Tanz

8. März 2020

Sturzgeburten der Freiheit Florentina Holzingers Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts

Von Ekkehard Knörer

© Nada Žgank/City of Women

Beatrice Cordua, 1943 geboren, war die «prima ballerina» von John Neumeier, sie hat in einer berühmten Choreografie, die 1972 in Frankfurt Premiere hatte, in Le Sacre getanzt, berühmt, auch berüchtigt, denn Beatrice Cordua tanzte sie nackt. Hier, jetzt, Berlin, Sophiensaele (zunächst: 3. Oktober 2019 in Wien), ist Beatrice Cordua wieder nackt, nur den Gurt zur Befestigung des Microport um den Leib, der Körper ist alt, wenngleich man ihr die 77 Jahre nicht ansieht, der Körper hat Narben, bestimmt, aber nicht herrisch ist die Stimme, verführerisch eher, sie instruiert junge Frauen: Holt den Barren, dann werden am Barren, Plié und so weiter, Balletübungen gemacht, zu denen Cordua die Regieanweisungen gibt.

Sie alle laufen darauf hinaus, die Bewegungen nicht als Mechanik des Körpers zu sehen, sondern die Kontrolle darüber, die angestrebt wird, zugleich zu begreifen als ein Streben und Strömen der Kräfte durch den Körper und über den Körper hinaus. Das Ziel, so scheint es, wäre, nicht mehr an die Schwerkraft gebunden zu sein, zu schweben, zu fliegen. Der Abend ist in Kapitel, Lektionen genannt, unterteilt: Vom Haften zum Abheben, und sei es durch Penetration. Die Performerinnen sind Meisterinnen der Körperbeherrschung, jedoch, mit einer Ausnahme vielleicht, keine Ballettänzerinnen. (Dass im Herrschen der Herr steckt, ist, by the way, ein Problem, denn es geht an diesem Abend einzig um Frauen.) Im übrigen vergeht nicht viel Zeit, dann sind die Performerinnen auf der Bühne allesamt nackt.

Das Nackte und das Verdeckte: Mit der Nacktheit der Frauenkörper verhält es sich so, dass sie weder erotisiert sind noch metaphorisch für etwas stehen, es sind sehr unterschiedliche Körper, wenngleich alle schlank, sie tragen nichts, und sie tun das sehr selbstverständlich, sehr selbstbewusst, alle objektivierenden Blicke prallen an der Nacktheit, der Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewusstsein ab. Evakostüme als Arbeitskleidung, die Körper bekommen schließlich noch richtig zu tun im Lauf des Abends, nicht so sehr miteinander, es gibt erstaunlich wenig Interaktion, Beatrice Corduas Blutgeburt eines rattenartigen Wesens freilich schon, aber sie haben zu tun mit dem Bewegen, mit dem Knallen auf Dinge, dem Sägen, dem Splatter, wenn auch nicht gleich.

Es steht und hängt auf der Bühne manches herum, das zunächst in weiße Laken gehüllt ist. Im Lauf des Abends fallen auch diese Hüllen. Zwei Motocross-Motorräder, die von der Decken hängen, sind als Anblick spektakulär. Dann eine Bretterwand, gegen die der eine oder andere Frauenkörper mit Wucht später knallt. Und hinten, den Blick füllend, aber von der Bretterwand teils auch verdeckt, ein Wald, der an die romantischen Balletstücke erinnern soll, die sich vom Städtischen in die Wälder bewegen. Nackt wird zunächst noch am Barren das Tanzen instruiert und geübt, zwei Frauen tauchen dann von der Seite auf, eine mit schwarzen Zähnen, die Hexe, die andere stark tätowiert, sie waschen sich die Haare und knoten sie, überhaupt haben alle einen Ring so ins Haar geknotet, dass sie sich daran aufhängen können.

Nach dem Barren: die Posen des Ballets, die konventionalisierte Idee von bella figura. Dann eine Vagina-Inspektion durch die Zuchtmeisterin Cordua mit ihrer sanften Stimme, Momente der Erniedrigung, von den Tänzerinner aber nicht mit Demut, sondern weiterhin körperbeherrscht mit großem Selbstbewusstsein getragen. Es ist, als bereiteten sich die Körper nur vor, auf Wildes, Sturzgeburten der Freiheit, das Fliegen. Was geht denn hier ab, denkt man recht bald, da ziehen sich zwei Frauen am eigenen Schopf per Flaschenzug in die Höhe, keine schmerzverzerrten Gesichter, es gibt hier nie schmerzverzerrte Gesichter, auch nicht das Ballettlächeln, das einem wie beim Joker ins Gesicht geschnitten vorkommen kann. Alle blicken ernst, höchstens verrückt (die Hexe mit ohne Zähne), oder durch die Kräfte und Geister, die sie riefen, von innen heraus echt beseligt.

Einmal, und dann noch einmal, turnen zwei Frauen ziemlich spektakulär an den Motocross-Rädern in der Luft, andere fliegen an Seilen, Wirework-Stunts, dann werden Glieder zersägt, Blut wird verschmiert, ein Baby kommt in den riesigen Kochtopf, das war noch vorher, längst schon ist eine Frau mit Kamera auf der Bühne, die Großaufnahmen, die das Geschehen vergrößern, verdoppeln und die Aufmerksamkeit durchs Verdoppeln auch splitten, zumal der Ton zu den Mundbewegungen auf dem Bild asynchron ist, die Bilder werden auf zwei sehr hochkant rechteckige Leinwände am rechten und linken Rand des Bühnenraums projiziert, es wird also das Präsente noch einmal präsentiert - und plötzlich eine Unterbrechung: Florentina Holzinger hat ein Powerpoint mitgebracht, tritt in eine Art Conferencière-Rolle, fragt das Publikum nach Geld, macht einen Zaubertrick.

An diesem Abend kein komplett neues Register. Ein Frauenkörper wurde in einem schwarzen Zauberkasten bereits zum Baby geschrumpft: Das geht hier zusammen. Die Register sind frei zur Rekombination: Zauberei/Horror. Sprich den Slash, tanz den Slash: Slash. Der Slash ist wichtig in Tanz, der Slash, der den Trash und das Sublime, die bella figura und den Körperhorror verbindet und trennt, der das eine, durchaus erlösend, ins andere transfiguriert. Aber bei der Transfiguration durch alles Mögliche durch muss. Augen zu und durch oder Augen auf und durch: Ballett/Splatter: Ballett-Splatter-Slash. Blut/weiße Laken.

© Eva Würdinger

Und der spektakulärste Slash, der die Berichterstattung über den Abend tendenziell dominiert: Zwei Haken im Fleisch. Body Suspension. Im Hintergrund, aber die Kamera hält die ganze Zeit drauf: Eine starkt tätowierte (selbstredend: nackte) Frau treibt einer anderen (selbstredend: nackten) Frau zwei spitze Haken durch Haut und Fleisch ihres Rückens. Kaum Blut. Dann auf die Bühne, die zwei Frauen, die sich am eigene Schopf nach oben zogen, zuvor, ziehen nun am Seil, das an den Haken im Fleisch steckt.

Das Einüben des Abhebens, ein Wippen erst, die Sohle vom Boden, das sieht man zunächst nur von hinten, der Schmerz soll nicht mit ins Bild, dann die Drehung, die Frau mit den roten Haaren hebt, ab, Body Suspension, kaum bewegt zunächst, dann ein Lächeln, dann ein Kreisen, dann die Arme, ein Lächeln, schmerzgeboren vielleicht, Körperballett, aber selbstbestimmt, bella figura am Haken, den man sich durchaus/nicht wegdenken kann. Da muss man durch, der Haken durchs Fleisch, die Betrachterin durch den Anblick, Sehen ist Penetriertwerden, ein durchaus gewalttätiger Akt, Register: Drastik/Ballett. The End allerdings ist das noch nicht. Es geht zurück zu Barren/Ballett. Kurz. Dann Applaus.