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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Mikrostruktur einer Tragödie
Zu «Reconstituirea» von Lucian Pintilie

Von Markus Bauer  

Unter dem Titel «Rekonstruktion» lief im Berliner Zeughauskino kürzlich eine versiert kuratierte Filmreihe des Rumänischen Kulturinsitituts. Die von dem Veranstaltungsbüro inter:est programmierte Reihe versammelte filmische Auseinandersetzungen mit der (cineastischen) Vergangenheit Rumäniens - und enthielt ein Meisterwerk, das vor 40 Jahren entstanden ist: Reconstituirea von Lucian Pintilie (1968) kann als Studie über die Gesellschaft Rumäniens gesehen werden, die bereits damals – in  vergleichsweise «liberalen» Zeiten – eine Aufforderung zur Revolte enthielt und folgerichtig nach kurzer Zeit ein Verbot durch die staatlichen Stellen erfuhr. Ihr Regisseur ging ins Exil nach Paris und die USA, wo er vor allem als Theaterregisseur arbeitete, um nach 1989 wieder in Rumänien viel beachtete Filme (Prea tărziu, Balanţa) zu drehen. Auf Reconstituirea beziehen sich auf ihre Weise die jüngeren Regisseure der auffälligen rumänischen «nouvelle vague» wie Cristian Mungiu, Corneliu Porumboiu, Cristi Puiu. 2008 wurde Reconstituirea von vierzig Kritikern zu dem bedeutendsten Film der rumänischen Filmgeschichte gewählt.

 

Der Plot (Skript von Horia Pătraşcu und Lucian Pintilie nach einer auf eine reale Begebenheit zurückgehenden Novelle Pătraşcus) erzeugt eine klassische «Film im Film»-Situation: zwei Jugendliche werden in Begleitung ihres alten Lehrers, eines Kameramanns, des Staatsanwalts und einem nicht genau legitimierten Begleiter (Securitate?) an ein Ausflugslokal gebracht, wo sie ihre im Rausch begangene Prügelei mit dem Kellner im Film nachstellen sollen – als pädagogische Maßnahme zur Abschreckung vor den Gefahren des Alkohols. An dem an einem Gebirgsbach gelegenen Lokal erwarten sie der Milizionär und der Kellner, als zufälliges Publikum eine junge Schönheit im Bikini und eine alte Frau, die Gänse hütet.

Die Gegensätze von Alt und Neu, Natur und Maschine, «Sozialismus» und traditioneller bäuerlicher Eigensinn produzieren die Mikrostruktur einer Tragödie, die Pintilie differenziert aber unaufhaltsam abrollen lässt. Keiner wird sich ihr entziehen, keine(r) steht über den Banalitäten eines alle Möglichkeiten bereit haltenden Alltags: Der Staatsanwalt sieht schon qua Amt wie eine Charaktermaske aus. (Ein kleines Detail: In der Hitze des Tages sitzt er am Fluss und legt sich ein nasses Taschentuch über das Gesicht –  grausig- monströs wird sein Antlitz zur Totenmaske verunstaltet.) Der alte Lehrer ist ein verzweifelter alkoholkranker Intellektueller; einer der beiden jugendlichen Delinquenten hat einen Hang zur Aggression, der andere kann sich nie dem Ernst der Situation anpassen; das schöne neugierige Mädchen im Bikini redet schablonenhaft wie eine alte Frau. Der Kameramann (aus der deutschen Minderheit) ist ein berufsblinder Gehilfe der Macht, der immer wieder die Jugendlichen auffordert, sich zu schlagen. Übertüncht wird das Versagen der Beteiligten durch den scheinbar kumpelhaften Ton, den alle je nach Lage für einander bereit halten, um als «human» zu erscheinen. Einmal sagt Vuică, der etwas clownig-hintersinnige Delinquent zu seinem Freund: «Weißt du, was der Unterschied zwischen einem Affen und einem Menschen ist? - Der Affe braucht keinen Personalausweis.»

Cineastisch bietet Pintilie zahlreiche Hinweise auf die Filmgeschichte: Eine lange Einstellung eröffnet den Film in expressionistischer Manier, Kopf von schräg oben in Nahsicht, Halbglatze mit Narbe. Surrealistische Spuren hinterlassen herumkriechende Ameisen mit dem Rätsel ihrer möglichen Bedeutung. (Der Veteran der rumänischen Avantgarde-Bewegung, Geo Bogza, soll nach einer Aufführung von Reconstituirea in den Schnee geschrieben haben: «Lang lebe Pintilie!») Auch der Ton nimmt Godard-like Anteil an der absurd-realen Exposition: das durch Mark und Bein gehende Geheul der Lokomotiven der vorbeiführenden Bahnlinie, die «Kommentare» durch das Geschrei der Fussballzuschauer im nahen Stadion, das überdrehte Quäken der Popmusik im mickrigen Transistorradio inszenieren einen ganz eigenen Raum der erzählten Geschichte.

 

Lucian Pintilie (Bild unten)

Was lange wie ein Getändel mit den Möglichkeiten der situationsbedingten Komik aussieht, mündet  in eine gnadenlose Abrechnung nicht nur mit den Unzulänglichkeiten des sozialistischen Falschen, sondern auch mit der anpasserischen Kumpanei, die die Traditionen Rumäniens mit der herrschenden Macht eingehen: Der Rekurs auf die ländlich-patriarchalischen Verhaltensmuster als Schutz vor der Ideologie zeigt seine grausame Konsequenz. Am Schluss erscheint wie in einem griechisch-antiken Drama als Chor die schwarze Masse der Fussballzuschauer und wird in das Geschehen involviert.
Gewalt bindet den Ablauf der Geschichte zusammen.Was als filmische Rekonstruktion harmlos wirken soll, ist die gewalttätige Wiederholung der Aggression – nicht als Farce, sondern als Strafe. Mit seinem brillant inszenierten Film über das Filmen aber sprach Pintilie das Urteil über das Rumänien Ceauşescus, als viele noch darin eine eigenständige «liberale» Variante des «Sozialismus» sehen wollten, ein Urteil, das die Historie zwanzig Jahre später exekutierte: Der Sound der aufgebrachten Menge im Off nimmt gewissermaßen den der Straßendemonstrationen von 1989 vorweg.


Markus Bauer ist Kulturhistoriker, Journalist und Autor des Buches In Rumänien. Auf den Spuren einer europäischen Verwandtschaft