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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Wiege der Revolution
CARGO-Sichtung: «La Chine est encore loin» (2009) von Malek Bensmail

Von Bert Rebhandl  

Das Dorf Ghassira im Aurés-Gebirge im Nordosten Algeriens gilt als „Wiege“ des algerischen Befreiungskriegs. 1954 wurden hier ein französischer Lehrer mit seiner Frau und ein algerischer qaïd (ein algerischer Kolonialbeamter) erschossen. Mehr als 50 Jahre später findet zum Gedenken an dieses Ereignis ein Festakt statt, bei dem die „Märtyrer“ des Kriegs gefeiert werden. Die Szene ist zentral in Malek Bensmails Film La Chine est encore loin (2009), der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, den Stand der Dinge in einem Land zu eruieren, das seit 1962 unabhängig ist.

Er zielt nicht auf einen großen Überblick, sondern er nimmt das Dorf Ghassira als modellhafte Situation: Welche Errungenschaften der nationalen Befreiung sind an dem Ort zu erkennen, vom dem sie der kanonischen Erzählung nach ausgegangen ist? Den entscheidenden Teil seines Materials hat Bensmail in der örtlichen Grundschule gedreht. Er zeigt die Generation der Enkel, die mühsam die Kenntnisse zu erwerben versucht, die sie zu einem beruflichen Leben außerhalb von Ghassira befähigen würden. Ein Junge will Zahnarzt werden, das geht allerdings nicht ohne Französisch, die Sprache, die mit der nationalen Identität nominell in Widerspruch steht. Denn diese Identität gründet auf drei Elementen: der Berbersprache, dem Arabischen und dem Islam.

Die Kinder gehen deswegen auch in zwei Schulen: In der Grundschule lernen sie die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens, der Geographie und der Geschichte. In der Koranschule lernen sie die Rezitation des heiligen Textes ihrer Religion. Manchmal schwänzen die Jungen den Koranunterricht und treffen sich in einem Wadi (einem ausgetrockneten Flusstal) zum Rauchen. Später filmt Bensmail die Schüler von 1954, die sich noch gut an den französischen Lehrer und seine Frau erinnern können, die sie alle mit ihrem immer nur angedeuteten Lächeln fesselte. Die insgesamt positiven Erinnerungen an die Schule werden allerdings durch ein Bewusstsein dafür getrübt, dass Frankreich nur einer nützlichen Elite den Zugang zur Bildung ermöglichte (während es im vorkolonialen Algerien ein durchaus funktionierendes Schulwesen in Form der „zaouias“ gab, einer Form von Koranschulen, in denen aber auch darüber hinaus Kenntnisse des Arabischen und bestimmter muslimischer Wissenszweige vermittelt wurden).

Die Dramaturgie des Films folgt dem Schuljahr, das auf Prüfungen hinausläuft, von denen der weitere Bildungsweg der Kinder abhängt. Die Klasse ist koedukativ, von den Mädchen tragen einige Kopftuch, andere nicht. Zwischendurch findet Bensmail einige weitere Protagonisten, zum Beispiel spricht er mit einem alten Mann, der 1954 die tödlichen Schüsse abgegeben hatte. Er stellt den Vorfall als eine unbedachte Reaktion auf eine Provokation durch den qaïd dar. „Ich hätte den Lehrer nicht töten sollen.“ Dagegen steht die geschichtspolitische Funktion der Erinnerung an dieses Ereignis, das erst im nationalen Rahmen positive Bedeutung bekommt – in einer verbindlichen Erzählung, die Bensmail durch detaillierte Beobachtungen konterkariert.

Der Staat, der aus dem Unabhängigkeitskrieg hervorgegangen ist, hat die Menschen von Ghassira allein gelassen, meint ein weißhaariger, älterer Mann, der gemeinhin als „der Emigrant“ bezeichnet wird. Die Schließung des örtlichen Jugendzentrums wird den Behörden auch angelastet, die langsam arbeiten und an einer Stelle als „Mafia“ bezeichnet werden. Da Bensmail nicht ausdrücklich zeigt, wovon die Menschen in dem Dorf leben, ist eine Hoffnung aufschlussreich, die ein Vater eines der Schulmädchen formuliert: Er würde gern eine Französin kennenlernen, die in den Tourismus in der Gegend investieren soll. Die Ruinen einer hundert Jahre alten, spektakulären französischen Hotelanlage zählen zu den Sehenswürdigkeiten von Ghassira.

Einen Höhepunkt erreicht  La Chine est encore loin schließlich, als die Frau, die davor schon als Reinigungskraft in der Schule zu sehen gewesen war, das Wort ergreift und in einem großen Monolog der Politik die weibliche Perspektive auf das nachrevolutionäre Algerien formuliert: Sie erzählt von ihrer Ehe, in der sie sich, wie auch schon in ihrer Kindheit, „jeder Zärtlichkeit beraubt“ fühlte, und zwar so fundamental, dass sie sich heute vor jeder Freude fürchtet, weil sie "immer nur Probleme mit sich bringt". Sie hat ihr Leben geopfert, und muss nun mitansehen, wie die Mädchen des Dorfes in „Fesseln“ gehalten werden.

Der Titel des Films, auf den zwischendurch nur einmal kurz eine Fernsehsendung verweist, die einer der Lehrer sich am Abend daheim ansieht, sowie ein Hinweis auf chinesischen Gips, den die lokalen Handwerker verwenden, erschließt sich erst ganz am Ende, als Malek Bensmail nämlich ein Zitat aus dem Koran einblendet, das hier nicht wörtlich zitiert werden muss (weil diese Auflösung nämlich durchaus auch einen Spannungsfaktor hat, das Zitat hat mich auf eine seltsame Weise enorm befriedigt), das aber in der Quintessenz auf eine muslimische Wissensgesellschaft hinausläuft, für deren Situation sich La Chine est encore loin gewissermaßen zweimal an der "Wiege" interessiert - an der Wiege der nationalen Unabhängigkeit, und an der Wiege der nationalen Zukunft.

 

Gesehen im Rahmen der Filmreihe Afrikamera im November 2010 im Arsenal Berlin.