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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 34
vom 16. Juni 2017

CARGO 34 Cover, CARGO 33 Cover,

Unreines Kino
B-Action von Paul W.S. Anderson und James McTeigue

Von Lukas Foerster  

Der beste Hollywood-Actionfilm 2010 (Stand: Mitte Oktober) heißt Resident Evil: Afterlife und wurde inszeniert von Paul W.S. Anderson. Der beste Hollywood-Actionfilm 2009 hieß Ninja Assassin und wurde inszeniert von James McTeigue. Die Filme haben einiges gemeinsam. Wie James McTeigue geht es auch Paul W.S. Anderson zuerst darum, jede einzelne Szene seines Films so aufregend wie möglich zu gestalten. Die Bässe pumpen durchgehend, auch die 3D-Effekte bleiben zuerst Effekte und zielen nicht auf ein immersives world building: Messer fliegen in den Zuschauerraum, Regen perlt schon von den Schriftzügen der Credits plastisch in Richtung Sitzbank. Dem Primat des Styles muss sich alles andere beugen: Vorlagentreue, smarte In-jokes, Figurenzeichnung, die über das notwendige Minimum hinausginge.

Keine nostalgische Suche nach einer Essenz des Bewegungsbildes wie in Sylvester Stallones unterirdischem The Expendables, sondern ein unreines Kino, das sich sehr bewusst in die Gegenwart der Popkultur einschreibt. Man muss sich einlassen auf den postmodernen Morast, man muss durch ihn hindurch, um ihm etwas eigenes abzuringen. Denn natürlich will Resident Evil: Afterlife zuerst ein gut funktionierendes B-Movie sein und erst danach eine intertextuell korrekte Computerspielverfilmung. Ninja Assassin ist keine Comicverfilmung, will aber aussehen wie eine. Auch James McTeigue muss seine im Kern unglaublich straighte Ninja-Erzählung mit einer verkitschten Trainingssequenz im Shaw-Brothers-Stil und anderen Asia-Pop-Referenzen aufbrezeln. Die Hauptrolle übernimmt der koreanische Popstar Rain, der direkt aus der Pomo-Hölle kommt, nämlich aus Park Chan-wooks I’m a Cyborg, but That’s OK und der mit diesem Film den Weg in Richtung Himmel findet.



Die ersten Minuten von Ninja Assassin: Den post-Tarantino-Gangsterclan lösen die Ninjas in wenigen Minuten in seine körperlichen Bestandteile auf, ohne auch nur einmal im Bild zu erscheinen. Gerade Schnittstellen durch Hals, Arm, Bein. Maßarbeit statt dumme Sprüche. Materialistisches Kino par exzellence. Dann taucht Rain auf, ein abtrünniger Ninja, mit ihm Naomi Harris als Interpol-Agentin. Eine gute Stunde lang hetzen dann Splatter-Ninjas durch Berlin, stürmen eine Europol-Zentrale, jagen durch Parkhäuser und Berliner Straßen, werden dabei Kampfsequenz für Kampfsequenz ein wenig sichtbarer, bis sie schließlich am Ende, wieder in Japan, von hochgerüsteten, völlig anonymen Soldaten mit modernster Technik platt gemacht werden. Unbarmherzig setzt sich die Geschichte wieder ins Recht, gegen die Fantasie des B-Films. Der Film verzichtet in seinem konsequenten Ende nicht nur auf Re-Individualisierung, sondern im weiteren Sinne auf jede Romantisierung.

Die Welt von Resident Evil: Afterlife ist nicht viel komplexer als die von Ninja Assassin. Ein großer Teil der Menschheit wurde von einem Virus in Zombies verwandelt. Keine allegorischen Zombies, sondern eine amorphe Masse, Spielmaterial, das der Film nach Gutdünken einsetzen kann. Es gibt die «Umbrella Corporation» (von deren konkreter Organisationsstruktur soweit abstrahiert wird, dass man sie mehr oder weniger mit dem Spätkapitalismus in eins setzen kann, wenn man denn unbedingt will), die hat die Zombies in die Welt gesetzt. Dann gibt es eine Handvoll Überlebende, die sowohl gegen Zombies, als auch gegen Umbrella kämpfen. Diese ökonomische Konstellation aus Splatter- und Paranoiaszenario hat neben der Computerspielreihe, der sie entstammt, inzwischen bereits vier Realfilme (bis auf den zweiten Teil Resident Evil: Extinction allesamt empfehlenswert) und einen Anime hervorgebracht. Um die Mythologien, die sich dieser Konstellation anlagern, schert sich Paul W.S. Anderson, wenn es darauf ankommt, einen Dreck. Das sorgt regelmäßig für Aufruhr in einschlägigen Fanforen, den Filmen tut es gut.

Resident Evil: Afterlife und Ninja Assassin: In beiden Fällen hat die szenischen Inszenierung etwas von einer ehrlichen, sportlichen (oder eben: materialistischen) Selbstbeschränkung, insbesondere, wenn man die Filme mit der Zelebrierung räumlicher Inkohärenz in den Bourne- oder den neueren Bond-Filmen vergleicht: Anderson und McTeigue zeigen zuerst einen Raum, dann zeigen sie die Akteure, die sich im Raum befinden (beziehungsweise zeigt McTeigue die Unsichtbarkeit einzelner Akteure), dann lassen sie Raum und Figuren miteinander reagieren und zwar auf eine zwar möglichst spektakuläre, aber dabei doch noch folgerichtige Art und Weise. Beide Regisseure stellen sich in der Postmoderne gegen die Postmoderne. Eine mögliche Unterscheidung: Andersons Widerstandspunkt ist klassizistisch, McTeigues modernistisch. Resident Evil: Afterlife ist eher John Carpenter als Robert Bresson (die posthumanistische Übung Ninja Assassin als High-Tech-Variante von Lancelot du Lac) verpflichtet. Die Festung inmitten LAs, in der eine Handvoll Einzelkämpfer dazu gezwungen werden, gemeinsam ums Überleben zu kämpfen, evoziert unmittelbar Assault on Precinct 13, Escape from New York und Ghosts of Mars. Eine bei allem Oberflächenzauber klassische Spannungsdramaturgie zerteilt den einen, großen Raum in mehrere kleine, deren lokale Dynamiken und Perspektivierungen in schnellen, aber nie chaotischen Parallelmontagen verschaltet werden. Einige eigentlich nicht ganz zulässige Shortcuts gibt es, zugegeben (einer führt wieder einmal durch den Lüftungsschacht), aber die Gruppenbewegungen durch die Räume bleiben stimmig im Framing nachvollziehbar.



Erstaunlich ist auch, wie unangefochten Milla Jovovich (jeder B-Movie-Freund darf sich darüber freuen, dass ihr die erwartete Karriere in der A-List bislang verwehrt geblieben ist) das Franchise dominiert. Im neuen Film ordnet sich auch ein Wentworth Miller (Prison Break), der mit seiner Statur und Gestik einen Actionfilm dieser Größenordnung auch durchaus alleine stemmen könnte, wie selbstverständlich hinter Jovovichs Alice in der zweiten Reihe ein. Man vergleiche Jovovichs minimalistische Souveränität (stylisches Aussehen IST Ausdruck und Ausdruck genug) und Andersons inszenatorische Coolness nur einmal mit dem Aufwand, den Salt oder Wanted in Angelina Jolie investieren, um sie als Action-Heldin salonfähig zu machen. Die Form des B-Films ist geschlechterblind (eine Waffe ist manchmal eben doch nur eine Waffe, Hongkong weiß das schon lange), der Sexismus kommt von außen und oft aus kulturell angeseheneren Sphären.