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CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

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Mickey Handsome

Keiner der verspannten Jungs: Über Mickey Rourke

Von Michael Althen  

Als Mickey Rourke den Golden Globe für The Wrestler gewann, habe ich mich echt gefreut. Er war mir zwar nie sympathisch, aber schließlich wollte er auch nie ein netter Kerl sein, und immerhin bin ich mit ihm im Kino irgendwie groß geworden. Und dann war er so etwas von weg vom Fenster, wie es selbst die Achtzigerjahre mit ihren unmöglichen Moden nie waren. Behaupten wir der Einfachheit halber mal: So tief wie er ist keiner gefallen, an den man sich erinnern kann. Er war in Body Heat, Diner, Rumble Fish, Year of the Dragon, Eureka, Angel Heart, Barfly und einigen anderen Filmen, in denen er stets ein mehr oder weniger arrogantes Arschloch war, aber das waren eben auch ein paar verdammt gute Filme, von denen manche die Achtziger sogar überlebt haben. Und Adrian Lyne, sein Regisseur von 9 ½ Wochen, sagte einmal, wenn Rourke nach Angel Heart gestorben wäre, wäre er James Dean geworden. Oder wenigstens Heath Ledger.

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Jemand anderes hat gesagt: Mickey Rourke war der Brad Pitt der achtziger Jahre. Mit einem Unterschied: Er konnte spielen. Das mit dem Spielen ist im Kino ja immer so eine Sache. Man überschätzt das ja gelegentlich, obwohl man wissen müsste, dass die Kamera oft auch ganz gut mit jenen kann, die einfach nur gut aussehen. Aber nehmen wir mal an, es stimmt, dass Mickey Rourke nicht nur gut aussah, sondern auch spielen konnte. Dann ist diese Erkenntnis zumindest nicht bis zu ihm vorgedrungen. Oder sie hat ihm nicht genügt. Oder er hat irgendwas durcheinander gebracht. Muss wohl so sein. Denn er hat einerseits angefangen, sich mit Regisseuren anzulegen, weil er alles besser wusste, und andererseits offenbar verachtet, was er machte, weil er in Wahrheit nichts wusste. Da hat er die Schauspielerei an den Nagel gehängt und wieder mit dem Boxen angefangen, was er nach zwei Gehirnerschütterungen einst aufgegeben hatte. Er war dabei nicht so erfolglos, wie es die Legende gerne haben würde, denn schließlich ist er ein Typ, der wenigstens in diesen Dingen weiß, was er tut, aber es reichte doch, um sich die Fresse so polieren zu lassen, dass kosmetische Korrekturen nötig waren, die die Sache aber nicht besser machten. Im Gegenteil. Einen Gutteil der Zeit von The Wrestler verbringt man mit dem ungläubigen Versuch, in der Visage von Randy «The Ram» Robinson jenen Mickey Rourke wiederzuerkennen, den man kannte. Was bei Raging Bull schauspielerische Methode für das Guiness Book of Records war, das wurde bei The Wrestler unter Einsatz des ganzen Lebens bewerkstelligt. Genau betrachtet, weiß man nicht, was gespenstischer ist. Natürlich hat auch Rourke ein bisschen zugefuttert, um den Effekt zu unterstreichen, aber er bleibt trotzdem denkwürdig. Und natürlich ist das die viel bessere Geschichte: Ein Typ, der seine Karriere weggeworfen hat und vor die Hunde gegangen ist, um die Rolle seines Lebens zu spielen. «They never come back», heißt es bei den Boxern – in Hollywood ist das lediglich die beste Voraussetzung für ein Comeback. So betrachtet ist man fast geneigt, diese Geschichte durch ihr Happy End desavouiert zu sehen. Als würde so wieder nur zur schönen Lüge, was doch so hart erkämpfte Authentizität ist. Aber damit haben all die harten Jungs in Hollywood schon immer gehadert. Früher wurden sie dann halt einfach Alkoholiker, heute, wo sie unter Dauerbeobachtung stehen, ist das noch härter. Im Grunde hatte ich mit Johnny Depp bei den Globes noch viel mehr Mitleid, wie er als Conferencier versuchen musste, durch schnodderiges Auftreten so abgefuckt zu wirken, wie es Rourke wirklich ist. Oder Brad Pitt, der sich als family man an Angelinas Seite keine Blöße geben durfte und die Zähne bleckte, als wolle er den Michael Douglas machen. Da war mir dann fast schon Tom Cruise am liebsten, der in seiner Jungenhaftigkeit verdammt alt geworden ist, aber wenigstens nicht um irgendeine eingebildete toughness ringt, sondern mit sich und Scientology im Reinen ist. Fast hätte ich ihn mir mit Augenklappe gewünscht – das hätte seiner hageren Abgespanntheit die richtige Facon verliehen.


Schwer vorstellbar, dass irgendeiner dieser verspannten Jungs mal so aus dem Ruder läuft wie Rourke. Dass nach einer Ehe mit der heroinsüchtigen Carré Otis, einer in die Tonne getretenen Karriere und einer zu Mus zermanschten Visage einer von ihnen wirklich nichts mehr übrig hat als eine Schar von Chihuahaus, die er wie Doris Day versorgt. Und damit das auch keiner vergisst, hat er am Ende seiner Dankesrede bei den Globes angefangen, von den Hunden zu reden. Und als hätte die Regie gespürt, dass da gerade ihr Happy End aus dem Ruder zu laufen droht, haben sie ihn von der Bühne geholt, ehe er über seinem toten Chihuahua in Tränen ausbricht. Das wäre selbst für Hollywood zu authentisch gewesen.