja Liesau ist der Hit. Komisch wie ernst. Vielleicht am Großartigsten sogar als Umschalterin. Im komischen Genre wie im tragischen (zwischen tragedy, comedy, history, pastoral, pastoral-comical, historical-pastoral, tragical-historical, tragical-comical-historical-pastoral wendig, naja, pastoral kommt eher weniger vor), sie spricht die Monologe als Könnerin, schaltet alle Ironie, die der Inszenierung nicht fremd ist, szenenlang weg. Was aber etwa auch Kenda Hmeidan als Ophelia tut, wenn sich im arabischen Gesang um sich trauert, bevor ihr bunt die Todesfäden aus dem Mund quellen wie sie später Gertrude aus dem Mund quellen werden; der Nichtnaturalismus ist durchweg auch komisch, aber durchweg nicht nur.

Parekbase: Für Svenja Liesau kein Ding. Ohnehin fällt die Inszenierung, und Cut, ja vom Theater ins Kino und wieder zurück. Für zwei Monologe tritt aber Liesau aus ihrer Rolle, in eine andere Rolle, zur Freude der Groundlings, eine Rolle, von der Shakespeare freilich nicht träumte. Sie adressiert uns im Ton der Improvisation als Gorki-Publikum, macht sich lustig über putative mangelnde Klasserfestigkeit, quasselt berlinernd daher, münzt einen Dreigroschensong auf Hamlet um ("münzt"), rockt in diesem Meta-Comedy-Solo die Bühne, verspricht Popcorn (leider gelogen), spielt mit dem Bühnenbild rum, kommt aus dem Staunen nicht raus, dass sie als Nebenrollendarstellerin von nicht gerade imposanter Größe nun als Hamlet besetzt ist, man staunt mit, staunt aber natürlich noch sehr viel mehr, wie grandios sie ist, staunt immer weiter und mehr, wenn es gegen Ende hin wirklich ernst wird, der Totengräber-Musical-Choreografie-Einlage zum Trotz, oder ohne Trotz, denn die Genrewechsel kommen sich nie das eine das andere herabsetzend in die Quere, sondern das Komische steigert das Ernste noch und lässt Platz für eine aus heiterem Himmel kommende Reminiszenz Ruth Reineckes (es ist ihr Abschied, ihre letzte Premiere) an heroischere Zeiten im Gorki, ein von Langhoff inszenierter Sommernachtstraum, den sie ein paar Minuten lang reenacted, aus ihrer Rolle als Geist gefallen, die lächerlichsten Strickpuschen an den Füßen, sie behält dabei den geistkomstüm-karlmarxartigen Teppich mit Bart auf dem Kopf, aber das macht nichts. 

Das Kostüm verrät nicht die Figur, die Gegenwart nicht die Vergangenheit, der eine Darstellungsstil nicht den andern. Das heutige multiethnische Gorki ist dabei hyperpräsent, Sprachengemisch, komische Meta-Reflexion inklusive, aber es macht immer wieder auch Platz: für Satirisches, Trauriges, Ostiges, Marx. (Aber eigentlich ist für das meiste davon im Gorki-Theater ohnehin Platz.) Denn als Bild in der Wand: Rosa Luxemburg, Brecht. Und eben Marx. Es gibt, da kriecht Claudius durch einen Gang und wird philosophisch, einen Monolog der Sozialdemokratie ("Wer hat uns verraten"). Aus heiterem Himmel, aber dann doch nicht. So weit ist's gekommen: Den Sozialdemokraten bleibt nur noch Claudius, der ihre pragmatischen Ideale vertritt. So viel ist faul im Staate Germany. Genrewechsel: hinreißende Schwertkampfchoreografie. Und Cut. Nochmal Cut. Ganz zum Schluss des Films, des Stücks, all passion spent, ist der Rest wirklich Schweigen.