• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   19. Dezember 2018  





Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Was vom Jahr bleibt

Marie-Luise Angerer

Wissen … immer schon im Voraus

Dieses Jahr war ein Jahr des ›Immer-schon-Wissens‹: Man wusste immer schon alles im Vorhinein, was Filme, Serien und Wahlausgänge betrifft – wenn auch die jeweiligen Inszenierungen ziemlich unterschiedlich waren: von spitzfindig über langweilig, von brutal bis sentimental, von unfassbar bis zynisch.

Ob in Thomas Arslans Helle(n) Nächte(n), in Sally Potters The Party, ob in der Dokumentation über James Baldwin I am not Your Negro, in der Ausstellung The Boat is Leaking. The Captain Lied in Venedig, ob in Our Souls at Night (mit Jane Fonda und Robert Redford), in Godless oder Mudbound auf Netflix oder in Kathryn Bigelows Film Detroit. Aber auch bei Women in Trouble von Susanne Kennedy an der Volksbühne. Ob beim #MeeToo und endlosen Polit-Talkshows vor und nach den Wahlen in Frankreich, Deutschland und Österreich, deren Ausgang immer schon klar war (natürlich auch mit Überraschungen wie Macron oder abrupten Rücktritten). Die Enttäuschung ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Die Höhenflüge und Erwartungen waren derart hochgepusht, dass Absturz, Schulterzucken und Desinteresse gefühlte Augenblicke nur später folgten.

Vater und Sohn im Norden in den Hellen Nächten – Schweigespirale, im Film Party gibt ein Wort das andere, bis alle gegen alle sind und überhaupt jede mit jedem im Clinch liegt, die Schwarzen – ob in der James Baldwin-Doku, in Mudbound oder in Detroit – sind von Anfang an auf der Seite der aussichtslosen Verlierer, die nie auch nur die kleinste Chance haben, und wir wissen dies alles von Beginn an und haben auch nicht die Möglichkeit zu sagen: eh nur ein Film.  Denn alles ist und sind nur Film, nur Bilder oder nur Bühne (die sich auch immer nur im Kreis dreht). Alexander Kluge, Anna Viebrock und Thomas Demand haben inmitten von all diesen labyrinthischen Realitätsebenen mitgespielt, was Venedig dieses Jahr lohnenswert gemacht hat, um auch dort zu lernen: wir werden immer schon gewusst haben – wenngleich auch immer anders. 

Auch bei den großen Kunst- und Kulturevents (documenta, Biennale, Volksbühne) – immer haben wir eh schon gewusst oder hätten es zumindest wissen können, dass Athen und Kassel gemeinsam nicht funktionieren wird (wie viele davor und danach sich gegenseitig bestätigten), dass die Volksbühne nicht funktionieren wird können (was ebenfalls viele schon immer gewusst haben wollen). Ekkehard Knörer hat über Women in Trouble an der Volksbühne geschrieben, dass dieses Stück ein Theater der Affektvernichtung sei, gleichsam am Nullpunkt des Affekts angelangt. Auch der Film Detroit ist, so sehr es möglicherweise auf den ersten Blick anders erscheint, letztlich Affekt vernichtend, er ist so unerträglich, weil wir eben auch immer schon wissen, was kommen wird, sodass Zero Affekt möglicherweise der stärkste Affekt überhaupt ist.

Hier zeigt sich für mich in diesem Rückblick eine interessante Kopplung, nämlich die von Wissen/Erwartung und Affekt und deren artifizielle, medientechnologisch induzierte Auf- und Abwärtsspirale. Ob also Film, Theater, Ausstellung oder Politik in diesem Jahr – überall war die affektive Grundstruktur durchaus ähnlich: Wissensumfang und -details auf Hochstand bei affektiver Bewegung gegen Null. 2018 soll angeblich das Jahr der Umbrüche werden …

 

 

Ludger Blanke

Essaouira in Marokko
Nürnberger Tagebuch von Gustave M. Gilbert
Das Nationaltheater Reinickendorf von Vegard Vinge und Ida Müller
Western von Valeska Griesebach
Sex
Rest von Charlotte Gainsbourg
Jesus schläft (Cantata, BWV 81) von Dorothee Oberlinger
Brexit als Farce, Trump als Tragödie

 


Johannes Binotto

„Kill or Be Killed“ von Ed Brubaker geht weiter und könnte sein bislang grösster Bilder-Roman werden. „Providence“ von Alan Moore ist zu Ende.

Warum kenne ich niemanden, der sich das angehört hat? In seiner siebenteiligen Hörreportage „The Butterfly Effect“ erzählt Jon Ronson die Zerstörung der Pornoindustrie durch Gratisstreams als erstaunlich bewegende Verwandlungsgeschichte. Die Darsteller_innen von einst machen heute auf Kundenwünsche zugeschnittenen costum porn, der oft weniger der Stimulation, als vielmehr der Verwindung von Versehrtheit dient. Ein Kunde möchte sehen, wie eine Frau von einem Kobold gefesselt wird, damit sie das Haus nicht verlassen kann. Es ist seine eigene Geschichte, wie er sich als Kind auf den Koffer der Mutter setzte, um zu verhindern, dass sie die Familie verlässt. In einem der Interviews mit einem Mann, der aufgrund seiner Kontaktängste heute mit einer Sexpuppe zusammenlebt, meldet sich plötzlich der Tontechniker zu Wort und erzählt von seinen eigenen Zwängen. Es bleibt dies der berührendste Hörmoment dieses Jahres. Ein Versprechen, dass die Proliferation gratis verfügbarer Pornographie als unbeabsichtigten Schmetterlingseffekt am Ende genau das wieder möglich macht, was abzutöten man ihr so gerne vorwirft: Kontakt.

Das Filmerlebnis, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Ute Holl in „Traum, Wolken, Off, Exil“ von ihr und Peter Ott. Hamburg im Juli der G20. Sechster Teil. Im Hintergrund rennen vermummte Polizisten vermummten Demonstranten nach. Laute Körper stossen an die Kamera. Ute sagt „Okay, ich lese“ – die am wenigsten vorgesehene Intervention. Später, im Hintergrund die Wasserwerfer, die Sätze: „Das Off in „Moses und Aron“ positioniert die Zuschauenden in einem Ort, von dem aus Antwort verlangt wird. Das Off ist Wahrnehmungssache und Verantwortungssache.“

Die mir wichtigste Lektüre in diesem Jahr ist ein Wiederlesen. Die wütenden Reden und Artikel von Frederick Douglass sind erschütternd zeitgemäss und machen zugleich Hoffnung in ihrer Klugheit. Auch das kann Amerika sein. Zufällig gefunden diese Stelle: „As Mr. Lincoln, however, in all his writings has manifested a decided awkwardness in the management of the English language, we do not think there is any intention in this respect, but only the incapacity to do better.“ Der ehemalige Sklave, der sich selbst das Lesen beibringen musste, scheut sich nicht, den für seine Rhetorik berühmten Präsidenten am Zeug zu flicken. Mit den Satzrudimenten des aktuellen Machthabers im Ohr, liest sich das nur noch verblüffender.

An Weihnachten, wie immer, Bing Crosby zu Rosemary Clooney: „Count your blessings instead of sheep“.

Zum Jahresende und arbeitshalber nachdenken über ein Bild aus „Freak Orlando“ von Ulrike Ottinger: der Blick von Delphine Seyrig durch die farbverschmierte Scheibe. Weiter anders sehen lernen.

 

 

Hannes Brühwiler

Dass mich Twin Peaks: The Return dermassen begeistern würde, damit habe ich nicht gerechnet. Wenn ich nun auf 2017 zurückblicke, so ist es gespickt mit Momenten dieser außergewöhnlichen Serie: Der Sturz in die Atombombe, der Abschied von der Log Lady & die Liebe von Norma und Ed, Dougie und sein Sohn, das verstörende Ende in Episode 18 und die Konzerte im Roadhouse, die in ihrer Regelmässigkeit etwas zutiefst tröstliches ausstrahlten.

Mit der Intensität von Twin Peaks konnte eigentlich nur die Jacques Tourneur gewidmete Retrospektive des Filmfestivals Locarno mithalten. Canyon Passage, Stars in My Crown, I Walked with a Zombie, The Leopard Man, Circle of Danger. Einmal mehr gelang es dem Festival eine herausragende Retrospektive zu organisieren.

Großes Vergnügen bereite die Lektüre von John le Carrés A Legacy of Spies, der Katalog zur Ausstellung SOS Brutalismus, der Soundtrack dazu: Godspeed You! Black Emperor, St. Vincent, Lorde, Boris.

Ich habe den Eindruck, dass ich vieles dieses Jahr verpasst habe. In Erinnerung werden mir aber bleiben: Jackie (Larraín), Personal Shopper (Assayas), Nocturama (Bonello), Bitter Money (Bing), Himmel ohne Sterne (Käutner), The Breaking Point (Curtiz), M (Losey), Prix de Beauté (Genina).

 

 

Robin Celikates

A.: 1.11.2017, 4:57, Onze Lieve Vrouwe Gasthuis, Amsterdam-West.

Die ins Exil vertriebenen türkischen AkademikerInnen von BAK Almanya – vor allem Zeynep Kıvılcım, Mine Gencel Bek und Zafer Yilmaz; materielle Solidarität mit den gefeuerten und verfolgten Academics for Peace kann man hier bekunden.

Und sonst so: Godless, Wataha 2, Stranger Things 2, Taboo, 4 Blocks, 人民的名义(In the Name of the People), Line of Duty 4, Fargo 3; Andrzej Stasiuks Galizische Geschichten, Viet Thanh Nguyens The Sympathizer, Danielle Allens Cuz: The Life and Times of Michael A., Paul Beattys The Sellout, Lu Xuns Complete Fiction und Jottings Under Lamplight; in der Sektion politische Ethik: Aamer Rahman: Is it really OK to punch Nazis?

 

 

Catherine Davies

Zu Beginn des Jahres war ich wegen des neuen amerikanischen Präsidenten doch sehr nervös, ohne genau zu wissen, was ich genau erwartete — eine verdeckte russische Operation im Baltikum vielleicht, die dann eskalieren würde, so etwas in der Art. Die ersten Wochen wachte ich jeden Morgen auf und überprüfte als Erstes, ob etwas Schlimmes passiert sei. Irgendwann habe ich damit aufgehört. Gleichzeitig hatte ich bis ungefähr April oder Mai noch die Hoffnung, dass zumindest ein paar republikanische Abgeordnete hinreichend Rückgrat hätten, sich dem gestörten Präsidenten in den Weg zu stellen. Auch das denke ich längst nicht mehr. Das alles ist mir erst kürzlich wieder eingefallen. Mittlerweile habe ich mich so an die neue Situation gewöhnt, dass mir meine anfänglichen Ängste und Hoffnungen fast fremd vorkommen, dabei bin ich mir gar nicht einmal sicher, dass sie irrational waren. Überrascht hat mich jedenfalls, wie schnell man sich an etwas gewöhnt und wie schnell man vergisst. Vielleicht auch deswegen haben mich die Fotografien Harf Zimmermanns in der Ausstellung im c/o Berlin so beeindruckt: großartige Dokumente eines Ortes und einer Zeit – des Bötzowviertels in den 80er Jahren –, die nun so gründlich versunken und vergangen scheinen, wie es nur geht, dabei sind sie kaum dreißig Jahre her. – Im Sommer habe ich schließlich endlich Chinua Achebes großen Roman Things Fall Apart gelesen. Einen äußeren Anlass dafür gab es nicht, rückblickend scheint es mir, dass es vielleicht daran lag, dass die Zeilen aus Yeats’ Gedicht («Things fall apart; the centre cannot hold») von entgeisterten Beobachtern seit 2016 ständig zitiert worden waren. Das Ende des Buchs traf mich ganz unvorbereitet: wie sich der Blick plötzlich wendet und der Tod seines Protagonisten zu einem Detail in der geplanten Abhandlung des Kolonialbeamten wird, das kann (fast) ganze Aufsätze über Subalternität und postkoloniale Geschichtsschreibung ersetzen.

 

 

Matthias Dell

Das lange Goodbye der alten Volksbühne: Hingehenmüssen, Klassentreffen der Berliner Jahre, Fabian Hinrichs' "Mir bricht es das Herz" nach seiner letzten Vorführung, Manfred Krugs "Das war nur ein Moment" beim allerletzten Vorhang. So fühlt sich, bei aller Absurdität der Nachfolgeregelung, etwas Bedeutendes an. Und dass es so "Untertan"-haft geregnet hat beim Abschiedsabend, passte dann auch.

Überhaupt das Theater: Anta Helena Reckes epochale "Schwarzkopie" von "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen, zu der die Kantinen-Abende davor und danach unbedingt gehörten, weil es um diese Form der Diversifizierung ging. "You opened a door", sagte eine alte Frau zur jungen Regisseurin danach. Und Jerôme Bels "The Show must go on" nach 17 Jahren wieder gesehen am MC93 in Bobigny, erstaunlich unstaubig, repräsentativ flexibel, nur halt mit Smartphones.

Volker Bouffier und Andreas Temme vorm Wiesbadener NSU-Untersuchungsausschuss: Bouffier mit inversem Filibuster: zehn Stunden durchhalten, ohne etwas zu sagen. Temme, der mit der Forensic Architecture-Arbeit, also sich selbst, konfrontiert wird. Beim Stuttgarter Ausschuss, wo die AfD mitfragt, kommt das gegenwärtige Deutschland zu sich selbst: Miniaturen eines vergangenen, der AfD vorausgehenden rechten Aktivismus; die Unschärfe des Rassismusbegriffs.

Union gegen Eintracht Braunschweig am 15. September; trotz des für Union nicht untypischen Remis nach Führung eine Spitzen-Begegnung in der wunderschönen, immergrünen Alten Försterei.

 

 

Jan Distelmeyer

Der erstaunlich direkte Offenbarungseid von La La Land, der die vorgebliche Hommage an das klassische Hollywood ins rechte Licht rückt: Im Rialto-Kino läuft Rebel Without A Cause, und die Nähe zur Klassik soll jetzt aber mal so richtig spürbar werden. Das La La Land-Bild wird zu dem von Rebel Without A Cause, Filmwechsel und freundliche Übernahme. Das geht nicht gut, Rebel Without A Cause verschmurgelt im Rialto-Projektor, Harakiri als Selbstbehauptung, Ryan Gosling und Emma Stone müssen raus aus dem Kino, keiner von den beiden Filmen hält diese dysfunktionale Nähe aus.

Die großartige Offenheit in Valeska Grisebachs Western, die sich in und aus geschlossenen Welten entfaltet. So klar die Strukturen im deutschen Arbeiter-Camp und im bulgarischen Dorf zu sein scheinen, so wenig tritt ein, was ich an Erwartungen daran knüpfe. Vom Zwischenfall mit der Mütze im Fluss bis zum Fest am Ende: Wie das (da) geht, Zusammenleben, müssen wir noch ausmachen.

Freitag, der 12. Mai: Der Bundesrat billigt den Gesetzentwurf, der computerbasiert-selbstfahrenden, vernetzten Autos die Fahrerlaubnis erteilt. Am selben Tag startet der Hackerangriff mit dem Verschlüsselungstrojaner „WannaCry“, der etwa 200.000 Computersysteme in 150 Ländern neuen Zwecken unterstellte. Da gibt es keinen Zusammenhang – nur den, dass das zufällige Zusammentreffen vielleicht ein ganz guter Anlass gewesen wäre, doch nochmal konkret anders über das Setzen auf die programmatische Kybernetisierung der Welt nachzudenken als im Wahn einer neuen Techno-Ökologie und der Hoffnung auf Industrie 4.0.

Die Harun Farocki Retrospektive ab September an verschiedenen Orten in Berlin. Meine merkwürdigste Begegnung mit Unbekanntem war der Spielfilm Betrogen von 1985. Vieles führt von diesem schrägen Ding zu Filmen von Christian Petzold und einiges zu Harun Farockis Humor, der in den späteren Filmen und Installationen nicht mehr so nach vorn geht wie z.B. in Jeder ein Berliner Kindl von 1966 („Der Maurer hat seine Kelle dabei und der Beatle seine Gitarre; er hat sich seine Haare übergestülpt wie eine Mütze, er braucht sie bei der Arbeit.“) und wie am Anfang von Betrogen. Da trägt ein Mann, die spätere Hauptfigur, geübt eine zu montierende Toilette in einen Neubau, und ein anderer Mann ruft ihm zu: „Sind sie ein Klempner?“

#too: Am Freitag, den 6. Oktober, nimmt Spiegel online die Enthüllungen aus der New York Times auf, „dass Weinstein sich jahrzehntelang immer wieder anzüglich gegenüber Frauen geäußert und einige von ihnen sexuell belästigt haben soll“. Exakt eine Woche zuvor ein anderes oder ähnliches Bild auf der Seite: Am 29. September wird Hugh Hefners Tod auf Spiegel online zum Anlass für eine erinnerungswürdige Interface-Ästhetik. Auf einem Portrait in der rechten Spalte, dem Übergang zum Video „Hugh Hefner im Interview: Der Playboy hat die sexuelle Revolution mit initiiert“, blickt Hefner auffällig selig nach links unten. Wohin? Eine Suchbildverknüpfung, ein Hyperblick. Wer Hefners Perspektive folgt, landet beim Foto für den angrenzenden Artikel „Junge Katalanen für die Unabhängigkeit“, in dessen Zentrum eine blonde junge Frau mit tiefem Ausschnitt in die Kamera lächelt und die Anschauung des Verstorbenen bestätigen darf. Ein (bestimmt nicht letztes) Geleit für eine traditionelle Blick- und Bildpolitik, „jahrzehntelang immer wieder“.

Am 1. Dezember mit Pina, Theo und 23.000 Anderen auf der Alm, letztes Heimspiel von Arminia Bielefeld gegen St. Pauli. Die dunkle Kälte macht nichts, das Fluchtlicht wärmt, weil es zeigt, was geht: 5:0, Fabian Klos trifft wieder und Florian Dick schießt das Tor des Monats volley in den linken Winkel. SMS von Carsten, St. Pauli-Fan: „Frohes Fest“

 

 

Monika Dommann

Frau trägt Weiss. Jim Jarmusch trug immer schon schwarz, doch er schaut gerade wegen seinen weißen Haaren noch immer cool und boyish aus. Am Tag nach Andy Warhols Tod, so berichtet Patti Smith, ließ New Yorks Himmel eine Schneeschicht über die Stadt fallen, so weißwie Warhols Haar. Die Harre der Künstler und der Klugen waren in meiner Phantasie schon immer schlohweiß. Ich färbte meine Haare allerdings ein Vierteljahrhundert, bis ich im Mai 2016 plötzlich damit aufhörte und seither obsessiv Listen von silberhaarigen Ladies anlege. Missy Elliot gehört definitiv auf diese Liste, seit sie im Januar 2017 meinen Clip des Jahres vorgelegt hat: I’m Better. Die coole Missy und ein stattliches Frauenballet unter Wasser und auf Gymnastikbällen synchron tanzend, mit silberweißen Haartollen! Die schlagfertigste Silberhaarträgerin von 2017 war allerdings die Historikerin Mary Beard von der University of Cambridge, auch weil sie den Battle gegen den Risikoanalysten Nassim Nicholas Taleb so souverän gewonnen hat. Ps: Ja, die Jungs und Mädels schauen mir eigentlich nun eigentlich kecker in die Augen. Es ist mir ein Rätsel warum.

If Chicago was good enough for Studs Terkel to spend a lifetime in, it is good enough for me. (Aleksandar Hemon) Ich übersommerte in Chicago. Als ich ankam, hatte der Lake Michigan 17 Grad, drei Woche später schon weit über 20. Michael Geyer hatte mir diese wunderbare Stelle am Promontory Point in South Side Chicago gezeigt, wo man auch bei stürmischem Wasser bequem über eine kleine Treppe ins Wasser kommt und sich nach dem Schwimmen auf alten Steinbrocken von der Sonne trocknen lassen kann. Chicago war gut zu mir, auch weil es eine cinephile Stadt ist. Mit dem mondänen alten Music Box Theater, wo ich meinen Dokumentarfilm des Jahres (The B-Side, von Errol Morris) gesehen habe. Ein Porträt über Elsa Dorfman und ihre großformatige Instant Polaroid Kamera, so berührend wie Roland Barthes. Der Facet Cinemateque, wo ich Gianni Amelios Lamerica von 1994 wiedergesehen habe. Ein Film über die Hoffnung all jener, die wagemutig auf Schiffen in eine andere Zukunft aufbrechen. Und eine italienisch-albanische Verflechtungsgeschichte am Ende des Kalten Krieges. Zum Schluß gabs noch eine Diskussion mit Aleksandar Hemon, der mit dem Flugzeug während des Jugoslawienkrieges in Chicago gestrandet war. Unvergesslich sind mir auch die Openair Vorführungen des Black Cinema House in der South Side beim Washington Park. Diesen Sommer wurden an einigen Freitagabenden nach der Dämmerung Dokumentarfilme von 1968 gezeigt (Gordon Parks Diary of a Harlem Family und World of Piri Thomas und William Greaves Still A Brother: Inside the Negro Middle Class). Projiziert wurde auf die Außenwand des alten The Muffler-Shop. Im Hintergrund das Rattern der L Trains und die Soundsystems der Autos im Freitagabendrausch.

Bolognese kochen. Zurück in Zürich hatte mich die Hochschulbürokratie bald fast aufgefressen. Bologna, ach welch gefräßiger und unersättlicher Apparat bist Du! In Dauerreform (unsere aktuelle heisst Bologna 2020) uns mitschleifend, unsere Mittagsgespräche bestimmend, unsere Sprache kontaminierend. Die Rettung war das wöchentliche Seminar (Vom Lynching zu Black Lives Matter. Race und Rassismus in den USA). Eigentlich braucht es gar nicht so viel, damit man schnell zur Sache kommen und auf Augenhöhe miteinander arbeiten kann: Ein gutes Buch als Einstieg (Mein Sachbuchtip des Jahres, grad eben in deutscher Übersetzung erschienen: Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in den USA, C.H. Beck 2017), anschließend intensive Lektüre und Diskussion von Texten, und schließlich fünf Mal über den Mittag Filmvisionierungen, freiwillig, ohne Erwerb von ECTS. Ich habe zusammen mit den Studierenden auch meinen Film des Jahres 2017 angeschaut (Get Out von Jordan Peele). Ein Horrorfilm über die Einverleibung schwarzer Körper durch weiße Liberals. Ich war froh, dass sich im Test-Screening die Happy End Variante durchgesetzt hatte. Und auch ganz glücklich darüber, dass ich ein zwei, drei Referenzen und Pointen erst in der Diskussion mit den Studentinnen und Studenten kapiert hatte. Ps: Allen Bologna-Geschädigten empfehle ich den Gang zum Herd zwecks Zubereitung des guten alten Ragù alla bolognese. Viel Reform braucht es da nämlich nicht! Bloß die richtigen Zutaten. Und unverschämt viel Zeit. Ein ganz tolles Rezept findet sich im Kochbuch meiner Zürcher Kollegin Elisabeth Bronfen, noch kurz vor 2017 erschienen: Elisabeth Bronfen, Besessen. Meine Kochmemoiren, Basel 2016, S. 283­-284. 

 

 

Günter Hack

Von 2017 bleibt der unangenehm deutliche Eindruck des Alterns diverser liebgewonnener Welten aus meiner Jugend zurück. Das betrifft reale Konstrukte wie USA und EU und den liberalen Rechtsstaat ebenso wie die medialen Artefakte "Twin Peaks" und "Blade Runner". Mann des Jahres ist in diesem Szenario eindeutig Kyle MacLachlan als Dougie Jones, ein Traumwandler, der das Chaos der um ihn herumtobenden finsteren Mächte mit einem Lächeln quittiert, sich dabei mit beiden Händen an den wärmenden Coffee-to-Go-Becher klammernd. Ich bin du, Dougie Jones. Aus "Blade Runner" hingegen ist ein Computerspiel geworden, was eigentlich passt, weil einfach die dystopisch-detailversessene Alternativweltkonstruktion auf den neuesten technischen Stand gebracht wurde. Denis Villeneuve ist der J.M.W. Turner der Nvidia-Generation, Polygonbauten im Nebel, merkwürdig gerenderte Charaktere ambulieren in einem Bruno-Latour-Umfeld, in dem neben Robotern, Cyborgs und Replikanten auch Indiana Jones vorkommt, Harrison Ford, dem man im ersten Teil noch ein gemütliches Leben mit seiner Liebsten gewünscht hätte, geblieben ist aber nur ein Hund. Noch im Kino habe ich mich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, einfach Dicks Novelle werkgetreu zu verfilmen, den dort etablierten Ökohorror einer Natur ohne Tiere zu betonen statt einmal mehr die Frage zu stellen, was einen Menschen eigentlich ausmacht, was ihn von einem Roboter, einem Replikanten oder einem Oligarchen unterscheidet. Man schaltet irgendeinen Nachrichtenkanal an und sieht, dass es im Actor-Network ohnehin egal ist. Bruno Latour hat gewonnen und damit verloren, weil er eigentlich ein guter Typ ist, genau wie Dougie Jones, genau wie ich.

 

 

Maren Haffke

2017 wird - nach allem was man wissen kann - für mich ein gutes Jahr gewesen sein. Es war das Jahr unserer Hochzeit. Das Jahr, in dem wir endlich die Berliner Freibäder entdeckt haben. Das Jahr nach dem Jahr, in dem ich meine Dissertation abgegeben habe. Während wir mit 2017 als Lebensabschnitt beschäftigt waren erreichten uns Meldungen über 2017 als politische Situation. In den USA hatten sie tatsächlich diesen Typen gewählt. Öfter als früher wurden auf Partys Gespräche über Idiocracy geführt. Wir mussten lachen, wenn wir die Nachrichten sahen, aber das Lachen löste nichts. Think pieces, in denen es um eine Krise der Ironie ging, legten uns nahe, dass unser Lachen Teil des Problems sei. Wir erfuhren, dass es eine rechte Version der Vaporwave-Subkultur gibt, die sich fash-wave nennt, und das machte auf eine erschreckende Weise so völlig Sinn, dass es uns kurz den Atem verschlug. Wie immer waren wir sehr streng mit den Dingen, die wir mochten. Aber da war auch eine Dringlichkeit, die alles erfasst zu haben schien, und unsere Dankbarkeit für das, was zu uns sprach, machte uns zugleich geduldiger und ungeduldiger. Wir hatten das Bedürfnis abstrakte Musik möglichst laut zu hören. Konrad Sprengers Platte bei PAN hat uns gefallen. Felicia Atkinsons Hand in Hand für den Winter. Sonst war es durchaus ein Backkatalog-Jahr. Ich weiß nicht genau, wie man auf unprätentiöse Weise berichtet, sich endlich systematisch mit Stockhausen auseinander gesetzt zu haben, aber wir wollten wissen, was es mit den Sachen aus den 1970ern auf sich hatte und dann war das irgendwie unser Projekt. Das schönste Konzert war der Europool-Gig von Jay Boogie im Schwimmbad am Humboldthain vor der üblichen Crowd und etwa 40 Kindern, die einfach zum Schwimmen da waren und vom Bass angelockt wurden. Es tat gut in diesem Jahr, sich die Sozialromantik zu erlauben. Im neueröffneten Wolf Kino haben wir Space Is The Place geguckt und vom intergalaktischen Arbeitsamt geträumt. Als wir Wonder Woman sahen, überraschte ich mich selbst damit, von der ersten bis zur letzten Filmminute durchzuheulen. Ich habe ehrlich keine Ahnung, ob das ein guter Film war geschweige denn ein ernst zu nehmendes feministisches Statement, aber ich kann mich auch nicht erinnern, beim Anblick einer Schlacht auf einer computeranimierten Zauberinsel jemals so bewegt gewesen zu sein. Anders als alle Kritikerinnen im Internet fand ich die E-Cello-Fanfare des Soundtracks umwerfend. Sonst schien 2017 soundtrackmäßig als viertes Jahr in Folge Peak-Emotionspiano zu erreichen. Der wahrscheinlich wichtigste Score des Jahres, Oneohtrix Point Nevers zu Recht gefeierter OST für Good Time, verlieh dagegen nicht nur Robert Pattinsons spektakulär blondierter Haarfrisur postdigitale Gravitas, er bewies auch und wichtiger, dass es in Daniel Lopatins Herz - so wie in unserem auch -  noch immer Raum für too much MIDI gibt. Von den Lektüren bleiben die Bücher, die ich in diesem Jahr mit Freundinnen geteilt habe, Chelsea Girls von Eileen Myles, Torpor und Aliens and Anorexia von Chris Kraus, Maggie Nelsons Argonauten in der deutschen Übersetzung, Alison Bechdels Are you my mother und Die Jahre von Annie Ernaux. 

 


Stephan Herczeg

Mein Jahreshoroskop im Sonderheft der Astrowoche hatte mir ein supertolles Jahr 2017 in Aussicht gestellt. Vor allem freute ich mich auf die Wiederbegegnung mit einer großen Liebe aus einem früheren Leben, die mir darin großkotzig versprochen worden war. Ich konnte mich an kein früheres Leben erinnern, fand die Vorstellung aber angenehm. Dann passierte einfach nichts, das Jahr war okay und plätscherte so vor sich hin. Lange Zeit bin ich ins Kino gegangen. Auf dem Weg zu Arrival waren alle Straßen und Bürgersteige spiegelglatt. Danach musste ich Villeneuve gegen die Angriffe der anwesenden Linguisten verteidigen. Als Romantiker gehörte ich natürlich zu den wenigen, die La La Land ganz gut fanden. Réparer les vivants lief an einem sehr kalten Januarsonntag in ganz Paris nur noch im Kinosaal eines kleinen Gemeindezentrums am Stadtrand. Ich habe wahnsinnig viel geweint und konnte mich erst Tage danach wieder beruhigen. Weinen im Kino ist sowieso das Beste. Im Frühjahr Auf der anderen Seite der Hoffnung von Kaurismäki und im Herbst L'Amant d'un jour von Garrel zusammen mit Dominique gesehen. Überhaupt ist Köln viel interessanter geworden, seitdem Dominique hierhergezogen ist. Im Juni Binge-Watching von fünfzehn Loire-Schlössern in vier Tagen. Es war wahnsinnig heiß und in diesen kleinen Bilderbuch-Städtchen an der Loire sah es überall so aus, wie sich Deutsche vorstellen, dass sich Amerikaner Frankreich vorstellen. In einem kleinen Kino in Montrichard, das von einem Rentnerehepaar mit hohem Identifikationsfaktor betrieben wurde, haben wir L’amant double von Ozon gesehen. Mir ist die weich fallende, sehr schöne Bundfalten-Tweedhose des Hauptdarstellers in Erinnerung geblieben, die ich im weiteren Verlauf des Jahres dann noch ein paar Mal in Pariser Luxuskaufhäusern gesucht, aber nicht gefunden habe. Weiterfahrt in den südlichen Teil der Bretagne. Die Hitzewelle dauerte an, deshalb jeden Tag am Strand. Abends dann Hineinsteigerung in The Leftovers, meine Lieblingsserie des Jahres für alle Melancholiker ab 18 Jahren. Zwei Prozent der Weltbevölkerung verschwinden darin spurlos von einer Minute auf die nächste und in den Folgejahren entsteht natürlich sofort eine kapitalistische Merchandising-Kultur mit Ratgeberbüchern, Kongressen, Selbsthilfegruppen und Sekten rund um die nicht erklärbaren Geschehnisse. Im Herbst dann Dunkirk und große Nolan-Verehrung im wiedereröffneten UFA-Palast-Kino in Köln. Dort auch Blade Runner 2049 gesehen, der mir dann immer besser gefiel, je mehr Zeit vergangen war. The Square war dann eigentlich auch viel gelungener und lustiger als zunächst vermutet. Michelle Pfeiffer und die Shabby-Chic-Ausstattung in Mother! fand ich noch bemerkenswert. Und dann Ende Oktober, während eines längeren Paris-Aufenthalts, endlich 120 battements par minute von Robin Campillo gesehen, für mich der beste Film des Jahres und vor allem einer, der einfach alle Knöpfe in mir gedrückt hat, die man nur drücken kann: Adèle Haenel, dünne Franzosen, die beschissenen frühen Neunziger, Paris, House Music, Nahuel Pérez Biscayart, der Aktivismus der ACT-UP-Bewegung. Sehr schade, dass 120 bpm in Deutschland kaum wahrgenommen und noch weniger gesehen wurde. Ich war kurz deswegen ein bisschen beleidigt. Aber nur kurz.

 

 

Jakob Hesler

Magisch, ekstatisch, festlich, kultisch – zerstreuend, entgrenzend, unterhaltend, vermassend... Wie auch immer: Es ist nichts ehrenrühriges daran, ein gelungener Kinoabend braucht auch einen eskapistischen Vektor. Für mich war der beste des Jahres „Get Out“ – kluger Unsinn, alberner Ernst, bin schon gespannt, wie der altert.

Verpaßt habe ich im Ausland Sean Bakers anscheinend tolles „Florida Project“, das aber 2018 auch noch einen deutschen Kinostart hat; nachgeholt dafür seine „Tangerine“ (2015), den mit Smartphones gefilmten Rachefeldzug einer vom Zuhälter hintergangenen Trans-Hure. Verharmlosend? Vielleicht, aber mit Respekt; außerdem mal etwas Kohärentes von der Produktionsfirma der Duplass-Brüder, die das nervige Nuscheln allmählich überwinden.

Außerdem ist es vielleicht doch nicht alles so schlimm mit dem Fernsehen. Die Ära der linearen unidirektionalen Volksverblödung kommt bekanntlich an ihr Ende, das mit dem delectare können die Kapitalgesellschaften dann unter sich ausfechten, und das beinhaltet Sport und anderen teuren Unfug auch, thank you very much. Selbst wenn so eine Idee direkt aus dem FDP-Programm stammen könnte. Fürs Öffentlich-Rechtliche bleibt das docere und womöglich das movere. Heraus kommt eine aufklärerische kuratorische Funktion, die heutzutage jedermann gut gebrauchen kann (und die nichts zu tun hat mit jener ähnlich klingenden Geschäftsmodellmelodie, die die privatwirtschaftlichen Medienunternehmer derzeit in ihrem Wald pfeifen). Heraus kommt also so etwas wie dieses Jahr das Ausstrahlen von Raoul Pecks informativem James-Baldwin-Essay I am Not Your Negro

 

 

 

Lars Hubrich

Eine der langweiligsten Tätigkeiten im Kino: Textnachrichten auf der Leinwand lesen. Assayas macht in Personal Shopper daraus eine der spannendsten Sequenzen des Jahres. 

Berlinale: Enttäuschung folgt auf Enttäuschung. Ausnahmen: Ildiko Enyedis Body and Soul, tolle mir unbekannte Darsteller, man ahnt nie, wo der Film hinführt, und am Ende ist man von der recht gewöhnlichen Auflösung nicht enttäuscht, weil es vorher so viele überraschende Momente gab.
Casting von Nicolas Wackerbarth, improvisiert, aber auf den Punkt geschnitten, viel gelacht.
Call Me By Your Name, letzter Film, den ich sah, versöhnte etwas mit dem Festival. Timothee Chalamet umwerfend gut, Kamera und Soundtrack auch, zwei Stunden verzauberter Sommer.
 
Goethe Institut Nowosibirsk, nach der Vorstellung von Nordsee ist Mordsee ungläubige Fragen, ob es in Deutschland etwa auch Armut gebe.
 
Brian De Palma, der Dokumentarfilm - wie sexy und übergroß und filmisch die Ausschnitte sind. Gleich wieder Raising Cain, Carrie, Blow Out und Untouchables geguckt, alle noch toll.
 
Bei Moonlight ähnliche Reaktion wie bei La La Land, gut gemacht, passt alles, gut gespielt, aber auch langweilig. Erstes Kapitel Moonlight noch am besten, wegen Ali Mahershala.
 
Big Little Lies, täuscht Trash vor, zieht einen dann rein und zaubert eine der besten Paartherapienszenen aus dem Hut. Mindhunter vermeidet so viele Serienklischees und schafft es, Dialogszenen so spannend zu inszenieren, wie ich es selten gesehen habe. Wieder mal Bestätigung, dass ein Verriss von Johanna Adorjan nur gutes bedeuten kann. Interessantes Detail aus einem Interview mit den Cuttern: „One of the great privileges we have with Fincher’s work is his friendship with Steven Soderbergh and over the last three or four things I’ve cut with David, once we are happy-ish, Stephen gets a QuickTime at David’s request and re-edits the story line, which I adore.“
 
The Wailing, wie in Bong Joon-Hos besten Filmen wechselt der Film innerhalb einer Szene die Tonart. Vom Exorzismus zum Zombie zum Trottelfilm, alles in kürzester Zeit. Dabei so virtuos und spannend.
 
Karlovy Vary: zwei tolle Filme: A Ciambra und Good Time mit einem sensationellen Robert Pattinson, der schon in Lost City of Z die Show gestohlen hat. Warum Menschen zuhause bleiben um sich die zweite Staffel von einem Quatsch wie Stranger Things anzuschauen und nicht für Good Time Schlange stehen, unerklärlich.
Mizoguchi Retrospektive, jeder Film wie einmal Kopf waschen. Ein mir unbekannter Film war dabei: Waga koi wa moenu, übernächtigt gesehen, aber keine Sekunde verpasst, so toll gespielt und inszeniert war die Geschichte der frühen Feministin Eiko Hirayama.
 
Ed Brubaker und Sean Phillips haben nach Fade Out mit Kill or be killed wieder eine superspannende, schlank erzählte Geschichte erfunden. Paper Girls von Brian K. Vaughan lässt auch in Band 3 nicht nach. 
 
Podcasts: Bret Easton Ellis fehlt in der zweiten Hälfte des Jahres leider. You Must Remember This, jede Staffel hörenswert. Am besten parallel Fade Out lesen. Crimetown erzählt all die Geschichten die ich damals zu Unizeiten nur am Rande mitbekommen habe. Und S-Town natürlich. Am Ende der zweiten Folge im Tiergarten weinend vom Fahrrad gestiegen. 

 

 

Niklas Kammermeier

Im Frühjahr diesen Jahres bin ich in den Ruhrpott gezogen, in ein Haus am Waldrand, zu einem zweijährigen Kater namens Pippo, welcher 2016 einen schweren Autounfall nur knapp überlebte (u.a. mehrfacher Kieferbruch), sein Trauma jedoch mit beinahe heldenhafter Fassung trägt. Seitdem ich mit Pippo zusammenwohne, glaube ich, dass Tierliebe und Cinephilie doch sehr viel gemein haben. Welch ein Erlebnis, in dieses Gesicht zu blicken und darin trotz des Wissens um die Illusion, beinahe instinktiv, sowohl große Dramen als auch kleine Wahrheiten des Lebens gespiegelt zu finden: stoische Liebe, beleidigten Zorn, verdrängten Schmerz, fatalistische Genügsamkeit. Drei meiner Lieblingsfilme des Jahres 2017 lassen dementsprechend Katzen auftreten: In dem teils auf Super 8 gedrehten Dokumentarfilm Aus einem Jahr der Nichtereignisse (D; Ann Carolin Renninger, René Frölke) bewohnen ein fast 90jähriger Mann und eine Katze („Muuuschiii!“) einen Bauernhof. Dieses Zusammenleben wirkt auch deswegen so rührend symbiotisch, weil der alte Mann nicht mehr will, als so eine Katze will: ein Zuhause und den kleinen Radius um die warme Stube, den er mit seinem Rollator vergnügt durch den Rasen seines Gartens pflügt. In Tiere (AUS, CH, PL; R: Greg Zglinski) empfiehlt eine sprechende schwarze Katze Birgit Minichmayr, ihren Ehemann während eines Alpenurlaubs umzubringen. Dabei führt der (vor Tiersymbolik überquellende) Film einen so geschickt aufs Glatteis, dass man sich tatsächlich stark verunsichert fragt, ob hier Tierintelligenz oder menschliche Pathologie am Werke ist. In Prey (NL; R: Dick Maas) geht ein Löwe in Amsterdam auf Menschenjagd, und zwar so gut getimed, dass man sich an der etwas plump animierten Löwenpuppe garnicht sattsehen kann; guter Trash und dabei amüsantes wie zeitdiagnostisches Portrait einer europäischen Großstadt, die sich auch von freilaufenden menschenfressenden Großkatzen kaum aus der (holländischen) Ruhe bringen lässt. Und so mag man in Zeiten des Cat-contents kulturkritisch mahnen, wie eskapistisch der beseelte Blick in Katzenaugen doch sei, ABER ÜBERLEBE DU MAL EINEN AUTOUNFALL NUR KNAPP!, aber wer von Kinoliebe spricht, kann von Katzenliebe nicht schweigen.  

 


Sarah Khan

#SecondScreen

Ich kann mich nicht mehr auf Serien konzentrieren. Ich weiß nicht, wie es über mich kam, ob es vielleicht auch ein Racheimpuls ist (10,99 kostet der Netflixmonat mittlerweile, und wenn ich keine Kinder hätte, hätte ich längst gekündigt), oder ist es die kohlenhydratübersättigte Hippeligkeit nach dem Abendbrot in der Winterzeit? Wenn ich jetzt eine neue Serie starte, dann öffne ich nach wenigen Minuten die Twitter App, dann die Spiele App, scrolle die Seiten von Zeit oder Spiegel Online, und denke, wenn eine Serie es nicht schafft, mich GENAU DA abzuholen, dann ist die Serie daran schuld, und ich stecke meine Lebenszeit nicht vollständig in diese Mittelmäßigkeit, sondern nur nebenbei, und erledige währenddessen noch andere Dinge und würge die Serie nach zwei bis drei Folgen ab. So geschehen mit Mindhunter, Kimmy Schmidt 3, Four Blocks, Babylon Berlin. Die einzigen Serien, die den Second Screen und meine Windmill of Mind schlagen konnten, waren Stranger Things 2, This Is Us, Dark und Game of Thrones 7. Und Taboo, wahrscheinlich weil Tom Hardy so sinister sexy war, dass ich heute noch erschauere, wenn ich an die Szene denke, wo er seiner Schwester befiehlt, sich auszuziehen, und sie dann ficken.

#Bücher

Die Rettung sind die Bücher, die einen als denkende und fühlende Person noch irgendwie zusammen halten, die trösten, inspirieren, beruhigen. Niemals wollte ich während der Lektüre der folgenden Bücher irgendwelche Apps öffnen: „White Tears“ von Hari Kunzro, „IQ“ von Joe Ide, „Als ich versuchte ein guter Mensch zu sein“ von Uli Lust, die aktuellen Bände von „Paper Girls“ und „Saga“, und „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel. Weil ich an einem Band mit Horrorgeschichten und Unheimlichen Geschichten arbeite, und auch von dem ironischen Gestus wegkommen möchte, der meinen bisherigen Horrorgeschichten zu eigen war (was andererseits aber total ok ist, wie ich lernte als ich den Film Get Out sah, der lebt ja von seinem Witz und kann damit auch sehr viel beschreiben), war ich ständig auf der Suche nach guten Horrorstories abseits von Lovecraft und Poe und den alten Vätern. Zwischen Stephen Kings großem Ausstoß mittelmäßiger Stories fand ich immerhin ein kleines Meisterwerk: „A Death“ bzw. „Ein Tod“. Las John Ajvide Lindqvists „Die Grenze“ wieder einmal mit Bewunderung. Dann aber las ich Johanna Spyris „Heidis Lehr- und Wanderjahre“, weil ich mir eine Horrorgeschichte mit Ziegen überlegt hatte. Niemand liebte Ziegen wie Heidi und gab ihnen Namen wie Johanna Spyri. Da heißt die eine Ziege Schwänli und die andere Ziege Bärli, und das muss auch so poetisch sein, Schwänli und Bärli, mitten auf dem Berg. Dem habe ich auch nichts hinzuzufügen, vielleicht konnte ich meinen Ziegenplot deshalb nicht ausarbeiten, weil mir die Liebe zur Ziege fehlt. Eigentlich wollte ich in Heidi nur mal kurz checken, aber dann war ich fasziniert vom Ton der Spyri, von der Freude, die nie einfältig wirkt, vom Leid, das ein Kind fast zerstört, und von ihrer Schilderung der Stadt Frankfurt Main, und wie der Alm Öhi verbittert und verhärtet, während Heidi fort ist, und wie er später wieder weich wird, als das Heidi zum Berg zurückkehrt. Da musste ich das ganze Buch atemlos lesen und am Ende weinen, weil es so schön war. Dann fiel mir eine Horrorgeschichte ein, die in Frankfurt Main spielen muss, die ist zwar noch nicht ausgearbeitet, aber das nehme ich mir fürs neue Jahr vor.

#MarkHamill

Mir gefällt am neuen Star Wars Die letzten Jedi, dass er sich auch mit der Leere und Trauer rund um die Figur des Luke Skywalker beschäftigt, die nach Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983, der sogenannte Teil VI) eintrat und eine tiefgreifende Verstörung und Enttäuschung erzeugte, die von der Saga selbst bisher nie ausformuliert werden konnte. Nachdem sich der Star Wars-Erfinder George Lucas nur noch für die Eltern der Skywalker-Zwillinge Luke und Leia interessierte, und diese mit Schauspielern besetzte, die gegen ihre eigenen Frisuren anspielen mussten, gab es für den Schauspieler Mark Hamill keinerlei Verwendung mehr. Dabei war er das Herz der Saga, mit seinem staunenden Gesicht, das eher noch zur Kindphase als in die Erwachsenenwelt gehörte. Hamill bekam auch in anderen Filmen keine großen, seinem Startum angemessene Rollen mehr, niemand wollte den übergroßen Luke Skywalker in seinem Film haben. Luke Skywalker wurde zu einem Phantom, und Mark Hamill zu einem Synchronsprecher, Comic- und Drehbuchautor. Und jetzt ist er wieder da. Und er ist mit seinen 66 Jahren natürlich verändert. Und dann wurde die Skywalker-Figur von 2017 auch noch mit einem großen Widerwillen überzogen, Held sein zu müssen. Schließlich bekommt sie doch noch ihren großen Moment, aber nur kurz, und dann verpufft sie. „Ich hasse es, wenn Charaktere einfach verpuffen“, klagte der Youtuber Michel, der auf seinem Kanal Filmselect einen "Spoiler Review" betreibt. Wie wahr. Ich habe diese Jedi-Verpuffung schon bei Obi-Wan Kenobi (Ben) in Die Rückkehr der Jedi-Ritter gehasst. Aber ich honoriere, dass der neue Teil von Regisseur Rian Johnson sich zumindest damit beschäftigt, dass Luke Skywalker, der zentralen und charismatischsten Figur im Star Wars Epos, etwas Tragisches, Falsches, Irrsinniges angetan wurde. Sie wurde verbannt, und mit der Insel, die wir nun in der achten Episode sehen, ist diese verdammenswerte Verbannung, die wahrscheinlich dem Ego von George Lucas bzw. einer in Hollywood einzigartigen Möglichkeit zur künstlerischen Selbstbestimmung geschuldet war, zumindest ein Denkmal/Mahnmal gesetzt.

 

 

Rainer Knepperges

Mein erstes Karaoke. Anfang Januar in Nürnberg. Sang „La Paloma“ (Text: Käutner), war glücklich. Im Februar im karnevalistischen Wiesbaden sah ich: „Und das ist die Hauptsache!?“ (1931 Joe May). Eine Entdeckung. Ursula Grabley singt darin: „Nur meine Leidenschaft, die macht mich so beliebt!“ (Text: Fritz Rotter) Und im März in Buer in der Schauburg: „Gina Wildkatze“ (1974 Gina von Freiburg). "Wildkatze, Wildkatze, du bist eine tolle super Katze.“ Der Titelsong von Christer Bladin blieb mir das ganze Jahr im Ohr. 

In Köln im April dann Curd Jürgens als „Käpt‘n Rauhbein aus St.Pauli“ (1967 Rolf Olsen), dessen Sprechgesang: „Versenkt meinen Kadaver, wo Freund Hein mich fällt / Überall ist es schön auf dieser Welt“. Ist ja wahr. Im schönen Connection in Köln-Ehrenfeld war kurz darauf Jake Xerxes Fussell zu Gast. Seine einsame Version von Duke Ellingtons „Jump for Joy“ wurde mir von da an tröstend treue Begleitmusik. „Ich bin ein Nichts / ich bin ein Niemand“, hat Gunter Gabriel gesungen, „…mit ein paar Liedern.“ 

Ende Juni, auf dem nachts noch erhitzten Steinboden der Piazza Maggiore in Bologna, erwies sich wieder wie ehedem die rauschhafte Gültigkeit von „Monterey Pop“ (1967/69 Pennebaker). Im Juli glühte in mir die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit „Lujuria tropical” (1964 Bo) und das darin immer und immer erklingende „Cuando calienta el sol”. Denn im August gab es in Frankfurt die Retro des Jahres, Isabel Sarli und Armando Bo gewidmet. Das Lebenswerk der beiden ist tempelgleich gebaut aus Filmen, die in wilden Varianten das Zerfließen preisen.

Ende Oktober in der Thalia Hall in Chicago-Pilsen das Konzert des Jahres: The Lemon Twigs. „I am nothing / I’m no one / It’s wonderful,“ singt Brian D’Addario. Im ehemals tschechischen, jetzt mexikanischen Stadtteil Pilsen fand drei Tage später, am Dia de los Muertos, das statt, was ich mir niemals hätte vorstellen können: eine Totenfeier mit Gitarren und Trompeten und Skeletten, ein offenes Fest, ein Feld aus Fotos und Farben, etwas unvorstellbar Schönes. 

Meine Lieblinge unter den Filmen des Jahres sind „Dalida“ (2017 Lisa Azuelos) und „Coco“ (2017 Lee Unkrich), zwei Pop-Filme, denen es um Musik und Erinnerung, Wunsch und Verlust, um Leben und Tod geht.  

 

 

Ekkehard Knörer

Mehr Theater als Kino: Öde Dostojewski-Castorfs (Berlin/Zürich) und faszinierende Dercon-Volksbühnen-Abende (und mit Susanne Kennedys Women in Trouble auch einer auf dem Holzweg). Toll: Ulrich Rasches im Kreis gebrüllter Woyzeck in Basel, die Weerasethakul-Lightshow Fever Room und Mette Ingvartsen in der Volksbühne. Verlässlich: Tim Etchells im au. Enttäuschung: Das Nature Theater of Oklahoma mit Pursuit of Happiness. Sui generis, meist auf die gute Art: Vinge/Müller mit dem Reinickendorfer Nationaltheater.

Konzerte: DAF super, bei Mutter im Frühjahr, wo alle waren, hatte Christiane Rösinger hinterher noch gemeckert, ihr Konzert, ebenfalls im Festsaal Kreuzberg, war dann aber klasse. Das Free-Deniz-Ding am Brandenburger Tor, für das Doris Kopf und Kragen riskierte, war auch prima gewesen, Notwist vor allem, aber die Antilopen Gang auch.

Jury-Arbeiten: Wer von deutschen Spielfilmen in aller Regel das Schlimmste, nämlich Mediokres bis Bescheuertes fürchtet, liegt leider richtig. Es bleibt, was man kennt. Der traumhafte Weg. Western. (Preis der Filmkritik) In Osnabrück hatten wir Mühe, einen Sieger zu finden. Viel mehr Spaß haben die Sichtungen für die Villa Aurora gemacht, Originelles und Schönes findet hierzulande eher im Abseits statt, weil auf den Hauptschauplätzen viel Dummheit sich ausbreiten darf. Aber wen wundert's, die Reaktionen auf den Berlinale-Chef-Brandbrief der RegisseurInnen und die HKW-Diskussion dazu waren in ihrem Mangel an Streitlust tief deprimierend.

Festivals und andere Reisen: Osnabrück, Oberhausen, Solothurn, Paris, Brüssel, eine Woche in einem Kloster auf Korsika, Venedig, Hildesheim, Münster, Zürich, Wien.

Feste Feiern: ein Scheidungs-Umtrunk und ein Couchtisch-Event. Die Verspeisung des Siegfried-Kracauer-Preises in Berlin, Neustrelitz und London mit ein paar der tollsten Menschen der Welt. Alte und neue Freundinnen und Freunde; und eine, vor allen: You know who you are.

 

 

Florian Krautkrämer

Am 31.12.2017 schließt der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, und sein Ende war höchst dramatisch. Noch am 22.11. dieses Jahres wurde das letzte lebenslängliche Urteil, die Höchststrafe, gegen Ratko Mladić gesprochen. Und eine Woche später endete der letzte Prozesstag mit dem öffentlichen Giftselbstmord von Slobodan Praljak.
Histoire et cinéma: Am Tag von Mladićs Verurteilung, wurde nur fünfzig Kilometer weiter auf dem International Documentary Filmfestival Mila Turajlics "The other side of everything" mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Der serbische Dokumentarfilm ist ein Porträt über die Mutter der Filmemacherin, die eine wichtige Figur der Protestbewegung war, die zur Revolution vom 5. Oktober 2000 geführt hat. Den meisten Menschen aus Belgrad war sie eine vertraute Rednerin, die sie von zahlreichen Podien, Demonstrationen und Veranstaltungen her kannten, und in dem Film sah man sie nun gut 20 Jahre später von der anderen, der privaten Seite. Der Film hatte seine serbische Premiere eine Woche später im Sava Centar, ein gigantisches Kongresszentrum, das 1979 kurz vor Titos Tod mit dem Treffen des IWF eröffnet worden war. Nun ist es ein Einkaufszentrum. Im Herzen des Zentrums befindet sich das mit 4000 Plätzen größte Auditorium des ehemaligen Jugoslawiens, dort fand auch die Filmpremiere statt. Und es war ausverkauft. Während in Den Haag der Tag mit dem Tod Praljaks endete, verfolgte ich mit 4000 anderen eine der intensivsten Filmvorführungen, die ich je erlebt habe. Ergriffener Stille folgte frenetischer Szenenapplaus, wenn Srbijanka Turajlic zu einer spontanen politischen Rede ansetzte. Histoires et cinéma: Geschichte, persönliche Geschichte und Kino, hier war einer der seltenen Momente, in denen alles zusammen kam.

 


Petra Löffler

Ein verheißungsvoller Frühling. Im Mai Besuch der Documenta 14 in Athen, sechs Wochen nach ihrer Eröffnung. Es ist kühl und regnet, doch die Kritik ist schon heiß gelaufen. Zu provinziell, zu politisch und dabei zu belehrend höhnt die Kunstkritik hier, zu wenig deutlich Position beziehend und unterstützend klagen Künstler/innen dort. Mich erstaunt, wie sehr die Geschichte der Moderne von ihren Rädern her ausgebreitet wird, an denen sie sich vielfach bricht und zerstreut. Welche unerhörten individuellen Geschichten von Künstler/innen diese Documenta zu erzählen weiß, die sich wie etwa der albanische Maler Edi Hila Zensur, Berufsverbot und Zwangsarbeit auf einer Hühnerfarm durch Blätter in Pastell-, Aquarell- und Temperafarben zu erwehren wusste, die diese Lebensumstände zum Tanzen bringen. Seine düsteren Gemälde begegnen mir an verschiedenen Orten in Athen (und später auch in Kassel) wieder wie ein Echo.

Diese Documenta hat nicht einfach einen zweiten Standort an der Peripherie Europas und der westlichen Moderne gewählt, sondern die Orte und deren wechselvolle Geschichten vervielfacht. Die Orte, an denen Entdeckungen zu machen sind, liegen vor allem an der Peripherie. Das gilt gerade für Kassel, wo das Fridericianum genauso als Container fungiert wie Marta Minujins Parthenon der Bücher davor. Das Zentrum bleibt leer. Und die Documenta 14 hat jene zu Vermittler/innen gemacht, die sonst nur sprechen, wenn man Kunstwerken in Ausstellungen zu nahe kommt. In Athen dagegen werden die Besucher/innen von diesen gefragt, ob sie mehr erfahren wollen über das, was sie gerade betrachten oder hören. Erfahrungen sind an der Peripherie zu machen.

Mitte, Juni. Silvia Federicis Vortrag an der Leuphana-Universität. Sie spricht über periphere Arbeit – Arbeit, die nicht oder schlecht bezahlt, wenig beachtet wird und damit ökonomisch machtlos bleibt. Hausarbeit, Pflegearbeit, Frauenarbeit. Auch die politisch engagierte Feministin und Wissenschaftlerin kennt prekäre Arbeitsverhältnisse nur zu gut und berichtet von ihrem mühevollen Weg. In Lüneburg wird sie von der Academia gefeiert.

Ende, August. Auch Valeska Grisebach begibt sich mit Western an die Peripherie Europas, betritt Grenzland und lässt das Politische und das Private in verschiedenen Lebensentwürfen, Freundschaften und Geschlechterbeziehungen kollidieren. Das Eigene und das Fremde, das Feste und das Flüssige, Dorf und Fluss, Männerarbeit und Frauenarbeit, das Gewalttätige und das Zärtliche sind keine Gegensätze, sondern Unterschiede, die von Situation zu Situation ausgehandelt werden (müssen). Der Fluss verbindet Situationen und Menschen geradezu unvermeidlich: Arbeiter aus Deutschland sollen ein Wasserkraftwerk bauen, beim Schwimmen begegnen ihnen Frauen aus dem nächstgelegenen Ort, weitere Begegnungen folgen und führen zu Konflikten, die auch beim nächtlichen Fest am Flussufer wieder anbranden. Der Fluss ist die Grenze, die sowohl trennt als auch verbindet. 

September, Ende. Schlange stehen vor einem Wahllokal im Wedding. Die Hoffnungen sind genauso groß wie die Ängste. Statt Wahlparty in Neukölln, Postwahldepression in einer Kneipe, vorn läuft Fußball auf den Bildschirmen, hinten verbreiten die ersten Prognosen Enttäuschung und mehr.

Dezember, Anfang. Nach Castorfs Abgang Anfang Juli mit einem verregneten Straßenfest zum ersten Mal in der ‚neuen’ Volksbühne unter Chris Dercon, die so bieder aussieht, wie schon lange nicht mehr unter ihrem vorherigen Intendanten: der schwarze Glittervorhang, der den Saal schmückte, ist genauso passé wie die billigen, farblich passenden Plastiksitze. Schade. Apichatpong Weerasethakul ist zu Gast mit einer Inszenierung. Dazu werden in einer langen Nacht seine Filme gezeigt. Zuvor gibt es ein Gespräch mit dem mittlerweile auch beim Theater begehrten Regisseur. Der Hausherr ergreift das Wort und lässt es so schnell nicht mehr los. Wo dieser durch scheinbar provokante Fragen zu brillieren sucht, gibt jener offenherzig zu, welche Interessen er verfolgt, um seine Filmprojekte zu finanzieren. Weerasethakul spielt Pingpong. Damit überrascht er vor allem diejenigen, die ihre Annahmen bestätigt sehen wollen und schon die Antwort zu kennen glauben. Dieses Auftrumpfen läuft ins Leere. Was auch ein Anfang für ein anderes Fragen sein kann. So wie in Weerasethakuls Filmen. 

 

 

Roland Meyer

Bilder, die bleiben. Dresden, 7. Februar 2017. Drei ausrangierte Busse, senkrecht aufgestellt vor der Frauenkirche, davor: eine Menschenmenge, wutverzerrte Gesichter, Pappschilder, Sprechchöre, Trillerpfeifen. Dutzende Bilder der Eröffnung der Installation »Monument« von Manaf Halbouni lassen sich im Netz finden. Auf manchen erkenne ich ehemalige Kolleg*innen, auf einem mich selbst. Ich bin mehr oder weniger zufällig hierher geraten, unvorbereitet und ohne zu ahnen, dass Pegida seit Tagen gegen die Installation hetzt. Gut zehn Monate wohne ich in dieser Stadt, aber bislang habe ich mich vor jenen, die hier »Heuchler!« und »Volksverräter!« brüllen, in sicherer Distanz wähnen können. Das gelingt hier nicht mehr: Kaum angekommen, ist buchstäblich kein Abstand möglich. Im Fokus der Kameras gehen wir alle unterschiedslos in der Menschenmenge auf. Akustisch beherrscht Pegida die Szene, auch wenn diejenigen, die sich mit Künstler und Kunstwerk solidarisch zeigen wollen, wohl überwiegen. So sind die Rollen klar verteilt, doch die Regieanweisungen bleiben diffus. Wie demonstriert man, dass man mit dem, was hier neben, hinter und vor einem gebrüllt wird, keineswegs einverstanden ist? Es bleiben hilflose Gesten. Wir klatschen, wann immer diejenigen, die vorne, von einem Ring Uniformierter geschützt, ebenso stoisch wie unhörbar ihre Eröffnungsreden vom Blatt lesen, eine sichtbare Pause machen. Manche beginnen, ihre Hände in die Luft zu strecken und mit den Fingern Herzen zu formen. Andere sind besser vorbereitet. Aktivist*innen enthüllen ein Transparent: »Euer Rassismus kotzt uns an« – das einzige Mal, dass die Polizei einschreitet. Alle Versuche der Distanzierung bleiben medial wirkungslos. Auf den Bildern, die von diesem Tag bleiben, fällt es sogar mir schwer, die Gruppen klar voneinander zu unterscheiden. Kaum verwunderlich, dass in den Berichten mal von 60, mal von 400 Gegner*innen der Installation die Rede ist.

Nachbild. Folgender Sonntag. Der Neumarkt ist wieder fest in der Hand von Touristenschwärmen. »Monument« wird sofort als neue Photo-Op angenommen. Rasch hat sich herumgesprochen, aus welcher Perspektive Busse und Frauenkirche besonders eindrucksvolle Bilder ergeben.

Nachbild II. August 2017. Stadtfest »Canaletto«. Auf dem Neumarkt, wo die Busse inzwischen wieder abmontiert sind, haben Autohändler neben Würstchenbuden und Weinständen einen gläsernen Showroom aufgebaut. Vor der Frauenkirche glänzen die neuesten Skoda-Modelle in der Sonne. 


 

Cristina Nord

März

Ein Sonntagabend in Liberdade, einem Viertel von Salvador da Bahia. Seit ich in meinem Studium ein Seminar zur „Ästhetik der visuellen Ethnographie“ besucht und Jean Rouchs „Les maîtres fous“ gesehen habe, interessiere ich mich für Phänomene von Besessenheit, bis dato auf theoretische Weise, aus der Ferne. Das gleiche gilt für den Candomblé, seit ich, ebenfalls während des Studiums, einiges über die afrobrasilianische Religion gelernt habe, etwa, dass sie eine wichtige Widerstandsform während der Sklaverei darstellte, die in Brasilien länger als anderswo dauerte; die vollständige Abolition erfolgte erst 1888. Pierre Verger, ein französischer Fotograf und Anthropologe, hat sich mit dem Candomblé beschäftigt, Hubert Fichte hat darüber geschrieben, sein Romanessay „Explosion“ ist eines meiner Lieblingsbücher, und Thomas Meinecke wiederum hat sich mit „Lookalikes“ an einer Dekonstruktion Fichtes versucht. An diesem Sonntag im März also ziehe ich mir, weil sich das so gehört, ein weißes Hemd und eine helle Hose an, fahre mit A., M. und J. zu einem Terreiro,  einer Art Gemeindezentrum, und erlebe zum ersten Mal eine Candomblé-Zeremonie, das heißt, ich sehe den Tanz gegen den Uhrzeigersinn, höre die Trommeln, erlebe, wie Menschen in Trance fallen. Ich staune über die elaborierten Kostüme, über die ausgefeilten Hand- und Armbewegungen, über die Sprache des Priesters, eine alte Variante des westafrikanischen Yoruba, die unter den Initiierten (und nur unter ihnen) weitergegeben wird. All meinen Lektüren zum Trotz begreife ich nur Teile dessen, was ich wahrnehme. J., seit Jahrezehnten in Salvador de Bahia zuhause, sitzt neben uns und erklärt, wie sich die Dramaturgie des Abends gestaltet, welche Bewegungen die Tänzer und Tänzerinnen machen und warum sie das tun, wer welche Funktion innehat und warum sie sich vor dem Pai de Santo, dem Priester, niederwerfen.

Nach gut zwei Stunden Tanz und Trommeln zeigen sich bei einem Mann erste Ansätze von Besessenheit, er stöhnt unerwartet und laut, taumelt, wird gehalten, einer zweiten widerfährt das gleiche, dann ziehen sich alle zurück. In noch prächtigeren Kostümen kommt die Gruppe etwa 20 Minuten später in den Saal zurück, jeder trägt das Attribut des Orixás, also der Gottheit, von der er besessen ist, eine Doppelaxt vielleicht oder auch ein Bastkostüm. Wer in Trance ist, könnte taumeln und stürzen, deswegen gibt es Helferinnen in weißen Kleidern, sie stützen den, der fällt, und tupfen den Schweiß von der Stirn. Manche stellen sich in die Mitte und verharren dort vor tronartigen Stühlen, eine Frau verdreht die Augen so nach oben, dass man 90 Minuten lang nur das Weiße sieht. Einer rennt durch den Raum auf A. zu und umarmt sie, ein paar Tage später bestimmt ein anderer Pai do Santo in einem anderen Terreiro unsere Orixás, und dabei erfahren wir, dass A. denselben Orixá hat wie der Mann, der so energisch auf sie zukam. Andere sind auf eher unspektakuläre Art besessen. Am Ende gibt es ein für alle offenes Mitternachtsmahl mit Speisen, die ich noch nie gekostet habe, weil ich noch nie in Dendê-Öl Gebratenes gegessen habe.

August

Besuch im Genter S.M.A.K.: Christoph Büchel hat das Museum und dessen Umgebung in einen Themenpark verwandelt. Etwa 100 Meter vom Gebäude entfernt steht ein improvisiertes Flüchtlingscamp auf einer Brache, es sieht aus wie kurz nach der Räumung. Vor dem Eingang des Museums parkt ein Bus – ein älteres Modell, vielleicht aus den Siebzigern - zum Anwerben von Tagelöhnern; Plakate mit der Hetze des Vlaams Belang kleben an einer Wand des Busses. Im Museum sieht es zunächst so aus, als fände eine Messe für potenzielle Investoren statt, die im rohstoffreichen Kongo ihr Geld vermehren möchten, etwas ungewöhnlich kombiniert mit kolonialen Sammelstücken wie Speeren und Tierhäuten. Später steht man vor Schnellfeuerwaffen, wie sie im großen Stil von der wallonischen Herstal Group und deren US-amerikanischen Tochterunternehmen produziert werden. Man findet sich in einem künstlichen Dschungel mit ausgestopftem Krokodil und anderen Tieren wieder, in den Vitrinen unter den Palmwedeln liegen Originaldokumente aus dem frühen 20. Jahrhundert, mit denen Kongolesen dem belgischen König ihr Land per Kreuzchen übertrugen, neben dem Dschungel ein Hüttendorf, weiter hinten ein nachgebauter Schönheitssalon und ein Nachtclub, wie sie so vielleicht in Kinshasa stehen könnten, Marktstände für Gebrauchtmetall und alte Reifen, eine Büste Leopolds II.  und Plakate von C-Movies namens “Panther Girl of the Kongo“, dazu noch die Schau „Verlust der Mitte“, für die Büchel Bilder aus der Sammlung des Museums mit auf dem Boden liegenden Matratzen und einigen Habseligkeiten wie Turnschuhen, Decken, Rollkoffern kombiniert und Material einschmuggelt, etwa eine Farbpalette von Braun- und Beigetönen, scheinbar harmlos, in Wirklichkeit von den Rassenlehren des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Je länger man durch das S.M.A.K. geht, umso klarer tritt zutage: Hier gibt es keine sichere Seite, keinen ethisch einwandfreien Standpunkt, keine richtige Position. Und jeder, der ein Coltan-haltiges Smartphone in der Tasche hat, ist Teil dieses irritierenden Szenarios.

Dezember

Einer Dienstreise wegen bin ich in Warschau. Unsere Gruppe tagt im Polin-Museum, das die Geschichte der polnischen Juden  dokumentiert. Das Gebäude befindet sich auf dem weiten Platz, dessen Kopfseite vom Denkmal der Helden des Ghettos eingenommen wird. Hier zu stehen und im frühen Dämmerlicht auf Schneereste, schwarze Bronze und einen Kranz in Form eines Warndreiecks zu blicken, wirft für mich viele Fragen auf, unter anderem die, wie man auf den absurden Gedanken kommt, dass es nun reiche mit dem Erinnern, und wie man diesen absurden Gedanken auch noch propagiert, obwohl das Ausmaß der Vernichtung, kaum fährt man nach Warschau, in seiner ganzen Drastik greifbar wird.

 

 

Michaela Ott

Was bleibt von 2017?

… die Einsicht, dass die hipster-Szene von Johannisburg jener von Kreuzberg zum Verwechseln ähnelt, bis hin zur Entscheidung von ‚oberster Hemdenknopf auf oder zu‘;

dass William Kentridge als Herrscher von Maboneng schwarze Künstler*innen mit Pauken und Trompeten seinen Vortrag übertönen lässt;

dass Penelope Siopis ihre Identität essayfilmisch über den gesamten afrikanischen Kontinent streut;

dass Med Hondo mit seinem Experimentalfilm „Soleil O“ tatsächlich gleißendes Licht ins Oberstübchen gießt;

dass Michael Glawogger seinen Film „Untitled“ bedauerlicherweise nicht mehr selbst schneiden konnte;

dass sich die documenta an zu vielen Fragen abarbeitet und den künstlerischen Prozess nur als transkulturell relationierten überleben lässt.

 

 

Bert Rebhandl

Im März sehe ich im Arsenal die lange Fassung von Michael Ciminos Heaven’s Gate. Wie nie zuvor habe ich den Eindruck, dass die 35mm-Kopie ein Individuum ist, viel mehr als nur ein Datenträger, sondern eine Art lebender Membran zwischen analogen Aufnahme- und digitalen Aufbereitungstechniken. Vor allem die Szenen von der Ankunft auf dem Bahnhof in Montana sind mit ihrer Tonmischung und ihren Zooms ein herausragendes Erlebnis von Kino in einem fast schon archäologischen Sinn.

Im August besuche ich zum ersten Mal das Filmfestival in Sarajewo. Schon die Anreise, von Wien nach Zagreb mit dem Bus und dann mit einer Mitfahrgelegenheit (einer der Mitfahrer erweist sich als Protagonist eines Dokumentarfilms auf dem Festival) am nächsten Tag über die Save nach Bosnien ist ein Abenteuer. Im Gepäck habe ich Ivo Andrics Roman Wesire und Konsuln, über die Grenzregion zwischen Orient (Osmanisches Reich) und Okzident (napoleonische Aufmarschzone) zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ich mache schließlich sogar noch eine Fahrt nach Travnik, das Provinznest, in dem der Roman spielt. Die mannigfachen Gegenwarten des südosteuropäischen Kinos, die Lektüre, die Ortsbesichtigung – hier kommt wieder einmal alles zusammen, was mein Leben und Arbeiten als „Filmkritiker“ für mich ausmacht.

Im Oktober werde ich für drei Tage nach Aserbaidschan eingeladen. Veit Helmer dreht dort einen Film. Unter den Komparsen treffe ich die halbe künstlerische Opposition aus der postsowjetischen Autokratie, in der ein halbfertiger Trump-Tower für die vielen Bündnisse zwischen abgezweigtem Zweit- und Drittweltgeld und westlichem (symbolischem) Kapital (herum-)steht. Der Rückweg geht über Istanbul. Auf dem Flug von Baku in einer nagelneuen Boeing 787 der Staatslinie blicke ich in die glitzernden Phones einer neuen globalen Mittelschicht und begreife dabei konkret eine veränderte Geopolitik: Europa als aufgeklärte Öffentlichkeit wird zu einem Randphänomen.

 

 

Manfred Rebhandl

Oft bleibt er nicht!
Der Höhepunkt ganz zum Schluss des Jahres: Ich fahre zu Gerda Rogers nach Baden bei Wien, Österreichs bekannteste Astrologin, und befrage sie für den Standard, wie es im kommenden Jahr ungefähr aussehen werde. Sie bewohnt eine Villa auf einem Hügel außerhalb der kleinen Stadt, nahe dem Casino, das Sternedeuten hat sich finanziell augezahlt. Die Atmosphäre ist wie beim Zahnarzt, ich nehme im Vorzimmer Platz, vor mir ist ein etwa gleichaltriger Mann, wie ich später sehen werde, an der Reihe, der ein Problem mit irgendeiner Wassermann-Frau hat. Das höre ich durch die Türe, es gibt kein Astrologinnengeheimnis, keine Schweigepflicht. Dann schenkt sie mir zwei Stunden ihres erfüllten Lebens und erzählt, dass sie fünf Jahre in Rom gelebt hat, zu Zeiten von Fellini und Anita Ekberg, Harry's Bar und mit der Vespa auf und ab Fahren an der Via Veneto. Sie erzählt aus fernen, längst vergangen Tagen. Heute, sagt sie, wären die Leute einsamer, alles drehe sich um "das Kasterl", und von ihr wollen trotzdem immer alle nur das eine wissen: Kommt ein Partner? Bleibt er mir? "Aber, Herr Rebhandl! Oft bleibt er nicht!". Dabei lacht sie gütig und nachsichtig, sie kennt die Menschenkinder wie kaum eine andere. Dann kommt Chris Lohner, einst Österreichs bekannteste Fernsehansagerin mit Auftritten auch bei Kottan ermittelt, und bringt ihren Hund Sherley.
 
Erinnerungen an die Mutter
Ich interviewe den Wiener Bürgermeister für den WIENER. Das imposante Büro liegt im imposanten Rathaus, eines der größten und schönsten der Welt, am Ende eines langen Ganges. Entlang des Ganges drei Schreibtische mit drei verschiedenen Empfangsleuten, was weiß ich. Ich gehe den Gang hinunter, da steht einer auf und kommt auf mich zu. Er bleibt vor mir stehen und deutet auf meine Körpermitte, dann sagt er: "Ihr Hemd hängt heraus, stecken Sie es sich bitte hinein." Erinnerungen an meine Mutter werden wach, das war bis dahin exklusiv ihr Satz gewesen, nur dass sie mit mir per du war.
 
Schönstes Filmerlebnis
Meiner Tochter spät aber doch Fack Ju Göhte 1 geschenkt und ihn zusammen mit ihr angeschaut, sicher schon zehn Mal. Sie liebt diesen Film. Und zu sehen, wie sie mit Chantal in eine neue Welt eintaucht, sich mit ihr selbst kennenlernt, austestet, probiert, in ihre Rolle schlüpft und wirklich perfekt ihre Sprache übernimmt, ist wunderschön. Das ist die Vorpubertät, die Schminke sitzt noch nicht perfekt, aber das wird schon werden. Der Film ist obendrein großartig, unglaublich gut geschrieben. Und sogar Katja Riemann, die ich sonst nicht aushalte, ist fantastisch.

 

 

Simon Rothöhler

Ende September auf Sizilien. Das postsaisonale Scopello, San Giovanni degli Eremiti in der Nähe des Normannenpalastes, Cùscusu di pesce alla trapanese in der Cantina Siciliana und die ägadischen Inseln vor der Westküste. Als Jörg Schönenborn am 24. September kurz vor 18h irrerweise meint sagen zu müssen, dass sich, wenn er so auf die gleich zu präsentierenden Prognosezahlen blicke, die Frage stelle, ob die Volksparteien das Volk noch repräsentieren, erinnere ich mich wieder daran, wie ich als Student im CvD-Büro des ARD-Hauptstadtstudios gearbeitet hatte und wer zu dieser Zeit alles zu den Buddies von Armin-Paul Hampel zählte. Weil die Internetverbindung eher suboptimal und der botanische Garten des Anwesens in Trapani nicht von dieser Welt ist, kann man auf Schönenborns Versuche, einem bestimmten Teil dieses «Volkes» eine Brücke nach der anderen zu bauen, dann aber auch bald verzichten und sich wieder dem Occhipinti SP68 zuwenden. Stattdessen also neben dem Lokalhelden Vittorini Pascal Richmanns Über Deutschland, über alles zu Ende gelesen. Irgendwie auch (gegenwartsdiagnostisch, die autobiografischen Schreib- und die literaturgeschichtlichen Referenzialisierungsgesten betreffend) ein Komplement zu Navid Kermanis Dein Name (Heine statt Hölderlin & Jean Paul). Im Kapitel über den ehemaligen NPD-Chef Holger Apfel heißt es in Richmanns sehr wacher, sehr idiosynkratischer Erlebnisreportageparaphrase, die mit den jährlichen Feierlichkeiten deutscher Burschis auf der Eisenacher Göpelskuppe einsetzt: «Weil Holger aber wusste, dass es immer eine Notration Würstchen gab, wollte er gar nicht so genau wissen, warum seine Frau nicht eingekauft hatte. (...). Deutschländer, dachte er, vereinen das Beste von allen deutschen Würstchen in sich, sie sind knackig wie Wiener, würzig wie Frankfurter und zart wie Bockwürstchen.» Das andere interessante Buch, das ich in diesem Jahr zu den Kulturkämpfen der Gegenwart gelesen habe, Angela Nagles Kill All Normies, handelt zwar in erster Linie von der Situation in den USA, von Cernovich, Spencer, Yiannopoulos und Breitbarts underbelly, in dem alt-right und alt-light zu einer realiter gefährlich mobilisierbaren Bewegungsmasse co-verdaut wurden und der nun einen Manchurian Candidate im Weißen Haus hat (Jonathan Demmes exzellentes Remake von 2004 verdient eine Relektüre), lässt sich aber, was spätestens mit dem vorgeblich ‹gegenkulturellen› Buchmessenauftritt der sinnlos oft besuchten, befragten, für das Siezen und den Ziegenkäse bestaunten, auch von sonst geschätzten Journalisten letztlich doch mit hochgeschriebenen Schnellrodakleingeister deutlich geworden ist, nicht mehr ohne weiteres auf die kaputte Digitalwelt von 4chan et al. reduzieren, wie Nagle am Ende des Buches mit Blick auf Yiannopoulos’ Kurzauftritt an der UC Berkeley schreibt, der ebenfalls am 24. September stattfand: «When Milo challenged his protesters to argue with him countless times on his tour, he knew that they not only wouldn’t, but also that they couldn’t. They come from an utterly intellectually shut-down world of Tumblr and trigger warnings, and the purging of dissent in which they have only learned to recite jargon. (…) Yiannopoulos tour painfully exposed the deep intellectual rot in contemporary cultural progressivism and it found itself completely unable to deal with the challenge coming from the right. The problem with the contemporary style of Tumblr-liberalism and a purely identitarian self-oriented progressivism that fomented in online subcultures and moved on to college campuses is that the very idea of winning people over through ideas now seems to anguish, offend and enrage this tragically stupefied shadow of the great movements of the left, like the one that began on campuses like Berkeley in 1964.» Vor einem Jahr hätte man das noch leichter unter linke Flügelkämpfe, linken Selbsthass oder auch unter nostalgische Gegenkulturgeschichtsschreibung abheften können, zumindest dem Affekt und Impetus nach. Heute wäre ich da vorsichtiger, auch weil die Würstchen allerorten längst aus der Dose sind. Deutschländer, dachte er.

 

 

Danilo Scholz

2017, das gefühlt vierte Jahr des Erwachsenseins: unendlich viel Zeit, die für die Beschäftigung mit der eigenen schlechten Laune draufgeht, Missmut und Angst so penetrant und hartnäckig wie schwefliger Furz. Wie konnte mir das passieren? Und wie soll aus dieser Grundstimmung jemals ein Bildungsroman werden? Ich will Bürger sein, nicht Citoyen, sondern Bourgeois, denn diese Gruppe versteht sich auf die Affektkontrolle, ja macht diese sogar zu einem Kriterium der Zugehörigkeit, stand zumindest in der London Review of Books und die Kollegen müssen es ja wissen.

Der ganze Müll, der sich im Oberstübchen auftürmt, muss runtergebracht werden, jeden Tag. Die Aufgabe duldet keinen Aufschub, sonst sickert der Stimmungsschleim in die Gedanken ein, vergiftet sie und damit auch das Verhältnis zu den Menschen und der Welt. Es lässt sich nicht mehr leugnen: Fortan kostet es Anstrengung, aus meinem eigenen Schwachsinn herauszutreten, um einigermaßen interessiert und offen auf andere zugehen zu können, das absolute Minimum sozialer Zärtlichkeit, ohne das es nicht geht.  

Die Aufgabe: die Welt nicht länger mit müden, abgeklärten, sich von nichts mehr überraschen lassenden Augen zu betrachten. Das französische Kollektiv Catastrophe, das 2016 erstmals in Erscheinung trat, stellt sich ihr und erklärt sie kurzerhand zur wichtigsten Herausforderung der Gegenwart. Eine von ihnen, Blandine Rinkel, veröffentlichte im Januar 2017 ihren vielbeachteten Debütroman L’abandon aux prétentions bei Fayard, der hoffentlich bald auch auf Deutsch erscheinen wird. Angeödet sind die jungen Musiker, Schriftsteller und Schauspieler, zumeist Mitte 20, nur von der stickigen Atmosphäre ihrer Umgebung, angefüllt mit kleinmütiger Verachtung und einem Zynismus, der sich als letztes Refugium der Weisheit ausgibt. Wo das Unsichtbare Komitee auch Leute anzog, die es als verbitterte Pariser aufs Land verschlug, finden sich bei Catastrophe zahlreiche Provinzler, die mal verunsichert, mal unverschämt, aber immer sympathisch in Paris ihr Glück versuchen. Dass hier jemand der bedrückenden öffentlichen Stimmung, die seit dem 11. September 2001 das Heranwachsen begleitete, lächelnd die Leviten liest, ist an sich schon bemerkenswert. Dass zugleich die Perspektive durch die Feststellung umgekehrt wird, nur in der Fremdbezeichnung durch die Babyboomer sei man Teil einer “postmodernen” Generation wird, war längst überfällig. Nicht, dass alles geht, sondern, dass so unendlich wenig geht, ist das Problem. Die Krater des Marxismus waren, so Niklas Luhmann, bereits Ende der achtziger Jahre erloschen. Die liberale Zukunftsvision hat sich von ihrem doppelten Schock - der Hybris, das Ende der Geschichte herbeizuführen, und der Finanzkrise von 2008 - nie wirklich erholt. Wir stehen geschichtsphilosophisch nackt da. Das ist zum Verzweifeln, aber es ist vor allem ein Anfang, wie Catastrophe mir in diesem Jahr vor Augen führten: “Le monde est une pâte à modeler, pas cette masse inerte et triste pour laquelle il passe.”

Diese Haltung zu vertreten, daraus das im September erschienene Manifest La nuit est encore jeune zu entwickeln und damit in die Öffentlichkeit zu drängen - it’s asking for trouble. Die Bescheidwisser - französische radikale Linke genauso wie die professionell Abgeklärten - winkten nur ab. Wie himmelschreiend naiv diese Verklärung der sozialen Misere ist. Da werden keinerlei Anstalten gemacht, eine auch nur halbwegs seriöse Kapitalismusanalyse vorzulegen. Am Ende kann es sich nur um einen weiteren zum Scheitern verurteilten Versuch handeln, dem eigenen Straucheln ästhetischen Mehrwert abzugewinnen. Als ob das nichts wäre.

Was nicht läuft, dass Geld fehlt, Perspektiven auch, die Leichtigkeit sowieso - weiß ich alles, schließlich gehe ich ab und zu in mich und auf Dinner Parties. Wie ich leben soll, ist die schwierigere Frage. Das Unverständnis gegenüber der Angestelltenexistenz ist groß. Mehr als einmal spielte ich mit dem Gedanken - Größenwahn geht immer -, Kracauers Klassiker für das Paris der Gegenwart neu zu schreiben. Die Versicherungen, PR-Agenturen, Immobilienmakler: Pencil Skirts und taillierte Anzüge mit dünnen Krawatten, die man auch bei kältestem Wetter auf der Straße zur Schau trägt, während man in der selbstgewählten Pause für eine Zigarette vor die Tür gegangen ist. Um die Mittagszeit stehen sie gemeinsam an, für Baguettes oder Bento. Die Atmosphäre ist aufgekratzt, desperates Anbändeln, mal gucken, was beim Bier nach der Arbeit noch geht. Manchmal ist das ultratraurig mitanzusehen, und manchmal geradezu betörend. Wie diese derart unterschiedliche Wahrnehmung zustande kommt, weiß ich nicht. Fremd bleibt es allemal.

Beamte bringen’s einfach, vor allem wenn sie im Schulsystem tätig sind. Neben den Leuten, die ohnehin keine festen Job haben wollen, waren die ungewöhnlichsten Menschen, die mir in diesem Jahr begegneten, in der sogenannten fonction publique tätig, die meisten von ihnen als Lehrer. Die Durchlässigkeit zwischen Uni und Sekundarstufe ist in Frankreich viel größer. Auch finanziell steht ein Gymnasiallehrer, der die agrégation - eine Zulassungsprüfung, die nicht unabdinglich, aber äußerst prestigeträchtig ist - bestanden hat, besser da als so mancher Dozent an der Uni.

In den Anfangsjahren müssen die Unterrichtenden als Blitzableiter für sämtliche Verfehlungen des französischen Bildungssystems herhalten. Wer nicht in die Provinz entsandt werden will, wird in die Banlieues verschickt, um drei, vier Jahre zu überdauern, zu retten, was zu retten ist. Diese Erfahrung wirkt in nicht wenigen Fällen politisierend und bestärkt die Lehrer erstaunlicherweise in ihrer Hingabe noch. Umso größer die Freiheiten, die man sich außerhalb der Schulzeit nimmt. Selten sah ich Leute, die neben dem Vollzeitjob so konsequent und beinahe schon selbstverständlich Bücher lasen und schrieben, Ausstellungen besuchten und kuratierten, sich begeistert im und neben den Beruf in die intellektuelle, kulturelle und hedonistische Gegenwart stürzten und sie prägten, kurzum: mit großer Freude daran gingen, sich ein Leben und Formen des Rumhängens und -machens auf der Höhe des 21. Jahrhunderts zu erfinden. Vierzehn Jahre nach dem Abitur steht mein Lehrerbild Kopf.

Ob der aktuelle Aufschwung des französischen Amateurpornos dem viel beschworenen und beschriebenen Neuanfang geschuldet ist, den man mit dem Namen Emmanuel Macron verbindet, müssen die Historiker der Zukunft entscheiden.* Die Mischung aus tournant artisanal und Start-Up-Kultur, die bei zahlreichen Produktionen - von Webcam-Performances bis zu den mehr oder weniger spontanen und den Umständen entsprechend auch recht wacklig gefilmten Sexparties (partouzes) - am Werk ist, scheint jedoch einer Geisteshaltung zu entspringen, die nicht länger auf verkrusteten ausbeuterischen Strukturen angewiesen sein möchte und das Heft des Handelns selbst in die Hand nimmt. Der schwierigen Frage, inwiefern der Trend weg von professionellen Pornofilmen für die Beteiligten mehr Freiheiten und materielle Sicherheit verheißt, ist Katrina Forrester bereits im September 2016 in einem brillanten New Yorker-Essay nachgegangen. Jedenfalls erfreuen sich die Streifen auf meinem Laptop und, wie sich bei Gesprächen herausstellte, im Freundeskreis großer Beliebtheit. Bei Frauen und Männern. Erst im Kontrast wird deutlich, wie abwesend die Lust in den Filmen der Industrie war und wie viel größer die Kreativität der Laien. Von anonymen Treffen in der Großstadt bis zu abseitigen Experimenten im Dorf ist, soweit ich das aufgrund meinen Vorlieben und Identitätsverengungen beurteilen kann, für jeden Geschmack etwas dabei. Der Weg vom Ennui zum Fummeln ist so kurz und überhaupt nicht steinig. Exhibitionismus und Erfindungsgabe gehen im neuen französischen Amateurporno eine wunderbare Verbindung ein.

Alle Welt schaut nach Amerika, wenn sie Serien schaut. Der britischen Sitcom ist das nicht gut bekommen, es sei denn, sie schafft - wie zum Beispiel Fleabag - den Sprung zu einem US-Anbieter. Dabei war 2017 ein starker Jahrgang. Bekannte Gesichter kehrten zurück. An Steve Coogan faszinierte mich schon immer die Unbekümmertheit, mit der er mediale und gesellschaftliche Phänomene durch Reduktion oder Übertreibung fixierte. Bereits während der Fußball-WM 1994 erkannte er, wie sehr es sich bei Fußballkommentaren im Grund um sonore Memes handelte: sinnfreier Soundbrei, der erst durch Betonung und Lautstärkeregulierung eine Bedeutung erhält. Alan Partridge, seine berühmteste Kunstfigur, erkundete wie nur wenige das komische Potenzial von Wiederholung und Dauer. 2010 ging Coogan dann gemeinsam mit seinem Kollegen Rob Brydon auf eine kulinarische Tour durch England. Einen Handlungsrahmen gaben lediglich die Restaurants vor, die sie besuchen würden. Der Rest war Improvisation. 2014 führte eine zweite Staffel die beiden Comedians nach Italien. Im Grunde spielen Brydon und Coogan sich selbst: mäßig erfolgreiche Schauspieler, die den Erfolg kurz kosteten und ihm jetzt umso verzweifelter hinterherhecheln. Dieser Einbruch der Lebenswirklichkeit in das Spiel der Serie resultiert nicht etwa aus der kunstvollen Verflechtung der beiden Ebenen, sondern aus der Tatsache, dass die beiden Hauptdarsteller keinerlei Anstalten machen, diese auseinanderzuhalten. Sie mögen einander nicht besonders, dafür aber gutes Essen. Stockt das Gespräch, wetteifern sie darum, wer die großen Vorbilder - Pacino und Brando im Paten, Michael Caine in allen möglichen Filmen - am besten imitieren kann. In diesem Jahr durften sie - diesmal nicht im Auftrag der BBC, sondern des Bezahlsenders Sky Atlantic - Spanien bereisen, dort in hochklassigen Lokalen speisen, in teuren Mietwagen das Land durchstreifen und sich gegenseitig nicht gerade glaubwürdig versichern, dass sie mit Anfang 50 am “sweet spot” ihrer Existenz angelangt seien. Sie bäumen sich kurz gegen das Vergehen der Zeit auf und knicken doch sofort wieder ein. Unfreiwillig berührender und lustiger war die Lächerlichkeit alternder Männer in diesem Jahr nirgendwo sonst. Ein Angebot, sich mit der Zukunft zu versöhnen.

* Zu den Schwierigkeiten, die psychologischen Beweggründe politischer Entscheidungsträger in Echtzeit oder im Nachhinein zu identifizieren, siehe den - mitunter indirekten - Schlagabtausch zwischen Wolfgang Streeck und Patrick Bahners, der mit Merkels Flüchtlingspolitik begann und mit Theodor Mommsen schließlich tief in die römische Geschichte zurückging, um die Frage zu beantworten, was Julius Cäsar antrieb und was der Historiker darüber wissen könne.

 

 

Anke Stelling

Dieses Jahr wird das Jahr der Nabelschau gewesen sein, weshalb’s sehr gut passt, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben aufgefordert bin aufzuschreiben, worin das Jahr für mich bestand.

Mittendrin, im Juni, gab’s ein Déjá-vu des Nabelschauvorwurfs aus den Neunzigern. Da kam zum Vorbericht zu PROSANOVA 17 ein Journalist zu mir und wollte darüber reden, wie politisch dieses Festival denn sei, und ich sagte, oh, äußerst politisch, gucken Sie sich nur die Liste der Eingeladenen an, die da reden und vorlesen werden, und er meinte, gut, aber über welches Thema? Und ich meinte, na, eben über sich und was sie interessiert, ihren Blick auf die Welt. Und da kicherte er ungläubig und meinte, das sei doch dann das genaue Gegenteil, also: reine Nabelschau. Politisch sei, über die echten Probleme Dritter zu schreiben und zu debattieren, anstatt über die eingebildeten kleinen eigenen. Und so wurde mir, mit zwanzig Jahren Verzögerung, klar, wie politisch dieser Vorwurf ist, also, wem er gemacht wird und wem nicht, wie er Perspektiven ausblendet und Stimmen unterdrückt, Scham erzeugt vor allem bei denjenigen, deren Sozialisation ohnehin schon darauf ausgerichtet ist‚ ‚sich selbst nicht so wichtig zu nehmen‘. Schreiben ohne eigene Haltung und Perspektive! Irre. Aber gut, ja. Es kann erholsam sein, sich als Dienstleisterin zu begreifen, es nimmt Rechtfertigungsdruck raus. Also hab ich dieses Jahr auch versucht, fürs Fernsehen vom Fernsehen abzuschreiben, für den ermittelten Bedarf eines erdachten Publikums. Und schon grinste er mich wieder an, dieser elende Paternalismus: Wer entscheidet für wen und wem nützt es dann, schlußendlich?

Das ganze Jahr über war ich damit beschäftigt, Erkenntnisse nach- und aufzuholen.

Zum Glück war auch noch Jahrestag der Russischen Revolution, und ich konnte bei Bini Adamczak in Beziehungsweise Revolution lesen, dass Freiheit, Gleichheit und Solidarität nicht umsonst die drei Säulen eines gerechten Miteinanders sind: wenn eine zu kurz ist, gibt’s Schieflagen. Solidarität ohne Gleichheit führt zu Paternalismus – so simpel. Und so einleuchtend. Das Buch ist voll davon, ein Geschenk.

Geschenkt und empfohlen bekommen habe ich unterschiedlichste Nabelschaubücher, zum Beispiel Die Jahre von Annie Ernaux und Kämpfen von Karl Ove Knausgard, wovon ich ersteres zu Bini Adamczak sortiert habe und zweiteres nach hundert Seiten zu den fünf Vorgängern, die ungelesen bei mir im Regal stehen. Was macht Andreas Mand im Zweiten Garten und dessen Vorgängern, angefangen mit Haut ab von 1982, anders? Darüber hab ich mit Nathalie am Skype geredet, wir sind noch nicht wirklich dahinter gekommen. Mehr Risiko, meint sie, Intimität, echtes Sich-Ausliefern. Doch woran macht sich das fest? Am Ignorieren des Nabelschauvorwurfs? An der Ablehnung des Dienstleistungsgedankens? Wobei in dieser Ablehnung dann doch erst die wahre Dienstleistung besteht: sich der Leserin, der Öffentlichkeit herzugeben. Sich selbst, den eigenen Nabel: zum Kitzeln, Dran-Riechen, Sich-Ekeln, Sich-Verlieben. 

Und dann ist ja ohnehin die Fernsehserie der neue Roman. Darin findet man heutzutage Ausflucht, virtuelle Freunde, gesellschaftliche Erkenntnis und moralische Unterstützung. Ich hatte letztes Jahr No Offence von meinem Papa untern Baum gelegt bekommen und somit Paul Abbott kennengelernt. Was, wenn ich den versäumt hätte? Der Januar gehörte Shameless, und das Familienleben der Gallaghers hat unser eigenes nachhaltig beeinflusst, ähnlich wie vor zehn Jahren die Anweisungen der Supernanny. Apropos: Wo ist die eigentlich hingekommen? Was aus Viv und Dinah geworden ist, kann ich heute abend schauen, in der zweiten Staffel No Offence.

 


Sissi Tax

gwendolyn
dokumentarfilm von ruth kaaserer. 85 min. österreich 2017.

gwendolyn alias gwendy alias gwen ist eine seriöse dame aus weißkirchen bei judenburg in der obersteiermark östereichs, die in ihren wilden zwanzigern - den wilden 70ger des vorigen jahrhunderts - als tontafelentzifferin auszog, als solche an den gestaden englands anlandete wie zu anderer zeit ein gewisser jósef teodor nałęcz konrad und die zu ihrer passion das gewichtheben - lifting genannt in ihrer zweiten muttersprache - erkor.
des films gwendolyn eine achse ist das dasein der weltmeistern im gewichtheben im east end turm mitsamt mischpoche. die andere achse das dasein der im britischen englisch sprechenden, sich mit gertrude stein und anderen amerikanischen femmes des lettres herumschlagenden schrifttellerin. das bindeglied: la vie materielle, eh die weibliche spur.
eine frau mit eigenschaften also, deren äuzere und innere schönheit die kamera auf so elegante wie genaue weise einzufangen, zusammenzufügen und zum erscheinen zu bringen versteht.
mens agitat molem könnte der untertitel des filmes, dem der titel the movie portrait of a lifting lady as scholar and author in countenance nicht schlecht anstünde, lauten.

 

 

Fabian Tietke

In einem guten Jahr fiele es leichter zurück zu blicken als in diesem.

Und dennoch war das Jahr nicht nur filmisch, graphisch, narrativ gar nicht so übel sondern auch in vielen Begegnungen. Das Jahr hat mit lauter guten Filmen angefangen und ging auch so zu Ende: Raoul Pecks Anfänge an der dffb und seine beiden großen Filme aus diesem Jahr dazu er selbst überraschend gut gelaunt, trotz oder wegen des Trubels zu einem Interview, das sich fast von selbst geführt hat. Zu sehen wie sich die Retro zum 50. Jubiläum der dffb, die Hannes, Lukas, Frederik, Ralph, Madeleine und ich aushecken durften, auf der Leinwand des Arsenals entfaltet und wie gut die Programme, die vorher nur auf dem Papier existierten, sich fügten, war ein sehr besonderes Erlebnis. Das war ein guter Auftakt zu einem Jahr, das dank der monumentalen Filmreihe in Etappen, die Olaf Möller im Zeughauskino dem Kino der frühen BRD widmete, eines der Wiederaneignung deutscher Filmgeschichte werden sollte.

Der erste Besuch beim goEast-Festival in Wiesbaden hat mich in die beste Frühstücksgesellschaft katapultiert, die man sich wünschen kann und jedes der Frühstücks mit Madeleine, Alex, Karola, Heide und immer wieder kurz mal Barbara Wurm wäre das Festival für sich schon wert gewesen.

Während goEast wechselten sich die Filme des Symposiums zum schwierigen Verhältnis vieler osteuropäischer Regisseurinnen zum Konzept Feminismus mit der beinahe ebenso hinreißenden Lektüre von Panjaj Mishras „From the Ruins of Empire“ ab, das mir in einer Lücke zwischen zwei Filmen in einer Buchhandlung zugelaufen ist (ähnlich wie mir während der Berlinale passenderweise ein Band mit den Essays James Baldwins zulief).

Der mittelfristig wirksamste Film des Jahres war Sofia Coppolas „The Beguiled“. Kein guter Film, eher einer an dem es mit etwas Abstand aber auch gar nichts mehr zu retten gibt, aber ein Film, der mir die Welt der Erinnerungskultur an den amerikanischen Bürgerkrieg vor Augen zerrte. Seitdem schließt sich an die in diesem Jahr beendete Welt-in-Waffen-Reihe ein wuchernder Sichtungsprozess zum Bürgerkrieg in den USA an. Ein Sichtungsprozess der sich seine Zeit zunehmend mit dem zum Kino Hongkongs teilen musste, der zu jener Reihe führt, die wir als The Canine Condition nächstes Jahr im März im Arsenal zeigen dürfen.

Das Jahr schloss sich trefflich mit einem kurzen Planetendasein, das rund um die Elvira-Notari-Reihe kreiste. Ausgehend vom Cargo-Artikel verschlug es mich erst in die Redaktion einer kleinen Begleitbroschüre (die nach und nach zum Buch heranwuchs) und dann unter die Untertitelübersetzer und kulminierte schließlich in einem anregenden Wochenende in Frankfurt im Dezember mit fantastischen Filmen und schönen Treffen am Rande.

Dass ich mich im Rückblick auch mit diesem Jahr versöhnen kann, liegt aber vor allem an zwei hervorragenden Urlauben: im April in Portugal und Ende Oktober in Israel. Mit veganer Feijoada und gutem Hummus lässt sich ziemlich viel ertragen.

Filme: Army of the Sun (EGT 1973, Shadi Abdel Salam) / L'assassinat du Père Noël (F 1941, Christian-Jacque) / The Battle of San Pietro (USA 1945, John Huston) / A Bouquet of Violets (UdSSR 1983, Vera Stroeva) / Dear, Dearest, Beloved, Unique… (UdSSR 1985, Dinara Asanova) / Dokhtar (Iran 2016, Reza Mirkarimi) / Dunkirk (GB u.a. 2017, Christopher Nolan) / The Eve of St. Mark (USA 1944, John M. Stahl) / Felicité (F, Senegal u.a. 2017, Alain Gomis) / Fuck Hamlet (BRD 1996, Cheol-Mean Whang) / Get to Know Your Rabbit (USA 1972, Brian De Palma) / Have a Nice Day (PRC 2017 Liu Jian) / Die Hexe (BRD 1954, Gustav Ucicky) / I Am Not Your Negro (USA, F 2016, Raoul Peck) / Der Innensenator steht gewissermaßen hinter uns (BRD 1983, diverse) / Let There Be Light (USA 1946, John Huston) / Linie 8 (BRD 1983, Irina Hoppe) / Merry Christman Germany (BRD 1983, Raoul Peck) / Oder was sonst noch geschah (BRD 1982, Lilly Grote),  / Probleme am laufenden Band (DDR 1989, Karlheinz Mund) / Rendezvous with Annie (USA 1946, Allan Dwan) / Riccardo va all'inferno (I 2017, Roberta Torre) / A' Santanotte (I 1922, Elvira Notari) / Scarred Hearts (RUM 2016, Radu Jude) / West Indies (Mauretanien, F, DZ 1979, Med Hondo)

Bücher: James Baldwin: Collected Essays (herausgegeben von Toni Morrison) / Pankaj Mishra: From the Ruins of Empire / Ron Chernow: Grant / Christoph Hesse: Filmexil Sowjetunion

Comics: Brigitte Findakly, Lewis Trondheim: Mohnblumen aus dem Irak / Alberto Breccia, Héctor Germán Oesterheld: Eternauta 1969

 

 

Carolin Weidner

1) René von Helena Třeštíková am 24.2. daheim und am 15.3. noch einmal im Kino Arsenal mit Sissi Tax. Wahrscheinlich meine Leinwand-Person des Jahres, die mir im Verlauf der darauf folgenden Monate immer wieder in den Kopf/zu Kopf gestiegen ist. Die Mischung aus Amoralität, fünf Teebeuteln in einer Tasse, Kettenraucherei, der besten Stimme und einem ewig repetitiven Knast-Loop hat mich positiv fertig gemacht.

2) Während DOK Leipzig Cru/Raw von Carlos Ruiz Carmona an einem Stück sehen und moderieren. 150 Minuten Leid und Ekstase von Menschen, die man nicht kennt, aber kennen könnte, und die Carmona über einen Zeitraum von zehn Jahren in und um Porto angetroffen hat. Mit äußerst geringen Mitteln hergestellte Tortur, teils unfassbarer Schnitt: Sex, Drogen, Fußball, Schlangen. Am Ende sind vielleicht noch fünfzig Personen im 800 Menschen fassenden Riesensaal, mein Herz rast vor Erschöpfung, Weltpremiere, Carmona ist cool ohne Ende und gratuliert uns, dass wir durchgehalten haben. Trotz allem oder gerade deswegen: enorm beglückend.

3) Das maßlose Programm Endless Cinematic Desire am 9.12. hier in Frankfurt in den alten Vorstandsetagen der Deutschen Bank im Rahmen der ziemlich wilden B3 Biennale. Ein zum Abriss bereiter Gebäudekomplex aus den 50er Jahren, bekannt (?) unter dem Namen "Verbotene Stadt", mit einem Pflanzen-wilden Innenhof, der mich an Tomb Raider erinnert, von dem ich aber leider kein Foto gemacht habe. Auch ein altes Kino gibt es (total schön, wirklich schade, dass das alles verschwinden muss/wird). Hier werden über 50 Kurzfilme zum Thema "Desire" gezeigt, Marathon von 12:00 bis 24:00 (geht natürlich länger). Meine Highlights: Spectator, Frans Zwartjes (NL 1970); Ménilmontant, Dimitri Kirsanoff/Nadia Sirbiskaïa (F 1924/25) und Puce Moment, Kenneth Anger (US 1949). Alles Filmkopien.

Das Bild ist als ruhiger Kontrapunkt gemeint und gleichzeitig der Versuch, eine #4 einzumogeln: Es ist das Bett meines Bologna-Apartments, das ich im Juni/Juli anlässlich des 31. Il Cinema Ritrovato bezogen hatte. Die Decke war in einem sehr schönen Gelb, das man nicht gut sieht - dafür aber vielleicht ihre hübsche Oberflächenstruktur.

CW

 

Robert Weixlbaumer

Strange Attractor
Miriam Hopkins beim Period Doubling in Design for Living mit Cooper & March – ein dynamisches System, before the code, mit gentlemen’s agreement: „No sex!“  „But I’m not a gentleman“, korrigiert Hopkins. „Ob das diesmal halten wird?“, fragt I. hoffnungsfroh, der ich beim Herausgehen aus dem Arsenal-Saal begegne. Auf jeden Fall.

Nonlineare Psychotherapie
Ein Jahr in der Psychiatrie, als Bezugstherapeut auf der stabilisierenden Seite. Menschen sind das größte Abenteuer. Schweigepflicht.
 
Emergenz
Der Tröpfchennebel in Helena Wittmanns Drift, aus dem sich ganz langsam ein Bild schält. Der minutenlange Prozess erinnert an die zu Filmbeginn erzählte Fabel, vom Urkrokodil, das im Urozean herumpaddelt, bis es von einem  Urkrieger getötet wird, und sich Figur und Grund, Erde und Wasser voneinander trennen. Ins Interview mit der Regisseurin und ihrer Wellen-Ethnologin rauscht bei der Aufnahme das Meer hinein. Primärprozess in der Strandkantine. Im Noise wispert es.