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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 35
vom 22. September 2017

CARGO 35 Cover, CARGO 34 Cover,

Was vom Jahr bleibt 2015

Marie-Luise Angerer

Location sometimes becomes a character (1)

In Twin Peaks sind es die Tannenbäume (Sycamore trees), der Wasserfall, der See, die Schnee bedeckten Berge und der aufziehende Nebel im Norden der USA, sie alle spielen mit, um Twin Peaks zu dem zu machen, was wir an der Serie so lieb(t)en – 2017 soll es weitergehen, hat Lynch verkünden lassen.

Ich war im April dieses Jahres an einem ganz anderen Ort: Manizales in Kolumbien, 2100m hoch, nach meinem Besuch in Bogotá, das 2600m hoch liegt, geradezu tiefliegend. Mit Manizales verbindet sich – anders als mit Twin Peaks – Kaffee, Kakao, Gold – und für mich seit diesem Jahr das Festival International de la Imagen, das seit vielen Jahren jedes Frühjahr Künstler und Theoretiker einlädt, um eine Woche lang zu diskutieren und gemeinsam Filme und Videos zu schauen. 

Anreise Flug von Bogotá nach Manizales: Flug wird kurzfristig gestrichen, der Vulkan Nevado del Ruiz ist ausgebrochen. Wir werden nach Pereira geflogen, nur 1350m hoch, schwül-feucht. Dann mit dem Bus durch Plantagengebiete und Straßendörfer nach Manizales. Unser Hotel und das Festival-Zentrum liegen hoch oben, die Universität ebenfalls. Über die Stadt bewegen sich Gondeln, die die Unter-, Mittel- und Oberstadt verbinden. Der Blick in die Tiefe unter den Gondeln ist nicht nur schwindelerregend, sondern trifft auch zahlreiche Blechhütten, die sich entlang eines Rinnsals drängen. 

Nelson Vergara und Roberto García Piedrahita, beide von der Universidad Nacional de Colombia, Künstler und Musiker, sind trotz Unwetterwarnung und einem Verbot, sich in der Nähe des Vulkans aufzuhalten, mit ihrem Bus über den Pass gefahren, um am Nevado del Ruiz zu filmen, Material, das dann in Manizales gezeigt werden wird: 4976, so der Titel der Video-Installation im Keller des Festival-Gebäudes aufgebaut, so hoch ist der Vulkan, der spuckt. Über steile Stiegen und lange Gänge geht es in einen riesigen Gewölberaum, wo mehrere Screens aufgebaut sind bzw. Projektoren, die die bizarre Landschaft am Vulkan zeigen, in flickrigen Bildern, schwarz-weiß, die Mitglieder der Crew immer wieder im Bild, vermummt wegen der großen Kälte. Der Sound, aus den Tonaufnahmen produziert, macht die Bilder noch kälter und verlassener. Immer wieder nur kleine schwarze Punkte, die winken ... es ist kalt, auch hier im Gebäude. Oben im großen Konzertsaal Eröffnungsperformance von Alain Thibault und Matthew Biederman: El paisaje sonoro Physical. Auch eine Sound-Landschaft, die zwar Bilder (mit-)produziert, die jedoch vor allem zum Hören einlädt. Doch anstatt zu hören und sich der Live-Performance aufmerksam zuzuwenden, sitzen alle Studentinnen und Studenten – wirklich alle – mit ihren Smartphones und iPads im Auditorium und nehmen alles auf, sehen regungslos auf ihre kleinen Screens, während um sie herum die Leinwand der Landschaft überwältigend ist, wie man einen Stock tiefer erfahren hatte können. Der Flug zurück nach Bogotá wieder von Pereira aus. Der Flughafen in Manizales bleibt gesperrt. Der Vulkan spuckt weiter. 

August in Vorarlberg, Kino Rio in der Altstadt von Feldkirch: Taxi Teheran von Jafar Panahi. Obwohl Vorarlbergerin und in Bregenz aufgewachsen, war ich noch nie davor im Rio. In Vorarlberg ist Feldkirch von Bregenz gefühlt weiter weg als Potsdam von Berlin (ca. 35km hier und dort). Man fährt von Bregenz nicht einfach ins Kino... was man von Potsdam aus macht, vielleicht nicht unbedingt umgekehrt. Aber das ist eine andere Geschichte. Taxi Teheran lässt mich nun aber nach Feldkirch in den Regionalzug, den Ländle-Shuttle, einsteigen. Das Rio, klein, Aufgang durch eine Pizzeria, Essen und Trinken gehören zum Rio wie seine Filme. Das macht schon die URL klar: http://www.rauchgastronomie.at/rio/kinoprogramm. Kleiner Kinosaal, die Leinwand so klein, wie ich das schon lange nicht mehr erlebt habe. Wie eine größere Videoleinwand. Die Kinositze, naja, Polster, weich, tief, alt, auch irgendwie schmuddelig. Das es das noch gibt! Zunächst sitze ich mit einer Freundin also tief eingesunken da und höre den verschiedenen akzentuierten Dialekten dieser Gegend zu, dann kommen immer mehr, die Taxi Teheran sehen wollen – immer mehr Kissen und Decken werden hereingetragen. Die paar Stufen des Saals sind wie, ja wie, wie in einem Zelt im Orient (!) ausgelegt. Der Filmvorführer klopft und rückt hier und da noch ein Kissen zurecht, um dann „Viel Vergnügen!“ zu wünschen. Wir sitzen also fest, tief verstaut zwischen Kissen, Teppichen und Decken, um so die vorlaut-witzige Nichte und ihren Onkel durch Teheran zu begleiten. Wir sitzen wie sie in diesem kleinen Auto fest, das seinen Weg nur mühsam durch den Verkehr und die Menschen in Teheran findet.....wir können nicht aufstehen und einfach gehen, wenn wir wollten......der Film ist so dicht vor uns, die Gespräche so nah zu hören (auch das Vorarlberger Dialekt-Geflüster von Zeit zu Zeit).......als ob wir durch die Altstadt von Feldkirch zwischen Kissen und Decken eingeklemmt im Kreise fahren würden. 

(1) Michael Horse alias Deputy Tommy 'Hawk' Hill in Twin Peaks

 

 

Ludger Blanke

 

Ein Jahr der Schrecken und ein Jahr der Wunder

 

Drei kalte Tage im Februar in den Tagungsräumen der Fernsehgarten-Teletubby-Landschaft des ZDF-Studios auf dem Lerchenberg in Mainz.
Nervous Breakdown am Abend des zweiten Tages im Hotel und die Erkenntnis am nächsten Morgen, dass ich die Umstände meines Lebens ändern muss.

 

Am Beginn des Sommers auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise drei Tage in Athen. Es war erstaunlich, wie wenig von der Erregung, die sich um die Finanzlage Griechenlands in diesen Wochen in meiner Umgebung, in den Medien und im Netz abspielte, in Athen tatsächlich sichtbar war. Wir waren aus einem anderen Anlass dort und ich war noch voll mit den Bildern und Phrasen der Debatten – aber in diesen drei Tagen am zentralen Ort der Krise offenbarte sich nicht ein einziges wirklich signifikantes Zeichen für dieses Drama: keine Graffiti mit Hakenkreuzen oder Hitler/Merkel-Variationen, keine Aufkleber, Plakate, keine Spuren von evtl. gewaltsamen Protestaktionen oder ähnliches. Nicht ein einziges an eine Wand gespraytes OXI. An einigen wenigen Geldautomaten kleine Schlangen von zwischen 5 und 8 Personen, es gab aber auch andere Automaten die dienstbereit vor sich hinblinkten. Einige, sehr wenige geschlossene Läden – aber geöffnete Pelzgeschäfte bei 30 Grad im Juli. Die Krise, der Konflikt, die Gefahr war (und ist ja noch immer) real, aber ein Bild dafür hätte ich aufwendig suchen müssen – oder herstellen. Athen in diesen Tagen war eine grosse, laute, lässige Metropole, die sich über den Sommer freute und auf die beginnende Saison vorbereitete. Mir kam die vollständige Abwesenheit dessen, mit dem ich gerechnet hatte, wie ein Schwindel vor und ich hätte den Griechen fast den Vorwurf gemacht, dass sie für den drohenden Zusammenbruch ihrer Gesellschaft keine Kulisse fabriziert hatten. 

Im Juni spazierte ich mit einem Freund, der für "Homeland" Drehorte suchte, durch den Wedding, Komparsen, die für die Serie im Sommer den Hintergrund bespielten, taten das wenig später für uns, und ein paar Tage nach dem Serienfinale im Dezember lief uns "Astrid" bei den Weihnachtseinkäufen über den Weg. Ich war blöd genug, das leicht vergiftete Kompliment zu machen, die Kunst ihres Schauspiels sei so gross, dass sie sogar einen fragwürdigen Verein wie den BND cool aussehen lassen könne. Wie die fünfte Staffel von "Homeland" das Missvergnügen und die Unüberschaubarkeit der lokalen und Weltereignisse und Debatten dieses Sommers mit Chuzpe einfach spiegelte und zu fiktionalisieren versuchte und, während noch geschrieben und gedreht wurde, zeitnah kommentierte (und dabei selten ganz schief lag), war erstaunlich. Mehr noch als sonst wurde Plausibilität der Handlung Nebensache (wogegen ich keine Einwände habe) oder ganz über Bord geworfen. Beschweren könnte sich Laura (Pouitras), deren Rolle direkt vom NSA in die Drehbücher geschrieben schien – und vielleicht die Russen. Und vielleicht Amsterdam. Der BND jedenfalls nicht. 

Im Februar gelesen, aber im November war Michel Houellebecqs "Unterwerfung" schon in einen entfernten Erinnerungsspeicher gewandert, als ein paar Fantasien aus dem ersten Drittel des Buchs über Anschläge und Unruhen in der Stadt während der ARD-Übertragung  des Fussballspiels Frankreich-Deutschland im Stade de France in Paris wieder ins Assoziationsfeld rückten. Zu Beginn der Hinweis auf die Bombendrohung für das Hotel und die erhöhte Alarmstufe in der Stadt, dann die irritierenden Explosionsgeräusche in der 17. Minute, die ich für Böllerschüsse halten wollte, aber nicht konnte. Wie Tom Bartels die Meldungen der Newsticker über einen Schusswechsel in der Innenstadt und eine mögliche Geiselnahme in die Moderation des nun vollends bedeutungslosen Fussballspiels hineinerzählte, aus seiner Angst und seinen Befürchtungen keinen Hehl machte und auch nicht aus seinem schwindenden Interesse für die Ereignisse auf dem Platz und für das alles eine Sprache fand... Zusammen mit den schockierenden "Breaking News", die ich dann parallel auf der Website des Guardian las, erzeugte das einen gespenstisch hyperrealen Raum, aus dem ich, einsam und fassungslos in meiner Wohnung, für lange Zeit nicht wieder heraus fand. 

Drei Tage später, am vorletzten Drehtag für Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg" auf dem Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof wechselten wir die Kanäle unserer Walkie-Talkies, denn ein paar Meter unter uns, in den U-Bahnschächten, war Claire Danes damit beschäftigt, die Stadt vor einem islamistischen Giftgasanschlag zu retten.

Am Abend des selben Tages: Helge Schneiders Mandarine
Dieses kurze Statement auf Facebook nach einer wegen Terrorgefahr abgesagten Lesung in Hannover war grossartige, perfekt inszenierte politische Performance: Die Einsamkeit des Hotelzimmers, der Portraitmodus des Smartphones, die Muzak aus dem offscreen laufenden Fernseher. Wie Helge Schneider zögert, schaut, den Stuhl heranzieht, noch eine grosse Bewegung mit dem rechten Arm macht, die Mandarine schält, dabei in die Kamera spricht, einen Kern mit einer unfassbar lässigen Geste in den Papierkorb wirft (man hört den Treffer), wie er von seiner Fitness erzählt und verspricht am nächsten Tag wiederzukommen, zur Not auch am Donnerstag, dann aufsteht und in der Mitte des Raumes ein paar Kick-Boxing-Moves ausführt: Etwas klügeres, besseres, lustigeres, traurigeres gab es in dieser kurzen Form in diesem Jahr nicht zu sehen.

 

Gegen Houellebecq gelesen: die im Berlin der 20er Jahre geschriebene Mohammed-Biografie des zum Islam konvertierten jüdischen Aserbaidschaners Essad Bey. Gegen "Homeland" gesehen: "Transparent".

Die Tage der Hitze in Berlin hatte ich im kalten London verbracht und da ich irgendwie die Idee hatte, den Sommer vielleicht verpasst zu haben, blieb ich im September noch ein paar Tage in Griechenland und fuhr mit einem Mietauto auf den Peloponnes. Am Ende einer langen, einsamen, schönen und sogar schwindelerregenden Wanderung entlang der Steilküste zum Kap Maleas plötzlich ein rätselhaft verrammelter Zugang zum Kap und zum verlassenen Kloster Agia Irini. Rechts ging es 100 Meter senkrecht herunter zum Meer, links genau so unüberwindbar den Berg hinauf. Fast alles, was ich in diesem Jahr erlebte, las oder sah: Mainz, Athen, die Anschläge, den Islam, die AfD und das ZfpS, Lottmann, London, die Ergebnisse von Hertha BSC, die Flüchtlinge, Jenny Hval, Homeland...nahm ich persönlich, filterte eine Mitteilung direkt an mich heraus.  So auch dieses verschlossene Tor. Was hatte das zu bedeuten? Konnte ich einfach umkehren? Ich machte Fotos, rauchte eine Zigarette und dachte lange darüber nach was ich tun könnte. Hier wurde vor langer Zeit Odysseus von einem Sturm überrascht und ins Land der Lotusesser abgetrieben. Die nicht weit entfernte Insel hielt ich zunächst für Ithaka und dachte, wenn schon Odysseus so kurz vorm Ziel einen anderen Weg gezwungen war zu nehmen, könnte eine Umkehr doch auch für mich ohne inneren Gesichtsverlust in Frage kommen. Dann fiel mir ein, dass der Name der Insel Kythera und nicht Ithaka war und ich beschloss das Tor aufzubrechen und zum Kap hinunterzulaufen. 

 

 

Hannes Brühwiler

Gleich zu Beginn des Jahres ein erstes Kennenlernen mit dem Werk von Christian Schocher. Wahres Kinoglück finde ich in seinem Film Reisender Krieger: Ein Handelsvertreter reist durch eine eintönige, sich im Dämmerzustand befindende Schweiz. Mit dem Vorsatz mir weitere Filme von Schocher anzuschauen, kehre ich nach Berlin zurück.

Eine kleine, potentiell obskure Nebenreihe des Festivals von Locarno schlägt mich im Sommer in ihren Bann. Innerhalb weniger Tage sehe ich so 88:88 (Medina), Deux Rémi, deux (Léon), L‘Accademia delle Muse (Guerin) und Machine Gun or Tpyewriter? (Wilkerson). Noch lange muss ich an diese Filme denken. Ansonsten prägten drei Werke mein Filmjahr: Cemetery of Splendor (Weerasethakul), The Assassin (Hou) und schließlich Right Now, Wrong Then (Hong). In Schneeflocken findet Hong Sang-soo zum vielleicht schönsten Filmende des Jahres.

Gerne erinnere ich mich auch an Knight of Cubs (Malick), Happy Hour (Hamaguchi), Blackhat (Mann), Arabian Nights (Gomes), die neue Platte von Sleater-Kinney No Cities to Love, The Leftovers S01 - Episode „Guest“, Michel Fabers Buch The Book of Strange New Things und die Joseph Cornell Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien - besucht gleichzeitig mit rund 60 Kindern, die lärmend, gelangweilt oder fasziniert vor Cornells Schaukästen standen.

 

 

Robin Celikates

Back to school: Amsterdam: sechs Wochen alternative Uni im besetzen Hauptgebäude; Islamabad: deutsch-pakistanische Summer school zu Demokratie und Aktivismus, u.a. mit der Awami Workers Party; Hong Kong: Gespräch mit Benny Tai über Occupy Central und die Folgen in seinem kleinen Law school office

Diaz’ Norte, the End of History; Panahis Taxi; Loznitsas Maidan; Pixars Inside Out (“Of course your tiny brain is confused. Guess I'll just have to dumb it down to your level…”)

Mit L.: Amsterdam, 6. Juli & Hanoi, 1. August; und ab dem 29.12. Morningside Drive, NYC, wo jetzt trotz Jetlag noch schnell bestimmt werden muss, was vom Jahr bleibt

 

 

Catherine Davies

Die Griechenland-Krise: Das Jahr begann in der Hinsicht ganz erfreulich, nämlich mit einer Ausgabe des Presseclubs, in der Ulrike Herrmann und Gregor Peter Schmitz den hard-money-Advokaten Wolfram Weimer vorführten und dessen von jeglicher Sachkenntnis ungetrübte Floskeln als solche entlarvten. Im Januar rangen wir uns auch endlich dazu durch, nach über einem Jahrzehnt das Abo der Süddeutschen zu kündigen und zur taz zu wechseln, was sich nicht zuletzt wegen Herrmann auszahlte. Die Beinahe-Pleite Griechenlands im Sommer ließ mich dann erneut reichlich ernüchtert zurück; die Fassungslosigkeit, die mich angesichts der würdelos handzahmen Berichterstattung in großen Teilen der deutschen Presse befiel, hält eigentlich nach wie vor an. Ein kleiner Lichtblick war immerhin im Oktober ein Feature zum Thema im DLF von Brigitte Baetz.

Ich habe in diesem Jahr begonnen, nach neuen Themen für ein zweites Buch zu suchen. Das mäandernde Lesen führte mich unter anderem zu William Cronons Changes in the Land, einer großartigen Studie über Mensch und Natur, die beschreibt, wie sich die üppige Vegetation und Tierwelt Neuenglands unter den Händen der puritanischen Siedler veränderte. Natürlich möchte Cronon keinen Urzustand rekonstruieren, dazu ist er viel zu klug, dennoch ist es schwer, bei seinen herrlichen Schilderungen der neuenglischen Natur im 17. Jahrhundert nicht ein wenig Wehmut zu verspüren. Im Vorwort zur Neuauflage blickt er auf die Entstehungsgeschichte dieses modernen Klassikers zurück, der sich, so scheint es, zu gleichen Teilen Urteilskraft, Empathie und serendipity verdankt. 

Michael Apteds Langzeitbeobachtung Up schließlich begleitete mich durch den Sommer; die Zitate der kleinen britischen Kinder aus dem Jahr 1964 wurden in ihrer ganzen Unschuld, Spontaneität und kindlichen Modulation („And say … I don’t like greens. Well, I don’t!“) mit jeder Wiederholung mehr zu einem memento mori.

 

 

Matthias Dell

1) Ruanda: Dian-Fossey-Gorillas, Genocide Memorial, Motoradtaxis, APR Kigali gegen Mukura V.S. (0:2), "The Transporter Refueled" im einzigen Cineplex des Landes, endloses Schwimmen im Kivu-See und, never felt so global before, als europäischer Gast in einem chinesischen Restaurant in Kigali, in dem die (aus China ungekannte Mehrzahl) Kinder der Familie amerikanisches Nickelodeon gucken. Als Kontrastprogramm 24 Stunden Goma, DRC, in dem sich globale Bewegungen als aggressive Konflikte treffen; strange Western/UN-Parallelwelt, in der erstaunlicherweise nebenher alle irgendwas mit Film machen.

2) "True Crime"-Footage: Die Verhaftung der Sandra Bland als eines von zahllosen Dash Cam-Videos, in dem man, im Wissen um den ungeklärten Tod der afroamerikanischen Frau ein paar Tage später im Gefängnis, fassungslos mit ansehen kann, wie eine komplett lächerliche Lage (fehlender Blinker) eskaliert und sich eine übergriffige Polizei ihre Verbrechen selber schafft. 

3) Wir schaffen das.

 

 

Jan Distelmeyer

An Kinoerfahrungen (im Augenblick) drei historische Momente:

Michael Fassbender wünscht sich als Aaron Sorkins Steve Jobs ein geschlossenes System. Das wird er 1998 bekommen, als zum Ende des Films die Exit-Zeichen im Saal des Flint Center erlöschen, bevor Danny Boyles Steve Jobs dann seine falsche und verlogene Ausfahrt aufs Dach nimmt. Der Film kommt mir vor, als ob da zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen miteinander ringen; mein romantisches Verständnis ordnet ihnen sofort die Namen Sorkin und Boyle zu. Aber als dann endlich die Notleuchten ausgehen und sich damit das System der Computerverhältnisse filmisch schließt, muss ich an Achille Mbembes Definition des Neoliberalismus denken: „eine Phase in der Geschichte der Menschheit, die von Computerindustrien und Computertechnologien beherrscht wird“

Werner Bergmanns Nachtspiele von 1978. Wieder ein großartiger DEFA-Film, von dem ich keine Ahnung hatte und der eine bewegende und merkwürdige – weil zugleich als begrenzt markierte – Offenheit produziert, die mir lange nachhängt. Besonders toll und unerwartet: die zwei unverheirateten Eheleute (Christine Schorn als Frau Sbrchylinska und Horst Drinda als Herr Paul), das Zimmerwandbild aus Zahnpasta und die Band samt Tanzgesellschaft im obersten Stockwerk des Potsdamer Interhotels. Weil das jetzt Mercure heißt und meinen Weg mehrfach in der Woche kreuzt, ändert dieser Hotelfilm meinen Blick auf das Hochhaus, das wuchtig (noch) der geschichtsvergessenen Preußenfixierung Potsdams entgegensteht.

Doom Town von 1953, ein kurzer Dokumentarfilm von Lee Savin und Gerald Schnitzer in 3D. Stereoskopie in Schwarzweiß soll den Test der Atombombe „Annie“ im März ’53 in Nevada erfahrbar machen. Erzählt wird der Film aus der Sicht eines Journalisten, der mit vielen anderen eingeladen ist, der vernichtenden Demonstration beizuwohnen. Seine mahnenden Monologe kommentieren Streifzüge durch eine simulierte Zivilisation, deren Zerstörung er nicht feiern will. Von Anfang an ist klar, dass der Bombeneinsatz falsch ist. Staat und Militär tun Unrecht. Die einzige Rolle aber, die wir mit dem kritischen Geist vor und hinter der Kamera einnehmen können, ist kommentierende Zeugenschaft. Sie stellt das Unrecht her. Der ganze Einsatz der 3D-Technik dieses Films dient dazu, etwas zu filmen, was hätte verhindert werden müssen. Dass wir bei einer Demonstration mittun („mehr als sonst“ sagt das Versprechen des ersten 3D-Dokumentarfilms) und ihre Existenz zugleich ablehnen sollen, erzeugt ein Paradox, das ich gern auf Abstand hielte. Es hat aber vielleicht dann doch mehr mit meinen Mechanismen von Intervention zu tun, als mir lieb ist.

 

 

Monika Dommann

Flüchtlingsarbeit: An der Berlinale Hotline von Silvina Landsmann gesehen, zu Beginn dieses Flüchtlingskippjahres. Eine filmische Anthropologie von Freiwilligenarbeit in Tel Aviv. Einblicke in die israelischen Abwehrdispositive gegenüber den Migrantenflüchtlingen aus Afrika und die gewieften Gegenstrategien von Aktivistinnen, die im Dickicht des Migrationsrechts zumindest einigen ein kurzes Aufatmen ermöglichen. Zudem Mor Loushys Censored Voices: Das etwas penetrant eingesetzte TV-Archiv-Material stellt die unglaublichen Interviews von Amos Oz zuweilen etwas an den Rand. Doch die Tonbänder mit den Stimmen der jungen Kibbuznikim, die gerade eben vom Sechstagekrieg zurückgekehrt waren, sind unvergesslich. Beispielsweise jene Worte eines Soldaten, der Oz erzählt, er habe absolut nichts gefühlt, als er die Klagemauer im israelischen Kampfverband zurückerobert hatte.

Jubiläumsrausch: Die Schweiz befand sich im Wahljahr 2015 im mehrfachen Jubiläumsdelirium: Morgarten 1315, Marignano 1515, Marihuana 2015. Orchestriert von der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die konsequent eine Politik des permanenten Wahlkampfs betreibt. Geschichte als zielgruppengerechte Kampagne für eine konservative Klientel. Was für ein Glück, dass vergriffenes filmisches Gegengift wieder zur Hand war! Morgarten findet statt von Erich Langjahr und Beni Müller aus dem Jahr 1978. Die Dokumentation der Morgartenfeierlichkeiten von 1977 wurde 2015 als digital restaurierte Fassung wieder greifbar. Langjahr zeigt Innerschweizer Bräuche, die allesamt im 19. und 20. Jahrhundert erfunden oder zumindest in geordnete Bahnen gelenkt wurden: das Gewehrschiessen, das Pistolenschiessen, die Trichler, mit weissen Hemden und schwarzen Zipfelmützen. Und dazu jede Menge Drogen: Stumpen, Pfeifen, Wein, Bier, Café Schnaps. Das Irritierende an diesem Film ist rückblickend, dass er damals von der einheimischen Bevölkerung in Sattel genauso gut aufgenommen wurde, wie von der Filmkritik in Zürich. The times they are a changin’. Und nicht zum Guten.

Progressive Musealisierung. Wer endet im Museum, und wenn ja in welchem? Hermann Lübbes Beobachtung einer fortschreitenden Musealisierung in den 1980er Jahren war prophetisch. Im Jahr 2015 sind auch zwei ganz grosse Beobachter der BRD im Museum gelandet: Rainer Werner Fassbinder im Martin-Gropius-Bau in Berlin und Niklas Luhmann in Bielefelds Kunsthalle. Das Museum bleibt ein Tempel der Memorabilien, und im Fall von Fassbinder waren sie gut ausgewählt: Lederjacke, Drehpläne, zusammengeklebtes Papier mit Budgets, Unterhaltungselektronik und ein gigantisches Ledersofa, in das man versinken konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob das Nikotinaroma in der Luft eine olfaktorische Fata Morgana war. Hyperpräsent die müde Stimme Fassbinders, der seine Regieanweisungen Einstellung für Einstellung auf Tonband diktiert. Dass auch Niklas Luhmann einmal ausstellungsreif würde, war nicht vorauszusehen. In der Kunsthalle Bielefelds, jene Stadt, wo der Soziologe während drei Jahrzehnten beharrlich an einer Theorie der Gesellschaft gearbeitet hatte, wurde das Arsenal der Erinnerungsobjekte auf einen heiligen Gegenstand reduziert: Luhmanns Zettelkasten (in einer Glasvitrine) im Entrée, gegenüber eine weisse Wand mit Luhmanns vielen Büchern. Serendipity. Vom Glück des Findens zeigte Buchwerdung im arbeitsamen Nordrhein-Westfalen. 

Bankspeak. Der Zeitschriftencoup des Jahres war ein Gemeinschaftswerk von Franco Moretti und Dominique Pestre in der New Left ReviewBankspek. The Language of the World Bank hat vorgeführt, dass ökonomische Gebrauchstexte wie die Berichte der Weltbank höchst aufschlussreiches historisches Quellenmaterial darstellen. Die Weltbank meidet das Konkrete, pflegt die sprachliche Abstrahierung und einen Nominalstil, der deutlich höher ist als bei durchschnittlichen akademischen Texten, mit steigender Tendenz. An der 1818 H Street NW in Washington DC werden metaphysische Dokumente produziert und Prinzipien mit universellem Anspruch formuliert, so das Verdikt des Wissenschaftsforschers und des Literaturwissenschaftlers nach ihrer Textkorpusanalyse. Deshalb war mein sprachliches Sensorium für meine alljährliche Jahresendlektüre Die 300 reichsten Schweizer des Schweizerischen Wirtschaftsmagazins Bilanz diesmal speziell geschärft. Die Bilanz bleibt jedoch ganz konkret: Köpfe, Zahlen und ein goldenes Cover: 594 850 000 000 Franken Total. So viel Geld liegt in den Tresors der dreihundert reichsten Schweizer. Da müsste man wieder mal eine Käsefondueorgie veranstalten am Genfersee und anderswo! Prosit Neujahr!

 

 

Christoph Dreher

Im gerade vergehenden Jahr das Gefühl, dass bei Serien die Zeit der ganz großen Würfe (vorerst) vorbei ist. Selbst True Detective  war ja mit der 2.Staffel eher enttäuschend.

Dennoch Spaß vor allem an zwei kürzeren BBC-Serien gehabt, die mit starken weiblichen Protagonisten aufwarten und die man im alten Stil schauen konnte/musste, ganz normal im Fernsehen, im Wochenrhythmus und deutsch synchronisiert, was aber nichts machte: Happy Valley und The Fall, die in ihrer Britishness angenehm an die früheren BBC-Serien Prime Suspect und House of Cards erinnern. Und natürlich Fargo - erfreulich wie schön es gelungen ist, die Qualitäten des Coen-Brothers-Films und die Idiosynkrasien der Brüder auf nun schon zwei Staffeln Serie zu übertragen und damit quasi ein neuartiges Genre zu kreieren...

Durch weniger Serien-Konsum sowie eine einmonatige Monster-Terror-Grippe freigewordene Zeit führte bei mir zu einem Literary Turn und dem hemmungslosen, Serien-analogen Frönen einer Affinität zur Schwarte: James Elroys Perfidia (700 Seiten), Don Winslows The Cartel (800), Zauberberg (1000), A Brief History of Seven Killings von Marlon James (knapp 700), Frank Witzels Erfindung der Roten Armee Fraktion... (über 800); Dennis Lehanes  The Given Day (700)- vorsichtig keimt bereits eine Sehnsucht nach präzisen, kompakten Dichtungen wie das alte und immer wieder hervorgeholte Lieblingsbuch, Michael Ondaatjes Collected Works of Billy the Kid (105 Seiten).

Weniger voluminös auch die immer häufiger erscheinenden Autobiografien von Zeitgenossen und WegbegleiterInnen aus dem Musikbereich: viel Spaß hatte ich in diesem Jahr mit denen von Kim Gordon, Viv Albertine und Alexander Hacke und war immer wieder erstaunt, wie gut die KollegInnen sich an die alten Zeiten erinnern.

Im Kino Teheran Taxi - berückend, wie ein mit Berufsverbot und Hausarrest terrorisierter und dennoch weder lahmgelegter noch kaltgestellter Panahi einen derart schön einfachen und zugleich komplexen, von der iranischen Gesellschaft, Politik, Haltungen und Moral und schließlich dem Medium selbst handelnden Film schafft. Und Mad Max - grandiose Orgie von rasender Bewegung, fantastisch dynamisch orchestriert, inhaltslose pure Kino-Kinetik, alle digitalen und analogen Register ziehend und virtuos miteinander verschränkend, so dass man sich ständig fragt: wie kriegt man sowas hin?

Musik: wie viele Andere auch fand ich am interessantesten die revolutionäre Dreifaltigkeit von Kendrick Lamar, D`Angelo und Kensai Washington, wobei alle mehrmaliges Hören brauchten, dabei stetig wachsend. Außerdem hervorragende Konzerte von Bands mit seltsamen Namen wie Ufomammut oder Yob erlebt.

 

 

Daniel Eschkötter

Wander=Lehrjahr(e): It was supposed to be so easy. (Just hand in...) Der Shufflealgorithmus hatte eingesetzt, schenkte das, The Streets, jahrelang nicht gehört, an einem heißen Augusttag, Köln, im Park, am Weiher; ein Seminar war gerade zu Ende gegangen nach drei Tagen. Das passte. A Grand don’t come for free. Der Bläserloopbombast des Beginns fegt immer noch alles weg, 2004, 2015, egal. Mike Skinners Anfangsungeschickaufzählung von seiner zweiten Platte, diese Addition alltäglicher absolutely nowts, hat mich in ihrer protokollarischen Ausführlichkeit, die da über den Garagebeat verschleppt wird, immer berührt, eine flüchtige musikalische Semestersynthese war das jetzt, die dann von dem einfachen, brutalen Streicherloop am Ende einfach wieder ausgelöscht wurde. Danach konnte nur »Jump Off the Roof« folgen, von Vince Staples großem Storytellingalbum Summertime 06.

(Soundtrack ansonsten u.a. Blackalicious, Cavanaugh, Grimes, Med, Blu & Madlib, Milo, Young Fathers. Und Peter Matić das halbe Jahr im Ohr, viele Stunden, Proust vorlesend.)

Audiovisuserielle Begleitungen: Comings-of-Ages im Schnelldurchgang: the americans, ja, klar, den Kalten Krieg können nur Schläfer mit richtig langem Atem inventarisieren. Und game of thrones. Überraschend. Immer wieder nebenbei und doch dabei. Wenn Schwertkämpfe, Sexpositions, Schneezombies, Schlachten egal sind, auch Drachen und Dynastisches, Mythenprojektionen in ein Davor und ein eschatologisches Vor-den-Toren, auch die Namen, die Toten, die Überlebenden, die Bögen und Wendungen – vorher gelesen, um sie aus dem Weg zu haben. Was bleibt dann? Für mich, vielleicht: eine Landkarte, in die Figuren verschickt werden von der Erzählmaschine, die game of thrones ist. Im Maschinenraum wird die Erzählweltkommunikation geregelt, damit hat die Serie viel zu tun, muss sich immer wieder selbst an sich erinnern, sich Rabenpost schicken, das ist immer zuviel, zuviel zu erzählen, zuviel zu zeigen, schnell weiter, die Chroniken müssen gefüllt werden, das kann immer so weiter gehen, ausatmen, wiederbeleben, Vorgeschichten von Vorgeschichten, Prophezeiungen, noch mal hierhin schwenken auf der Karte, in der Zeit, zu Familien und Sippen und Völkern, da waren wir noch nicht. Aber in diesem Immer-weiter aufgeschobener Schicksalserfüllungen, dieser unentschlossenen longue durée-Simulation, die doch nur ereignisverhaftet ist, da steckt eine verklebte Wette aufs serielle Erzählen, eine Hoffnung auf ihr Schlupfloch: dass da jemand verloren gehen kann zwischen Feuer und Eis, dass da jemand steht, plötzlich, irgendwann, ohne Auftrag, ohne kill list, ohne Vorsehung, ohne Funktion. So. Darauf setze ich.

David Simons und Bill Zorzis show me a hero kam plötzlich als Springsteen-untermalte Flaschenpost aus den 80ern an die Gegenwart, die amerikanische nach Ferguson und die europäische nach – ja, wonach eigentlich? – jahrelangem Absitzen und Abschieben.

Eine kurze Serie, die so emphatisch wie pragmatisch, simonmäßig eben, vom Recht auf ein anderes Leben handelt und von dessen Verweigerung, bürokratisch, populistisch, rassistisch. An der Miniserie ist vieles gedrängt, vieles unstimmig, aber gerade in der Unstimmigkeit liegt ihre Dringlichkeit. Was da alles konsequent nicht zusammengeht. Die Stadtratspolitik und das Leben in den Projects. Das Großschauspiel, das unter Perücken und Anschmiegungen manchmal ächzt und zur Karikatur drängt, Winona Ryder, Catherine Keener, Alfred Molina und alle anderen und natürlich Oscar Isaac, ein nun wirklich großer seiner Generation (a most violent year: die Ölblutkapitalismusallegorie im Modus der Godfatherverweigerung in einer Geste, einem Satz: »So after you show them the number, you look up at them – and stare«). Dagegen der unkostümierte hispanische und afroamerikanische Cast, Type- nur in den beispielhaften Leben, deren Ausschnitte immer auch die Verfehlungen der Politik illustrieren. Oder ist es umgekehrt? Es gibt keine Szene der Zusammenkunft, keine politische der Übereinkunft. Im Stadtrat wird nur gebrüllt und dick aufgetragen, er schaut auch nur durch das Teleobjektiv auf die Projectbewohner. Die entscheidenden politischen und (serien-)prinzipiellen Bühnen sind andere. Das Buch der früheren New York-Times-Autorin und betroffenen Anwohnerin Lisa Belkin hatte als Anfangs- und Urszene eben keine der politischen Ambition, Repräsentation oder Depression, von denen Buch und Serie voll sind. Sondern, neben dem Gerichtssaal und den Sitzungen der Stadtplaner, eine Lotterie, in der die Hoffnung auf ein anderes Leben, jenseits der Projects, dem Los überantwortet wurde. Der ohnehin schon entmachtete »Held« kann hier nichts mehr machen. Mit wie viel Fehl auch immer: Diese Lebenslotterie, dieses Los gibt der Miniserie ihr plausibles Strukturprinzip, auch gegenüber den seriendemokratischen Langzeitanstrengungen von the wire und treme.

broad city, Season 2. »Charlie Work«, it’s always sunny in philadelphia, S10E04. Bonsoir: hannibal, S03E01. justified, Ende: »We dug coal together.«

Filmmomente: mit Katherine Waterston in Alex Ross Perrys queen of earth und P.T.A.s inherent vice, in dessen ziemlich gelungenen Versuch, Pynchon-Struktur filmisch unaufgeräumtest nachzubauen (wie messy die Musik, die Einstellungen, die Reactionshots, überhaupt Spiel und Cast sind), sie, zusammen mit Greenwoods Vertigogestenscore, eine alles unterspülende Melancholie einführt; die entomologische Ästhetik von Peter Stricklands duke of burgundy; wie Michael Mann dem Blackhat-Hacker die gesamte Welt zum Knast macht; Venturas Weg in die Institution; Petzolds Modellwelt im Polizeiruf; Apichatpongs Archäologie.

Gemeinsam an Flüssen und Seen in Provence und Uckermark; die Abende bei Wenzel.

Dass das schon so seine Richtigkeit hat, für mich: vor Seminaren stehen. Und danach darüber sprechen, übers Vor-Seminaren-stehen und den Rest.

Aber dass es nun keine neuen Susan Grant-Bianca Maria-Anne De Groot-Linda Hudson-Heftromane mehr geben wird, das habe ich noch nicht so richtig begriffen.

 

 

Christoph Haas

Musik

Nr. 1:Bernd Begemann & Die Befreiung: Eine kurze Liste mit Forderungen

In alphabetical order:

Alabama Shakes: Sound & Color
Phil Cook: Southland Mission
Robert Forster: Songs to Play
Emile Haynie: We Fall
Nikki Hill: Heavy Hearts, Hard Fists
Mars Needs Women: Same
Tame Impala: Currents
Kamasi Washington: The Epic

Back from the Grave:

Lightnin‘ Hopkins & Billy Bizor: Wake up the Dead
V. A.: Brown Acid – The First Trip: Heavy Rock from the American Comedown Era 1969 – 1979

Guilty Pleasures:
The Darkness: Last of Our Kind
Meghan Trainor: Title
Leider enttäuschend:Eagles of Death Metal: Zippers Down

Comic

Nr. 1:

Mariko Tamaki/Jilian Tamaki: Sommer am See

Coup de Coeur:

Sebastian Lörscher: A bisserl weiter…geht’s immer. Mit dem Skizzenbuch durch das Wilde Österreich

Klassiker:

André Franquin: Der ganze Gaston

Serien:

Harrow County von Cullen Bunn/Tyler Crook
Ms. Marvel von G. Willow Wilson/Adrian Alphona u. a.
The Outcast von Robert Kirkman/Paul Azaceta
Rachel Rising von Terry Moore

Leider enttäuschend:

Elektra: Blutlinien von Haden W. Blackman/Mike Del Mundo

Kino

5 Filme von Edgar G Ulmer:

„Menschen am Sonntag“ (1929) Einer der zehn besten deutschen Filme. Nein, einer der drei besten. Punkt.
„Detour“ (1945) Ein klaustrophobischer Film noir mit unzuverlässigem Ich-Erzähler. In der weiblichen Hauptrolle die phantastische Ann Savage – nie hatte eine Schauspielerin einen passenderen Künstlernamen.
„Strange Illusion“ (1945)
Einerseits eine in der damaligen Gegenwart angesiedelte Trash-Version von „Hamlet“, andererseits ein Vorgriff auf das Kino von David Lynch. Ein Film, wie nur Ulmer ihn drehen konnte.
„Strange Woman“ (1946) Ein Noir-Kostüm-Melodram: Hedy Lamarr will die Welt erobern; sie manipuliert und verführt die Männer; am Ende muß sie bei einem Unfall sterben und behaupten, sie habe ja nur einen geliebt.
„Daughter of Dr. Jekyll“ (1957) Trash as trash can; dazu ein paar Bilder und Szenen, die „Psycho“ und das italienische Horror-Kino der 60er vorwegnehmen.

Buch

Lilian Loke: Gold in den Straßen Aufstieg und Fall eines jungen Immobilien-Maklers in Frankfurt am Main; eine Balzac-Geschichte aus dem 21. Jahrhundert.

 

 

Günter Hack

In den toten Winkel des Jahres hat jemand einen Supermarkt gebaut. Eine stille Halle, gefüllt mit allem, was ein Mensch so brauchen könnte; ich stehe allein zwischen den Regalen, es ist spät. Für Entertainment sorgen nur der Supermarktsender, der Nachrichten über die Lage in Syrien und die heißesten Neuigkeiten im Tiefkühlregal durchgibt, sowie zahllose Marketingelemente zu den besten Kinoprodukten des Jahres: James Bond – Spectre und Star Wars. Man kann sich also entscheiden zwischen jenen Helden, die für das Empire arbeiten und solchen, die gegen das Imperium kämpfen. Zwischen diesen Polen liegt der profitabelste Bereich der globalen Leitkultur. Star Wars hat zwar die bessere Crossover-Kampagne mit Kugeldroiden-Haferflocken und Sturmtruppen, deren Knautschzonenrüstung von der geschassten Kleinstwagen-Designabteilung der Volkswagen AG gestaltet wurde, aber es ist der Agent Bond, der das wertvollste Gut unserer geheimdienstdominierten Ära liefert: Actionable Intelligence. Wenn ich Bond sehe, dann erfahre ich, welche Reversbreite die durchschnittliche Führungskraft im mittleren Management zentraleuropäischer Klein- und Mittelunternehmen im kommenden Jahr als angemessen empfinden wird. Teilweise überlagern sich in den Regalen die Bond-Marketingimpulse und sorgen für interessante Interferenzen. Der aktuelle Bond wirbt für Automobile, Parfums und Uhren, sein Vorgänger für die Tiefkühlprodukt-Eigenmarke der Supermarktkette. Derzeit sind ja alle Bond-Darsteller noch am Leben, wenn sich alle zu einer deutschen GmbH zusammentäten, dann bräuchten sie wahrscheinlich schon einen eigenen Datenschutzbeauftragten und müssten einen Bond als Betriebsrat freistellen, vermutlich träfe es George Lazenby. Nicht jeder Bond darf für echte Premium-Produkte werben, klare Hierarchien sind im Marketing so wichtig wie im Geheimdienst. Die älteren Bonds wären als Vintage-Exemplare begehrt und teurer, die verblassten Spione dagegen müssten sich hinter den Star-Wars-Hygieneprodukten einreihen. Das Kino hat in seiner Geschichte immer nach maximaler Immersion seines Publikums gestrebt. Im Supermarkt ist sie erreicht. Bond duftet, R2D2 fiepst und macht sich als Deoroller nützlich. Am Ende ist klar: Die Lizenz zum Lizenzieren ist der Lizenz zum Töten immer vorzuziehen.

 

 

Stephan Herczeg

1. Das ungeheure (wenn auch narzisstische) Wutgefühl, mit dem ich am 14. November morgens durch Paris ging, um in das über das Wochenende angemietete Apartment zurückzukehren, in das ich während dieser beschissenen Nacht nicht zurückkonnte, weil alles abgesperrt und terrorisiert war und niemand wusste, wann das alles ein Ende nimmt. Dann fing auch noch Facebook an, ein neu entwickeltes Feature auszurollen und mit Push-Mitteilungen  zu nerven, die einen kumpelig anfragten, ob man sich selber als safe markieren möchte. Let your friends know that you are safe oder so ein Scheiß stand da. Ich hätte schreien können, vor Wut und Traurigkeit. Das war man also inzwischen als stinknormaler Strassencafeherumsitzer, gelegentlicher Konzertbesucher und Pariser Straßenpassant in halbgentrifizierten Lieblingsvierteln geworden: ein Anschlagsziel für Religionsfanatiker und New-Feature-Opfer für Facebook. Die erbarmungslose Entsetzlichkeit des Lebens, die in dieser Nacht so viele nicht überlebt hatten.

2. Meine Herbst-Montagabende mit T. Vor vielen Jahren, nach The Wire, hatte ich aufgehört, Serien zu schauen, weil mir natürlich der sich selbstüberhöhende Distinktionskult ums Serienschauen sofort auf die Nerven ging. Aber dann hatte T. eben doch vorgeschlagen, mal wie die anderen sich einfach eine Serie reinzuziehen. Auf Ekkehards Radioempfehlung hin ganz altmodisch Orphan Black als DVD und nicht als Stream gekauft. Immer zuerst gekocht, danach drei abgezählte Folgen hintereinander angesehen. Sofort angefixt gewesen. Super Serie für Teenager und ältere Mitmenschen. Freudige Begrüßung der Serieninvention, ab der zweiten Staffel eine zusätzliche männlichen Klon-Reihe einzuführen. Aber unser Lieblingsklon blieb immer Helena.

3. Die Merkur-Party im Dezember, die total super war. Und dann auch noch die mir dort zuteil gewordene Ehre, dass so tolle Menschen ein paar meiner Journaltexte vorgelesen haben. Vor Beglückung und Beschämung möglicherweise nicht alles mitbekommen und mit viel zu wenigen Leuten gesprochen. Wird 2016 nachgeholt.

4. Chandor: A most violent year | Anderson: Inherent Vice | Maïwenn: Mon Roi | Nicloux: Die Entführung des Michel Houellebecq | Ozon: Le Refuge | Houellebecq: Unterwerfung | Emmanuel Bove: Meine Freunde | TV France 2: On n’est pas couché (inklusive leichter Verliebungen in Léa Salamé, Aymeric Caron und Yann Moix)| Vladimir Ashkenazy: Beethoven - The Piano Sonatas | Feu! Chatterton: Ici le Jour (a tout enseveli) | Cro: Bye Bye. 

 

 

Jakob Hesler

Dieses Jahr bleibt wenig hängen. Ich habe kaum Gutes gesehen, tatsächlich aber vermutlich schlicht zu wenig nach außen geschaut. Dazu passend: eine weitere Verengung auf die (immer verdächtigen) moralisch-didaktischen und metaphysischen Aspekte. Öfter nachgedacht habe ich 2015 in dem Zusammenhang über Ben Mendelsohn. Der süchtige Räuber-Trottel aus „Killing Them Softly“, der verkommene Ex-Bankräuber aus „The Place Beyond the Pines“, der fast schon parodisch charismatische Wildwest-Gangster aus „Slow West“. Ein Schmerzensmann des Gegenwartskinos, der seiner immer stereotypen Besetzung ein doch beachtliches Spektrum der Leidensschattierungen abgewonnen hat. Geschlagen, geschunden, gezeichnet, will er mal vergessen, mal vergelten. Die Gesellschaft gab ihm nichts außer Wunden, aber ganz lassen kann er nicht von einem Restbestand an Lebensregung, verkümmert zu ätzendem Ressentiment. Immer Opfer und Täter zugleich, aufgedunsen und überdrüssig, besoffen und vorwurfsvoll, verschwitzt und verdreckt, in löchrigem Hemd. Haltlos, lieblos. Eine Vogelscheuche von Mann. Er verkörpert den totalen Ruin seiner Gattung. Männlichkeit, dies alte Verhängnis. Erlösung gibt es keine auf diesem Leidensweg. Auch wenn der bei Gelegenheit durch immer bösartigere Wendungen über sich selbst, über die erste Staffel hinaus ausgedehnt wird wie in dem niederträchtigen Florida-Familienthriller „Bloodline“ (Netflix). Mendelsohn ist hier der stark lispelnde Hauptakteur, ein verlorener Sohn, der heimkehrt und seine vermeintlich glückliche Familie in den Abgrund reißt. Ein psychopathisches Arschloch, für das bald keiner mehr Empathie übrig hat. Wie hier mit Mendelsohns Arbeit umgesprungen wird, wie erbarmungslos deren Mehrschichtigkeit geopfert wird (oder habe ich mich doch in ihm getäuscht?), das Böse als Vehikel manipulativer Spannungserzeugung missbraucht, hat mich bestürzt — und gehört doch gerade so erst recht auch noch in den Kosmos des Schmerzensmanns. Kein Wunder, wenn man so mit den Leuten umgeht! Das selbstgefällig perfide Finale legt das Publikum ein letztes Mal aufs Kreuz: Meine Befriedigung, von der Saga endlich erlöst zu sein, wird konterkariert. Doch in Wahrheit überdehnt das den Spannungsbogen endgültig, schließt ihn kurz; die triumphierende Geste endet im dramaturgischen Kollaps. Die zweite Staffel, für 2016 angekündigt, ist danach ganz überflüssig; herrlich, ein gutes Omen für dieses kommende Jahr.

 

 

Tom Holert

Die Enttäuschung über eine Biennale in Venedig, von der ich mir diesmal (Okwui Enwezor) tatsächlich etwas versprochen hatte.

Der interessierte Stoizismus, mit dem ich in einer Samstagabendvorstellung im einzigen Multiplex einer westdeutschen Kleinstadt die völlig enthemmte Dauerkommentierung  von „Alles steht Kopf“ durch die hinter mir Sitzenden  erduldete.

Die Ermüdung durch Upgrade-Zwänge, Profile-Neurosen, konsumierende Selbstpädagogik und andere Anstrengungen, nicht rauszufallen. Die allgegenwärtige digitale Melancholie. 

Die Verblüffung beim Öffnen von „S“ von Doug Dorst und J.J. Abrams.

Die nicht unähnliche Verwirrung, als die Mittzwanziger-Hipster in Noah Baumbachs „While We’re Young“ den Smartphone-abhängigen, aber zugleich dokumentarischen Wahrheiten verpflichteten Anfangvierzigern ihre (vermeintliche) Digitalabstinenz demonstrieren (kein Facebook/Twitter/Instagram-Account, dafür eine stattliche Vinylsammlung). Wie sich zeigt: eine einzige Craft-Lüge.

Das unfassbare Glück nach einem CT-Befund.

Der Eindruck, den ein gerade 20 gewordener Schwede auf mich macht, als er nicht nur den Fehler in einer falsch notierten Gleichung zur allgemeinen Relativitätstheorie aufspürt, sondern auf Nachfrage noch in acht bündigen Sätzen die Schwerkraft erklärt. (zwei Wochen zuvor hatte ich das Einsteinhaus in der Berner Kramgasse besucht).

Der Spaß mit den komplex-hingehauchten Novellen von César Aira an einem Strand am Libyschen Meer.

Der Stolz, ein funktionierendes Möbel entworfen zu haben.

Die Einsicht – plötzlich raumgreifend, und zugleich verbissener denn je bekämpft – in das längst (von eher Gemäßigten) Gedachte: „Die neue Einwanderung fordert nicht nur die soziologische Welt- und Selbsterfahrung, sondern auch den Verfassungspatriotismus heraus: nicht nur zu einer Neubestimmung des Fremden, sondern auch des fremden Bürgers.“ (Claus Leggewie, 1991). „Wenn Europa die Völkerwanderungen, die bevorstehen, als demokratische Vielvölkerrepublik überstehen will, braucht es ein neues Staatsangehörigkeitsrecht, ein Antidiskriminierungsrecht und eine Neufassung des überholten Flüchtlingsrechts. Die alten Lebenslügen müssten ad acta gelegt werden. Ob die politischen Klassen der europäischen Gesellschaften das begreifen?“ (Peter Glotz, 1991)

Das Gefühl, dass solche Einsicht sich auch künftig nicht an den entscheidenden Stellen durchsetzt.

Die Gewissheit, gemeinsam mit anderen etwas aufbauen zu können. 

 

 

Ute Holl

Was von 2015 bleibt: Irritationen.

 

Juni: Venedig

Im Belgischen Pavillon der Biennale von Venedig erinnert die Ausstellung von Vincent Meessen an die Situationisten des Global South, darunter an Joseph M’Belolo Ya M’Piku, der zusammen mit drei sensationell guten Jazz-Musikerinnen Protestlieder von 1968 in die Architektur des ehemaligen Nachtclub Un.Deux.Trois. in Kinshasa singt. Den Pavillon in Venedig hatte Leopold II als den ersten der Giardini 1907 bauen lassen. Bis 1908 konnte Leopold den sogenannten Congo Free State, dessen Kautschuk und Elfenbein als persönliches Eigentum reklamieren. Ermutigt dazu hatte ihn die Berliner Afrikakonferenz von 1894/95. Meessen versammelt in Venedig eine „Colonial Hauntology“, Phantome des Kolonialismus: „Personne et les autres“. Überhaupt gar nichts ist so sichtbar wie die Gespenster der kolonialen Strategien. Die Ausstellung im Belgischen Pavillon zeigt das aus vielen Perspektiven: z.B. Sammy Baloji in seinen Materialien zur Statistik als Selbstverwaltung: Der Abstand zwischen den Wohngebieten von Weißen in Lubumbashi und denen der Afrikaner wurde an der Reichweite des Flugs der Malariamücken bemessen. Statistisch ließ sich das schnell berechnen, weil die Afrikanerinnen und Afrikaner jeweils 50 Moskitos fangen und bei der Verwaltung der Städteplaner einreichen mussten, wollten sie eine Tagesration an Nahrungsmitteln erhalten. Vernichtung der Subsistenz, Medizin, Hygiene, Raumplanung, Kontrolle, alle Mücken mit einer Klappe: Baloji bastelt das kartographische Raster dazu, das offenbar heute noch die Stadtstruktur beherrscht. Das erkennt jeder gleich in Leopolds Pavillon, das in Berlin legitimiert wurde, in den Giardini von Venedig, in deren Kunstraum kein fliegender Händler aus Afrika mit den künstlichen Handtaschen, weder Leder, Kautschuk noch Elfenbein, reinkommt. Usw. Man braucht nicht Wissenschaftler oder Kunstfreund zu sein, um tendenzielle Rückkopplungen der Profitraten am Werk zu sehen.

 

Februar: Duhok

Flug Berlin—Erbil. Klingt wie eine Anagramm, ist aber keins. Ganz oben im Norden des Irak ist es im  Februar ruhig, Duhok ein friedliches Städtchen am Stausee. Vom Reisen ohne Grund wird aber abgeraten, wenn doch, dann mit professionellem Sicherheitskonzept. Unseres ist ein Philosophiestudent der Deutsch lernen will um Nietzsche im Original zu lesen. Er gehört zu den Leuten von Mitos-Film, die eine kurdische Filmkunst über die Grenzen aufbauen: syrische, türkische, irakische und iranische Künstlerinnen und Künstler, internationales Filmfest, Filmförderung. Sie drehen im UNHCR Lager, die Geschichte der Entführung und unmöglichen Rückkehr eines jesidischen Mädchens. Von den Vergewaltigten will niemand mehr was wissen. Sie geistern zwischen den Zelten herum. In Duhok gibt es einen neuen Stadtteil, Avro City, in dem man Eigentum kaufen kann, Apartments und Villen, Milliardenprojekt der türkischen Gürbag Group. Reichere Flüchtlinge aus Mossul, vertrieben vom „IS“, kaufen sich da ein. Volle Infrastruktur. Shopping, Fitness, Frauen auf den Wegen. Das Geld investiert sich über die Türkei zurück. Man braucht kein Ökonom zu sein, um die tendenziellen Rückkopplungen der Profitraten am Werk zu sehen. Ein paar Kilometer weiter an der syrischen Grenze kommen wir an den Resten der Bagdadbahn vorbei, Germany’s Bid for World Power, wie Sean McMeekin schreibt, der Streckenabschnitt von Konya nach Bagdad vereinbart in Berlin 1899 zwischen Deutscher Bank und Osmanischem Reich. Da war noch was los in der Hauptstadt. Rabia, die Grenzstadt ist im Februar noch verlassen, nur riesige Hunde streunen durch die leere Strassen und Häuser, und die Peschmerga mit ihren klapprigen Kalaschnikows. Das ganze liegt da als Filmset für ein Deutsch-Türkisches Joint Venture.

 

Juli, Eastern Cape.

Geschichtswissenschaftliche Winterschool der Universitäten Fort Hare und Western Cape. Technisches als Problem der Geschichtsschreibung wird diskutiert: „Technically speaking“. Der Vorschlag wird gemacht, die Landschaft des Eastern Cape im Kontext der Indian Ocean Studies zu untersuchen, aus der Perspektive der Seehandels und des militärisch-industriellen Komplexes der Seefahrt. Neue Achsen werden hier kreuz und quer durch Kontinente und Disziplinen geschlagen. Nach 1807 kommen ehemalige Sklaven von britischen Atlantikinseln nach Südafrika. Es sind darunter deren Enkel, die jetzt Geschichte in Fort Hare sind, wo auch Ernest Mancoba studierte, vergessener oder aus der Geschichte verdrängter Mitbegründer der CoBrA Gruppe, an den Tamar Guimarães und Kasper Akhøj im belgischen Pavillon erinnern. Was die südafrikanischen Studenten interessiert ist, wo die Residuen der Gewalt in der Geschichte sitzen, im Technischen, im Gesetz, unter der Haut. Mehrere Frauen darunter studieren Jura und Literatur.

Eine Woche später kommt die Nachricht, dass es schneie im Western Cape. In Hamburg fahren Frauen mit dem Fahrrad durch die Strassen und trinken Wein in Cafés. Die deutsche Bahn hat Verspätung. Familien mit kleinen Kindern und Plasktiktütengepäck schlafen in Gängen. Die Bundeskanzlerin wird seltsam stur und wird ihre Gründe haben. Im Spiegel sehe ich: personne et les autres.

 

 


Lars Hubrich

Tangerine, Queen of Earth, Krisha: bis zum Anschlag hysterische Amerikaner, jeden Moment genossen.

Zwei Konzerte, beide im Luxor in Köln: Father John Misty, Freitag, 13.11., tolles Konzert, proppenvoll. Danach zuhause über die Anschläge in Paris gelesen. Am nächsten Tag mit gemischten Gefühlen wieder im Luxor bei Destroyer, halb so voll. Nach zwei Songs vollkommen hin und weg - was für eine alberne Angst ich hatte, und wie toll die Band spielt. Selten dudelten so viele Musiker nebeneinander vor sich hin um so konzentriert zusammen zu kommen.

Arno Schmidt in der Akademie der Künste. 100 Gegenstände, viel Material, aber von Gegenstand zu Gegenstand mehr Lähmung, weniger Interesse, sich das nächste Objekt anzuschauen. Stattdessen große Lust, zuhause die Romane wieder zu lesen. Aufgabe also erfüllt, vermute ich.

Ed Brubaker und Sean Phillips bringen in Fade Out alles zusammen, was mir bei Criminal und Fatale schon den Stecker gezogen hat. Freue mich auf die neuen Hefte mehr als auf jede Serie.

Japanische Retrospektiven im JKI in Köln: Okamoto Kihachi, Shinji Sōmai (der betrunkene Vater in Ah haru, der am Ende ein Ei auf seinem leblosen Körper ausbrütet, die wirklich sensationelle Plansequenz am Anfang von Yuki no danshô, jônetsu), die beiden verlorenen Frauen in Yoshitarō Nomuras Giwaku, in ewiger Abneigung vereint.

Berlinale: Jafar Panahi, Taxi, wenn die Beschränkung der Mittel einen tollen Film ergeben und nicht Victoria. 45 Years, unsentimentaler und erfreulich undramatischer wurde selten eine Ehe zerlegt.

Inside Out, Abstraktion als Familienunterhaltung, sagenhaft.

Fargo, zweite Staffel. Die erste Staffel schon viel besser als die ausgestellte Tristesse und unerträgliche Misogynie in Pizzolattos Erzählungen, siehe True Detective (Galveston hat gleich den unschönen Ton gesetzt). Mit der zweiten Staffel hat Hawley Pizzolatto dann wirklich meilenweit hinter sich gelassen.

 


Dominik Kamalzadeh

Agnes Martin in der Tate Modern, August. Eine groß angelegte Schau der kanadisch-US-amerikanischen Malerin, die in ihrem Frühwerk mit vielen anderen Entwicklungen auf einer Linie war, bis sie sich allem, auch krankheitsbedingt, immer mehr entzogen hat. Bilder, die nur noch aus Linien und weißen Flächen bestehen; eine Konzentration, die auf mich gleichermaßen befreiend wie bedrückend wirkte. Sie nannte es „Geometrie der Natur“. Danach waren die Augen hellwach

Bella e perduta von Pietro Marcello, Herbst. 2015 habe ich viele Filme gesehen, die dem krisenhaften Europa mit großer Fabulierlust kontern: von Miguel Gomes, Corneliu Porumboiu und Pietro Marcello. Alle drei sind großartig. Der letzte Film hat mich jedoch am meisten überrascht: Die Geschichte eines verwaisten Büffels, der von Pulcinella, der Dienerfigur aus der Commedia dell’arte begleitet wird, als Geschichte einer Verdrängung von Kultur und Tradition, an der nicht nur Italien laboriert.

Michel Houellebecq, Unterwerfung, Dezember. Houellebecques Buch habe ich wie noch jedes andere von ihm gleich gekauft, aber dann doch nicht sofort gelesen. Nach den Anschlägen in Paris las ich es dann doch, hauptsächlich in Flugzeugen. Die Utopie eines anderen Europas, das sich gen Süden und Osten ausrichtet; die politischen Umformungen in Frankreich, die er hellsichtig beschreibt; die Rückkehr Gottes und die von Meursault befeuerte Ironie – all das wirkt, unheimlich, nach.

Charlie Hebdo-Cover, Nr. 1178, Jänner. „Tout est pardonné“

 

 

 

Sarah Khan

Musik

Ariel Pink: Pom Pom

Ariel Pink kann Pop und Hitmachine (Put your number in my phone) aber er interessiert sich doch mehr für Noise Opera. Ich bewundere ihn sehr, er scheint sehr frei zu sein.

 

Brandenburg

Seit Jahren fahren wir sommers nach Brandenburg, seit 2015 sind meine Familie und ich nun auch Wochenendhaus- und Landbesitzer. 

So komme ich regelmäßig mit der Vorstellung alteingesessener Brandenburger in Kontakt, dass Fremde ihnen etwas wegnehmen könnten - vorzugsweise aus dem Garten oder dem Haus. Als Abwehrmaßnahme beschallen sie ihre Gärten ganztägig mit Schlagermusik, das ist auch ziemlich wirkungsvoll. Das ganze Benehmen ist als gäbe es einen alten Schatz auf ihrem Grund und Boden, den sie zwar selbst nicht kennen, aber der unbedingt verteidigt werden muss. Die Idee mit dem Schatz brachte mich auf den Gedanken in den Sagensammlungen Brandenburgs nachzusehen, und so entdeckte ich dass Brandenburgs Erzähllandschaft voller Kobolde ist, die unerreichbare Schätze bewachen (vorzugsweise in tiefen Brunnen oder Seen), den Einwohnern Wertvolles entwenden oder sie sonstwie quälen. 

Das Erzählmotiv "der verlorene Schatz" ist also deutlich älter als all die Geschichten über verlorene Güter und Aussichten, die mit dem 20.Jahrhundert (Krieg, Bodenreform, DDR-Sozialismus, Wendezeit) zusammenhängen. Jetzt wäre noch wichtig zu wissen, ob es in Brandenburg auch Erzählungen über Elfen gibt - aber bis jetzt fand ich keine. Was daher rühren könnte, dass Elfen zu der Aristokratie unter den Fabelwesen gehören, und vielleicht verschwanden sie mit den Gutsbesitzern und dem Landadel? 

Wer eine Elfengeschichte aus Brandenburg kennt, mag sich bitte dringend bei mir melden! 

 

STAR WARS vs. SAGA

Die Comicserie SAGA von Brian K. Vaughan (Autor der Serie "Lost") und Fiona Staples besitzt all den Witz, die Phantasie und den charmanten Zauber, den STAR WARS nun leider verloren hat. Der Disney-Fortsetzer "THE FORCE AWAKENS" war kurz vor Weihnachten eine furchtbare Enttäuschung. 

Prinzessin Leia zum Beispiel, was ist aus ihr geworden? "Die Macht ist stark in meiner Familie", sagte Luke Skywalker einst in der Urtrilogie von 1977-83.  "Meine Vater hat sie, ich habe sie, und meine Schwester hat sie auch." 

Leia, die einst so anmutige Stranguliererin von Jabba the Hutt steht nun huldvoll schmunzelnd in der Gegend herum und parliert mit ihrem Ex Han Solo über ihre kaputte Ehe, den missratenen Sohn und diffuse vergangene Zeiten - welch eine Sünde an dieser Figur. 

Das größte dramaturgische Problem aber erbte die Star-Wars-Saga von George Lucas, der den Tod von Darth Vader in "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" (1983) zu einer Totalversöhnung mit Anakin Skywalker umdeutete und 2004 die entsprechende DVD-Edition nachträglich digital änderte - um sie seiner Episoden-Trilogie der Jahre 1999-2005 anzupassen. Ursprünglich erschien auf der Ewoks-Party am Ende von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" der alte Darth-Vader-Darsteller Sebastian Shaw als Geist – zusammen mit Obi Wan Kenobi (Alec Guiness) und Yoda. Gemeinsam bildeten sie die wiedervereinigte Riege der alten Jediritter. 

Shaw nun wurde 2004 ausgetauscht gegen den jungen Darsteller Hayden Christensen, der den Anakin Skywalker in den Episoden II und III gab. Diese irre Idee, dass der alte Darth Vader im Tod – nachdem er der dunklen Seite abgeschwor, den Imperator tötete und seinen Sohn Luke rettete – sich als Geisterscheinung lieber im jungen Mann zeigt, machte die vorschnelle Versöhnung mit dem Bösen - immerhin zerstörte Vader Leias Heimtaplaneten Alderaan mit 2 Milliarden Menschen darauf – noch unverdaulicher als sie ohnehin war. 

Das ehrwürdige, ganze Bände Shakespeare sprechende Gesicht des Sebastian Shaw konnte die Wandlung noch halbwegs plausibel machen, erst Recht die Versöhnungsbereitschaft des Luke Skywalker mit seinem alten Pa motivieren. Aber das Antlitz des jungen Anakin bzw. Hayden Christensen – das immer noch zu pubertieren scheint – verschafft ihm diesen menschlichen Kredt nicht. Letztlich wurde die Idee der Macht selbst beschädigt, sie scheint zum Testament eines uninteressante Familienunternehmens geschrumpft zu sein, um das sich missratene Enkel und Verschwörer streiten. Hoffentlich führt uns ein zölibatärer Luke Skywalker raus aus diesem Sumpf. Aber eigentlich ist alle Hoffnung verloren, dass es unter Disney nochmal spannend werden könnte. Man muss sich an GAME OF THRONES und SAGA halten.

 

Kunst

Die Malerei von Marcus Weber im Urologischen Zentrum Steglitz bei Dr. Albrecht Kastein.

Am Abend der Finissage die Heino Jäger Audios im Wartezimmer von Dr. Kastein (Heino Jäger, Komiker, Maler und Graphiker, 1938-1997).

 

Reiseerlebnis

Die Eileen Gray Villa E.1027 in Roquebrune-Cap-Martin (Französische Riviera), an der Steilküste des Mont Agel etwa dreißig Meter oberhalb des Meeres liegend, mit unverbautem Blick auf das Meer, ringsum subtropische Vegetation und in der Fernsicht Monaco.

Die irische Designerin Eileen Gray (1878-1976) schuf mit der Villa E.1027 eine Ikone modernistischer, südlicher Lebensweise, die bis heute dem Lebensideal der Kreativen entspricht, zwischen Rückzugsmöglichkeit für den Einzelnen und relaxtes Cocktailschlürfen im ausgekachelten wasserbefüllten Sonnenbett unter Freunden. 

Dieses wunderbar großmütige Haus atmet heute noch den Genuss von Liebe am Nachmittag, auch wenn es seit zwanzig Jahren nicht mehr bewohnt wurde und die Einbaumöbel zT zerstört und das Eileen Gray Originalmobiliar verkauft wurde. Der letzte Privatbesitzer dieser Villa, ein morphiumsüchtiger Schweizer Gynäkologe, wurde hier 1996 von seinen Gärtnern ermordet. Danach verfiel das Haus, nun wird es durch eine Stiftung gerettet und zu einem Zentrum für Architektur umgewandelt, auch einiges Mobiliar kehrte mittlerweile zurück. Zufällig konnte ich die Villa im Herbst besichtigen. Neben die Villa schmiegt sich eine kleine historische Bar an den Fels und eine Geheimtür führt in Le Corbusiers winzige Ferienhütte "Le cabanon". Diese dunkle beklemmende Hütte, voll von multifunktionalen Regalchen und Schränkchen, die sich Le Corbusier als Spießeridylle hier baute, offenbart einen nie für möglich gehaltenen Kleingeist Le Corbusiers, den die Leistung seiner Kollegin Gray zur Weißglut trieb. Er habe ein „rasendes Verlangen, diese Wände zu verdrecken“, schrieb Le Corbusier 1939 über Grays Haus. „Zehn Kompositionen sind fertig, genug, um alles vollzuschmieren.“ In Picasso-Für-Arme-Manier bemalte Le Corbusier dann auch mehrere Wände der Villa, und Gray konnte dies nicht verhindern, hatte sie das Haus doch ihrem Exgatten John Badivici gegeben, der ein guter Freund Le Corbusiers war. 

1965 starb Le Corbusier beim Baden an diesem Küstenabschnitt.  Nun entsteht hier langsam wieder ein Ort, der vom Mythos eines mondänen und geistvollen Lebens an der französischen Riviera als letztes noch erzählen könnte. Nicht weit entfernt liegen gigantische Kreuzfahrtschiffe vor Monaco, im Fürstenstaat blitzen Baukräne im Sonnenlicht und Sportstars, Geschäftsleute und Steuerflüchtlinge dieser Welt bauen sich die hässlichsten Apartements, die für Geld zu haben sind.

 


Rainer Knepperges

Unter dem Fußboden ist Wasser, das eigentlich für angenehme Kühle sorgen sollte, nun aber im heißen Sommer aus dem Kino eine große Sauna macht. Das Wiedersehen mit Filmen von Leo McCarey, im Cinema Jolly in Bologna, war dadurch eine kollektive Grenzerfahrung: Gemeinsames Lachen und Weinen und Schwitzen. Nach Ruggles of Red Gap (1935) oder Going My Way (1944), vor allem nach Make Way For Tomorrow (1937) verließ den Saal ein geläutertes Publikum, die Blicke staunender Passanten auf sich ziehend, weil von Schweiß und Tränen nass. 

Alle zwei Jahre endet in Mannheim ein Kurzfilmwettbewerb mit der Verleihung des goldenen Endhirsches. Kein Festival der Welt hat ein schlaueres Konzept, einen besseren Conferencier und ein so gutes Programm. Wo sonst sieht man an einem Wochenende Fünf Stereodamen (2013 Maria Ittel), N Gschichtn (2014 Eva Becker), Wie es läuft (2014 Laier & Vetter), Das Millionengrab (2014 Oberlies & Natto), Wurstpoesie (2008 Friedel & Ding) oder Robert Führers Matchbox-Actionfilmklassiker Autojagd (1978)?

Halloween in Xàbia: In dem spanischen Küstenort war unter gelbem Plastik eine Zu-Fuß-Geisterbahn aufgebaut, eine Art Hüpfburg der Finsternis, vor der Kinder brav Schlange standen. Wer durch die „Passage des Terrors“ geführt werden wollte, musste dazu erwählt werden, von einer kindsgroßen Frau mit verunstaltetem Gesicht. Diese wahrlich furchteinflößende Person zog an einer Hundeleine eine blutbesudelte Babypuppe hinter sich her. Ein Anblick, der die bangen Kleinen kreischend weglaufen ließ. Neugier jedoch trieb sie immer wieder zu der Höllenpforte, aus deren Tiefe eine Kettensäge sang.

In einer der historischen Gassen, durch die vereinzelt Zombiekinder liefen, gaben in der gleichen Nacht noch Draculas Bräute und Mister Hyde ein furioses Konzert: Mossen Bramit Morera & Les Mortettes. Vor altem Gemäuer erteilten Beat-Rhythmus und Exhibitionismus die Lektion: Was ständig neu erfunden wird, das sind die Traditionen.

 


Ekkehard Knörer

Ich führe keine Listen, und das ist die Zeit des Jahres when it bites me in the ass. Ich weiß noch, dass ich den neuen Pollesch mit Fabian Hinrichs (Keiner findet sich schön) außerordentlich gut fand, nachdem die Oper, die Pollesch mit von Lowtzow gemacht hat, so schauderhaft schlecht war.  Im Kino Blackhat, der unterging. Gegen Ende noch Thief, der beim Seminar nicht so gut ankam. (Zweimal Michael Mann.) Das Unterrichten: eine fast überraschende Freude. Lav Diaz, ja. Malick, ja. Berlinale: indifferent. Bonellos Saint Laurent kurz vor Schluss noch der Wahnsinn. Wiedergesehen: Agnes Vardas Sans toit ni loi, vor allem eine Begegnung mit dem, der ich war, als ich das so großartig fand, vor 25 Jahren, geschätzt. Das Gespräch mit Franz Müller: Natürlich! Große alte Männer: Van Morrison und Randy Newman. Fürs ganze Jahr trotzdem: viel zu wenig Musik. Jedoch: Händels Trionfo. Venedig, Biennale: mehr das Ambiente. Und das Essen. Überhaupt: Da Jia Le. Die neuesten Staffeln von Americans und Rectify: groß.   Die Nachtzugfahrt von Göttingen nach Graz: bleibt hängen. Buch: Auerhaus von Bov, für den mich das alles so freut. Da war mehr, jetzt aber: weg. Ah, doch, mindestens noch My Brilliant Friend von Elena Ferrante. Und Aurora von Kim Stanley Robinson. Cristinas Abschied von der taz: Da ging was Wichtiges zu Ende. Madrid: Das Schöne am Schon-Kennen. Gomera: Was man als schön kannte, plötzlich nicht mehr so schön. Facebook: oft ganz toll. Freunde, solche und solche: danke für alles. Und hier noch ein kleines Mahnmal für die vergessenen und die mir unbekannt gebliebenen Dinge: "kleines Mahnmal".

 

 

Gertrud Koch

Ein Film von Nagisa Oshima, den ich noch nicht gesehen hatte und der sich in die Netzhaut einbrennt, verstörend und überwältigend: „Grausame Geschichte der Jugend“ (Seishun Zankoku Monogatari), sein dritter Film von 1960, ein Film, der jetzt 55 Jahre alt ist, über ein halbes Jahrhundert, und präsenter wirkt als viele Filme aus diesem, gerade endendem Jahr. In einem seiner Essays aus dem Jahr der Produktion des Films versucht er eine eigene Poetik zu skizzieren, der er den Titel „Selbst-Negation“ gibt. Darunter versteht er eine doppelte Bewegung, die eine permanente Spannung zwischen dem Autor, seinem Kunst- und Bilderwollen und der Wirklichkeit herstellt. Denn die Wirklichkeit ist nicht einfach, das im Bild zu Repräsentierende sondern eine lebendige Wirklichkeit, die vor-filmische Materialität, die sich zwischen dem im Drehbuch projizierten Bild der im Film zu erschaffenden Wirklichkeit und der materialen Wirklichkeit, die sich also zwischen Entwurf und Bild schiebt. Deswegen basiert ein Film auf der Negation des Drehbuchs als Teil des auktorialen Entwurfs und damit auf einer Selbst-Negation, ein Binnenverhältnis, das sich auch zwischen den Filmen herstellt:

„Ein Filmemacher, der sich diesem endlosen Prozeß nicht voll und ganz verschreibt, geht unweigerlich dem Untergang entgegen. Indem er seine persönlichen Vorstellungen vergöttert und sie zu absoluten Bildern erhebt, kommt er in Gefahr, am Ende die gesamte Wirklichkeit auf diese absoluten Bilder zu reduzieren.

Die Wirklichkeit aber ist in ständiger Wandlung begriffen. Daher ist ein solcher Regisseur bald kein Autor mehr: er erniedrigt sich selbst zu einem schlichten Bilderfabrikanten.“ („Die Selbst-Negation“, in: Nagisa Oshima, Schriften. Die Ahnung der Freiheit, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1982, S. 31) 

Diese Poetik Oshimas könnte ein Korrektiv sein zu Sebastian Schippers „Victoria“, der mit der rigiden Vorgabe, den ganzen Film in einer Einstellung zu drehen, sich als „Bilderfabrikant“ empfohlen hat.  „Victoria“ ist trotzdem (und eben nicht deswegen) ein spannender Film geworden, in dem die Unmittelbarkeit der materiellen Umwelt zum Tragen kommt - vor allem als Auseinandersetzung mit Zeit, mit Realzeit als unerbittlich ablaufender Rahmen und als Spiel-Zeit im doppeldeutigen Sinne als derjenigen Zeit, in der die Entwürfe der Handelnden sich sowohl als Fiktionen wie als Realität zeigen. Die Idee der einzigen Einstellung ist anders als im „Russian Ark“ von Sokurov, selbst fiktionalisiert worden. Wie die Fleischersatzangebote aus der Veganer-Theke nach Fleisch schmecken sollen, ohne es zu sein, muss man es „Victoria“ nicht unbedingt ansehen, dass er nur aus einer einzigen Einstellung besteht. Ob die Kamera den breiten Rücken eines Darstellers nutzt, um bewegt zu werden, oder ein Schnitt eine ‚unsichtbare Montage‘ verfügt, tut nicht so viel zur Sache. Insofern verfehlt Schipper die von Oshima geforderte Selbst-Negation. Mit Oshimas frühen Filmen hingegen teilt er die Verbindung von Handeln als spontanem Akt der Freiheit und negativer  Kontingenz, die die Freiheit des Handelns zerstört. 

 

 

 

Florian Krautkrämer

Raus aus Braunschweig, in die City of Sadness: in Jiufen hat Hou Hsio-Hsien 1989 den Film gleichen Namens gedreht, weil die ehemalige Goldgräberstadt im Osten von Taipeh noch so unberührt aussah, als hätte sich seit den 40ern, in denen sein Film spielt, kaum etwas verändert. City of Sadness traf einen wunden Punkt, wurde zu einem der erfolgreichsten taiwanesischen Filme und Jiufen in der Folge zu einem Touristenmagneten. Das Herz des Ortes sind zwei kleine und schmale Marktgassen, die sich fast durch die gesamte Stadt schlängeln, gesäumt von Restaurants, Imbissen und Kunsthandwerk. Im März war es hier nass und kalt, aber trotzdem voller regenbemäntelter Touristen. An einer Stelle finde ich den gleichen Ausblick, wie er auch im Film ab und zu zu sehen ist: von oben, den Hang hinab, über die dort liegenden Häuser. Das nur wenige Kilometer entfernt liegende Meer bleibt allerdings dem Film vorbehalten – es ist zu nebelig. Laut Reiseführer soll es das alte Teehaus, in dem Teile des Films spielen, auch noch geben, aber ich finde es nicht. Das liegt daran, dass nichts in Englisch ausgeschildert ist und ich weder Chinesisch verstehen noch lesen kann. Der kleine Ort zielt auf chinesische und taiwanesische Touristen. Zudem markiert die englische Sprache in Taiwan die Grenze zwischen dem Ländlichen und der Großstadt sowie zwischen Mittel- und Unterschicht. Auch in Taxis versteht man kein Englisch. Möglich, dass es das Teehaus auch gar nicht mehr gibt, denn inzwischen ist der Ort vor allem dafür bekannt, dass er für *Chihiros Reise ins Zauberland* Modell stand. Man hatte ihn unter anderem dafür ausgewählt, weil er bis dahin mit seiner Ursprünglichkeit geworben hatte, die wiederum touristisch nur aufgrund des Films von Hou erschlossen worden war. Zirkulierende Verselbständigung des Filmischen.

 


Elena Meilicke

Reisen ans Meer:
Zinnowitz // Vitte // Siggen // Vis // Neßmersiel

Tanztheater:
Available Light von Lucinda Childs (1983/2015) // Kontakthof von Pina Bausch (1978/2000/2008)

Autobiographien:
Just Kids von Patti Smith (2010) // On the Move. A Life von Oliver Sacks (2015)

Autofiktionen von skandinavischen Männern:
Min Kamp von Karl Øve Knåusgard // die Filme von Nils Malmros

Sachbuch:
Women in Clothes von Sheila Heti, Heidi Julavits und Leanne Shapton (2014)

Zum zweiten Mal gelesen:
Borrowed Finery von Paula Fox (2001) // Torpor von Chris Kraus (2006)

Zum hundertsten Mal gelesen:
Edie von George Plimpton und Jean Stein (1982)

Serien:
Broad City // 30 Rock // Unbreakable Kimmy Schmidt // Olive Kitteridge // Mad Men // Orange Is the New Black // Transparent

Französische Filme:
Le dos rouge von Antoine Barraud (2014) // Saint Laurent von Bertrand Bonello (2014)

Dokumentarfilme:
Über die Jahre von Nikolaus Geyrhalter (2015) // Erfolglose Künstler (1995) von José van der Schoot // Striche ziehen von Gerd Kroske (2015) 

 

Filme mit Debra Winger:
Terms of Endearment von James L. Brooks (1983) // Urban Cowboy von James Bridges (1980) // Mike’s Murder von James Bridges (1984)

Berliner Grünflächen:
Park am Gleisdreieck // Tempelhofer Feld // Krumme Lanke 

 

Konzert:
F.S.K. im HKW, 3. Okt. 2015: Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier

 

 

 

Franz Müller

Nach einigen Versuchen, zeitgenössische deutschsprachige Autoren zu lesen, von denen allein das schöne Buch Ein ganzes Leben von Robert Seethaler geblieben ist, habe ich aus Verzweiflung ein Buch der Erfolgsautorin Siri Hustvedt in die Hand genommen: The Summer Without Men. Und habe von der ersten Seite an begeistert gelesen. Kaum zu glauben, dass sie mit Paul Auster verheiratet ist.

Was bleibt vom Kino?

Axelle Ropert, die mit ihren Filmen im Arsenal zu Gast ist, und in einem Gespräch Rohmer zitiert: das Kino ist an sich optimistisch.
Ja, und gleich zu Anfang des Jahres American Hustle – viel optimistischer geht es nicht: Christian Bale und Amy Adams, wie sie sich mitten im Disaster auf die Vordersitze des Autos legen, um Kraft zu sammeln fürs Finale.
Irrational Man – ein Künstlerportrait, makellos, für mich einer der härtesten Filme über Männer, gleichzeitig der optimistischste der drei Allen-Filme zum gleichen Thema. Während in Crimes and Misdemeanors und Match Point der Erzähler davon kommt, stürzt er hier ins Bodenlose. Allein der Ringkampf zwischen Joaquin Phoenix und Emma Stone vor diesem Absturz ist eine Sensation. Und Parker Posey sowieso.
Dass Bogdanovich mit She’s Funny That Way eine Komödie einfach wieder so zusammenhaut, als schrieben wir das Jahr 1981, macht mir gute Laune. 
Die Mitte von Audiards Dheepan ... eine Szene am Küchentisch zwischen „Zwangsverheirateten“  - unvorbereitet heiter. Ein Gespräch zwischen Gangster und Küchenhilfe - unerwartet sanft.
Louder Than Bombs. Was der 16-jährige Devin Druid zwischen Byrne, Huppert und Eisenberg weiß und will und wie er die Welt sieht, erzählt ein Mal mehr, dass man kein bisschen klüger wird über die Jahre, sondern dümmer. Danke für die Erinnerung daran. Warum mich das optimistisch stimmt, weiß ich nicht. Möglicherweise ist es einfach das Wissen, dass inzwischen andere jünger sind und dass da noch mehr nachkommen.
Ein Panel im Rahmen des Filmfests München, auf dem ich in zwei Stunden den Gesprächspartnern von der Filmförderung und vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Eingeständnis abgerungen habe, dass es ein Problem für den deutschen Independent-Film ist, wenn die Koproduktionssummen, die für Filme im Vorfeld ausgegeben werden um ein mehr als Zehnfaches höher sind als die Summen, die für Ankäufe von independent produzierten Filmen, die bereits fertig, festival- und kinoerprobt sind, ausgegeben werden. Im einzigen ausführlicheren Presseartikel, der später online zum Thema erschien, wurde mir dann das exakte Gegenteil von dem, was ich gesagt habe, in den Mund gelegt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Journalisten auch einfach nur Autoren sind und schreiben, was sie lesen wollen. 

Mo’ onions:

In diesem Jahr ist es der Solidargemeinschaft Studenten der DFFB und Freunde gelungen, einen in einem undemokratischen Verfahren ernannten Direktor zu verhindern. Den Menschen, die an der Volksbühne arbeiten, ist das nicht gelungen. Weil sie nicht solidarisch waren. 
Mehr als alles Filmische in diesem Jahr hat mich berührt, wie ich am 10. Oktober in der Friedrichstraße aus dem U-Bahneingang kam und mich von vielen, vielen Menschen umgeben sah, die trotz der notwendigen komplexen Vordenkarbeit für die Schönheit des demokratischen Prinzips auf die Straße gegangen waren: Jeder Mensch hat eine Stimme.
Und wer eine Stimme hat, kann damit andere zum Klingen bringen. Wie Louane Emera in La famille Bélier
Oder wie Annett Louisan in "Einer liebt immer mehr". Asymmetrische Liebesgeschichten wie die alte Ehe in Im Kwon Taeks wunderbarem Hwajang, den ich auf der Woche der Kritik gesehen habe, sind immer ein tolles Thema für Filme. Optimismus hat, und dafür ist das Kino wohl da, nichts damit zu tun, ob eine Geschichte gut ausgeht, sondern ob Menschen als Menschen erzählt werden und damit lebendig sind.

 

 

 

Cristina Nord

Eine Reise nach Mexiko-Stadt im März. Die Pyramiden von Teotihuacán. Mit einem Trotzkisten öffentlich über Film und Politik streiten. Wiederbegegnung mit einem alten Freund aus Nicaragua. Fernweh.

Viel Spaß beim Reden über TRUE BLOOD.

Einige tolle Filme in Cannes, vor allem THE ASSASSIN von Hou Hsiao-Hsien, CEMETERY OF SPLENDOUR von Apichatpong Weerasethakul und AS MIL E UMA NOITES von Miguel Gomes (alle drei Teile).

Der Abschied von der taz.

Der Umzug nach Brüssel, der Neuanfang beim Goethe-Institut. Jedesmal, wenn ich den Quai du Commerce entlang gehe - was ich oft tue, ich wohne nicht weit davon -, muss ich an Chantal Akerman denken. Ihren letzten Film, NO HOME MOVIE, sehe ich im Flagey. Auf der Leinwand ist sie so lebendig, wie sie in der Küche ihrer Mutter sitzt, den nackten Fuß ausstreckt und über ein Gericht redet, das ihr besonders gut gelungen ist.

 


Michaela Ott

Bleiben wird die geschmähte Venedig-Biennale von Okwui Enwezor mit ihrem Pauken-und-Trompeten-Auftakt und ihren zahlreichen Kunstpositionen aus „Afrika“. Diese boten Zeichnungen animierter Maschinen und unterhielten mit europäischen Bildarchiven eine animierte Respondenz, mit Chris Markers und Peter Friedls Bilderbögen und mit „latenten“ Bildarchiven aus dem Libanon. Diese wiederum zierten in Buchform mit Beschreibungen unsichtbarer Fotos die Wände, als kamouflierte „Tausend Plateaus“ in Serie. Überhaupt die Migration von Bildern und Tönen, auch intermedial: Sie liefen nicht nur von Kutlug Atamans seriellen Passfotos zu Chantal Akermans Wüstenfilmen und über Steve McQueens Bestattungsdokumentation zu John Akomfrahs Wasserbildermontagen, sondern sangen auch zurück, die deutsche Nationalhymne auf Lingala, Twi und in anderen Idiomen mehr. Begleitet von der Migration der Waffen: als Sitzmöbel, Blumensträuße, Skulpturen vielfach präsent. Adrian Piper sagte alledem freilich ein unabwendbares Schicksal voraus: Everything will be lost… 

 Bleiben werden zumindest vorübergehend die Bilder der Migration von Bildern und Menschen: Kontinuierliche Menschenströme durch Bildformate aller Art, Bilder von Ertrunkenen, im Regen Wartenden, in Zelten Ausharrenden, Personen in Vielzahl und nicht-individueller Formation. Wie Bilder heute als disparate Serien und anarchische Archive auftreten und Gesichtsbildserien auf ihre Materialität und (Un)Verwechselbarkeit überprüft werden, so verschieben sich Personen als disparate Mengen, die von keinem Bild fassbar sind. Dafür von Texten, die zu fassen und Grenzen zu ziehen beanspruchen, das Eigene wiederentdecken und den Rassismusbegriff dekonstruieren, so etwa die Zeitschrift „Tumult“, die sich mal als Organ für Verkehrswissenschaft verstand. Wenn dann der Verkehr einsetzt, erscheint alles verkehrt; man ruft umgehend zur Konsensstörung auf, in der ein weißer Konsens unter Rekurs auf Léopold Senghor proklamiert wird: Man könne doch von der Negritude-Bewegung lernen…

Der Spielfilm, der die Migration in neuer hart-weicher Erzählform ins Werk setzt, wird im Mai gekrönt und hat im Dezember bereits Deutschland erreicht: Dämonen und Wunder von Jacques Audiard. Verhalten in der Abbildung von Gewalt, bietet er wohltuend unbekannte Gesichter und Körper. Diese entwinden sich wohltuend schlau den Bandenkriegen in der französischen Vorstadt und können nach England emigrieren… 

Während die Biennale von Istanbul in diesem Jahr den Genozid an den Armeniern memorierte und das Berliner Filmfestival „Afrikamera“ an den drohenden Genozid in Burundi gemahnte, kann das türkische Kino der Gegenwart mit Sivas von Kaan Müjdeci nur machistische Männerkörper präsentieren, nicht den Bürgerkrieg im eigenen Land. Vor dieser Gewalt darf niemand fliehen, da das Asylrecht ja sehr territoriumsspezifisch angewandt wird. Warum sind unter den Kriegsflüchtlingen, so fragt der Kameruner Filmemacher Jean-Pierre Bekolo, keine Schwarzen zu finden, etwa aus Mali, ebenfalls einem Bürgerkriegsland?

 

 

Kathrin Peters

In Montreal wurde 1967 ein Hotelkomplex errichtet, das Hotel Bonaventura, ein brutalistischer Bau, der direkt mit einer Metrostation verbunden ist. Das Bonaventura umfasst eine Ausstellungshalle und ein mehrstöckiges Trade Center — über all dem liegen ganz oben die Hotelzimmer. Es schneite, als ich mir das Gebäude im März angeschaut habe. In den geriffelten Betonwänden sitzen große Glasscheiben, sodass man von der Hotellobby aus in die Steingärten schauen kann, auf die die Zimmer ausgerichtet sind. Der von Bäumen umstandene Swimming Pool dampfte. Ein Hotel als Agglomeration, als Siedlung, aus der man sich nicht entfernen müsste, wenn man nicht wollte; das Gebäude könnte abheben und sich anderswo an Versorgungs- und Verkehrssysteme anschließen. Später sind wir zu einem Vortrag von Steven Shaviro in einer ehemaligen Lagerhalle gegangen. Es schneite immer mehr und wie es in solchen Klimazonen üblich ist, lässt man dann die Schuhe am Eingang stehen. Shaviro hatte nicht mal Strümpfe an und sprach barfuß über Akzeleration und Science-Fiction-Literatur, in der er so etwas wie eine Errettung im Imaginären sehen wollte. Ich betrachtete seine langen Fußnägel und dachte an die Materialisierung des Futurismus im Bonaventura.

In Gerswalde, Uckermark, logiert in einem grau verputzten Haus die Dorfmitte Filmproduktion. Es gibt dort auch ein neues Café, Zum Löwen, das aussieht wie Berlinmitte, und es gibt die Schlossgärtnerei, die seit Jahren des Vorsichhinwachsens nun wieder bestellt wird. Eine Handvoll Leute bewerkstelligt das alles. Die Regisseurin Lola Randl ist eine davon und sie hat eine Mini-Serie gedreht zu den Phantasien vom Landleben und den Schwierigkeiten ihrer Umsetzung, den Sehnsüchten und den Kompromissen, „Landschwärmer“ heißt die Serie. In diesem strahlenden Sommer habe ich auf dem Land „Zauberberg“ gelesen und Roland Barthes’ „Wie zusammen leben“. Barthes legt ein Dossier von Imaginationen über ein Zusammenleben an, das auf eine Weise formalisiert und rhythmisiert ist (kleine Gruppen, Regeln, Raumordnungen), dass individuelles Leben und Getrenntheit im Miteinander möglich sind. Das Sanatorium sei so eine Imagination, aber Thomas Mann spare aus, wie Barthes bemerkt, dass Essen zubereitet, Geld bereit gestellt und Abfall entsorgt werden muss, um die bürgerliche Phantasie des Rückzugs zu realisieren. Wie zusammen leben, das ist auch die Frage, wie zusammenarbeiten.

Später im Sommer musste ich meine Wohnung umstrukturieren und habe meinen Keller ausgeräumt. Mit einem Leihwagen und meinem Sohn habe ich Kleiderkisten und Kinderkram zu einer Kleiderkammer gefahren. Ich war mir unsicher, ob wir den richtigen Ort ausgesucht hatten. Denn der Betreuer dieser Kleiderkammer begann zu unterscheiden zwischen verschiedenen Gruppen von Bedürftigen mit verschiedenen Herkünften und Pässen oder gar keinen Pässen; und während er versuchte, ein Missverständnis, wie er meinte, auszuräumen, ich aber überzeugt war, ihn ganz genau verstanden zu haben, begann die Öffnungszeit der Kleiderkammer. Ich spürte sofort meine Privilegiertheit und wir fanden es richtig, keine weiteren Unterscheidungen mitzumachen und die Sachen dort zu lassen. Ratloser bin ich seither.

 

 

Bert Rebhandl

Das Lied Both Sides Nowgeschrieben von Joni Mitchell, interpretiert von Judy Collins. Das Buch Antijudaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens von David Nirenberg. Das Sun Cinema von Clemens von Wedemeyer in Mardin in der südöstlichen Türkei.

 

 

Manfred Rebhandl

Am Wiener Westbahnhof, zu Beginn der Flüchtlingskrise, war auch ich dort, weil ich gleich daneben wohne. Ich kaufte dreißig Umzugstaschen bei meinem 1 Euro Händler Natanov aus Taschkent, weil mir jemand gesagt hatte, die würden dort Umzugstaschen brauchen. Die schleppte ich dorthin, nur um mir von einer Caritas-Frau anhören zu müssen: „Umzugstaschen?“ Ich blieb trotzdem dort und verteilte die Taschen unter den Flüchtlingen, einer wollte gleich zehn davon haben, er sah die Möglichkeit einer ersten selbständigen Arbeit im neuen Land: Umzugstaschendealer. Buy low, sell high. Unter den Helfern gefallen mir immer am besten die Lehrerinnen, oder die, die ich für Lehrerinnen halte. In einer Ecke stand eine Gruppe Bettler aus Osteuropa, die sich unter die ankommenden Flüchtlinge gemischt hatten. Sie hatten einen Zwergwüchsigen dabei, ziemlich verbogen und kaum imstande zu gehen. Eine Lehrerin hatte eine selbstgestrickte Haube mit dabei, es war Sommer, aber irgendwann würde es ganz sicher kalt werden. Sie hatte es auf den Zwerg abgesehen, seine Kumpels hoben ihn aus der Ecke heraus und stellten ihn vor die Kümmerlady. Die setzte ihm ihre Haube auf, dann packte sie ihr smartphone aus und machte ein Foto von ihm.

In meinem neuen Buch TÖPFERN AUF KRETA gibt es die Figur der „fetten Buchhändlerin“, zwar mit einem wunderbaren Gemüt ausgestattet, aber eben auch fett. „Die hat ja sogar für eine Buchhändlerin ein paar Kilo zu viel auf den Rippen“, heißt es über sie, und man kann in meinem Buch sogar Angst vor ihr kriegen: „Ist vielleicht ganz gut, wenn du ein, zwei Tage aus der Stadt verschwindest, sonst findet dich am Ende noch diese fette Buchhändlerin.“

Sie besitzt das „Clit Lit“, in dem es „vor allem Bücher zur weiblichen Sexualität gibt“, aber auch Ratgeber.

Selbstverständlich gibt es für sie keine Entsprechung in der Wirklichkeit, ebensowenig wie für den impotenten Pornokinobesitzer „Dirty“ Willi, über den es heißt: „Wir finden eine Lösung für deine Wurst, Willi.“ Oder für den Psychotherapeuten Kubelka, der sich in meinem Buch zum „weltweit ersten Zigeuner, der es zu etwas gebracht hat“ wandelt. Pornokinobesitzer und Psychotherapeuten schaffen es noch, einen Schritt zurückzutreten und über sich selbst zu lachen, sie empfangen mich weiterhin mit offenen Armen.

Jedoch ist es in letzter Zeit schwierig für mich geworden, Lesetermine in Buchhandlungen zu ergattern. Ich war also froh, dass ich wenigstens in meinem Wiener Lieblingscafé, dem abgerockten Weidinger, lesen durfte. Was soll dort schief gehen?, dachte ich. Dort bin ich schließlich zuhause, und die meisten Besucher würden besoffen sein.

Als ich dann aber das erste Mal „die fette Buchhändlerin“ sagte, standen auf einen Schlag fünf Damen vom Tisch auf und verließen das Lokal. Später verriet mir ein Insider, es waren Mitarbeiterinnen der nahe gelegenen Bücherei, und weiß der Teufel, wieso, aber die fühlten sich angesprochen, obwohl sie doch Bibliothekarinnen sind und keine Buchhändlerinnen!

Mit meiner Tochter gemeinsam im Kino, Inside Out. Der Film war dann nicht so gut wie der seltsame Vorspann, während dem der Lava song lief. Schon beim Rausgehen, noch beim Nachhausegehen und bis heute immer wieder singen wir: „A long long time ago there was a volcano …“

 


Isabella Reicher

Ende April reiche ich meine Kündigung ein. Das Schwerste liegt ab da hinter mir, Ende Mai gebe ich den Schlüssel zum Verlagsgebäude ab. Wenige Tage später nehme ich das erste Mal an einem Schreibtisch bei sixpackfilm Platz. Für zirka zwei Stunden fühle ich mich seltsam, wie eine Hochstaplerin, weil mir schlagartig erst in dem Moment bewusst wird, dass ich jetzt ohne das während zwanzig Jahren aufgebaute Gerüst der Routinen aus Arbeitsschritten und sozialer Interaktion auskommen muss – und wie geht das denn jetzt? Aber es geht gut dann.

Viv Albertines ClothesClothesClothes. MusicMusicMusic. BoysBoysBoys, das ich 2014 gelesen habe, beschäftigt mich 2015 weiter, weil wir im Wiener Filmcasino eine Lesung mit ihr organisieren können (im Nachhinein muss man eher von einer Lese-Performance sprechen). Anders als in handelsüblichen (Punkrockstar-)Memoiren geht es in dem Buch unverblümt und sehr viel ums Üben. Beziehungsweise um all die praktische Arbeit, die gewagte Berufsziele ebenso nach sich ziehen, wie ein Karriereende oder ein später Kinderwunsch. Famose Selbstermächtigungsprosa. Suhrkamp kündigt jetzt eine deutsche Fassung für 2016 an.

Der letzte bemerkenswerte Film, den ich 2015 sehe, ist Mikey und Nicky von 1976. Die dritte Regiearbeit von Elaine May, eine wirklich böse Komödie, läuft am Wochenende vor Weihnachten bei der Cassavetes-Retrospektive im Filmmuseum. Cassavetes und Peter Falk spielen Jugendfreunde, die einander an einem kritischen Punkt wieder begegnen. Ab dem Beginn, als Mikey (Falk) den außer-sich-panischen, unter Koliken leidenden Kollegen in einem Schmuddelhotelzimmer antrifft, läuft jede Szene auf einen provozierten Konflikt zu. Die Figuren sind alle unmöglich, Cassavetes’ Nicky ein echter Soziopath. Man kann das eigentlich gar nicht lustig finden – aber es funktioniert vorzüglich.

 


Simon Rothöhler

Gleich zu Jahresanfang Alfred Guzzettis wunderbarer Family Portrait Sittings (1975). Arbeiter, Einwanderer, die ihren Carlo Marx nicht nur im Regal stehen, sondern auch auf eigene Rechnung gelesen haben (fotografisch-epiphanische Stillleben made in Philly). Die endlich nachgeholten Up-Filme von Michael Apted übers Jahr verteilt – als Versprechen des to be continued, wie die nun bald schon wieder als Geschichte zu erinnernden Guardiola-Bayern, deren absurd verfeinertes Positionsspiel mich mehr faszinierte als alles, was ich in diesem Sport bisher gesehen habe (und als der Abschied feststand zeigten die größten Kleingeister hiesiger Redaktionsstuben nochmals ihre deutschen Tugenden). Gut auch, nachdrücklich auf Emmanuel Carrère aufmerksam gemacht worden zu sein: Alles ist wahr, die Toten in der Familie in Zeiten des Verbraucherkredits (wie tautologisch sich das knausgardsche Ich-bin-Ego-Sprechen dagegen ausnimmt). Im Herbst Institutswechsel nach einer Dekade FU: Oktobersonne strahlte dann über einen erhabenen Betoncampus, dessen nautische Architekturmetaphorik daran erinnert, worauf die stolze Ruhrgebiets-SPD vor 50 Jahren noch hoffen durfte. Ozeanische Gefühle und die gesellschaftliche Umverteilung des Wissens, zur Sonne, zur Freiheit, aber bitte in Gestalt einer Autopendleruniversität, die von individueller Steuermannskunst her gedacht und deshalb einigermaßen komplett mit einer Tiefgarage unterkellert ist. Nice. Ebenso: Bach-Bearbeitungen nur für Orgel (Hedwig Bilgram) und Trompete (Gábor Boldoczki) unlängst im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Im Theater saß derweil nichts so sehr wie die Schlusspointe in Susanne Kennedys Performanceinstallation Orfeo: Kein Blick zurück trifft, tötet in dieser Version; die gewaltige (& gewaltig musealisierte) Zeche Zollverein als Resonanzraum für insistierende Kammerspieleinkapselungen, die in einem letzten großen Auftritt heftigst zersungen werden. Zerlegt hat sich auch die zweiten Season von Transparent, mit dem nicht im Ansatz zu Ende gedachten Berliner Geschichtsumweg – aber wenig war im Serienfeld filmisch so klug wie die letzten zwei Minuten von S02E02. Alles ist wahr? Goetz als Büchnerpreisredner, Rutschkys Sensationen des GewöhnlichenMerle Krögers HavarieMerkels Sommerpressekonferenz am 31.08.2015, Syrien-Reportagen wie diese von Azadeh Moaveni in der NYT + Alex Ross Perrys Listen Up Philip, Bertrand Bonellos Art-Slackertum in Le dos rouge, Christian Petzolds Polizeiruf 110: Kreise, Claude Lanzmanns Der Letzte der Ungerechten, Michael Manns Blackhat, Oscar Isaac und Jessica Chastain und der Establishing Shot in A Most Violent Year –  und überhaupt: wer könnte in diesem Jahr etwas gegen Industrie Standards gehabt haben (doppelte Lektüren halten ohnehin besser: Shake It off, da hat Ryan Adams einen Punkt).

 

 

Armin Schäfer

Pedro Costa, „Cavalo dinheiro“. Costa hat, wie schon für seinen Film „Colossal Youth“ (2006), Ventura als Darsteller seiner selbst gewonnen. Ventura kam von den Kapverden nach Lissabon, arbeitete als Maurer und war während der Nelkenrevolution in eine blutige Eifersuchtsgeschichte verwickelt. Er ist mittlerweile von einem Zittern befallen, wie es beim Morbus Parkinson auftritt. Auch wenn es Symptom einer Erkrankung ist, führt es als Bewegung, die etwas ausdrückt, auf eine Quasi-Ursache, die ins Gewebe der Welt verstreut ist. Was im Zittern ausgedrückt ist, ist kausal nicht aufzudröseln und lässt sich auch nicht nacherzählen. So wenig aber auszumachen ist, was alles in dem Zittern ausgedrückt ist, so offensichtlich ist, dass Rückkoppelungen bestehen zwischen Venturas Zustand und dem, was er heute macht und sagt, woran er sich erinnert, was er sich vorstellt und wie er gefilmt wird. Allerdings gibt es keine allgemeine Regel, wann das Zittern aussetzt. Es ist wie ein Art Oberton, der über seinem sensomotorischen Schema liegt, das manchmal zerreißt, wenn er im Krankenhaus umher geht, schläft, singt, mit Freunden spricht oder zur Ruhe kommt.

Yorgos Lanthimos, „The Lobster“. Lanthimos errichtet in „The Lobster“ eine mögliche Welt, in der ein absolutes Gesetz herrscht, das zur heterosexuellen Paarbildung verpflichtet. Wer ohne Partner ist, muss binnen einer Frist von 45 Tagen einen neuen finden. Wer ohne Erfolg bleibt, wird nach deren Ablauf in ein Tier eigener Wahl verwandelt. Der Ort, an den man die Männer und Frauen, die alleine aufgegriffen werden, verbringt, ist eine Art Hotel, in dem sie zur Verpaarung anhalten werden. Wer seiner Verwandlung in ein Tier entgehen will, kann in die umliegenden Wälder fliehen. Allerdings ist ungewiss, ob eine Flucht Rettung oder nur Aufschub bringt. Denn die Hotelinsassen schwärmen aus, um die Entflohenen zu jagen. Das Kopfgeld, das jeder Erlegte einbringt, der sogleich in ein Tier verwandelt wird, ist eine Verlängerung der Frist um einen Tag. Die beste Jägerin lebt so schon geraume Zeit im Hotel. Und zwar alleine. In den umliegenden Wäldern haben sich die Entflohenen zur Gruppe der Loners unter einer Anführerin zusammengeschlossenen. Was im Hotel streng verboten ist und bestraft wird, ist in den Wäldern erlaubt; was im Hotel erwünscht ist, wird in den Wäldern bestraft: die Handgreiflichkeiten, die eine Paarbildung ermöglichen oder verhindern.

Die Geschichte, die in diesen Rahmen inseriert wird, kennt keine Eigennamen. Der Abspann des Films bezeichnet die Figuren als den Kursichtigen, den Mann mit der Prothese, die Frau mit dem Nasenbluten, die kurzsichtige Frau, den Hotelmanager, die Anführerin usw. Eigenschaften und Funktionen machen eine Larve, die keiner Entpuppung harrt. Jedenfalls setzt eine erfolgreiche Verpaarung gerade keine Individualität voraus, sondern verlangt eine gewisse Verträglichkeit. Wer kurzsichtig ist, hofft, mit demjenigen am besten auszukommen, der es auch ist. Allerdings muss solche Pragmatik kaschiert werden. Das Gesetz fordert nämlich nicht allein seine Erfüllung dem Buchstaben nach. So wie von denkünftigen Paaren erwartet wird, dass sie den Beischlaf tatsächlich vollziehen, so erheischt das Gesetz, dass auch begehrt wird, ihm zu gehorchen. Als Beweis des Paares gilt das Kind. Die Biopolitik, die in „The Lobster“ regiert, zielt nicht so sehr darauf ab, die Unwägbarkeiten der Reproduktion unmittelbar zu kontrollieren. Vielmehr scheint es effizienter die Aufzucht von Kindern an Paare zu delegieren.

Der Film verweigert jede Erklärung, um stattdessen fortlaufend zur Deutung anzureizen. Jedoch sitzen die Begriffe wie Begehren, Gesetz, Biopolitik, die an ihn herangetragen werden, auf ihm wie übergroße Hüte. Auch wenn sie nützlich sein mögen, um Strukturen, Situationen und Ereignisse zu erfassen, verschatten sie mehr, als sie erkennen lassen. Man muss zwischen den Begriffen hindurchsehen und -hören, um zu begreifen, was ein Paar sein könnte.

Klangforum Wien, „ein tag und eine stunde in urbo kune“. Musiker, die Stücke aufführen, die sie spielen wollen. Was wie ein simples Rezept erscheint, ist so etwas wie die musikalische Antwort auf die Frage „Comment vivre ensemble“. Das Konzert ist wie eine Idiorhtyhmie, in der jede Musikerin, jeder Musiker in seiner Eigenart zu hören, so wie etwa im Stück „Situations, une convivialité musicale“, das Georges Aperghis für das Klangforum geschrieben hat (Neos-CD).

Und Bücher: Georges Perec, Der Condottiere; Marcel Beyer, XX. Lichtenberg-Poetikvorlesungen; Witold Gombrowicz, Kronos (+ Gombrowicz, Tagebuch + Gombrowicz, Kosmos); Maria Rus Bojan, Alessandro Cassing, Whispers: Ulay on Ulay

 

 

Michael Sicinski

1) With Phoenix, Christian Petzold has achieved as close to a blockbuster film as the Berlin School is ever likely to see. The fact that it was rejected by both Cannes and Venice has, in a way, only sweetened Petzold's triumph. A Holocaust story filtered through classic film references -- in this case, Eyes Without a Face and Vertigo -- this is probably Petzold's most deterministic film. The script (Petzold's final collaboration with the late Harun Farocki) establishes Nina Hoss' disfigured heroine as an island of emotional fragility in a venal, pitiless Germany anxious to forget everything and charge ahead -- Maria Braun in reverse. As an unequivocal breakthrough for Petzold and the filmmaking he represents, it is not as radical as his Turkish story Jerichow or even his Dreileben contribution Beats Being Dead. Nevertheless, no one can ignore "those chilly German" films any longer. Twenty years on, a "new" German cinema has arrived.

2) Film lives, sort of. In its initial run, Quentin Tarantino's The Hateful Eight will screen in its original 70mm format. In fact, the Weinstein Company, at QT's behest, is footing the bill to help outfit certain theatres in the U.S. with the proper lenses to show the film properly. But then, the film allegedly contains digitally inserted gate-jumps and artificial scratches. So Tarantino, the film fetishist, is working to preserve actual, physical film by generating and propagating its simulacrum. What remains? Ask Jean Baudrillard: "Simulation is no longer that of a territory, a referential being or a substance. It is the generation by models of a real without origin or reality: a hyperreal. The territory no longer precedes the map, nor survives it."

3) Cargo remains. Happy New Year to ekreb, and rot, our faithful cine-stevedores. Here's to another fine year on the docks!

 

 

Fabian Tietke

Psychodelischstes Filmerlebnis des Jahres: die Vorführung von „African Queen“ im Rahmen der Technicolor-Retro der Berlinale mit einer fantastisch verfärbten 35mm-Kopie aus dem George-Eastman-Museum, bei der das Wasser grellgrün verfärbt war und über das Boot schwappte. // Filme, kurz: A Million Miles Away, USA 2014, Jennifer Reeder // Ihr und Eure Welt, D 2014, Janin Halisch // Le chant du Styrène, F 1959, Alain Resnais // Wada', D 2015, Khaled Mzher,  The Meaning of Life, USA 2005, Don Hertzfeldt // Bestes Timing des Jahres: Genau zum richtigen Zeitpunkt in der Toskana gewesen: die letzten kalten Nächte, fast noch zu kalt, um in einem Haus ohne Heizung zu schlafen, und gerade rechtzeitig zur Blüte der unzähligen Rosmarinbüsche. Den Bienen von der Hängematte aus bei der Arbeit zuzugucken, war eine der besten Tätigkeiten des Jahres. // Filme, lang: The Taking of Tiger Mountain, CN/HK 2014, Tsui Hark // Love in the Buff, CN/HK 2012, Pang Ho-cheung // Décor, EGT 2014, Ahmad Abdallah // Và pensiero. Storie ambulanti, I 2013, Dagmawi Yimer // It's Such a Beautiful Day, USA 2011, Don Hertzfeldt // Nella città l'inferno, I/F 1958, Renato Castellani //  Stimmigster Wien-Aufenthalt des Jahres: Ende Mai von Drehli Robnik und Joachim Schätz zur Konferenz „Land. Lense. Violence. Filmbilder moderner Massengewalt“ eingeladen werden. Nach der Ankunft im Filmmuseum die Personale zu Don Hertzfeldt sehen, dann drei Tage angenehme Diskussionen mit lauter klugen Leuten // Fernsehen: Altes Geld, A 2015, David Schalko // Braunschlag, A 2012, David Schalko (technical pleasure: The Musketeers, GB 2015; continued pleasure: Orphan Black, CDN 2013-) // Wichtigster Arbeitsmoment des Jahres: die Zusage von Cecilia Mangini, dass sie zu der kleinen Retro im nächsten Februar ins Arsenal kommen wird. //  Bücher: Peter Richter: 89/90 // Jeet Thayil: Narcopolis, London: faber and faber 2012 // William Morris: News from Nowhere (1890) (Relektüre: Wu Ming: Altai, Torino: Einaudi 20xx (ein Buch, dass ich am liebsten übersetzen würde, damit alle die weder Italienisch noch Englisch entspannt lesen, es auch genießen können. Nur müsste mir doch jemand Geld dafür geben...).) // Flop des Jahres: Spectre, USA/GB 2015, Sam Mendes. Bond ist jetzt wieder genauso belanglos manieriert wie vor Craig. Dass den Broccolis zu einer Zeit in der alle über Geheimdienste reden nix besseres einfällt als Retrojauche über den Film zu spritzen und die Schnarchtablette Seydoux als sexistische Projektionsfläche aufzutischen, lässt nur eine Möglichkeit zu: Bond stirbt am Anfang des nächsten Films, Grace Jones wird die neue M und Tatiana Maslany die neue Superagentin. Ansonsten trink ich mein Bier ab jetzt in anderen Filmen. // Filme und Projektionen, über die ich mich im nächsten Jahr freuen würde: Akounak (Tedalat Taha Tazoughai), NIG 2015, Christopher Kirkley // Comrades, GB 1986, Bill Douglas // The Meeting, NIG 2012, Mildred Okwo // Suru Lere, NIG 2015 (or 2016?), Mildred Okwo // I Smile Back, USA 2015, Adam Salky // Chi-Raq, USA 2015, Spike Lee // die Abschlussfilme von Julian Radlmaier und Janin Halisch, die nächsten Filme von Max Linz und Khaled Mzher // Nur leider: insgesamt deutlich zu wenig Urlaub gemacht. Das muss sich im nächsten Jahr ändern.

 

 

Carolin Weidner

#1: "Baby Love Child" - morgens durch Zufall

#2: "Sworn to Secrecy Part II" - mittags im Fernbus

#3: "Soul Mining" - abends auf dem Rad

 

 

Robert Weixlbaumer

Juni in Wien, Pilgerfahrt zur Dodo-Vitrine im Naturhistorischen Museum. Der um 1680 ausgestorbene Vogel ist der Namenspatron des "Dodo-Bird-Verdict", das ­– frei nach Lewis Carroll – besagt, dass alle etablierten Psychotherapieschulen mehr oder weniger gleich effektiv sind (Metastudien belegen das auf ihre Art). Der befederte Dodo war ausgeliehen. Statt dessen ein Skelett und der Verweis auf seine mögliche Ko-Evolution mit dem inzwischen auch beinahe ausgestorbenen Kalvarienbaum (Netzwerk-Theorie!). Trost spendete "Porky in Wackyland" (R: Robert Clampett, 1938), in dem Porky Pig, surrealer Forscher der Warner University, "Alice in Wonderland" nachspielt und erst einmal auch nicht findet, was er sucht – "The last of the dodos".

 "The future is conditionally independent of the past given the present", sagt die mathematische Markov-Bedingung. Zwei Betrachtungsebenen weiter verwandelt sich das poetische Versprechen der Freiheit in sanften Determinismus. In ein dynamisches System übersetzt, gleicht die Markov-Kette einer Stop-Motion-Film-Wunschmaschine, die egal, wo sie ansetzt, immer wieder das gleiche, endlose Finale produzieren kann. Psychologieabschluss. Masterarbeitsthema. Porky Pig plus Markov-Kette. Statt Kino laufen im Herbst oft Prof. Blitzsteins Onlinevorlesungen zu linearer Algebra über den Beamer. Schmerzhafte Lektionen in Demut: Vom A bis Z immer wieder nur A bis C verstehen, aber andererseits braucht Markov nicht mehr als einen Konsonanten und einen Vokal für die Wahrscheinlichkeits-Analytik von "Eugen Onegin". Hoffen, dass die Intuition 90 Seiten weit trägt.

 Charlie Kaufman beim Anomalisa-Interview, im Hotelcafé an der Elisabetta, mit Blick auf die Lagune von Venedig. Der Regisseur ist grüblerisch (wie gewohnt). Drei Tage später wird der Film einen Hauptpreis des Festivals gewinnen, aber Kaufman scheint jetzt schon zu ahnen, dass auch das nichts groß an seinem Status ändern wird. Als das Interview zu Ende ist, sage ich ihm in einem Affektdurchbruch beim Zusammenpacken noch einmal, wie sehr uns seine Arbeit begeistert. Wirklich! Glauben Sie's mir! Damit er das durch seine Schranke lässt, die ihn selbst wie seine gesichtsblinde Filmfigur zu beschützen scheint. Projektive Identifikation, denke ich nachher. Seine Reaktion ist ein kurzes Flackern im Mienenspiel, Gefühlsrichtung weiter undeutlich. Wahrscheinlich: Triumph der Ambivalenz.

 

 

Matthias Wittmann

Das Jahr begann mit zwei Anschlägen: Ich bekam zwei Zähne gezogen, dann Paris. Die Zahnlosigkeit des Michel Houellebecq auf der Titelseite von Charlie Hebdo – eine Karikatur, ausnahmsweise nicht seiner selbst – wurde plötzlich zur Erinnerung an die unentwirrbare Verwobenheit der privaten und der öffentlichen Sphäre. Am Ende des Jahres nun habe ich zwei neue Zähne und die Vermutung, dass wohl nur das Lachen, auch: als Erbe des langen Sommers der Theorie, helfen kann. Remember Michel Foucault: "Stellt euch nicht vor, man müsse traurig sein, um ein Kämpfer zu sein, selbst wenn die Sache, die man bekämpft, verabscheuungswürdig ist.“ Hanna Arendt: "Der Mob ist das Volk in seiner Karikatur." Und Akif Pirinçci ist die Karikatur von Borat (oder umgekehrt). Josef Hader: „Man hat ja keine Alternative. Zu Konzerten gehen, in Cafés herumsitzen. Das ganz normale, jämmerliche Bobo-Dasein wird plötzlich zum gesellschaftspolitischen Statement. Schon allein das wäre Grund genug, jeden Terrorismus zu bekämpfen."

Ein Kinojahr war dieses Jahr leider nicht. Eher das Jahr der verpassten Filme/Festivals, der Filme, die zu spät oder gar nicht in Basel vorbeischauten. Auch: Erkennen müssen, weniger Zeit als sonst fürs Kino zu haben. Wofür sonst, wenn nicht dafür? Erschreckend. Trotzdem, besonders gerne gesehen: A Most Violent Year (J. C. Chandor), Taxi Teheran (Jafar Panahi), Inherent Vice (Paul Thomas Anderson), Amour Fou (Jessica Hausner), Leviathan (Andrey Zvyagintsev), American Ultra (Nima Nourizadeh), Mad Max: Fury Road (George Miller), Das blaue Zimmer (Mathieu Amalric), A Girl Walks Home Alone at Night (Ana Lily Amirpour), Steve Jobs (Danny Boyle), Citizenfour  (Laura Poitras).

Immerhin: Ein Jahr der Bewegungen. Vor allem: ein Jahr der mit Freund_innen verbrachten, ja: freien Zeit, als Quelle neuer, mit der Arbeit nicht wirklich verschaltbarer Gedanken. Genau das geniessen. Autofahren durch Kalifornien, dem Big Sur entlang, an Seelöwenkolonien und Pottwalen vorbei. Mit einem gelben Ford Mustang Cabrio und Beach Boys im Ohr durch LA. Nebenbei merken, dass John Carpenters They Live die Semiotik von Los Angeles wie kein anderer Film verstanden hat. Bewegung durch und in San Francisco. Gay Pride nach dem Entscheid des Supreme Court. Hitchcock hat den ent-wirklichenden Nebel in San Francisco ziemlich gut verstanden (Studio hin oder her). Durch Tehrangeles/Irangeles flanieren. Bewegung im Schiff Richtung Staten Island oder mit der Luftseilbahn Richtung Roosevelt Island. Leider keine Bewegung mit der uralten Cyclone (Coney Island). Bevor wir einsteigen konnten, blieb sie stecken. Fazit von einem Monat USA: Tausende Fotos. Dann noch mit dem Auto durch die Trulli-Landschaften Apuliens (fast ein Schlumpfhausen). Den italienischen Chanson/Schlager neu entdecken (Franco Battiato).

Nervig: Star Wars; Nachrufe auf Helmut Schmidt

Leider auch (schöne) Nachrufe auf Leonard Nimoy, Gilberto Perez, Sayonara Setsuko, Hara

Luc Bondy und Chantal Akerman lesen müssen. (Auf ihren Tod wurden VP und ich in Venedig, bei der Biennale, durch ein kleines, zittriges Kreuz neben dem Titel ihrer Installation hingewiesen.)

Schock des Jahres: kurzzeitiges Verschwinden der Krähe

Symptomatischstes Wort des Jahres: „reality distortion field“ (Steve Jobs)

Niederschmetternd: Lesen zu müssen, dass es in dem Computerspiel Super Mario Bros., vielleicht das einzige Spiel, das ich jemals durchgespielt habe (oder kann man Tetris, Pacman durchspielen?) eine Tastenkombination gegeben hat (A + Start im Hauptmenü), die über das virtuelle Ableben hinaus eine Rückkehr zum letztgespielten Level ermöglicht hätte. Meinen Nerven wäre viel Abrieb erspart geblieben. 

Höhepunkte: Abarbeiten an vielen, vielen Manifesten, vielleicht die neue alte Verfassung der Gegenwart, Antwort auf Alternativ- und Utopienlosigkeiten und auf wirklich gewordene Schreckensszenarien: Neo(-wutbürger-)faschismus, Neoliberalismus, Neoislamismus. Leider auch: Ausdruck der Sehnsucht nach neuen Mythologien, Keimzelle dystopischer Realverfassungen (vgl. Manifest der Khanssaa-Brigade). Roland Barthes wieder und neu lesen, schreiben darüber. Gespräche übers Kochen. Lee Millers Aufnahmen von Wien 1945. Ausstellung über Galizien. Von Velazquez‘ flirrenden Stoffbildern und Texturen nicht mehr loskommen. Peter Handke wieder lesen („Das Vergleichen schützt vor der Beschäftigung mit dem Gegenstand“). LACMA (LA), vor allem: Noah Purifoy, Junkdada in der Wüste Mojaves, viel an Mad Max gedacht. Reden: Navid Kermani (Friedenspreis), Rainald Goetz (Büchnerpreis). Song: Goetz singt „Bologna“ von Wanda. Die Farben des Isenheimer Altar (Colmar) nicht mehr vergessen können. Claudia Cardinale in Basel. Shia La Beufs Neo-Situationismus. Blur. Einen Neffen kriegen. Das Kriegs- und Filmtagebuch meiner Grossmutter lesen (Stalingrad war deshalb erschütternd, da die Kino in Wien geschlossen blieben.) Erfahren, nunmehr mindestens drei Jahre das iranische Kino beforschen, den Iran bereisen zu können. Siesta beim armenischen Kloster/Pavillon auf der Insel San Lazzaro (Venedig).

 

 

Elena Zanichelli

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