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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 33
vom 24. März 2017

CARGO 33 Cover, CARGO 32 Cover,

Was vom Jahr bleibt

Marie-Luise Angerer

Was bleibt…

 Destroyed Beyond Repair

Omer Fast’s Remainder wurde bei der Berlinale 2016 mit großer Spannung erwartet. Wie würde es ihm gelingen, Tom McCarthy’s gleichlautenden Roman (Original 2007, Dt. 8 ½ Millionen, Diaphanes 2009) filmisch in Szene zu setzen. Nach der Premiere war das Urteil ambivalent. Im Vergleich mit dem Roman sei der Film anders, sehr anders. Ich fand den Film sehr gut. Klar, anders als der Roman, dafür eben Omer Fast Style. In der derzeit im Martin Gropius-Bau laufenden Ausstellung von Fast ist auch Tom McCarthy wieder anzutreffen - als einer der Autoren der trashigen Werbe-Zeitung zur Ausstellung, um seine Geschichte zu Omer Fast beizutragen.

McCarthy hat in seinem letzten Roman Satin Island, der in diesem Jahr in Deutsch erschienen ist, eine tour de force durch die Gegenwartstheorie unternommen, um aufzuzeichnen, was gerade geschieht, was sich im Moment ereignet, um zu begreifen, was sich nicht tiefschichtig, sondern bereits an der Oberfläche abzeichnend verschiebt. Um seinen Protagonisten U, einen Ethnographen des Gegenwärtigen, zu kreieren, hat er nach eigener Aussage schamlos im aktuellen Theorieangebot gewildert. Dieser U soll im Auftrag einer global agierenden Company eine Art Mega-Report schreiben, was hier und jetzt vor sich geht, was sich gerade im Augenblick zu verändern beginnt – um diesen Wandel im Moment seines Stattfindens in den Griff zu bekommen.

U beginnt, sich selbst zu beobachten, die Menschen um ihn herum, an Flughäfen, in Straßen, sein Büro, seinen Schreibtisch, dessen akkurate Ordnung, und er wartet darauf, mit dem Schreiben beginnen zu können – um plötzlich festzustellen, oder zumindest glaubt er, feststellen zu können, dass dies alles ein großer Plan ist, ein Reißbrett, eine große Struktur, vergleichbar dem, was Lévi-Strauss bei seinen Forschungen am Amazonas entdeckt hatte. Ganz Wissenschaftler seiner Zeit, imaginiert er einen seiner nächsten Auftritte vor einem großen Auditorium, um seine neue Idee zu präsentieren:

„Dann wäre der Große Bericht nicht etwas, das entweder fertig oder unfertig und von der Vergangenheit bestimmt wäre: Nein, er wäre ganz jetzt. Präsens-Anthropologie; Anthropologie als Lebensform. Das war’s: Präsens-Anthropologie™; eine Anthropologie, die in der Gegenwart baden würde, und in Jetztheit – darin baden würde wie in einer tiefen, sprudelnden und nymphengesättigten Quelle.“ (Tom McCarthy: Satin Island, übers. von Thomas Melle, München 2016, S. 95f).

Dieses Jetzt, diese Obsession mit einer Präsens-Anthropologie, teilen sich Fast und McCarthy. Der eine im Schreiben, der andere im (filmischen) Schneiden. Beobachten, jedes kleinste Detail, in einem Raum, auf der Straße, jede noch so kleinste Bewegung – Beobachten ohne zu sehen. Geschichten, die erzählt, erfunden, wiedererzählt und wiedererfunden werden, die nicht stimmen und doch immer genau so sein könnten, hätten sein können – wenn nicht wieder durch einen Cut alles aufgelöst und in eine andere Richtung gelenkt worden wäre.

PS:

Sydney, Art Gallery of New South Wales im Dezember, Manifesto von Julian Rosefeldt (nach der ersten Station im Hamburger Bahnhof; Cate Blanchett ist Australierin).

Selten hatte ich beim Wiedersehen ein so starkes Gefühl, an einem anderen Ort etwas nochmals zu sehen, ohne dass sich eine gefühlte Erinnerung an das bereits Gesehene einstellt. Ich musste an die Eingangsszene in McCarthy’s Remainder denken. An den Anschlag in Berlin (den wir als Schlagzeile am frühen Morgen in Sydney lesen), an Paris, Brüssel, Amsterdam – an die Angriffe in Regionalzügen, an die vielen Attacken auf Flüchtlinge.

Am richtigen Ort zur richtigen Zeit? Am falschen Ort zur richtigen Zeit, zur falschen Zeit am richtigen Ort, zur falschen Zeit am falschen Ort – das war 2016 zu oft der Fall – durch die Folien von Omer Fast und Tom McCarthy.

 

 

Raymond Bellour

Choc devant la rétrospective Satiajyt Ray à la Cinémathèque Française.
J’y réapprends comment le grand cinéma de fiction est innervé d’une valeur documentaire. Tout ce que la trilogie d’Apu nous apprend sur l’Inde des années 20, du difficile partage entre la profonde misère de la vie des campagnes et la douloureuse réalité de la vie des grandes villes. Et constamment des chocs d’images qui retournnent le corps du spectateur sur lui-même. Par exemple la fin de Charulata : ce moment où la tension extrême entre le mari et la femme s’exprime dans trois arrêts sur images successifs d’une telle brutalité soudaine, avec la chute de lumière qui les accompagne, que j’ai pu croire un instant à une rupture dans la projection.


L’inconnu du lac d’Alain Guiraudie était un film de facture classique, dont la perfection de mise en scène faisait d’autant plus ressortir la qualité transgressive de son sujet : la drague homosexuelle selon tous ses possibles. Rester vertical réussit un pari plus difficile : allier un réalisme cru à dimensions multiples (on peut penser à Pialat) à des irruptions de fantastique qui tiennent aux accentuations soudaines de ce réalisme (le vieil homme baisé à mort par le héros, son encerclement final par les loups). Une pierre blanche dans le cinéma français.


Styles de Marielle Macé est un livre important parce qu’il tente et réussit une synthèse toujours difficile entre art et politique. La notion de forme de vie, ressaisie dans ses dimensions les plus diverses, y soutient un interface entre l’univers des sciences sociales (par exemple toute la problématique de la distinction chez Bourdieu) et celui de la création artistique, en particulier la littérature, dont chaque invention ouvre à la vie un de ses possibles. Le sous-titre du livre, « Critique de nos formes de vie » en dit bien à la fois l’ambition et la vertu spéculative.

 

 

Ludger Blanke

Am Morgen nach der US Wahl bei der Analyse auf der Couch redete ich über Trump. Behauptete, das Erstarken dieser Bewegungen wie AFD, Brexit, Islamismus, Orban, Erdogan, Putin et alii sei so etwas wie das letzte Aufbäumen von etwas, das sich im Grunde schon längst erledigt hätte und nur noch einmal kurz und heftig seine Fratze zeige, in Person von Trump einen monströsen Furz lossliesse, bevor es endgültig verschwände. 
Woher ich diese Gewissheit nähme, fragte mich meine Analytikerin, eine Amerikanerin.
Diese Bewegungen, wenn man sie überhaupt so nennen könne, antwortete ich, fänden statt in einem kulturell  luftleeren Raum. Kein Überbau und kein weltanschaulich oder ästhetisch bestelltes Feld sei vorhanden, anders als bei den autoritären Desastern des frühen 20. Jahrhunderts. Es gäbe keine Literatur, keine Filme, kein Theater, keine Philosophie und keine Mode oder Kunst die diese Ereignisse begleite, mit Ausnahme von vielleicht ein paar Re-enactments in Trachten, Nazi-Rock auf dem Land, einem halbnackten Bärenkämpfer Putin und ein paar Filmen von Michael Bay. Keine Avantgarde.
Was ist mit Reality-TV-Shows? antwortete sie.
Ich erbleichte und wechselte schnell das Thema. 

(aber der Schreck über diese Antwort sitzt mir immer noch in den Knochen)

In der selben Woche sah ich Andrea Arnolds "American Honey" und ein paar Folgen von "Transparent" bei denen sie Regie geführt hatte. Mir fiel auf, wie sehr ich das Produkt eines Kollektivs der Anstrengung eines/r Einzelnen gegenüber bevorzuge.

Dagegen sprachen dann aber David Bowie, Rachel Cusk, Emmanuel Carrère, Nicolette Krebitz, Lydia Davis, Solange, Maren Ade, Justin Vernon, Jenny Hval, Saša Stanišić, David Szalay, Kelly Reichardt und Frank Ocean.

Und Horace & Pete. 

 


Hannes Brühwiler

Das Jahr begann mit einem lang gehegten Vorhaben: Alle Filme von Frederick Wiseman zu schauen. Ganz geschafft habe ich es dann doch nicht. Was mich immer wieder überrascht hat, war wie sehr sich die Filme komplementieren und aufeinander reagieren. Missile und Near Death etwa, zwei Filme über letzte Entscheidungen, beide Ende der achtziger Jahre gedreht. In ersterem werden Soldaten dazu ausgebildet, ohne moralische Skrupel Nuklearraketen zu zünden, im zweiten beobachtet Wiseman hingegen die Ärzte auf einer Intensivstation bei ihren Versuchen Menschenleben zu retten.

Eine weitere Retrospektive, dieses Mal jedoch im Kino und mit schönsten 35mm Kopien, dann im Sommer. Das Filmfestival von Locarno sorgte (einmal mehr!) mit ihrer Retrospektive für sommerliches Kinoglück. Dieses Jahr war sie dem offiziell ungeliebten BRD-Kino der 1950er Jahre gewidmet. Eine Entdeckung folgte der nächsten. Ein Fazit: Filmgeschichte kann gnadenlos sein.

Und sonst? David Bowie’s Blackstar; der fantastische Katalog zur PROVOKE-Ausstellung über japanische Fotografie der 1960er und 70er Jahre; viel Science-Fiction-Literatur, wie etwa die Trilogien von Jeff VanderMeer respektive Cixin Liu; die Bücher von César Aira; The Big Short (Adam McKay) und Aquarius (Kleber Mendonça Filho). Für eine Überraschung sorgt schließlich Vor der Morgenröte. Das Gefühl der Fremde, das dieser Film bei mir hinterließ, passte gut zu diesem Jahr.

 

 

Robin Celikates

Das National Sawdust Percussion Fest, vor allem Time Travelers und sowieso der geniale Andy Akiho; Morningside Heights und der Blick über Harlem bis nach La Guardia & JFK; Beauty Is a Wound und Man Tiger von Eka Kurniawan, The Return von Hisham Matar, A Girl is a Half-Formed Thing von Eimear McBride; Stranger Things

3 Dokumentarfilme über den Terror (IDFA 2016): Ah, Dil Leyla, Radio Kobani; die Arbeit des Diversity Committee und des Democratization and Decentralization Committee sowie das Referendum an der University of Amsterdam;

und natürlich das furchtbare Erbe, das das Jahr des Affen dem Jahr des Feuer-Hahns überlässt...

 

 

Catherine Davies

Die schönsten Erinnerungen dieses Jahr sind sommerliche: beginnend mit der Schnellbusfahrt zurück vom Betriebsausflug durch das sehr grüne Ruhrgebiet Anfang Juni, dann die Sichtung von Ozus Weizenherbst in Berlin im August, schließlich Truck Tracks Ruhr durch Duisburg an einem sehr heißen Septembertag. Einschneidender aber waren die politischen Ereignisse. Trotz zeitweise obsessiver Lektüre habe ich nach wie vor nicht das Gefühl, sie richtig verstanden zu haben. Ein Interview mit der Historikerin Lynn Hunt von 2011, das ich dieses Jahr las, hat sich mir deswegen eingeprägt. Sie beschreibt darin sehr schön, wie Analysten der Französischen Revolution wieder und wieder zu dem Ergebnis kamen und kommen, dass sie rational nicht erklärbar ist. Hunt glaubt, dass dies im Grunde für alle Ereignisse gelte – wir merken es nur nicht, weil wir über sie nicht im selben Maße nachdenken. Zumindest ein wenig geholfen beim Verstehen hat mir aber Gareth Stedman Jones’ Languages of Class über Klasse, Interessen und Status im 19. Jahrhundert, ein Text, der über dreißig Jahre nach seinem ersten Erscheinen immer noch von einer beeindruckenden Frische und Dringlichkeit ist.

 

 

Matthias Dell

1) 8./.9. November: "Morning Swim" (Fiete Raddatz) im Duisburger Hallenbad Neudorf. Vorher meldet das Radio den US-Präsidentschaftswahlausgang als wahrscheinlich, danach ist er amtlich, die Zeit dazwischen wie betäubt. Auf dem Rückweg auf dem Rad verfahren und plötzlich in dem Tunnel, in dem bei der Love Parade 2010 Menschen starben. Surrealer Moment. Gespenster aus der Vergangenheit.

2) Der NSU-Prozess, allem Leerlauf, aller Verhandlungsmechanik zum Trotz. Die Bewegungen, Interaktionen auf der Anklagebank, die medial gesteuerte Kommunikation der Nebenkläger, die man von der Besuchertribüne aus nicht sehen kann und die, wenn sie reden wollen, einen Knopf drücken und dann von der Kamera automatisch fokussiert werden. Das Rattern der Laptop-Tastaturen von Journalisten und Beobachtern, die in den Pausen Recaps der gewesenen Verhandlungstage erzählen.

3) 27. November: "Polizeiruf: Sumpfgebiete", 56. Minute. Funny

 

 

Monika Dommann

Nein! Da ging ein Ruck durch das Land vor diesem ominösen Sonntag Ende Februar 2016, als die Schweizerische Volkspartei (SVP) mit der Volksinitiative „Zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer“ (DSI) einmal mehr mit einer Doppelstrategie durch die Mehrzweckhallen und die Social Media fegte. Zwecks des Unterfangens: Permanenter Wahlkampf und kontinuierliches Umschreiben der Bundesverfassung. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Agitationstechniken von Agents provocateurs, clever von den Revolutionären abgeschaut. Doch diesmal kam es anders. Spät, aber gerade noch rechtzeitig, beschlossen Bürgerinnen und Bürger, dass Christoph Blocher, dem alten Mann aus Herrliberg, ein entschiedenes Nein entgegengesetzt werden müsse. Ein zorniges, warnendes aber auch poetisches Nein. Die schwarzen Schafe lösten sich auf Plakaten, die mittels Crowd Funding finanziert wurden, in einer zackigen Typographie auf: Nein! Zum Schluss reichten die Stimmen an der Urne. Ein kleiner Bergsturz am Herrliberg. Das morsche Gestein brach ein. Nein!

Kein Schenkelklopfen! Es sind schlechte Zeiten. Jenen, die heute sagen, sie hätten es kommen sehen, setze ich aber ein Nein entgegen. Ich will Brexit und Trump nicht geahnt haben. Für die Cartoons waren es gute Zeiten. Wie wäre ich ohne die Burka-Gurken oder die Burka-Christbäume von Ruedi Widmer durch dieses Jahr gekommen? Auch in Bezug auf die Schnitzelbänke an der Basler Fasnacht war es ein guter Jahrgang. Dass da einer an der Fasnacht die Schweiz und Ausschwitz in einem Wort zusammenbringt, das war bis 2016 undenkbar. Dreydaagsfliege, dekoriert mit Fliegenklappen, sang in der vielleicht besten Schnitzelbank aller Zeiten vom strammen Rechtsrutsch in der Schweiz. Davon, dass wir, auf einer Karte betrachtet, schon ganz schön schief nach rechts, das heisst nach Österreich, gekippt seien. Und zum Schluss die Pointe, dass da noch weiter rechts ein Ort liege, der auch Schweiz heisse, „Au Schwiz“. [Link: https://www.youtube.com/watch?v=s2D_EYlUzO8]

Da war kein Schenkelklopfen mehr auf den Bänken. Das war, was guter Humor in schlechten Zeiten immer sein muss, eine Spitze, die im Hals stecken blieb.

Sex is still good when you get it! Was mir wieder wichtiger geworden ist: Sound. Viel Zerstreuung, viel Wiederholung und ab und an Überraschung. Wie jene Frauenband aus Genf, die ich im Moods in Zürich gesehen gesehen habe, mit dem besten Bandnamen von 2016 –Massicot. Papierschneidemaschine. [Link: https://massicot.bandcamp.com/] Das ist fadengerades, knochentrockenes, reduziertes Stakkato. Erinnert mich an den Sound meiner Jugend und ist doch ganz anders. Das ist kein Retro! Scharf ist das. Insbesondere auch der knallrote kleine Bass von Mara Krastina. Überhaupt sind die Frauen wieder motzend zurück auf den Bühnen, Tonträgern und Soundtracks. Auch im besten Dokumentarfilm von 2016: Europe She Loves, von Jan Gassmann, mit einem wütigen Track von Kate Tempest („Sex is still good when you get it“) und zerrissenen jungen Menschen in Dublin, Sevilla, Tallin und Thessaloniki, die sich durch die Nächte vögeln an den Rändern eines Europas, von dem diese Generation bestenfalls schlechte, temporäre Jobs im Prekariat kriegt.

Keine Anne-Willi-Freakshow! Die linke Wochenzeitung WOZ, dieses Jahr 35 Jahre alt geworden, ist besser denn je. Sie ist vielleicht das geworden, wovon 1981 in Grönland geträumt wurde: Ein Kollektiv des Widerstands. Bleibend unter den vielen Perlen ist das Gespräch von Daniel Ryser und Carlos Hanimann mit einem Hassredner. Das Interview stellt sich einem jener Internetwutbürger – Männer, die nach Mitternacht die Kommentarfunktion der Onlineportale füllen und auf den Kanälen von Facebook wüten – fragend entgegen und verwickelt ihn in Widersprüche. Von Daniel Ryser stammt auch die Reportage des Jahres über Qaasim Illi und den Islamischen Zentralrat, die ebenfalls in der WOZ erschienen ist. In Deutschland hat die total verschleierte Nora Illi, die Ehefrau von Qaasim Illi, Fernsehberühmtheit bei Anne Willi erlangt. Ryser setzt dem medialen Islamistenhype die hervorragend recherchierte Geschichte eines Mehrfachkonvertiten (u.a. Jesus-Freak, Technopartyveranstalter, Islamist) gegenüber. Die Unterstützung des guten Journalisten ist eh zur Aufgabe des Jahres geworden

 

 

 

Lukas Foerster

Klar gibt es derzeit genug wichtigere Gründe sich zu erregen. Und klar ist es ein wenig reaktionär, sich ausgerechnet über die Schockbilder zu ärgern, die seit ein paar Monaten Zigarettenpackungen zieren. Aber auch als eigentlich ästhetisch nicht allzu wehleidiger Nichtraucher kann ich nicht anders. Die müssen weg!

Erst vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal etwas von ihm gelesen. Seither macht mich der Gedanke glücklich, dass Wilhelm Genazino schon seit meiner Geburt, tatsächlich sogar noch etwas länger, einfach ein Buch nach dem anderen schreibt. Schon an den Titeln kann ich erkennen, dass ich sie bald alle lieben werde.

16.12.: Ein Abschiedsgeschenk an Berlin. Oder den Hausmeister.

 

 

 

Christoph Haas

Musik

Favoriten:
- The Lemon Twigs: Do Hollywood
- The Shacks: Same
- Solange: A Seat at Your Table
- Xixa: Bloodline 

Gerne gehört:
- Andra Day: Cheers to the Fall
- The Prettiots: Funs Cool
- Xenia Rubinoos: Black Terry Cat
- Teenage Fanclub: Here

Retro Pleasures:
- Lady Wray: Queen Alone
- The Olympians: Same
- Nick Waterhouse: Never Twice

Blasts from the Past:
- The Grateful Dead: San Francisco 1976
- V. A.: Falscher Ort, falsche Zeit – Vol. 1 & 2
- V. A.: Slow Grind Fever – Vol. 5 & 6 

Zum Mitsingen:
Friedrich Sunlight: „Nicht ans Meer“ 

 

Comic

1. Adrian Tomine: Eindringlinge
Seit Jahren arbeitet Tomine daran, der Raymond Carver der amerikanischen Comics zu werden. Mit diesem Band hat er das Level seines Meisters erreicht.

2. Nicolas Wouters/Mikael Ross: Totem
Eine Coming of Age-Geschichte in den Wäldern der Ardennen. Gewaltzusammenhänge überall und ein Happy End, das nicht happy stimmt.

3. Paco Rosa: la casa
Ein alter Mann stirbt, zurück bleiben drei erwachsene Kinder und ein Haus, das leer geräumt werden muss. Vergangenheit und Gegenwart berühren einander, in Bildern, wie sie so nur im Comic möglich sind.

 

Film

- Toni Erdmann: Kommentar überflüssig.
- Zoomania: Best female cop ever.

 

 

Günter Hack

Der Eingang zum Kino "De France" liegt in einer Nebengasse der Wiener Ringstraße. Es ist erst Sechs, trotzdem ist es schon finster, die dunkelsten Wochen im Jahr sind es, erst vorletzte Woche hat Alexander Van der Bellen gegen Norbert Hofer die Bundespräsidentenwahl gewonnen, allzu knapp. Wir steigen den engen Schlauch in die Kinokatakombe hinab. Gegeben wird der Filmessay Sühnhaus von Maya McKechneay. Er handelt vom Ringtheaterbrand, erzählt die Katastrophe als Paraphrase auf die österreichische Gesellschaft und ihre Hierarchien: Die Reichen im Parterre konnten sich retten, die Menschen auf den billigen Plätzen starben hinter dem gewaltigen Portal eines Seiteneingangs, dessen Türflügel sich nur nach innen öffnen ließen. Im Kinosaal auch uniformierte Mitglieder der Wiener Berufsfeuerwehr, die gekommen sind, um etwas über den historischen Ursprung der heimischen Brandschutzvorschriften zu erfahren. Auf der Leinwand lecken Feuerzungen an experimentellen Schutztüren, biegt der Kamerablick um die Ecken des Kommandobunkers in der Landespolizeidirektion Wien, die heute auf dem Grundstück steht, auf dem sich erst das Ringtheater und dann das von Kaiser Franz-Joseph I. gestiftete kaiserliche Sühnhaus erhoben, dessen Mieteinkünfte wohltätigen Zwecken zugute kommen sollten. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs brannte auch das Sühnhaus ab und wurde unter zweifelhaften Umständen geschleift - ein Experte im Film äußert die Vermutung, dass die Nazis belastendes Material aus einem der angrenzenden Palais heiß entsorgen wollten und der Brand dabei auch auf die umliegenden Gebäude übergegriffen hatte. Ich blicke mich um, wir sitzen im zweiten Untergeschoß, mindestens, der Sicherheitsausgang gleich nebenan, ordnungsgemäß beleuchtet, sehr gut. Das Kino liegt genau gegenüber der Stelle, an der auf der anderen Straßenseite das Portal gestanden hat, hinter dem die Opfer des Ringtheaterbrands hatten sterben müssen. Auch heute unterbricht dort ein Tor die gleichmäßig gerasterte Fassade des Polizeihauptquartiers, die Stahltür ist geschlossen, die Muster des Films setzen sich in der Lebenswelt fort. Jetzt bin ich draußen, an der frischen Luft, das Kellergefühl bleibt.

 

 

Stephan Herczeg

2016 habe ich ungefähr so durchlebt und ertragen wie die Figur, die Isabelle Huppert in L’avenir gespielt hat: Stoisch und nach außen hin abgeklärt den ganzen Mist ertragen, der einem und in der Welt passiert ist, ohne komplett durchzudrehen, um dann aber doch ab und zu pointiert auszuflippen. Gefallen hat mir an 2016 die Rückkehr des Politischen in die Privatgespräche mit Freunden. Die Diskussion um die Vorfälle an Silvester in Köln, der total ärgerliche Brexit, die unglaubliche Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten haben mich so wahnsinnig aufgeregt, verärgert, enttäuscht, und es war interessant und erhellend sich mit möglichst vielen Leuten darüber zu unterhalten.

Ohne regelmäßige Zerstreuung im Kino hätte ich das alles gar nicht ausgehalten. 2016 war ein gutes Filmjahr, wie ich finde. L’Avenir von Mia Hansen-Løve und Wild von Nicolette Krebitz haben mir persönlich am besten gefallen. Der Rummel um Toni Erdmann von Maren Ade mit seinen Befürwortern und (wenigen) Gegnern war auch super. Und dann gab es eben mal wieder gute bis sehr gute französischsprachige Filme: Quand on a 17 ans von André Téchiné, Suite armoricaine von Pascale Breton, Frantz von François Ozon, Rester vertical von Alain Guiraudie, Juste la fin du monde von Xavier Dolan und La fille inconnue von den Dardenne-Brüdern. Um nicht den Eindruck zu erwecken, alles toll zu finden, hier noch zwei Filme, die mich richtig geärgert haben: A bigger splash von Luca Guadagnino und Elle von Paul Verhoeven. Serien habe ich mir auch angesehen: hundert Staffeln Downton Abbey (war okay), Les revenants (sehr toll), The affair (hätte mir mit anderen Hauptdarstellern und ohne Sexszenen besser gefallen).

Ansonsten: temporäre Verliebung in André Téchiné als homosexuelles Role Model. Habe mir nochmal mit großer Begeisterung Les roseaux chauvages, Les voleurs, Les temps qui changent und  L'Homme qu'on aimait trop angesehen. In L'Homme qu'on aimait trop spielt auch Adèle Haenel mit, in die ich dann auch temporär verliebt war und die letzte Woche zu meiner großen Freude in dem Dardenne-Film wieder auftauchte. Sie hat in dem Téchiné-Film eine wahnsinnige afrikanische Tanzszene, die auf Youtube nicht zu finden ist, weshalb ich diese besagte Szene von der DVD rippen und in das System hochladen wollte. Hat dann irgendwie nicht geklappt, aber ich kann mich noch genau an mein Scheitern an diesem heißen Sommertag im August 2016 erinnern, weshalb diese etwas langatmige Ausführung hier niedergeschrieben werden musste.

Emmanuel Carrère war auch noch ein 2016er-Thema für mich. Einige seiner Bücher gelesen, manisch Interviews mit ihm gelesen und als Podcast gehört. Über ihn bin ich dann auch auf die französische Radiojournalistin Laure Adler gestoßen, die ihn für ihre Radiosendung Hors-champs auf France Culture 200 Minuten lang interviewt hat. Laure Adler ist total super und pflegt einen spröden, sich nicht anbiedernden Interview-Stil, den ich so noch nie gehört habe, weshalb ich mich temporär undsoweiter, auch weil sie in anderen Sendungen André Téchiné und Mia Hansen-Løve zu Gast hatte.

Und dann gab es noch einen Urlaub in der Bretagne. Ich erinnere mich, wie wir mit einem bürgerlichen Mietwagen mit Münchener Kennzeichen auf engen Landstraßen an diesen mit Efeu bewachsenen Wällen vorbeirasten und im Radio unentwegt französicher Billo-Dancehall von Maître Gims gespielt wurde. Einen Abend sind wir direkt vom Strand und noch voller Sand ins Kino gefahren, um Bonellos Nocturama anzuschauen, und ich hatte in diesem Provinzkino so eine wahnsinnige Sehnsucht nach Paris.

 

 

Jakob Hesler

Ein Film, der von meinem Jahr bleibt: FIELD NIGGAS von Khalik Allah – ein greller Schock in rauschhafter Zeitlupe – immersive Erfahrung einer Wirklichkeit – Fenster in eine neue Zeit des Filmens und Dokumentierens, aufgestoßen vom ästhetischen Pathos der Generation VICE, luminos, sozialkritisch, innig bis sentimental, ja spirituell. Oder einfach nur voyeuristisch? Allah hat sich einen Sommer lang nachts an einer Harlemer Drogenkreuzung unter jene geschundenen Gestalten gemischt, die dort in einer Parallelwelt aus Schmutz, synthetischen Billigdrogen und verzweifelt aufwallenden Leidenschaften festhängen. Partizipativer Journalismus. Die Junkies werden in ästhetisierenden Slo-Mo-Einstellungen gefeiert, bestaunt, begafft. Aber sie gaffen uns auch an. Ihr Abgrund starrt zurück. Schmerzhaft eindringlich. Freaks mit abschweifendem Blick zwischen Entrückung und Zerstörung, aber auch von großer Schönheit, die in Allahs filmischem Setup überhaupt erst sichtbar wird. Ihr Blick bekommt eine Bühne. Die Tonspur mit „Interviews“, Gesprächsfetzen, Gelalle, Atmo ist nicht synchron, aber meist halbwegs Gesichtern zuzuordnen. Es dauert dabei auch eine Weile, bis deie Stimme des Fimemachers im Audio-Gewirr zu identifizieren ist. Diese Entkoppelung gibt den Protagonisten trotz der intimsten Entblößung eine Schamzone, eine einfache und kluge Taktik. Dazu läuft im Hintergrund der Singsang einer 1950s Chaingang, das ist etwas plakativ. Immer wieder schießen selbstreferentielle Blitzer auf, Allah zeigt sich mit seiner Kamera in einem Spiegel; filmt, wie er mit dem Auto zum Drehort fährt; auch überraschend wohlwollende Polizisten kommen übrigens zu Gesicht, schauen sich bereitwillig die Fotos an, die der Fotograf Allah immer dabei hat, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Ein Film, der zugegebenermaßen schon von 2015 stammt und zum Glück auf Vimeo in voller Länge und herrlichem HD zu sehen ist.

Und eine Infografik, die von meinem Jahr bleibt: Der Kursverlauf des Britischen PFUNDS in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016… aber genug davon. Höchste Zeit für 2017.

 

 

 

Tom Holert

Anfang März in Nizza an der Promenade des Anglais und oben in der schönsten Kunstakademie Europas, der Villa Arson. Im Zentrum der Stadt eine kleine Demo gegen das neue Arbeitsrecht. Wir: nichts ahnend. Vier Monate später Gedanken zum wie auch immer zu konzipierenden Zusammenhang von ostentativem Luxuskonsum, Neoliberalisierung und Fundamentalismus.  

„It matters which thoughts think thoughts. We must think!“ (Donna Haraway)

Carl Einstein und meine bescheidene Entdeckung des Kontinents „um 1930“. Sebastian Zeidlers fantastische Studie Form as Revolt. Carl Einstein and the Ground of Modern Art (Cornell UP, 2016). Mit Einsteins Hilfe herausgefunden, was ich schon immer über Picasso, Braque und Klee wissen wollte, diese Neugier zuvor nur ahnend.

Geschichte der Wiederholungen: Soviel Wissen, das in den Instituten, Ministerien, Redaktionen vorrätig sein sollte, weil seit Jahrzehnten erforscht und analysiert; und doch wird weiterhin so getan, als wäre alles neu, breaking new: Videoüberwachung, Migration, Diversität, Sexualität, Religion. Man fasst es einfach nicht, wie erbärmlich das öffentliche und politische Wissensmanagement versagt. Teilursache des Postfaktizismus.

Mit verteilten Rollen im einsetzenden Oktoberregen in der Kösliner Straße aus Klaus Neukrantz’ Barrikaden im Wedding (1931) laut gelesen und dabei und im weiteren Verlauf des Tages Peter Weiss und Harun Farocki gedacht.  

Jodi Dean, die wohl Beständigste unter den Theoretikerinnen des Kommunismus und des Digitalen, entdeckt in Crowds and Party (Verso, 2016) ausgerechnet Elias Canetti und Gustave Le Bon für ihre Kritik des proprietären Individualismus/Kapitalismus und ihren Versuch, das Projekt der Kollektivität und damit auch die Idee der Partei aus den Trümmern der Geschichte und des Ressentiments zu bergen. Eines der Bücher der Stunde.

Überhaupt: politische Theorie, nie war sie wichtiger. Alles kommt auf den Prüfstand, nicht zuletzt das Prinzip der repräsentativen Demokratie. David van Reybroucks Gegen Wahlen (Wallstein, 2016) erklärt das Wahlrecht zu einem zerstörerischen Fundamentalismus. Der Trump-Effekt gibt ihm Recht. Van Reybrouck ist aber mit seinem Rückgriff auf das antike Lotteriesystem umsichtiger und zugleich pragmatischer als etwa Jason Brennan in Against Democracy (Princeton UP, 2016). Dessen Forderung nach einer „Epistemokratie“ mag zwar ebenfalls antiker Provenienz sein, nährt aber schon im Ansatz den Populismus.

Über die politische Ökonomie von Wissen und Nicht-Wissen, essentiell: die vielgelobten Didier Eribon (Rückkehr nach Reims [2009] Suhrkamp, 2016) und Édouard Louis (Das Ende von Eddy [2014], Fischer, 2016; Histoire de la violence, Seuil, 2016).

Synchronoptische Geschichtsschreibung: Selbstversuch in Form einer FU-Vorlesung zum Jahr 1972. Davon in ein paar Jahren mehr (Vorsatz).

Ein kulturtheoretisches Füllhorn und polemisches Skalpell zum Stand globaler Popmusiken, mit einer Ethnografie von Auto-Tune in Marokko und mahraganat in Kairo, einer präzisen Untersuchung der Red Bull Academy und anderer transnationaler Sponsoring-Formate, einer historischen Kritik des Sampling, einer Theorie diasporischer Gemeinschaften am Beispiel der Cumbia-Szene New Yorks, einer robusten Dekonstruktion des Slogans: „Geopolitics: It’s a mashup!“ und vielem mehr: Jace Clayton a.k.a. DJ Rupture, Uproot. Travels in 21st-Century Music and Digital Culture (Farrar, Straus & Giroux, 2016).

 

 

 

Alexander Horwath

18. November 2016
Regina Maria L., Standesbeamtin in Wien-Margareten, blickte auf ihre Notizen und sprach: „Musik haben Sie ja auch keine bestellt…“ Aber wir hatten eine mitgebracht, ein Lied von Gustav, also von Eva Jantschitsch.

Der Schmerz tut weh und es wird besser
Nur durch unsre Melodie

In dem Lied sind auch härtere Zeilen, aber Regina Maria L. und die beiden Zeugen hielten ohne hochgezogene Augenbrauen durch, als Regina S. und ich, Halt die Ohren steif, my darling, vor dem Gesetz und dem Dekor aus Michael Häupls Spätphase in den Stand der Ehe traten. 
Gustav D. und Hanna S., die Zeugen, filmten und fotografierten unbemerkt und führten uns am Nachmittag auf Hochzeitsreise: nach Aspern (ein Frühwerk von Herzog/De Meuron), Schloss Hof (Maria Theresias Schlafstatt, Trampeltiere von Prinz Eugen) und Hainburg (ein Spätwerk von Coop Himmelblau und ein Romantikzimmer an der Donau und den Geleisen der ÖBB). Am nächsten Morgen: der Schlosspark in Eckartsau (der letzte Anblick des letzten Kaisers, bevor er im März 1919 ins Exil nach Madeira aufbrach) und die Stopfenreuther Au, Wiege der Grünen im Dezember 1984, where the pellets of poison were flooding their waters. Aber das ist ein anderes Lied.  


5. Dezember 2016
Fullers Tochter heißt wie er: Samantha, Sam. Sie bereitet in Wien und Los Angeles einen Film über Hugo Bettauer und Otto Rothstock vor. Am Morgen nach der Wahl Alexander Van der Bellens sandte sie Regina S. das Bild, auf dem sie, Samantha, neben dem nunmehr designierten Bundespräsidenten posiert (er wiederum auf der Gummibärchenpackung, die seine Kampagne begleitete), und ich sende es ihm weiter, weil es ihn freuen soll, dass man sich auch in Fullerland freut über seinen Erfolg. Der ranghöchste Cinephile, den wir in dieser Republik jetzt haben und der seine Zeit als Research Fellow am Westberliner Wissenschaftszentrum (1972-74) „fast ausschließlich im Arsenalkino verbracht“ hat, bedankt sich als „treues Mitglied des Filmmuseums“ für unsere und Samanthas Gratulationen – und „früher oder später geht sich ein Besuch schon wieder aus!“ Die anderen treuen Fördermitglieder haben sich schon beim letzten Mal, zu Beginn der Kampagne, ganz schön gedrängt um ihn, bei Hail Caesar! 

Hi there!
Hope you're doing well and that you're happy about the election results :)
Over here, we're still in mourning about ours...
xo
Sam
 
SF


15. Dezember 2016
So schön und befriedigend es ist, Apichatpong Weerasethakul dabei zuzusehen und zuzuhören, wie er im Amsterdamer Königspalast den Prince Claus Award 2016 entgegen nimmt: Monarchisten werden Regina S. und ich in diesem Leben nicht mehr. Die heutigen Königlichen versuchen ja vieles, zumindest in den Niederlanden, um einstige Schändlichkeit zu kompensieren. Die hoch (und in Wahrheit vom Außenministerium) dotierten Prinzenpreise an die Künstlerinnen unter den Benachteiligten der Erde gehören dazu. Die Reden der Royals sind besser und ernster als jene der meisten DemReps in Österreich und anderswo. Aber syrischer Ethnojazz samt Videokitsch vor dem Middle Eastern Buffet macht die von ihnen beschworene Lage in Aleppo nicht angenehmer.
Ex-Queen Beatrix sieht, anders als damals bei Oma auf dem Cover des Goldenen Blatts, so aus, als dürfte man sie nach dem Raucherzimmer fragen. Den Weg dorthin zeigt uns stattdessen Apichatpongs Freund und Filmemacherkollege Teem, der den Schauplatz ebenso innig zu fliehen trachtet wie wir. Das Raucherzimmer liegt im Freien. Während er sich eine nach der anderen anzündet, klärt uns Teem darüber auf, dass dieser Preis nicht nur einen Geldwert hat. Er verstärkt auch den Schutzmantel, der ihn und Apichatpong in der thailändischen Öffentlichkeit umgibt, wo die Lèse-majesté-Gesetze wieder häufiger gegen Künstler, Journalisten und Intellektuelle angewendet werden. Der neue König Vajiralongkorn gebe manchen Beobachtern Hoffnung, sagt Teem, sei aber in Wahrheit noch viel bedrohlicher als der Vater, Bhumibol, der im Oktober nach einer Amtszeit von 70 Jahren und 4 Monaten (Weltrekord) den Weg alles Irdischen gegangen ist. Schon 1972 hatte er Vajiralongkorn zum Kronprinzen ernannt. Was sich da wohl alles aufgestaut hat, in diesen 44 Jahren?

What did you hear, my blue-eyed son?
What did you hear, my darling young one?
I heard the sound of a thunder, it roared out a warnin’
Heard the roar of a wave that could drown the whole world
Heard one hundred drummers whose hands were a-blazin’
Heard ten thousand whisperin’ and nobody listenin’


Bonus Track: 7. und 8. November 2016
https://www.youtube.com/watch?v=BG-_ZDrypec


 

 

Lars Hubrich

Genrefreuden: Green Room (Pogo in Zeitlupe), The Invitation (die Lampen am Ende), Don’t Breathe, 10 Cloverfield Lane, The Fits (Rasse und Coming of Age gedacht als früher Cronenberg Body Horror), Train to Busan

The Handmaiden - verspieltestes Kino, mit einer Sexszene, die nebenbei Blau ist eine warme Farbe vorführt. Besser kann man Literaturverfilmungen doch kaum machen.

Die Schriftzeichen in Arrival.

In the Last Days of the City - der traurige Nachklang von The Square, Essaykino, das mir tagelang nicht aus dem Kopf ging.

Die konsequente Expositionsverweigerung in Midnight Special.

Die acht viel zu langen Stunden von Stranger Things, in denen sich ein netter zweistündiger Film versteckt. Mein wachsendes Desinteresse an den überlangen, immer zäher erzählten Serien kann auch nicht durch The Night Of abgeschwächt werden. Dann lieber statt Stranger Things Brian K. Vaughans grandiose Paper Girls.

Überhaupt Comics: Tom King, Sheriff of Babylon, eine der interessantesten Irak-Geschichten, spannend und komplex auf eine Art, an der die meisten Filme gescheitert sind. Auch Tom King: Vision. Jason Aaron hat sich dafür im dritten Southern Bastards verrannt, leider.

Die deutsche Provinz in Auf Einmal.

What’s in the Darkness - Das Mädchen, das am Ende des Films in den wehenden Feldern verschwindet. Der schönste Moment der Berlinale.

The Happiest Day in the Life of Olli Mäki - eine große Liebesgeschichte im kleinen Boxfilm.

Das Konzert der Wild Beasts im Luxor, als der Sänger bei der Zugabe bis zum Tresen läuft und ohne Mikro in den Raum singt.

Matt Zoller Seitz’s The Oliver Stone Experience ist ein wildes Buch, das mir schon einen Vorsatz für 2017 beschert hat: Stones Filme noch einmal anzuschauen. Keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist.

 

 

Dominik Kamalzadeh

Der Enthusiasmus im Saal, als TONI ERDMANN endgültig aus dem noch Erwartbaren in surreale Ausgelassenheit gleitet. Der infernalische Nonsens von Bruno Dumonts Strandpartie in MA LOUTE; die schwebende Dekonstruktion von afroamerikanischen Rollenbildern in Barry Jenkins' MOONLIGHT; der märchenhafte Synkretismus in O ORNITOLOGO von Joao-Pedro Rodrigues; die Shakespeare'sche Leichtigkeit, mit der in HERMIA & HELENA (Matias Pineiro) Wünsche und Wirklichkeiten kollidieren; oder James Baldwin, der in I AM NOT YOUR NEGRO (Raoul Peck) beim geschliffenen Debattieren brilliert. 

Dann diese drei Doppel: Isabelle Huppert in ELLE und L'AVENIR, MIchelle Williams in MANCHESTER BY THE SEA und UNCERTAIN WOMEN, Amy Adams in ARRIVAL und  NOCTURNAL ANIMALS. Und: Jean-Pierre Léaud, dessen Aura der Macht in Albert Serras LA MORT DE LOUIS XIV langsam wegfault.

Ich schreibe diese paar Eindrücke  in einem kleinen Haus in West Hollywood zusammen. Ein idealer Ort, um dieses Jahr ausklingen zu lassen, wo paradoxerweise (und zum Glück) selbst Trump weit entfernt erscheint. Kalifornien ist an vielen Stellen des Alltags ein Beispiel dafür, dass soziale Inklusivität und Offenheit funktionieren. Den Optimismus möchte ich mir genauso wie die Kritikfähigkeit langfristig bewahren. 

 

 

Sarah Khan

#PartyhauptstadtBerlin @FJ_Murau

Unter dem ironischen Hashtag #PartyhauptstadtBerlin twittert Nils Markwardt  @FJ_Murau Fotos aus der deutschen Hauptstadt, die ein Phänomen bebildern: die atemberaubende Ödnis und Leere einer Stadt, die für ihre wilde Partykultur bekannt ist. Die Wirklichkeit sieht anders aus, erkannte der Journalist Markwardt auf seinen meist nächtlichen Streifzügen: Menschenleere Bushäuschen, leere Tramwaggons, entvölkerte Parks, ausgestorbene Straßen und Cafés. Öde Kinosäle und Foyers. Nein, Berlin ist nicht voll. In Berlins Zentrum – von Schöneberg bis Friedrichshain – muss etwas Schreckliches geschehen sein. Vermutlich ein Atomschlag. Oder Ebola? Oder gibt es keinen günstigen Wohnraum mehr für junge Menschen, die das Nachtleben bereichern könnten? Gibt es keine Jugend mehr, ist sie weggespart worden, ruhig gestellt, von Zweitwohnsitzrentnern zur Ruhe verklagt? Die Twitter-Serie des Philosophie-Journalisten hat keine Antworten, sie liefert nur Eindrücke von einer „Welt ohne uns“, wie es in die gängigen Katastrophenszenarios der letzten Jahre oft heißt. „Ich bin nur ein Chronist der Leere“, antwortete Markwardt, als ich ihn bei Twitter fragte, ob er mit dem rätselhaften nächtlichen Verschwinden der Berliner etwas zu tun haben könnte. Mittlerweile posten auch weitere Twitter-User unter dem Hashtag. Was beweisen ihre Fotos? Dass Berlins Mitte eine tote Hose ist, und noch viel Platz für mehr Menschen hat? Dass die luftige Weite verdichtet werden kann – und sollte? Ich bin begeistert, dass der Soziologen Andrej Holm Staatssekretär für Wohnen geworden ist und die Stadt nun endlich eine (letzte) Chance erhält, seine soziale Mischung und die Idee vom günstigen Wohnraum zu retten.

 

Der reiche, schwule Islamhasser

Wie gehe ich mit Hatern um, die aufgrund ihrer eigenen Minderheitsidentität eigentlich gar nicht haten sollten/dürften?  Wie gehe ich mit einem schwulen Islamhasser in meinem Freundeskreis um? Mit einer frauenfeindlichen Lesbe? Mit ausländerfeindlichen und rassistischen Einwanderern, die Hitler bewundern? Mit einer Mutter, die sich von der AfD gegen Ausländer und Flüchtlinge aufhetzen lässt, dabei hat sie selbst drei Kinder mit zwei muslimischen Männern gemacht.

Spätestens im Jahr 2016 muss man erkennen, dass die Politik der Identität nicht funktionieren kann, auch nicht die kuschelige Minderheitenidentität von links. Menschen sind komplexer, und sie sind zum Hass wie zur Selbstverleugnung fähig. Auch Angehörige gesellschaftlicher Randlagen und Minderheiten nutzen den Hass, um aus ihrem kleinen Identitätsgefängnis zu fliehen.  Wer meinte, mit seinen Freunden immer im gleichen komfortablen Boot gesessen zu haben, konnte sich in diesem Jahr nur wundern. Der wohlhabende schwule Kunstfreund aus meinem Bekanntenkreis verwandelte sich zu einem veritablen Islamhasser, der Angela Merkel hasst, der seinen alten Kumpel Volker Beck mit Inbrunst verachtet, und der sich selbst vermutlich am meisten hasst fürs Männerlieben und immer-anders-als-die anderen-sein müssen. Über Monate schickte er mir wahnhafte Pamphlete, die meist in einem penetranten ironischen Tonfall gehalten waren, Zitat: „Jedenfalls ist ohnehin alles zu spät, ich wünsch Euch Zurückgebliebenen noch viel Spaß und Freude mit den "geschenkten" Neuankömmlingen; einige sind verhüllt oder verpackt in Westen, wie Überraschungseier, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ...in den Pass.“ 

Ich vermied es, bis auf wenige Versuche, inhaltlich mit ihm zu argumentieren. Ich wies ihn aber wiederholt darauf hin, dass ich politisch und weltanschaulich anderer Meinung bin, und deshalb seinen ironischen Tonfall für nicht angebracht halte. Er solle bitte nicht denken, wir würden uns automatisch verstehen, nur weil wir die gleichen Galerien besuchten, und bräuchten uns nur noch die flapsigen Stichworte zuzuschmeißen. Seither höre ich kaum noch von ihm. Dafür hat er jetzt neue Freunde in der rechten Ecke. Er schickt mir manchmal Links zu den Foren, wo er Kommentare postet und von anderen Islamhassern Applaus bekommt. Damit ich sehe, dass er kein einsamer Irrer ist, sondern viele Irre. Das, in der Tat, sehe ich mit Erschrecken.

 

Paper Girls, Comic von Brian K. Vaughan (Autor) bislang Vol. 1&2

Zeitung austragende Mädchen auf ihren Bikes im Jahr 1988, fiese Außerirdische und ein Trip in die Zukunft, in der die Girls bereits gestandene Frauen sind – die neue Comicserie von „Lost“-Creator Brian Vaughan entwickelt tolle Figuren und extreme Spannung. Ich tue ihr sicher keinen Gefallen, wenn ich sie mit der Netflix-Serie „Stranger Things“ vergleiche und sage, dass die Paper Girls besser sind. Stranger Things war ja eigentlich gar nicht übel, im Gegenteil, allein das Intro mit dem warmen, wabernden Mystery-Wave-Sound und seiner Videogame-Ästhetik wird muss man als Kind der 80er Jahre lieben. Aber unter dem aktuellen Eindruck, dass mit Donald Trump ein gefährlicher Kryptofaschist die USA regieren und die ganze Welt in Angst versetzen wird – falls ihn nicht noch schnell einige liebenswerte Aliens auf einen anderen Planeten entführen, pleeease – muss man allen falschen „great again“-Nostalgien, die zur Zeit Konjunktur haben, die Kante zeigen. Auch der 80er-Jahre-Nostalgie, denn Donald Trump ist ein 80er Jahre Monster. Die Gesellschaft heute ist in vielerlei Hinsicht besser als die der 80er Jahre. Und vieles von dem, was an Stranger Things Spaß macht, kommt gar nicht aus den 80ern, sondern ist von heute. Das Überschreiben und Aktualisieren des alten Materials wird in der Diskussion um Stranger Things überhaupt nicht wahrgenommen. Bei youtube und in zahlreichen Blogs werden die Filmreferenzen gesammelt, um zu zeigen, welche filmhistorischen Momente die Duffer-Brothers (Buch und Regie) zitieren – besonders in der Ausstattung und bei den Frisuren ist das eins zu eins. Von „Der weiße Hai“ bis „E.T.“ und „Gremlins“ lässt sich die ganze Mystery-in der-Kleinstadt-Klamottenkiste finden. Vergleicht man die Ebene der Repräsentation, des Casting, muss man aber anerkennen, dass die nerdige Jungs-Clique, die bei Stranger Things aus weißen und schwarzen Freunden besteht, nicht aus den 80er Jahren kommt. Sie ist Teil des heutigen Diskurses, der die Repräsentation von Minderheiten wie Schwarzen und Hispaniern verlangt. Der nette Physiklehrer, der eine asiatische Freundin hat und sie über Horrorfilme aufklärt, ist ebenso eine Figur von heute. Die Walky Talkies der Jungs, die sogar den Sprung in die Parallelwelt schaffen und für eine ständige Kommunikationsmöglichkeit auf allen Ebenen sorgen, sind keine 80er-Gadgets, sondern die popkulturell optimierten Mobiltelefone von heute, nur verkleidet als Walkie Talkies. Ich könnte weitere Beispiele aufzählen. Am schönsten an Stranger Things ist aber die unaufgeregte Aufgeklärtheit gegenüber popkulturellen Phänomenen und Parallelwelt-Theorien, die die richtigen Leute in Stranger Things habituell sofort draufhaben – weshlab man den Zirkus auch so irre mag – aber auch dies ist das heutige Phänomen eines postmodernen Mainstreams, das Jahrzehnte brauchte, bis es vorauszusetzen war. Die echten Filme der 80er dagegen sind bleiern, beladen mit öden Standard-Dramaturgien, langatmigen Erklär-mir-Plots, und sie bieten auf der repräsentativen Ebene nur die Identifikation mit hübschen weißen Jungs, wie River Phoenix (Stand by Me) oder Fred Savage (Wonder Years).  Heute ist viel erreicht, die Geschichten sind schnelle, gesellschaftlich vielfältiger und popkulturell schlauer geworden, wir dürfen uns das von falschen, nostalgischen Sehnsüchten nicht wegnehmen lassen.

 

 

 

Rainer Knepperges

Die Songs des Jahres: 

“Dayenu”, das Pessach-Lied, das uns schon vor Antritt der Reise lieb geworden war in Lou Klaymans Twist-Version, dann eines Morgens gesungen von einem kleinen Jungen mit seinem Vater auf einer feiertäglich leeren Straße im schönen Tel Aviv. „Dayenu“ heißt übersetzt so ungefähr: Schon das allein hätte uns glücklich gemacht.

Paul Simons Titelsong zur Webserie “Horace and Pete” von und mit Louis C.K.. Im Frühling bereits die Gewissheit: das ist der Film des Jahres, etwas Besseres wird es so schnell nicht geben. Am Ende der fünften von zehn Folgen, ins Zentrum der Tragödie hinein, erklang aus einer Jukebox “New York Is My Home” von Dion und Paul Simon. Oh, Musik! Begleiter, Balsam, Stärkung, Trost.

The Monkees - “Me & Magdalena” - Everything lost will be recovered / When we drift into the arms of the undiscovered. 

Der Triumphgesang der 7er-Rugbymannschaft von den Fidschiinseln forcierte meine vorübergehend schwere Sucht nach Olympiaübertragungen im Internet. Besonders gefiel mir das unkommentierte Gewichtheben, die Dramen und Ekstasen vor und hinter knallgrünen Bühnenwänden in Rio. Das Allerschönste aber war Bronze für die Freistilringerinnen Marwa Amri aus Tunesien und Sakshi Malik aus Indien. 

Patrick Wilsons Version von Elvis Presleys “Can’t Help Falling In Love” als Vorbereitung auf das Finale von “The Conjuring 2”. 

Nils Nippes - “30 Mexikaner” - Ballade zum Mitsingen, melancholische Hymne zum Lachen, endlich Hoffnung auf eine Renaissance des realistischen Karnevalsschlagers. 

“Du bist der Tonmann, du musst den Ton anmachen!” von der Band Kochkraft durch KMA, zuerst gehört bei ihrem Auftritt im Studio 672 (Konzert des Jahres) in Köln im Herbst. 

Leonard Cohen - “If I Didn't Have Your Love” und “Leaving The Table”

Patti Smith - “A Hard Rain's A-Gonna Fall”, live in Stockholm. 

 

 

Ekkehard Knörer

Verzeihung, ich habe 2016 persönlich genommen. Alles, das Politische, das alle angeht, die ganzen Toten, die viele und manchen angehen, und das Private, das keinen angeht. Nur dass in meinem Herzen und meinem Kopf alles durcheinander ging, ganz durcheinander, das Politische ging mich persönlich an, nicht nur Trump, aber der schon besonders, allerdings kam das dicke Ende ja erst später im Jahr; und das Ästhetische, das ging mich auch persönlich an, das begann schon mit Mia Hansen-Loves L'Avenir, oder sicher fing es vorher an, aber der Film, Berlinale, Frühjahr 2016, führte, was in meinem Leben eine Tragödie war, naja, eigentlich auch als Tragödie auf, mit merkwürdigen Verschiebungen, mit einer schwarzen Katze, die Pandora und nicht Moskowitz heißt, kein toter Vater, aber eine tote Mutter und Trost zwischen den Zeilen, der nicht zu viel versprochen war, Cristina auf dem Weg zur Peking-Ente fand das zu versöhnlich, aber versöhnlich, sagte ich, ich kann versöhnlich gerade ganz gut gebrauchen. Fast Forward nach Brüssel: Wir sehen Chantal Akermans Hotel Monterey, wir sehen, hoppla, das ist schon der zweite Brüssel-Besuch, Bertrand Bonellos Nocturama, und wir sehen erst recht, aber das war dann wieder Brüssel I, Five Easy Pieces von Milo Rau, der verblüffend geschmackssicher Kinder zeigt und nicht vorführt, die den Fall Dutroux reenacten. Bis zum Juli war die Grundstimmung des Jahres schwarz in schwarz, ich lobe mir die lichten Momente. Das waren lichte Momente in Brüssel, auch Cords Vortrag im dunklen, dunklen Wald (Brüssel II; und ja, ein Nachmittag in den Dünen von De Haan). Und in Paris, wo ich Paul Vecchiali gesehen habe, in persona, das war Paris I, im Kino gleich neben dem Centre Pompidou, C'est l'amour heißt der Film, so umwerfend war der nicht, umwerfend war es, den großen alten Außenseiter des französischen Kinos leibhaftig vor Augen zu haben, der dann auch noch eine Stunde Q & A locker durchhielt. Umwerfend war, auch Paris I, Suite Armoricaine von Pascale Breton, ein Film, der einen berührt, wie einen Hände, wie einen Menschen berühren, ganz ähnlich wie später, das war in Venedig (Venedig: mutwillige Wiederholung mit Variation, es bleiben die Überfahrten auf den Lido am Morgen und die Spaziergänge die Viale Elisabetta hinauf; es bleibt auch die Nacht mit viel Spritz am Canal Grande), ganz ähnlich also wie mich später Réparer les vivants von Katell Quillévéré berührt hat, in einem wackligen Nebensaal des Kinopalasts, der Titel kommt mir gerade recht, der Film tut es auch, der wirbelt vieles auf, der spült alles noch einmal durcheinander und macht doch manches auch heil, fast forward nochmal, Paris wieder, Paris vor und zurück, Paris, mit Danilo und Birthe die Dinner in der Avenue de Clichy und beim fancy Japaner, dann sehen wir im Kino Apnée, erst hin und her überlegt, ob wir den sehen oder einen anderen, dann nehmen wir den und er ist die tollste Improvisationskomödie, die man sich denken oder vielmehr eigentlich gar nicht denken kann. Ein Film, der sich Freiheiten nimmt und dir und mir damit Freiheiten gibt. Merci! Noch persönlichere Sachen, denn das Persönliche ging mich ja ganz besonders persönlich an, eine Feier im Juli beziehungsweise natürlich: Eroberung des neuen Lebens im Wedding. Die schönen Tage in Lissabon, in Basel, in Köln und in Köln (und nochmal in Köln, Siegfried Kracauers wegen) und in Frankfurt und in Frankfurt und in Wien und in Wien und in Hamburg und in Hamburg und in Greifswald und Rostock, ein Abend in Lüneburg mit Elena und Michael und Silke und den Seminarteilnehmern, nur leider ohne 35-mm-Varda, ein Abend im Sur mit Marie und mit endlosem Wein, Spaziergänge mit Freunden am Rhein, am Charleroikanal und am Donaukanal, an der Elbe und auch an der Panke, in Berlin mit Hanna das Gespräch mit Carrère, von Oberhausen aus in die Zeche Zollverein, um Forced Entertainment zu sehen, die Stoschek-Collection-Besuche in Düsseldorf und Berlin, Cargo-Gespräche in München, zuletzt dank Nacim noch nach Siegen, völlig unerwartete Freunde kamen aus Boulder, erst eine, dann zwei, dann drei, das nahm kein Ende, das soll nie ein Ende nehmen mit den Freunden aus Boulder und von anderswoher, all den Freunden, die da waren, als ich sie brauchte.

 


Florian Krautkrämer

Ein Jahr außerhalb der Uni unterwegs als Förderreferent des europäischen Filmförderfonds „Eurimages“. Eurimages ist eine der interessantesten Filmförderungen, da ausschließlich Koproduktionen von mindestens zwei Mitgliedsländern gefördert werden, deren Finanzierung zudem schon mindestens zur Hälfte bestätigt ist. Das Qualitätsniveau der Anträge ist dementsprechend hoch. Viermal im Jahr treffen sich die Repräsentanten der insgesamt 37 Mitgliedsländer in einer europäischen Stadt, um über die eingegangenen Anträge abzustimmen, aber auch, um über europäische Film- und Förderpolitik zu beraten. Meine erste Sitzung war im Juni in Amsterdam, und ich war beeindruckt von dem Einblick in die verschiedenen nationalen Fördersysteme, dem unterschiedlichen Umgang mit den einzelnen Aspekten der Projekte sowie den leidenschaftlichen Diskussionen. Von morgens bis spät abends sprach man über Inhalte und Strukturen in einer Intensität, die ich sonst nur von längeren Festivalaufenthalten kannte - und das mit Ländervertretern von Armenien bis Zypern. Die Woche endete am 24.6. mit dem Brexit, und beim Frühstück spielte Film plötzlich keine Rolle mehr. Der Brexit ist ein politisches Ereignis, das direkt auf die europäische Idee zielt. Eurimages ist hier nur ein kleiner Baustein, der aber die Grundidee zum Prinzip erklärt. England war übrigens schon seit mehreren Jahren nicht mehr Mitglied von Eurimages, aufgrund der Regularien kann es aber auch nach vollzogenem Brexit jederzeit wieder einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen. 
Während des europäischen Filmpreises im Dezember wird der „Prix Eurimages“ an eine Produzentin, einen Produzenten für herausragende Verdienste innerhalb der europäischen Filmindustrie verliehen. Bekommen hat ihn diesmal die niederländische Produzentin Leontine Petit. Es lohnt sich, ihre Rede anzuhören, sie ruft uns (und ich füge ihrem „producers and filmmakers“ noch „critics, scholars and cinephiles“ hinzu) dazu auf, nicht aus den Augen zu verlieren, dass wir auch etwas tun können und müssen angesichts des erstarkenden Nationalismus in
Europa.
Und da es hier auch um die Jahresendliste geht, meine Eurimages-geförderten Lieblingsfilme aus 2016: MUSTANG (Deniz Gamze Ergüven); ARABIAN NIGHTS (Miguel Gomes); TONI ERDMANN (Maren Ade); CHEVALIER (Rachel Tsangari); DOGS (Bogdan Mirica); SIERRANEVADA (Christi Puiu) 

 

 

Max Linz

 

Alltag und Ekstase - Kompilation eines Jahres.

Januar 

David Marton/Vincenzo Bellini: La Sonnambula. Kammerspiele München

Februar 

Diverse: Hachimiri Madness. Berlinale, Forum des internationalen jungen Films

März 

andcompany&Co.: 2045: Müller in Metropolis. HAU 3

April 

WHY BE@BOO HOO. Südblock

Mai 

Ruth Berghaus/Kent Nagano/Richard Wagner: Tristan und Isolde. Hamburgische Staatsoper

Juni 

Anne König und Jan Wenzel: f/stop Festival für Fotografie. Leipzig

Juli 

Douglas Sirk: Take me to Town. Zeughaus Kino

August

Miguel Gomes: 1001 Noites. fsk Kino, Berlin (O Inquieto, O Encantado) und Mal Sehn, Frankfurt (O Desolado)

September

Homer: Odysee. Kykladen

Oktober 

Frank Castorf/Fjodor M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

November

Maria Lassnig: Landleben. Galerie Ulysses, Wien

Dezember 

wird fortgesetzt.

 


Cristina Nord

Mai

Mit dem Zug fahre ich von Brüssel nach Kassel. Der Anlass ist traurig. Meine Großmutter ist gestorben, und ich bin auf dem Weg zu ihrer Beerdigung. Während Lüttich, Aachen, Köln, Frankfurt und Fulda an mir vorüberziehen, lese ich Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Bin sehr froh um diesen Begleiter.

Kunstenfestivaldesarts, Brüssel. Apichatpong Weerasethakuls Fever Room auf und hinter der Bühne des KVS-Theaters. Der tollste Lichtstrudel meines Lebens.

Juni

Erste Versuche, Romane auf Französisch zu lesen. Édouard Louis’ En finir avec Eddy Bellegueule. Eine ähnliche Geschichte wie die Didier Eribons, prekäre Lebensverhältnisse in Nordfrankreich, ungebremste Homophobie. Hier aus der Perspektive eines 22, 23 Jahre alten Autors vorgetragen, das heißt: Die Befreiung rückt in den Vordergrund. Vom Verlust ist noch nichts zu ahnen.

Außerdem Kamel Daouds Meursault, contre-enquête. Nach der Lektüre ist es mir ein umso größeres Rätsel, warum sich viele französische Intellektuelle in einem offenen Brief gegen den Autor gestellt haben. Okay, er hat einen Text in Le Monde und später in der FAZ veröffentlicht, in dem zwei pauschalisierende Sätze über die Vorstellungen stehen, die junge Männer in Nordafrika von Sexualität entwickeln. Ist das ein Grund für eine Anklage per offenem Brief? Wenn es zugleich einen Roman gibt, der auf beeindruckende Weise vom schwierigen Ringen um Dekolonialisierung handelt? Bei weitem nicht der einzige Augenblick im Jahr 2016, in dem sich der Verdacht erhärtet, dass intellektuelle Debatten viel zu oft nichts anderes als Schwundstufe ihrer selbst sind.

August

Mit Gyan und Ravi, den Patenkindern, auf den Spielplätzen von Kreuzberg und Neukölln.

September

Strand von De Haan: einmal in die eiskalte Nordsee reingerannt. Und gleich wieder raus.

Im Park Duden im Brüsseler Süden findet „Nature – A Night School“ statt, unter anderem mit Cord Riechelmann. Bei und nach Einbruch der Dämmerung im Stadtwald Vorträge zu halten, ist eine fantastische Idee.

Oktober

Besuch bei Freunden in Hamburg. Beim Filmfestival läuft Ang Babaeng Humayo/ The Woman Who Left. Ich bin immer wieder überrascht davon, wie sehr mich Lav Diaz’ Filme von der ersten bis zur letzten Minute in den Bann schlagen.

 

 

 

 

Dominique Silvestri

Was soll ich erzählen: nicht direkt listenscheu, hat sich mir das Jahr zwischen rigorosen Brüchen und zähen Wartezeiten jeder Aufzählbarkeit, jedem Register entzogen; ich hätte Zeit genug gehabt für das Lesen, das Filmeschauen, und hätte Stoff genug gehabt fürs Schreiben und Fotografieren, aber wenn alles sich verändert und zugleich in der Schwebe bleibt, der Koffer greifbar, ohne gepackt zu werden, wenn dann die irren Seiten des Kapitalismus über einen hereinbrechen, sodass sich die eigene Fremdbestimmung, die man sich oft genug kaschiert, wieder nachdrücklich ins Bewusstsein drängt, weicht man eher unwillkürlich, statt zum offenen Text, in die Kryptik klassischen Bloggens aus [war das nicht sowieso einer der Möglichkeitsräume dieser Form? ]: und vielleicht ist es der erste Schritt dagegen — in ganz wörtlichem Sinne —, zu überprüfen, mit welcher Körpersprache man sich eigentlich bewegt, weil doch der Körper, zwischen Verschweigen und Mitteilenwollen, die besseren Worte hat: Die Kunst des Schauspielers, der unter Beobachtung unbeirrt bleibt und das, was er verkörpert, der Fiktion abtrotzt, — sei es auch nur, endlich _gehen_ zu können wie Max Cherry alias Robert Foster in der Einkaufsmall in Jackie Brown, was ich inzwischen, glaube ich, ganz gut kann: Jeder hält mich für ausgesprochen ruhig. Freundschaft mit einem kleinen Jungen geschlossen, schwimmen gegangen, eine Prüfung mit Gelassenheit abgelegt, Lino-Ventura-Filme geschaut, Handke gelesen und jetzt, aus einer guten Kölner Buchhandlung, den Reisebericht des Dichters Bashô, in einem kleinen Buch mit blauem Seitenschnitt; nur wenig Bücher insgesamt, aber das macht die Wörter ja federnder.

 

 

Michaela Ott

Bleiben werden: Gewisse Filmästhetiken, die die Bandbreite des filmischen Narrativs zerdehnen, indem sie weibliche Protagonisten an dessen Rändern platzieren und staunend nachvollziehen, wie diese sich an übergroßen Anderen abarbeiten und Hindernisrennen der besonderen Art absolvieren, so in

- Wild von Nicolette Krebitz, der in dichter Beobachtung eines weiblichen Affekts für das Tier und in der Verweigerung von dessen Erklärung dem Film – und Zuschauerverständnis - den vermittelnden Boden entzieht;

 - Divines von Houda Benyamina, der Selbstbehauptungskämpfe farbiger Frauen in einer französischen Vorstadt als ausdauernde Tanzakrobatik um Drogen und Solidarität mit Anleihen bei Favela-Filmen und Dardennes' Rosetta dramaturgisch rasant wiedergibt;

 - Cahier Africain von Heidi Specogna, eine dokumentarische Langzeitbeobachtung des mühseligen Selbsterhaltungskampfs von Frauen und Kindern in Zentralafrika zwischen sich massakrierenden islamischen und christlichen Milizen, die deren Flucht in den Tschad als vorübergehenden Sieg begrüßt;

 - Thala mon amour von Mehdi Hmilie, in dem die Kämpferinnen der Jasminrevolution nicht nur ihre Nähmaschinen, sondern ihre Männer verlassen, um gegen deren Willen die Revolution auch im Eigennamen „Houriya/Hoffnung“ weiterzutragen. Sie geben auch in den Kinosälen den Ton an und fordern militant die versprochenen Aushandlungen ein.

 

 

 

Hannah Pilarczyk

2016 endlich Infinite Jest gelesen. Fühle mich noch immer ausgeweidet und gehäutet. Hoffe, das bleibt so.

 

 

 

Bert Rebhandl

Eine Runde mit Ulrike Ottinger, Renate Schlesier, Sissi Tax e.a. in einem kroatischen Fischlokal im Tiergarten nach einer Vorführung von Chamissos Schatten in der Akademie am Hanseatenweg. Berlin ist an diesem Abend eine Stadt der Frauen. Der Film ist selbst meinen verwegensten Reiseträumen um Elementardimensionen voraus. Zur Wrangelinsel werde ich wohl nie gelangen. Aber ganz will ich den Gedanken nicht aufgeben.

Bei der Diagonale in Graz sehe ich im März Die papierene Brücke von Ruth Beckermann wieder. Erst jetzt erschließt sich mir dieser große Film über ein jüdisches (Ost-)Europa so richtig. Die Beschäftigung mit dem Werk der österreichischen Filmemacherin und Autorin begleitet mich durch das ganze Jahr. Die Szene aus dem Collagefilm Those Who Go Those Who Stay, in der Beckermann auf einer Autofahrt in Israel mit dem Kameramann Peter Roehsler über den Teufel nicht im Detail, sondern in den großen Bögen der Geschichte wahrblödelt, wird mein Mantra für dieses Jahr der Unvernunft.

Jedes Jahr fliege ich viele Meilen zum Filmfestival nach Toronto, aber den besten Film des diesjährigen TIFF habe ich gesehen, als ich schon wieder daheim war, in einem Stream auf Festivalscope: Fixeur von Adrian Sitaru, eine Geschichte über den innereuropäischen Kolonialismus, in der einmal mehr Prostitution als die große Klammer in den Machtbeziehungen dient.

 

 

 

Simon Rothöhler

Warum nicht einfach mal nur Gutes: The Big Short (Adam McKay, USA 2015 – Potsdamer Platz, Cinestar) | Havarie (Philip Scheffner, D 2016 – Kreuzberg , Stream/Notebook) | Ta'ang (Wang Bing, CH 2016 – Potsdamer Platz, Cinestar) | Spotlight (Tom McCarthy, USA 2015 – Potsdamer Platz, Cinestar) | The Assassin (Hou Hsio-Hsien, HK/CH/TWN 2015 – Dalton, Rio Cinema) | No Home Movie (Chantal Akerman, F/BE 2015, Kreuzberg MP4/Beamer) + Aujord'hui Dis-mois (Chantal Akerman, F 1980 – Kreuzberg, MP4/Beamer) + Histoires d'Amerique: Food, Family, Philosophy (Chantal Akerman, F/BE 1988 – Kreuzberg, MP4/Beamer) + Sud (Chantal Akerman, F/BE 1999 – Kreuzberg, MP4/Beamer | Toni Erdmann (Maren Ade, D 2016 – Bochum, Stream/Notebook) | Love & Friendship (Whit Stillman, USA 2016 – München, City Kino) | Ghostbusters (Paul Feig, USA 2016 – Konstanz, Cinestar) | Bunny Lake is Missing (Otto Preminger, GB 1965 –  Lissabon, Cinemateca Portugesa) | I Love Dick, Episode 1 (Jill Soloway, USA 2016 – Kreuzberg, MP4/Beamer) | Sausage Party (Conrad Vernon, Greg Tiernan, USA 2016 – Potsdamer Platz, Cinestar) | O.J.: Made in America (Ezra Edelman, USA 2016 – Kreuzberg, MP4/Beamer) + The People v. O.J. Simpson: American Crime Story (Scott Alexander, Larry Karaszewski, USA 2016 – Kreuzber, MP4/Beamer) | You can't take it with you (Frank Capra, USA 1938 – Potsdamer Platz, Arsenal) | Seinfeld, Season 7 (Jerry Seinfeld, Larry David, USA 1995 – ICE Berlin-Bochum-Berlin, MP4/Notebook) | Dahlienfeuer (Stefan Hayn, D 2016 – Konstanz, MP4/TV) | Austerlitz (Sergej Loznitsa, D 2016 – Kreuzberg, MP4/Beamer) | Der Prozess (Eberhard Fechner, D 1983 – Kreuzberg, DVD/Beamer) ++ Henry James: Die mittleren Jahre [1893] (Jung und Jung Verlag 2015)

 

 

Sissi Tax

das frieda grafe geschuldete medientheoretische scharnier, das die beiden filme miteinander in verbindung bringt, lautet: die nacht der lebenden toten (the night of the living dead). 1968. von g. a romero. auch vampirfilme sind nicht mehr, was sie einmal waren. kein rotes blut  mehr und keine farbige totenblässe. seit das fernsehen bunt geworden ist, läszt sich auszehrung im kino schwarzweisz darstellen, mindestens so schaurig.

austerlitz. 2016. von sergei loznitsa.s/w. dokumentarfilm. menschen im hochsommer in gedenkstätten, die einmal konzentrationslager waren. ein stand der kamerablickgeschichte im 21.jahrhundert. la grande illusion.1937. von jean renoir. s/w. spielfilm. der 1.weltkrieg im spiegel der krieggefangenen(lager).von stroheim vs fresnay und gabin. die flucht in die schweiz, damals noch möglich.

die zwei filme - kontingente fügung -,  gesehen innerhalb von 24stunden: den einen im berliner kino fsk, den anderen am rechner. ein mögliches, sich gegenseitig und den ‘anseher’ (benjamin) erhellendes double feature.

 

 

Fabian Tietke

Ich weine im Kino. Oft. Aus Freude oder Ergriffenheit, in guten und schlechten Filmen, an passenden und unpassenden Momenten. In schlechten Filmen zu weinen, nervt eher, vor allem wenn man nachher, wenn das Licht angeht, darauf angesprochen wird. Als ich am Tag nach dem Anschlag auf den Breitenbachplatz anlasslos tränend in einer Pressevorführung von Peter Bergs Patriots Day saß, ist mir aufgefallen, dass ich 2016 selbst für meine Verhältnisse auffallend viel im Kino geweint habe. Irgendwie ist die Haut übers Jahr dünner geworden.

Den Anfang dieses Tränenjahrs hat eine Nachsichtung von Johnnie Tos Hua li shang ban zu (Office) gemacht – ein Film von dem schon jetzt klar ist, dass jede Liste der besten Filme des 21. Jahrhunderts, in der er nicht auftaucht, sich lächerlich machen wird. Die Bilder, die To in seinem Filmmusical für den Arbeitswahn findet, sind überwältigend und zugleich sehr einfach. Der Film spielt nahezu komplett in einem Bürohaus aus mit  einer Struktur aus Lichtstrahlen. Bilder, zum Weinen schön. Anders als die arg gewollte Abstraktion in Lars von Triers Dogville wirken die Räume aus Licht in Tos Film nie schreierisch, sondern so, als hätte To noch nie einen Film über ein Büro gesehen und schlicht nach der naheliegendsten Reduktion gesucht. Dieser Schritt zurück rückt Office in die Nähe des utopischen Stummfilmkinos wie Metropolis ohne darin prätentiös zu sein.

Ähnlichen Eindruck hat Ende Januar All'armi siam fascisti von Cecilia Mangini, Lino Del Fra und Lino Micciché auf mich gemacht. Wie Mangini/Del Fra/Micciche den Schock über eine faschistische Regierungsbeteiligung im Italien Anfang der 1960er Jahre und über die gezielte Tötung von Demonstranten durch die italienische Polizei bei Demonstrationen gegen diese Regierungsbeteiligung in einen Essayfilm über den italienischen Faschismus übersetzen, ist bemerkenswert. Wieso All'armi... heute außerhalb Italiens wenig bekannt ist, ist mir vollkommen unbegreiflich.

Die geballteste emotionale Überforderung im Kinojahr 2016 war jedoch die Filmreihe des Zeughauskinos zu Sohrab Shahid Saless. In der globalen Filmgeschichte dürfte sich wenig Verzweifelteres und zugleich in ihrem Blick auf Gesellschaft Präziseres finden als die Filme von Saless. Saless' Filme oder besser: die Realität des in ihnen Gezeigten setzen einem beim Betrachten und beim Schreiben darüber zu. Haben mir jedenfalls ziemlich zugesetzt.

Das Gegengewicht bildeten zwei Ausflüge in die Filmgeschichte und nach Wien und Bologna, Ende Mai und Ende Juni. Die Fahrt nach Wien galt eigentlich der Bill-Plympton-Personale des Österreichischen Filmmuseums, aber der Film, der rückblickend geblieben ist, stammt aus der parallel laufenden Warner-Precode-Reihe: Wellmans Other Men's Women von 1931 – ein Eisenbahner-Film von heute (wie Damien Chazelles La La Land leider einmal mehr beweist) unvorstellbarer enthemmter Körperlichkeit und mit  anlasslosen Tanzeinlagen von Grant Withers und James Cagney. Mit dem zweiten Ausflug, dem nach Bologna, schob sich vor diese tänzerische Leichtigkeit John Bowles' Schrankhaftigkeit in einem John-Stahl-Double-Feature (Back Street und Only Yesterday).

In der zweiten Jahreshälfte waren die Tränen im Kino mehrheitlich dem Lachen geschuldet: an dem Abend, den das Zeughauskino der Gruppe Arnold Hau widmete, in Douglas Sirks Meet Me at the Fair (ebenfalls im Zeughauskino), in Kurt Hoffmanns Das Spukschloss im Spessart im Rahmen von Olaf Möllers fantastischer Retrospektive zum Kino der Adenauer-Zeit in Locarno und über Mischa Auers Auftritt in Frank Capras You Can't Take it With You zur Eröffnung der Capra-Retrospektive im Arsenal (bei Lady for a Day waren es dann schon wieder eher Tränen der Rührung). Und schließlich gab es auch im letzten Quartal Tränen über die Großartigkeit des Mediums: während der Eröffnungsszene von Damien Chazelles La La Land, einer großartigen Massentanzszene während eines Staus in Los Angeles. Erst die in Patriots Day galten wieder der Beklopptheit der Wirklichkeit, die sich im Film spiegelt.

Sonst so: ein Jahr voller Entdeckungen in der Filmgeschichte der dffb. Zwei Urlaube in Sizilien; beim ersten Mal mit zwei Abenden in einem der besten Restaurants meines bisherigen Lebens, beim zweiten Mal (ungeplant in jenem Dorf, in dem Visconti La terra trema gedreht hat) mit Kajakfahren auf dem Mittelmeer und den besten Arancini der Welt. Ein erstes Mal in Locarno gewesen und die Olaf-Möller-Retrospektive war ein hervorragendes Willkommensgeschenk. Ich sollte aber eh viel öfter von Festivals eingeladen werden, die irgendwo in der Sonne stattfinden und ein gutes Programm haben.

Filme: The Bodyguard (HK, CN 2016, Sammo Hung), Office (CN, HK 2015, Johnnie To), A lina politica (E 2015, Santos Díaz), Asabani nistam! (I am not angry!) (Iran 2014, Reza Dormishian), Bangkok Nites (J, Thailand 2016, Katsuya Tomita), Brasilia, contradições de uma cidade nova (BRA 1967, Joaquim Pedro de Andrade), Dear Lorde (USA, MEX, ZA 2015, Cooper Battersby, Emily Vey Duke), Der traumhafte Weg (D 2016, Angela Schanelec), The House I Live In (UdSSR 1957, Lev Kulidzanov, Jakov Segel), Empfänger unbekannt (BRD 1982, Sohrab Shahid Saless), La prunelle de mes yeux (F 2016, Axelle Ropert), Malombra (I 1942, Mario Soldati), Meet Me at the Fair (USA 1953, Douglas Sirk), Nörgel & Söhne (DDR 1967, Kurt Weiler), Merry Christmas Deutschland oder Vorlesung zur Geschichtstheorie II (BRD 1985, Raoul Peck), Ocean Hill Drive (D 2016, Miriam Gossing, Lina Sieckmann), Pseudo Secular (HK 2016, Rita Hui), Different Fortunes) (UdSSR 1956, Leonid Lukov), Somos + (Chile 1985, Pedro Chaskel, Pablo Salas), Toni Erdmann (D 2016, Maren Ade), Utopia (BRD 1983, Sohrab Shahid Saless), Wechselbalg (BRD 1987, Sohrab Shahid Saless).

 

 

 

Carolin Weidner

 

CW

 

 

 

Robert Weixlbaumer

Déjà-vecu
Michael Stipe als Wiedergänger von Volker, der im Mai gestorben ist. Ich habe ihn beim Aufnehmen eines Fadens gefunden, der aus Volkers Man on the Moon-Filmkritik zum zugehörigen Song und von da zum REM-Video lief. Der Text war in dem Stapel, den mir Brenda gab. Volker hatte sich Highwayman (den von Nelson, Jennings, Kristofferson & Cash) als Song zur eigenen Trauerfeier gewünscht, und jetzt spazierte er als ein zweiter Highwayman in der Stipe-Gestalt durch meinen Kopf. Ein schmaler Westerner im zu schnellen Schritt am Landstraßenrand, der schließlich noch für einen letzten Zwischenstop in ein Diner voller Gefährten einkehrt. Abschied im Kino International.
 
Déjà-vu
Sommersynthese: Therapietheorien, Alice in Wonderland und Markov-Ketten, die Kathryn Beaumont schon 1951 als Stand-In für die Disney-Animation im Meer der Tränen so modellhaft veranschaulichte. Psychologe M.Sc. Ende der Naturwissenschaftlichkeit. Die letzte Master-Fassung aus dem Lagunencafé an der Giardini-Station ans Prüfungsbüro gemailt. Ein paar Tage darauf begegnet mir im Venedig-Wettbewerbsfilm Arrival das Lieblingsprogramm Mathematica wieder, das selbst Laien (mir) erlaubt, hübsche Markov- und Netzwerk-Grafiken zu basteln. Stephen Wolfram, der Mathematica-Entwickler hat Arrival spekulativ beraten. Frieda und Emir waren am Lido in der Vorführung in der Sala Grande und betrachteten die Zeitschleifenspiele der Heptapoden. Ich wollte ihnen eine Kinoerinnerung schenken, für sehr viel später. Für die beiden war danach Schulsommerferienende. Nach der Rückkehr lese ich Cristinas True Blood-Band. Ihr Gedanke vom Kino als Ort, in dem man sich als Zuschauer erkenntnistheoretischen Experimenten aussetzen kann, die einen anderswo destabilisieren würden, hakt sich fest. Noch mehr Lektionen in Vergänglichkeit.

Déjà-raconté
Ewigster Student. Habe ich das nicht schon erzählt? Seit September TP-Kandidat im Berliner Analyseinstitut der Wahl. Neue Hermeneutik. In einer der Literaturgruppen werden Freuds Text Über fausse reconnaissance (»déjà raconté«) während der psychoanalytischen Arbeit (1914) und Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis (1936) diskutiert. Ich fühle mich samt pietätvoller Gedächtnisschwäche ein wenig zu Hause. Netzwerktheorie. Zirkulär. Aliensprech. Es gibt am Institut auch eine Film AG.

FM