Theater

5. Februar 2020

Der Preis ist weiß Wer sich alles blamiert im Umgang mit Anta Helena Reckes Theaterarbeiten

Von Matthias Dell

© Gabriela Neeb (courtesy of Münchner Kammerspiele)

Als Ende Januar die Einladungen für das diesjährige Theatertreffen vorgestellt wurden, gehörte zu den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen von 2019 im deutschsprachigen Raum auch Die Kränkungen der Menschheit von Anta Helena Recke. Eine Arbeit, die in einem rasanten Reduktionismus drei ziemlich verschiedene Register des Darstellens zu einem Triptychon in motion verschweißt, um das standardisierte Gegenüber der fürs Theater typischen Guckkastensituation als Turbulenz ans Publikum zurückzureichen – wer hier wen aus welcher Perspektive anschaut, ist die eigentlich aufregende Frage dieses irre komprimierten Abends. 

Der die Zuschauerin auch deshalb herausfordert, weil er auf slicke Weise Verfahren und Motive aus der bildenden Kunst in den Theaterraum hineinperformt. Nimmt man Reckes erste große, ebenfalls zum Theatertreffen eingeladene Arbeit Mittelreich (2017) hinzu, die «Schwarzkopie» von Anna-Sophie Mahlers Münchner Inszenierung Mittelreich nach Josef Bierbichlers Roman (alles noch einmal genau so nur mit afrodeutscher statt weißer Besetzung), dann ließe sich die kluge Verknüpfung von theatraler und eben bildender Kunst als verbindendes Merkmal dieses noch schmalen Werk erkennen.

 

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Dass das etwas Neues für das deutschsprachige Theater ist (die Mittelreich-Appropriation dürfte vermutlich auch in einem größeren Kontext ohne Beispiel sein), haben die Jurys der jeweiligen Theatertreffen erkannt. Anderen Kritikern ging das, vorsichtig gesagt, nicht so, und natürlich könnte man sagen, dass das auch in der Natur der Sache liegt: Neu ist das Neue ja nun mal, weil es noch unbekannte Verlinkungen herstellt und dementsprechend andere Beschreibungen erfordert. Das macht es für die Wahrnehmung schwerer, als heute einen Christoph Marthaler-Abend für das zu loben, was sich an Bewunderung, Wissen und Autorität über die Arbeiten des Regisseurs seit Jahrzehnten durchgesetzt hat. 

Zu Beginn nicht gleich erkannt zu werden – es geschieht den Größten. So maulte der Kritiker der Süddeutschen Zeitung beim legendär-emotionalisierten Eröffnungsabend der Stromberg-Intendanz im Jahr 2000 angesichts von Jérôme Bels The Show must go on, einem Anti-Tanztheaterstück, das ungerührt vorführte, wie sich klassische Dramendramaturgie mit Popsongs erzählen lässt: «Klar: Erwartungshaltungen sollten konterkariert, Voyeursgelüste enttäuscht werden. Doch wo einem alle ständig klar machen, wie viel schöner doch Hochmut ist als das Anbiedern beim Publikum, wirkt diese Flucht nach vorn wie der Versuch, den Dilettantismus transzendieren zu lassen.»

Heute gilt The Show must go on als Klassiker der jüngeren Theatergeschichte, der gut gealtert immer noch aufgeführt wird und durch wechselnde Besetzungen leicht aktualisierbar ist. Bel gehört zu den großen Namen im globalen Festivalbetrieb, was sich vielleicht am besten daran zeigt, dass selbst seine misslungenen Arbeiten von der Kritik auf Basis der alten Erfolge durchgelobt werden.

Bei Anta Helena Recke liegt der Fall anders, insofern die afrodeutsche Regisseurin aus Sicht einer weißen deutschen Theaterkritik rassifizierbar ist. Es passte durchaus zu Reckes Werk, wenn sie einer ihrer nächsten Arbeiten einen weißen Deutschen als Regie-Credit aufsetzen würde – in Umkehrung der Arbeitsteilung, mit der bildende Künstler wie Martin Kippenberger (Lieber Maler, male mir) oder Christian Jankowski (Neue Malerei) vergnügt Fragen von Originalität und Autorinnenschaft aufgeworfen haben. Dieser vermeintliche Bühnen-Debütant müsste ein junger Pfiffikus mit interessantem Schnuppi und stylisher Brille sein, und seine Aufgabe bestünde darin, im Vorfeld der Premiere auf die Kacke zu hauen. Sich also als «junger Himmelsstürmer» (Dirk Thiele) ins Gespräch bringen durch präpotente Äußerungen zum Theater («Heiner Müller hat mal gesagt: Ich bin nicht Walter Jens. Ich sage Ihnen: Ich bin nicht René Pollesch»), zu aktuellen Diskursen, die er natürlich souverän im Bauchladen führte («Die -isms sind mein Rhythm»), und zu was ganz anderem («Nichts gegen Florentina Holzinger, ich folge ihr auf Insta, aber die besten Choreografien sehe ich derzeit in der Allianz-Arena, wenn Thiago den Ball auf Lewandowski chipped – Torjubel inklusive»).

Jede Wette: die professionelle Rezeption von Reckes Inszenierungen würde anders ausfallen. Denn es fiele der Aspekt weg, der etwa in den Besprechungen, die in der Süddeutschen Zeitung zu Mittelreich und Die Kränkungen der Menschheit erschienen sind, den Blick aufs Bühnenhandeln dominiert (dass die Regisseurin anders aussieht als ihre weißen Kritiker).

«Oder durfte man gar eine belebende Blutzufuhr erwarten, da doch sämtliche Darsteller, wie die Regisseurin selbst, dunkelhäutig sind? (Aber dies nun wäre politisch unkorrekt, da von, wenn auch positive [sic!], Vorurteilen gesteuert)», schrieb etwa Eva-Elisabeth Fischer 2017, der im wirren Selbstgespräch mit ihren eigenen Rassismen gleich mal die Grammatik kollabierte.

Und deren Kenntnisstand in Sachen afrodeutscher Geschichte («... ein Zitat, dass [sic!] einen fast 60 Jahre nach der stolzen Propagierung schwarzen Selbstbewusstseins mit dem Slogan ‹Black ist beautiful› doch ziemlich irritiert») an Ignoranz allenfalls von ihrem Kollegen Egbert Tholl übertroffen wird. Der drohte zwei Jahre später in seiner Besprechung zu Kränkungen offenherzig, dass es ihm «völlig egal ist, welche Hautfarbe jemand auf der Bühne hat», konnte trotz dieser Selbstauskunft aber über nichts anderes schreiben als: genau darüber. Um am Ende, und das ist fast der bessere Witz auf die unreflektierte Scheuklappigkeit in der SZ-Theaterredaktion, enttäuscht zu sein von einem Stück, dessen ästhetische Strategien er in keinem Moment verstanden hatte («Doch wo ist eine Kränkung, eine Wut?»). Freilich ohne dabei zu merken, dass er die Antwort auf die Frage selbst gegeben hat: in seinem Text, der ein beispielhaftes Dokument von Wut und Kränkung ist.

Es ist vor diesem Hintergrund geistiger Flachschwimmerei dann eine, man muss es so hart sagen, Frechheit, wenn Christine Dössel nun die Auswahl der Kränkungen für das aktuelle Theatertreffen gehässig damit abtut, Recke besetze in Berlin «die Sparte Diversität und kulturelle Appropriation» – ganz so, als würde die Regisseurin wegen der Zuschreibungen von außen eingeladen (nur weil die SZ-Theaterredaktion Reckes Arbeit einzig dadurch zu fassen versucht) und nicht etwa wegen ihrer inszenatorischen Fähigkeiten.

Es kann kein gutes Zeichen sein, zumal in Zeiten, in denen die Publizistik unter Legitimationsdruck steht, wenn eines der bedeutendsten Medien des Landes, immerhin der home turf einer Kritikerlegende wie Joachim Kaiser (1928-2017), nicht mehr die ästhetische Beweglichkeit aufbringt, Theaterarbeiten verstehen und auf der Höhe der Debatte besprechen zu können, sobald sie vom Schema F abweichen.

 

2

Der Gerechtigkeit halber muss man sagen: Im Angesicht von Anta Helena Reckes Arbeiten blamiert sich die Theaterkritik der Süddeutschen Zeitung nicht allein. Die deutsche Sektion des International Theatre Institute (ITI) tat sich dabei jüngst ebenfalls hervor.

Das bekannteste Projekt der aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs gegründeten Organisation ist hierzulande das Festival Theater der Welt (das im Mai dieses Jahres in Düsseldorf stattfinden wird). Außerdem vergibt das ITI jährlich einen Preis; anfangs für das Lebenswerk von Regisseurinnen, seit 2016 soll er die Arbeit von jungen Künstlern würdigen, seit 2017 ist er dotiert mit 3.000 Euro.

Für das Jahr 2019 fiel die Wahl auf Recke. Schaut man sich aber den Prozess der Preisverleihung an, der in einer absurden Zeremonie am 9. Dezember des vergangenen Jahres in München gipfelte, muss man sich fragen, warum das ITI überhaupt auf die Idee gekommen ist, Mittelreich auszuzeichnen. Denn was als Lob gemeint sein sollte, wird begleitet von Unsensibilitäten und Würdelosigkeiten. Es stünde die Frage an die Historikerinnen von Preisvergaben im Raum, ob es so etwas schon einmal gegeben hat – eine Auszeichnung, die den damit Belobigten im Grunde permanent beleidigt.

Am 16. Dezember erschien auf der Website der Münchner Kammerspiele ein merkwürdiger Post. «Anlässlich der Preisverleihung des Internationalen Theaterinstituts an Anta Helena Recke. Was man hätte auch sagen können», lautete die Überschrift. Die Unterzeile formulierte höflich und unscharf: «Ergänzend zu der bei der Preisverleihung gehaltenen Rede hier ein paar Worte von uns, um die künstlerische Arbeit von Anta Helena Recke und des Ensembles von Mittelreich zu würdigen.»

Die aufmerksame Beobachterin reibt sich den Kopf, der Rest versteht Bahnhof: Wieso muss eine Preisrede «ergänzt» werden um Worte der Würdigung? Das sollte doch freudvolle Aufgabe der Laudatio sein, die der ITI-Präsident Joachim Lux hielt, der auch Intendant des Hamburger Thalia-Theaters ist.

Ich habe deshalb am 17. Dezember eine Mail an das ITI geschrieben, um zu erfahren, was eigentlich gesagt wurde am 9. Dezember. Am 18. Dezember bekam ich die Laudatio zugeschickt, die seitdem auch online auf der ITI-Website verlinkt ist. Außerdem habe ich mit Prämierten gesprochen und mit Leuten, die der Preisverleihung im Anschluss an eine Vorführung der Kränkungen im Publikum beiwohnten.

Die Despektierlichkeit im Umgang mit den Ausgezeichneten setzte lange vor dem Dezember-Abend ein. So wurde nicht nur Anta Helena Recke mit dem Regie-Preis geehrt, sondern ihr Ensemble gleich mit. Dass einen solche Verallgemeinerungen stutzig werden lassen, mag manch einer vielleicht spitzfindig vorkommen. Ästhetische Gründe können dafür aber nicht ausschlaggebend gewesen sein – die 2016 ausgezeichnete Regisseurin Yael Ronen musste ihre Ehrung damals nicht teilen, obwohl bei Ronen die Darsteller viel stärker in die Entwicklung der Inszenierungen involviert sind als bei Recke. Warum also die Ehrung fürs Ensemble? 

Als nächstes schlug das ITI vor, den Preis am Rande des Africologne-Festivals in Köln im Juni 2019 zu verleihen. Eine weitere merkwürdige Generalisierung, zielt doch die Wahl des urbayrischen Stoffs der in München geborenen Regisseurin auf den deutschen Diskurs. Natürlich steht hinter Mittelreich eine afrodeutsche Erfahrung. Aber aus dem Präfix des Adjektivs abzuleiten, die Preisverleihung passe ideal zu einem Festival, auf dem Arbeiten von einem anderen Kontinent gezeigt werden und Inszenierungen, die sich von hier aus mit dort verhandelten Fragen beschäftigen, ist ungefähr so informiert, wie jeden Menschen of Colour automatisch auf Englisch anzusprechen, weil Schwarze ja unmöglich deutsche Muttersprachlerinnen sein können.

Als ich kurz vor Weihnachten die Gelegenheit hatte, mit ITI-Präsident Joachim Lux zu telefonieren, habe ich ihn danach gefragt – ob er nachvollziehen könne, dass man das komisch fände, die Ehrung für die Mittelreich-Inszenierung bei einem Festival durchzuführen, das sich mit «Afrika» befasst.

Lux antwortete: «Aber natürlich kann man das komisch finden, das ist ja das, was ich auch sage: Man kann alles Mögliche komisch finden, und man kann über das, was man komisch findet – was Sie komisch finden, was ich komisch finde, was die Künstler komisch finden oder was sie nicht wünschen –, man kann darüber reden. Da wird nicht einseitig entschieden, dass es komisch ist. Demokratie lebt davon, dass Dinge verhandelt werden, und genauso kann man verhandeln, dass man die Preisverleihung komisch gefunden hätte bei dem Africologne-Festival oder dass man es nicht komisch findet; dass man sagt, das ist genau der Kontext, in den wir uns mit unserer Arbeit reinsetzen wollen, weil wir ursprünglich afrikanischer Herkunft sind oder teilweise sogar da aufgewachsen. Da fühlen wir uns ganz besonders wahrgenommen oder da fühlen wir uns gar nicht wahrgenommen, sondern komplett missverstanden – das kann man alles diskutieren.»

Aber zu welchem Ende? Wer zeichnet jemanden aus, damit der sich komplett missverstanden fühlen kann von den Umständen dieser Ehrung? Warum dieses Lavieren statt einer einfachen Entschuldigung («Waren wir aufm falschen Dampfer»)?

Ich gebe Luxens Antwort in dieser Ausführlichkeit hier wieder, weil sie den Tenor unseres 45-minütigen Telefonats aus meiner Sicht gut illustriert: Es wird unglaublich viel geredet, aber immer um den heißen Brei herum. Auf die Frage nach einem Gespür für die Leute, denen man etwas Gutes will (einen Preis verleihen), folgt ein ins Allgemeine und Offene fliehende Demokratie-Referat, als wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr (durch die Leute, die man kontaktiert hat, um ihnen einen Preis zu verleihen?).

Aber: das Herumeiern ist kein Zufall, kein Ausrutscher, dahinter steckt eine Strategie, die auf den Begriff Derailing hört. Das mag nicht immer bewusst geschehen, macht aber keinen Unterschied. Letztlich heißt der Elefant im Raum «Rassismus», und gemeint ist damit die tief sitzende Unfähigkeit selbst von den Großkopferten der deutschen Theaterlandschaft wie Joachim Lux, sich einmal mit ihren diesbezüglich nie hinterfragten Vorurteilen auseinanderzusetzen. Warum fällt es großen Teilen des weißen deutschen Theaters und der dazugehörigen Kritik noch immer so schwer, die eigenen Wissensrückstände zuzugeben und etwas zur Fortbildung zu tun? Wie kann Eva-Elisabeth Fischer von der SZ das letzte Mal vor 60 Jahren auf die Uhr geguckt haben («Black is beautiful»), um dann der Mittelreich-Inszenierung in Rechnung zu stellen, dass sie keinen Schimmer davon hat, wie spät es ist? Wie kann Joachim Lux im Dezember nach München fahren, um in Anwesenheit der Leute, die er loben will, zu stammeln, Recke habe für ihre Inszenierung von Mittelreich das Stück «afroamerikan-, ... äh, ... afro-, ... afrikanisch umbesetzt»? Also sich nicht einmal die Mühe machen, im Vorfeld der Preisverleihung einen Begriff wie «afrodeutsch» zu lernen?

Wenn Sie das Gestammel im veröffentlichten Redemanuskript vermissen – es gibt noch einige andere Stellen, die in der zugänglichen Fassung milder klingen als im mündlichen Vortrag. Welche Fassung nun Gültigkeit beansprucht, ist eigentlich schnurz. Wenn es die schriftliche sein sollte, wie ITI-Direktor Thomas Engel auf Nachfrage sagt – was nützt es den Prämierten, wenn sie die schludriger formulierte Laudatio über sich bereits ergehen lassen durften? Denn: Wie respektlos ist es, am Abend der Preisverleihung nicht die Rede zu halten, von der man will, dass sie die eigentliche ist?

Letztlich ändern die Korrekturen aber nichts am Duktus der Laudatio. Lux variiert in seiner Rede ein seit Jahren geläufiges, intellektuell pflegebedürftiges «Das wird man ja noch sagen dürfen»-Mimimi ins auch schon nicht mehr neue, aber immer noch aktuelle Gejammer über diese sogenannte Identitätspolitik, wie es sich in jedem zweiten Facebook-Thread finden lässt. Wenn das Museum in der Wiener Berggasse nicht gerade wegen Umbau geschlossen wäre, man würde diesen Text am liebsten auf die Couch von Dr. Freud legen (das war der mit den Kränkungen der Menschheit). Schon weil man den Eindruck hat, dass Lux nicht Herr über die eigenen Worte ist, sondern vielmehr geredet wird von seinen unbewussten Ängsten: «Nein, an dieser Stelle breche ich jetzt ab. Warum? Wegen des oben schon mehrfach erwähnten Unwohlseins. Weil mich der Zweifel beschleicht, ob der Sprechende überhaupt berechtigt ist, über das zu sprechen, worüber er spricht», wie es in der geglätteten Version heißt. Leider wird dieser Zweifel nicht produktiv (sich zu überlegen, was man eigentlich sagen will, wie konsistent die Argumente sind, die einem die eigene Furcht diktiert, wie originell die Sorgen, und vor allem: wie unhöflich es rüberkommt, das alles bei einer, seufz, Preisverleihung loswerden zu müssen). Faszinierend aus einer ferneren Warte ist allenfalls der Zwang, unter dem Lux zu stehen scheint: Er findet nach eigenem Befinden die Mittelreich-Kopie von Anta Helena Recke gut, er kann in ihr auch keine «Militanz» erkennen – und trotzdem triggert diese Inszenierung den ITI-Präsidenten so sehr, dass er hier in München steht und nicht anders kann, als den Preisträgerinnen sein «Unwohlsein» vor die Füße zu reden. Das ganze Drama in Luxens eigenen Worten: «Die Bereitschaft zum Perspektivwechsel, um den es ursprünglich einmal ging, kommt bei diesen gesellschaftspolitischen Kämpfen leicht unter die Räder.» Period!

Luxens «Unwohlsein» speist sich aus klassischen Hirngespinsten wie dieser «irgendwie von oben gelenkten political correctness», wie es am Abend der Preisverleihung hieß. Aus der veröffentlichten Rede ist der Passus verschwunden – die Sorge um «eine neue McCarthy-Zeit» ist darin weiterhin erhalten. Zur Erinnerung: Als McCarthy-Ära gilt, und dafür muss man nicht Geschichte studiert haben, sondern einmal den Wikipedia-Eintrag googlen, eine Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den USA, die «durch lautstarken Antikommunismus und Verschwörungstheorien geprägt» war und in der Politik und Polizei, also kein «Irgendwie-Oben», sondern ein tatsächliches Oben, reihenweise Künstler und Staatsbedienstete vorladen und verhören konnten. Kommunistenhasser mit Macht fuhren eine Kampagne, die zu «Schwarzen Listen» und Berufsverboten führt.

Und wo ist jetzt, bitte schön, das Äquivalent dazu im deutschen Theater im Jahr 2019? Worin besteht denn die Macht von Leuten of Colour im deutschen Theaterbetrieb, die sich sehr genau überlegen müssen, was sie wann wie öffentlich sagen über Situationen, die problematisch für sie sind, weil die wenigsten weißen Menschen in den Führungsebenen Bock drauf haben zu hören, dass hier irgendwo Rassismus oder Zurücksetzung in the house sind? Kann denn nicht mal in Zeiten, in denen durch die AfD noch zwei, drei Leute mehr verstehen, was rechte Lügen und falsche Opfer-Rhetoriken sind, jemandem wie Joachim Lux auffallen, dass die Sorge vor einer «neuen McCarthy-Zeit» kompletter Schwachsinn ist – eine Verdrehung von rechts (denn natürlich fürchtet sich Lux damit nicht vor paranoiden Kommunistenhassern), deren luftige Horrorhaftigkeit die eigene Angst auch deshalb bereitwillig mit breitem Pinsel ausmalt, weil die sich nie gefragt hat, warum sie sich in die Hose macht, wenn sie Menschen sieht, die nicht so weiß sind wie sie selbst?

Der krasseste Satz aus Luxens Laudatio lautet freilich: «Es ist durchaus nachvollziehbar, dass es Menschen gibt, die in einer zeitgenössischen Sondersituation black facing (sic!) ablehnen. Ich kann aber ihre Militanz nicht verstehen und kann auch nicht verhehlen, dass ich zugunsten der Freiheit der Kunst auf eine Neubewertung in nicht allzu ferner Zukunft hoffe.»

Das muss man auch erst mal hinkriegen: Vor Leuten, die in ihrem Beruf und Alltag Adressaten von rassistischer Diskriminierung sind, darauf zu hoffen, dass ein rassistisches Bühnenmittel (denn das ist Blackfacing und keine «unschuldige» Erfindung einer Maskenbildnerin) «neubewertet» wird. Was nur funktioniert, weil es kein Bewusstsein für Rassismus, kein Wissen um seine Geschichte gibt – 21. Jahrhundert, wo bist du?

Ich habe Joachim Lux in unserem Telefonat gefragt, worin sich denn die «Militanz» zeige, die ihm in den Auseinandersetzungen über das Theater begegnet. Und wenn Sie jetzt mit gepfefferter Empirie und tollkühnen Anekdoten rechnen, dass etwa das Mittelreich-Ensemble nach der letzten Vorstellung in München drei Panzer geleased hat, damit nach Hamburg gedüst ist, um sich Bomben werfend und nach wochenlangem Häuserkampf eine Festanstellung am Thalia-Theater zu erzwingen, muss ich Sie leider enttäuschen.

Es waren gewisse Kommentare unter einem Nachtkritik-Artikel.

Gewisse Kommentare unter einem Artikel auf einer Website bringen den ITI-Präsidenten dazu, die Rückkehr der McCarthy-Zeit unter völlig veränderten Vorzeichen zu fürchten.

 

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Auf den Urkunden, die am 9. Dezember vom ITI verteilt wurden an das Mittelreich-Ensemble, fehlte der Name der Regisseurin, die einen Regie-Preis bekommen hatte. Ausgezeichnet wurde man «als Mitglied des Ensembles von ‹Mittelreich nach dem Roman von Josef Bierbichler, nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler›». Das ITI versprach Korrektur; dieser Tage sollten die überarbeiteten Urkunden verschickt werden. 

 

Anta Helena Reckes Die Kränkungen der Menschheit sind vom 6. bis 9. Februar im Berliner HAU und vom 5. bis 7. März auf Kampnagel in Hamburg.